Tu felix Austria, arde!

„Jetzt reicht es mir, und zwar endgültig!“, rief Frieda Ponisch in den Raum und schlug die Wohnungstüre zu. Sie streifte ihre Schuhe ab und ging ins Wohnzimmer, wo ihr Ehemann Otto auf dem Sofa saß. Nach einem Begrüßungskuss, den sie auf seine Wange hauchte, ließ sie sich seufzend in einen der beiden Polstersessel fallen.
„Was ist passiert?“, fragte Otto und legte das Buch, in dem er gelesen hatte, auf den Couchtisch.
„Was passiert ist, willst du wissen? Ich sage dir, was passiert ist: Die Rotzlöffel haben heute das Maß vollgemacht!“
Mit Rotzlöffel meinte sie Egon Gruber und Manuel Berger, beide sechzehn Jahre alt und in der Klasse, deren Vorständin Frieda war und die sie in Biologie unterrichtete.
Nun seufzte auch Otto Ponisch. Er war es allmählich leid, die Übellaunigkeit seiner Frau ertragen zu müssen. Mindestens zweimal in der Woche kam sie aufgebracht nach Hause, und das seit drei Jahren, weil die beiden Buben ihr wieder einen Streich gespielt hatten.
„Jetzt sag schon: Was haben sie angestellt?“
„Heute waren sie nachgerade hyperaktiv. Das heißt, dass sie gleich zwei Missetaten begangen haben. Zuerst haben sie zwei Erstklässler drangsaliert. Und dann haben sie ein Video in Umlauf gebracht, in dem ich zu sehen bin. Ich sage dir: Nun ist es genug! Das gibt Krieg!“

Ihr Mann, Psychologe von Beruf, hob die Augenbrauen und sagte mit ruhiger Stimme: „Immer der Reihe nach, Frieda. Was haben sie den Erstklässlern angetan?“
„Du kennst doch die Herrentoiletten im Gymnasium, oder?“
„Ja, die kenne ich.“
„Also: Der Gruber und sein kongenialer Komplize Berger haben auf der Toilette darauf gewartet, dass sich zwei kleine Buben vor die Pissoirs stellen, um Wasser zu lassen. Und als die zwei bedauernswerten Wichte genau das gemacht haben, da sind die beiden verwöhnten Burschen hinter sie getreten und haben sie gepackt und zueinander gedreht!“
Otto Ponisch gab sich alle Mühe, nicht loszuprusten, jedoch vergeblich.
Irritiert blickte seine Frau ihn an und ätzte: „Ja, ja, dir gefällt das natürlich. Das war mir klar. Wahrscheinlich finden das alle Männer witzig.“
Er wollte auf ihre Worte eingehen, doch mehr als ein einleitendes „Nun“ brachte er nicht heraus. Der Rest ging im Gelächter unter.
„Du musst an die armen kleinen Buben denken! Die sind weinend und mit nassen Hosen durch den Gang gelaufen und haben nach ihren Müttern gerufen. Sie haben heute sicher den Schock ihres Lebens erlitten.“
„Also ich weiß nicht. Es wird ihnen schon noch Schlimmeres widerfahren, denke ich. Was hast du denn zu deinen beiden Quälgeistern gesagt?“
„Ich habe ihnen gesagt, dass das der letzte Streich war, den ich ihnen durchgehen lasse.“
„Ach ja? Und als Zugabe haben sie dich gleich nochmal geärgert, quasi um einen starken Abgang zu haben“, stellte er süffisant fest.
„Ja, das haben sie. Aber die Sache mit dem Video haben sie vorbereitet gehabt. So was braucht Zeit, vor allem dann, wenn man eine gewisse Qualität abliefern will.“
„Hast du den Film dabei?“
„Natürlich. Er ist auf der Pinnwand der Facebook-Gruppe der Klasse, und wahrscheinlich wurde er schon hunderte Male geteilt!“

