Bambis Mutter

Gewusst hatte sie es von Anfang an, aber der Wille zählte ja erfahrungsgemäß mehr als das, was er eigentlich verheimlichen wollte.
Sie standen zum ersten Mal im Vorzimmer seiner Wohnung und zum ersten Mal hatte sie keinen Mantel an, keine Tasche um und während sie sich ihre Martens aufschnürte, teilte sie ihm lieb lächelnd mit, dass sie es wirklich „arg“ finden würde, dass sie jetzt doch tatsächlich da wäre.

Sie war eine wundervolle Frau. Intelligent, selbstbewusst, liebenswert, das Herz auf der Zunge und sah ganz nebenbei auch noch fantastisch aus und zwar ganz ohne sich irgendwie künstlich herzurichten.
Sie war also gerade dabei, sich ihre Martens aufzuschnüren und schaute ihn dabei an, um den noch ziemlich unsicheren, angespannten Smalltalk weiterzuführen, und sein Blick wurde angestrengt konzentriert.
Ihre blauen Augen haschten nach Aufmerksamkeit und hatten Aufmerksamkeit verdient, doch der sich darunter befindende, gut gefüllte Ausschnitt war wie ein übermächtiges Magnetfeld, gegen das es standzuhalten galt.
Er bestand diese Aufgabe, und der Stolz darüber drang ihm aus allen Poren. Sie bemerkte das, hörte mitten im Satz zu reden auf, begann hämisch zu lächeln und sagte in einem Tonfall einer Kandidatin bei einer Nachmittagstalkshow: „Warum schaust du mir nicht in den Ausschnitt? Bist du schwul?“ Beide lachten, sie laut, er schüchtern und unsicher. Während sie noch kicherte, meinte sie ganz kumpelhaft und verständnisvoll: „Also wäre ich ein Mann, würde ich da bestimmt hinschauen. Ich könnte mich da sicher nicht zusammenreißen. Abgesehen davon bräuchte ich mir den ja nicht anziehen, wenn ich nicht wollen würde, dass du ihn bemerkst“, und erleichtert mit dem heimlichen Wunsch, cool und lässig zu wirken, bemerkte er beiläufig: „…und für mich ist es auch deutlich leichter, süß und respektvoll zu sein, wenn ich diese Tatsache so direkt unter Beweis stellen kann, indem ich dir zeige, dass ich es trotz deines perfekt gefüllten Ausschnittes schaffe, dir weiterhin durchgehend in die Augen zu schauen.“ Sie seufzte ein wenig: „Genau, da hast du einigen Männern einiges voraus, deswegen darfst du mich auch in deiner Wohnung empfangen, und jetzt zieh dich aus und leg dich hin, ich will mit dir über Emanzipation sprechen.“ Beide lachten, sie laut, er gespielt laut und überlegte krampfhaft, ob er jetzt tatsächlich gleich ins Schlafzimmer oder doch ins Wohnzimmer gehen sollte.
Würde er sofort ins Schlafzimmer gehen, würde es so aussehen, als hätte er das von Anfang an geplant, würde er ins Wohnzimmer gehen, könnte sie denken, dass sie für ihn nicht anziehend genug wäre.

Er entschied sich dafür, dass Angriff bekanntlich doch die beste Verteidigung wäre, und sagte vorwurfsvoll: „Also du bringst mich da jetzt schon in eine blöde Situation. Würde ich jetzt gleich ins Schlafzimmer gehen, würdest du denken, dass ich das von Anfang an geplant…“ Sie unterbrach ihn ein bisschen genervt: „Na und? Dann gehen wir gleich ins Schlafzimmer. Es ist ja nicht so, als wären wir uns unsympathisch, oder?“, und obwohl er wusste, dass er sich als Klischeemann eigentlich freuen hätte müssen, machte sich ein Anflug von Überforderung und Druck breit, was sie natürlich sofort bemerkte und mütterlich-liebevoll kommentierte: „Ach komm, jetzt tu dir nichts an. Wir sind zwei erwachsene Menschen, die sich anziehend finden, sonst wären wir nicht hier. Gehen wir ins Schlafzimmer und schauen wir doch einfach einmal was passiert. Alles kann, nichts muss.“ Und der Körperteil, der normalerweise jetzt schon fast ein bisschen schmerzhaft gegen das Hosentürchen drücken müsste, war zusammengeschrumpft auf einen Dörrpfefferoni.

