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Nackt

Nackt.
So wie du bist.
Schön oder auch nicht.
Nichts verstecken, nichts kaschieren,
Push-up-Bra gestrichen.
Du stehst vor dir im Spiegel.
Gefällst du dir, unbedingt?
Nein doch sicherlich,
denn sonst wärst du ja keine Frau.
Denk doch, Honigsüße, perfekt sind nur die Götter.
Und auch die nur in der Imagination.
In Wirklichkeit hat auch Venus
Reiterhosen und Orangenhaut.

Die schwarze Göttin bei der Boutique Extravagant

Die schwarze Göttin bei der Boutique Extravagant

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: kunst amoi schau'n | Inventarnummer: 20042

 

Holzskulpturen

Ich entdecke in einer hässlich restaurierten Kirche schöne Skulpturen, die zum Berühren einladen. Der Kirche sieht man an, dass sie lange für die Bewohner der Stadt keine Rolle gespielt hat. Jahrzehnte ist sie heruntergekommen und niemand hat in ihr mehr Frieden gesucht, geschweige denn die Nähe Gottes. Solche Zeiten gibt es, und eine Restaurierung kann das nicht ungeschehen machen. Man merkt der Innenausstattung an, ob es die Baumeister ernst gemeint haben, oder ob nur die Gelder verbraucht worden sind.

Die Holzplastiken sind unspektakulär. Selbstverständlich stehen sie links und rechts der Stuhlreihen, in denen niemand sitzt. Schön polierte Köpfchen, Nacken, Wirbelsäulen, Oberkörper, die zum Berühren verführen. Auf Schildern am Boden sind tief empfundene Sprüche, Sätze, Bibelzitate, Gedichtverse angebracht, die den Gedanken auf die Sprünge helfen, vielleicht etwas zu deutlich. Und dort ist auch die Aufforderung zu lesen: Bitte Berühren. Ich schaue mehrmals genau hin, weil ich es gar nicht glauben kann, dass man diese Figuren wirklichen anfassen darf.
Mit der hehren Ehrfurcht vor Kunstgegenständen bin ich groß geworden. Doch diese Skulpturen darf man tatsächlich berühren, streicheln, ihre schmeichelnde Oberfläche an der Handfläche spüren. Also wage ich es vorsichtig, mit den Fingerkuppen darüber zu streichen, taste mich sacht weiter vor und lege die Handflächen darauf, umfasse die Figuren. Weich und warm und freundlich fühlen sie sich an. Liebevoll glatt hat sie ihr Meister geschliffen, geschmirgelt. Sie schmeicheln der Hand. Wie schön, dass es mir vergönnt ist, nicht nur mit den Augen, sondern auch mit den Händen zu schauen. Die Berührungen gehen doch gleich ins Herz, während der Augenkontakt zuerst im Gehirn geprüft und auf Assoziationen hin untersucht wird. Ein intimer Kontakt mit den Skulpturen entsteht, eine Vertrautheit.

Der Künstler arbeitet ehrlich, aufrichtig schnitzt er seine Objekte. Unter seinen Händen sind sie zu Subjekten geworden. Sie scheinen nicht nur etwas darzustellen oder auf etwas zu verweisen. Sie lassen den direkten Kontakt zu und darin liegt ihre lebendige Wesenheit. Sie vermögen es, den Befühler, den Betrachter im Inneren, bisweilen sogar im Innersten zu bewegen. Welche Kunstwerke können das schon von sich behaupten? Dem Meister ist es ernst mit seinen Geschöpfen. Er schenkt ihnen das Leben und produziert nicht für den Verkauf. Wenigstens möchte ich das gerne glauben. Aber natürlich wird er sich von den einen und anderen Skulpturen trennen müssen. Auch er kann nicht von der Hand in den Mund leben oder von Luft und Liebe.

Groß, schlank, anmutig stehen die Stelen im hohen, weiten Raum. Sie sind von Kirchenbänken und barocker Ausstattung umgeben. Unaufdringlich finden sie sich ein. Sie sind sich selbst genug. Geduldig warten sie, langmütig sind sie. Eile kennen sie nicht. Sie sind aus dem Holz von Eichen geschnitzt, aus mächtigen Bäumen, die ihre Kronen im Wind wiegten.
Einst hatten sie Wurzeln tief in der Erde. Die Erinnerung daran lebt noch in ihnen, auch wenn sie schon lange gefällt, entrindet und zugehauen sind. Alt sind die Balken allesamt, jahrhundertealt. Ihren praktischen Nutzen haben sie bereits hinter sich. Sie dienten in Dachstühlen, unter Dielen, in der Hafenbefestigung, als Bahnschwellen und an mannigfaltigen anderen Orten den unterschiedlichsten Zwecken. Sie haben weiß Gott genug gehalten und ausgehalten, gestützt und getragen, über sich ergehen lassen, dass ihnen nun eine neue und heilige Bestimmung vergönnt ist.

Sie können ihr Haupt erheben, ihre schöne Maserung, ihre ehrwürdigen Jahresringe zur Geltung bringen, ihre glatte Oberfläche präsentieren. Die Zeit ist vorbei, in der sie sich verstecken mussten und ihr feinsinniges Wesen verleugnen.

Aus dem grob behauenen, rissigen, gealterten, verbrauchten unteren Teil, der noch die Spuren und Wunden seiner einstigen Verwendung trägt, entfaltet sich der polierte Teil des Rumpfes. Oberkörper, Brust, Schultern, Wirbelsäule, Hals und Kopf sind in der ihnen eigenen Haltung herausgearbeitet. Sie ragen in die Welt, sie blicken hinein und brauchen nicht einmal Augen dazu. Es ist, als könnten sie die Blicke, die sie treffen, in sich aufnehmen, ja sammeln. Berührungen, Liebkosungen mehren ihr Wohlbefinden. Stumm und reglos stehen sie da, fein sind sie, ja grazil.
Füße und Beine können sie entbehren. Es gibt keinen Ort, an den sie gehen möchten. Sie sind schon angekommen. Auch Arme, Hände und Finger brauchen sie nicht. Was sollten sie tun? Alles ist bereits getan.

Wie gut, dass diese schönen Gestalten an diesen Ort gelangt sind. Wie gut, dass aus ihren nutzlos gewordenen Holzkörpern noch einmal etwas entstehen durfte. Jetzt können sie ihre Seele entfalten und manch einer hat seine Freude daran.

