Noch Kinder

‘Mit achtzehn sind unsere Überzeugungen Berge, von denen wir herunterschauen; mit fünfundvierzig sind es Höhlen, in denen wir uns verstecken.’
Dieser Satz von F. Scott Fitzgerald ist sowohl tiefe Erkenntnis über das Wesen des Menschen, als auch Aufforderung, den eigenen Standort von Zeit zu Zeit infrage zu stellen und seine Standpunkte gegebenenfalls nachzujustieren, wie es Alois Pichler in dieser Erzählung macht.

Es war ein Morgen wie jeder andere im Leben von Alois Pichler. Er erwachte um neun Uhr, stellte den Wecker ab und ging in den Stall, um nach seinen Schweinen zu sehen. Nachdem er sie versorgt hatte, ging er zum Gartentor, öffnete seinen Briefkasten und nahm die Zeitung heraus. Dann brühte er sich eine große Tasse starken Kaffee und begann mit der Lektüre.
Seit ihn seine Frau sieben Jahre zuvor verlassen und die gemeinsamen Kinder mitgenommen hatte, lebte er alleine auf seinem Bauernhof in Weintarg, einem kleinen Dorf in der Nähe der steirischen Landeshauptstadt Graz. Er hatte ihn von seinen Eltern übernommen und führte ihn so gut es ging, und alle paar Jahre hatte er genug Geld gespart, um sich einen neuen Geländewagen kaufen zu können.

Die Schlagzeile auf der Titelseite ließ ihn erstarren. Ihm wurde abwechselnd heiß und kalt, und er fragte sich, ob diese Wallungen vom Obstler herrühren konnten, den er am Abend zuvor überreichlich genossen hatte.
„Nein, das kann nicht sein”, brummte er. Schnaps hatte er immer gut vertragen.
Aus diesem Umstand schloss er, dass die Schlagzeile ‘Flüchtlinge: Weintarg bekommt Asylzentrum’ ihn aufgeregt haben musste.
„So etwas!”, rief er in den Raum, in dem er alleine saß. „Jetzt kommen die Ausländer zu uns! Nun müssen wir uns warm anziehen!”
Da es ein warmer Vormittag im September war, verzichtete er darauf und ging barfuß und in kurzen Hosen auf seinem Grundstück auf und ab.
‘Ich habe ja nichts gegen Ausländer!’, dachte er immer wieder. ‘Aber diese Fremden sind nicht von hier!’

Er beschloss, zum Gemeindeamt zu fahren und die Sache mit Franz Möstl, dem Bürgermeister, zu besprechen. Wichtige Angelegenheiten klärte Alois stets an oberster Stelle, und da Möstl sein Freund und Trinkkumpan war, war er zuversichtlich, dass seine Intervention das Asylantenheim würde verhindern können.
„Es tut mir leid, Alois, aber da ist nichts zu machen. In diesem Fall beginnt die Befehlskette im Innenministerium und endet hier bei mir”, sagte Möstl.
„Wie kannst du so etwas nur zulassen, Franz?”, rief Pichler, packte den Bürgermeister an den Schultern und schüttelte ihn.
„Mir sind die Hände gebunden”, stöhnte der Politiker und befreite sich aus dem Griff seines Freundes. „Warte erst mal ab, Alois. So schlimm wird es schon nicht werden.”
„Nein, sicherlich nicht”, spottete Pichler. „Es wird noch schlimmer werden!”
„Trink erst mal einen Obstler”, meinte Möstl und stellte eine Flasche und zwei Gläser auf den Tisch.
Nachdem sie einander zugeprostet und ihre Gläser in einem Zug geleert hatten, fuhr er fort: „Übermorgen findet in der Mehrzweckhalle ein Informationsabend zu diesem Thema statt. Da werden alle Fragen beantwortet.”
„Ach, das bringt doch nichts”, seufzte Alois, nahm die Flasche und füllte die Gläser wieder an.
„Du wirst gut mit den neuen Mitbürgern auskommen, Alois”, prophezeite der Bürgermeister zum Abschied.

