Brief an Felix

Lieber Felix,

Du wurdest im Jahr 2015 geboren. In diesem Jahr befand sich die Welt in einer Krise, deren Ausgang vorherzusagen mir zu dem Zeitpunkt, an dem ich diese Zeilen im Salzamt zu Papier bringe, nicht möglich ist.
Ich bin jedoch zuversichtlich, dass an dem Tag, an dem Du diesen Brief liest, die Stabilität wieder eingekehrt ist. Irgendwie ist es immer mit der Welt im Allgemeinen und mit Europa im Speziellen weitergegangen. Du kannst auf jeden Fall dankbar sein, dass Du im Herzen Europas aufwächst, einem nunmehrigen Hort der Menschenrechte und einem althergebrachten der Kunst - und das musst Du auch. Kleinere Störgeräusche gab es immer und wird es immer geben, doch im Großen und Ganzen ist hier ein sicheres und lebenswertes Existieren möglich.

Was ich mit Bestimmtheit sagen kann ist, dass Du auf eine gänzlich andere Art und Weise aufwachsen wirst, als meine geliebte Schwester, Deine Mutter, und ich selbst aufwachsen durften.
Nun wirst Du wahrscheinlich schmunzeln, denn unser Aufwachsen wird Dir veraltet, wenn nicht gar archaisch erscheinen. Nun schmunzle auch ich, denn verglichen mit der heutigen Zeit war es das auch. Ich hatte meine erste E-Mail-Adresse im Alter von einundzwanzig Jahren, also, so nehme ich an, zumindest zehn Lebensjahre später als Du.
Du wirst von Kleinkindbeinen an vertraut sein mit modernen Kommunikationsmitteln, wie auch mit dem Internet. Dies ist durchaus zu befürworten: Die Möglichkeit, Informationen binnen Sekunden in mund- oder vielmehr gehirngerechten Happen auf dem Tablet oder Mobiltelefon serviert zu bekommen, ist ebenso begrüßenswert wie verführerisch und wohl auch notwendig.

Jedoch ist nicht alles, was diese drei Adjektive in sich vereint, frei von Gefahren (so wie -fast- alles Gute auch seine negativen Seiten hat - aber das hast Du zu dem Zeitpunkt, an dem Du diesen Text liest, bestimmt schon erfahren müssen).
Ich meine damit keineswegs die Überwachung durch den Staat oder ausländische Geheimdienste oder Augenschäden durch zu lange Interaktion mit einem Display und diesen ganzen Zinnober, denn all das ist unausweichlich und als Tatsache hinzunehmen (bis auf den Augenschaden hoffentlich).
„Was ist ein Mensch ohne Papiere? - Weniger als Papier ohne einen Menschen”, hat Joseph Roth geschrieben.
Heute würde er wohl folgende Worte zu Papier bringen: „Was ist ein Mensch ohne Smartphone? - Weniger als ein Display ohne einen Menschen.”
Joseph Roth war gewiss kein einfacher Mann. Er hatte mit vielen Problemen zu kämpfen und trägt selbst die Hauptschuld an seinem frühen Ableben.
Doch trotz all der Unmenschlichkeit, welcher er ohne sein Zutun ausgesetzt war, und trotz der schlechten Erlebnisse mit anderen Menschen, für die er sehr wohl etwas konnte, hatte er sich eine, nicht nur in der Literatur seltene, Sichtweise bewahrt, und zwar bis, das ist verbürgt, wenigstens zwei Tage vor seinem elenden Tod: die warmherzige Sicht auf die Menschen.
Er hatte die Menschen geliebt, mit all ihren Schwächen, Fehlern und sonstigen Unzulänglichkeiten. Einen charakterlosen Karrieristen hat er mit der selben Empathie porträtiert wie eine leichte Dame oder eine einfache Frau, die nur das Beste für ihr Kind wollte und doch einsam endete.

Du wirst Dich nun fragen, warum ich Joseph Roth in diesem Brief hervorhebe. Nun, lies seine Werke - sie gehören zum Besten, was ich je gelesen habe.
Nein, das ist natürlich nicht der Hauptgrund. Ich will auf gänzlich anderes hinaus.
Die moderne Kommunikationstechnologie ist kein Fluch, doch birgt sie die Gefahr, dass die Menschen in ihrem Denken uniform (gemacht) werden. Sie werden dazu gebracht, im Strom mitzuschwimmen (ich habe einige Male vom ‘Mitlaufen im Geläuf der Lemminge’ geschrieben - aber das ist meine persönliche zynische Sichtweise auf die Gesellschaft).
Du darfst Dich niemals auf das verlassen, was Dir als Wahrheit vorgegaukelt wird. Ich verwende dieses harte Zeitwort bewusst. Natürlich ist es nicht so, dass alles, was im Internet zu lesen steht, eine glatte Lüge ist.
Wenn Du jedoch die dort gefundenen Informationen einseitig betrachtest und sie als selbstverständlich korrekt ansiehst, begibst Du Dich in die Gefahr, Dir ein Urteil zu bilden, ohne die Sachlage kritisch von mehreren Seiten betrachtet zu haben.

