Sturz

Alles in Ordnung. Das war es, was alle dachten. Bis zu jenem Zeitpunkt, als sein Bruder Torsten anrief und ihm erzählte, wie ihr Kopf auf die Stufen aufgeschlagen war. Und das Blut runtergeronnen war. Was für ein Schock war das für Fred. Und doch keine Überraschung. Eher logische Folge. Das Ungeheuerliche war nur, dass niemand dagegen etwas unternehmen konnte. Nicht einmal sie selbst! Immer tiefer hatte sich Mutter in ihr Drama verstrickt. Wie ein Wollknäuel in Widerhaken. Fred und seine Geschwister, die als Zuseher heranwuchsen, hatten es irgendwann aufgegeben einzugreifen. Jegliche Versuche ihr zu helfen wehrte sie ab. Jede Tragödie wird irgendwann langweilig!, dachten sie. War sie noch so brutal. Konnte man sich den Ausgang auch ausmalen, keiner wollte den mehr mitansehen. Irgendwann jedoch würde er kommen müssen, der Aufprall am Boden. Die Frage war nur: wann?

Abend war’s, als Torsten sich meldete. Und das hieß nichts Gutes. Wenn er sich meldete, dann gab es immer einen Grund; Fred konnte nicht behaupten, dass in seiner Familie einfach so miteinander geredet wurde. Da musste schon etwas Krasses vorgefallen sein! Und diesmal berichtete der Bruder von Mutter und seinem Besuch bei ihr vor ein paar Tagen anlässlich des Muttertags.

Fred hatte den Muttertag schon hinter sich. Ein Pflichttermin auf seiner To-do-Liste. Glücklicherweise war er zu ihr ins Geschäft gegangen, überreichte ihr übers Verkaufspult hinweg seinen Blumenstrauß, drückte ihr Küsschen auf die Wangen und pflegte ein wenig Smalltalk mit ihr. Besser gesagt übte er sich in der Rolle des Zuhörers; denn Mutter riss – wie so oft – sogleich das Wort an sich und ließ es nicht mehr los. Bei diesem Besuch konnte er nichts Besonderes feststellen, neben gewohnten Merkwürdigkeiten. Mehr als eine halbe Stunde werde ich das nicht aushalten können, wusste er schon und hatte sich davor ein Limit gesetzt. Während seines Zuhörens hatte er die Uhr stets im Auge behalten, um ihr genau diese Zeit zu geben. Und keine Sekunde mehr.

Kurz vor Sperrstunde bin ich ins Geschäft rein, setzte sein Bruder Torsten fort. Ein Mann war noch da, mit dem sie sich unterhielt. Gemeinsam kippten sie Wermut. Freilich war mir das schon aufgefallen: sie und der Wermut. Der angeblich ihre Schmerzen im Kreuz und weiß der Teufel, wo sonst noch, lindern und Durchblutung fördern sollte. Aber ich dachte mir nichts dabei. Ihr Geschäft schließlich! Ihr Leben! Was soll man ihr da verbieten? Zumal sie ja eigentlich schon in Pension und auf das Geschäft nicht mehr angewiesen war.

Wir plauderten noch eine Weile, sagte Torsten. Aber am Zungenschlag konnte man schon merken, dass sie betrunken war. Bis zum Zeitpunkt, als sie ‚Sperrstunde’ sagte, war alles in Ordnung. Dann ergriff sie ihre Autoschlüssel. Und ab da ging es los. Was, du willst heimfahren, fragte ich sie. Nach Hollabrunn? In deinem Zustand? – Was heißt in meinem Zustand?! – Mama, du bist betrunken, vollkommen betrunken! Merkst du das nicht? – Ach, Blödsinn! Misch dich da nicht ein! Mir geht’s bestens. Plötzlich ergriff der Mann zu Gast Partei für Mutter: Torsten bräuchte sich keine Sorgen zu machen, seiner Mutter ginge es gut. Wer er war, wollte Torsten wissen, und wie er dazu käme, derartige Aussagen zu machen. Und schon war eine handfeste Diskussion im Gange.