Wieder auf seinem Hof, bereitete Pichler einen zünftigen Grenadiermarsch zu, seine Leibspeise. Während er aß, dachte er an die seinem Dorf bevorstehende Prüfung und kam zu dem Schluss, dass sich ‘das Ganze nicht ausgehen’ konnte.
Dennoch nahm er am Informationsabend teil. Er saß in der ersten Reihe und lauschte den Ausführungen Franz Möstls. Nachdem dieser fertig gesprochen hatte, forderte er die Anwesenden auf, ihre Meinung zu äußern oder Fragen zu stellen.
Erst wagte niemand, dies zu tun. Dann erhob sich Alois und die Augen aller waren auf ihn gerichtet.
Er errötete und stammelte: „Ich möchte nach Hause gehen, und dazu muss ich eben aufstehen.”
Der ganze Saal begann zu lachen, dann lachte auch Alois und stolzierte in seinem besten Steireranzug aus der Mehrzweckhalle.

Mit den Dorfbewohnern sprach Pichler selten. Er galt in Weintarg als Sonderling, dem man besser nicht zu nahe kam. Schließlich war ihm die Frau davongelaufen und hatte sogar die Kinder mitgenommen. Er musste also ein wenigstens einigermaßen schlechter Mensch sein.
Dass sich das Ehepaar Pichler schlicht auseinandergelebt und die Notbremse gezogen hatte, damit die Kinder nicht leiden mussten, wusste niemand außer Franz Möstl. Alois hatte es nie für notwendig erachtet, den Leuten den wahren Sachverhalt zu erläutern, denn was diese dachten und redeten, war ihm gleichgültig, und Franz hatte sich zur Trennung seines Freundes aus Gründen der Diskretion nie geäußert.

Drei Wochen später kamen die Flüchtlinge.
Sie wurden in einem leerstehenden Gebäude neben der Volksschule untergebracht, das den fünfundzwanzig Menschen genug Platz bot, sodass die vier Familien auch räumlich beisammenbleiben konnten.
‘Was hätte die Gemeinde mit diesem Gebäude alles machen können!’, dachte Pichler und malte sich aus, welchem anderen Zweck das seit Jahren leerstehende Gebäude hätte dienen können. Er wusste, dass es sich um ein schönes Bauwerk handelte, doch konnte er sich nicht mehr an dessen Farbe erinnern, so lange hatte er es weder gesehen noch daran gedacht.

Er fuhr zum Kaufhaus, um Lebensmittel für das Wochenende einzukaufen. Als er in der Schlange vor der Kasse stand und sich umdrehte um zu sehen, wer hinter ihm wartete, sah er ein Ehepaar mit drei quengelnden Kindern. Er erkannte sofort, dass es sich um Flüchtlinge handelte.
‘Jetzt habe ich sie im Rücken’, dachte er, und als er seinen Blick wieder nach vorn richtete: ‘Um Gottes Willen! Die alte Frau Egger erzählt der Kassiererin wieder von ihren Enkelkindern. Das dauert jetzt sicherlich eine halbe Stunde.’
Die drei Kinder hinter ihm wurden immer unruhiger und Frau Egger immer redseliger. Da wurde Alois Pichler zornig.
„Frau Egger!”, rief er. „Erzählen Sie schon wieder von den Kindern Ihrer Tochter?”
Die Angesprochene sah ihn an und erschrak, doch wandte sie sich wieder der Kassenkraft zu.
Alois ließ nicht locker.
„Wann wird denn Ihre Enkeltochter anfangen, in Graz als Tänzerin zu arbeiten, so wie ihre Mutter?”
Frau Egger zog schnell einen Geldschein hervor, bezahlte ihren Einkauf und verließ mit hochrotem Kopf den Laden.