Claudia Kellnhofer
www.bitterlemonverwunderung.de

www.verdichtet.at | Kategorie: kunst amoi schau’n | Inventarnummer: 19003

Flamboyant

Die Geschichte nahm ihren Anfang während meines Praktikums bei einem großen deutschsprachigen Schweizer Kulturmagazin. Gerade einmal graduierter Magister der Medienwissenschaft, durfte ich, begleitet von einem Fotografenkollegen, meinen ersten Artikel gestalten.
Eine angesagte Künstlerin hatte kürzlich mit großem Erfolg ihre Ausstellung in der Kunsthalle absolviert, und nun waren viele Menschen neugierig auf das Arbeitsumfeld der als eher scheu bekannten Malerin.

Bestimmt hatte ihr Manager sie überreden müssen, ausgewählte Medienvertreter in ihrem Atelier zu empfangen. Er war ein drahtiger junger Typ mit kahlrasiertem Kopf und dicker schwarzer Designerbrille; die Dramaturgie des Journalistenempfangs war bestimmt von seinen exakten Vorgaben, die uns im Vorhinein übermittelt wurden und bestätigt werden mussten. So durfte etwa nur der Stadtteil, nicht aber die genaue Adresse des Ateliers genannt und auch keine Außenansicht des Gebäudes veröffentlicht werden.
Das Navigationssystem lotste uns zu einer alten Fabrik am Stadtrand mit charmanter Klinkerfassade, wo die anwesenden Journalisten vom Manager empfangen und mit ein paar Verhaltensregeln versorgt in die Werkhalle vorgelassen wurden.

Das Ziel unseres Interesses, die Dame des Hauses, wartete bereits, gehüllt in beinahe bodenlange weite, weiße Gewänder, in angespannter Körperhaltung und mit vor Nervosität leicht gerötetem Gesicht. Sie stand barfuß und breitbeinig, wie um sich selbst mehr Terrain zu verschaffen und das der von ihr misstrauisch beäugten Eindringlinge zu minimieren. Bestimmt aus demselben Grund umgab sie sich mit zwei Windhunden, sehr hellen kurzfelligen, die breite weiße, lederne Nietenhalsbänder umgeschnallt hatten und nervös tänzelnd um sie Raum nahmen.
Das lange brünette Haar trug Leonie Lafleur offen, ganz so, als ob sie sich bei Bedarf rasch dahinter zurückziehen könnte. Mit einem bemühten schmalen Lächeln rang sie sich eine Begrüßung ab.
„Willkommen, bitte stellen Sie Ihre Fragen, ich werde gerne Auskunft über meine Arbeit geben.“

Die Halle hatte einen polierten Betonboden, auf den an diesem warmen Nachmittag eine recht vehemente Septembersonne ihr Licht drängte, durch hunderte von Eisensprossen gebildete Glasfelder der raumhohen Fabrikfenster. Parallel zu den Außenmauern waren verputzte und weiß grundierte, etwa zwei Meter hohe gemauerte Innenwände montiert, an denen großformatige Bilder hingen, mehrheitlich ungerahmt.
Ein Spatz war durch eine offene Dachluke hereingeflogen und durchzog mit ängstlichem Gezwitscher die Halle in langen Flugbahnen, was die Hunde irritierte.

Die Frau in Weiß, die immer wieder ihren Blick senkte, sich wand, befangen in ihrer nicht alltäglichen Rolle als Anschauungssubjekt, bannte meinen Blick und retardierte meinen Geist. Sie bildete mit ihren Gewändern, die auf leichteste Bewegungen voluminös reagierten, und mit ihren Hunden ein oszillierendes weißes Etwas inmitten der sonnengefluteten Halle.
Die Kollegen mit den Kameras begannen ohne Verzögerung mit ihrer Arbeit. Das Klickstakkato war es auch, das meine Denkblockade beendete. Auch die anderen Reporter hatten sich akklimatisiert und das Erstaunen weggesteckt, der Bann war gebrochen, und es kamen erste Fragen.

„Haben Sie fixe Arbeitszeiten, Madame Lafleur?“, wollte eine junge Kollegin von der NZZ wissen, worauf nach kurzem Nachdenken eine leise Antwort folgte: „Tatkraft und Passion kennen keine Uhr.“

Ein blonder Journalist, der seine Sonnenbrille auf die Stirn geschoben hatte, fragte: „Sie waren ja die Ehefrau von einem großen Kunstmäzen, hat er Sie gefördert? Haben Sie noch Kontakt zu ihm?“
Die Antwort erfolgte prompt und in verärgertem Ton: „Was für eine Frage. Als wäre ich ein relatives Wesen. Ich bin doch keine Trabantin, keine Frau von jemandem.“

Der Spatz hatte immer noch nicht hinausgefunden und zog weiterhin mäandernd seine Kreise durch die Halle.
Auf das Eigentliche war ich nicht vorbereitet gewesen  –  die unvergleichlichen Kunstwerke: Blumen, Blüten, Blätter, alle in Grautönen; Makro-Ausschnitte, bildfüllende Großaufnahmen.
Nur schwarz, grau, weiß. Ein unentschlossenes Changieren zwischen Diskretion und Opulenz.
Ich machte mir meine Notizen.
Schwarz, grau, weiß. Wie die Künstlerin selbst und wie ihre Hunde.
Plötzlich sah ich den Titel meines Artikels klar vor Augen und schrieb ihn in mein Notizbuch: „Flamboyant in Grau“, das passte!

Leonie Lafleur beschrieb ausführlich ihre Technik, große Leinwände in Acryl oder Öl zu bemalen und zeigte auch einzelne Arbeitsschritte.
Das war uns natürlich nicht genug; eine Kollegin fragte insistierend nach: „Mit vegetabiler Malerei verbindet man auf jeden Fall Farbe. Können Sie bitte unseren Lesern erklären, warum Sie genau darauf konsequent verzichten?“
Es brauchte ein paar Augenblicke, bevor die Künstlerin die richtigen Worte fand: „Farbigkeit ist für mich etwas Subjektives und somit schwer vermittelbar. Mein Auge ist glücklich mit Grau. Und Weiß ist auf eine Art mein Farbfavorit, mehr als alle anderen. Und Schwarz mag ich, weil es mir nichts abverlangt.“
Die Journalistin fragte weiter: „Würden Sie sich selbst als exzentrisch bezeichnen, Frau Lafleur?“, und wurde mit einer lapidaren Antwort bedacht: „Ich weiß nicht, ich mache gedanklich um mich selber meistens einen Bogen.“

Jetzt sah ich meine Chance und hob die Hand: „Sind Sie hier so ganz allein in dieser Fabrikhalle nicht manchmal einsam?“
Es traf mich ein kurzer gekränkter Blick, sie hob an und bewegte die Lippen, hatte aber in diesem Augenblick ihre Stimme verloren.
Es erhob sich empörtes Geraune der Kollegenschaft ob meiner Unverfrorenheit, und ich kassierte einen Rempler in meine Rippen, ausgeteilt von meinem Fotografenkollegen.

