Geschichte einer Annäherung

Eine Liebesgeschichte sollte es werden. Ja, so war es geplant. Und dass alles etwas aus dem Ruder gelaufen ist, tja, dafür kann ich bestimmt nichts. Also das soll jetzt keine Rechtfertigung werden oder so, dass das gleich von Beginn an klar ist. Ich bin nicht der große Erzähler, eher ein Mann weniger Worte. Aber das muss jetzt sein, das muss aufgeschrieben werden, vor allem für mich selbst, weil ich immer noch nicht glauben kann, was alles geschehen ist, und warum das ausgerechnet mir so passieren musste.

Vielleicht hab ich zu Beginn unserer Beziehung ein bisschen zu viel von meiner Ex erzählt, das kann durchaus sein. Dass sie meine erste große Liebe war. Und wie gut sie mir gefallen hat. Was sie immer gesagt hat, wie sie mich zum Lachen und auch zum Nachdenken brachte. Ich hab vermutlich geschwärmt von ihr, weil ich noch nicht ganz drüber hinweg war, dass sie gegangen ist, einfach davon. Und mich sitzen gelassen hatte, wie man so unschön sagt.

Ich kann mir auch vorstellen, dass das für die „Neue“, also jene, mit der sich danach etwas anbahnte, nicht so angenehm war, diese Vergleiche, das Schwärmen von vergangenen Zeiten. Aber trotzdem. Das alles hätte nicht sein müssen. Und ich hatte mit Mona viel vor, echt. Ich konnte mir eine gemeinsame Zukunft vorstellen. Und sie auch, das sagte sie mir immer wieder. So weit schienen wir uns also einig zu sein. Aber was weiß ein Mann schon? Ich hab versucht zu ergründen, was  in ihr vorging, doch sie war und blieb mir ein Rätsel.

Die richtigen Merkwürdigkeiten begannen damit, dass Mona eines Tages (wir wohnten noch nicht zusammen und sahen uns alle paar Abende nach der Arbeit und gelegentlich für Spontanunternehmungen am Wochenende) mit einem neuen Tattoo auf ihrem rechten Schulterblatt erschien. Es war ein eher gängiges Motiv: ein Schmetterling mit ein paar Schmuckgirlanden oder Zweigen drumherum. Solche hübschen bunten Tierchen waren damals auf den Körpern vieler junger Frauen gelandet; auch meine Ex hatte eine ähnliche Tätowierung gehabt. Ich war wohl genau deshalb etwas irritiert, ließ mir aber nichts anmerken, denn woher sollte Mona davon wissen; und so heftig, wie sie inzwischen auf meine Geschichten über meine ehemalige Freundin reagierte, sagte ich lieber nichts über die mir nicht ganz unbekannte Zierde. Ich war mir auch sicher, dass ich ihr nie von dem Schmetterling erzählt hatte, und zwar aus einem einfachen Grund: Er hatte mir nie wirklich gefallen; er war ein bisschen kitschig für meine Begriffe und die Farben eher pastellig und nicht besonders naturgetreu gehalten. Darum hatte er auch in meinen Erzählungen keinen Platz gefunden.

Zum zweiten Mal also war ich nun mit einem solchen Körperschmuck konfrontiert, der mir wie sein Vorgänger nicht besonders gut getroffen erschien, und murmelte etwas eher nicht so begeistert Zustimmendes auf die Frage, ob er mir denn gefalle.
Um keine Missverständnisse zu erzeugen: Damit kann ich leben. Mir muss nicht alles gefallen. Es reicht, wenn es ihr gefällt und ich es nicht allzu hässlich finde, sodass ich mich nicht zu sehr verbiegen muss bei der Antwort. Nun, der Fall war also erledigt, meinte ich damals.

Der Schmetterling wurde allerdings mehr Thema, als mir lieb war. Am Anfang war er noch mit einer Art Folie abgedeckt gewesen, die am äußeren Rand mit Heftpflaster fixiert war, denn die Tätowierung war ja frisch gestochen und die Stelle sollte sich nicht entzünden. Später trug Mona noch zwei, drei Wochen lose Shirts darüber, denn die Haut sollte nicht gleich Sonnenbrand abbekommen. Und bei den Gelegenheiten, an denen ihre Haut unbedeckt war, wusste ich anderes zu fokussieren als ein noch so buntes Insekt. Belanglos, das war das Ding für mich.

Anscheinend war bei ihr das Gegenteil der Fall: Immer wieder kam er zur Sprache, ihr geflügelter Freund, irgendwie wirkte sie geradezu fixiert auf das Thema. So tat ich ihr den Gefallen und sah mir das Tattoo einmal genauer an, um es anschließend (ja, das hätte ich auf mich genommen, um wieder meine Ruhe zu haben …) ausführlich zu loben. Damit erhoffte ich, das Thema zu beenden.

Ich merke gerade, dass ich dabei sehr lange verweile, diese Episode zu erzählen, aber irgendwie war dieser Moment der Anfang von etwas Größerem, Eigenartigerem, das ich bis heute nicht ganz verstanden habe. Jedenfalls, der genaue, nachträgliche Blick zeigte: Der Schmetterling war nicht das gleiche Motiv wie bei meiner Exfreundin, sondern es war dasselbe. Das identisch selbe, um genau zu sein. Und da blieben mir meine geplanten Komplimente im Halse stecken. Ich überlegte: derselbe Tätowierer, der zufällig diese eine Vorlage zweimal fürs Stechen genommen hatte? Konnte das sein? Immerhin lagen Jahre dazwischen. Oder ich irrte mich, und Romanas Schmetterling hatte doch etwas anders ausgesehen? Es war lange her, dass ich diesen gesehen hatte, und ich war kaum jemals näher daran interessiert gewesen. Romana hatte ihn damals schon am Leib getragen, als wir uns kennengelernt hatten, keines ihrer herausragendsten Merkmale jedenfalls.

Schließlich brachte ich doch ein paar zusammenhängende Worte heraus, und Mona, schlau, wie sie war, merkte genau mein Zögern. Glücklicherweise konnte ich das Thema wechseln, und der Abend verlief dann doch noch ganz angenehm.
Mir ließ da aber etwas keine Ruhe: Am darauffolgenden Tag checkte ich das Facebook-Profil meiner Ex. Es war ewig her, dass ich das getan hatte (ich war seit dem Beziehungsende abgemeldet), und es gelang nur über einen Umweg: Mein Arbeitskollege war seit vielen Jahren mit ihr befreundet, und als ich ihn bat, mal kurz seinen Account benutzen zu dürfen, deutete ich an, ich wäre hinter einer anderen Frau in seinem Umfeld her und wollte ihren Beziehungsstatus checken, und er nannte mich einen „tollen Hecht“. Er argwöhnte also nichts und nahm seine Pause, und ich sah mir in Ruhe beziehungsweise ein paar Minuten lang das Facebook-Profil von Romana an. Auf einem der Urlaubs-Bikini-Fotos wurde ich fündig: Wenn auch aus leicht seitlicher Perspektive zu sehen, gab es keinen Zweifel: Romanas Tätowierung glich der von Mona wie ein Ei dem anderen.
Die Freundesliste von Romana förderte noch Erstaunlicheres zutage: Sie war mit Mona befreundet. Was im Falle von Romana nicht viel hieß: Besaß sie doch einige hundert „Friends“, von denen sie den allergrößten Teil nicht persönlich kannte, oft waren es Bekannte von Bekannten, denen die Frau einfach gefiel und die ihr Leben interessant fanden. Romana hatte auch früher schon beinahe alle Freundschaftsanfragen von Frauen und die der meisten Männer bestätigt. Mich haute diese Verbindung aber beinahe noch mehr aus den Socken als die Schmetterlingsentdeckung.

Mona damit zu konfrontieren, ließ ich lieber sein. Dann meinte sie womöglich, ich würde ihr nachspionieren, und eine Richtigstellung konnte auch nicht gelingen: Denn dass ich eigentlich nach Romana gesucht hatte, machte die Sache nicht besser.

Ich wurde argwöhnischer, beobachtete Mona genauer. Und plötzlich fiel mir auf, dass sie sich ähnlich wie Romana kleidete. Darauf wäre ich ansonsten niemals gekommen, aber der Profil-Check mit der Sichtung der vielen Fotos hatte meine Aufmerksamkeit anscheinend geschärft. Und damit nicht genug: Die Bücher, die Mona las, waren alle in Romanas Liste; die Filme, die sie schaute, waren Favoriten von Romana. Die Musik, die Mona hörte, hatte Romana in ihrem Profil bei den Lieblingsbands angegeben, … Es gab nichts, was Mona nicht von ihrer Vorgängerin kopiert hätte.

Fast hätte sie es zu einem perfekten Abschluss gebracht, doch ich kam ihr zuvor.
Ich sah Mona an und sah Romana in ihr – entdeckte plötzlich die große Ähnlichkeit, die gleiche Haarfarbe, die Art, sich zu schminken, den abgestimmten Schmuck, die Kleidung, Schuhe … Nur eines sah ich nicht: ihre Persönlichkeit.

Dass es Mona „nur beinahe perfekt“ gelungen wäre, Romana nachzufolgen, stimmt eigentlich doch nicht, fällt mir jetzt gerade, wo ich es niedergeschrieben habe, auf. Mona hat schlussendlich doch geschafft, was sie immer wollte: meine Exfreundin zu sein.

Carmen Rosina

www.verdichtet.at | Kategorie: hardly secret diary | Inventarnummer: 19089

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