So konnte ich sie unmöglich ins Auto steigen lassen, fuhr sein Bruder fort, er forderte die Autoschlüssel. Gib sie her, die Autoschlüssel. Ich fahre dich nach Hause. – Aber kommt doch nicht in Frage! Mir geht’s gut. Ich kann alleine fahren. – So lass ich dich sicher nicht fahren. Du bist eine Gefahr! Nicht nur für dich, auch für andere. – Die anderen sind mir egal. Ich geb dir den Schlüssel nicht! Und wenn du Kopf stehst. – Na gut, sagte Freds Bruder. Dann fahren wir eben mit der U-Bahn. – Wohin?, fragte sie, ganz erstaunt.
In deine Wiener Wohnung.
Da kann ich nicht hin, erwiderte sie.
Warum denn nicht?, fragte Torsten.
Da herrscht Chaos. Großes Durcheinander.
Macht nichts, entwaffnete er sie. Ein Bett zum Schlafen wird sich schon finden.

Und, was hast du dann gemacht, fragte Fred. Ich habe sie geschnappt und bin mit ihr zur U-Bahn gewankt. Wie naiv von mir. Bei den Stiegen zum Aufgang zur U-Bahn stolperte sie und landete auf ihrem Mund. Direkt auf ihrem Mund! Erst krabbelte sie hilflos wie ein Käfer herum. Und ich versuchte, ihr wieder aufzuhelfen, setzte sein Bruder die Schilderung fort. Blut rann ihr vom Mund übers Kinn den Hals runter. Sie hatte sich die Lippe aufgeschlagen. Schauerlich! Die Passanten starrten uns an, ehe sie sich wegdrehten. Ich kramte nach einem Taschentuch. Überall suchte ich nach einem Taschentuch, während das Blut … Schnell! Ein Taschentuch, verdammt noch mal! Wo ist jetzt ein Taschentuch?! Da fiel sie wieder hin. Nur wegen dieses verdammten Taschentuchs habe ich jetzt nicht aufgepasst. Diesmal mit dem Gesäß auf die Treppe. Und weil die so abschüssig und ihr Körper so unkontrolliert war, rutschte sie gleich ein paar Stufen weiter hinab. Ihr Hinterkopf schlug auf die Stufen. Diese verdammten Stufen. Tock, machte es. Tock! Was für ein Geräusch! Der Unterkiefer schlug gegen den Oberkiefer. Mutter, die Arme, ächzte nur und stöhnte. Dann bewegte sie sich wie in Zeitlupe, um sich aus ihrer misslichen Lage aufzurichten. Energisch schnappte ich sie mir, hatte aber meine Not diesen schlaffen Körper richtig zu fassen und auf die Beine zu bringen. So sind wir dann zu ihr in die Wohnung. Du kannst dir nicht vorstellen, so sein Bruder weiter, was das für ein Theater war, den Schlüssel zu finden. Ewig fand sie den Schlüssel nicht! In all ihren Taschen kramte sie nach ihrem Schlüssel. Alle Schlüssel, die sie fand, drückte sie mir in die Hand und meinte, ich solle endlich aufsperren. Und wenn ich sagte, jener Schlüssel sei nicht der richtige, behauptete sie, sie hätte mir schon den richtigen gegeben. Schließlich sagte Torsten, sind wir hinein und legte ich sie in ihr Bett.

Er hat dann noch Betty, seine Schwester verständigt, die sich Mutter medizinisch angesehen hat. Als Ärztin ist sie die Einzige, die sie an sich ranlässt. Sonst lehnt sie alles ab! Aber Fred, du kannst dir nicht vorstellen, wie es in der Wohnung aussah. Total verwahrlost! Und nichts funktionierte: kein Warmwasser, überall dreckiges Geschirr in der Küche. Nicht mal händisch abwaschen ging, weil Siphon samt Boiler kaputt waren.

Freds Geschwister haben sich daraufhin getroffen. Zum ersten Mal in ihren Leben Krisensitzung. Um herauszufinden, was passiert war, wie es so weit kommen konnte. Warum ließ sich ihre Mutter nur so gehen? Warum sagte sie nicht einfach, dass sie Hilfe brauchte? Fragen dieser Art schwebten im Raum. Alle waren so betroffen, dass sie nicht einmal den Versuch unternahmen, es sich gegenseitig zu erklären und nach Antworten zu suchen. Irgendwie waren sie alle unfähig, über diese Dinge zu reden. Waren sie allzu sehr betroffen? - Als zum Beispiel ihr Vatergestorben war, hatten sie nie darüber geredet. Dabei wusste jeder von ihnen, wie es sich anfühlte. Nie aber hatte jemand von ihnen darüber geredet. Nie!

