Verkalkt

Es sind wohl wahre Worte, die F. Scott Fitzgerald geschrieben hat, als er Folgendes zu Papier brachte: ‘Mit achtzehn sind unsere Überzeugungen Berge, von denen wir herunterschauen; mit fünfundvierzig sind es Höhlen, in denen wir uns verstecken.’

Die Hellsicht dieses Satzes verblüfft mich, denn sein Schöpfer pflegte eine Lebensführung, welche meiner nicht unähnlich ist, und ich weiß, wie schwer es ist, einen so wahren Satz zu formulieren.
Nun, Mr. Fitzgerald, Sie hatten recht, wie auch mit Ihrer These, dass man eine Kurzgeschichte ohne Weiteres mit dem Glas in der Hand schreiben kann. Prost!

Meine Freundin, sie ist fünfundvierzig, ich noch nicht, ist eine Frau von festen Überzeugungen, welche mit meinem Lebenswandel hin und wieder kollidieren. Sie ist der Ansicht, dass unser Badezimmer jeden Freitag geputzt zu werden hat, was mir letzte Woche einfach nicht gelingen konnte.
„Michael, die Kalkflecken auf den Armaturen, die wohl nur von Spritzwasser herrühren können, sind mir ein Dorn im Auge!“, konstatierte sie, und ihr strenger Blick ließ mich vermuten, dass es mit dem vorehelichen Vollzug an diesem Abend nichts werden würde.

Verzweifelt ob dieser Tatsache, griff ich, ich gestehe dies, zu einer Lüge, um keine Not leiden zu müssen.
„Maria“, sagte ich, „ich habe das Bad gestern geputzt. Während du in der Fabrik am Fließband standest, um das Geld für unsere Lebensmittel zu verdienen, habe ich vier Stunden lang geputzt.“ Ich setzte meinen treuherzigsten Hundeblick auf und fuhr fort: „Ich weiß natürlich, dass es dir höchst unrecht ist, wenn ich das Badezimmer bereits am Donnerstag auf Hochglanz bringe, doch gestern überkam mich ein Anfall von Reinlichkeit. Danach war ich verschwitzt und habe geduscht, damit ich nicht übel rieche, wenn du nach Hause kommst, und dabei sind die Flecken wohl entstanden.“

Sie sah mich entgeistert an, dann sagte sie schroff: „Michael, für die Lebensmittel, die du konsumierst, kommt immer noch deine Frau Mama auf. Von meinem Geld kaufst du bloß Bier, und das in Unmengen. Außerdem“, nun wurde sie laut, „was faselst du von Donnerstag? Heute ist Samstag!“

In diesem Augenblick wurde mir bewusst, dass ich einen Tag verloren hatte. Ich lief zum Kühlschrank und leerte eine Flasche Bier in fünf Zügen. Dann sagte ich zu Maria: „Ich kläre die Sache auf und bin in dreißig Minuten zurück.“
In meinem Stammlokal fragte ich den Wirt, der wirklich so heißt: „Stief, sag, mein Alter, wie viel habe ich in den letzten Tagen getrunken?“
„Mehr als du bezahlen konntest, mein Alter“, lautete Stiefs Antwort. „Soll ich dir sagen, wie viele Biere du hast anschreiben lassen?“
„Nein, nicht heute“, gab ich zurück und dachte instinktiv an meine Freundin und deren Gehaltskonto.

Zerknirscht ging ich nach Hause, wo ein Badezimmer auf mich wartete, das nagelneu nicht besser ausgesehen hatte. Um weitere Misshelligkeiten mit Maria zu vermeiden, ließ ich mir ein armaturschonendes Bad ohne Schaum ein und legte mich dann zu ihr ins Bett.
Meine zarten Annäherungsversuche ließ sie zwar ins Leere laufen, doch als ich ihr von der ihrem Kontostand bevorstehenden Rechnung in meinem Stammlokal erzählte, begann sie doch noch zu stöhnen.

Michael Timoschek
Erstveröffentlichung in der Schweizer Zeitschrift „Bierglaslyrik“, Ausgabe 33, Februar 2016

www.verdichtet.at | Kategorie: süffig |Inventarnummer: 17154

image_print

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *