Zwischen Welten

„Nochmal, Petra nochmal!“ Der Ruf des Ausbildners und Verantwortlichen schallte durch den hohen Raum, brach sich an den schmucklosen Wänden, ließ alle anderen auf sie starren. Man sah es ihnen an: Sie waren froh, dass nicht der eigene Name gefallen war, wie ein Urteil, hart, harsch, fordernd, keine Widerrede duldend.
Sie setzte sich mit gesenktem Kopf in Bewegung Richtung Absaugung, kam dort an, ein Knopf wurde gedrückt, die Maschine startete sofort. Sie spürte den kraftvollen Sog, unmittelbar auf der Haut, auf den Muskeln, in allen Gliedern, bis ins Innerste hinein, alles krümmte sich in ihr zusammen, und dann war es wieder vorbei. Zweimal die ganze Prozedur, die sie hasste, wie sie fast alles hier hasste.

Vielleicht hätte sie nicht den Kapuzenpulli anziehen sollen zum Arbeiten, wurde sie denn nie schlauer? Da verfingen sich zwangsläufig Späne und Staub, und solches war Grund genug, sie nochmals zu säubern, auch wenn beim ersten Mal nichts mehr sichtbar gewesen war.
Oder sie mochten sie einfach nicht, gut, sie mochten keinen hier, aber es gab welche, die sie noch ein klein wenig weniger mochten als andere, und sie gehörte sicherlich zu dieser Gruppe.
Sie war verlegen, fuhr sich mit beiden Händen über ihren Kopf, als sie von der Maschine abtrat, strich sich über die kurzgeschnittenen Haare, es erschien wie ein flüchtiges Streicheln. Wer sonst sollte es tun?
Das Gefühl war nicht neu für sie, sie war einsam hier, wie alle anderen auch. Immer wieder wurden sie angehalten, Beziehungen zueinander zu unterlassen, sie könnten ja doch jederzeit getrennt werden, in anderen Ausbildungslagern landen, und Abschiede gehörten zum Alltag. Und schließlich mussten sie sich ja auf die neuen Aufgaben konzentrieren, es sollte ja etwas werden aus ihnen allen. Wertvolle Mitglieder der Gesellschaft, so hörten sie es jeden Tag, morgens und abends. Sie war gespannt, wann es endlich so weit war. Wertvoll fühlen wollte sie sich tatsächlich, das wäre einmal ein neues Gefühl für sie gewesen.

Irgendwann, nach Wochen, Monaten war dann auch ihre Frist abgelaufen, und sie war diejenige, die es zu verabschieden galt. Es ging kurz und formlos vonstatten: Ihre Habseligkeiten waren längst gepackt, ein Zubringerdienst (in dem Fall, um sie wegzubringen) informiert, das Tor öffnete sich für sie und damit eine Tür in das nächste Leben. Eines, das sie leben wollte, um jeden Preis.
Mit ihrer Ausbildung und dem Zeugnis, das sie im Lager erhalten hatte, hatte sie tatsächlich gute Chancen auf einen beschissenen Job. Die Werkstatt sah der Ausbildungsstätte sehr ähnlich, ein paar Bilder hingen hier an den Wänden, und die Chefs trugen eine andere Art Uniform, Anzug mit Krawatte nämlich, doch „freies“ Arbeiten hatte sie sich anders vorgestellt.
Irgendwie war nach wie vor alles mit Lärm verbunden, eine Qual für sie, die die Stille sehr liebte.
Dem Wecker im Heim folgten die Sirene zu Arbeitsbeginn, das Rattern der Maschinen, das Brüllen der Vorarbeiter und der Krach beim Einsortieren der bearbeiteten Güter. Dann die Riesenstapler, die die Gegenstände wegbrachten, das Fluchen der Fahrer, die Mittagssirene. So ging es fort bis zum Abend, dann die Schlusssirene. Wo war sie da nur hingeraten? Ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft war sie nun. „Geglückte Resozialisierung“ stand auf dem ersten Monatsbericht, der an ihre Ausbildungsstätte erging, das war die Bestnote, das Höchste, was man erreichen konnte in ihrer Ausgangslage. Der Job war ihr somit gesichert.

Das Haupthaar wuchs wieder, sie musste draußen keine Mütze mehr tragen, die sie bisher immer bei sich gehabt hatte, um sich nicht zu verkühlen. Sie konnte ihre Haarspitzen schon im Gesicht spüren. Sie begann, alles leichter zu nehmen, je routinierter sie die Arbeit erledigen konnte. Im Geiste war sie weit weg, sehr weit weg von allem.
Dieses System funktionierte bestens, rein körperliche Anwesenheit bei völliger gedanklicher Freiheit. Sie perfektionierte das Ganze, bereiste Steppen, Wüsten, Dschungel und Bergtäler, unterhielt sich mit Wanderern, die sie auf ihren Reisen traf; erstaunlicherweise waren einige aus ihrer Ausbildungsgruppe dabei, und sie vermeinte alle zumindest vom Sehen zu kennen. Diejenigen, die ihr am cleversten erschienen waren, benutzten offensichtlich dieselben Pfade wie sie, die Ziele mussten sich bei ihnen allen also zumindest ähneln.
Die Ausbildung mit ihren ausgeklügelten Methoden hatte anscheinend bei ihnen eine gemeinsame Nebenwirkung, derer sich die Verantwortlichen nicht bewusst waren. Und ihre Schützlinge würden sich hüten, etwas davon zu verraten.