Die Kinder hinter Alois hatten inzwischen zu weinen begonnen und deren Eltern wurden der Lage nicht Herr, denn sie waren zum ersten Mal in Österreich und darüber hinaus in diesem Geschäft im steirischen Weintarg. Sie waren also verwirrt und unsicher.
Pichler fühlte, dass er etwas tun oder sagen musste. Er ging nach vorn zur Kasse, wo die Süßigkeiten in Regalen lagen, nahm drei Säckchen mit Bonbons und sagte zur Kassiererin: „Die rechnest du bei mir dazu.”
Dann ging er zu den Kindern, drückte jedem ein Säckchen in die Hand und sagte: „Bald könnt ihr dieses Geschäft verlassen.”
Die Kinder hörten auf zu weinen und jedes nahm ein Bonbon aus seiner Tüte und steckte es in den Mund.
Die Eltern gaben Alois die Hand und sagten: „Thank you very much, Sir.”

Ein paar Tage später saß Pichler auf der Holzbank vor seinem Wohnhaus und spielte mit den Kätzchen, die seine Katze kurz zuvor geworfen hatte. Eine Familie ging an seinem Grundstück vorbei. Die beiden kleinen Töchter sahen die jungen Katzen, rissen sich von ihren Eltern los und liefen zu Alois, um auch mit den Tieren zu spielen.
Die Eltern liefen ihnen nach, doch als der Besitzer der Kätzchen ihnen mit einer Handbewegung bedeutete, dass die Kleinen die Tiere ruhig streicheln durften, standen sie fünf Minuten neben ihrem Nachwuchs und sahen diesem zu. Dann zogen sie ihre Töchter von Pichlers Grund, was die Mädchen zum Weinen brachte.
‘Das war wohl eine neue Erfahrung für die fremden Kinder’, dachte Alois. ‘Dort, wo sie herkommen, gibt es wahrscheinlich keine kleinen Katzen - und wenn doch, werden sie bestimmt schnell so groß wie Geparde oder so etwas. Na ja, sie hätten sicher gerne länger mit den Kätzchen gespielt, aber so ist nun einmal das Leben.’

Am Abend dieses Tages saß Alois in seiner guten Stube vor einem Glas und einer Flasche Obstler und dachte an die beiden Mädchen.
Da erinnerte er sich daran, welche Tiere und Geräte er als Kind unbedingt hatte haben wollen, jedoch nicht bekommen hatte, weil seine strengen Eltern stets dagegen gewesen waren.
„Wozu brauchst du einen Hund? Richte doch ein Schwein ab!”, hatte sein Vater oft gesagt.
„Wir hatten auch keinen Computer und sind dennoch erfolgreiche Bauern geworden!”, hatte eine der Standardantworten seiner Mutter gelautet.
„Es sind ja noch Kinder!”, rief Alois. „Kinder, die auf dem Land aufwachsen müssen, in der Steiermark!”
Er trank die Flasche aus und nahm sich vor, am nächsten Tag zu handeln.

Nachdem er seine Ferkel versorgt hatte, fing Alois sämtliche Kätzchen auf seinem Hof ein, setzte sie in einen Karton mit Luftlöchern und legte diesen auf den Beifahrersitz seines Autos. Dann ging er in den Keller und holte ein Dutzend Gläser mit eingelegtem Gemüse, welche er im Kofferraum verstaute.
Er startete den Wagen und fuhr zum Gemeindeamt. Dort sagte er zu seinem Freund, dem Bürgermeister: „Komm, Franz! Wir fahren zu den Flüchtlingen.”
Franz Möstl blickte ihn erschrocken an und fragte: „Was hast du vor, Alois?”
„Ich werde den Menschen etwas schenken.”
Sie fuhren zum Asylzentrum und Alois überreichte den Kindern die Kätzchen und den Erwachsenen die Einmachgläser.
Die Freude bei den Flüchtlingen war riesengroß und Alois Pichler fuhr in dem Wissen, etwas Gutes getan zu haben, zurück zu seinem Hof.
‘Es sind ja noch Kinder’, dachte er. ‘Und auch deren Eltern sollen etwas Vernünftiges zu essen haben.’

Michael Timoschek

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 16108

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