Sie ist meine Mutter. Das wird sie immer bleiben. Sie hat mich auf die Welt gebracht, sagte Fred. Worauf sein Bruder Walter plötzlich heftig wurde: Was das soll, diese Ansage von ihm. Sie wäre doch alt genug, er empfände keinerlei Verpflichtung ihr gegenüber. - Aber sie sei krank, hat ein Nervenleiden und merkbare Demenz, warf Betty sachlich ein. Ich werde sie zu einem Facharzt bringen, ob sie will oder nicht. - Tatsache ist, dass sie immer mehr zum Pflegefall wird, sagte sein ältester Bruder Torsten abschließend. Besser wird’s sicher nicht werden.

Sie einigten sich darauf, zuerst die Sanitärsachen, also den Wasserzu- und Ablauf samt Untertischboiler von einem Installateur reparieren zu lassen. Einen Kostenvoranschlag für die Heiztherme einzuholen und einen gemeinsamen Putzeinsatz in der Wohnung zu starten, um das Schlimmste zu beheben. Damit Mutter die Wohnung wenigstens wieder nutzen konnte, wenn ihr Zustand sich verschlimmern sollte. Als Ausweichort, um nicht den weiten Weg nach Hollabrunn im Auto antreten zu müssen.

Als Fred die Wohnung, in der er groß geworden war, zum ersten Mal nach vielen Jahren wieder betrat, war er um einiges früher da als der Installateur. Er wollte sich zuerst einmal allein einen Eindruck verschaffen. Gleich beim Eingang im Vorzimmer stand ein alter, hoher Kühlschrank, der das Fenster verstellte und nur wenig Licht hereinließ. Das Vorzimmer war seiner Erinnerung nach immer so hell gewesen … und der lange, schöne Perserteppich, den seine Mutter einmal angeschafft hatte, war jetzt mit einer ekligen Staub- und Dreckschicht bedeckt. Scham und ein bitterer Geschmack von Trauer überkamen ihn. Überall an den Bodenrändern lag der Lurch in Bahnen. Ein großer Haufen alter Schuhe lag herum. Die Vorhänge hingen grau und dreckig vor den Fenstern.

In seinen schlimmsten WG-Zeiten sahen die Küchen nicht so aus wie diese hier. Das Geschirr war aufgetürmt. In den Küchenkästen gab es kein einziges sauberes Teil mehr, das man hätte entnehmen können. Dem Installateur wollte, konnte er diese Wahrheit nicht vorsetzen. Unmöglich! Er genierte sich und erzählte ihm, dass seine Mutter die Wohnung vermietet gehabt und jetzt zurückbekommen hatte, eben in diesem erbärmlichen Zustand, wie er sähe. - Machen Sie sich nichts draus, hatte der darauf gesagt, habe schon Schlimmeres gesehen. - Er solle sich nur die kaputten Teile anschauen und ihm einen Kostenvoranschlag zukommen lassen.

Nachdem der Warmwasserboiler samt Armatur in der Küche repariert worden war, veranstalteten seine Geschwister und er eine Putzaktion. Nur die über dreißig Jahre alte Heiztherme im Badezimmer hatten sie nicht tauschen lassen. Viertausend Euro war ihnen allen zuviel. Hatten ihnen schon die anderen Kosten für die Küche genügt. Seine Schwester stürzte sich auf das Badezimmer, sein Bruder Walter auf den Boden. Torsten und Fred begannen in der Küche das aufgestapelte Geschirr wegzuwaschen, um später die horizontalen und vertikalen Flächen der Kästen zu reinigen. Besser nicht denken, sagte er sich. Was machte das alles für einen Sinn? Zu viele unbeantwortete Fragen erzeugten ihm nur Kopfschmerzen. Wenn man darüber nachdachte, konnte einem das den Lebensnerv rauben. Dennoch machte es traurig. All die verpassten Situationen.

