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Prokrastination

Wer zur Prokrastination, dem notorischen Aufschieben, neigt, lebte in den Wochen des Lock-down recht bequem. Sie hatten sozusagen ein amtliches Alibi für das Nicht-Erledigen, das: Morgen ist auch noch ein Tag, mach ich morgen, sicher, versprochen!
Ich gehöre eigentlich nicht akut zu dieser Gruppe, stelle aber fest, dass ich davon schwer betroffen bin. Was für einen Stress hätte ich mir selbst gemacht, wenn ich ohne Corona das alles abarbeiten hätte müssen. Die Leute wollen schließlich ihr Geld.
So stellte ich eine Entschleunigung, Verlangsamung, Entzerrung des Alltags fest, das mehr nach innen gewendete Leben, und hätte diesen zunehmend angenehmen Zustand fast gelobt, wenn es nicht obszön wäre, ein tödliches Virus zu loben.

Heute, am 4. Mai, als wieder einiges mehr erlaubt ist, habe ich meine persönliche Liste erstellt. Eigentlich erschreckend, wenn man das schwarz auf weiß vor sich sieht.
In der Vor-Corona-Zeit hatte ich drei Bilder zum Rahmen in die Rahmenhandlung gebracht, Schuhe zum Schuster, einige Textilien zur Änderungs-Schneiderin, eine Lampe zur Reparatur in die Lampenschirmwerkstatt; ich habe Bücher bestellt, Frühlings-Neuerscheinungen oder als Ostergeschenke bestimmt. Alles nebenan, höchstens in Schrittweite. Mit meinem PC-Helfer hatte ich einen Termin ausgemacht, einen mit dem Installateur, auch beim Friseur und der Pediküre und zwei mit dem Fensterputzer Schorsch, der gleichzeitig als mein Wohnungshandwerker fungiert. Die schmerzlichste Absage war in meinem Allergie-Institut, das vielversprechend gegen meine Rhinitis vorgehen sollte. Und auch die beschädigte Lesebrille konnte ich nicht mehr zum Optiker bringen.
Mein weiser Perser Abdel von der Wiedner Teppichgalerie sollte in der nächsten Zeit zu mir kommen und ein paar Teppiche zu Reparatur und Reinigung abholen.

Post, Bank und Lebensmittelläden waren ja immer offen, in der Apotheke bezahlte ich das einzig notwendige Medikament vorläufig selbst, um nicht als „Gefährderin“ und Mitglied der „Risikogruppe“ eine Arztpraxis zu belasten. Das Reiseverbot machte mir keine Probleme, da ich für die gesamte Gartensaison keine längeren Reisen als bis auf den Hüttelberg geplant hatte.
Das Erfreulichste war, dass sich meine Buchhandlung schon in der zweiten Woche der Schließung per E-Mail meldete, dass sie an Werktagen zwischen 9 und 12 Uhr durch den Türspalt die bestellten Bücher durchreichen würden, ich das Geld in der Hand abgezählt mit einer Bonbonniere zurück hinein. Sie hätten auch ausgeliefert oder mit der Post zugestellt. So etwas verleiht Sicherheit und Zuversicht in Krisenzeiten: Mir kann nichts passieren. Aber auch ohne die ersehnten Neuzugänge hätte ich in meinen Bücherregalen genügend Lektüre gefunden, noch für Jahre in der Quarantäne. Altes und Neues, Ungelesenes, Anna Karenina, Krieg und Frieden zum wiederholten Mal, der neue Aphorismen-Band von Elazar Benyoetz und die Gedichte von Karl Lubomirski, fast noch ungelesen, warten auf mich. Das verheißungsvolle Buch „Vivaldi und seine Töchter“ von Peter Schneider habe ich auch noch nicht angefangen.
Da liegen noch „Das letzte Ufer“ von Nevil Shute und „Herr Kato spielt Familie“ von Milena Michiko Flasar, angelesen, unterschiedlich interessant.

Dann habe ich noch ein neues Rezept aus der Süddeutschen Zeitung kopiert: ein Hit für partyfreie Zeiten zu zweit.
Bliss Balls:
Datteln, Kokosraspeln, weißer Sesam, Haferflocken fein, Kardamom und ger. Hasennuss, mit ger. Mandelk., ger. Sonnenblumenkernen u. ev. Mandelmus.
Ich hätte sie ja schon gemacht, habe alles da, hab nur beim Hofer keine Kokosraspeln und keinen weißen Sesam gefunden. Jetzt bin ich aber wirklich am Ende. Irgendwo in den USA hat eine Vierjährige durchgedreht, Eltern und Personal angegriffen, weil ihr Lieblings-Hamburger-Laden geschlossen hatte. Aber den von dieser Zeitung angepriesenen Karottenhummus habe ich schon nachgemacht. Rezept ist nachzulesen. Eine Krähe ist aus dem Hof beim Fenster hereingeflogen und hat einen Ast von meinem Paradeiserstöckerl am Fensterbrett geklaut. Die denken, wir sind jetzt alle irre und bemerken das nicht.
Die Schuhe hab ich ebenfalls früh zurückbekommen, repariert, durch den Türschlitz gereicht und bezahlt. Das muss besonders delikat ausgesehen haben, weil ich mich zum bis auf einen Spalt runtergelassenen Rollladen niederknien musste, um die Schuhe entgegenzunehmen.

