Zwei Schüsse

Heute kam ich am frühen Nachmittag von der Jagd zurück und ging in den Keller meines Elternhauses. Dort reinigte ich meine Flinte, stellte sie in den Waffenschrank und entsorgte zwei Patronenhülsen, die Schrot enthalten hatten.
Als ich damit fertig war, hörte ich die Stimme meiner Mutter.
“Egon, komm bitte in die Stube!”
Dies sagte sie in dem für sie typischen Tonfall, den sie immer dann in ihre Stimme legt, wenn sie etwas Wichtiges mit mir besprechen möchte. Dieser Tonfall macht es mir unmöglich, ihrem Wunsch zuwiderzuhandeln.

Ich eilte also in die Stube unseres Hauses. Sie ist mit Zirbenholz getäfelt, und in der Mitte steht ein großer Tisch, ebenfalls aus Zirbe, und darauf liegt stets ein rot-weiß kariertes Tischtuch.
“Frau Mama, was wünschen Sie?”, fragte ich.
Ich pflege meine Eltern zu siezen, denn ich finde, dass sich dies in gewissen Kreisen gehört. Meine Familie ist nämlich sowohl adelig als auch reich.
“Egon, ich habe deine Erzählung gelesen”, begann sie.
Ich blickte sie erwartungsvoll an. Innerlich war ich sehr angespannt, denn meine Mutter ist meine strengste Kritikerin. Ich sehe mich nämlich als Schriftsteller, auch wenn der Erfolg bislang ausgeblieben ist.
“Ich bin zu neunzig Prozent stolz auf dich und dein Werk”, fuhr sie fort.

Ich war freudig erregt.
“Es sieht so aus, als hätte mein einziges Kind endlich begriffen, wie man Geschichten verfasst. Das Ende missfällt mir, doch dazu kommen wir später.”
“Vielen Dank, liebe Frau Mama”, sagte ich.
“Wenn ich an deine früheren Erzählungen denke, Egon, an deine Theorien über die, wie du sie genannt hast, Betätigung im Rudel, muss ich sagen, dass du dich eindeutig weiterentwickelt hast.”
Sie zog einen Hunderteuroschein hervor und reichte ihn mir.
“Das Geld hast du dir verdient, Egon”, sagte sie.
“Danke, Frau Mama. Sie sind sehr großzügig.”
“Du darfst das Geld aber nicht wieder an einem Abend vertrinken!”, mahnte sie.
“Versprochen, Frau Mama.”

“Nun zu deiner Erzählung, Egon. Der Anfang gefällt mir überaus gut. Du beschreibst sehr anschaulich, wie du mit deinem Vater in unser Jagdrevier fährst. Gibt es dort wirklich so viele Eichelhäher?”
“Ja, Frau Mama. Sie sollten einmal mitkommen, dann würden Sie sie sehen.”
“Egon, du weißt, dass ich die Jagd verabscheue!”
“Ich würde niemals wagen, in Ihrer Gegenwart auf ein Tier anzulegen”, sagte ich schnell.
“Lassen wir das. Du hast Talent, Egon. Leider hast du bislang nicht allzu viel Gebrauch davon gemacht.”
“Ich weiß, Frau Mama”, sagte ich kleinlaut.
“Du beschreibst die Tiere und Pflanzen vor dem Hochstand sehr naturnah. Auch Situationen des Zwischenmenschlichen kannst du gut wiedergeben. Hast du dich auf der Fahrt ins Revier wirklich mit deinem Vater gestritten?”
“Ja, Frau Mama. Jedes Mal, wenn ich mit Herrn Papa im Auto saß, gerieten wir in Streit.”
“Egon, du musst verstehen, dass dein Lebenswandel den Unmut deines Vaters erregt.”
“Ich mache doch nichts Unartiges”, warf ich ein.
“Aber auch nichts Artiges, Egon. Du arbeitest nicht und trinkst zu viel. Da darf es Dich nicht wundern, dass er dir seit sechs Jahren kein Geld gibt. Immerhin bist du achtunddreißig Jahre alt!”
Ich schwieg.
“Aber zurück zu deinem Text. Der Mittelteil ist dir ebenfalls gelungen.”
“Vielen Dank.”
“Du hast die Einsamkeit auf dem Hochstand gekonnt in Worte gefasst. Wie ihr nebeneinander sitzt und schweigen müsst, um das Wild nicht zu verscheuchen, und wie ihr bloß abwarten könnt, bis sich ein Reh oder Wildschwein aus der Deckung wagt.”
“Das ist das Schwierigste an der Jagd, Frau Mama. Man darf keinen Laut von sich geben.”