Otto holte seinen Laptop aus dem Arbeitszimmer, schaltete ihn ein und reichte ihn seiner Frau, die sich einloggte und das Video anklickte.
„‘Friede Klonisch - wie sie wirklich ist’. Ein interessanter Titel“, sagte sie. „Das Video ist in drei Abschnitte gegliedert.“
„Nun lerne ich Frau Klonisch endlich so kennen, wie sie wirklich ist“, witzelte er.
„Der Vater von Gruber ist Videoproduzent. Ich bin mir sicher, dass sie dieses Machwerk in seiner Firma fabriziert haben. Aber sieh selbst.“ Sie reichte ihm das Notebook.
Das Video zeigte eine Frau, die an einem Tisch voller leerer Flaschen saß. Sie war offenkundig völlig betrunken, denn sie lallte und übergab sich letztendlich.
„Ich frage mich, wie sie es geschafft haben, mein Gesicht über das dieser Frau zu legen.“
„Psst! Lass mich schauen!“
Der zweite Teil zeigte Frieda im Klassenzimmer. Auf dem Lehrerpult hinter ihr stand ein ausgestopfter Uhu mit ausgebreiteten Flügeln. Sie stand vor der Klasse und hielt gestikulierend einen Vortrag. Im Video kamen allerdings bloß unflätige Worte aus ihrem Mund. Das Referat handelte von wenig befriedigendem ehelichem Beischlaf.

Als Otto Ponisch die seiner Frau in den Mund gelegten Worte vernahm, grinste er. Er klickte auf Pause und sagte: „Die Burschen sind gut. So etwas zu fabrizieren ist verdammt schwer. Sie haben dich im Unterricht mit ihren Handys gefilmt, was noch keine große Leistung ist. Aber das Schreiben einer Rede, deren Worte exakt zu deinen Mundbewegungen passen - also das ist wirklich hochkreativ.“
„Warte, bis du den dritten Teil gesehen hast. Dann weißt du, warum ich den Falotten den Krieg erklären werde.“
Otto klickte auf Play. Der letzte Teil zeigte eine nackte Frau beim autoerotischen Vollzug. Auch hier hatten Berger und Gruber Friedas Gesicht auf das der eigentlichen Darstellerin montiert. Als besonderes Detail hatten sie ein Foto von Otto, das sie von seiner Homepage heruntergeladen hatten, an die Wand des Studios, in dem die Szene vonstattenging, gezaubert. Aus beiden Seiten seines Kopfes ragten die Äste eines Hirschgeweihs, und das Foto war von einem geschnitzten Holzrahmen umgeben - Otto somit als Jagdtrophäe dargestellt.
Die Frau im Film äußerste schwer atmend und immer wieder heftig stöhnend ihre Zufriedenheit mit zwei Dingen. Zum einen mit der Tatsache, ihren Mann endlich um die Ecke gebracht und beerbt zu haben, zum anderen mit ihrem nunmehr erfüllten Liebesleben.
Im Abspann waren die Namen von zwei Regisseuren zu lesen: Oskar Pillermann und Radoslav Kuraz.

Otto Ponisch klappte den Laptop zu und lachte. Dann sagte er: „Okay, ein Lausbubenstreich, und weiter? Natürlich ist es eine Frechheit, so etwas ins Internet zu stellen, aber jeder, der dich kennt, weiß, dass das gefaked ist.“
„Das gibt Krieg!“, schnaubte sie und setzte ihre sturste Miene auf.
„Und wie soll dieser Krieg aussehen? Und wie ausgehen?“
„Na, die beiden Lausbuben müssen von der Schule fliegen!“
„Das würde ich nicht tun, Frieda.“
„Und warum nicht?“
„Was soll dann aus ihnen werden? So maturieren sie in zwei Jahren. Dir kann das doch egal sein.“
„Warum soll mir das egal sein?“
„Weil du in einem Monat in Pension gehst, Frieda.“
„Aber irgendwie müssen sie doch bestraft werden! Und so ein Rauswurf wäre ihnen sicherlich eine Lehre.“
„Wo soll das hinführen? Die Gefahr, dass sie dann auf die schiefe Bahn geraten, ist sehr groß. Wohlstandsverwahrlost sind sie ohnehin schon.“
„Ich kann den beiden aber nicht mehr gegenüberstehen, ohne dass sie bestraft worden sind. Das würde ich nicht aushalten!“
„Und wenn du den österreichischen Weg wählst?“, fragte Otto nachdenklich.
„Ohrfeigen?“
„Nein, Burnout.“

Michael Timoschek

www.verdichtet.at | Kategorie: hardly secret diary |Inventarnummer: 17038

image_print

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *