Unschärfe

Die Welt erklärt sich mir in mehr oder weniger großen farbigen Flecken.
Der Himmel als zentrales Element, eine blassblaue, unregelmäßig runde große Fläche im Zentrum, mit weißen Schlieren; beim Blick von unten flankiert von bewegten Arealen in verschiedenen Grüntönen.

Ich rühre mich nicht vom Fleck. In der Abendsonne hab ich mich so weit weggedöst. Mein Umfeld sieht aus wie eine Landschaft von Paula Modersohn-Becker.

Ein Blick zur Seite, und es fügt sich eine Kombination aus anderen Farbfeldern zu einem neuen expressionistischen Bild: Es bewegt sich stärker und öfter als das vorige Motiv über mir. Kleine und größere Figuren, bunte Farbpatzer und -kleckse und immer wieder Grün dazwischen. Im Hintergrund ein waberndes fernes reizvolles kühles Blau. Ich richte mich kurzzeitig ein bisschen auf: eine geometrische Tiefebene in Blau, weiße Lichtspritzer auf der Oberfläche.

Ich komme nicht vom Fleck. Eigentlich wollte ich lesen, doch kann ich kaum die Augen offenhalten. Das macht nichts, denn da sind noch die Lautmalereien, mehr oder weniger vernehmliche Geräusche. Spitzes Kindergekreische und weiches Plätschern, Gesprächsfetzen.

Einen blauen Fleck riskieren. Freiwilliger Konturverzicht, ein Wagnis? Ich kann meinen Mut gar nicht hoch genug einschätzen! Versuche halbherzig, mich wachzudenken, doch bleibe ich matt und müde. Ich grinse kraftlos in mich hinein und verweigere träge der Welt meine Aufmerksamkeit; einen Fleck auf der weißen Weste haben.

„Bitte beachten Sie: Das Strandbad wird in fünfzehn Minuten geschlossen.“

Allmählich sollte ich doch die Badesachen zusammenpacken und vor allem endlich meine Brille wieder aufsetzen. Vom Fleck weg. Sozusagen.

Michaela Swoboda

www.verdichtet.at | Kategorie: schräg & abgedreht | Inventarnummer: 19093

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