Der Jagderfolg

Ich saß vor dem Häuschen meiner Eltern und las eine Kurzgeschichte, die in einer Literaturzeitschrift erschienen war. Ich war so vertieft in die Erzählung, dass ich auf den Mann, der an unserem Gartentor lehnte, erst aufmerksam wurde, als er mir höhnisch zurief: „Ist ja klar: Der Schreiberling sitzt in der Sonne und lässt den Herrgott einen guten Mann sein!”
Ich blickte zum Tor und sah, dass ich von Alois Pöllhammer in meiner Lektüre gestört worden war. Ich legte das Magazin behutsam auf den Boden, dann sprang ich auf und und stürmte auf Pöllhammer zu.
„Was passt dir denn schon wieder nicht, Alois?”, rief ich. Heiß fühlte ich die Zornesröte auf meinem Antlitz.
„Mir passt alles, Michael”, sagte er mit ruhiger Stimme. „Ich habe mir gedacht, dass ich mal durch Gratwein radeln sollte, damit alle Eingeborenen mein neues Mountainbike bewundern können.”

Die Arroganz, die in seinen Worten lag, trieb mich zur Weißglut, doch unwillkürlich warf ich einen Blick auf den Drahtesel. Ich bin wahrlich kein Experte, was geländetaugliche Räder betrifft, doch erkenne ich ein teures Rad, und das von Pöllhammer war definitiv das teuerste, das ich je gesehen hatte.
„Na, Timoschek, was sagst du dazu?”, fragte er und sah mich herausfordernd an.
Ich sagte nichts.
Er begann zu sticheln.
„Mein Bike ist wohl besser als dein klappriges Puch Spezial, das du von deinem Vater übernommen hast, oder? Na ja, als erfolgloser Autor kann man sich eben nicht viel leisten.”
Damit hatte er recht, doch das störte mich nicht. Was mich jedoch störte, war der Knutschfleck, den er auf dem Hals hatte. Dieses Mal stammte nämlich von Sonja Schwaighofer, die Pöllhammer mir zwei Wochen zuvor ausgespannt hatte.
„Na, dann fahre ich wieder heim in mein schönes Haus zu meiner Sonja”, sagte er süffisant und fuhr davon.
Erst wollte ich beschließen, mich nicht aufzuregen, doch dann beschloss ich, es Pöllhammer heimzuzahlen, so erregt war ich.

Der Zufall wollte es, dass sechs Tage nach diesem Vorfall das jährliche Fest der Freiwilligen Feuerwehr in der Gratweiner Mehrzweckhalle stattfand.
Viele Menschen waren gekommen, auch Pöllhammer, und an seiner Seite Sonja Schwaighofer. Sie sah mich, kam auf mich zu und küsste mich zur Begrüßung auf die Wange. Er streckte mir seine Hand herablassend entgegen, und ich schüttelte sie mit meiner.
Ich stellte mich an die Bar und trank ein paar Biere mit meinen Freunden, und es hätte ein angenehmer Abend werden können, wäre Pöllhammer nicht auf die Idee gekommen, mich vor allen Anwesenden demütigen zu wollen.

„Da steht er, der Timoschek, unser Schreiberling!”, grölte er, trunken vom Obstler.
Ich war nicht mehr nüchtern, und da Steirerblut nun einmal kein Himbeersaft ist, geriet ich in Harnisch.
„Und da wankt er, unser Pöllhammer!”, gab ich nicht eben leise zurück. „Er befindet sich in dem Zustand, in dem wir alle ihn nur zu gut kennen.”
„Was willst du damit sagen?”, zischte er.

Die Marktmusikkapelle hatte aufgehört zu spielen, und so kamen immer mehr Menschen von der Tanzfläche an die Bar und wurden Zeugen unserer Konversation.
„Dass du ein Trinker bist, das will ich sagen!”
„Besser ein Säufer als ein armer Schlucker, der sich das Saufen nur zweimal im Monat leisten kann!”, rief er.
Ich errötete, ging aber dennoch auf seine Worte ein.
„Ja, ich bin arm. Aber du, Pöllhammer, bist auch nur durch den frühen Tod deines Vaters zu Geld gekommen”, gab ich zu bedenken.

Schlagartig war es still in der Halle, bloß das Geräusch der Bierzapfanlage war zu hören.
Sonja Schwaighofer hatte sich zu ihren Eltern gesellt und beobachtete Alois und mich aus angemessener Distanz.
„Das ist richtig, Timoschek, ich habe viel Geld geerbt - und weiter?”
„Du führst ein Leben in Saus und Braus, trägst die teuersten Anzüge, fährst die schnellsten Autos - doch am Anfang deines Reichtums steht ein Mord!”, rief ich.

Die Zapfanlage verstummte.
„Was sagst du da, du Gauner?”, rief er.
„Die Wahrheit, du Halunke!”, brüllte ich. „Wie war das denn mit dem Tod deines Alten?”, fuhr ich fort. „Ihr wart doch an diesem Tag, als er seinen Jagdunfall gehabt hat, zu zweit in eurem Revier!”
„Woher willst du das wissen, Timoschek?”
„Ich habe euch beobachtet.”
„Was?”, schrie er.
„Ich war Schwammerl suchen und habe gehört und gesehen, wie du mit deinem Vater wegen Geld gestritten hast. Und dann ist er gestorben.”
„Ich habe oft mit meinem Alten gestritten, das stimmt schon, aber nie wegen Geld!”
„Natürlich wegen Geld, Pöllhammer!”, brüllte ich. „Ein paar Tage, bevor du deinen Alten um die Ecke gebracht hast, hat er deine Saufschulden in sämtlichen Wirtshäusern bezahlt und den Wirtsleuten aufgetragen, dich nie wieder anschreiben zu lassen. Er hat auch zu jedem einzelnen Wirt gesagt, dass er dir kein Geld mehr geben wird, weil du immer alles, was er dir gibt, gleich versäufst oder nach Graz zu den Huren trägst!”
„Das ist eine Lüge, Timoschek!”
„Nein, das stimmt schon! Viele hier in der Mehrzweckhalle könnten das bezeugen, denn sie sitzen ständig im Gasthaus! Jedenfalls, nachdem du deinen Vater in eurem Jagdrevier erlegt hast, hast du sein Sägewerk schnell zu Geld gemacht und lebst nun in Saus und Braus.”
„Das war ein Unfall!”, schrie er.
„Dass sich zwei Schüsse aus deiner Flinte gelöst haben? Nein, mein Böser, das war bei Gott kein Unfall! Ich habe es ja gesehen: Dein Vater hat dir gesagt, dass er am nächsten Tag sein Testament ändern würde, und da musstest du eben handeln!”, rief ich.

Dann fühlte ich, dass es an der Zeit war, die doch etwas bedrückte Stimmung in der Halle aufzulockern, also stellte ich Alois eine Frage, um ihn daraufhin abzuklopfen, ob er ein guter Jäger war.
„Sag, Pöllhammer, hast du deinem Alten wenigstens die letzte Äsung zuteilwerden lassen? Hast du ihm einen Zweig in den Mund gesteckt? Ich bin nämlich davongelaufen, nachdem du ihn erlegt hast.”
„Ich habe ihn nicht erlegt, du Falott! Zwei Schüsse haben sich aus meiner Flinte gelöst, und er wurde das Opfer eines Unglücks!”
„Zwei Schüsse aus einer einläufigen Flinte”, stellte ich fest und blickte die Umstehenden an.
„Ein technisches Versagen, sonst nichts!”, zischte Pöllhammer.
„Natürlich handelt es sich um ein solches. Vor allem, wenn man eine Kipplaufflinte in der Hand hält!”

Ich musste unwillkürlich lachen.
„Die Polizei hat auch festgestellt, dass es ein Unfall war”, sagte er und sah mich triumphierend an.
„Natürlich hat sie das, Alois. War der damalige Postenkommandant nicht der Bruder des Vorarbeiters im Sägewerk deines Alten? Und konnten sich die beiden Herren nach diesem Unglück nicht ihre Häuser bauen, das eine mit einem Schwimmteich, und das andere sogar mit einer riesigen Voliere für Graupapageien?”
„Warum hast du mich nicht angezeigt, Timoschek?”
„Das hätte doch nichts gebracht, Pöllhammer. Es gibt in jedem Dorf die Gleichen, und es gibt die Gleicheren. Außerdem ist es um deinen Alten nicht schade.”
Alois Pöllhammer kam auf mich zu, verabreichte mir eine Ohrfeige, dann drehte er sich um, rief: „Ein Schreiberling eben - so einer erfindet gerne Geschichten!” und stürmte aus der Halle.

Ich rieb meine Backe und sagte zu den Festbesuchern: „Es tut mir leid. Ich wollte euch den Abend nicht verderben, aber das musste gesagt werden.”
Der Bürgermeister kam zu mir, klopfte mir auf die Schulter und sagte: „Es ist, wie es ist.”

Dann kam Sonja Schwaighofer, küsste mich auf die nicht schmerzende Wange und flüsterte: „Pöllhammer wird bald kein Geld mehr haben, wenn er es weiterhin mit beiden Händen rauswirft. Dass er seinen Vater umgebracht hat, habe ich gar nicht gewusst, ehrlich. Na ja, ich wollte ihn morgen ohnehin verlassen und zu dir zurückkommen.”
Ich lächelte wissend und nahm sie zurück.

Michael Timoschek

www.verdichtet.at | Kategorie: drah di ned um | Inventarnummer: 16088

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