Unfair, fair

Vivien durfte sich von dem erbärmlichen Anblick, den Jeremiahs Eltern abgaben, nicht täuschen lassen. Der erste Schock würde bald überwunden sein und sie würden sich nicht einmal mehr daran erinnern, dass sie einen Sohn hatten. Seine Mutter hatte verheulte Augen und zitterte am ganzen Körper in den Armen ihres Mannes, der offensichtlich seit Tagen nicht geschlafen hatte. Er hob seinen Kopf und starrte Vivien mit leeren Augen an.
Er wusste es. Viviens Herz raste. Sein Blick schien durch sie hindurchzugehen. Er wandte sein Gesicht ab und vergrub es in den zerzausten Haaren seiner Frau. Nein, er konnte es nicht wissen. Dazu war er viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt.
Im ganzen Turnsaal der Schule wuselten andere Eltern herum und versuchten, sich gegenseitig in ihrer Anteilnahme zu übertreffen, während sie heilfroh darüber waren, dass nicht das Foto ihres eigenen Kindes als Plakat an der Wand hing.
Seit fünf Tagen wurde Jerry vermisst, mittlerweile beteiligte sich fast die ganze Vorstadt an der Suche. Auch von außen wurde zusätzliche Hilfe angefordert, Helikopter kreisten über den Wäldern und Suchhunde schnüffelten sich durch die Gegend. Jeremiahs Eltern hatten wirklich Talent, Menschen für ihre Sache zu gewinnen, das musste man ihnen lassen.
Aber sie würden ihn nicht finden.

Vivien wusste, dass es falsch war, einen Lieblingsschüler zu haben, aber diesen aufgeweckten Sechsjährigen konnte man nur gern haben. Sie hatte immer versucht, ihn nicht den anderen Kindern vorzuziehen, was ihr manchmal mehr, manchmal weniger gelang. Im Laufe des letzten Jahres war Jerry immer stiller geworden und Vivien musste mit ansehen, wie sich eine gewisse Traurigkeit über seine kindliche Neugier legte und sie zu ersticken drohte.
Sie war in den ersten drei Tagen immer auf den Beinen, stapfte mit den Suchtrupps durch die Landschaft und heuchelte Jerrys Eltern ihre Anteilnahme vor. Mittlerweile musste sie fast nichts mehr vorheucheln, das Mitleid war echt geworden. Das hatte sie nicht erwartet. Eng umschlungen saßen sie in der Mitte des Turnsaales auf einer alten Turnbank, während um sie herum die Suchtrupps koordiniert wurden und Freiwillige deren Verpflegung herbeischafften. Die Turnbank stand tatsächlich fast genau auf der Mittellinie des im Saal aufgezeichneten Fußballfeldes, genau darüber hing eine Natriumdampflampe und leuchtete den Mittelkreis aus. Vivien hatte sich schon gefragt, ob das Zufall war oder wirklich einer absichtlichen Inszenierung zugrunde lag.
Ihr Herz raste noch immer. Sie riss ihren Blick von Jeremiahs Eltern, steuerte mit schnellen Schritten auf den Hinterausgang zu und stürzte atemlos in die kalte Herbstnacht. Sie wollte sich übergeben, aber der Brechreiz blieb aus. Sie musste jetzt stark bleiben, sie hatte das Richtige getan.
Vivien atmete ein paar Mal tief durch und zwang sich, wieder den Turnsaal zu betreten. Barbara, die Direktorin der Schule, legte im Vorbeigehen ihre Hand sanft auf Viviens Schulter und fragte, ob alles in Ordnung sei. Sie musste ziemlich mitgenommen aussehen. Das war ihr nur recht, als Jerrys Lehrerin musste sie natürlich besonders betroffen wirken. Das wäre sie auch wirklich gewesen, wüsste sie nicht, dass er jetzt an einem besseren Ort war.
Den Rest des Abends verbrachte Vivien damit, die sich abwechselnden Suchtrupps mit Essen und warmen Getränken zu versorgen. Sie versuchte dabei, Jeremiahs Eltern so fern wie möglich zu bleiben, weil sie deren Anblick nur schwer ertragen konnte.

Nach einer fast schlaflosen Nacht saß sie mit einer starken Tasse Kaffee an ihrem Küchentisch und dachte an Jeremiah. Ein herzensgutes Kind, von seinen ignoranten Eltern im Stich gelassen. Man weiß etwas erst zu schätzen, wenn man es verloren hat, dachte Vivien. Im Fall der zwei war dieses Etwas ihr Sohn.
Nun war es zu spät.
Viviens Mitleid für Jerrys Eltern schwand wieder, jetzt, wo sie ihnen nicht in die Augen sehen musste. Sie starrte in die dampfende Kaffeetasse. Warum hatte sie überhaupt Kaffee gemacht, sie war viel zu aufgekratzt, um an Schlaf auch nur zu denken.
Sie sprang auf und rannte ins Badezimmer. Als sie sich über die Kloschüssel beugte, blieb der Brechreiz wie am vorigen Abend wieder aus. Die Spannung zerriss sie innerlich, und es gab nur einen Weg, diese Qual etwas zu lindern.