Viele waren auf dem Weg, mit der Zeit wurden es noch mehr, und die Gespräche waren erfrischend, überraschend, die Geister frei und die Neugierde aufeinander groß. Die Sirenen, die den Arbeitstag unterteilten, sollten sich noch als sehr nützlich erweisen, denn nur deren anhaltender, durchdringender Ton konnte sie von einer Reise zurückholen, und das auch immer mühevoller.
Dass sie so vertieft in ihre Arbeit erschien und die Pausensignale kaum wahrnahm, wurde ihr als besonderer Eifer ausgelegt und ihre Einsatzbereitschaft lobend erwähnt.
So kam es dazu, dass sie zu der neuen Stanzmaschine abgestellt wurde, wo sie keinen direkten Vorgesetzten neben sich hatte, sondern relativ unbehelligt von äußeren Einflüssen ihrem Tagwerk nachgehen konnte.

Das kam wiederum ihren Reisen zugute, und sie traf sich nun gezielt mit Gleichgesinnten, seit einigen Tagen mit einem jungen Mann aus ihrer damaligen Ausbildungseinheit. Ihr Treffpunkt war eine Quelle, die in ein ausgespültes Steinbecken sprudelte, inmitten der Berge. Sie konnten dort ruhen, trinken, die Sonne schien immer, wenn sie sich trafen, und sie freute sich auf jeden neuen Arbeitstag. Ihm ging es ebenso, hatte er ihr anvertraut; er war ein paar Hundert Kilometer von ihrer Arbeitsstätte bei Grabungen beschäftigt, und die Treffen mit ihr gelangen ihm inzwischen mühelos, wie ihr.
Eines wie immer schönen Tages hatte er eine Überraschung für sie mitgebracht: ein Buch, das laut ihm alle Sprachen der Welt beinhalten sollte. Als sie kurz über seine Behauptung nachdachte, war sie verwundert, denn ihrer Meinung nach hätte das eigentlich ein schweres, großes Buch sein müssen, oder vielmehr ein ganzer Berg Bücher, doch es sah unscheinbar aus, ein schmales graues Bändchen, und als sie es öffnete, erkannte sie sofort, dass ihr Gefährte recht hatte: Es gab nicht mehr viele Sprachen, es gab nur noch wenige Worte, die überhaupt ausgesprochen wurden, das Bändchen enthielt mehr oder weniger Anweisungen für den Alltag, in den verbliebenen drei Sprachen, in denen sich die Menschen weltweit verständigten. Da sie bislang nur eine einzige Weltsprache beherrschte, nahm sie sich vor, bei jedem Treffen mit ihrem Freund ein wenig aus dem Buch zu lernen, und sehr schnell hatte sie den Inhalt intus. Sie war nun drei- und somit totalsprachlich, und es war eine ziemlich einfache Übung gewesen.

Sie war gerade ins Gespräch mit ihrem Freund vertieft und verwendete zu Übungszwecken eine der neu erlernten Weltsprachen, als sie jemand Dritter von hinten ansprach, in ihrer Ausgangssprache. Eigentlich waren sie immer nur zu zweit und ungestört gewesen an ihrem lauschigen Ort, drum erschreckte sie diese Störung und brachte sie aus dem Konzept. Sie antwortete in der neuen Sprache, die sie gerade im Gespräch mit ihrem Freund verwendet hatte, auf die Frage, warum sie denn nicht mit ihm, dem Hinzugekommenen spreche, ob sie denn nicht gehört habe, was er gesagt habe. Sie stammelte ein „Ich weiß nicht…“, sehr viel mehr war gerade nicht in ihrem Kopf zu finden.

Sie war durcheinander, murmelte, verzweifelt nach den richtigen Worten in der richtigen Sprache suchend, in der dritten Sprache dann noch ein „Entschuldigen Sie bitte…“, als sie sich beinahe übergangslos in der Maschinenhalle wiederfand, die Quelle war weg, ihr Freund ebenso, und der Vorarbeiter sah sie erstaunt an. Einerseits schien er positiv überrascht zu sein, andererseits folgte dem Erstaunen gleich ein Wutausbruch:
„Solche Versager, Stümper, das steht in keinem Bericht, dass du totalsprachig bist! Und steht an der Stanzmaschine! Längst brauchen wir einen Übersetzer für die Lieferungen aus den anderen Teilen. Und sie steht da bei der Stanzmaschine! Unglaublich ist das. Und das nennen sie lückenlose Bestandsaufnahme und Dokumentation! Dass ich nicht lache!“
Er teilte kurzerhand jemand anderen für ihre Arbeit ein und nahm sie an der Hand, marschierte mit ihr zur Büroetage und ins Vorzimmer des Chefs.
Nachdem sie ein Weilchen gewartet hatten, wurden sie vorgelassen in die luxuriösen Räume, wo alle wichtigen Entscheidungen getroffen wurden. Sie hatte keine Ahnung, was nun mit ihr geschehen würde.
Doch alles wurde gut. Sie sah ihren Freund, er saß auf einem warmen Stein am Rande der Quelle und sagte zu ihr: „Schön, dass du wieder da bist. Du warst so plötzlich weg, ich habe mir schon Gedanken gemacht.“ Sie lächelte ihn an.

Carmen Rosina

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 16011

image_print

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *