Greta und Hans

Hans und Greta wuchsen in einem kleinen, von dichten Wäldern umgebenen Dorf auf. Ihre Familien lebten auf benachbarten Höfen, auf welchen sie Vieh züchteten. Sie waren rechtschaffene Leute, die mit allen Menschen im Dorf gut auskamen. Dies war auch notwendig, denn ihr Dorf war so abgelegen, dass nur selten ein Fremder dorthin gelangte. Zwistigkeiten oder gar Streit galt es also zu vermeiden.
Sie wuchsen gemeinsam auf, saßen im einzigen Klassenzimmer der Volksschule nebeneinander und verbrachten auch ihre Freizeit zusammen. Nach der letzten Klasse folgten sie dem Wunsch ihrer Familien und blieben auf den Gehöften ihrer Eltern, um alles Wissenswerte für das Leben als Bauer und Bäuerin zu erlernen.
Sie waren zufrieden und freuten sich auf die Zukunft, die vor ihnen lag und die mit jedem Tag rosiger zu werden schien. Bald trafen sie sich nämlich nicht mehr bloß, weil sie nichts Besseres zu tun hatten, sondern weil in ihnen das Verlangen wuchs, den anderen Menschen zu sehen und ihm nahe zu sein. Sie hatten zarte Bande zueinander geknüpft und nach dem ersten Kuss im Alter von sechzehn Jahren waren sie sich sicher, dass sie einander liebten.

Umso tragischer war das, was ihnen widerfahren sollte.
Zwei Wochen nach dem ersten Kuss verschwand Hans. Das ganze Dorf suchte nach ihm, doch ohne Erfolg. Greta ging von Haus zu Haus und fragte jeden Ortsansässigen, ob er ihren Freund gesehen hätte, doch die Antwort war stets die selbe: “Nein, Greta. Tut mir leid.”
Ihr fiel auf, dass seine Familie sein Verschwinden weit weniger tragisch nahm als sie selbst es tat. Seine Eltern waren ihr gegenüber reserviert, sagten bloß: “Wir wissen doch auch nicht, wo er ist. Mach dir nichts draus - du wirst einen neuen Freund finden.”
Erst konnte sich Greta keinen Reim auf diese Gefühlskälte machen; als die Großmutter ihres Freundes sie jedoch an der Hand in ihr Häuschen zog und aufklärte, begann sie zu verstehen.

“Es scheint, dass es an der Zeit ist, dich einzuweihen”, begann die Alte ohne Umschweife. “Hans ist weg und er wird es bleiben.”
“Aber-”, stotterte Greta, den Tränen nahe. “Warum?”
“Auf unserer Familie lastet ein uralter Fluch. Aus jeder Generation befällt er ein Kind. Vor Hans war der jüngere Bruder seines Vaters an der Reihe.” Sie räusperte sich und sagte mit tonloser Stimme: “Er wurde nie wieder gesehen. Vor zwei Wochen war der Mond voll, da hat er Hans zu dem gemacht, was er jetzt ist.”
“Was ist er jetzt?”, rief Greta.
Die Alte ging nicht auf die Frage ein. Sie sah das Mädchen mit düsterem Blick an und meinte: “Was, glaubst du, ist der Grund, dass es in den Wäldern so gut wie kein Wild mehr gibt?”
“Sie wollen mir doch nicht etwa weismachen, dass Hans als Einsiedler im Wald lebt und sich von Rehen und Wildschweinen ernährt!”
“Ein Einsiedler ist ein Mensch, Greta. Hans ist keiner mehr.”
Greta sprang auf.
“Das kann ich nicht glauben!”, rief sie und eilte zur Türe.
“Es ist nicht wichtig, was du glaubst, mein Kind. Halte dich bloß vom Wald fern!”

Greta dachte nicht daran, dies zu tun. Obwohl die Dämmerung hereinbrach, lief sie tief in den dunklen Wald und rief nach Hans.
Es war still im Wald. Kein Vogel gab einen Laut von sich, das Geräusch der Blätter der Bäume, die vom Wind bewegt wurden, war das einzige, das an Gretas Ohren drang.
Plötzlich hörte sie Zweige brechen. Etwas kam mit schnellen Schritten auf sie zu. Instinktiv suchte sie hinter dem Stamm einer alten Buche Schutz, doch Hans hatte sie bereits gesehen.
Er blieb zwei Meter vor ihr stehen und bedeckte sein Gesicht mit den Händen. Greta hatte Angst, doch ging sie zu ihm, umarmte ihn - und machte einen Satz nach hinten.
Es war zum einen der Geruch, den er verströmte, er roch wie ein nasser Hund, zum anderen hatte sie sein zerrissenes Hemd bemerkt, unter dessen Fetzen tiefe Wunden auf seiner Brust zu sehen waren, die von mächtigen Klauen herzurühren schienen.
“Hans, was ist mit dir geschehen?”, rief sie entsetzt.
Er gab einige undefinierbare Laute von sich, und sie zog, um ihn besser verstehen zu können, seine Hände von seinem Gesicht. Es war kreidebleich, die Wangen waren eingefallen und seine Kiefer waren verformt, als wären sie gewachsen und wieder geschrumpft. Greta erschrak erst, doch als sie in seine Augen blickte, wurde sie von Panik ergriffen.
Seine Augen hatten zwar noch die selbe grüne Farbe, die sie so geliebt hatte, doch lag nichts Menschliches mehr in ihnen.
“Mein Gott, Hans!”, stammelte sie, doch Gott hatte diesen Wald längst verlassen.
Er sah sie an und knurrte mehr als dass er sprach: “Nun - Wolf.”
Greta lief so schnell sie konnte aus dem Wald, sperrte sich in ihrem Zimmer ein und zog die Bettdecke über ihren Kopf.

Etwas Unmenschliches hatte von Hans Besitz ergriffen, und Greta wusste das.
“Hans ist verflucht”, sagte seine Großmutter, als Greta ihr am nächsten Vormittag von der Begegnung im Wald erzählte. Sie packte Gretas Hand und rief: “Du darfst nie wieder in den Wald gehen, hörst du! Er würde dich in Stücke reißen, so wie es mein Sohn bei seinem-” Sie stockte, doch Greta wusste, was sie sagen wollte.
“Gibt es denn keine Erlösung von diesem Fluch?”, fragte sie verzweifelt.
Die Alte legte ihre Stirn in Falten und zögerte ihre Antwort hinaus.
“Nun?”, fragte das Mädchen ungeduldig.
“Es gibt eine Möglichkeit, doch ist sie sehr gefährlich für den Menschen, der den Verfluchten retten möchte.”
“Welche?”
“Man muss sich der Bestie bei Vollmond bis auf einen Meter nähern und ihr einen Pflock mit silberner Spitze ins Herz stoßen.”
“Nein!”, rief Greta entsetzt.
“Doch, mein Kind. Dies ist die einzige Möglichkeit, Hans zu befreien.”
“Was geschieht dann mit ihm?”
“Er nimmt seine menschliche Gestalt wieder an und kann beerdigt werden. Damit ist der Fluch für alle Zeit aufgehoben.”
Greta schluchzte.
“Das werde ich niemals machen!”
“Das weiß ich doch, Greta”, sagte die Alte mit listigem Blick. “Es wäre aber das Beste, sowohl für dich als auch für Hans. Er würde seinen Frieden finden, und du müsstest nicht den Rest deines Lebens an den Wolf denken, den du nicht erlöst hast.”
Sie zog einen Pflock unter dem Tisch hervor.
“Mein Mann hat ihn für unseren Sohn angefertigt, aber-”, ihr versagte die Stimme.
“Was ist geschehen?”, fragte Greta leise.
“Man fand den Pflock neben der grausam zugerichteten Leiche meines Mannes.”
“Sollte ich mich dazu durchringen können, Hans zu erlösen -”
“Ja?” Die Alte war plötzlich hellwach.
“Was, wenn die Sache danebengeht?”
“In diesem Fall kannst du bloß zu Gott beten, dass Hans dich tötet.”
“Wie bitte?”
“Keine Angst, du wirst nicht lange leiden, glaub mir.”
“Und wenn er mich nicht tötet, sondern bloß verletzt?”
“Dann wirst du eine Bestie werden, so wie er.”
Greta dachte einige Minuten lang nach, dann streckte sie ihren Arm aus und sagte: “Den Pflock, bitte.”
“Das ist die richtige Entscheidung, mein Kind”, sagte die Greisin und küsste Greta auf die Stirn.
Greta ging nach Hause und versteckte den Pflock.

Als es dunkel wurde, ging sie in den Wald zu der Stelle, an der sie Hans am Vortag getroffen hatte und rief nach ihm.
Wieder hörte sie das rasch näherkommende Brechen von Zweigen, doch hielt die Bestie in einigem Abstand inne. Sie konnte Hans nicht sehen, hörte bloß sein kehliges Knurren, das ihr jedoch keine Furcht einflößte.
“Hans, ich habe mit deiner Großmutter gesprochen”, rief sie.
Knurren war seine Antwort.
“Ich weiß nun einen Weg, wie du deinen Frieden finden kannst.”
Er gab keinen Laut von sich.
“Ich komme zu dir, wenn der Mond voll ist. Hier, an dieser Stelle, treffen wir uns.”
Hans knurrte zweimal, was Greta als Zustimmung wertete.

Die folgenden Tage bis zum nächsten Vollmond verbrachte Greta in großer innerlicher Aufregung. Sie dachte unablässig an Hans und ihre gemeinsam verbrachten Tage, und schließlich entschloss sie sich, das zu tun, was ihrem Freund Glück bringen würde.
Ihrer Familie konnte sie natürlich nichts davon erzählen, ebensowenig wie anderen Menschen aus dem Dorf. Sprachen ihre Eltern von Hans, so gab sie sich reserviert und sagte, dass er wohl in einem anderen Dorf sein Glück gefunden hätte.
Sie verrichtete die ihr zugewiesenen Tätigkeiten auf dem Hof gewissenhaft, jedoch ohne mit dem Herzen bei der Sache zu sein.

Am Tag des Vollmondes besuchte sie die Großmutter ihres Freundes.
“Ich habe den Pflock gut versteckt. Heute Nacht werde ich ihn holen und in den Wald gehen.”
Die Alte strahlte vor Freude.
“Du musst aber achtgeben, Greta! Hans ist nicht mehr der, den du gekannt hast. Bei der ersten Gelegenheit wird er dich anfallen, und dann ist es um dich geschehen!”
“Das weiß ich.”
“Ich wünsche dir alles Gute, mein Kind.”
“Danke”, seufzte Greta und verließ das Häuschen.

Um Mitternacht rief Greta nach Hans. Sie wartete auf das Brechen von Zweigen auf dem Waldboden, doch der Wald blieb still. Eine Wolke gab den Mond frei, da hörte sie Zweige brechen, nur wenige Meter hinter sich. Sie wandte sich, den Pflock in der Hand, um und erblickte den größten Wolf, den sie je gesehen hatte.
Die Augen, aus welchen Hans sie anstarrte, ließen sie frösteln. Es lag nichts Menschliches mehr in ihnen, sie waren schwarz, so schwarz wie das Fell der Bestie. Der Wolf knurrte, dann öffnete er sein mit riesigen Reißzähnen bewehrtes Maul und ließ ein ohrenbetäubendes Geheul ertönen.
Greta stand vor dem Biest, hielt diesem die silberne Spitze vor die Schnauze und sagte mit fester Stimme: “Dieser Pflock könnte dich töten.”
Der Wolf knurrte.
“Doch das wird er nicht tun”, fuhr sie fort und schleuderte die Waffe von sich.
Hans sah dem im Mondschein davonfliegenden Silber nach und hörte auf zu knurren.
Das Mädchen setzte sich auf den Boden und sah zum Wolf auf.
“Du kannst mich töten, Hans”, sagte Greta mit ruhiger Stimme, in der keine Furcht lag. “Du kannst mich jedoch auch zu deiner Gefährtin machen.”
Der Werwolf reagierte nicht.
Greta entblößte ihre rechte Schulter und hauchte: “Beiß mich, aber sei vorsichtig!”
Als Hans seine Zähne im Fleisch seiner Freundin vergrub, fiel diese in eine tiefe Ohnmacht.

Nach drei Tagen erwachte sie orientierungslos in einer Höhle. Ihre Augen mussten sich erst an die Dunkelheit gewöhnen, doch ihr Geruchssinn funktionierte einwandfrei. Unsicher ging sie durch die Höhle, die erfüllt war vom Geruch der unzähligen Skelette von Rehen und Wildschweinen, die überall herumlagen.
Ein schwacher Lichtschein wies ihr den Weg nach draußen. Vor der Höhle setzte sie sich auf den Boden und atmete die klare Morgenluft tief ein. Dabei stieg ihr ihr eigener Geruch in die Nase. Sie roch wie ein nasser Hund.

Michael Timoschek

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques |Inventarnummer: 16133

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