Vivien musste wissen, wie die Dinge standen, auch wenn das bedeutete, die Vereinbarung zu brechen. Sie musste Lisa fragen. Hastig zog sie ihren braunen Parka an und setzte sich die Pelzkapuze und eine große Sonnenbrille auf. Von ihrer Wohnung bis zum Internetcafe waren es mit dem Auto fünfzehn Minuten. Erleichtert kam sie, ohne jemanden von der Polizei gesehen zu haben, dort an. Sie und ein junger Asiate, der sie nicht beachtete, waren die einzigen dort so früh am Morgen. Auch vom Besitzer war keine Spur zu sehen. Leise arabische Musik drang durch die Lautsprecher aus der Decke. Ohne die Kapuze oder ihre Sonnenbrille abzusetzen, ging sie auf den PC in der Ecke zu und bemühte sich, dabei so gelassen wie möglich auszusehen. Sie warf ein paar säuberlich abgewischte Münzen in den Zähler und loggte sich in das E-Mail Postfach ein, das sie für diesen Zweck angelegt hatte.
Eine neue Nachricht. Vivien starrte auf die Meldung.
Nur Lisa kannte diese Mailadresse. Das bedeutete, sie hatte sich auch nicht an die Abmachung gehalten. War etwas passiert?
„Was haben wir getan. Warum habe ich mich von dir dazu überreden lassen? Wir kommen niemals damit durch. Wir müssen es zugeben. Ich drehe hier noch durch ohne dich. - B“
Es wäre gelogen gewesen, wenn Vivien behauptet hätte, nicht dasselbe gedacht zu haben. Sie überlegte kurz. Hoffentlich hatte Lisa noch nichts Unüberlegtes getan.
„Für Reue ist es zu spät. Es ist auch für mich sehr schwer, aber wir müssen stark bleiben. Erinnere dich daran, warum wir es getan haben. Es ist für alle das Beste, das weißt du. Er wird es auch bald verstehen. Bleib stark, es wird alles gut. - A
P.S.: Ich weiß, dass es ihm bei dir gut geht, du musst auch für ihn die Nerven bewahren. Ich werde bei dir sein, sobald es möglich ist.“

Vivien loggte sich aus, wischte mit ihrem Ärmel die Tastatur ab und verließ das Cafe. Der andere Gast hatte nicht ein einziges Mal den Blick von seinem Bildschirm abgewandt.
Auf dem Weg zur Schule fuhr sie an einer Hundestaffel und einer Gruppe Freiwilliger vorbei. Sie blieb am Straßenrand stehen und versuchte durchzuatmen.
Vivien umklammerte fest das Lenkrad und musste an ihr letztes Gespräch mit Jerrys Eltern denken, drei Monate bevor er verschwunden war.
Zu mehreren Anlässen schon hatte sie Jeremiahs Eltern darauf aufmerksam gemacht, dass ein so aufgewecktes und neugieriges Kind besondere Aufmerksamkeit und Zuwendung brauchte und dass sie als seine Lehrerin nur als Unterstützerin in seiner kindlichen Entwicklung dienen könnte. Für seine Erziehung und Förderung waren sie selbst zuständig. Und jedes Mal kam Vivien vor, als würde sie an den beiden vorbeireden. Ihnen war die Entwicklung ihres Sohnes scheißegal.
Sie beteuerten anfangs noch, Jeremiah in Zukunft mehr Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, aber je öfter Vivien mit ihnen redete, desto weniger strengten sie sich an, dieser lästigen Lehrerin auch nur vorzumachen, um die Entwicklung ihres Sohnes besorgt zu sein. Jeremiahs Vater war mittlerweile sichtlich genervt von den Belehrungsversuchen. Er machte keinen Hehl daraus, dass er mit der Frechheit, die Vivien sich herausnahm, ihm vorzuschreiben, wie er seinen Sohn zu erziehen hatte, nicht wirklich einverstanden war. Er blieb zwar immer höflich, ließ aber keinen Zweifel daran, dass er dieses Gespräch vergessen haben würde, sobald er den Raum verlassen hatte.
Das selbstgefällige Grinsen war im Turnsaal von seinem Gesicht verschwunden. Jeremiahs  Mutter gab sich zwar immer besorgt, war schlussendlich aber die gleiche Ignorantin wie ihr Mann. Was sollte man auch von Eltern, die beide in der Werbung unverschämt viel Geld verdienten, erwarten.

Vivien konnte sich nicht erklären, warum ihr gerade Jerry so am Herzen lag, es gab in ihrer Klasse auch ein paar andere Kinder, denen etwas mehr Aufmerksamkeit guttäte. Er hatte einfach etwas an sich, dem Vivien nicht widerstehen konnte. Warum seine Eltern das nicht so sahen, war ihr rätselhaft. Seine Eltern schlugen ihn nicht, sie ließen ihn nicht ohne Aufsicht allein, sie taten nichts, was eine Intervention von außen rechtfertigte. Sie taten einfach gar nichts.
Wenn er nicht in der Schule war, verbrachte Jerry die meiste Zeit mit den ständig wechselnden Kindermädchen, die sein Vater an- und vermutlich auch abschleppte. Das letzte Gespräch hatte wieder denselben Ausgang genommen. Jerry Eltern versprachen, sich mehr um ihn zu kümmern und schwebten mit ihrem typisch herablassenden Grinsen aus dem Klassenraum. Jerry wäre an der Gleichgültigkeit seiner Eltern noch zugrunde gegangen.

Als sie nach dem Elternabend zuhause ankam, musste sie ihren Frust loswerden. Robert war noch im Büro, also musste sie ihre beste Freundin anrufen.
„Jerry mal wieder, hm?“, wurde sie von Lisa begrüßt.
„Woher wusstest du das?“
„Es ist jetzt kurz nach sechs und wenn ich mich recht erinnere, hattest du heute Elternsprechtag.“
„Es ist einfach nicht fair, die können das arme Kind doch nicht ungestraft so vermurksen.“

Samuel Deisenberger

www.verdichtet.at | Kategorie: drah di ned um …| Inventarnummer: 15064

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