Schlagwort-Archiv: kunst amoi schau’n

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Ins Lichtspieltheater

„Ins Lichtspieltheater,
ich mit Ihnen, heute,
tja, warum eigentlich nicht?

Hab ich denn etwas zu verlieren außer meinen guten Ruf?
Nein, nein, ich denke doch nicht.
Soll ein Mädchen bei Ihnen nicht den Fuß von der Bremse nehmen
und stattdessen das Gaspedal voll durchdrücken?“

Der Film Genesis

Der Film Genesis

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: kunst amoi schau'n | Inventarnummer: 22041

 

Bioskop

„Hast du eine lieblingsschauspielerin?“, fragte ich und damals hätte ich noch nicht wissen können, dass alles, was ich bisher über zwischenmenschliches wusste, aus ebenjenen filmen entstammte, die ich spätabends nach meiner arbeit im kino angesehen habe. Und die traumfabrik. Wo träume hergestellt wurden  (träume sind schäume) und doch: als sechzehnjähriger hat das alles noch ein versprechen. Und du wolltest genauso leben, mit diesen lockeren sprüchen, mit diesen kameraeinstellungen und schnitten. Und du wolltest etwas erleben, im auto entlang an der costa del sol oder so ähnlich, in der hand eine zigarette. Und du wolltest lieben, so leidenschaftlich (woher wusstest du eigentlich, was das war …?) und erfahren, wie das geht, das schöne leben, oder das schönere, vielleicht. Und als du diese filme zuerst sahst, warst du ergriffen und erst jahre später, als du sie wieder sahst, wurde dir klar, worum es überhaupt ging. Und als dein späteres ich in diesen roten klappsesseln versank (kannst du mal die klappe halten …?) mit getränk und snacks und diese hundertundnochwas minuten, die alleine dir gehörten. (warum gab es im theater, in der oper kein popcorn …?). Versunken im abendhimmel danach, mit sich allein …

Michael Bauer

www.verdichtet.at | Kategorie: kunst amoi schau'n| Inventarnummer: 22017

Seerosenfrau

Wie ist dein Himmel,
Seerosenfrau,
wie ist dein Gras, wie ist dein Wasser?

Ich bin die Wolke,
aus der Regen fällt, der dich trifft.
Ich ziehe weiter, doch du bleibst am selben Ort.

Der Ausschnitt des Gemäldes EINE ROSE IST EINE ROSE von Brigitte Kranz auf dem Smartphone, fotografiert von Johannes Tosin

Der Ausschnitt des Gemäldes EINE ROSE IST EINE ROSE von Brigitte Kranz auf dem Smartphone, fotografiert von Johannes Tosin

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: kunst amoi schau'n | Inventarnummer: 22001

Nackt

Nackt.
So wie du bist.
Schön oder auch nicht.
Nichts verstecken, nichts kaschieren,
Push-up-Bra gestrichen.
Du stehst vor dir im Spiegel.
Gefällst du dir, unbedingt?
Nein doch sicherlich,
denn sonst wärst du ja keine Frau.
Denk doch, Honigsüße, perfekt sind nur die Götter.
Und auch die nur in der Imagination.
In Wirklichkeit hat auch Venus
Reiterhosen und Orangenhaut.

Die schwarze Göttin bei der Boutique Extravagant

Die schwarze Göttin bei der Boutique Extravagant

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: kunst amoi schau'n | Inventarnummer: 20042

 

Holzskulpturen

Ich entdecke in einer hässlich restaurierten Kirche schöne Skulpturen, die zum Berühren einladen. Der Kirche sieht man an, dass sie lange für die Bewohner der Stadt keine Rolle gespielt hat. Jahrzehnte ist sie heruntergekommen und niemand hat in ihr mehr Frieden gesucht, geschweige denn die Nähe Gottes. Solche Zeiten gibt es, und eine Restaurierung kann das nicht ungeschehen machen. Man merkt der Innenausstattung an, ob es die Baumeister ernst gemeint haben, oder ob nur die Gelder verbraucht worden sind.

