Ernests Credo

Michael hat, was das Konto seiner Sünden, die er bei seiner Tätigkeit begangen hat, ganz gewiss ein erkleckliches Guthaben, doch echte Todsünden sind keine darunter. Eine solche wäre beispielsweise, dem wichtigsten Credo des größten Idols nicht zu folgen. Er ist ein siebenunddreißigjähriger Schriftsteller, und nachdem er schon seit langer Zeit schreibt, hat er naturgemäß etliche literarische Verbrechen begangen. Er hat höchst zotige Balladen verfasst, wie auch Gedichte und sogar Liedtexte in englischer Sprache, jedoch ohne der Aufgabe der Dichtkunst auch nur im Geringsten gewachsen zu sein.

Abgesehen von derart dilettantischen Versuchen, in die Sphären von Goethe oder Davis einzudringen, hat er sich selbstverständlich auch anderer Zuwiderhandlungen gegen das übliche Verhalten der Kollegen seiner Zunft schuldig gemacht. Und gerade eben wieder. Der Anstand hätte geboten, auch von Kolleginnen zu schreiben, doch hatte der Autor schlicht keine allzu große Lust, sich politisch korrekt zu verhalten. Auch lehnt er es ab, den Leser, wie von Franzen gefordert, als Freund anzusehen.

Er mutet seinen Lesern Texte zu, die als schlicht gefährlich zu bezeichnen sind. Er weiß nämlich, und diese Fähigkeit wurde ihm mehrfach von Verlagslektoren bescheinigt, dass er mit Worten Bilder vor dem geistigen Auge der Leserschaft erzeugen kann. Das Problem hierbei ist, dass er üblicherweise Geschichten schreibt, welche man als psychologisch wertvoll bezeichnen könnte, hätte man eine Inklination zum Euphemismus.
Und dann steht das von ihm erzeugte Bild vor dem Leser und dieser weiß nicht so recht, wie er damit umgehen soll, er ist dem Ungemach, das ihm schriftlich vermittelt wurde, ausgeliefert.

Und dieser Schreiber ist sogar dabei, seine Methoden zu verfeinern. Mittlerweile kann es vorkommen, dass dem arglosen Leser erst nach der Lektüre des letzten Satzes bewusst wird, was er da eigentlich gelesen hat, so gemein kann dieser Künstler sein. Und sogar noch gemeiner. Ab und an überkommt es ihn, und dann ist er satirisch tätig und sorgt dafür, dass ebenso unschuldige wie nichtsahnende Politiker ihr Fett abbekommen.

Auch teilt er sich gerne in ellenlangen Schachtelsätzen mit, wie es auch ein paar seiner literarischen Idole gemacht haben, womit er seinen Lesern enden wollenden Spaß bereitet. Somit folgt er, was die Länge von Sätzen anlangt, keineswegs seinem größten Vorbild, denn er lehnt es schlichtweg ab, an einem Pult stehend zu schreiben, um möglichst kurze Sätze zu produzieren.
In einer Sache jedoch, und dies sei hiermit hoch und heilig versprochen, wird Michael Ernest Hemingway stets folgen, alles andere wäre fürwahr eine Todsünde. Dieser große Schriftsteller hat nämlich gesagt, dass bloß ein trinkender Schreiber ein guter Schreiber ist. Prost!

Michael Timoschek
Erstveröffentlichung in der Schweizer Zeitschrift „Bierglaslyrik“, Ausgabe 26, November 2014

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