Rückblick eines Priesters

Mein Name ist Pater Reinhard Puswald, ich bin dreiundachtzig Jahre alt und diktiere meinem Mitbruder Pater Franziskus Gruber diese Worte, während ich auf meinem Sterbebett liege. Sie sollen mein Vermächtnis sein und sind möglicherweise dazu angetan, jungen Ordensmitgliedern einen Eindruck zu vermitteln, worauf es meiner Ansicht nach beim Priesterberuf ankommt.
Ich sage bewusst Beruf, denn bei aller Wertschätzung der Berufung, die jeder von uns zu Beginn seiner Ordenslaufbahn verspürt, handelt es sich letztlich um nichts anderes als um einen Beruf, den wir bis zum Ende unseres Lebens ausführen wollen.

Als ich im Alter von neunzehn Jahren in den Zisterzienserorden eingetreten bin, lag ein Leben voller Unruhe hinter mir, eines, das geprägt war von Trunkenheit, kurzlebigen Beziehungen zu Frauen und der Frage nach dem Sinn meines Daseins.
Dennoch fiel es mir leicht, all diesen Trubel hinter mir zu lassen und ein neues Leben zu beginnen, eines, das von Disziplin, Pflichterfüllung und der Liebe zu meinen Mitmenschen und zu Gott erfüllt war.
Aus Egon Puswald wurde Pater Reinhard.
Von einem Tag auf den anderen war ich ein geachteter Mann, denn ich trug die Tracht meines Ordens. Zu einem akzeptierten Gottesmann wurde ich jedoch erst viele Jahre später, als die Menschen erkannten, dass es mir ernst war mit dem, was ich sagte und machte, und vor allem, nachdem ich mir selbst die Torheiten meiner jungen Jahre vergeben hatte.

Das Leben im Kloster hielt viele Aufgaben und Pflichten für mich bereit. Die meisten von diesen bereiteten mir Freude, ein paar nahm ich als gegeben hin und nur sehr wenige bereiteten mir ernstlich Kummer.
Früh am Morgen aufzustehen und sich zum Gebet zu versammeln, fiel mir anfangs schwer, doch nach einer gewissen Zeit erkannte ich, dass der Mensch einfach mehr vom Tage hat, wenn er diesen zeitig beginnt. Das Gebet, in welchem ich früher inbrünstig Zwiesprache mit Gott zu halten glaubte, wurde über die Jahre eine Art Meditation, ein wiederkehrender Anlass, in mich zu gehen, innezuhalten und mich meines Standortes zu besinnen, um meine Standpunkte gegebenenfalls nachjustieren zu können.
Es war oftmals notwendig, diese Standpunkte zu ändern, denn der Beruf des Priesters bringt es mit sich, dass man mit Menschen arbeitet, und Menschen ändern ihre Denkweisen und ihr Handeln. Dies trifft auf alle Menschen zu, also auch auf uns Mönche.

Ich hatte, als ich Pfarrer eines kleinen Dorfes wurde, mit unterschiedlichen Charakteren zu tun. Vielen von diesen konnte ich tatsächlich eine Hilfestellung bei der Lösung ihrer Probleme geben, zum Beispiel wenn ihre Verwandten verstorben waren oder durch die Beichte. Im Zuge des Bußsakraments offenbarten sie nicht bloß ihre begangenen Sünden, sondern erzählten mir von ihren innerlichen Problemen. Früher war es so, dass der Pfarrer ein Stück weit die Arbeit verrichten musste, und dies, so der Idealfall, auch tun wollte, für die heute ein Therapeut zuständig ist.
Ich versuchte nach Kräften, diesen Menschen zu helfen, auch wenn ich dabei etliche Male an die Grenzen meiner eigenen Belastbarkeit stieß oder gestoßen wurde. Ich bekenne, dass ich bei mehreren Gelegenheiten nicht anders handeln konnte, als die betreffenden Menschen mit deutlichen Worten darauf hinzuweisen, dass für ihre Probleme, und vor allem die Schwere, in der diese zutage traten, das Gespräch mit einem Priester nicht ausreichen konnte und sie so schnell wie möglich professionelle medizinische Hilfe in Anspruch nehmen sollten.

Im Falle einer jungen Frau versagte ich und machte mir über viele Jahre Vorwürfe, dass ich eine Mitschuld an ihrem Tod tragen würde. Irgendwann belastete mich dieser Todesfall nicht mehr, denn ich hatte erkannt, dass ich meinem Beruf entsprechend, und somit richtig, gehandelt hatte. Auch wenn es meine Berufung war, und immer noch ist, den Menschen zu helfen, so ist es allein aus Gründen des Selbstschutzes unerlässlich, die Grenzen, die mein Beruf mir setzt, zu akzeptieren und einzuhalten.

Diese Grenzen gibt es natürlich auch im Zusammenleben mit meinen Mitbrüdern. Ich habe es genossen, mit sehr unterschiedlichen Menschen zu leben. Mit den meisten hatte ich ein gutes Auskommen in allen Belangen. Wir zogen an einem Strang und hatten Verständnis für die Eigenheiten und Schwächen, die jeder von uns hatte und hat. Selbst als Mitbrüder Väter wurden, hielten wir zu ihnen und sorgten dafür, dass es ihren Kindern an nichts fehlte.
Mit den Oberen meiner Diözese geriet ich einige Male aneinander, doch nachdem mir klargeworden war, dass sie in ihrem Beruf gefangen waren, kommentierte ich die Ränke, die sie schmiedeten und die von politischen, wirtschaftlichen und persönlichen Interessen durchsetzt waren, nicht länger und ließ sie gewähren.

Heute bin ich alt und krank, doch habe ich das Glück, sagen zu können, dass ich ein gutes Leben hatte. Ich habe gelernt, die Menschen so zu akzeptieren, wie sie nun einmal sind, und auch dass es Dinge gibt, die der Glaube allein nicht zurechtrücken kann.
Ich bedaure, dass ich mich nicht stärker dafür eingesetzt habe, dass Frauen zu Priesterinnen geweiht werden dürfen, doch bin ich mir sicher, dass meine jungen Mitbrüder die Courage haben werden, diese Grenze zu sprengen, der ich mich aus Gründen der damaligen Weltanschauung innerhalb der katholischen Kirche kaum zu nähern wagte.
Ich weiß nicht, wie viele Tage auf Erden mir noch gegeben sind, doch werde ich mit der Gewissheit einschlafen, dass mein Dasein nicht vergebens war.

Michael Timoschek

www.verdichtet.at | Kategorie: hardly secret diary | Inventarnummer: 16104

image_print

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *