Der Froschküsser

Ich, Igor Kushkurow, wurde heute von einem Tier angefallen.
Von meiner Mutter zu dieser Tätigkeit verdonnert, reinigte ich den Skimmer des riesigen Schwimmteiches meiner Familie. Meine Familie ist reich, also hat der Teich solche Dimensionen, dass mein Vater, Vladimir Kushkurow, ohne Weiteres einen Schwarzrussischen Adlerwal darin halten könnte und anzunehmenderweise auch würde, hätte er die Zeit, sich der Erziehung dieses Wesens zu widmen. Ein Adlerwal ist nämlich ein überaus störrisches Tier, das gut abgerichtet werden muss, damit es davon absieht, sich aus dem Wasser in die Lüfte zu erheben und unter der schwarzrussischen Bevölkerung grässlich zu marodieren.

Mein Vater Vladimir ist ein vielbeschäftigter Mann. Als oberster Kontrolleur der Ausfuhr von Schwarzrussischen Diamantrosinen hat er es zu beträchtlichem Wohlstand gebracht. Der Export von Diamantrosinen ist in meiner schönen Heimat dem Staat vorbehalten, wie auch der von Schwarzrussischen Eulenhamstern, welcher ebenfalls von meinem Vater überwacht wird. Eulenhamster sind nachtaktive Nagetiere mit vier Zahnreihen. Sie geraten schnell in Harnisch, was angesichts ihres Lebendgewichts von acht Kilogramm für Menschen letal ausgehen kann. Für ihre bevorzugten Beutetiere, Schwarzrussische Kuheulen, harmlose Flugkreaturen, die sich von Gras ernähren, das sie wiederkäuen, enden Begegnungen mit den Hamstern stets tödlich.

Da mein Vater die Ausfuhr dieser beiden überaus seltenen und aus diesem Grund höchst wertvollen Güter kontrolliert, darf es nicht verwundern, dass er steinreich ist. Meine Familie lebt in einem Palast, der in der Nähe des Zentrums der schwarzrussischen Hauptstadt gelegen ist. Das Haupthaus ist zwar dem französischen Schloss Versailles nachempfunden, doch ist es dreimal so groß. In dieser bescheidenen Behausung lebe ich mit meinen Eltern und meiner Großmutter. Meine Mutter ist, das darf ich so sagen, meine beste Freundin, und ihre Mutter meine zweitbeste. Als Einzelkind hatte ich das große Glück, die ungeteilte Aufmerksamkeit dieser beiden Frauen zu erhalten.

Als ich einmal schlecht in der Schule war, verbannte mich meine Mutter für ganze drei Wochen in mein Lernzimmer. Meine Noten besserten sich zwar nicht, doch fiel meiner Großmutter auf, dass ich jedes Mal, wenn ich das Zimmer verließ, dies lächelnd und mit gelöstem Gesichtsausdruck machte. Eines Tages durchsuchte sie das Zimmer und fand meinen Schatz. Sie übermalte in allen vierundneunzig Zeitschriften die deutlich sichtbaren und oft in Nahaufnahme abgelichteten Geschlechtsteile der Frauen mit schwarzer Tinte bester schwarzrussischer Provenienz und Permanenz, doch sah sie davon ab, die Teile der abgebildeten Männer ebenfalls zu übermalen.
Schlagartig besserten sich meine Noten, und ich wurde an der Staatlichen Schwarzrussischen Kunstakademie als Student zugelassen.

Erst studierte ich Film, denn ich hatte den Plan, ein großer Regisseur zu werden. Da ich mich schon immer für das Thema Paarung interessierte, reichte ich ein Filmprojekt für die Jahrespräsentation ein, welches die Paarung eines Schwarzrussischen Raupenebers mit einem Exemplar der Gattung Schwarzrussischer Seidenrammler allen Professoren und Studenten anschaulich machen sollte. Erst ging alles gut, doch als der Rammler den Spieß umdrehte und den Eber zu begatten begann, wobei er ebenso rüde wie stellungskreativ ans Werk ging, hielt ich auch diese Szene mit der Kamera fest. Ich hatte irrtümlich zwei männliche Exemplare zusammengebracht, doch maß ich diesem Umstand keine große Bedeutung bei. Mein Professor dafür umso mehr, denn als der zweite Teil meines Films im großen Filmsaal der Akademie über die Leinwand flimmerte, begann der Lehrer zu brüllen und warf mich aus seinem Studiengang.
Ein großzügiges Entschuldigungsschreiben meiner Mutter ließ den Rektor der Hochschule erkennen, dass meine wahre Berufung in der Malerei und Bildhauerei lag, und so wurde ich bildender Künstler.

Mit meinem neuen Professor überwarf ich mich bald, da er meine überragende künstlerische Begabung nicht erkennen konnte, und sie folglich auch nicht zu würdigen wusste.
Meine Mutter erlaubte mir daraufhin, in einem Nebentrakt unseres Zuhauses ein geräumiges Atelier einzurichten und stattete mich dankenswerterweise mit etwas Geld aus. Meine Großmutter wollte mich ebenfalls unterstützen und beauftragte mich, sie in Öl zu porträtieren. Tagelang beobachtete ich sie, dann hatte ich das perfekte Sujet für eine realistische Darstellung der alten Frau.

Der Zufall wollte es, dass ich mein Gemälde an dem Tag vollendete, an dem ein Ball im Wohnsaal meiner Familie stattfand. Alle wichtigen Menschen Schwarzrusslands waren anwesend, als mein Vater mich auf die Bühne holte und mich als großen Künstler vorstellte. Dann bat er meine Großmutter, das Bild, das außer mir niemand zu Gesicht bekommen hatte, zu enthüllen. Mir war zwar etwas mulmig zumute, doch da ich ein großer Künstler war, hielt ich dieses Gefühl für die Angst vor dem großen Erfolg. Meine Großmutter zog das schwarze Tuch vom Bild und fiel in Ohnmacht. Mein Vater wurde puterrot und bald übertönte sein Gebrüll das durch die Menge gehende Raunen. Meine Gemälde zeigte meine Großmutter im Badezimmer, und zwar mit allen Attributen einer nackten sechsundachtzigjährigen Frau vor dem Spiegel. Auf dem Rand ihres goldenen Waschbeckens lag ihr schneeweißes Gebiss, daneben stand eine soeben geleerte Flasche Schnaps. Ihr zahnloser Mund formulierte einige höchst unflätige Worte, welche ich mit dem schönen Stilmittel der Sprechblase anschaulich gemacht hatte.
Drei Wochen nach diesem künstlerischen Eklat, der es bis ins Staatliche Schwarzrussische Fernsehen geschafft hatte, sprach meine Mutter wieder mit mir und erklärte meine große Karriere als Maler für beendet. Sie wies mich an, Bildhauer zu werden.

Ich besorgte mir einen riesigen Block Marmor und machte mich an die Arbeit. Ich hämmerte, meißelte, schabte und am Ende polierte ich. Dann orderte ich einen Kran, der mein Kunstwerk aufrichten sollte. Meine Eltern waren mit meiner Großmutter auf Urlaub, und am Tag ihrer Rückkehr stand mein fünfzehn Meter hohes Meisterwerk auf dem Rasen vor unserem Palast. Die schwarze Limousine meines Vaters fuhr vor. Er sprang aus dem Fond, blickte auf mein Werk, rieb sich die Augen, blickte ein weiteres Mal auf die Skulptur, dann begann er zu brüllen. Dass ich nicht ganz dicht wäre, hätte er geahnt, aber nun hätte er den Beweis für meine völlige Verrücktheit und Infantilität. Dann lief er in den Palast.

Meine Mutter und meine Großmutter betrachteten mein Werk und konnten nicht verstehen, warum mein Vater so böse geworden war. Also schlenderten sie zu einem Hügel auf unserem schönen Anwesen, wo meine Großmutter in Ohnmacht fiel. Meine Mutter betrachtete mein Werk erst verständnislos, doch bald erkannte sie, was sich da vor ihrer bescheidenen Bleibe entphallte. Sie lief zu mir und machte mir schwere Vorhaltungen. Ich hätte meine Familie in der ganzen Stadt unmöglich gemacht, schrie sie. In diesem Augenblick fuhr die Karosse des Vizeministers für die moralische Ordnung in Schwarzrussland vor, und der hohe Politiker bezeichnete mich als schlimmen Finger. Ich protestierte lautstark, pochte auf die Freiheit der Kunst, doch es half nichts. Mein mächtiger Phallus wurde von einem rasch angeforderten Kran zum Liegen gebracht, noch bevor ich eine Wasserleitung zu meinem Kunstwerk hatte legen können. Ich hatte nämlich vorgehabt, Wasser in meinem Meisterwerk hochzupumpen, sodass eine Fontäne aus dessen Spitze geschossen wäre.

Nach diesem Vorfall wurde ich von meiner Mutter zum Hausmeister ohne künstlerischen Aufgabenbereich ernannt.
Ich bin für die Instandhaltung unseres Palastes zuständig. Ich sauge, schraube, kehre, bohre, poliere und wische feucht auf. Darüber hinaus darf ich mich um den imposanten Fuhrpark meines Vaters kümmern. Außerdem obliegt mir die ehrenhafte Aufgabe, den Skimmer des Schwimmteiches zu reinigen, und das dreimal täglich.
Heute befand sich nicht bloß Schlamm im Sieb, sondern eine Kreatur von einiger Hässlichkeit und Gefährlichkeit, nämlich ein Schwarzrussischer Kleinkarierter Habichtsfrosch. Sofort war ich mir der Gefahr bewusst, in der ich schwebte. Habichtsfrösche haben überaus scharfe Schnäbel, und ihre Zehen sind mit Krallen bewehrt, die einem Menschen schwere Verletzungen zufügen können.
Ich lief in die am Teich gelegene Badevilla meiner Mutter und holte ein Paar Handschuhe aus dem Leder einer Schwarzrussischen Steppenbergziege, welches sich durch ein hohes Maß an Robustheit auszeichnet.

So ausgerüstet, hob ich das Sieb aus der Halterung und fing den drei Kilogramm schweren adulten Habichtsfrosch ein. Da die Kreatur helle Federn auf ihren Antriebsflügeln hatte, wusste ich, dass es sich um ein weibliches Exemplar handelte. Es sah mich aus großen Augen an, dann begann es abwechselnd zu quaken und zu kreischen. Ich war unschlüssig, wie ich mich verhalten sollte, also hielt ich den Frosch so, dass er mich nicht verletzen konnte, und küsste ihn in der Hoffnung, dass er sich in eine schöne Frau verwandeln würde.

Plötzlich ertönte hinter mir ohrenbetäubendes Gebrüll. Ich wandte mich um und sah meinen Vater, der den Kuss offensichtlich beobachtet hatte. Mein Erzeuger stattete mich mit dem Wissen aus, dass es sich bei mir um einen gleichermaßen postpubertären wie präsenilen Tagedieb handelte, der der völligen Übergeschnapptheit anheimgefallen wäre.
Der Frosch, der die Tirade mithören hatte müssen, blickte mich mitleidig an. Ich küsste ihn ein zweites Mal und ließ ihn sanft ins Wasser zurückgleiten. Mein Vater offerierte gerade, mir schon noch Manieren beizubringen, da begann das Wasser des Teiches zu brodeln, und eine wunderschöne nackte Frau entstieg dem Nass. Sie kam auf mich zu, küsste mich und führte mich an der Hand in mein Schlafgemach, wo sie sich auf eine Art und Weise gerierte, dass ich fürchte, meine Großmutter würde auf der Stelle das Zeitliche segnen, erführe sie von diesen Unmanierlichkeiten.

Seit heute bin ich also in einer Beziehung. Meine Freundin ist, das darf ich kundtun, ein sehr ehrlicher und direkter Mensch. Wenn sie mir etwas mitteilen möchte, dann quakt sie, und wenn ihr etwas missfällt, kreischt sie.

Michael Timoschek

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