Die Holzplastiken sind unspektakulär. Selbstverständlich stehen sie links und rechts der Stuhlreihen, in denen niemand sitzt. Schön polierte Köpfchen, Nacken, Wirbelsäulen, Oberkörper, die zum Berühren verführen. Auf Schildern am Boden sind tief empfundene Sprüche, Sätze, Bibelzitate, Gedichtverse angebracht, die den Gedanken auf die Sprünge helfen, vielleicht etwas zu deutlich. Und dort ist auch die Aufforderung zu lesen: Bitte Berühren. Ich schaue mehrmals genau hin, weil ich es gar nicht glauben kann, dass man diese Figuren wirklichen anfassen darf.
Mit der hehren Ehrfurcht vor Kunstgegenständen bin ich groß geworden. Doch diese Skulpturen darf man tatsächlich berühren, streicheln, ihre schmeichelnde Oberfläche an der Handfläche spüren. Also wage ich es vorsichtig, mit den Fingerkuppen darüber zu streichen, taste mich sacht weiter vor und lege die Handflächen darauf, umfasse die Figuren. Weich und warm und freundlich fühlen sie sich an. Liebevoll glatt hat sie ihr Meister geschliffen, geschmirgelt. Sie schmeicheln der Hand. Wie schön, dass es mir vergönnt ist, nicht nur mit den Augen, sondern auch mit den Händen zu schauen. Die Berührungen gehen doch gleich ins Herz, während der Augenkontakt zuerst im Gehirn geprüft und auf Assoziationen hin untersucht wird. Ein intimer Kontakt mit den Skulpturen entsteht, eine Vertrautheit.

Der Künstler arbeitet ehrlich, aufrichtig schnitzt er seine Objekte. Unter seinen Händen sind sie zu Subjekten geworden. Sie scheinen nicht nur etwas darzustellen oder auf etwas zu verweisen. Sie lassen den direkten Kontakt zu und darin liegt ihre lebendige Wesenheit. Sie vermögen es, den Befühler, den Betrachter im Inneren, bisweilen sogar im Innersten zu bewegen. Welche Kunstwerke können das schon von sich behaupten? Dem Meister ist es ernst mit seinen Geschöpfen. Er schenkt ihnen das Leben und produziert nicht für den Verkauf. Wenigstens möchte ich das gerne glauben. Aber natürlich wird er sich von den einen und anderen Skulpturen trennen müssen. Auch er kann nicht von der Hand in den Mund leben oder von Luft und Liebe.

Groß, schlank, anmutig stehen die Stelen im hohen, weiten Raum. Sie sind von Kirchenbänken und barocker Ausstattung umgeben. Unaufdringlich finden sie sich ein. Sie sind sich selbst genug. Geduldig warten sie, langmütig sind sie. Eile kennen sie nicht. Sie sind aus dem Holz von Eichen geschnitzt, aus mächtigen Bäumen, die ihre Kronen im Wind wiegten.
Einst hatten sie Wurzeln tief in der Erde. Die Erinnerung daran lebt noch in ihnen, auch wenn sie schon lange gefällt, entrindet und zugehauen sind. Alt sind die Balken allesamt, jahrhundertealt. Ihren praktischen Nutzen haben sie bereits hinter sich. Sie dienten in Dachstühlen, unter Dielen, in der Hafenbefestigung, als Bahnschwellen und an mannigfaltigen anderen Orten den unterschiedlichsten Zwecken. Sie haben weiß Gott genug gehalten und ausgehalten, gestützt und getragen, über sich ergehen lassen, dass ihnen nun eine neue und heilige Bestimmung vergönnt ist.

Sie können ihr Haupt erheben, ihre schöne Maserung, ihre ehrwürdigen Jahresringe zur Geltung bringen, ihre glatte Oberfläche präsentieren. Die Zeit ist vorbei, in der sie sich verstecken mussten und ihr feinsinniges Wesen verleugnen.

Aus dem grob behauenen, rissigen, gealterten, verbrauchten unteren Teil, der noch die Spuren und Wunden seiner einstigen Verwendung trägt, entfaltet sich der polierte Teil des Rumpfes. Oberkörper, Brust, Schultern, Wirbelsäule, Hals und Kopf sind in der ihnen eigenen Haltung herausgearbeitet. Sie ragen in die Welt, sie blicken hinein und brauchen nicht einmal Augen dazu. Es ist, als könnten sie die Blicke, die sie treffen, in sich aufnehmen, ja sammeln. Berührungen, Liebkosungen mehren ihr Wohlbefinden. Stumm und reglos stehen sie da, fein sind sie, ja grazil.
Füße und Beine können sie entbehren. Es gibt keinen Ort, an den sie gehen möchten. Sie sind schon angekommen. Auch Arme, Hände und Finger brauchen sie nicht. Was sollten sie tun? Alles ist bereits getan.