Das Leben hält viele Überraschungen bereit, positive wie auch negative. Die guten tut man allzu oft allzu schnell ab, denn der Mensch erwartet (weil er sich dies naturgemäß wünscht), dass ihm Gutes widerfährt.
Doch auch die schlimmen Dinge (die man, ebenfalls naturgemäß, nicht erwartet hat) haben etwas Gutes - glaube mir, ich weiß wovon ich rede.
Dies zu erkennen erfordert Zeit, und somit Geduld. Ich selbst habe diese Geduld über viele Jahre nicht aufbringen können und habe im Augenblick, also im Affekt, reagiert. Sei vernünftiger als ich, lieber Felix, und habe Geduld.
Die richtige Bewertung einer üblen Sache ist immer immer immer erst dann möglich, wenn man nicht mehr inmitten des mit ihr verbundenen innerlichen Sturmes steht, dann, wenn man mit ihr fertiggeworden ist und sie von außen betrachten kann.
Für diese beiden Bewertungen, sowohl für die von Informationen als auch die des Dir Widerfahrenen, braucht es andere Menschen, und zwar solche aus Fleisch und Blut.
Nur sie können Dir die richtigen Ratschläge geben oder neue Sichtweisen aufzeigen. Die ‘Freunde’ oder ‘Follower’ sind schön und gut, doch die persönliche Kommunikation, die von Angesicht zu Angesicht, ist unerlässlich.

Schon heute, zu meiner Zeit, ist es für jeden einfacher (und ich nehme mich da keineswegs aus), auf den ‘Gefällt-mir-Button’ zu klicken oder ‘Tut mir leid für dich’ auf eine Pinnwand zu schreiben, als sich näher mit Umständen oder Tatsachen zu befassen. Damit ist die Sache dann abgehakt.
Warum ich so kritisch über dieses Thema schreibe: Schon heute hat die Unpersönlichkeit Auswüchse angenommen, die mich erschrecken. Ich fürchte jedoch (und bin mir dessen beinahe sicher), dass sich dieses Phänomen in den nächsten Jahren, also wenn Du aufwächst, noch viel weiter ausprägen wird.
Nun bin ich wieder bei Joseph Roth angelangt.
Du musst einen warmherzigen Blick auf die Menschen richten, vor allem auf die in Deinem persönlichen Umfeld.
Jeder von ihnen hat Fehler, Schwächen und Unzulänglichkeiten, auch Du. (Ich natürlich auch - Deine Mutter wird Dir eines Tages sicherlich von diesen erzählen.) Dafür darfst Du die Menschen nicht verurteilen, vielmehr musst Du sie so sehen und annehmen, wie sie nun einmal sind.

Diesen warmherzigen Blick wirst Du an dem Tag entwickeln, an dem Du Deine Fehler akzeptierst. Ich meine die ‘Fehler’, die Deinen Charakter, Dein Wesen ausmachen - keineswegs solche, die Du leicht beseitigen kannst (denn die sollst und musst Du beseitigen). Schließlich werden wir nur mitsamt unseren ‘Fehlern’, ‘Schwächen’ und ‘Unzulänglichkeiten’ ehrlich akzeptiert und (im Idealfall) aufrichtig geliebt, sozusagen als Gesamtpaket.
Von ihnen wissen wirst Du klarerweise schon lange vor diesem Tag, doch erst wenn Du sie als Teil von Dir annimmst, wirst Du sagen können: „Ich bin ehrlich zu mir selbst und weiß von meinen Fehlern.” Und dann, glaube mir das, kommt der schönste Moment, nämlich der, wenn Du Dir sagst: „Ich stehe zu mir selbst.”
Ich kann Dir nicht sagen, wann dieser Tag kommt, niemand vermag das, doch er wird kommen.
Spätestens von diesem Tag an wird es Dir dann auch gleichgültig sein, was die ‘Leute’ sagen. Das konnte es Dir zwar bereits am Tag Deiner Geburt sein, denn sie sind und waren nie wichtig, doch ist es manchmal schwer, das Gefiepe der Lemminge zu überhören.

Lieber Felix, ich wünsche Dir auf Deinem Lebensweg nur das Beste in allen Belangen.

Michael Timoschek

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 16106

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2 Gedanken zu „Brief an Felix

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