Borromäus‘ Beistand

Zu Füßen des Heiligen liegen rechts zwei Putti und ich bin dabei, die beiden kleinen barocken Kerle wieder adrett herzurichten, konkret restauriere ich gerade, mit der Farbpalette in der linken und dem Pinsel in der rechten Hand, den linken bläulichen Flügel des hinteren Engels, dessen Blick träumerisch in Leere zu gehen scheint.
Es ist eine spannende Arbeit in luftiger Höhe, unsere Chefin ist umgänglich und kompetent und wir sind ein eingeschworenes Team.

Das war nicht von Beginn an so.

Am ersten Arbeitstag vor zwei Wochen gehe ich auf die Karlskirche zu. Der prachtvolle Fischer-von-Erlach-Bau aus dem 18. Jahrhundert liegt direkt am Karlsplatz und ist ein Glanzstück europäischer Baukunst und ein Wahrzeichen Wiens. Leider sind der Park davor und die nahegelegene U-Bahnstation ein frequentierter Drogenumschlagplatz. Die imposante Kuppel der Kirche prägt das Wiener Stadtbild. Die Mittelfront des Kirchenbaus hat die Form eines griechischen Tempels, die beiden Seitenkapellen erinnern stilistisch an die italienische Renaissance, mit Dächern, die chinesischen Pagoden ähneln. Unklar ist mir, ob die Triumphsäulen nach römischem Vorbild gemacht sind, lassen sie doch zugleich an islamische Minarette denken.

Ich sehe mich im Inneren des großen Sakralbaus in aller Ruhe um. Über dem Kirchensaal erhebt sich die riesige ovale Kuppel, darin das mächtige Fresko; es zeigt im Zentrum den Kirchenheiligen Borromäus, wie er um Abwendung der Pest bittet.

Langsam steige ich die Treppe am raumgreifenden Baugerüst empor. Und während ich an Höhe gewinne, umgibt mich eine Fülle plastischer Ornamente, und malerische Fresken mit kräftigen Farbakzenten bringen Leben in den Innenraum. Die rötlichgetönten Farben der Marmorsockel, die rosenholzfarben marmorierten Stuckpilaster und die gemalte Scheinarchitektur am Kuppelfuß erfüllen den Raum harmonisch. Barock assoziiert in verzerrter Form Täuschung, Trügerisches, das sich in Malerei und Stuck manifestiert. Eine Illusion von Plastizität, die den Raum größer erscheinen lässt.

Immer wieder werfe ich auch einen Blick hinauf zum großen Kuppelfresko, einer Vision der himmlischen Sphären. Ich bestaune den dramatischen Himmel des Malers Johann Michael Rottmayr, der als 70-Jähriger seine letzten fünf Lebensjahre in der Kuppel verbrachte, von 1725 bis zu seinem Tod. Aber ich würde lügen mit der Behauptung, der Anblick der Fresken sei ein spirituelles Erlebnis bei diesem ersten, langsamen Anstieg über die Treppen, deren Anzahl ich später von meinem Kollegen erfahre, es sind 118.
Das Ziel des Malers war, die unbegrenzte Weite hinauf zu Gott in der Kuppel abzubilden, indem er einerseits hinter seine Figurengruppen eine gelbliche bis blaugraue Wolkenwand fügte, die den Blick zum Himmel begrenzt, andererseits diese nach oben immer transparenter werden lässt. Das Himmelsblau wird zwischen den Figuren sichtbar, öffnet den Raum wieder und ermöglicht das Ausschwärmen des Blickes in die Unendlichkeit. Sonst nur vom Boden aus großer Distanz in ihrer lebensfrohen Interaktion sichtbar, sind die farbigen Figuren plötzlich zum Greifen nahe.

Ich ahne bereits aus halber Höhe die zahlreichen Wasserschäden und Verschmutzungen, die zu beseitigen sein würden, um danach auf die Originalsubstanz zu stoßen. In diffiziler Arbeit sollen die unübersehbaren Schäden eliminiert werden, Schollenbildung und Versalzungen, die verblichene Maloberfläche aufgefrischt werden. Über Monate werden wir nun im Auftrag des Denkmalamtes die Figuren reinigen und nachmalen, zum Teil ist die Schicht aus Staub und Ruß bis zu fünf Millimeter dick.

Nach Abschluss meines Studiums ist das mein erster Job als Restauratorin. Die Leitung der Renovierung des Deckenfreskos in der mächtigen Kuppel der Wiener Karlskirche hätte eine Universitätsprofessorin aus Salzburg bekommen sollen, sie wurde aber letztendlich einem italienischen Kunsthistoriker übertragen, einem  – wie sich später herausstellen sollte – arroganten Schnösel. Einem, der nicht müde wird, uns junge Restauratorinnen ständig anzumachen und zu belästigen. Ganz selbstverständlich bezieht er auch die arrivierte Forscherkollegin aus Salzburg, die mit im Team ist, in den Kreis der Bedrängten mit ein. Es ist frühlingshaft warm in der Kuppel, wir Frauen arbeiten in Shorts und im Top, ernten seine feixenden Blicke und vollmundigen verzichtbaren Komplimente.

Die Arbeit vollzieht sich in kleinen Schritten, bis zu vier Restauratoren sind gleichzeitig am Werk, um die über 1200 Quadratmeter große Fläche annähernd in ihren ursprünglichen Zustand zu bringen. Die weltberühmten Gemälde erscheinen nach und nach leuchtender und farbiger; der Unterschied zwischen bearbeiteten und unbearbeiteten Flächen ist bald klar wahrnehmbar.