Eineinhalb Stunden waren vergangen, alles Mögliche gefragt und beantwortet worden, auch ich konnte noch eine akzeptable Frage platzieren und war zufrieden. Der Sonne ging langsam die Kraft aus, die Schatten in der Halle wurden länger, der Spatz war verschwunden, Leonie sah angestrengt aus; die Hunde lagen matt zu ihren Füßen.

Beim Weg hinaus verlor sich mein Blick noch einmal im Sog des grauen Interieurs. Leonie Lafleur verabschiedete sich von allen Anwesenden mit einem persönlichen Händedruck.
Mich traf ein einigermaßen luzider Blick aus spöttischen Augen und sie meinte mit leicht gesenkter Stimme: „Danke, dass Sie hier waren, viel Erfolg beim Schreiben, und um Ihre erste Frage letztlich doch noch zu beantworten: Ja, ich fühle mich manchmal einsam.“ Es folgte umstandslos und unerwartet ein dezent kokettes Lächeln, das ich wohl mit einem recht tumben Blick erwidert haben musste, weil sie ein leises Lachen hören ließ.

Sie möchten bestimmt wissen, ob ich damals mit der Offensive der schillernden Künstlerin etwas anfangen konnte. Nun ja, wie ich schon sagte, die Geschichte nahm damals einen Anfang, jedoch war sie von kurzer Dauer und mager an Erzählenswertem. Leonie Lafleur gewachsen zu sein, dazu bedurfte es schlicht mehr Erfahrung, als ich sie hatte.

Michaela Swoboda

www.verdichtet.at | Kategorie: kunst amoi schau'n | Inventarnummer: 18135

Skulptur

Mein unbekannter Meister schlägt und
hämmert mich in meine neue Form.

Aus einer groben, wallenden Masse,
schleift er meine samtige Skulptur.
Fauchend, schabt er aus,
was mein verkümmertes Herz mal war.

Ersetzt es durch glänzend weißes Perlmutt und Glas,
klinisch makellos und klar.

Nives Farrier
aus: Nach Dir.
(TwentySix Verlag, 2018)

www.verdichtet.at | Kategorie: kunst amoi schau'n | Inventarnummer: 18111

 

Das neue Auge

Sinnlich liegt sie mir in der Hand, und ihre Anschmiegsamkeit wärmt mich bis unter die Haut, auch wenn meine Finger noch nicht die richtigen Stellen blind treffen, ich noch nach ihren Knöpfen taste und linkisch an ihren Rädchen drehe, die meiner neuen Geliebten, der kürzlich erworbenen Kamera — meinem neuen Auge.

Und durch viele Hände bist du gegangen, ich sehe es dir an, gröber als meine, so mancher Kratzer ziert deine Hülle, vergilbt so mancher Aufdruck, und der Staub in deinen Ritzen klebend verrät mir, wie achtlos abgelegt du warst.

Vorbei deine schlimmen Zeiten, durch den Rausch der ersten Verliebtheit taumeln wir beide nun, kein noch so unsäglicher Wirklichkeitsausschnitt ist uns für einen Abdruck zu schade, und am gegenseitigen Kennenlernen und Erforschen können wir uns nicht sattbekommen.

Denn mit jedem Bild, mit jedem gemeinsam verbrachten Erlebnis vertieft sich unser beider Gewissheit, dass uns in Zukunft eine tiefgründige, eine große Liebe verbinden wird …

Harald Schoder
derewigreisende.net

www.verdichtet.at | Kategorie: kunst amoi schau’n | Inventarnummer: 18052

Im Zwiespalt von Kunst und Macht

Palazzo della civiltà italiana – Rom

Eine leichte Brise ist aufgekommen, jetzt, wo die Sonne beginnt, sich hinter den Horizont zu neigen, und ein Frösteln in meinen Fingerspitzen macht mich darauf aufmerksam, wie zeitlos lange ich hier gesessen bin, am Rande der Plattform versunken in Betrachtung dieser Bögen; versunken im Versuch, jeden einzelnen von ihnen zu erfassen, und gleichzeitig sie alle im Gesamten - und wie ich daran gescheitert bin, wirr in Gedanken, hypnotisiert von ihrer Aufragung, einer über dem anderen, in ihrer Anordnung in Reih und Glied, keinem gestattet, sich hervorzutun gegenüber den anderen, um als Blickfang, als Einladung zum Eintritt zu dienen.

Und steif meine Glieder, als ich mich erhebe und anschicke, eine weitere Runde um diesen Kubus zu drehen, der mir von jeder seiner vier Seiten immer das ewig gleiche Gesicht zeigt, kalt und pur; und dennoch, nicht entziehen kann ich mich seinem Bann, auch nicht nach der dritten Runde, magisch zieht mich der Bogenklotz in seine Kreise - schon längst als lästig ignoriert das beständige Vibrieren meines Telefons, belanglos mir mittlerweile die Nachrichten meiner Reisegefährtin, die zu anderen Treffpunkten mahnt, Aufbruchspunkten zu neuen Abenteuern, Petersdom und Engelsburg bei Nacht!

Nein, hier werde ich satt, im Herzen den Rest von Rom bereits zum Abklatsch abgekanzelt.

***

Als ob ich nicht wüsste, wofür dieser unwirkliche Koloss ursprünglich stehen sollte, als Huldigung für eine zukunftsträchtige Ideologie und ihrer jahrtausendalten Berechtigung, deren Untergang sich bereits beim Beginn des Baus abzuzeichnen begonnen hatte und die seine Fertigstellung nicht einmal mehr erleben sollte. Die Ideologie in seiner Menschenverachtung hat die Geschichte mit sich in den Abgrund gerissen, das Kunstwerk in seiner Fragwürdigkeit steht immer noch da; und ich vor ihm, achtzig Jahre später.

Und meine Gedanken wandern zu den Architekten eben diese achtzig Jahre vor mir, die im Sog des italienischen Faschismus diesen Tempel der Selbstbeweihräucherung der italienischen-römischen Zivilisation entwarfen und die sich auch nicht zu schade waren, den Namen von Benito Mussolini in der Anzahl der Bögen zu verewigen - waren auch sie geblendet von der Zukunftsverheißung ihrer Zeit? Oder lag in ihrer Architektur des Razionalismo nicht auch etwas Subversives, etwas über den plumpen Faschismus Hinausgehendes, das es mir gestattet, mich von der Purheit dieses Gebäudes so in seinen Bann ziehen zu lassen?