Wie gut, dass diese schönen Gestalten an diesen Ort gelangt sind. Wie gut, dass aus ihren nutzlos gewordenen Holzkörpern noch einmal etwas entstehen durfte. Jetzt können sie ihre Seele entfalten und manch einer hat seine Freude daran.

Claudia Kellnhofer
www.bitterlemonverwunderung.de

www.verdichtet.at | Kategorie: kunst amoi schau’n | Inventarnummer: 19003

Flamboyant

Die Geschichte nahm ihren Anfang während meines Praktikums bei einem großen deutschsprachigen Schweizer Kulturmagazin. Gerade einmal graduierter Magister der Medienwissenschaft, durfte ich, begleitet von einem Fotografenkollegen, meinen ersten Artikel gestalten.
Eine angesagte Künstlerin hatte kürzlich mit großem Erfolg ihre Ausstellung in der Kunsthalle absolviert, und nun waren viele Menschen neugierig auf das Arbeitsumfeld der als eher scheu bekannten Malerin.

Bestimmt hatte ihr Manager sie überreden müssen, ausgewählte Medienvertreter in ihrem Atelier zu empfangen. Er war ein drahtiger junger Typ mit kahlrasiertem Kopf und dicker schwarzer Designerbrille; die Dramaturgie des Journalistenempfangs war bestimmt von seinen exakten Vorgaben, die uns im Vorhinein übermittelt wurden und bestätigt werden mussten. So durfte etwa nur der Stadtteil, nicht aber die genaue Adresse des Ateliers genannt und auch keine Außenansicht des Gebäudes veröffentlicht werden.
Das Navigationssystem lotste uns zu einer alten Fabrik am Stadtrand mit charmanter Klinkerfassade, wo die anwesenden Journalisten vom Manager empfangen und mit ein paar Verhaltensregeln versorgt in die Werkhalle vorgelassen wurden.

Das Ziel unseres Interesses, die Dame des Hauses, wartete bereits, gehüllt in beinahe bodenlange weite, weiße Gewänder, in angespannter Körperhaltung und mit vor Nervosität leicht gerötetem Gesicht. Sie stand barfuß und breitbeinig, wie um sich selbst mehr Terrain zu verschaffen und das der von ihr misstrauisch beäugten Eindringlinge zu minimieren. Bestimmt aus demselben Grund umgab sie sich mit zwei Windhunden, sehr hellen kurzfelligen, die breite weiße, lederne Nietenhalsbänder umgeschnallt hatten und nervös tänzelnd um sie Raum nahmen.
Das lange brünette Haar trug Leonie Lafleur offen, ganz so, als ob sie sich bei Bedarf rasch dahinter zurückziehen könnte. Mit einem bemühten schmalen Lächeln rang sie sich eine Begrüßung ab.
„Willkommen, bitte stellen Sie Ihre Fragen, ich werde gerne Auskunft über meine Arbeit geben.“

Die Halle hatte einen polierten Betonboden, auf den an diesem warmen Nachmittag eine recht vehemente Septembersonne ihr Licht drängte, durch hunderte von Eisensprossen gebildete Glasfelder der raumhohen Fabrikfenster. Parallel zu den Außenmauern waren verputzte und weiß grundierte, etwa zwei Meter hohe gemauerte Innenwände montiert, an denen großformatige Bilder hingen, mehrheitlich ungerahmt.
Ein Spatz war durch eine offene Dachluke hereingeflogen und durchzog mit ängstlichem Gezwitscher die Halle in langen Flugbahnen, was die Hunde irritierte.

Die Frau in Weiß, die immer wieder ihren Blick senkte, sich wand, befangen in ihrer nicht alltäglichen Rolle als Anschauungssubjekt, bannte meinen Blick und retardierte meinen Geist. Sie bildete mit ihren Gewändern, die auf leichteste Bewegungen voluminös reagierten, und mit ihren Hunden ein oszillierendes weißes Etwas inmitten der sonnengefluteten Halle.
Die Kollegen mit den Kameras begannen ohne Verzögerung mit ihrer Arbeit. Das Klickstakkato war es auch, das meine Denkblockade beendete. Auch die anderen Reporter hatten sich akklimatisiert und das Erstaunen weggesteckt, der Bann war gebrochen, und es kamen erste Fragen.

„Haben Sie fixe Arbeitszeiten, Madame Lafleur?“, wollte eine junge Kollegin von der NZZ wissen, worauf nach kurzem Nachdenken eine leise Antwort folgte: „Tatkraft und Passion kennen keine Uhr.“

Ein blonder Journalist, der seine Sonnenbrille auf die Stirn geschoben hatte, fragte: „Sie waren ja die Ehefrau von einem großen Kunstmäzen, hat er Sie gefördert? Haben Sie noch Kontakt zu ihm?“
Die Antwort erfolgte prompt und in verärgertem Ton: „Was für eine Frage. Als wäre ich ein relatives Wesen. Ich bin doch keine Trabantin, keine Frau von jemandem.“

Der Spatz hatte immer noch nicht hinausgefunden und zog weiterhin mäandernd seine Kreise durch die Halle.
Auf das Eigentliche war ich nicht vorbereitet gewesen  –  die unvergleichlichen Kunstwerke: Blumen, Blüten, Blätter, alle in Grautönen; Makro-Ausschnitte, bildfüllende Großaufnahmen.
Nur schwarz, grau, weiß. Ein unentschlossenes Changieren zwischen Diskretion und Opulenz.
Ich machte mir meine Notizen.
Schwarz, grau, weiß. Wie die Künstlerin selbst und wie ihre Hunde.
Plötzlich sah ich den Titel meines Artikels klar vor Augen und schrieb ihn in mein Notizbuch: „Flamboyant in Grau“, das passte!

Leonie Lafleur beschrieb ausführlich ihre Technik, große Leinwände in Acryl oder Öl zu bemalen und zeigte auch einzelne Arbeitsschritte.
Das war uns natürlich nicht genug; eine Kollegin fragte insistierend nach: „Mit vegetabiler Malerei verbindet man auf jeden Fall Farbe. Können Sie bitte unseren Lesern erklären, warum Sie genau darauf konsequent verzichten?“
Es brauchte ein paar Augenblicke, bevor die Künstlerin die richtigen Worte fand: „Farbigkeit ist für mich etwas Subjektives und somit schwer vermittelbar. Mein Auge ist glücklich mit Grau. Und Weiß ist auf eine Art mein Farbfavorit, mehr als alle anderen. Und Schwarz mag ich, weil es mir nichts abverlangt.“
Die Journalistin fragte weiter: „Würden Sie sich selbst als exzentrisch bezeichnen, Frau Lafleur?“, und wurde mit einer lapidaren Antwort bedacht: „Ich weiß nicht, ich mache gedanklich um mich selber meistens einen Bogen.“

Jetzt sah ich meine Chance und hob die Hand: „Sind Sie hier so ganz allein in dieser Fabrikhalle nicht manchmal einsam?“
Es traf mich ein kurzer gekränkter Blick, sie hob an und bewegte die Lippen, hatte aber in diesem Augenblick ihre Stimme verloren.
Es erhob sich empörtes Geraune der Kollegenschaft ob meiner Unverfrorenheit, und ich kassierte einen Rempler in meine Rippen, ausgeteilt von meinem Fotografenkollegen.

Eineinhalb Stunden waren vergangen, alles Mögliche gefragt und beantwortet worden, auch ich konnte noch eine akzeptable Frage platzieren und war zufrieden. Der Sonne ging langsam die Kraft aus, die Schatten in der Halle wurden länger, der Spatz war verschwunden, Leonie sah angestrengt aus; die Hunde lagen matt zu ihren Füßen.

Beim Weg hinaus verlor sich mein Blick noch einmal im Sog des grauen Interieurs. Leonie Lafleur verabschiedete sich von allen Anwesenden mit einem persönlichen Händedruck.
Mich traf ein einigermaßen luzider Blick aus spöttischen Augen und sie meinte mit leicht gesenkter Stimme: „Danke, dass Sie hier waren, viel Erfolg beim Schreiben, und um Ihre erste Frage letztlich doch noch zu beantworten: Ja, ich fühle mich manchmal einsam.“ Es folgte umstandslos und unerwartet ein dezent kokettes Lächeln, das ich wohl mit einem recht tumben Blick erwidert haben musste, weil sie ein leises Lachen hören ließ.

Sie möchten bestimmt wissen, ob ich damals mit der Offensive der schillernden Künstlerin etwas anfangen konnte. Nun ja, wie ich schon sagte, die Geschichte nahm damals einen Anfang, jedoch war sie von kurzer Dauer und mager an Erzählenswertem. Leonie Lafleur gewachsen zu sein, dazu bedurfte es schlicht mehr Erfahrung, als ich sie hatte.

Michaela Swoboda

www.verdichtet.at | Kategorie: kunst amoi schau'n | Inventarnummer: 18135

Skulptur

Mein unbekannter Meister schlägt und
hämmert mich in meine neue Form.

Aus einer groben, wallenden Masse,
schleift er meine samtige Skulptur.
Fauchend, schabt er aus,
was mein verkümmertes Herz mal war.

Ersetzt es durch glänzend weißes Perlmutt und Glas,
klinisch makellos und klar.

Nives Farrier
aus: Nach Dir.
(TwentySix Verlag, 2018)

www.verdichtet.at | Kategorie: kunst amoi schau'n | Inventarnummer: 18111

 

Das neue Auge

Sinnlich liegt sie mir in der Hand, und ihre Anschmiegsamkeit wärmt mich bis unter die Haut, auch wenn meine Finger noch nicht die richtigen Stellen blind treffen, ich noch nach ihren Knöpfen taste und linkisch an ihren Rädchen drehe, die meiner neuen Geliebten, der kürzlich erworbenen Kamera — meinem neuen Auge.

Und durch viele Hände bist du gegangen, ich sehe es dir an, gröber als meine, so mancher Kratzer ziert deine Hülle, vergilbt so mancher Aufdruck, und der Staub in deinen Ritzen klebend verrät mir, wie achtlos abgelegt du warst.

Vorbei deine schlimmen Zeiten, durch den Rausch der ersten Verliebtheit taumeln wir beide nun, kein noch so unsäglicher Wirklichkeitsausschnitt ist uns für einen Abdruck zu schade, und am gegenseitigen Kennenlernen und Erforschen können wir uns nicht sattbekommen.

Denn mit jedem Bild, mit jedem gemeinsam verbrachten Erlebnis vertieft sich unser beider Gewissheit, dass uns in Zukunft eine tiefgründige, eine große Liebe verbinden wird …

Harald Schoder
derewigreisende.net

www.verdichtet.at | Kategorie: kunst amoi schau’n | Inventarnummer: 18052

Im Zwiespalt von Kunst und Macht

Palazzo della civiltà italiana – Rom

Eine leichte Brise ist aufgekommen, jetzt, wo die Sonne beginnt, sich hinter den Horizont zu neigen, und ein Frösteln in meinen Fingerspitzen macht mich darauf aufmerksam, wie zeitlos lange ich hier gesessen bin, am Rande der Plattform versunken in Betrachtung dieser Bögen; versunken im Versuch, jeden einzelnen von ihnen zu erfassen, und gleichzeitig sie alle im Gesamten - und wie ich daran gescheitert bin, wirr in Gedanken, hypnotisiert von ihrer Aufragung, einer über dem anderen, in ihrer Anordnung in Reih und Glied, keinem gestattet, sich hervorzutun gegenüber den anderen, um als Blickfang, als Einladung zum Eintritt zu dienen.

Und steif meine Glieder, als ich mich erhebe und anschicke, eine weitere Runde um diesen Kubus zu drehen, der mir von jeder seiner vier Seiten immer das ewig gleiche Gesicht zeigt, kalt und pur; und dennoch, nicht entziehen kann ich mich seinem Bann, auch nicht nach der dritten Runde, magisch zieht mich der Bogenklotz in seine Kreise - schon längst als lästig ignoriert das beständige Vibrieren meines Telefons, belanglos mir mittlerweile die Nachrichten meiner Reisegefährtin, die zu anderen Treffpunkten mahnt, Aufbruchspunkten zu neuen Abenteuern, Petersdom und Engelsburg bei Nacht!

Nein, hier werde ich satt, im Herzen den Rest von Rom bereits zum Abklatsch abgekanzelt.

***

Als ob ich nicht wüsste, wofür dieser unwirkliche Koloss ursprünglich stehen sollte, als Huldigung für eine zukunftsträchtige Ideologie und ihrer jahrtausendalten Berechtigung, deren Untergang sich bereits beim Beginn des Baus abzuzeichnen begonnen hatte und die seine Fertigstellung nicht einmal mehr erleben sollte. Die Ideologie in seiner Menschenverachtung hat die Geschichte mit sich in den Abgrund gerissen, das Kunstwerk in seiner Fragwürdigkeit steht immer noch da; und ich vor ihm, achtzig Jahre später.

Und meine Gedanken wandern zu den Architekten eben diese achtzig Jahre vor mir, die im Sog des italienischen Faschismus diesen Tempel der Selbstbeweihräucherung der italienischen-römischen Zivilisation entwarfen und die sich auch nicht zu schade waren, den Namen von Benito Mussolini in der Anzahl der Bögen zu verewigen - waren auch sie geblendet von der Zukunftsverheißung ihrer Zeit? Oder lag in ihrer Architektur des Razionalismo nicht auch etwas Subversives, etwas über den plumpen Faschismus Hinausgehendes, das es mir gestattet, mich von der Purheit dieses Gebäudes so in seinen Bann ziehen zu lassen?

Allerdings, wie hatte es ein Freund von mir einmal so treffend formuliert: »Wenn es dir vergönnt sein sollte, mit einer Zeitmaschine auch nur hundert Jahre in die Vergangenheit zu reisen, würdest du in jener Welt keine fünf Minuten überleben.«

Und im zweiten Gedankenzug bin ich mir im Klaren, dass ich mich nie zu einer Recherche über die wahre Gedankenwelt der Architekten herablassen werde, nicht einmal, wer sie waren und wie sie hießen, dass mir von der Geschichte an die Macht gespülte Diktatoren und die ganze politische Betroffenheit zum Buckelrutschen ist; mir, achtzig Jahre später, in einer Welt, in der sich all die Ideologien gegenseitig am Zahn der Zeit aufgerieben haben und nur der Kapitalismus als einzige Ideologie uns heimlich und trocken in die Knochen gekrochen ist, ohne sich großartig als solche zu erkennen gegeben zu haben - und dass dieser Palazzo mir den Atem raubt, wie kaum ein anderes Gebäude auf all meinen Reisen zuvor in diesem Jahr.

***

Und dennoch, kommt mir zu Bewusstsein, während ich meinen Blick die Gebäudekante nach oben gleiten lasse, Schönheit ist nicht das Wort, das ihm gerecht wird, und eine Zeitlang ringe ich nach dem richtigen Begriff, bis ich ihn stumm über meine Zunge rollen lassen kann: perfekt.

Und ein Lächeln kommt mir über die Lippen, weil ich ihn getroffen habe, denn wahrlich perfekt ist dieser Bau. Ähnlich perfekt wie vielleicht die Cheopspyramide, schießt mir in den Sinn, kurz nach ihrer Fertigstellung, denn perfekt war ihr Anspruch, perfekt wie es sich für eine Gottheit gehört; und ein Tempel der Perfektion ist auch dies hier, der Glaube und die Sehnsucht nach der Perfektionierung der Menschheit in der Welt der Moderne, der Zukunft - so sehr, wird mir mit einem Mal schmerzlich einsam bewusst, dass ein Gesicht ich dir abringen möchte, und wenn es nur ein Stück Moos in einer Kante ist, das dir entwächst.

Erst mit Hören von Schritten hinter mir merke ich, wie sich meine Gedanken aufgesplittert haben zu zehnt, zu hundert, zu tausend, wie eine Armee, die gegen sich selbst antritt, in all ihrem Gewusel, deren Fäden ich nicht mehr zu ihrem Ende folgen vermag; und dass ich mich erneut erschöpft auf den Stufen niedergelassen habe, trotzdem der Stein sich mittlerweile unangenehm kühl anfühlt.

»Sitzt du noch immer da, vor diesem Klotz?«

Meine Reisegefährtin ist es, die vor mich getreten ist, gekommen, um mich aufzulesen - und ihren Blick kurz und belanglos über die Fassade schweifen lässt.

»Weißt du, was diesem Ort fehlt?«

Dann steckt sie die Hände trotzig in ihre Jacke und beantwortet die Frage an meiner statt.

»Menschen.«

Was mich dazu veranlasst, die Kamera aus der Tasche zu nehmen und sie ins Visier zu nehmen. Und während ich mit dem Sucher ihr Gesicht an mich heranziehe, sind es ihre warm leuchtenden braunen Augen, die mir heute Abend noch pasta, vino, und sofern die Sterne gut stehen, amore verheißen …

Harald Schoder
derewigreisende.net

www.verdichtet.at | Kategorie: kunst amoi schau’n | Inventarnummer: 17190