Mit dabei ein liebenswürdiger junger Kollege aus Niederösterreich, ein ehemaliger Kommilitone, etwas tollpatschig, wohlbeleibt von zu viel Fastfood, das sich während der letzten lernintensiven Studienmonate um seine Körpermitte breitgemacht hat. Er könnte den Lift benutzen, nimmt aber die Stufen, was unseren Vorgesetzten, den wir unter uns nur den Imperator nennen, veranlasst, ihn jedes Mal lauthals mit einem scharfen „Presto, presto, andiamo!“ zu drangsalieren, das durch die Kuppel hallt und die Aufmerksamkeit aller Anwesenden, auch der Fremden, auf die schwerfälligen Schritte des jungen Mitarbeiters bei seinem Aufstieg auf 32 Meter Höhe lenkt. Das Besondere an unserem hochgelegenen Arbeitsplatz ist nämlich, dass dieser über einen Panoramalift auch für eine zahlende Öffentlichkeit zugänglich und somit von Touristen frequentiert ist.
Unser behäbiger junger Kollege kann nicht lange verbergen, dass er Angst vor Fahrstühlen hat, was unseren italienischen Chef dazu anspornt, dem armen Mann noch mehr zuzusetzen. Und in Anlehnung an Galileo Galilei kommentiert er belustigt seine angestrengten Bemühungen, zu seinem hochgelegenen Arbeitsplatz aufzusteigen, mit „Und er bewegt sich doch.“ Sein eigenes, darauf folgendes hämisches Gelächter bricht sich immer stakkatoartig in der Kuppel und ist weit zu hören.
Ich kann mir nicht vorstellen, wie wir so einen widerlichen Menschen über die kommenden Monate aushalten sollen. Ich richte jedenfalls das eine oder andere Stoßgebet in den ellipsoiden Himmel über uns, direkt adressiert an Borromäus, auf dass er uns doch möglichst auch von dieser Pest befreien möge.

In der ersten Arbeitswoche beschließe ich eines Mittags, meine Pause oben in der Kuppel zu verbringen und nicht mit den anderen essen zu gehen. Ich nehme also die mitgebrachte Jause hoch oben auf der Plattform ein und genieße den Kirchenraum aus dieser Perspektive und vor allem die ungewohnte Stille und das Alleinsein – Touristen sind über Mittag nämlich auch keine in der Kirche.

Nach dem Essen lege ich mir meinen zusammengerollten Pullover unter den Nacken und mich auf den Rücken, um bis zur Rückkehr der Kollegen ein Nickerchen anzuschließen. Meine Augen wandern in die Kuppel knapp über mir, über diese pittoreske Welt aus Wolken und Heiligen, die ob ihrer räumlichen Unmittelbarkeit wahrlich eine Art Himmelszelt über meinem Lager bildet. Ich versuche, dem Blick des Borromäus‘ zu folgen und kurz bevor mir die Augen zufallen, registriere ich Gemurmel tief unter mir, und es gelingt mir einfach nicht, es auszublenden, zumal ich mir einbilde, den unverkennbaren italienischen Singsang unseres unliebsamen Teamleiters zu hören. Also stehe ich auf und versuche zu erkennen, wer sich da mit wem unterhält und meine Mittagsruhe irritiert. Zwei Personen sitzen in einer der Bänke nebeneinander und es will mir aus der großen Distanz nicht gelingen, die Gesichter deutlich auszumachen, zumal der eine Typ eine Kapuze trägt. Es ist – nach der Intonation zu schließen – keine Plauderei, eher ein Verhandeln, das da im sakralen Halbdunkel vor sich geht, aber worum geht es dabei bloß?

Meine Neugierde ist geweckt, ich schnappe mir die Kamera, mit der unser Imperator täglich die Schäden an den Fresken fürs Denkmalamt dokumentiert, und fokussiere aus luftiger Höhe das Zoom auf das Geschehen zwischen den Kirchenbänken. Ich sehe, dass der Kapuzentyp eine Sonnenbrille trägt und seinem Nachbarn – ja, es ist tatsächlich unser Chef! – mehrere Säckchen mit einem weißen Pulver zeigt und ihm diese schließlich in die Hand gibt. Ich brauche ein paar Sekunden, bevor ich begreife, dass dort unten offensichtlich ein Handel sehr weltlicher Natur abläuft.
Ich wage kaum zu atmen und obwohl ich so weit entfernt bin, habe ich plötzlich Angst, entdeckt zu werden. Geistesgegenwärtig drücke ich dennoch wiederholt den Auslöser, um das Unglaubliche zu dokumentieren. 32 Meter in senkrechter Luftlinie entfernt und dennoch beinahe vor meiner Nase passiert eine Straftat:  Ein Dealer verkauft unserem Vorgesetzten Kokain. Ja, mitten in der Kirche!

Aus der Kirchenkuppel hinabblickend, ist mir schlagartig bewusst, dass es keine große Höhe braucht, um tief zu fallen.
Ein Sündenfall, der nicht ohne Folgen bleibt: Wie jeden Abend – so auch an diesem – bringt der Chefrestaurator die volle Speicherkarte aus der Digitalkamera selbst zum Denkmalamt, wo die inkriminierenden Fotos gesichtet werden.

Mit dieser kompromisslosen Stringenz hätte ich offen gesagt nicht gerechnet: Bereits am nächsten Tag ist der Imperator seinen Job los! Wir bekommen ihn gar nicht mehr zu Gesicht, wohl aber seine verschmitzt strahlende Nachfolgerin: Die Salzburger Wissenschaftlerin wird gebeten, ihn in seiner Leitungsfunktion abzulösen, was sie nach klugem Verhandeln über die Dotierung auch gerne tut.

Und vor uns liegen nun ein paar lehrreiche und unbeschwerte Monate in der Karlskirche.

Michaela Swoboda

www.verdichtet.at | Kategorie: kunst amoi schau'n | Inventarnummer: 16098

 

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