Einleitung zur Schwedenplatzpartie

Elefanten, alles nur nie mehr Elefanten. Die sind ja sowieso blöd, merken sich alles und sind trotzdem groß und stark.
Guter Anfang, gute Geschichte? Nein, glaub ich nicht. Selbst der beste Anfang der Welt kann mit viel Können versaut werden und zu einem minderwertig billig kitschigen Buch, Film, Theaterstück usw. werden. Viel interessanter ist das ja umgekehrt. Einen Anfang machen, der so dermaßen mittelmäßig ist, dass der Mensch immer kurz davor ist, die Beschäftigung mit der jeweiligen Unterhaltungsform abzubrechen, es aber doch nicht tut und dann den Unterhaltungswert immer stärker ansteigen lassen, bis zum finalen Triumph, der alles bisher Dagewesene mehr als nur in den Schatten stellt. So wie gute amerikanische Popmusik, mit Streichern zum Schluss und Klavier am Anfang. Solche Stücke darf man aber als echter Musiker nicht gut finden und muss sich zwingen, nicht laut und voller Inbrunst den letzten tausendmal wiederholten Refrain mitzuplärren, sondern hat die vom nicht vorhandenen Gott auferlegte Pflicht, das Musikstück für schlecht zu halten, weil es schließlich nur für den einfachen Menschen gemacht wurde und nicht für jemanden der sich stolz als musikalisch bezeichnen darf. Gute Musik ist nur dann gut, wenn sie niveauvoll ist, und umso beschissener und unanhörbarer ein Stück Musik ist, umso besser ist es. Apropos Jazz. Allen, die jetzt Wutschweißperlen auf der Stirn haben und Druckstellen an der Stelle, an der sie das Buch/ihren Kindle halten, verursachen, sei gesagt: Ich hab nichts gegen Jazz, nur was gegen die Leute, die den hören und vor allem, wie die den hören. Mit wissendem, genussvollem Kurz-vor-dem-Orgasmus-sei-Gesicht wird im Studio aufgenommenen Freejazznummern gelauscht, um sich dabei zu gefallen, für sehr schwierige aber künstlerisch einmalige Musikstücke offen zu sein.

Zurück zu den Elefanten. Ich hatte gestern einen Traum, in dem ich auf einer Insel gelegen bin, also ganz knapp beim Meer, aber gerade so, dass meine Haare von den Wellen nicht nass wurden, und in meinem Blickfeld war eine einzige Palme, die vor einem ganz kleinen Teich mit Swimmingpoolwasser stand. Swimmingpoolwasser war es natürlich nicht wirklich, sondern nur, damit jetzt jeder weiß, wie es ausgesehen hat, rein farblich. „Heast Deppata… Wos liegst do so fäu umaranaund?“ Ich schaue nach links: „Na oistan… Jetzt bewegta si da Herr Supaleiwandüwaguad… Bring ma jetzt mei Bier oda i blos di um, du Fetznschädl.“ Ein Blick nach rechts: „Na siegstas… jetzt sichta mi, da Deppate… Pass amoi auf… Wonnst da no long Zeit lost, steck i da mein Riassl in dei Bapm und blos Luft eine und donn mochts Bam oida, des konn i da vasprechn. Oiso, i sogs da nua no amoi in Guadn…“ Endlich hab ich ihn gesehen. Einen zehnter Bezirkselefanten (für alle Nichtwiener: einen Proletenelefanten) gerade im schwierigen Krochaalter. Leicht zu erkennen an den neonfarbenen Elefantenohren, den Goodyearreifen, die er um seine Füße gestülpt hatte und den stampfenden drehenden Tanzbewegungen, die er am Strand pausenlos machte, und das mit allen vier Beinen gleichzeitig. Also an Schlaf war sowieso nicht mehr zu denken. Deswegen war ich auch bereit, einen Deal mit ihm zu machen: „Pass auf… Wenn du dir eine Zahl merkst, die ich dir gleich sagen werde, dann bring ich dir dein Bier… Also: 231069874032106987463510.“ Er sagte die Zahl selbstverständlich absolut problemlos auf, hüpfte in Tanzschritten zu mir und sagte: „Für den Schaß stompf i da dei Gsicht in Asphalt“, und auch die Tatsache, dass es hier nur Sand gab, hinderte ihn nicht, mit seinen kreisrunden Goodyearreifenfüßen mir 231069874032106987463510-mal in mein Gesicht zu treten. Davon bin ich schließlich aufgewacht und hörte meine Nachbarn einen Stock weiter oben fröhlich und munter schnaxeln (für alle Nichtwiener: Geschlechtsverkehr haben).

Ich stand auf, ging aufs Klo und ließ Mengen aus mir rausrinnen, die ich aus einem gefühlten (nein, NICHT gefüllt) 5-Liter-Kanister vermutlich nicht herausbekommen hätte. Warum muss man nach komischen Träumen immer so dermaßen viel pinkeln? Egal. Ich legte mich gleich wieder ins Bett und wartete gespannt auf die Folgen. Es gibt ja zwei Möglichkeiten, wie sich ein Ins-Bett-Legen auswirken kann. Möglichkeit eins: Man legt sich hin, je nach Schlaftyp unterschiedlich, fühlt gar nichts, außer dass die Augen gerne wieder aufspringen wollen und man viel Kraft benötigt, um sie zuzuhalten, oder Möglichkeit zwei: Es fühlt sich so an, als würde alles, was Gewicht hat, unter das Bett sinken und man selbst nur noch aus angenehm leichter warmer Luft bestehen, bis dann mein Wecker läutet, den ich schwungvoll an die Wand werfe und ich mich jedes Mal darüber ärgere, keine Kamera zu haben, die eine von der Natur geschaffene Explosionszeichnung festhält. Diesmal war es Möglichkeit zwei.

So, endlich aufstehen, Zähneputzen, anziehen und in die Arbeit fahren. Blödsinn, ich hab doch Urlaub und das sogar noch drei Wochen. Die Sonne blinzelt schon durch die zugemachten Jalousien und schimpft durch ihre Helligkeit mit mir, dass ich noch im Bett liege. Da höre ich dann immer so Erziehungsechos meiner Eltern: „Schau, so schön is draußen und du liegst nur deppat umadum und machst nix. So schönes Wetter muss man ausnutzen.“ „NEIN muss man NICHT“, hätte ich früher gesagt. Man braucht oft ein bisschen Abstand von Dingen, die man von Eltern gesagt bekommt, um dann den tatsächlichen Sinn und nicht nur die Anordnung zu sehen, die selbstverständlich nur dafür da ist, das Kind zu quälen und auf gar keinen Fall dessen Leben zu verbessern, sondern fatal zu verschlechtern, wie man immer glaubt als Jugendlicher. Generation für Generation wird ins Freie getreten, bis sie ausziehen, ein Jahr absichtlich zu Hause in ihrer Wohnung hocken und sich dann selbst dabei erwischen, wie sie nach dem vergangenen Jahr auf Wiesen liegen, die sie mit keinem Fahrzeug eines Durchschnittsbürgers erreichen hätten können, also folgedessen zu Fuß dort hingelangt sein müssen, und sich einfach darüber freuen, dass die Sonne so schön scheint und das Mädel, das neben ihnen liegt, so hübsch ist, und auf die erstrebenswerten Belohnungen, die auf ihn dann nach dem Spaziergang warten.

Lukas Lachnit
Kurzgeschichten: fiktiv, enorm, abnorm | Fleischlabel ©2013

www.verdichtet.at | Kategorie: Vorhang auf für den Nachwuchs| Inventarnummer: 15065

 

 

 

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