Für Friseur und Pediküre habe ich mich heute angemeldet, muss aber bis zum 8. Mai warten. PC-Mann, Installateur und Fensterputzer werde ich in den nächsten Wochen nach und nach abarbeiten. Ersatz für saubere Fenster wurden die in der Zwischenzeit erblühten Hofkastanien, frisches Grün mit weißen und rosa Kerzen. Ich glaube, sie belohnen mich und brennen heuer noch prächtiger. Demnächst kommen Flieder und Robinien dazu. Die Amselfamilien sind laut und üben schon für den ersten Ausflug mit den Jungen.
Eine Entdeckung: Der Mensch braucht nicht unbedingt eine Geschirrspülmaschine und kann trotzdem Mensch bleiben. Ich finde das Abwaschen unter fließendem Wasser, das „Pritscheln“, so inspirierend und meditativ, dass ich überlege, den Geschirrspüler überhaupt zu beseitigen. Wie viel Prozent der Weltbevölkerung leben ohne Geschirrspülmaschine? Zum Glück war es nicht der Gasherd, der havariert war, denn kochen am Lagerfeuer auf dem Schönbrunner Parkett, das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen.

Als einmal der Fernsehapparat ein Blackout hatte, drehte ich an einer immerwährend besetzten Hotline mit unsinnigen Ansagen fast durch, brüllte einen Mitarbeiter an, als ich doch einmal durchkam, entschuldigte ich mich sofort und schickte einen Stoß mit Merci-Schokoladen an seinen Arbeitsplatz. Dann war die Blackbox wieder da und lieferte die üblichen 140 Kanäle, von denen ich höchstens fünf benütze, wenn ich überhaupt fernschaue. Die beim Schlosser bestellte neue Türklinke fürs Bad wird erst in den nächsten Wochen eintreffen. Das Versandhaus „British Shop“ entschuldigte sich in zwei Briefen so demütig für die „Unterbrechung der internationalen Lieferkette“, als sei es daran schuld. Der bestellte Strohhut „Miss Sunshine“ kann leider erst Ende Mai geliefert werden. Na, das werde ich wohl überleben.
In Restaurants gehe ich schon lange nicht mehr, mir schmeckt nur mein selbst gekochtes Essen. Natürlich blieb auch mein langjähriger Eierlieferant aus, mit den besten und größten Eiern von glücklichen Hühnern aus dem Burgenland. Ist aber auch eine verwindbare Einbuße meiner Lebensqualität. Ich hoffe, es geht ihm gut, denn er gehört tief hinein in die Risikogruppe.

Aber nicht mit einem Kleinen Braunen oder Gspritzten im Café zu sitzen, zum Beispiel am Platzl vor dem Café Worthner, Zeitung lesen und mit lieben Menschen tratschen zu können, das empfand ich als eine schmerzliche Einschränkung – „Herausforderung“. Ich erbreche mich inzwischen bei diesem Wort und kriege Schreianfälle. Und natürlich auch das Verbot des gemeinsamen Wanderns und Radfahrens im Freundes- oder Familienkreis.
Was ich vermisse: die ehrenamtliche Tätigkeit im Kafka-Museum in Kierling und die Kaffeekränzchen in der Gruft mit meinen selbstgemachten Marmeladen und Strudeln. Musste sie vor der Tür abstellen und hoffe, dass sie trotzdem angekommen sind.

Mir hat die Corona-Krise keine Gewalt angetan, ich habe keinen Verlust und keinen Schmerz erlitten. Die genötigte Ruhe auf den Straßsen habe ich als Wohltat erfahren. So könnte es öfter sein, dachte ich beim einsamen Spazieren über den ausgestorbenen Ring und durch die Kärtnerstraße zum leergefegten Stephansplatz. Genau vor 75 Jahren brannte die Stephanskirche nach den Bombenangriffen, drei Tage lang, weil die Wiener Feuerwehr auf Befehl der SS aus Wien abgezogen worden war. Keine immer zu ständigem Konsum auffordernden Schreiplakate mehr, sondern affichierte Aufforderungen zum Zusammenhalten und zu Solidarität, viele von der Regierung, die meisten aber von Großkonzernen, die schon wieder nach unserem Geld gieren. Wie die Corona-Viren nach unseren Bronchien und Lungen.

Trotzdem fühlte sich das Leben fremd an, ich selbst fremd im eigenen Leben, in gewisser Hinsicht unlebendig, wie das letzte, eingefrorene Bild in einem gestoppten Film, das Fotostill eines Sportlers im Weit- oder Hochsprung, das Bild eines Kugelstoßers, Basketballers oder Speerwerfers mit dem eingefrorenen Ball, in dem die Kamera noch den imaginären Schweif des Balls oder Speers eingefangen hat. Ein Leben, geronnen zu einem Punkt, nicht ganz in der Wirklichkeit.

Trotz aller Vergnügungen in meinen vier Wänden, vom Lesen der Bücher und Schreiben solcher bis zum immer erfreulichen Hören von Ö1 und besonders guten Filmen im Fernsehen – da wünsche ich mir für immer ein bissl Corona – bis zur lustvollen Introspektion, fragte ich mich, ob ich nicht auch ohne die familiären Störungen eines Morgens als ein Ungeziefer wie Gregor Samsa aufwachen würde. Denn ein einfühlender Nachbar hatte genau zur Quarantäne-Zeit mit dem Generalumbau seiner Wohnung begonnen. Zwei Stockwerke unter mir dröhnten die Presslufthämmer, dass die Mauern wackelten, die Bohrer und Hämmer, dass die Fußböden zitterten, und das von 7 Uhr früh an bis 17 Uhr. Als ich sie mit Hilfe der Polizei zu stoppen versuchte, lachte mich der Polizist nur aus:
„Reg’n S’sich ned auf, gnä Frau, die derfen des, und zwoa bis 21 Uhr, und jetzt iss erst zwöfe. Des is die Wiener Bauordnung.“ Das ging so drei Wochen, dann begannen die Feinarbeiten mit etwas leiseren Bohrern, wie etwa 20 Zahnärzte in einem Raum, dafür aber dazu noch fünf Hämmer mit dem typischen TokTokTok der Parkettleger und dem singenden Heulen der Kachelschneider.

Als die Arbeiter begannen, vor dem Haus und vor meinem Fenster mit Stein- und Stahlschneidern zu operieren, beschloss ich, ins Gartenhaus zu übersiedeln. Da holte mich der kurze, aber heftige Wintereinbruch mit Schneestürmen und minus 5 bei mir oben am Berg ein und trieb mich zurück in die Stadtwohnung. Dort hatte sich inzwischen ein zweiter Bautrupp über die Hinterhofwerkstatt hergemacht, wieder mit Presslufthämmern und Dachdeckern mit der entsprechenden Lärmkulisse.
Eine wahre Corona-Symphonie. Ich lag einige Tage im Delirium einer kapitalen Grippe (Wintereinbruch!), brachte die Polizei – dein Freund und Helfer – nicht mehr ins Spiel und wartete ergeben auf das Ende, und wenn’s meins wäre.

Eines Tages wachte ich auf und musste wieder an Gregor Samsa denken. Denn in den Fenstern erschienen grün gekleidete Männer, die an Seilen in den Bäumen turnten – Baumschneider.
Eine Gärtnerei Ziegler aus Pottenbrunn machte sich aus einem für mich nicht ersichtlichen Grund über die voll in Blüte und Saft stehenden Kastanien und Ahorne her und schnitt wie wild in den Kronen herum. Welche Idioten machen so etwas denn im Frühling? Wen haben diese Bäume gestört? Und so grob, mitten in die Äste hinein gesägt, dass die jetzt abstehen wie Gebeine in einem geplünderten Skelett.
Nachdem die großen Äste am Boden lagen, setzten die Motorsägen ein, zur Zerkleinerung. Dann rückten die Laubsauger an. Bevor ich ins Delirium fiel, konnte ich noch ein kurzes Bedauern empfinden, dass meine Mordlust nie zur Reife gekommen ist. Was hat das Ungeziefer gemacht, als er im Treppenhaus und im Vorzimmer der K.’schen Wohnung die Untermieter und Gläubiger poltern und streiten hörte? Gregor verzog sich unters Sofa und stellte sich aufs Sterben ein.
Schade, dass ich nicht in der Lage war, dieses Triple-Konzert auf Tonträgern festzuhalten. Ich hätte es sonst beim Festival Wien Modern vorgeführt, als Andenken an Corona. Benannt hätte ich es „Die Wiener Bauordnung in Zeiten von Corona“.

Meine Bilanz: Am wenigsten fehlten mir die neu gerahmten Bilder, die Textilien und die Art- Deco-Lampe. Hab sie alle bis jetzt nicht abgeholt. Ich schwöre es, zum Gartencenter fuhr ich erst eine Woche nach der Wiedereröffnung, aber wirklich nur deswegen, weil meine Rosen in der Trockenheit dringend einen Dünger brauchten. Ein paar Lavendelstöcke mussten auch mit. Schließlich gartle ich am Rosenhang im Rosental. Nomen est omen, ich kann nichts dafür. Möbel, Geschirr und Textilien, seien es Klamotten oder Teppiche, brauche ich für die nächsten drei Leben keine mehr. Dafür habe ich viel aussortiert und zur Carla am Mittersteig und zur Volkshilfe in der Laxenburgerstraße gebracht. Die Schneiderin hat übrigens ihre Produktion auf Gesichtsmasken aus bunter Baumwolle umgestellt.

Das Fehlen der Druckerpatrone und der Batterie für die Kamera ist lästig, aber man kann durchaus ohne sie leben, wobei mir noch dazu das Druckerpapier ausgegangen und der Libro geschlossen ist. Dass das legendäre Haushaltswarengeschäft „Zur goldenen Kugel“ wieder aufgesperrt hat, freut mich ganz besonders, weil allein die offenen Türen, die Ständer und Wühlkisten entlang dem Gehsteig, das menschliche Gewurl davor, einen Hauch von Normalität verströmen. Die Cafés links und rechts davon und gegenüber müssen noch im Dorncorönchenschlaf warten.
Das dürften viele Menschen so empfinden, denn das Gedränge drinnen in der goldenen Kugel wäre auch in Vor-Corona-Zeiten beängstigend gewesen. Baby-Elefanten gehen sich da nicht aus. Viele Sonderangebote, von Blumenerde, Grassamen und Kakteendünger bis zu Riess-Töpfen, Plastikdosen, Grillbesteck und -kohle. Hoffentlich überleben sie das! Das Erste bei mir war ein Großeinkauf von Gemüse- und Blumensamen, schließlich ist Pflanzzeit, und der ganze Sommer im einsamen Rückzugsort vor den Toren Wiens hängt davon ab. Decamerone lässt grüßen. Die Geschichten dazu werden am Abend in den PC gehämmert.

