Heute gab es Taube

Als ich heute Morgen erwachte, ahnte ich, dass dieser Tag ein besonderer werden würde - und ich sollte recht behalten.
Nach dem Aufstehen saß ich in meiner Bleibe und grübelte und haderte mit meinem Schicksal. Ich bin nämlich arbeitslos, ein Umstand, der meiner Ehrlichkeit geschuldet ist.
Als Vorstandsmitglied einer großen Bank hatte ich viele Jahre lang mein Bestes gegeben, um mein Geldhaus ‘auf Kurs zu halten’, so wurde die Tätigkeit des Vorstandes intern bezeichnet. Diese beinhaltete von Einflussnahme auf Politiker über Bestechung bis hin zum Diebstahl alles, was nicht an die Öffentlichkeit dringen darf.

Eines Tages wurde mir das Wissen um diese Machenschaften zu einer derart schweren Bürde, dass ich an die Öffentlichkeit gehen musste - sonst hätte ich mich nie wieder im Spiegel ansehen können. Ich verfasste ein Dossier über die Verbrechen meiner Kollegen, ließ es sämtlichen Tageszeitungen zukommen - und wurde gefeuert.
Ich verlor meine schöne Wohnung, meine Ehefrau ließ sich von mir scheiden, und am Ende stand ich mittellos da. Ich versuchte natürlich, eine Stelle zu finden, doch wusste mein ehemaliger Arbeitgeber dies zu verhindern. Die Drohung, sämtliche Geschäftsbeziehungen zu Unternehmen, die mich einstellen würden, abzubrechen, verfehlte ihre Wirkung nicht, und so kam es, dass alle meine Bewerbungen abgewiesen wurden.

Ab und an kam es vor, dass mir Personalchefs unter vier Augen eröffneten, dass sie meinen Schritt an die Öffentlichkeit nachvollziehen konnten, doch wäre es aufgrund meiner daraus resultierenden Bekanntheit unmöglich, mich zu beschäftigen. Auf der Straße wurde ich von vielen Menschen angesprochen, die mich zu meinem Mut beglückwünschten. Stets bedankte ich mich freundlich lächelnd, doch in mir wuchs die Vermutung, dass diese Leute mich zwar wortreich lobten, insgeheim jedoch verachteten, denn ich hatte es schließlich gewagt, aus dem System auszubrechen, um nicht länger im Geläuf der Lemminge gefangen zu sein.

Ich gelangte zur Erkenntnis, dass die Menschen zwar wünschen, mutiger zu sein, aber fürchten, dass ihnen aus diesem Mut Nachteile erwachsen könnten - also lassen sie es gleich bleiben und delektieren sich lieber am Fall eines Mutigen, der es wenigstens versucht hat.

Jedenfalls, heute besuchte mich der Vorstandsvorsitzende meiner ehemaligen Bank. Ich weiß nicht, woher er erfahren hatte, dass ich mittlerweile nicht mehr in meiner alten Wohnung anzutreffen war. Er stand vor meiner Bleibe und drückte mir hämisch grinsend eine Flasche billigen Wein in die Hand.
„Lass ihn dir schmecken!“, sagte er. „Ich erinnere mich noch gut an deine Einladungen. Dein Perlhuhn war immer ausgezeichnet. Wenn du wieder grillst, trinke diesen Wein.“
Dann ging er mit schnellen Schritten davon.

Ich war zwar verärgert über den Fusel, doch freute ich mich auch ein wenig über das Geschenk, denn Wein zu kaufen ist mir momentan nur sehr selten möglich.
Mein Mitbewohner Ndugu warf begehrliche Blicke auf die Flasche, und ich versprach ihm, sie mit ihm zu leeren. Ndugu ist Chirurg, doch wird seine Ausbildung hierzulande nicht anerkannt, also darf er seiner Berufung, nämlich Menschen zu helfen, nicht nachgehen.
Eines Tages stand er da und eröffnete mir, dass er bleiben würde. Er hätte es satt, aufgrund seiner Hautfarbe angepöbelt und von der Polizei ständig nach Drogen durchsucht zu werden.

Ich bin froh, dass ich einen Mitbewohner habe - zu zweit wohnt man einfach sicherer; und auch angenehmer, wenn man ein ähnliches Schicksal teilt.
Ndugu hatte seine Heimat verlassen müssen, weil er mutig gewesen war. Er hatte gegen die Führung des Landes demonstriert und wäre vor Gericht gestellt und wohl auch hingerichtet worden, hätte er das Land nicht fluchtartig verlassen.

Wir unterhalten uns oft auf Englisch über die verschiedensten Dinge, was uns davor bewahrt, intellektuell abzustumpfen. Ich war der Ansicht, dass er als Arzt nicht für die Jagd geschaffen wäre - doch weit gefehlt!
Heute verließ er unsere Bleibe für etwa eine Stunde und kehrte mit zwei Tauben zurück, die er gefangen hatte. Nachdem er sie gerupft und ausgenommen hatte, wobei ihm eine alte Bierdose gute Dienste leistete, grillte ich die Tauben über einem offenen Feuer. Das Holz dafür fand ich unweit der Brücke, die das Dach über unseren Köpfen bildet.
Die Flasche Wein haben wir gemeinsam ausgetrunken, und nun, da die Nacht kalt zu werden verspricht, werde ich ein paar Zeitungen stehlen, damit wir uns in unseren Kartons wenigstens ein bisschen zudecken können.

Michael Timoschek

www.verdichtet.at | Kategorie: Lesebissen |Inventarnummer: 17006

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