Veronika geht

Der Abschied von dem Mann, mit dem sie seit siebzehn Jahren verheiratet war, fiel Veronika leicht. Sie führten keine schlechte Ehe, doch eine, in der sie einander alles gesagt hatten, was sie dem anderen jemals hätten sagen können.
Ihre beiden Töchter gingen zur Schule, lernten gut und führten das normale Leben von Teenagern, Peter, Veronikas Ehemann, besaß eine gut gehende Firma und Veronika selbst führte das geruhsame Leben einer betuchten Hausfrau.

“Wir sehen uns in drei Wochen wieder, Peter”, sagte sie, bevor sie in das Flugzeug stieg, das sie nach Spanien bringen würde, und gab ihm einen Kuss auf die Wange.
“Erhol dich gut, Veronika”, sagte Peter, nachdem er ihren Kuss erwidert hatte.
Dann bestieg sie das Flugzeug und sah freudig ihrem Urlaub in Madrid entgegen.
Dass sie nicht zurückkommen sollte, wussten zu diesem Zeitpunkt weder sie noch ihr Mann.

“Darf ich mich an Ihren Tisch setzen?”, hörte Veronika, als sie nach einem Museumsbesuch in einer Bar saß und an einem Gin Tonic nippte. Der Mann, der ihr diese Frage gestellt hatte, war ungefähr in ihrem Alter und stellte sich als Arturo vor.
Veronika bejahte und im Laufe des Gesprächs, das sich zwischen ihnen entwickelte, erfuhr sie, dass er sein altes Leben als Rechtsanwalt hinter sich gelassen und sich auf die Suche nach dem Sinn seines Lebens begeben hatte.

“Sie sprechen akzentfrei Deutsch, obwohl sie offensichtlich Spanier sind. Wie kommt das?”, fragte sie.
“Von meinem Aussehen her bin ich in der Tat Spanier, doch bin ich bei meiner Mutter in Berlin aufgewachsen. Mein Vater, er war Anwalt in Madrid, ist bei einem Unfall gestorben, als ich drei Jahre alt war”, führte er aus. “Und da meine Mutter Berlinerin war und als junge Witwe nicht alleine in Spanien bleiben wollte, ist sie mit mir in ihre Heimatstadt gezogen.”
“Wie kamen sie dann wieder hierher?”, fragte sie.
“Nach dem Abitur habe ich in Madrid Rechtswissenschaften studiert und den Beruf meines Vaters ergriffen. Damals wollte ich, wie ich heute weiß, meinem Vater, den ich nie wirklich kennenlernen durfte, nahe sein. Ich habe Spanischkurse belegt und mich durch das Studium gequält.” Er lachte. “Heute weiß ich, dass es eine Fehlentscheidung war.”

“Warum war das falsch, Arturo? Ich denke, wir sollten uns duzen, wenn Sie nichts dagegen haben”, sagte Veronika.
“Natürlich, Veronika. Es war falsch, weil man keinem Menschen nahe sein kann, den man bloß von ein paar alten Fotos kennt.”
“Das stimmt”, sagte sie. “Oft ist es sogar so, dass man einen Menschen, mit dem man seit langer Zeit zusammenlebt, kaum kennt, weil man sich einfach nichts mehr zu sagen hat und einander so annimmt oder hinnimmt, wie man sich eben kennt. Einfach um die Ordnung, an die man sich gewöhnt hat, aufrecht zu halten.”
Veronika seufzte.
“Du sprichst von deinem Mann, oder?”, fragte er, obwohl er wusste, dass es eine rhetorische Frage war.
“Bist du verheiratet, Arturo?”, fragte sie und hoffte, dass seine Antwort bejahend wäre.

Veronika fühlte sich zu dem Mann hingezogen. Er war der erste Mensch seit vielen Jahren, von dem sie sich verstanden fühlte. Eine innere Stimme sagte ihr, dass sie ihr Getränk bezahlen und die Bar verlassen sollte, doch sie brachte es nicht fertig, dieser Stimme zu gehorchen.
“Nein, ich bin geschieden”, gab er zurück.
“Wo willst du denn zu dir finden, Arturo? Hier in Madrid?”
“Nein, Veronika. Ich werde morgen abreisen und aufs Land fahren.”
“Wohin?”
“In die Nähe von Sevilla. Dort gibt es ein kleines Dorf, das an einem wunderschönen Bächlein liegt. Dort ist es ruhig, es ist beinahe so still wie das Kloster, in dem ich ein Zimmer habe.”
“Das klingt nach Einsamkeit”, warf Veronika ein.
“Nein. Einsamkeit ist etwas Leidvolles, Ruhe hingegen ist etwas Schönes.”
Sie überlegte, bevor sie weitersprach.
“Dann klingt es gut und wird dir bestimmt guttun.”
“Begleite mich”, schlug er vor.
Ihre innere Stimme befahl ihr aufzustehen und zu gehen, doch Veronika bestellte einen weiteren Gin Tonic, und sie und Arturo sprachen bis Mitternacht über ihre Leben, ihre Träume und darüber, dass Wünsche hin und wieder in Erfüllung gehen.

“Du hattest recht, Arturo. Dieser Bach ist wunderschön”, sagte Veronika.
“Es freut mich, dass er dir gefällt. Darf ich dir eine Frage stellen?”
“Ja. An diesem Ort darfst du mich alles fragen.”
“Hast du schon einmal daran gedacht, alles hinter dir zu lassen?”
“Sprichst du von Selbstmord?”, fragte sie mit gespieltem Entsetzen. Sie wollte Zeit gewinnen, um sich eine Antwort überlegen zu können.
Doch dann beantwortete sie ihre eigene Frage.
“Nein, von so etwas sprichst du natürlich nicht. Die Antwort ist ja. Ich habe schon etliche Male daran gedacht, mein Leben zu ändern, und zwar radikal.”
“Warum hast du es dann nicht gemacht?”
Sie überlegte.
“Weil ich zu feige bin.”
Wieder dachte sie nach.
“Nein, Arturo!”, rief sie. “Weil ich zu sehr an meinen Status gewöhnt war.”
Das letzte Wort betonte sie.

Arturo legte seinen Arm um ihre Schulter, und sie ließ es nicht bloß zu, sie genoss es. Nie zuvor war sie an einen Menschen geraten, der sie dazu brachte zu erkennen, dass sie ihr eigenes Leben an sich hatte vorbeiziehen lassen - und noch schlimmer. Sie hatte sich selbst dabei beobachtet, wie sie eine gute Mutter war und eine Ehefrau, die ihrem Mann in allen Belangen den Rücken freigehalten und alle außerehelichen Verhältnisse stumm ertragen hatte; und das nur, um den schönen Schein zu wahren.

“Hast du deine Frau geliebt, Arturo?”, fragte sie.
“Ja, sehr. Dennoch ist es mir leichtgefallen, sie zu verlassen.”
“Wie hat sie reagiert?”
Veronika fühlte, dass diese Frage eine Indiskretion darstellte, die sie in ihrem gewohnten Leben niemals geäußert hätte, doch gleichzeitig wusste sie, dass sie mit Arturo über alles sprechen konnte.
“Sie hat mich verstanden, wie auch unser erwachsener Sohn.”

Veronika verspürte den Drang, Arturo zu küssen, und als sich ihre Lippen zum ersten Mal berührten, fühlte sie sich frei.
“Was fühlst du jetzt?”, fragte er, nachdem der Kuss geendet hatte.
“Ich fühle, dass ich den ersten Schritt in ein neues Leben gemacht habe.”
“Aufgrund eines Kusses?”, fragte er und sie wusste, dass die Verblüffung, die in seiner Stimme gelegen hatte, ehrlich war.
“Nein, Arturo. Du hast mir die Augen geöffnet. Der Kuss war eine schöne Zugabe, doch es waren die Gespräche mit dir, die mir vor Augen geführt haben, dass ich mein Leben ändern muss, um der Mensch sein zu können, der ich wirklich bin und der sein zu wollen ich vor über zwanzig Jahren aufgegeben habe.”
“Was werden dein Mann und eure Töchter sagen?”
“Das werde ich dir morgen erzählen.”

“Leb wohl, altes Ich”, sagte Veronika und ließ ihr Telefon in das Wasser des Baches gleiten.
“Wie hat deine Familie reagiert?”, fragte Arturo.
“Meine Töchter finden es gut, dass ich endlich ich selbst sein möchte. Ich soll mich ab und an bei ihnen melden, wenn ich zu mir gefunden habe.”
“Nicht viele Kinder reagieren so.”
“Sie haben gesagt, dass sie froh wären, dass ich mit meinem gewohnten Leben abschließe, und wahrscheinlich sind sie auch froh, dass ich ihnen zu Hause nicht mehr auf die Nerven gehe.”

Arturo lachte.
“Was hat denn dein Mann gesagt?”
“Er war emotionslos. Er hat mir zugesichert, mir eine größere Summe Geld zu überweisen und mich im Falle einer Scheidung fair zu behandeln.”
“Wie geht es weiter, Veronika?”
Sie zögerte ihre Antwort hinaus. Weder wollte sie Arturo verlieren, war doch die vorige Nacht, die sie mit ihm verbracht hatte, für sie die schönste seit vielen Jahren gewesen, noch konnte sie bei ihrer Suche nach sich selbst Gesellschaft brauchen.

“Auch ich weiß einen wunderschönen Ort, an dem ich mich finden kann, Arturo”, sagte sie schließlich. “Er liegt in Frankreich und dorthin werde ich morgen für zwei Monate reisen.”
“Was wird nach diesen zwei Monaten sein, Veronika?”, fragte er und sie erkannte am leichten Beben seiner Stimme, dass auch er sie wiedersehen wollte.
“Dann treffen wir uns hier, an genau dieser Stelle, und reden. Ist das für dich in Ordnung?”
“Natürlich ist es das, Veronika.”

Zwei Monate später wartete Veronika am Bach auf den Mann, der sie dazu gebracht hatte, ein neues Leben zu beginnen.
Arturo kam nicht, doch hatte er im Kloster einen Brief für sie hinterlegt. In diesem stand, dass er sich verliebt hätte und der Frau nach Belgien gefolgt wäre. Er wünschte Veronika alles Gute für ihren weiteren Lebensweg und bat sie, ihm nicht böse zu sein.
Veronika, die in Frankreich ebenfalls zarte Liebesbande geknüpft hatte, war erleichtert.
Bevor sie abreiste, ging sie ein letztes Mal zum Bächlein und sprach: “Danke, Arturo. Ohne dich hätte ich nicht den Mut aufgebracht, mein Leben zu leben.”

Michael Timoschek

www.verdichtet.at | Kategorie: verliebt verlobt verboten | Inventarnummer: 16059

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