Mittelstand und Mittelstrand

Die Österreicher haben, mit wenigen Ausnahmen, gelernt, ihren Unmut über die Politiker des eigenen Landes durch eine Veränderung ihres Wahlverhaltens zu äußern. Dass sie hierbei eine starke Tendenz nach weit rechts erkennen lassen, ist legitim, schließlich machen sie ihre Kreuzchen beim Spitzenkandidaten einer im Parlament vertretenen Partei, jedoch zeugt es ebenso wenig von Selbsterkenntnis wie von ökonomischem Weitblick.
Es ist nichts anderes als eine Protesthandlung, gleich der eines Welpen. Sie mag auf den ersten Blick verständlich erscheinen, doch nötigt der Welpe seine Halter und nicht zuletzt sich selbst, auf einem verunreinigten Teppich zu gehen.
Die Ursache des Malheurs ist, wie so oft, ein Irrtum.

Viele Jahre wurde den Menschen, die eine evidente oder vermutliche Inklination zum rechten Rand haben, über die Medien ausgerichtet, dass sie den neuen Mittelstand dieses Landes bildeten.
Und, seien wir ehrlich, welcher Mensch fühlt sich nicht in seinem, gleich wie beschaffenen, Dasein bestätigt, wenn er erfährt, dass er ein Teil der Mitte der Gesellschaft ist?
Er hat die selben Sorgen wie die anderen Angehörigen des neuen Mittelstandes. Alle paar Jahre einen neuen unterklassigen gebrauchten deutschen sogenannten Mittelklassewagen erstehen zu können - das eint ebenso wie der Drang, sich auf dem mittleren Badestrand eines ägyptischen All-inclusive-Hotels die Sonne auf den Bauch scheinen zu lassen. Wenn alle die Strände links und rechts des mittleren meiden, wird das schon seinen Grund haben.
Der Mensch von Welt und neuem Mittelstand achtet darauf, das neueste Smartphone zu besitzen und ist stets vielkanalig empfangsbereit, um nichts Relevantes zu verpassen. Seine Freunde, in den sozialen Netzwerken zwangsläufig zahlreicher als im realen Leben, leiten Meldungen weiter, posten Fotos und eigene geistige Ergüsse, die ihn in seinen Ansichten bestärken. Das ist nur logisch - schließlich wären sie nicht seine virtuellen Kumpane, würden sie Dinge von sich geben, die dem, was er hören und lesen möchte, diametral gegenüberstehen.

Weil er mit den Regierenden unzufrieden ist, wählt er einfach den Mann, der seiner und der Ansicht seiner Freunde nach der Erlöser Österreichs sein wird. Dieser ist kein Freund von Menschen mit Migrationshintergrund. Sie würden den Einheimischen Arbeitsplätze wegnehmen.
Der Mensch des neuen Mittelstandes hat Angst vor Ausländern, weil der fesche Politiker ihm ständig, oft laut schreiend, mitteilt, dass diese gefährlich wären. Ob die Putzfrau seines Stammlokals Ausländerin ist, kümmert ihn nicht, denn er besucht das Gasthaus oder die Diskothek stets in den Abendstunden, und geputzt wird dort am Morgen.
Dann wird der Oppositionelle Bundeskanzler und tatsächlich ist von einem Tag auf den anderen alles anders im Staate Österreich.

In Windeseile werden die Ministerien umgefärbt, und auch in staatsnahe Betriebe werden Männer gesetzt, die ihre Ideologie auf der Zunge, im Herzen und auf der Wange tragen.
Die Warnungen der Intellektuellen erreichen zwar die Ohren der neuen Mittelständler, lösen sich jedoch zwischen diesen im Nichts auf. Dass Österreich innerhalb der Europäischen Union isoliert ist, stört die neuen Machthaber nicht - sie sind viel zu beschäftigt, ihre eigenen Leute an den Trog zu führen, und dies in einer Aura aus beinhartem Neoliberalismus, gepaart mit alter Deutschtümelei.
Bald erkennt der Mensch des neuen Mittelstandes, dass er in einen Angehörigen der nun neuesten Mitte transformiert wurde.

Das neue gebrauchte Auto geht sich nicht mehr aus, das Smartphone ist zu alt, um darauf die neuesten Serien in halbwegs guter Qualität anschauen zu können, und der mittlere Strand des Hotels ist für Menschen reserviert, die dem Mittelstand anderer Länder angehören und es sich immer noch leisten können, dort zu liegen.
Was wird er also tun?
Er geht auf die Straße und fordert mehr Geld, doch es ist keines da. Nun sieht er ein, welche Dummheit er begangen hat, diesen Politiker zu wählen.
Plötzlich ist er den Mitbürgern, die eine andere politische Einstellung haben, nicht mehr übel gesonnen. Er biedert sich ihnen vielmehr an, verweist darauf, dass sie nur gemeinsam den Staat sanieren könnten.
Es gibt Neuwahlen und eine neue Regierung. Sie verspricht, die Ordnung wieder herzustellen.

Der erst neue, dann neueste Mittelstand findet sich dort wieder, wo er ökonomisch und intellektuell hingehört, und ist froh, dass alle Staatsbürger gemeinsam die Last zu tragen haben, die die abgewählten Machthaber dem Land durch wirtschaftliche Unwissenheit, Egoismus und Nepotismus aufgebürdet haben.

Michael Timoschek

www.verdichtet.at | Kategorie: think it over | Inventarnummer: 16103

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