Fred erinnerte sich, als er mit Mutter einmal über Glück sprach. Sie erzählte ihm, wie sie kurz vor ihrem Abschluss der Matura-Klasse stand und den Sommer über Geld verdienen wollte. Am besten in einer großen Versicherung, dachte sie. Nur auf dem Bewerbungsformular stand, dass man mit dem Ausfüllen gleichzeitig der sozialistischen Partei beitrat, und damit hatte sie ein Problem. Darüber wollte sie mit dem Personalchef nochmal reden. Alles war hier so aufregend und neu für sie. Und während sie sich in der Schule als die Wissende und erfolgreiche Maturantin fühlte, kam sie sich hier so klein und unwissend vor. Als sie in diesem Gebäude herumirrte, sprach sie ein freundlicher Herr an: Wo wollen Sie denn hin? - In den sechsten Stock zum Chef der Personalabteilung. - Zuvorkommend zeigte er ihr den Weg. Sie kam bis zur Sekretärin, dort war Endstation. Er ist nicht zu sprechen. In einer wichtigen Konferenz, sagte die Sekretärin. – Gut, dann warte ich eben draußen. Drei Stunden wartete sie, bis sie empfangen wurde. Der Personalchef war der Neffe des damals amtierenden Bundespräsidenten, ein großer schlanker Mann mit höflichem Umgang. Mutter spielte das kleine Mädchen aus armer Familie. Geduldig nahm er ihre Daten auf. Danach fragte sie, was jetzt. - Ja, Sie sind genommen. Sie werden von uns noch schriftlich verständigt. Der Beitritt zur Partei war auf einmal unter den Tisch gefallen.

Sie fragte sich, wie man es anders als Glück bezeichnen konnte; denn dass sie ohne Parteizugehörigkeit und Bestechung einen Job bekommen hatte, war damals ein Wunder, nicht nur in ihren Augen. Zufrieden wollte sie sich trotzdem nicht geben. Noch eine andere Möglichkeit fiel ihr ein. Sie hatte da so eine Bank im Kopf. Da würde sie vielleicht sogar noch besser verdienen können. Ein Freund einer guten Bekannten, die bei ihrer Familie ein und aus ging, arbeitete dort. Und er war es auch, der sie auf die Idee brachte, sich dort zu bewerben. Als es dann wirklich dazu kam, war dem wohlsituierten Herrn aber auf einmal gar nicht mehr wohl. Ganz aufgeregt hatte er Mutter zu sich gerufen und ihr ins Gewissen geredet, sie solle ihm auf gar keinen Fall Schande bereiten.

Zu dieser Zeit war Mutter gerade mit ihrem Bruder Fritz zerstritten. Wenn er nach Hause kam, verschwand sie in ihr Kabinett. Ihre Mutter hat immer zu vermitteln versucht: Schau, was die Lisi jetzt macht. Sie hat sich in der Bank beworben. Und als Fritz, der fertige Jurist, den Bewerbungsbogen in die Hände bekam, um einen Blick drauf zu werfen, fiel sein Blick gleich auf einen Fehler: Statt dem abgefragten Mädchennamen der Mutter hatte sie den Vornamen der Mutter hingeschrieben. Gleich machte er ihr eine Szene, was sie nicht für ein Trampel wäre, der nicht einmal die einfachsten Dinge wusste.

Die Beleidigungen ihres Bruders nahmen kein Ende und drangen bis in ihr Zimmer vor, in das sie sich wieder einmal geflüchtet hatte. Und sie ärgerte sich derart, dass sie beschloss, sich einen neuen Bewerbungsbogen zu besorgen. Bei dieser Gelegenheit zeigte ihr die Sekretärin den Stapel an Bewerbungen und meinte, dass es sowieso aussichtslos wäre. Da traf sie zufällig auf einen netten Mann, der auch zum Personalchef wollte. Sie blieb mit ihm draußen vor der Tür am Gang stehen und begann, mit ihm ein Gespräch über Schmetterlinge und Botanik zu führen. Sie erzählte ihm, dass Tintenflecken ihren Bewerbungsbogen verschmutzt hätten und sie deswegen einen neuen benötigte. Als die vorbeilaufenden Leute den Mann devot und freundlich grüßten, wunderte sie sich. Was sind denn alle Menschen hier so nett, fragte sie sich. Erst später erfuhr sie, dass dieser Mann auch eine Führungskraft war. Und Mutter fragte sich, was sie damals nur an sich gehabt hatte, dass sie auch diesen Job bekam, obwohl sie ein Niemand war. Wenn nicht einmal die Tochter vom Chef der Rechtsabteilung in dieser Bank unterkam.

Fred stand mit seinem Bruder, der sich das Geschirr vorgenommen hatte, in der Küche, während er die mit dunklem Holz furnierten Kästen samt Metallgriffen putzte. Er versuchte es zumindest; denn so einfach ging der Dreck nicht weg. Es war so verschmutzt, als ob man mit klebrigen Fingern alles abgegrapscht hätte. Wie war das nur möglich, fragte er sich. So was hatte er noch nie erlebt! Nur die stärksten, aggressivsten Mittel konnten da helfen. Schau, sagte sein Bruder, da sind Ananasdosen - über zwanzig Jahre alt! - Was ist nur alles passiert seither? - Was spielt das schon für eine Rolle, sagte Fred. Hier ist gestern wie heute. Erinnerst du dich, als die Oma noch lebte und wir mit ihr durch die Wohnung jagten. Sie mit dem Teppichpracker hinter uns her. Nie hat sie uns erwischt. Warum war Großmutter bloß so verbittert? – Verbittert, fragte sein Bruder. Das weiß ich gar nicht. - Doch das war sie, sagte Fred. Kennst du das Foto anlässlich ihres 75. Geburtstags, zwei Jahre vor ihrem Tod? – Nein, kenn ich nicht. Hab ich jetzt nicht vor Augen. - Ich aber. Da steht sie da in ihrem besten Kleid mit Goldkette um den Hals und posiert mit fest zugekniffenen Lippen, dass einem Angst und bang werden könnte. Verstehst du das? An ihrem Tag, ihrem Geburtstag! Sie steht da, als ob sie total sauer wäre. Auf was? Auf wen? Unter der Oberfläche explodierte sie förmlich. Vielleicht hatte alles mit dem übertriebenen Ehrgeiz seiner Großmutter begonnen, dachte Fred. Als Oberschwester im Spital, die einen Arzt heiraten wollte. Der hatte sie jedoch wegen Standesunterschieds abgewiesen. Was für ein Schlag, was für eine Kränkung!

Schließlich hat ihr Leben eine völlig andere Richtung genommen. Sie hat einen Polizisten geheiratet und drei Kinder geboren. Während Großmutter zu Hause das Kommando nicht aus den Händen gab, flüchtete sich ihr Mann in die Arbeit oder die Natur. Ein gemütlicher Mann, der sich bei der Polizei als Hundeführer verdingte. Hunde und Natur liebte er über alles. Ihren Ehrgeiz steckte Großmutter von nun an in ihre beiden Buben: Leopold und Fritz. Ihnen wurde jede Unterstützung zuteil, während für Mutter, die Jüngste und obendrein ein Mädchen, nichts mehr blieb. Die beiden Buben nahmen ihre Chancen auch wahr. Leopold wurde Primararzt und Fritz erfolgreicher Wirtschaftsanwalt. Mutter blieb auf der Strecke.

Weißt du, hat Mutter einmal zu Fred gesagt, ich habe in meiner Jugend so viel Glück gehabt. Glück kommt mir vor wie ein Bankkonto. Anfangs hatte ich viel davon. Aber irgendwann, ich weiß nicht genau wann, war es auf einmal leer. Mein Glück war einfach zu Ende, aufgebraucht: Glücksende. Seither habe ich nie mehr den Dreh gefunden, das Konto wieder aufzufüllen. - Schrecklich, dachte Fred. Glück nur im Außen zu sehen: im Job, im Geld, in der Partnerschaft. Ohne Hoffnung und ohne Aussicht auf Änderung. Gleichzeitig aber spürte er eine Gewissheit in sich, dass sich etwas in ihm gegen diese Aussichtslosigkeit auflehnte. Ist Glück nicht mehr im Innen zu suchen?, fragte er sich. Mehr ein Lebenszustand, den man sich auf ewig bewahren kann?

Fritz Schuler
(Anfangskapitel aus dem Roman „Glücksende“ - in Entstehung)

www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise |Inventarnummer: 16149

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