“Wann hast du die Kurzgeschichte denn geschrieben?”
“Gestern.”
“Möchtest du ein Glas Rotwein?”
“Sehr gerne, Frau Mama. Sie sind sehr großzügig.”
“Dann hole bitte eine Flasche Lafite.”
Ich ging in den Keller, holte den Wein, entkorkte und dekantierte ihn.
“Ich habe ein Geschenk für dich, Egon”, sagte meine Mutter und verließ den Raum.
Zwei Minuten später kehrte sie zurück und drückte mir eine goldene Armbanduhr in die Hand.
“Erkennst du diese Uhr, Egon?”, fragte sie, doch es war eine rhetorische Frage.
“Ja, Frau Mama. Es ist meine Patek Philippe”, sagte ich leise.
“Der Besitzer des Nachtclubs, in dem du offenbar Stammgast bist, hat sie mir gegeben.”
Ich wagte kein Wort zu sagen.
“Nachdem ich deine Schulden in seinem Bordell beglichen hatte!”, sagte sie und sah mich streng an.
Ich errötete.
“Was hast du dir bloß dabei gedacht, Egon?”, rief sie.
Mir wurde abwechselnd heiß und kalt.

“Ich brauche ein Glas Wein”, seufzte sie.
Ich goss ein und wir tranken einen Schluck.
“So etwas darfst du nie wieder machen, Egon! Du machst uns noch zum Gespött der ganzen Umgebung.”
“Es tut mir sehr leid, Frau Mama.”
“Du hast in dieser Bar übrigens Lokalverbot. Das hat der Besitzer mir versprochen.”
Ich wurde von einer plötzlichen Panik ergriffen, doch wagte ich nicht zu protestieren.
“Gut, Egon. Betrachten wir die Sache als erledigt.”
“Vielen Dank, Frau Mama”, sagte ich und war froh, dass dieses peinliche Thema vom Tisch war.

“Lass uns über den Schluss deiner Erzählung sprechen, Egon. Dieser ist dir wohl entglitten.”
“Wieso denn?”
“Nun, er ist unlogisch. Du steigst mit deinem Vater vom Hochstand, ohne dass ihr ein Tier erlegt habt.”
“Das kam leider häufig vor”, gab ich zu.
“Vor dem Hochstand geratet ihr erneut in Streit über deinen Lebenswandel.”
“Auch das war nicht ungewöhnlich.”
“Gut. Bis hierher konnte ich dir folgen. Was dann jedoch passiert, erscheint mir unlogisch.”
“Was genau, Frau Mama?”
“Ihr steht im Gras und streitet. Plötzlich lösen sich aus deiner Flinte zwei Schüsse und dein Vater bricht tödlich getroffen zusammen.”
“Was verstehen Sie daran nicht?”
“Du verwendest doch eine einläufige Flinte, weil sie leichter ist als eine mit zwei Läufen, oder?”
“Das stimmt.”
“Wie ist es denn möglich, dass sich zwei Schüsse aus einem Gewehr lösen, das bloß einen Lauf hat? Das ist doch unlogisch.”
Ich versuchte nicht zu grinsen, doch vergeblich.
“Das ist die künstlerische Freiheit des Schriftstellers, Frau Mama”, sagte ich.

Meine Mutter dachte einige Sekunden lang nach. Dann begann sie zu verstehen.
“Bist du verrückt?” rief sie. “Soll das heißen, dass du nach dem ersten Schuss nachgeladen hast?”
Ich schwieg und versuchte, ernst zu bleiben. Bald jedoch konnte ich nicht anders und begann schallend zu lachen.
Meine Mutter starrte mich entgeistert an.
“Egon, du bist verrückt! Deinen eigenen Vater um die Ecke zu bringen und dazwischen auch noch nachzuladen, um ganz sicher zu gehen, also das ist der Gipfel! Dieser Text ist der perfideste, den ich je gelesen habe!”
Sie war außer sich.

Ich redete beruhigend auf sie ein, und nach zehn Minuten hatte sie sich wieder gefangen.
Wir tranken die Flasche leer und sprachen über Belanglosigkeiten. Über den Schluss meiner Kurzgeschichte sprachen wir nicht, doch nach dem letzten Glas kam meine Mutter nochmals darauf zurück.
“Egon, ich habe mir das Ganze durch den Kopf gehen lassen. Ich sehe leider keine andere Möglichkeit, als deinem Vater zu erzählen, welches Ende du ihm zugedacht hast. Es tut mir leid, aber den Zorn, den deine Erzählung bei ihm entfachen wird, hast du dir selbst zuzuschreiben!”
Ich schwieg.
Meine Mutter sah auf die Uhr und sagte: “Es ist spät geworden, Egon. Ich werde zu Bett gehen.”
“Das ist sicherlich eine gute Idee nach all der Aufregung, Frau Mama.”
“Wo ist eigentlich dein Vater?”
Mit meiner unschuldigsten Miene beantwortete ich ihre Frage: “Frau Mama, der Herr Papa befindet sich im Jagdrevier.”

Michael Timoschek

www.verdichtet.at | Kategorie: drah di ned um |Inventarnummer: 16135

image_print

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *