Barbara

Vor drei Tagen stand ich am Rande des Bächleins, das neben meinem Elternhaus fließt und die Grenze zwischen zwei Äckern bildet. Seit ich denken kann, also seit etwa fünfunddreißig Jahren, fließt es dort vor sich hin, ruhig, seicht und unbegradigt. Ich starrte auf die Oberfläche des Wassers und dachte an Barbara.
Sie war mit mir aufgewachsen und hatte in ihrem Leben, das nach nur dreißig Jahren geendet hatte, nie Glück gehabt. Ihr Elternhaus liegt bloß zweihundert Meter von meinem entfernt, und doch liegen Welten dazwischen.

Ich entstamme einer wohlhabenden Familie. Meine um zwei Jahre ältere Schwester und ich hatten alles, was wir uns wünschten. Ich gebe zu, dass wir damals die größte Freude an Sachen hatten, die wir uns eben leisten konnten. Heute jedoch weiß ich, dass das Wertvollste, was wir erhalten hatten, die Liebe unserer Eltern und der Zugang zur Bildung waren. Meine Schwester ist Ärztin, und ich verteidige Menschen vor Gericht, deren Leben aus welchen Gründen auch immer aus dem Ruder gelaufen sind.

Barbara wuchs in einem Elternhaus auf, in welchem es an allem fehlte. Zuneigung, Liebe und Verständnis erfuhr sie nie von ihren Eltern. Ihr Vater war ein Trinker der schlimmsten Sorte, der seine Frau und sein einziges Kind schlug, wenn er betrunken war. Barbaras Mutter war eine erzkatholische Frau, die ihre Tochter züchtigte, sobald sie auch nur den leisesten Verdacht hatte, dass diese etwas getan oder gedacht haben könnte, was im Widerspruch zur strengen Auslegung der Bibel gestanden hätte.

Wenn ich an die Zustände denke, die in Barbaras Familie geherrscht haben, so wundere ich mich noch heute, dass sie sich zu einem derart sanftmütigen und liebenswerten Menschen entwickelt hat, wie sie einer war.

Bevor wir in die selbe Klasse in der Volksschule kamen, hatten wir losen Kontakt zueinander. Wir spielten ein paarmal auf der großen Wiese, die noch immer zwischen unseren Elternhäusern liegt, Abfangen und Fußball. Ihrer Mutter war es gar nicht recht, dass ihre Tochter mit einem Buben spielte, doch ließ sie dies zu jener Zeit noch zu.
In der Volksschule saßen wir nebeneinander. Wir lernten gut und wollten auch an den Nachmittagen Zeit miteinander verbringen, doch ihre Mutter erlaubte das nicht mehr.
Zu dieser Zeit begann Barbaras aufgezwungene Isolation.
Ich sah sie zwar im Unterricht, doch nach der Schule wurde sie von ihrer Mutter abgeholt und nach Hause gefahren. Keinem in der Klasse, auch der Lehrerin nicht, blieben die blauen Flecken verborgen, die Barbara auf den Armen trug, doch fand es nicht einmal die Lehrerin der Mühe wert, auf diese Schandmale einer lieblosen Erziehung zu reagieren.

Heute weiß ich, dass sie nicht das einzige Kind war, das geschlagen wurde. Damals, vor über dreißig Jahren, wurden Züchtigungen in kleinen Dörfern noch übersehen, selbst wenn ihre Spuren unübersehbar waren.
Gerüchte hatten die Runde gemacht, über die Trunksucht von Barbaras Vater und die Strenge ihrer Mutter, doch war es für alle Menschen im Dorf bequemer zu reden als zu handeln.

Nach der Volksschule besuchte ich das Gymnasium im Nachbarort, während Barbara auf die örtliche Hauptschule geschickt wurde. Ich weiß nicht allzu viel über diese vier Jahre in ihrem Leben, denn ich war in ein neues Umfeld gekommen und außerdem sehr mit Lernen beschäftigt. An den Nachmittagen traf ich mich mit Klassenkameraden zum Fußballspielen oder Angeln, und so verlor ich Barbara aus den Augen, ohne dies gewollt zu haben.
Nachdem sie die Hauptschule abgeschlossen hatte, begann sie eine Friseurinnenlehre im einzigen Frisiersalon unseres Dorfes. Ich war damals bereits Kunde dort, also hatten wir wieder etwas mehr Kontakt zueinander. Ich besuchte den Salon etwa alle zwei Wochen und ließ mir von ihr die Haare schneiden.
Über Privates unterhielten wir uns dabei kaum. Einmal fragte ich sie, ob sie mich auf eine Party begleiten wollte, doch sie sagte mir seufzend ab. Ihre Mutter hatte ihr verboten, Feste zu besuchen.
Nach ihrem Lehrabschluss änderte sich Barbaras Situation. Ihr Vater war an einer Leberzirrhose gestorben und ihre Mutter, die gezwungen war, einer Arbeit nachzugehen, um das Haus erhalten zu können, hatte weniger Zeit, sie mit Argusaugen zu überwachen.

Eines Tages zog Barbara aus ihrem Elternhaus aus und mietete eine Wohnung unweit des Gemeindeamtes. Sie hatte einen Mann kennengelernt und zog mit ihm dort ein.
Dieser Mann war, wie ihr Vater, ein Trinker, der zur Gewalttätigkeit neigte. Die Nachbarn des Paares beschwerten sich bald über lautstarke nächtliche Auseinandersetzungen, und so kam es heraus, dass Barbara auch von ihrem Freund geschlagen wurde.

Als ich sie eines Abends zufällig in einem Gasthaus traf, lud ich sie auf ein paar Gläser Wein ein und hörte ihr zu. Heute bin ich mir sicher, dass ich der erste Mensch war, der ihr zugehört hat.
Sie erzählte mir von den Zuständen in ihrem Elternhaus. Wie schlimm diese wirklich gewesen waren, hätte ich mir niemals träumen lassen. Barbara sprach über ihre Mutter, die sie in ihrem religiösen Wahn immer noch terrorisierte, und über ihren Freund, der ihrem Vater in puncto Gewaltbereitschaft um nichts nachstand. Ich war schockiert über das Ausmaß an Leid, das diese Frau ertragen musste, doch auch fasziniert über die Worte, mit welchen sie all das Schreckliche schilderte. In ihren Ausführungen lag keine Bitterkeit, kein Zorn und auch kein Selbstmitleid. Sie beschrieb in warmen Worten, was sich in ihrem Leben zugetragen hatte und immer noch zutrug. Ihre Sicht auf die Menschen, die ihr all das angetan hatten und antaten, war, so seltsam es klingen mag, menschlich. Sie sah sie nicht als Scheusale, sondern als Menschen.
Ich bot ihr meine Hilfe an, doch sie lehnte dankend ab.

Eines Tages jedoch wurde es auch Barbara zu viel. Sie warf ihren Freund aus der Wohnung und begann selbst zu trinken.
Ich weiß nicht ob es die Einsamkeit war, die sie zur Flasche greifen ließ, oder ob sie durch die Gene ihres Vaters ohnehin vorbelastet und gefährdet war. Jedenfalls konnte Barbara nicht mehr mit dem Trinken aufhören. Sie hatte im Alter von sechsundzwanzig Jahren massiv zu trinken begonnen und mit dreißig damit aufgehört.
Es ist keineswegs zynisch von mir zu sagen, dass sie mit dreißig Jahren den Alkohol hat bleiben lassen, obgleich ich eingangs erwähnt habe, dass ihr Leben in diesem Alter geendet hat.
So traurig das ist, es war eben so.

Barbara brachte es eine Zeitlang fertig, ihrer Arbeit nachzugehen, obwohl sie trank, doch irgendwann war es damit vorbei. Sie verlor ihren Job und trank nur noch. Sie verbrachte Tage und Wochen in ihrer abgedunkelten Wohnung und verließ diese nur, um Schnaps und Fertiggerichte zu kaufen.
In dieser Zeit wollte ich sie zweimal besuchen, doch sie öffnete ihre Türe nicht. Sie fragte zwar leise, wer davor stand, doch so bald ich meinen Namen nannte, rührte sich dahinter nichts mehr. Ich vermute, dass es nicht an meiner Person gelegen hat. Ganz gleich welchen Namen Barbara gehört hätte, sie hätte nicht aufgemacht.

Niemandem im Dorf blieb verborgen, was mit ihr los war. Wenn sie mit ungewaschenen Haaren in den Supermarkt kam und Schnaps kaufte, wandten sich die Leute ab. Ihre Mutter ließ jeden, der dies hören wollte, wissen, wie sehr sie sich für ihre gottlose Tochter schämte und dass diese in der Hölle enden würde.
Ich weiß nicht, ob Barbara die Äußerungen ihrer eigenen Mutter zu Ohren gekommen waren. Eines weiß ich jedoch sicher: Die Hölle, die von der katholischen Kirche als das Schrecklichste alles Vorstellbaren bezeichnet wird, diese Hölle ist ein Paradies, verglichen mit der Hölle, in welcher Barbara zu leben gezwungen war.

Im Alter von dreißig Jahren starb Barbara und wurde auf dem Dorffriedhof beerdigt. Ihre Mutter war der Beisetzung ferngeblieben und hatte sich auch geweigert, ihre Tochter dort ruhen zu lassen, wo ihr Vater lag.
Barbara hatte kein Geld hinterlassen, somit stand die Frage im Raum, wer für das Grab aufkommen würde. Ein Mitglied des Gemeinderates ging von Haus zu Haus, um Spenden für Barbaras Grab zu sammeln. Da ich von meinen Großeltern nicht wenig Geld geerbt hatte, erklärte ich mich bereit, für die Kosten ihres Grabsteins aufzukommen.
Ich verzichtete darauf, ein Kreuz in diesen meißeln zu lassen, denn Barbara hatte die Kirche gehasst. Stattdessen ließ ich ein Zahnrad in den Stein einarbeiten. Es symbolisiert, dass es oft die kleinen Räder sind, an welchen von anderen Menschen gedreht wird, die ein Leben gelingen lassen oder eben nicht.

Michael Timoschek

www.verdichtet.at | Kategorie: süffig |Inventarnummer: 16146

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