Allerdings, wie hatte es ein Freund von mir einmal so treffend formuliert: »Wenn es dir vergönnt sein sollte, mit einer Zeitmaschine auch nur hundert Jahre in die Vergangenheit zu reisen, würdest du in jener Welt keine fünf Minuten überleben.«

Und im zweiten Gedankenzug bin ich mir im Klaren, dass ich mich nie zu einer Recherche über die wahre Gedankenwelt der Architekten herablassen werde, nicht einmal, wer sie waren und wie sie hießen, dass mir von der Geschichte an die Macht gespülte Diktatoren und die ganze politische Betroffenheit zum Buckelrutschen ist; mir, achtzig Jahre später, in einer Welt, in der sich all die Ideologien gegenseitig am Zahn der Zeit aufgerieben haben und nur der Kapitalismus als einzige Ideologie uns heimlich und trocken in die Knochen gekrochen ist, ohne sich großartig als solche zu erkennen gegeben zu haben - und dass dieser Palazzo mir den Atem raubt, wie kaum ein anderes Gebäude auf all meinen Reisen zuvor in diesem Jahr.

***

Und dennoch, kommt mir zu Bewusstsein, während ich meinen Blick die Gebäudekante nach oben gleiten lasse, Schönheit ist nicht das Wort, das ihm gerecht wird, und eine Zeitlang ringe ich nach dem richtigen Begriff, bis ich ihn stumm über meine Zunge rollen lassen kann: perfekt.

Und ein Lächeln kommt mir über die Lippen, weil ich ihn getroffen habe, denn wahrlich perfekt ist dieser Bau. Ähnlich perfekt wie vielleicht die Cheopspyramide, schießt mir in den Sinn, kurz nach ihrer Fertigstellung, denn perfekt war ihr Anspruch, perfekt wie es sich für eine Gottheit gehört; und ein Tempel der Perfektion ist auch dies hier, der Glaube und die Sehnsucht nach der Perfektionierung der Menschheit in der Welt der Moderne, der Zukunft - so sehr, wird mir mit einem Mal schmerzlich einsam bewusst, dass ein Gesicht ich dir abringen möchte, und wenn es nur ein Stück Moos in einer Kante ist, das dir entwächst.

Erst mit Hören von Schritten hinter mir merke ich, wie sich meine Gedanken aufgesplittert haben zu zehnt, zu hundert, zu tausend, wie eine Armee, die gegen sich selbst antritt, in all ihrem Gewusel, deren Fäden ich nicht mehr zu ihrem Ende folgen vermag; und dass ich mich erneut erschöpft auf den Stufen niedergelassen habe, trotzdem der Stein sich mittlerweile unangenehm kühl anfühlt.

»Sitzt du noch immer da, vor diesem Klotz?«

Meine Reisegefährtin ist es, die vor mich getreten ist, gekommen, um mich aufzulesen - und ihren Blick kurz und belanglos über die Fassade schweifen lässt.

»Weißt du, was diesem Ort fehlt?«

Dann steckt sie die Hände trotzig in ihre Jacke und beantwortet die Frage an meiner statt.

»Menschen.«

Was mich dazu veranlasst, die Kamera aus der Tasche zu nehmen und sie ins Visier zu nehmen. Und während ich mit dem Sucher ihr Gesicht an mich heranziehe, sind es ihre warm leuchtenden braunen Augen, die mir heute Abend noch pasta, vino, und sofern die Sterne gut stehen, amore verheißen …

Harald Schoder
derewigreisende.net

www.verdichtet.at | Kategorie: kunst amoi schau’n | Inventarnummer: 17190

 

Von der Last der Farbe befreit

Und manchmal stört es einen, von der Überfülle der nackten Blickeswahrnehmung vor einem überfallen zu werden - gesegnet die Kurzsichtigen, die mit Abnahme der Brille die Welt in eine Verschwommenheit zu tauchen vermögen, um sie klarer, umfassender, einnehmender aufnehmen zu können.

Und ähnlich verhält es sich mit der Farbe, manchmal vermeint man sie aus dem Blickfeld vor einem mit einem Putzlappen wegwischen zu müssen, um im kalten Schwarzweiß an das Dahinter des Gesehenen zu gelangen, an die wahren Formen, Strukturen, an ihr wahres Skelett; und dabei sie herauszuschneiden aus jeglichem Zusammenhang, aus erlebter Zeit und aufgefundenem Ort, aus dem wahrgenommenen Ich.

Auf dass diese Bilder ihren eigenen Bann entfalten, ihren eigenen Ausdruck entfesseln, sich nackt der Betrachtung, der Einwirksamkeit stellen, auf dass in uns Geschichten, Märchen und Erinnerungen sich erzählen zu beginnen - und uns entführen in die Zeitlosigkeit des Augenblicks …

Harald Schoder
derewigreisende.net

www.verdichtet.at | Kategorie: kunst amoi schau’n | Inventarnummer: 17166

 

Der Raub der Sappho

Trauerspiel in vier Aufzügen

1.
Wann kann das gewesen sein? Wie alt war ich damals, als ich diese Tragödie erlebte? Erlitt, und ich leide bis heute daran.
Im Josefstädter Theater war es, da bin ich mir sicher, und dass ich ein Kleid anhatte, das mir meine Schwester Agnes aus Amerika geschickt hatte. Natürlich kein Care-Paket aus dem Marschall-Plan  mehr, das war früher. Und da waren keine Kinderkleider dabei, sondern Konserven, Milch- und Kakaopulver, Lebertran, Blöcke von Käse und Schokolade. Für uns sieben hungrige Mäuler immer Weihnachten, Ostern und Geburtstag gemeinsam. Der lila Samt war dem roten der Brüstung auf dem 2. Rang ähnlich, sie rieben sich familiär aneinander. Oben am Hals ein weißer, runder Spitzenkragen. Nicht groß, nicht ausladend, in zwei Flügel geteilt wie bei den Tauben.
Sie war Austauschschülerin von AFS – das Traumsigel meiner Jugend – American Field Service, lebte bei einer amerikanischen Familie in Fort-Worth-Texas und besuchte die letzte Klasse einer High School.
Sie kam aus der 6. Klasse unseres Gymnasiums in die letzte der High School, also war ich bei dem konstanten Altersunterschied von fünf Jahren zwischen elf und zwölf Jahre. Sagen wir zwölf, damals im Josefstädter Theater. Die zwei unterschiedlichen Samte stießen gegeneinander wie die anschwellenden Brüste, an der Brüstung.

Sappho hatten wir an der Schule noch nicht durchgenommen. Aber ich zeigte von klein auf eine Begeisterung für das Theater. Ob das der Dramatik meiner Geburt geschuldet ist, der DNA oder dem Aufwachsen zwischen sechs Geschwistern, darüber streitet bis heute die Familienwissenschaft. Anzunehmen, eine Kombination. Jedenfalls ließen mich meine Eltern schon früh allein nach Wien fahren. Tulln – Franz-Josefs-Bahn – mit dem 5-er in die Josefstadt und wieder zurück. Auch der D-Wagen war günstig, um ins Burgtheater und zu den Konzertsälen zu kommen. Später organisierte der Musiklehrer Förstl Autobusfahrten in die Konzerte der Jeunesse musicale.

2.
In der Sappho sehe ich mich aber allein am 2. Rang sitzen, Mitte links mit freiem Blick auf die Bühne, leicht von oben wirkte sie klein und fast immer leer. Ich glaube, ich suchte die Stücke damals nach meinen Lieblingsschauspielern aus. Ihre Konzentration in der Sappho wird wahrscheinlich zu diesem Besuch geführt haben, weniger der Inhalt des Stücks, obwohl ich ihn sicher vorher im Reclam-Heft gelesen hatte. Ich erinnere mich noch an die Bühnenanweisung in II/6: Sappho ab in die Höhle, bei der ich lachen musste.
Mit Blumen umrankte antike Ruinen, Tempel, Klippen, eine Höhle, Laube, Rasenbank, bei allem immer der Ausblick auf ein sonniges, tiefblaues Meer. Schließlich ist Lesbos eine Insel. Dass die Szenerie ganz offensichtlich aus Pappe, das Meer auf Stoff gemalt und die Blumen aus Plastik waren, störte mich nicht im Geringsten. Auch nicht die Schauspieler, gekleidet in weiße Laken mit Faltenwurf, auf den Lockenmähnen einen Goldreif, das Volk in Wickelsandalen, alle halten ständig Oliven- und Lorbeerzweige in den Händen, mit denen sie der geliebten Dichterin zujubeln. Der einzige Farbfleck ist Sapphos wallender Purpurmantel, den sie immer wieder schwungvoll um sich wickelt oder zu Boden schleudert. Eine frühe Art von bekiffter Hippie-Kommune, wenn ich eine solche im Jahr 1960 schon gekannt hätte. Sappho war eindeutig die Chefin dieses lesbischen Mädchenpensionats und gab mir wenig Identifikationspunkte.

Ihr Künstlerdrama verstand ich wahrscheinlich noch gar nicht, auch nicht die unglücklich liebende, alternde Frau im Zwiespalt zwischen Kunst und Leben. Vielmehr war es das Liebes- und Eifersuchtsdrama in diesem Dreieck, das mich vollständig hineinzog. Dass ihr die junge, unbedarfte Sklavin vorgezogen wird, hielt ich für die natürlichste Sache der Welt. Was für ein Paar, dieser strahlende Phaon und die schöne, junge Melitta.
Und wie sich dieser testosteronstrotzende Wagenlenker an die Unschuld vom Land, Waise, eine Sklavin, eine Fremde, heranmacht, das hatte fast etwas von Porno. Das war mehr als Schneewittchen und Rotkäppchen. Sicher nicht nur mein mangelndes Verständnis für Sapphos Situation ließ mich vollständig auf die Seite der Jugend schlagen. Ja, ich fand Sappho sogar ziemlich unsympathisch, da konnte sie noch so lorbeerbekränzt und bejubelt sein. Was hatte sie sich da einzumischen, wenn zwei miteinander das Glück gefunden haben.
Gut, sie war ihre Sklavin, und sie hat Phaon zuerst erobert und an Land gezogen, aber was galt schon das Erstlingsrecht, wenn es um reine, schöne Liebe ging. Sie so zu bestrafen, auf eine Insel zu verbannen. Unverhältnismäßig und ungerecht. Ich brannte am ganzen Körper vor Empörung. Der Kampf um Melitta am Meer im Hintergrund der vorletzten Szene erfasste mich so voll und ganz, dass ich fast von der Brüstung gestürzt wäre, als ich mich in der selbstvergessenen Anspannung zu weit vorbeugte. Das war echtes Theater, echt wie das Leben selbst, zumindest so wie ich es mir mit zwölf vorstellte und erhoffte.

3.
Aber dann passierte es, in der letzten Szene. Die Wirklichkeit drängte sich in ihrer ordinärsten Form machtvoll herein. Sappho sitzt auf einem Felsen, hinter ihr die steile Klippe und das Meer. Sie hat den Purpurmantel um sich gewickelt und stützt ihren Kopf in die Hand.

„Den Menschen Liebe und den Göttern Ehrfurcht!
Genießet, was euch blüht, und denket mein!
So zahle ich die letzte Schuld des Lebens!
Ihr Götter, segnet sie und nehmt mich auf!

Da steht sie auf und segnet das junge Paar – sie hat ihnen vergeben. Sie hat sich zum Verzicht durchgerungen. Welche Erleichterung! Aber wie um alles in der Welt, kommt die Irral drauf, sich noch an die Stirn zu schlagen, die Verzweiflung hat sie doch überwunden, sie ist geläutert und hat eine Lösung für sich gefunden.
Dieser Schlag mit der inneren Handfläche auf die Stirn war so entsetzlich banal wie ein Klatschen auf den nackten Popo, nichts Tragisches, nur eine Ohrfeige, ein Klaps, ein schmatzender Knall. Er hallte fort und fort, und das Publikum verstand alles im selben Augenblick, indem es herzlich zu lachen anfing. Es pflanzte sich in Wellen fort durch den ganzen Raum, von unten nach oben und wieder zurück. Dacapo, rief es, Wiederholung, bravo! Als wären wir bei den Pradler Ritterspielen.
Die Irral bewahrte zwar Haltung und folgte nicht dem Wunsch des Publikums, sondern kippte lautlos nach hinten ins Blaue, stürzte nicht, sondern verschwand einfach wie eine Kasperlfigur.

Der Zauber war gebrochen, zurück blieben verstaubte Pappmaché-Kulissen, das aufgemalte Meer, der Plastik-Lorbeer und ein paar Menschen in Leintüchern. Die Lächerlichkeit war fast unerträglich, ich spürte den Schmerz wie Herzstechen. Mir war schlecht, es würgte mich in der Kehle, ganz heiß vor Scham und Wut.
Vielleicht war ich die Einzige, die nicht lachte. Ich weinte, weil diese Sappho mir das Theater zerstört hatte, geraubt, mutwillig, wie mir schien. Sie hätte sich doch einfach, so wie es in der Regieanweisung stand … Stürzt sich vom Felsen ins Meer … Das war aber kein Sturz gewesen, nicht einmal ein Fall! Man hörte nichts, kein Stürzen, kein Fallen, kein Poltern oder Aufprallen auf dem Wasser, nur dieser nackte Stirnklatscher wollte nicht aufhören. Bis heute nicht. Nichts als Spott und Hohn war da drin, ein großes Ätsch, eine lange Nase. Es war zum Verzweifeln. Eben ein Trauerspiel.

4.
Für Grillparzer begann nach der Uraufführung am 21. April 1818 eine Tragödie, wie er in seiner Selbstbiographie schreibt. Auf dem Theaterzettel stand nicht einmal sein Name, eine geplante Widmungsschrift an den Burgtheaterdirektor Schreyvogel wurde gestrichen. Beim Publikum kam die Sappho gut an, vor allem wegen des recht attraktiven first couple Korn als Phaon und Melitta. Die Presse aber goss Hohn und Spott über dem Autor aus. Ein Mord mit Häme auf offener Bühne. Wie oft waren die Zuschauer reifer als die Schreiber. Hier begann Grillparzers Entschluss zu reifen, weiter schreiben zu wollen, aber nichts mehr zu veröffentlichen.

Auch die anderen Schauspieler spielen tapfer ihre Rollen weiter, Phaon und Melitta rufen noch Oh Sappho! Halt! Hilfe! Rettung! Tot! Weh mir!
Nur der treue Sklave Rhamnes kriegt noch einen ganzen Vers voll unübertrefflichem Zynismus über die Lippen:

Verwelkt der Lorbeer und das Saitenspiel verklungen!
Es war auf Erden ihre Heimat nicht -
Sie ist zurück gekehret zu den Ihren!

Ringt die Hände.
Der Vorhang fällt.
Ende.

Das war eine Initiation. Seither spüre ich in jedem Theater jene Angst, entzaubert zu werden und ganz blöd dazustehen, wenn ich mich wieder verführen habe lassen.

31. Mai 17

Veronika Seyr
www.veronikaseyr.at
http://veronikaseyr.blogspot.co.at/

www.verdichtet.at | Kategorie: kunst amoi schau'n | Inventarnummer: 17131

In einem kleinen Dorf

Gratwein ist ein kleines Dorf in Österreich. Es ist unweit der steirischen Landeshauptstadt Graz gelegen. Etwa dreitausendfünfhundert Menschen leben in Gratwein, und die haben es in sich.

Oswald Heiner, der ehemalige Gratweiner Künstler, ist einer von ihnen. An einer Universität hat er nie studiert, er hat sich alles selbst beigebracht. Bevor er Künstler wurde, war er Metzger. Das erklärt die Kunst, die er macht. Doch davon später.
Ein weiterer Gratweiner ist Paul Meister. Sein Name passt zu ihm, denn er ist der Bürgermeister. Auch saß er einmal im Vorstand der örtlichen Raiffeisenkasse. Wie Oswald hat auch Paul sich alles selbst beigebracht. Als er kein Bauarbeiter mehr sein wollte, wurde er kriminell. Etliche Diebstähle und drei Jahre im Grazer Gefängnis später wurde er Bürgermeister.
Ein dritter Mann aus Gratwein ist Markus Suppan. Ihm gehört eines der siebzehn Gasthäuser im Ort. Er hat es von seinem Vater übernommen. Sein Lokal ist immer gut besucht, denn viele Gratweiner trinken gerne Bier und Wein. Schnaps trinken sie auch gerne.
Maria Ponisch war die Direktorin der Volksschule. Sie ist mit Gernot verheiratet, dem Dorfpolizisten. Maria besucht oft das Gasthaus von Markus, um Bier zu trinken. Es kommt häufig vor, dass ihr Mann in seiner Uniform neben ihr an der Bar steht. Er trinkt stets Wein und danach Schnaps.

Eines Abends standen die Genannten, ohne den Polizisten, an der Bar und beschlossen, ihr Dorf zu verschönern.
Oswald Heiner, der Künstler, sagte in die Runde: „Gratwein ist kein schönes Dorf! Lasst uns überlegen, wie wir es schöner machen können.“
Der Bürgermeister war sofort Feuer und Flamme. „Das ist eine gute Idee, Oswald! Ich bin schon lange der Ansicht, dass Gratwein zu grau, zu farblos ist.“
Maria Ponisch sagte: „Dann erschaffe ein Kunstwerk, Oswald. Du bist doch der Künstler hier.“

Der Angesprochene dachte einige Sekunden lang nach und sagte dann: „Das kostet aber Geld. Meine Kunstwerke sind nicht billig.“
Paul Meister nahm einen großen Schluck von seinem Bier und lachte. „Geld ist kein Problem. Ich bin im Vorstand der Bank. Sag mir einfach, wie viel du haben willst.“
Oswald Heiner wiegte seinen Kopf hin und her. Er gab sich den Anschein, dass er nachdachte und rechnete. „Achtzigtausend Euro“, sagte er schließlich.
Markus Suppan, der Wirt, warf ein: „Aber du hast uns ja noch gar nicht gesagt, was für ein Kunstwerk du erschaffen willst!“
„Ein wahres Meisterwerk wird das“, sagte der Künstler.
„Na, da bin ich aber gespannt!“, meinte Maria Ponisch. „Von dir habe ich noch nichts gesehen, das diese Bezeichnung verdient.“
„Lass dich überraschen“, gab Oswald zurück.

Auch wenn sich Oswald Heiner als Künstler sah und bezeichnete - er war immer noch ein Metzger. Er erschuf nämlich Kunstwerke aus Tieren.
Nach dem Tod seiner Eltern hatte er die Fleischerei verkauft, um sich ganz der Kunst widmen zu können. Nach einigen Anfangsschwierigkeiten hatte er es geschafft. Im kleinen Rahmen wenigstens. Im Turnsaal der Hauptschule des Nachbarortes Gratkorn wurden seine Werke ausgestellt. Zwar nur für eine Woche, aber immerhin. Gegen Ende dieser Woche hatten sie sich nämlich aufzulösen begonnen. Oswald hatte versehentlich seine Ortsansichten von Gratwein in Essig eingelegt und nicht in Alkohol. Und da sie aus Fleisch gemacht worden waren, lösten sie sich eben auf.
Diesen peinlichen Fehler machte er kein zweites Mal. Er hatte angefangen, Tiere in Alkohol einzulegen, und zwar ganze Tiere. Und der Plan ging auf. Im ersten Jahr seiner Karriere als Künstler konnte er ganze drei Kunstwerke verkaufen. Immerhin.
Erst hatte er Kühe und Schweine eingelegt, doch bald tat er dies auch mit Hühnern und Fischen. Er nahm auch Aufträge an. Wollte ein Kunde bloß eine halbe Kuh in seinem Wohnzimmer stehen haben, so bekam er sie auch. Als Metzger war das Halbieren der Tiere kein Problem für Oswald Heiner.

Im Laufe der Jahre wurde er erfolgreich. Seine Werke wurden von den Kunstkritikern zwar nicht beachtet, doch in vielen Gratweiner Häusern wurden sie geliebt. Besonders seine eingelegten Fische, wie Hechte oder Karpfen, wurden oft bestellt. Diese Objekte waren klein und nicht allzu teuer. Es kam häufig vor, dass Männer Karpfen bei Oswald in Auftrag gaben. Wahrscheinlich um sich bei ihren Frauen für deren Kochkünste zu bedanken. Oder als Wink mit dem Zaunpfahl. Um sie nämlich darauf aufmerksam zu machen, dass viel zu selten Karpfen auf dem Tisch stand.
Egal - Oswald Heiner war auf dem besten Weg, ein großer Gratweiner Künstler zu werden. Wenn nicht sogar der größte.

Und da kam ihm der Auftrag, das Dorf zu verschönern, gerade recht. Er freute sich sogar so sehr darüber, dass er die Anwesenden auf Schnaps einlud.
„Brauchst du Material für dein Kunstwerk?“, fragte Paul Meister.
„Ja, das brauche ich. Ich brauche ein Huhn, aber ein großes.“
„Dann geh zu einem Bauern und kaufe eines“, sagte Maria Ponisch und leerte ihr Schnapsglas.
„Nein, Maria, ich erledige das“, sagte Meister und grinste.
Alle im Raum lachten, denn sie wussten, wie das zu verstehen war. Bevor Paul nämlich Bürgermeister von Gratwein wurde und bei Raiffeisen anfangen durfte, war er ein berüchtigter Hühnerdieb. Und ein sehr erfolgreicher noch dazu. Bis er erwischt und ins Gefängnis gesperrt wurde.

„Was brauchst du noch?“, fragte Markus Suppan.
„Einen Ziegenbock. Aber einen schwarzen!“
„Wer in der Umgebung hat noch Ziegen?“, fragte Maria.
„Gustav Herbst hat noch welche. Aber ob er auch schwarze hat, weiß ich nicht“, murmelte der Wirt.
„Dann nimm einen weißen Ziegenbock und bemale ihn mit schwarzer Farbe“, schlug Paul vor.
„Genau! Du bist schließlich Künstler“, sagte Maria.
„Ja, das bin ich“, gab Oswald zurück. „Ich werde den Bock selbst bemalen. Markus, noch eine Runde Schnaps, bitte!“
Sie hoben ihre Gläser, stießen an und tranken sie aus. In Gratwein ist es nämlich Brauch, mit Schnapsgläsern anzustoßen. Besonders oft wird an Dienstagen angestoßen. Und jener Tag war ein Dienstag.

„Brauchst du noch weitere Tiere?“, fragte Paul.
„Ja. Ein Wildschwein. Einen großen Keiler.“
„Sag, Oswald, was für ein Kunstwerk wirst du für Gratwein erschaffen?“, fragte Maria Ponisch.
„Ein Meisterwerk, wie ich schon gesagt habe.“
„Das Wildschwein stellt kein Problem dar“, sagte Meister.
„Stiehlst du eines?“, fragte Oswald, und alle lachten.
„Nein“, sagte Paul. „Meine Bank besitzt ein Gehege mit über fünfzig Wildschweinen.“
„Wofür züchtet ihr die?“, fragte Maria.
„Ach, ich und meine Vorstandskollegen lieben die Jagd.“
„Im Gehege?“, fragte sie.
„Ja. Dort ist die Trefferquote höher.“

„Waren das jetzt alle Tiere?“, fragte die Schuldirektorin und bestellte eine Runde Schnaps.
„Nein, bis jetzt habe ich erst drei. Ich brauche aber vier.“
„Was brauchst du noch?“, fragte Markus.
„Eine schwarze Katze wäre gut.“
„Nein, sicherlich nicht!“, protestierte Paul. „Wenn du eine Katze in Alkohol einlegst, halten alle Leute uns Gratweiner für Barbaren!“
„Eine Katze geht wirklich nicht, Oswald!“, pflichtete Maria dem Bürgermeister bei.
„Ein Hund scheidet dann wohl auch aus“, murmelte Oswald.
„Bist du verrückt?“, rief Maria. „Willst du unser Dorf zum Gespött der Steiermark machen?“
Oswald Heiner dachte einige Sekunden lang nach und sagte lächelnd: „Nein, natürlich nicht.“

„Also, Oswald, welches Tier brauchst du noch?“
„Eine Eule wäre gut. Am besten ein Uhu.“
„Eulen sind streng geschützt“, sagte Paul.
„Wie wäre es mit einer Krähe?“, fragte Maria.
„Nein, eine Krähe kommt mir nicht in mein Meisterwerk!“, rief Oswald entrüstet.
„Eine Gans vielleicht?“, schlug Markus vor und füllte die Gläser wieder voll.
„Eine Gans? Das ist eine sehr gute Idee“, sagte der Künstler mit zufriedener Miene. „Aber woher bekomme ich eine Gans?“
Paul Meister deutete mit dem Zeigefinger auf seine eigene Brust und meinte: „Um die Gans kümmere ich mich auch.“
„Dann wirst du aber einen großen Sack brauchen, Paul“, sagte Maria. „Wenn du in der Nacht in den Geflügelhof des Bauern Huber einbrichst.“
„Ich habe noch einen solchen im Keller“, sagte Paul. „Aus den alten Zeiten.“
Alle lachten und stießen an.

„Somit steht der Erschaffung meines Meisterwerks nicht mehr im Wege“, sagte Oswald heiter.
„In drei Tagen bekommst du die Tiere“, sagte Paul.
„Wie lange wird es dauern, bis du dein Werk vollendet haben wirst?“, fragte Maria.
„Das hängt davon ab, ob ich so viel Alkohol in kurzer Zeit bekomme. Das Meisterwerk wird nämlich ziemlich groß werden.“
Martin Suppan, der Wirt, stellte lachend eine volle Flasche Schnaps auf die Theke. „Die geht aufs Haus! Damit du erkennst, dass es in Gratwein immer genug Alkohol gibt.“
Alle lachten, Paul füllte die Gläser, und sie tranken.
„Nein, im Ernst“, sagte Oswald. „In etwa einer Woche bin ich damit fertig.“
„Und wo stellen wir das Kunstwerk hin?“, fragte Markus.
„Zwei Herzen schlagen nun in meiner Brust!“, rief Paul Meister. „Entweder vor dem Gemeindeamt oder vor der Raiffeisenkasse.“
„Paul, du musst entscheiden, welches Gebäude wichtiger für Gratwein ist“, sagte der Wirt.
Paul Meisters Antwort kam prompt: „Natürlich die Bank!“
Wieder lachten alle.

Zwei Wochen später war Oswald Heiners Meisterwerk fertig. In einem riesigen Behälter aus Panzerglas waren die vier Tiere in Alkohol eingelegt. Die Gans stand mit ausgebreiteten Flügeln auf dem Wildschwein. Und das Huhn hatte sich auf dem schwarz bemalten Ziegenbock niedergelassen. Am oberen Rand des Kunstwerks stand in goldenen Buchstaben geschrieben: ‘Oswald Heiner, Gratweiner Bestien, 2012’.
Die Enthüllung des Meisterwerks war groß angekündigt worden. Sogar die steirische Tageszeitung hatte einen Journalisten und einen Fotografen geschickt.
Etwa zweitausend Gratweiner waren gekommen, der Platz vor der Bank war voll.

Als Bürgermeister Paul Meister das Werk enthüllte, ging ein Raunen durch die Menge. Sogar junge Menschen nahmen ihre Brillen ab und reinigten deren Gläser. Sie konnten einfach nicht glauben, was sie da sahen.
Einige brachen in schallendes Gelächter aus. Eine alte Frau begann zu weinen.
„Von dieser Schande wird sich Gratwein nie erholen!“, schluchzte sie.
Der Apotheker des Dorfes, ein wichtiger Mann, begann mit Oswald Heiner zu brüllen. Der Künstler verstand die Welt nicht mehr.
Der Journalist stellte ihm ein paar Fragen zu dem Meisterwerk. Und nachdem der Fotograf die Bestien von allen Seiten fotografiert hatte, hielt er sich den Bauch vor Lachen.
Die Zeitung brachte ein Foto von Oswalds Werk auf der Titelseite. Die Schlagzeile lautete: ‘In Gratwein ertrinken nun auch Tiere im Alkohol!’
Unter dem Foto war ein kurzer Text zu lesen. ‘Der stolze ‘Künstler’ Oswald Heiner vor seinem ‘Meisterwerk’. Daneben steht eine alte Frau und weint! Ist das wirklich Kunst?’

Zwei Wochen nach der Enthüllung hatte sich ein Komitee in Gratwein gebildet. Es forderte im Namen von über zweitausend Unterstützern die sofortige Entfernung der Bestien. Paul Meister versuchte, die Wogen zu glätten. Er ließ die Schrift am oberen Rand ergänzen. Und zwar um ‘Eigentum der Raiffeisenkasse Gratwein’. Das beschwichtigte die Gegner des Meisterwerks jedoch bloß für wenige Tage.
Ein Einwohner Gratweins drohte telefonisch gar damit, das Werk in die Luft zu sprengen. Da wurde es dem Bürgermeister dann doch zu viel. Das Eigentum seiner Bank durfte einfach nicht angetastet werden. Er ließ es bekleben.
Der Würfel steht immer noch auf dem Platz vor der Bank. Sein Inhalt wird von schwarz-gelben Folien vor Blicken geschützt. ‘Raiffeisen - so eine Bank!’ ist darauf zu lesen. In Gratwein nennt man den Würfel mittlerweile ‘Wespenstich’. Vermutlich weil Wespen ebenfalls schwarz-gelb sind. Und weil sie Schmerzen verursachen, wenn man ihnen zu nahe kommt.

Was wurde aus den an diesem Skandal beteiligten Personen?
Nun, Maria Ponisch ist nicht mehr Direktorin der Volksschule. Sie wurde in den Landesschulrat berufen, und zwar an eine verantwortungsvolle Stelle. Heute ist sie Inspektorin für Volksschulen. Und steht noch öfter mit ihrem Ehemann, dem Polizisten, an Markus Suppans Bar.
Paul Meister ist immer noch der Bürgermeister von Gratwein. Die letzten Gemeinderatswahlen hat er knapp gewonnen. Er arbeitet auch noch immer für Raiffeisen, jedoch nicht mehr als Vorstand der Gratweiner Kasse. Eine interne Prüfung hatte einen Fehlbetrag in Höhe von achtzigtausend Euro ans Tageslicht gebracht. Man fand eine Lösung für die Sache. Das fehlende Geld wurde einfach von der Raiffeisenbank Graz überwiesen. Als Dank für diese selbstlose Geste durfte die Bank Paul Meister in ihre Dienste nehmen. Heute sitzt er in einem kleinen Büro in Graz und beantwortet die Briefe unzufriedener Kunden. Dass ein Wildschwein offenbar aus dem Gehege entkommen war, wurde ihm nicht zur Last gelegt.
Markus Suppan steht immer noch jeden Tag in seinem Gasthaus. Seitdem er Alkohol ausschenkt, ohne nach den Ausweisen offenkundig noch sehr junger Menschen zu fragen, läuft es noch besser für ihn. Er kann es sich mittlerweile sogar leisten, die Gratweiner Kinderfußballmannschaft zu sponsern. Auf den Dressen steht: ‘Komm in Suppans Gasthaus - deine Eltern sind schon dort!’

Und Oswald Heiner wurde der Assistent eines wirklichen Künstlers. Nach dem Gratweiner Skandal hatten viele Menschen ihre Kunstwerke von Oswald zurückgegeben. Einige nicht einmal von Angesicht zu Angesicht. Sie warfen sie einfach auf Oswalds Grundstück und fuhren schnell weg. Vergebens hatte er versucht, in Gratwein eine Arbeit zu finden, denn als Künstler wurde er nicht einmal mehr in diesem Dorf wahrgenommen. Niemand wollte ihn einstellen. Auf der Straße wurde er verspottet. Und als ob das nicht schon genug gewesen wäre, erteilte ihm Markus Suppan auch noch Lokalverbot. Dies war der Wunsch einiger Stammgäste gewesen. Er zog nach Graz, doch auch dort wurde er erkannt und auf der Straße ausgelacht. So sah er sich gezwungen, die Steiermark zu verlassen.
Und dennoch geht es Oswald Heiner heute weit besser als den anderen Beteiligten. Ein bekannter und steinreich gewordener britischer Künstler hatte von Oswalds Schicksal erfahren. Dieser Brite macht ein Vermögen mit eingelegten Tieren. Aus Solidarität gab er dem Künstler Oswald Heiner eine Stelle in seiner Werkstätte und entlohnt ihn bis heute fürstlich. Nie im Leben hätte es sich Oswald träumen lassen, einmal mit Haien arbeiten zu dürfen.

Michael Timoschek

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