Sich mental auf ein sexuelles Desaster vorbereitend, betrat er das Schlafzimmer und sie setzte sich auf das Bett, schob die zusammengewutzelte Decke hinter sich, versuchte sich nicht anmerken zu lassen, dass es sie eigentlich störte, dass das Bett nicht gemacht war und klopfte, wie man es in diesen amerikanischen Klischeefernsehserien sieht, mit der flachen Hand neben sich auf die Matratze und schaute ihn auffordernd an. Mit hängenden Schultern ließ er sich neben sie aufs Bett fallen und schaute resignierend auf den Boden vor dem Bett, während ihm Filmszenen einfielen, in denen die Protagonisten in einem Schlauchboot ohne Ruder auf einem Fluss auf einen bereits in weiter Ferne sichtbaren Wasserfall zutrieben. „Vielleicht ein bisschen Musik?“, sagte die coole, freche Frau vom Vorzimmer plötzlich ziemlich unsicher: „Ich hätte irgendwie Lust auf etwas Punkiges“, und er spielte mit seinem Smartphone, weil er lustig sein wollte „Die for your government“ von Antiflag und schon hörte man den Sänger plärren: „YOU GONNA DIE GONNA DIE GONNA DIE FOR YOUR GOVERNMENT DIE FOR YOUR COUNTRY THAT SHIT“ und sie bekam ein fades Aug: „Na da kannst du gleich die Filmmusik von Bambi spielen“, und er lachte: „Ja, aber auf punkig bitte.“ Sie kicherte fröhlich und ein bisschen erleichtert mit: „Am besten das Lied, bei dem Bambis Mutter stirbt, das passt bestimmt am besten zur Situation. Gib ein: ‚Bambis Mutter‘ und ‚Punk‘.“
Gesagt getan und er lachte laut auf: „Da gibt’s ja tatsächlich ein Lied von einer Band, die angeblich TAXI heißt.“ Er räusperte sich, setzte sich übertrieben aufrecht neben sie aufs Bett, fuhr sich in Falcomanier durch die Haare und sagte in theatralischem Tonfall: „Also junge Frau. Darf ich Sie zu den Klängen der Band „TAXI“ mit ihrem Lied „Bambis Mutter“ verführen und Ihre Begierde nach mir, dem Casanova aller Casanovas, stillen?“ Und sie legte ihre Arme um seinen Hals und hauchte ihm ebenso theatralisch „Ja“ ins Ohr. Er strich ihr die Haare aus dem Gesicht und sprach überhaupt gleich mit Falcostimme: „Na dann drück ich jetzt auf Play, Lady.“ Und beide mussten kurz auflachen, während ruhige Fingerpickingklänge zu hören waren, die sie genau rechtzeitig daran erinnerten, worum es eigentlich gerade ging, und endlich war sie da, die Stimmung nach der sie die ganze Zeit verzweifelt gesucht hatten. Wie von selbst verschmolzen ihre Lippen und wie gut, richtig und schön sich all dies anfühlte, doch da war ja noch das Lied und der Sänger, der nun seine erste Strophe begann:

„Weißt du eigentlich was mit Bambis Mutter geschah? Heute liegt sie auf dem Tisch
Mit Erdäpfeln und Reis garniert und dazu ganz frisch.“

Noch ließen sie sich beide nichts anmerken, doch jetzt setzte das Schlagzeug ein, ein dramatischer Chor war im Hintergrund zu hören und der Sänger jaulte übertrieben dramatisch:

„WAS GESCHAH EIGENTLICH MIT BAMBIS MUTTER?
HEUTE IST SIE UNSER FUTTER!“

Und jetzt war es vorbei, er konnte sich zwar noch kurz halten, dann kam ihm aber trotz allem ein lauter und gleichzeitig dumpfer, weil durch den Kuss abgedämpfter, Lacher aus. Fast ein bisschen zornig rempelte sie ihn weg und sagte leicht aggressiv: „Weißt du was?“, und zog sich ohne seine Antwort abzuwarten aus, bis sie keinen Faden mehr am Leib hatte und sagte in einem so überzeugenden Befehlston, den er sonst nur von seiner Mutter aus seiner Kindheit kannte: „Steh einmal auf!“, dass er ihrer Anordnung, ohne sie zu hinterfragen, sofort Folge leistete, weil er ohnehin nur noch stichwortartig denken konnte: „Schöne Frau – blaue Augen – Brüste – nackt – anziehend – in deinen Gedanken musst du nicht auf deine Wortwahl aufpassen – sie macht mich einfach unendlich geil!!!“ Und sie machte ihm den Gürtel auf, um ihm danach seine Jeans fast ein bisschen grob runterzuziehen, während sich der Kollege aus der Hüftgegend sehr über die gewonnene Freiheit freute und wie ein handelsüblicher Streber in der Schule freudig und gierig aufzeigte, dass er jetzt drankommen wollte und alles, was vorher so unmöglich und schwierig schien, geschah nun mit einem so starken Selbstverständnis, dass intuitiv jeder schönen und richtigen Handlung eine noch schönere und richtigere folgte…

Lukas Lachnit
Bambis Mutter - der Song

www.verdichtet.at | Kategorie: unerHÖRT! | Inventarnummer: 15093

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