Schön und interessant, wie man in einer Ausnahmezeit die wahre Hierarchie der Dinge und der Bedürfnisse, seine Laster und Tugenden, seinen Verzicht und Luxus vor Augen geführt bekommt.

Wien, 4.5.20

Veronika Seyr
www.veronikaseyr.at
http://veronikaseyr.blogspot.co.at/

www.verdichtet.at | Kategorie: an Tagen wie diesen ... | Inventarnummer: 20086

Tag zwei der Katastrophe

Heute ist Tag zwei der Katastrophe. Die Stadt ist verwaist. Es sind so wenige Menschen unterwegs, dass man einander oft grüßt, wie in einem Dorf. Jene, die umhergehen, sind viel besserer Stimmung als üblich. Vor allem sind weit mehr Kinder als normal draußen. Und sie lachen mehr. Manche erledigen Arbeiten, die sie sonst nie machen würden, beispielsweise einen Zaun von außen mit Dampfstrahler, Schwamm und Bürste säubern. Man kommt sich auch näher, Buben und Mädchen, Männer und Frauen. So gesehen ist die Katastrophe gar keine.

Die Polizistin und der Polizist bewachen am 17. März 2020 das Rathaus von Klagenfurt

Die Polizistin und der Polizist bewachen am 17. März 2020 das Rathaus von Klagenfurt

Der Alte Platz von Klagenfurt mit der Pestsäule am 17. März 2020

Der Alte Platz von Klagenfurt mit der Pestsäule am 17. März 2020

Johannes Tosin
(Text und Bilder)

www.verdichtet.at | Kategorie: an Tagen wie diesen ... | Inventarnummer: 20035

Laubbläser im Regen

Klatschnasse Blätter
Noch nässerer Bläser
Der Mann trieft
Es tropft von Bäumen

Durchtränkte Fetzen
Von Laub
Von Papier
Von Hoffnung

Nichts hebt sich
Von selbst
Alles muss
Er muss

Volle Kraft nach unten
Lohn der Mühe ist gering
Beinahe alles bleibt
Am Boden haften

Sein Begleiter
Sieht ihm zu
Dessen Grinsen umspielt
Schadenfrohe Züge

Wann hat es sich
Ausgeregnet?
Wann ist er fertig
Ausgelacht?

Carmen Rosina

Möchten Sie wissen, wie es dem Laubbläser im Sturm und dem Laubbläser im Schnee ergangen ist?

www.verdichtet.at | Kategorie: an Tagen wie diesen ... | Inventarnummer: 19129

Oktober

Am kleinen Balkon
ist es zu laut,
Doch der Keller
führt in die Sonne,
Bänke
Tische
Raues Holz,
ringsum liegen Zäune und Gitter
seltsame Gefängnisse bauen Menschen
In das Cyan lege ich meine Sorgen,
Dort bei der Brücke
Autos
Fahrräder
Busse
lautes Rauschen
unter der Brücke fährt der Zug vorbei
auf einem Meer voll Schienen
Motorboote
Die Sonne
wärmt das kalte Fleisch,
unsichtbare Geschwüre
bilden sich langsam zurück

Florian Pfeffer

www.verdichtet.at | Kategorie: An Tagen wie diesen | Inventarnummer: 19123

Blamage im Billa

Am Praterstern, Samstag, 19. Mai, kurz nach 18 Uhr, auf dem Rückweg von einem Badetag im Gänsehäufel, Kleinigkeiten einkaufen für den Sonntag, für Montag auch noch, das Pfingstwochenende. Nach der Kasse an der langen Bank vor dem Ausgang packe ich meine Einkäufe in den Rucksack. Nicht weit davon sitzt ein alter, arm und sehr mager aussehender Mann. Der erste Blick. Mir fällt der altertümliche, schwarze Anzug mit einem dem bis zum letzten Knopf geschlossenen weißen Hemd auf, die Kragenspitzen aufgestellt, keine Krawatte vor der eingefallenen Brust.

Der heißeste Tag dieses heißen Jahres. Das Sakko ist eng, langgeschnitten und wirft am unteren Rand Falten. Fast ein Frack. Er sitzt auf dem Bord und schneidet mit einem Taschenfeitel Scheiben einer Wassermelone in kleine Stücke und spießt sie auf die Klingenspitze.
So eine vorgeschnittene Packung kaufe ich auch öfters, weil für mich allein eine ganze Melone meist zu viel ist. Langsam, genüsslich und mit einer leichten Eleganz in den Bewegungen verleibt er sie sich ein. Er zelebriert, das ist kein gewöhnliches Essen, sondern ein Ritual, es ist ein Verzehr, wie sich ein Priester im Gottesdienst bei der Verwandlung die Hostie, den Leib Christi, auf die Zunge legt. Dabei öffnet er den zahnlosen Mund, legt den Kopf in den Nacken und füttert sich selbst mit gespitzten Lippen, wie Vogeljungen von ihren Eltern einen Wurm in den Schnabel gestopft bekommen. Dazu passt sein Vogelgesicht, ein eingetrockneter Habicht, oder nein, sagt meine Gehirnkamera, eher das von einer ausgetrockneten Eidechse mit riesenhaftem Adamsapfel.

Der Mann lässt die Melonenstückchen von der Klinge direkt in den offenen Mund gleiten. Dabei schließt er genüsslich die Augen. Wenn es um den Eingang nicht so laut gewesen wäre – um diese Zeit herrscht beim Billa Blockabfertigung – hätte ich ihn vor Genuss vielleicht stöhnen und schmatzen hören können. Wie alle Zahnlosen stülpt er die Lippenwülste weit vor und dehnt sie wieder aus; innen in der Mundhöhle zermalmen die Kiefer gegen den Gaumen die Melone zu einem Brei, der sich leicht schlucken lässt. So erklärt sich das alte Wort „Mahlzeit“. An den Mundwinkeln rinnen kleine, rote Bäche von Saft in die Falten und tropfen vom Kinn in den Hemdkragen.
Wie viel man mit einem einzigen, schnellen Blick erfassen kann, wundere ich mich noch, oder ist es nur meine Angewohnheit des Fotografierens beim Schauen. Klickklickklick - festgehalten.

Sein Anzug ist von einem Aussehen, das es in der Wirklichkeit nicht mehr gibt. Nur auf vergilbten Fotos oder im Fundus für Zwischenkriegsfilme, ein Flüchtling mit einem Köfferchen, auf den letzten Zug wartend, um in die Tschechoslowakei zu entkommen, mit einem Köfferchen neben sich. Nervös in Gmünd, der letzte Emigrant. Sicher muss ich so eine alte Fotografie einmal gesehen haben, sonst wäre sie jetzt nicht wieder aufgetaucht. Dieser Anzug. Ursprünglich aus gutem Stoff, aber durch die Zeiten gewellt und gebrochen, spiegelig dünn, mit Gelbstich, Grünspan. Sogar den Geruch konnte man ihm ansehen: Mottenkugeln, Tabak, Schweiß und Männerurin. Neu nur der Melonenduft. Die aufgebogenen Hemdkragenspitzen über den Revers kamen ebenfalls aus diesem Bild, wie ausgeschnitten oder eingefroren in einem Kader.

Ich hatte neben anderen Dingen eine Packung Pfirsiche gekauft, diese von der flachen Art, Marke Saturn, ich habe sie immer für lachhaft gehalten und erst vor kurzem für mich als köstlich entdeckt. Da dachte ich mir, dieser genießerische Typ könnte ein paar gebrauchen und genauso verspeisen wie seine Melone. Aber es war kein Denken und kein bewusstes Entscheiden. Was hat mich dazu veranlasst? Mein alter Sozialreflex auf offensichtliche Armut? Er hatte in der Tasse neben sich eine weitere dreieckige Scheibe, noch von der Folie überzogen. Ich brach mein Körbchen mit Saturn auf, nahm spontan drei von den sechs Pfirsichen heraus und wandte mich an meinen Nachbarn: „Darf ich? Guten Appetit.“ Damit legte ich ihm die Früchte in seine Tasse.

So schnell konnte ich gar nicht schauen, wie der Alte die Früchte, eine nach der anderen, aufnahm und sie mit ungeahnter Wucht in den neben ihm stehenden Mistkübel schleuderte, dass die darin liegenden Plastikfetzen und zerknüllten Rechnungen aufspritzten. Entsetzt sprang ich dazu, holte sie blitzschnell heraus, hielt sie ihm unter die Nase und fragte ihn, mich aufrichtend, warum er so böse sei, was ich ihm angetan hätte. Es folgte ein Schwall von nicht ganz verständlichen Schimpfwörtern, von denen das deutlichste „Drecksau“ war.

Ist das mein feines Gehör für Sprachnuancen oder eine political incorrectness, dass ich heraushörte, dass er „bömakelte“, also einen tschechischen Akzent hatte. Kann auch slowakisch gewesen sein. Von dort kommen viele Sandler nach Wien, oder Menschen, die in Wien zu Sandlern werden. Ich kenne sie gut aus der Gruft von der Caritas. Wie auch immer, ich registrierte, dass er nicht auf rein Wienerisch schimpfte, was ich besser verstanden und replizieren hätte können, zumindest a bissl besser.
Mein Puls war sicher schon auf 180, als ich aus dem Billa stürzte und mich durch die Halle durch die Menschenmassen kämpfte.
Geradeaus U2, Rolltreppe runter, U1, links Richtung Oberlaa, rechts Leopoldau, noch einmal fast endlose Gänge und Rolltreppen. Die Lifte haben sie noch nicht erfunden oder ich habe sie vergessen. Aber sie kommen ohnedies nicht in Betracht, dort warten immer die Kinderwägen.

Der Rucksack schwappt auf meinem Rücken, und die Badetasche schlägt mir in die Knie. Schon ganz unten auf meinem Bahnsteig beuge ich mich tief nach unten-vorne, um Atem zu schöpfen.
Da packt mich eine so unmäßige Wut, dass ich umkehre, mit allen meinen schweren Taschen die Rolltreppe wieder hinauf, irgendeinen Junkie-Aufstand in der Halle mit Polizei und Hunden ignorierend, mich durch die Massen dränge und noch einmal den Billa-Markt betrete – absoluter Irrsinn, denn ich schleppe nicht nur meine schwere Badetasche aus dem Gänsehäufel, sondern auch die nicht geringen neuen Einkäufe mit mir, und das alles am heißesten Tage des bisherigen Jahres mit 32,3 Grad in Wien.

Der Praterstern ist ja sowieso der irrste Punkt von Wien, das kenn ich ja, normalerweise gehe ich mit wissenden, aber gnädig geschlitzten Augen durch, angeblich alles unter der Beobachtung von offensichtlicher oder bedeckter Polizei und unauffälligen Streetworkern. Noch habe ich kein Gefühl dafür, ob das vor kurzem ausgesprochene Alkoholverbot die Lage beruhigt hat oder das Gegenteil. Ob es sinnvoll war oder nur deppert.

Die ganze Zeit, während des Taschenschleppens und des Körpergedrängels, zwischen den zumeist hässlichen, zu kurzen Höschen mit angeschnittenen Arschbacken oder zu engen Leggings, was man sich da alles ansehen muss von Fett und Wabbelbeinen, was ich nie im Leben sehen wollte, jagt ein Shitstorm durch mein Gehirn, wie ich den schimpfenden Vogel ansprechen, beschimpfen, ja, bestrafen sollte. Er musste seine Strafe erhalten! Wie leicht, ihm einfach den Hals umzudrehen. Ich entscheide mich für das Naheliegendste, dass er sehr alt war, krank, unterernährt und nicht mehr lange zu leben hätte. Himmel oder Hölle. Gut oder böse. Nix davon.

Die Vogelscheuche im schwarzen Anzug saß noch immer auf der Bank und verzehrte seine letzte Melonenscheibe. Alles Obszöne, dessen ich mächtig bin, verwarf ich. Ich entschied mich für eine kurze, mir präzis und entsprechend der Abweisung erscheinende Aussage.
„Wenn Sie so bös sind, werden Sie bald sterben!“ Spricht der Racheengel. Damit beugte ich mich zu ihm hinunter und legte ihm noch einen Pfirsich namens Saturn auf die Tasse, in meinem moralischen Koordinatensystem war es das Schlimmste, jemandem den Tod zu wünschen oder ihn anzukündigen. Das kann ich.
Wie er all das aus seinem zahnlosen, bömakelnden, melonenmummelnden Mund herausgebracht hat, und noch dazu in einer ungeahnten Lautstärke, die Stimme so hoch und schrill, dass es den allgemeinen Supermarktlärm durchdrang, zumindest im Eingangsbereich: „Du Dreckschwein, krepier, i brauch nix, du oedes Dreckschwein, oedes! Ich brauch nix, du krepier, krepier, oede Vettel, du Sau du, dreckige, oede, stinkade Fut du. Du Fut du, oede Fettl, weg do.“

Und vieles mehr, was ich nicht so genau verstand. Irgendwas von Teufeln und Höllen und Hurenböcken. Und das in Wiederholungen, immer lauter und höher, sodass sich die Menschen im Eingangsbereich uns zuwandten, sich schon eine leichte Mauer aus Menschenkörpern und Einkaufswagen aufbaute, bis ich gerade noch an den Security-Männern in die Halle entwischen konnte.
Letztlich war ich eine Illegale mit schweren Lasten auf beiden Schultern, stolpernd und im Wackelgang und einem wie wahnsinnig schlagenden Herz und explodierendem Gehirn. Angstangstangst macht Beine. Aber die hinter mir bellenden Hunde galten nicht mir, sondern waren Teil einer Razzia, wahrscheinlich im Zuge der neuen Anti-Alkoholbestimmungen.

Trotzdem machte ich einen Rösselsprung, dass die Flaschen im Rucksack gefährlich aneinander schepperten. Hundegebell, Trillerpfeifen, Schrittetrappeln hinter mir. Plötzlich war ich ein afghanischer Asylwerber, eine albanische Roma-Bettlerin, ein Wiener Junkie und ein slowakischer Alki, alles gleichzeitig. Das macht Beine, und wie! Irgendwie entkam ich runter in die U1, wo ich mit Glück einen Sitzplatz ergatterte, auf dem sich mein Puls bis zur Taubstummengasse beruhigte, mein Herz-Gemüt aber bis jetzt nicht.
Das kann einfach eine Begegnung mit einem Kranken gewesen sein, der in Ruhe seine Melone verzehren wollte, und ich habe ihn dabei gestört. Oder ein ehemals nobler Herr, der sich durch meine ungeschickte, aber mild gemeinte Gabe gedemütigt fühlte. Wieder einmal ein Beweis dafür: Gut gemeint muss nicht gut sein. So versuchte ich mich zu trösten. Mein Schenk-Reflex traf bei ihm auf einen ganz anderen, der genauso wie meiner aus seiner Geschichte kommen musste. Was für eine Geschichte?

Aber wenn ich etwas weiß, dann ist es ganz sicher, dass die erste Assoziation beim Anblick dieses „Herren“ im Billa-Markt die Fotos des Nazis und Mörders Oskar Gröning war, gesehen und gelesen darüber online in der FAZ. Der 94-jährige „Buchhalter von Auschwitz“, eben in einem Prozess in Lüneburg zu vier Jahren Haft verurteilt. Vier Jahre für einen 94-Jährigen! Im Billa am Praterstern war sein Zwillingsbruder gesessen. Irrsinn oder Erbe? Irrsinniges Erbe. Auf jeden Fall war das Ende meines Badeausflugs ein lebendiger Albtraum.

18.5.18

Veronika Seyr
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www.verdichtet.at | Kategorie: an Tagen wie diesen ... | Inventarnummer: 19043

Spital

Keine Versicherung,
alles tobt,
Wirbelwind,
er brennt in den Augen,

Der Muskel, er klopft,
unregelmäßig,
er joggt gerade,
Enge kommt mit dem Geld
Blaue Lichter halten vor der Tür

Fallnummer am Handgelenk,
warten und Augen schließen,
Kreise gehen
Hier liegen Halbtote,
Husten,
aggressive Menschen,
Ich trinke kaltes Wasser

Die Ärztin bohrt mir ein Loch
in den Arm,
gleichzeitig macht sie Witze,
mit dem Pfleger,
wieder warten,

Nach Stunden
weiß ich
alles in Ordnung

Florian Pfeffer

www.verdichtet.at | Kategorie: An Tagen wie diesen | Inventarnummer: 19029

Erwarten können (Bühnenversion)

Drei Personen:
Sprecher/in (Text in Schwarz)
Marek, der tschechische Kellner (Text in Blau)
Jana, der Gast (Text in Rot)

Auch heute wurde Jana wieder der kleine Ecktisch zugewiesen. Von dort bot sich der beste Blick in das Lokal, von hier aus konnte man die anderen Gäste beobachten, aber auch hinaus auf den Hauptplatz blicken.
Das Pflaster der schmuck herausgeputzten Kleinstadt glänzte an diesem nasskalten, späten Winterabend. Die pittoresken, liebevoll beleuchteten Häuser mit ihren Fassaden, an denen die Jahrhunderte abzulesen waren, im Hintergrund der Turm des imposanten Schlosses.

Sie hatte sich hübsch gemacht, ihr festliches kirschrotes Jerseykleid brachte Rundes auf schmeichelhafte Weise zur Geltung.
Sie trug es nicht oft, denn meist war die Farbe stärker als sie selbst. Sie wählte das Kleid also nur, wenn sie dem Rot Kontra geben konnte. Etwa durch jene seltenen Gefühle von Ausgelassenheit und Übermut, die zu bündeln ihr in jungen Jahren gut gelungen war.
Heute war dem Rot aber auch beizukommen, mit ausgeprägter Gemütsruhe nämlich.
Genau so ein Abend war heute, mit innerer Balance bot sie dem Rot die Stirn.

Jana blätterte nahezu erwartungsvoll in der Getränkekarte, als ob diese heute ein gänzlich neues Angebot für sie beinhalten könnte.
Der Kellner näherte sich ihr nach einigen Minuten und fragte mit tschechischem Akzent: „Möchten Sie bestellen, gnädige Frau, oder warten Sie noch auf jemanden?“

„Ja, ich warte. Aber ich würde dennoch gerne bestellen.“

Das Restaurant war gut gefüllt. Die kleinen Tische waren fast ausschließlich mit jeweils zwei oder drei Personen besetzt, darunter einige, die Jana als Touristen zu erkennen meinte.
Der Kellner stellte einen Gin Tonic auf Janas Tisch und machte dabei eine angedeutete Verbeugung.
„Ich habe mir erlaubt, ein kleines Stück Limette zu ergänzen. Und wenn Sie mir die Bemerkung gestatten: Eine Dame wie Sie sollte man keinesfalls warten lassen.“
Sein Gesicht blieb dabei seltsam entspannt und er lächelte sie offen an.

Jana erwiderte überrascht:
„Danke sehr, schon gut. Aber ich warte gern. Noch dazu bei dieser prächtigen Aussicht.“

Er nickte und meinte zustimmend:
„Ja, wir alle haben gelernt zu warten, schon als Kinder, auf die Ferien, auf das Christkind, auf die Geburtstagsfeier.
Der Sehnsucht war man ja recht hilflos ausgeliefert. Es war richtig schwer zu warten. Aber es hat die kindliche Vorfreude nicht getrübt.“

Jana antwortete freundlich:
„Tja, so war es. Aber mittlerweile habe ich einen langen Atem. Man lernt schließlich dazu, die Leerläufe im Alltag mit Gleichmut hinzunehmen: bis der neue Badezimmerschrank geliefert wird, der PC hochgefahren ist, oder der träge Aufzug endlich eintrifft.“

Jana fühlte sich hier wohl. Sie aß ein Paar Frankfurter mit Senf und Kren und trank ein Seidel Bier dazu. Danach genoss sie die Stille im Warten und das Nichts-zu-tun-Haben.
Sie sah von ihrem Tisch aus durch das großflächige Fenster auf die beleuchtete Stadt hinaus. Und sie hatte ausreichend Zeit, die hübschen Häuser der Stadt einzeln auszumachen und mit ihrem Blick am weihnachtlich beleuchteten Brunnen am Hauptplatz zu verharren.
Dann gab ihr Smartphone ein kleines Signal und sie hatte Zeit, eine Nachricht ihrer Tochter Tereza, die in Budweis auf sie wartete, in aller Entspanntheit zu beantworten.

Aus dem Nebenraum kommend, trug der Kellner einen Aschenbecher voller Zigarettenstummel an ihr vorbei, auf die Janas Blick fiel.
Er bemerkte es und flüsterte ihr zu:
„Schlechthin das Synonym fürs Warten.“

Er blieb kurz stehen und sinnierte laut weiter:
„Und es ist beileibe nicht immer Sehnsucht, die das Warten so schwer macht. Oft ist man dabei auch voller Furcht, beim Warten auf ein Prüfungsergebnis, auf den Pannendienst, die Polizei, auf Asyl in einem friedlichen Land.“

Jana setzte fort:
„Ja, oft ist die Furcht existenziell beim Warten auf eine Diagnose, eine Spenderniere, auf Regen bei Dürre, auf den Wasserhöchststand bei Überschwemmung.“

Er wirkte bestürzt angesichts der genannten Beispiele:
„Menschen warten praktisch immer auf bessere Zeiten, auf die große Liebe, das Glück.“

Sie erzählte:
„Ich fragte mich als junge Frau oft: Wann beginnt endlich das richtig schöne Leben, jetzt wo ich so viel abgenommen habe?“

Er lachte und sagte:
„Oder das Warten auf Antwort von dem Mädchen, in das ich mich als Jugendlicher verliebt hatte – das war schwerer zu ertragen als die spätere Erkenntnis, dass sie mich gar keiner Antwort für würdig hielt.“

Jana sah den Kellner erstaunt an, als dieser verschwörerisch fortfuhr:
„Und nicht zu vergessen, das Warten auf meine Frau, bis die sich endlich für die richtige Theatergarderobe entschieden hat.“

Er entfernte sich zügig Richtung Küche und Jana konnte gerade noch sehen, dass kleine Schweißtropfen auf seiner Stirn glänzten. Die Arbeitskleidung war hochgeschlossen, die bodenlange dunkle Schürze sah zwar professionell aus, musste aber unpraktisch sein, so mutmaßte sie.
Ein Großteil des Personals ist der Gastronomie kam aus Tschechien.
Kellnern war harte Arbeit, viele Gäste blieben nur auf ein Getränk, die Tische wurden etwa halbstündlich neu vergeben, es wurde bestellt und serviert und kassiert, alles mit ausgesuchter Höflichkeit und dennoch hielt der Kellner immer wieder einmal auf einem seiner Wege bei Jana an (oder schlug sogar einen kleinen Umweg über ihren Tisch ein), um ihr gemeinsames kleines Gespräch über das Warten fortzuführen. Sei es auch nur mit einem Satz, dem sie aus Zeitmangel ihres Gesprächspartners manchmal gar nichts entgegnen konnte:
„Das Gefühl, wenn der Installateur nicht und nicht daherkommt.“

Ein paar Minuten später:
„Hatten wir eigentlich das banale Wartezimmer schon? Und den Zug? Auf Bahnsteigen steht die Zeit ja oft scheinbar still.“

Nach dem Abservieren am Nebentisch:
„Vom endlosen Warten auf den Sommer ganz zu schweigen.“

Nach dem Abkassieren einer aufwändig zu teilenden Zeche einer Gruppe Touristen murmelte ihm Jana zu:
„Nicht zu vergessen das Warten auf den Zahlkellner.“

„Oh, Sie wollen doch nicht etwa schon gehen, gnädige Frau?“
Er wirkte müde, es war 23 Uhr.

„Nein, nein, aber ich hätte noch gerne ein Kännchen grünen Tee, bitte, wenn Sie so nett wären.“

Das Warten war für Jana heute kein unliebsamer Zustand. Sie fühlte sich nicht passiv oder einer Langeweile ausgesetzt, sondern es ermöglichte ihr auf eine entschleunigte, fast poetische Art, in sich selbst hineinzuhorchen und rückwirkend das nun schon fast vergangene Jahr zu betrachten.

Da sah sie den Kellner, der mit dem Tee auf sie zusteuerte und ihr beinahe keck zuraunte:
„Und erst das Warten auf die eine Gelegenheit!“
Er entfernte sich beinahe triumphierend angesichts ihres verdutzten Blicks.

Als die Glocken der Stadtpfarrkirche begannen, mit ihrem mahnenden Geläut zur Mette zur rufen, ging Jana kurz vor die Tür.
Diese Glocken luden nicht froh zum Feiern, nein sie forderten vehement die Disziplin zum Kirchgang ein. Und diesem übermächtigen Klang war nichts hinzuzufügen oder entgegenzusetzen, er erfüllte den Raum und die Zeit aller, egal ob katholisch oder nicht.

Als sie wieder zurückging, hatte sich das Lokal beinahe geleert und die mitternächtliche Sperrstunde nahte.
Der Kellner sah auf seine Armbanduhr und löste seine Arbeitsschürze, während er – abwechselnd mit Jana – heiter und zusammenhanglos die eine oder andere Wartesituation aufzählte.

Plötzlich fasste Jana den Kellner spontan am Arm, er drehte sich überrascht zu ihr und folgte ihrem Blick durch das große Fenster hinaus auf den Hauptplatz:
„Oh, sieh nur, Marek, jetzt ist er da, der Schnee! Er kommt stets nach Belieben einfach irgendwann. Oder man wacht auf, und er ist plötzlich da, über Nacht.“

„Oder man rechnet nicht mit ihm, bis dich plötzlich jemand an der Schulter fasst und aus dem Fenster deutet.“
Der Kellner Marek fuhr Jana liebevoll über den Kopf:
„Aber jetzt komm, Jana meine Liebe, lass uns nach Hause fahren, Zeit für unser Weihnachten. Tereza wartet schon so lang auf uns. Ich möchte jetzt wirklich gerne meine Beine hochlegen. Wir haben doch noch die gestern angebrochene Flasche von dem Rotwein? Und Hunger habe ich auch.
Wie schön, dass du mir Gesellschaft geleistet hast und auf mich gewartet hast.“

Michaela Swoboda
Szenisch dargeboten bei Theaterzeit Freistadt 2018

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