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Der Gammlicher Achter

Mein Name ist Dr. Igor Kushkurow und ich bin Jäger. Präzise gesagt bin ich der Schwarzrussische Staatsgroßmeister für die Bejagung von Kreaturen des Bodens und der Luft. Ich kann von dieser Arbeit zwar nicht leben, wenigstens nicht gut, doch ist meine Familie reich. Dieser Umstand, der es mir, nebenbei erwähnt, erlaubt, meinen Passionen nachzugehen und meinen Gedanken nachzuhängen, rührt daher, dass mein Vater der Besitzer der größten Waffenfabrik meines Mutterlandes ist.

Der Hang zur Jagd ist meiner Familie immanent. Mein Großvater, Milorad Kushkurow, war der vermutlich größte Jäger, der die schwarzrussischen Böden und Lüfte von diese bevölkernden Kreaturen befreit hat. Er hatte die sogenannte Gänsefeder erfunden, einen langen Stab aus Bohrstahl, an dessen Spitze eine bruchfeste scharfe Feder aus Blecheisen befestigt war. Die Gänsefeder ist ein überaus geeignetes Instrument, um Wasservögel zur Strecke zu bringen. Man pirscht sich an diese Vögel, wie beispielsweise Schwarzrussische Wasserfischsichler oder Schwarzrussische Karpfenschnäbler, an, idealiter lautlos, und erlegt sie vermittels eines kräftigen und hoffentlich gezielten Vorwärtsstoßes.
Der Erfolg dieser Erfindung meines Ahnen war überwältigend. Die bis zu diesem Zeitpunkt gebräuchliche Finkenfeder geriet alsbald in Vergessenheit.

Nun, mein Großvater war dermaßen überzeugt von seiner Waffe, dass er den Fehler beging, der der erste sein sollte, den er je begangen hatte. Ich muss hinzufügen, dass dieser Fehler gleichzeitig sein letzter war. Großvater Milorad hatte nämlich versucht, ein adultes Exemplar des Schwarzrussischen Krausbartbären mit seiner Gänsefeder zu erlegen. Der Krausbartbär sieht vielleicht ungefährlich, beinahe kann er als komisch kreiert bezeichnet werden, aus, doch täuscht dieser Eindruck. Dieses, in beschneiten Regionen hausende, und auch marodierende, auf zwei Beinen schreitende Wesen meint es nämlich ernst. Seine drei Meter langen Arme sind mit sichelförmigen gezahnten Krallen bewehrt, und die Tatsache, dass mein Großvater eine bloß zwei Meter lange Gänsefeder auf den Brustkorb der Kreatur richtete, darf wohl als Hauptgrund für sein Ableben vor der Zeit angesehen werden. Mein Ahn hatte, wie man bei uns in Schwarzrussland zu sagen pflegt, das Unglück des langsamen Ausweichens gehabt.

Mein Vater, auch er heißt Milorad, litt so grässlich unter diesem Verlust, dass er sämtliche Gänsefedern, die sein Vater hinterlassen hatte, zum Staatlichen Altmetallplatz brachte und eine Fabrik für Schusswaffen gründete. Da sein Bruder Dmitri, also mein Onkel erster Ordnung, zu dieser Zeit das verantwortungsvolle Amt des Ministers für die Geldliche Gebarung Schwarzrusslands bekleidete, stellte die Finanzierung kein Problem dar. Vater Milorad gab seinen Produkten, also den Waffen, den Markennamen Gammlicher. Er hatte sich für diesen hochgermanischen Namen entschieden, denn seine Waffen sind in der Tat von allererster Güte, was ihre Verarbeitung und somit ihre Haltbarkeit betrifft, darüber hinaus entstammt meine Mutter dem sehr alten, aber leider verarmten, hochgermanischen Geschlecht der Gammler.

Das Spitzenprodukt der Waffenschmiede meines Vaters ist der sogenannte Große Gammlicher Achter. Hierbei handelt es sich um ein Gewehr mit, wie der Name vermuten lässt, acht Läufen. Ich darf sagen, dass ich für die Jagd ausschließlich einen Achter verwende. Die drei unteren nebeneinander liegenden Läufe sind für Schrotpatronen vorgesehen, die auf ihnen liegenden drei für Projektilpatronen, und die beiden obersten, ein Lauf ist auf dem linken Kugellauf platziert, der andere auf dem rechten, somit bleibt die Mitte des oberen Drittels frei, können je nach Belieben mit Steinen, Glasmurmeln oder auch Schreibgeräten beladen werden.
Der Große Gammlicher Achter hat jedoch den Nachteil, überaus gewichtsintensiv zu sein. Dieser Umstand macht einen Assistenten unerlässlich, in meinem Fall handelt es sich um Pavel Lickshit, er ist Großexperte für das Dasein im Rudel allgemein, welcher üblicherweise vor dem Schützen kniet, sein Rückgrat somit als Auflagefläche zur Verfügung stellt. Diese Haltung wird im Übrigen als Gammlicher Kauto bezeichnet. Für gewöhnlich nimmt das Rückgrat des Assistenten dabei keinen Schaden. Mit dieser Waffe ist es mir möglich, sämtliche schwarzrussische Kreaturen zu erlegen.

Nun, der Vizeminister für die Gesundheit der Schwarzrussischen Bevölkerung kontaktierte mich ebenso telefonisch wie in Harnisch. Er erregte sich über in letzter Zeit gehäuft auftretende jagdliche Unfälle mit letalem Ausgang. Die schwarzrussischen Jäger, so meinte er, wären nämlich nicht mehr in der Lage, die geeigneten Waffen gegen bestimmte Kreaturen einzusetzen, sodass diese Wesen die Jäger einfach töten würden. Jedenfalls bat er mich, mich dieses Problems anzunehmen und den Jägern zu erläutern, welche Waffe, oder Waffen, für welche gefährliche Kreatur geeignet sei. Bereitwillig versprach ich, mich um diese Angelegenheit zu kümmern.
Ich dachte mir, dass ein Lokalaugenschein bei den Jägern nur hilfreich sein könnte, also fuhr ich einfach in den nächstgelegenen Wald und beobachtete die dort agierenden Jäger. Was ich sehen musste, ich kann es nicht anders formulieren, war hoch grässlich.

Ein Jäger, der Mann war etwa vierzig Jahre alt, versuchte, einen Schwarzrussischen Bäreneber zu erlegen. Als ich erkannte, womit er dies bewerkstelligen wollte, gefror mir das Blut in den Adern: mit einer Gänsefeder. Ich rief dem Mann zu, dass er dies besser unterlassen sollte, doch wollte er wohl nicht auf mich hören. Die Sache ging so aus, dass der Bäreneber den Jäger auf eine Art und Weise zu Tode brachte, die bloß als infam bezeichnet werden kann. Da mein Assistent Pavel Lickshit zu diesem Zeitpunkt noch in seinem Rudel tätig war, konnte ich meinen Großen Gammlicher Achter nicht in Anschlag bringen, um der Kreatur die eben begangene Meuchelei heimzuzahlen.

Etwa einen Kilometer entfernt durfte ich miterleben, wie ein offensichtlich erfahrener Jäger, die Schnäbel und Zähne, die er auf einer schweren Kette um den Hals trug, bewiesen das, versuchte, eine Schwarzrussische Branddrossel zu erlegen. Er feuerte ununterbrochen auf den winzigen Vogel, und das aus einer großkalibrigen Büchse. Da ich keine unmittelbare Gefahr für Leib und Leben dieses Jägers erkennen konnte, unterließ ich es, ihn anzusprechen. Vielmehr ließ ich mich auf dem Boden nieder und beobachtete höchst amüsiert diese Szene. Der Mann verfeuerte alle Patronen, die er bei sich hatte, und warf danach seine Flinte wutentbrannt in die Richtung des Vogels, der, beinahe wie zum Hohn, unablässig zwitschernd über dem Haupt des Jägers kreiste. Das Gewehr verfehlte den Vogel, dafür landete es auf des Jägers Fuß, was dieser mit unzähligen unflätigen Flüchen quittierte. Die Branddrossel defäkierte noch auf den Kopf dieses Mannes, bevor sie davonflog. Schallend lachend lief ich zu meinem Geländewagen und stattete dem Vizeminister einen unangemeldeten Besuch ab.

Er empfing mich sogleich, und ich berichtete ihm von den Eindrücken, die ich gewonnen hatte. Wir sprachen über verschiedene Möglichkeiten, dieses Problems Herr zu werden, kamen jedoch zu keiner befriedigenden Lösung. Ich rief meinen Vater Milorad an und bat ihn, zu uns zu stoßen. Eine halbe Stunde später saß er bei uns am Konferenztisch und wurde von uns in die Problematik eingeführt.
Vater Milorad lauschte interessiert unseren Ausführungen und fand prompt eine Lösung. Dann ging alles Schlag auf Schlag. Der Vizeminister bestellte den ihm nachgeordneten Minister für Jagdliches Verhalten in Schwarzrussland ein und befahl ihm, innerhalb der nächsten zwei Stunden die Weisung zu erteilen, dass Jäger künftig zu zweit ihrer Passion nachzugehen hätten, jedoch bloß eine einzige Schusswaffe mit sich führen dürften, nämlich einen Großen Gammlicher Achter. Der Minister lief aus dem Büro des Vizeministers, um diese Weisung so zeitnah wie möglich zu erteilen.
Mein Vater nahm seine goldene Armbanduhr ab, gab sie dem Vizeminister, der sie sogleich mit zufriedener Miene anlegte, dann küsste er mich auf die Wange, sagte, ich hätte das Richtige gemacht, nämlich ihn anzurufen, und verließ das Büro.

Mir wurde die verantwortungsvolle Aufgabe übertragen, sämtliche schwarzrussische Jäger in der ordnungsgemäßen Handhabung des Großen Gammlicher Achters zu unterweisen. Mit diesem Gewehr, das kann ich versichern, sitzt jeder Schuss.
Das Problem, welches ich als letztes zu lösen hatte, war die Frage, welcher von zwei Jägern, die gemeinsam auf die Pirsch gehen, nun derjenige zu sein hätte, der vor dem anderen niederknien müsste. Ich beschloss, dass es stets den Jüngeren treffen sollte, den Gammlicher Kauto zu vollziehen, und das so lange, bis er selbst einen jüngeren Jagdkameraden finden würde, denn es kann einfach nicht sein, dass ein älterer Mensch vor einem jüngeren kniet. Ich finde so etwas schlicht unästhetisch.
Somit habe ich ganz nebenbei eine neue, aber durchaus schöne schwarzrussische Tradition erschaffen.

Michael Timoschek

www.verdichtet.at | Kategorie: schräg & abgedreht |Inventarnummer: 17120

Ich bin peinlich rein

Ich bin achtundvierzig Jahre alt und Semiakademiker, was impliziert, dass ich mein Studium der Ausbreitungswissenschaften an der Staatlichen Schwarzrussischen Universität nicht zur Gänze, vielmehr zur Hälfte abgeschlossen habe, um präzise zu sein, ich lege nämlich Wert auf Präzision, studierte ich die Ausbreitung der Schwarzrussischen Blaufelleber, eine, wie ich fürwahr sagen darf, grässliche, weil überaus gefährliche Spezies, sowohl für Menschen als auch für Tiere, deren Gebiet, also das der Ausbreitung dieser grässlichen Bestien, sich stetig erweitert; während ich diese Zeilen zu Papier bringe, kann es gut sein, und ich bin mir beinahe sicher, dass es sich bezüglich der Ausbreitung so verhält, dass es größer wird.
Aus diesem Grund darf ich mich bloß D. Sascha Smirnovskaya nennen, und nicht Dr. Sascha Smirnovskaya, aber dies sei bloß nebenbei erwähnt.

Der Schwarzrussische Blaufelleber sieht aus wie ein gewöhnliches Wildschwein mit hellblauen Borsten, doch ist er weitaus gefährlicher, denn die ihm innewohnende naturgegebene, also prinzipielle, Angriffslust lässt das Tier in Harnisch geraten, sobald es anderer Lebewesen, also auch Menschen ansichtig wird (es gibt Erzählungen, allerdings stammen diese von in ruralen Gegenden domizilierten Menschen - aus diesem Grund halte ich sie für frei erfunden -, dass diese Tiere selbst beim Anblick von Blumen und jungen Bäumen in Harnisch geraten). Dann gebärdet sich der Schwarzrussische Blaufelleber in der Tat grässlich, dann meint er es ernst, todernst.

In achtzig Prozent der dokumentierten Fälle mit menschlichen Verlusten, also in welchen Menschen zu Tode kamen, konnte die Identität der Menschen lediglich vermittels DNA-Abgleich ermittelt werden, denn Schwarzrussische Blaufelleber pflegen ihre Opfer, aus der Sicht der Tiere dürfte es sich um Beute handeln, zur Gänze aufzufressen (bis auf das Gelenk des linken Fußes, welches ihnen, aus welchem Grund auch immer, geschmacklich nicht zusagen dürfte - aus diesem Grund ist ein DNA-Abgleich möglich. Üblicherweise wird bei getöteten Haus- oder Nutztieren auf einen DNA-Abgleich verzichtet.).

Wie gesagt studierte ich die Ausbreitung der Schwarzrussischen Blaufelleber hinsichtlich der Möglichkeiten der Verringerung der Gefahren für Menschen, Haus- und Nutztiere, jedoch sah ich mich gezwungen, mein Studium als Semistudium weiterzuführen und als solches zu Ende zu bringen, denn ich brachte es nicht fertig, die für die Erlangung der Doktorwürde unbedingt erforderlichen Beobachtungen und Versuche im Habitat der Schwarzrussischen Blaufelleber, also in der freien Natur zu machen und durchzuführen, denn jedes Mal, wenn ich eines solchen Tieres ansichtig wurde, geriet ICH in Harnisch. Mich ekelte und ekelt noch immer vor der Unreinheit der hellblauen Borsten dieser Bestien.
Ich bin nämlich peinlich rein!

Der Hang, oder besser Drang, oder noch besser, weil präzise, Zwang zur Reinheit ist mir immanent. Meine Großmutter hatte sich verschiedene Arten von Haustieren gehalten, die als klein gelten konnten. Kaninchen, Hühner, Tauben und Meerbachen (eine dem Meerschweinchen nah verwandte Art, welche sich in schwarzrussischen Kochtöpfen höchster Beliebtheit erfreut) - zur Verwendung in der Küche. Ich fand - und finde immer noch - diese Tiere grässlich, da sie mir als nicht rein erschienen und erscheinen. In ihren Käfigen lagen ihre Haare und Federn neben ihren Exkrementen auf dem Boden herum, und die Tiere mittendrin.
Ich nehme an, dass sich mein Zwang zur Reinheit beim Anblick dieser Tiere in ihren Käfigen ausgebildet hat. Ich wollte ja die von meiner Großmutter aus dem Fleisch dieser Tiere zubereiteten Speisen, die, das muss ich zugeben, köstlich ausgesehen und herrlich geduftet hatten, verzehren - allein, ich konnte es nicht. Der Gedanke an die Käfige ließ mich die Nahrungsaufnahme verweigern.

Fisch aß und esse ich immer gerne. Die weiße Farbe des Fleisches des Schwarzrussischen Wespensalmlers, nachdem dieser von seiner schwarz-gelb gestreiften und mit giftigen Stacheln bewehrten Haut befreit wurde, vermittelt mir das Gefühl, etwas Reines zu mir zu nehmen. Ich liebe das Fleisch dieses Fisches, jedoch ungewürzt und bloß in Wasser gekocht. Es ist nicht so, dass ich nicht versucht hätte, ihm mit Pfeffer und anderen Gewürzen zu ein wenig mehr Geschmack zu verhelfen, doch war das Fleisch des Fisches danach nicht mehr reinweiß. Die Pfefferstückchen nahmen sich wie winzige Verunreinigungen aus, die Teilchen der übrigen Gewürze ebenfalls. Ich musste den Fisch wegwerfen.

Es ist nicht so, dass ich mich bloß vom Fleisch des Schwarzrussischen Wespensalmlers ernähre. Ich habe nichts gegen Fleisch einzuwenden. Ich esse gerne ein saftiges Steak, welches ich scharf anbrate, jedoch nicht in Öl, sondern in einer geringen Menge Wasser. Öl würde unter Umständen Rückstände auf dem Fleisch belassen, die farblich unmöglich zu seinem Grundton passen können, also brate ich meine Steaks stets in Wasser an.
Wasser halte ich ohnehin für das wertvollste, weil die Reinheit am wenigsten beeinträchtigende Element in der Küche. Ich koche, gare, frittiere und brate stets mit Wasser, jedoch bloß eine Zutat auf einmal, um die Reinheit nicht zu gefährden.
Verlangt mich beispielsweise nach Steak mit gekochten Fisolen, so brate ich das Fleisch in Wasser an, verzehre es - natürlich ungewürzt -, hernach koche und verzehre ich die Fisolen; dies, um die Reinheit auf dem Teller nicht zu gefährden.

Ich möchte nun nicht den Eindruck erwecken, ich wäre verrückt, gemeingefährlich oder gar pedantisch. Das bin ich nämlich – natürlich – nicht!
Es ist nicht so, dass ich stets blütenreinweiß gewandet durch die Gegend laufe. Ich besitze Kleidung in verschiedenen Farben wie Weiß, Reinweiß, Blütenweiß, aber auch Schwarz, Dunkel- und Hellblau sowie - hierbei handelt es sich um ein Geschenk meines Verwandten Wladimir Suffkopp; er ist Vizesekretär des schwarzrussischen Vizeministers für Fragen der Schwarzrussischen Kleiderordnung - Rosarot.
Wie Sie sich sicherlich vorstellen können (oder denken werden), stehe ich bezüglich Kleidungsstücken in der jeweiligen angeführten Farbe in Vollausstattung, von der Badehose bis zum Skianzug. Ich trage stets Kleidungsstücke von derselben Farbe, denn ich möchte die Reinheit meines Erscheinungsbildes hinsichtlich Farbe nicht durch die Hereinnahme eines anderen Farbtons trüben oder gar vernichten. Besonders grässlich ist es, also besonders großen Graus bereitet es mir, wenn ich, beim Essen beispielsweise, kleckere oder gar fremdbekleckert werde.

Über diese besondere Grässlichkeit habe ich vor etwa zwei Jahren mit meinem Großvetter Dr. Igor Kushkurow, er ist das Genie in meiner Familie, gesprochen. Großvetter Igor forscht zurzeit an der Staatlichen Schwarzrussischen Universität zur Frage (der Studienauftrag ist in diesem Fall als Frage formuliert) “Sinn oder Unsinn? - Die Balzrituale männlicher Schwarzrussischer Zwergkopflemminge und ihre Intention, die ohnehin stets zur geschlechtlichen Vereinigung freudig bereiten weiblichen Genossen dieser Art zur geschlechtlichen Vereinigung zu bewegen.” Großvetter Igor erklärte mir, dass die Anzahl der weiblichen Schwarzrussischen Zwergkopflemminge, die im Laufe ihres Lebens unumkehrbare geschlechtliche Neigungen zu den weiblichen (sic!) Genossen ihrer Art entwickeln, bei mittlerweile neunundachtzig Prozent liegt. Er hat mir das Ergebnis seiner Forschungstätigkeit mitgeteilt, obwohl diese Studio offiziell erst in drei Jahren abgeschlossen sein wird (dem gemächlich tröpfelnden Geldhahn des schwarzrussischen Ministeriums für militärische, polizeiliche und universitäre Angelegenheiten würde Dank gebühren, meinte Dr. Kushkurow bitter): ie weiblichen Schwarzrussischen Zwergkopflemminge entwickeln gleichgeschlechtliche Tendenzen, da sich die männlichen Genossen ihrer Art für gewöhnlich den Großteil ihrer Lebenszeit (fünfundneunzig Prozent der Zeit!) auf der Balz befinden und somit naturgemäß bei Weitem zu wenig Energie haben, sich im dem Fall, dass sie zum Zug kommen, auf eine Art und Weise zu gerieren, die männlichen Genossen ihrer Art nun einmal gut anstünde (Großvetter Igor sprach von ‘libidinös-phallischer Dysfunktion’ - ich weiß nicht, was er damit meinte).

Ich sprach also vor gut zwei Jahren mit Großvetter Igor über die Grässlichkeit eigen- oder - noch schlimmer, da aufgezwungen! - fremdbekleckerter Kleidung. Da mein Großvetter mich gut kennt, wusste er, wie wichtig mir eine Lösung dieses schwerwiegenden Problems war (die erste Variante zur Lösung, die er mir vorschlug, nämlich das bekleckerte Kleidungsstück in die Waschmaschine zu legen und diese in Gang zu setzen, war selbstverständlich von mir abgelehnt worden. Was, wenn an der Stelle des Flecks eine ausgewaschen erscheinende Textilstelle sichtbar würde, also von Rosarot zu ausgewaschenem Hellrosarot zum Beispiel? - Nein! Ein noch viel größerer Graus!), nahm er sich gerne zwei Wochen Zeit, um sich einen Überblick über die Gesamtsituation zu verschaffen. Danke, Igor! Und Nastrovje!
Er teilte mir mit, dass in meinem Fall (er sprach von supranasal und auch irgendwas von Subillumination - ich weiß nicht, was er meinte) wohl der Einsatz der sogenannten ‘Fleckenschere’ die beste Lösung wäre. Seit diesem Tag trage ich eine Fleckenschere mit mir; mit ihr schneide ich Flecken einfach aus meiner Kleidung heraus. So bleibt mein farbliches Erscheinungsbild stets rein.

Sie werden jetzt denken, dass ich mit Löchern in meiner Kleidung, die meine nackte Haut, die naturgemäß weder rosafarben noch schwarz ist, zum Vorschein bringen, durch die Straßen laufe - weit gefehlt! Es ist vielmehr so, dass ich stets mehrere Schichten an Kleidung übereinander trage. Wird beispielsweise meine Hose bekleckert und schneide ich den Fleck dann aus ihr heraus, so ist keine Veränderung in meinem farblichen Erscheinungsbild feststellbar, denn unter meiner Hose trage ich stets eine lange Unterhose. Durch das Tragen mehrerer Schichten übereinander bin ich also stets auf der sicheren Seite.

Michael Timoschek

www.verdichtet.at | Kategorie: schräg & abgedreht |Inventarnummer: 17119

Grauskopf

Mein Name ist Dr. Igor Kushkurow und ich bin Professor für angewandte Kreativität an der Staatlichen Schwarzrussischen Universität.
Für gewöhnlich forsche ich zu Themen wie ‘Die Vor- respektive Nachteile der bodennahen Haltung Schwarzrussischer Finkenbärbiber in außergewöhnlich gestalteten Käfigen oder Gehegen’, oder ‘Wie hat der schwarzrussische Literaturbetrieb auf ein Buch zu reagieren, welches kein Wort enthält?’. Ich darf diese beiden Forschungsgebiete kurz erläutern.

Ein Autor reicht zwanzig unbeschriebene Seiten beim Staatlichen Schwarzrussischen Literaturgroßverlag ein und möchte sein Werk als Roman veröffentlicht sehen. Nun, ich habe den Autor zum Essen eingeladen. Es hat mich zwar einige Mühe gekostet, aus den zwanzig Blatt Papier, die mir der Großverlag freundlicherweise zur Verfügung gestellt hatte, eine schmackhafte Suppe zuzubereiten, doch letztlich habe ich es fertiggebracht. Der Autor dieser zwanzig Seiten wollte sein, wie er es nannte, Hauptwerk erst nicht zu sich nehmen, doch als ich ihm sagte, dass ich meinen Schwarzrussischen Wolfseber holen würde, was diesen grässlich in Harnisch hätte geraten lassen, aß der Literat auf. Ein Wolfseber ist nämlich ein durchaus ernstzunehmender Gegner. Der Literat sah schließlich ein, dass ein Roman zumindest aus dreiundzwanzig Wörtern zu bestehen hat. Ich halte diese Anzahl für ausreichend.

Der Schwarzrussische Finkenbärbiber wiederum ist ein mittelgroßes, gesellig lebendes Wesen, dem allerdings um die Zeit des Vollmondes ein ausgeprägter Hang zum Kannibalismus immanent ist, solange er bodennah gehalten wird. Ich habe ein vollautomatisches Käfig- und Gehegesystem konstruiert, welches die unmittelbaren Folgen dieses Hangs, nämlich den Tod dieser Lebewesen, hintanhält.

Meine letzte Forschungstätigkeit hatte das Problem ‘Die galoppierend zunehmende Kraushaarigkeit weiblicher schwarzrussischer Jugendlicher als Problem auf dem Staatlichen Schwarzrussischen Verehelichungsmarkt, und mögliche Abhilfen’ zum Inhalt, und es handelt sich dabei fürwahr um ein großes Problem. Als Folge einer offenkundigen genetischen Mutation kamen zehntausende weibliche Jugendliche kraushaarig zur Welt. Meine erste Vermutung, alle diese Mädchen hätten den selben Vater, stellte sich als falsch heraus, denn mein guter Freund Dr. Dmitar Schwengeloff, seine beiden Ehefrauen nennen ihn oft ‘wilder Eber’, und er ist selbst kraushaarig, versicherte mir, dass er seine Gattinnen nie betrogen hatte.

Als Ursache dieser Mutation konnte ich letztlich den Verzehr Schwarzrussischer Bockkarpfen ausmachen. Diese Fische ernähren sich vorzugsweise von Schwarzrussischen Gänsefalken, die sie unter Wasser ziehen und mit ihren neunundachtzig messerscharfen Zähnen zerteilen. Die Gänsefalken ernähren sich pflanzlich, sie fressen Wassertulpen und Sumpfagaven. Diese beiden Pflanzenarten sind stark mit DAP, einem Pestizid bester schwarzrussischer Provenienz und Permanenz, was die Dauer der Wirksamkeit anlangt, kontaminiert. Sofort ließ ich den Fang der Bockkarpfen untersagen. Ich halte das für ausreichend, um die Ausbreitung der Kraushaarigkeit einzudämmen.

Danach stand ich vor dem Problem der Kraushaarigkeit zehntausender Mädchen.
Die Schwarzrussisch-Orthodoxe Glaubensfirma lehnte es ab, eine Art Riesenkloster für die Kraushaarigen zu errichten, der Großpatriarch bezeichnete mich gar als endgültig übergeschnappt.
Der schwarzrussische Vizeminister des Inneren weigerte sich, einen von mir vorgeschlagenen Gesetzesentwurf überhaupt zur Debatte zu stellen, wonach sich alle kraushaarigen Mädchen jede Woche zweimal in der jeweils nächstgelegenen Kaserne einzufinden gehabt hätten, um sich das Haupthaar scheren zu lassen. Der Vizeminister nannte mich einen verrückten Zwangsenthaarer. Ich selbst rasiere mir nämlich zweimal den Kopf. Und das jeden Tag. Obwohl ich nicht kraushaarig bin.

Auf dem Staatlichen Schwarzrussischen Verehelichungsmarkt, der am Rande der Großhauptstadt gelegen ist, lehnten es die dort amtierenden Verehelichungsfachmänner ab, neue Kategorien wie kraushaarig-blond, -rot oder -schwarz einzuführen. Selbst mein Vorschlag, diese Kategorien umzubenennen, in krond oder krot, fand kein Gehör.
Mein Freund Dr. Schwengeloff, der Eber, brachte mich in einem langen Gespräch auf die Lösung des Problems. Danke, Dmitar, und prost!

Mein Vetter Narbert Olgach, er ist reich, hatte sich dankenswerterweise bereit erklärt, eine großangelegte Werbeaktion zu finanzieren. Die Sache, also der Krause den Kampf anzusagen, liegt mir nämlich sehr am Herzen. Im gesamten schwarzrussischen Staatsgelände ließ ich riesige Plakate anbringen, auf welchen in Signalfarbe geschrieben steht: ‘Krause muss nicht sein - weder zuhause noch daheim - wenn ihr böse Krausen seht - sollt ihr sprechen ein Gebet!’

Ich durfte nämlich in zahllosen Selbstversuchen herausfinden, dass Gebete helfen, die täglichen Probleme des schwarzrussischen Lebens zu beseitigen. Sie werden jetzt lachen, genau so, wie mich der Großpatriarch ausgelacht hat, als ich ihm meine Erkenntnis mitgeteilt habe. Aber es stimmt. Mein Freund, der Eber, hatte recht, als er meinte, dass ich wohl nur noch durch das Gebet zu retten wäre. Ich kann nicht verstehen, dass mir das nicht selbst eingefallen ist. Dabei wurde ich schon so oft durch Gebete gerettet.

Wie damals, als ich meinen Bruder schabernackiert hatte. Ich hatte die Blößen der Frauen in seinen geliebten Magazinen übermalt, die der Männer jedoch ließ ich stehen. Mein Bruder geriet so sehr in Harnisch, dass ich befürchtete, er würde mich schlagen. Also betete ich. Und meine Gebete wurden erhört. Unsere Mutter kam und entdeckte die eindrucksvolle Sammlung an Magazinen im Lernzimmer meines Bruders. Daraufhin verschwand sie mit meinem Bruder, den sie, wie ich mich erinnere, an seinem Ohr in sein Lernzimmer zog, und ich war gerettet.

Oder als ich einen lebenden Nachtklauengreifer, eine wirklich fürchterliche Bestie, in die Schule mitgebracht habe und der Vogel vor der Zeit aus seiner Betäubung erwachte. In diesem Augenblick haben, so glaube ich, alle im Klassenzimmer gebetet. Und es ist wirklich nichts passiert. Ich glaube aber, dass unser Professor der Biologie nicht richtig gebetet hat, denn er wurde nach diesem Vorfall versetzt. Wenn er nicht schon pensioniert ist, mäht er immer noch den Rasen vor der Schule.

Sie sehen, Gebete helfen. Und nachdem sie mir stets helfen, helfen sie auch allen anderen Menschen, selbst den Krausköpfigen.
Mir ist natürlich bewusst, dass viele der jungen Frauen ihre Erlösung nicht im Gebet suchen werden. Da ich jedoch ein guter Mensch bin, dessen größte Freude es ist, anderen Menschen Gutes zu tun, bin ich außerstande, die jungen Frauen, die nicht beten, mit ihrer Krausköpfigkeit einfach im Stich zu lassen.
Aus diesem Grund habe ich mir von meinem reichen Vetter Narbert, er verdient sein Geld übrigens mit der Herstellung von Pestiziden, eine wirklich große Summe, um präzise zu sein handelt es sich um zwei Milliarden Schwarzrussische Rubel, geliehen.
Mit diesem Geld habe ich eine Kette von Haarschneideläden gegründet und eine Fabrik, in der Mützen und Hauben hergestellt werden, erbaut.
Sie sehen, mein Kampf ist noch nicht zu Ende.

Michael Timoschek

www.verdichtet.at | Kategorie: schräg & abgedreht |Inventarnummer: 17061

 

Rutschende

Langsam,
habe ihn gefunden,
zwischen Weiß und Rosa,
Jesus ist dort,
er steht über mir,
nimmt mir die Angst,
dann lässt er mich alleine,
schwitzend mit Löchern im Horizont,
die Zeilen schwimmen in der Suppe,
wo die Muskeln Partys feiern

In der Nacht scheint Licht herab,
und ich lache und rutsche hinunter,
ein Tunnel voll Spinnweben,
er endet irgendwo,
eine Lichtung in Sichtweite

Florian Pfeffer

www.verdichtet.at | Kategorie: schräg & abgedreht| Inventarnummer: 17029

Ich treibe Schabernack

Ich gebe es zu: Mir ist der Drang, Schabernack zu treiben, immanent. Bereits in meinen ersten Lebensjahren konnte ich nicht anders, ich musste Schabernack treiben.

Ich wurde vor dreiundvierzig Jahren, acht Monaten und fünf Tagen in Schwarzrussland geboren. In Petrovsklam, um präzise zu sein. Meine Familie war reich, heute ist sie das immer noch, mein Vater, der Intellektuelle der Familie, arbeitete für den schwarzrussischen Geheimdienst DAP. Er war kein gewöhnlicher Agent, er war Oberst. Sein Aufgabenbereich war die strenge Kontrolle der Vorräte an Schwarzrussischer Erdschlacke sowie die Überwachung der Förderung von Schwarzrussischen Bernsteinsaphiren, ein lediglich in Schwarzrussland vorkommender - mein Vater nannte ihn endemisch (er war fürwahr ein Intellektueller!)- Pilzedelstein. Die Bezeichnung Pilzedelstein ist durchaus zutreffend, denn der Schwarzrussische Bernsteinsaphir vermehrt sich vermittels Sporen. Die Aufgabe meines Vaters bestand in der Überwachung der Förderung dieser beiden für Schwarzrussland so wichtigen Bodenschätze, er hatte sicherzustellen, dass kein Milliliter Erdschlacke und kein Gramm Bernsteinsaphir gestohlen wurde. Ertappte Diebe pflegte mein Vater Schwarzrussischen Weißamseln vorzuwerfen, was den äußerst grässlichen Tod dieser Diebe zur Folge hatte, denn diese Vögel sind, was ihren Blutdurst und ihre Angriffslust anlangt, wohl nur mit dem Schwarzrussischen Wolfskarpfen zu vergleichen, auch dieser ist eine gefährliche Bestie, die es ernst meint. Nachdem diese Bodenschätze äußerst wertvoll sind, ist es wohl nicht verwunderlich, dass mein Vater, der auf sie achtzugeben hatte, steinreich wurde - und das in weniger als zwei Jahren!

Ich muss jedoch festhalten, dass ich trotz des Reichtums meiner Familie eine als normal zu bezeichnende Kindheit hatte - bis auf meinen Zwang zum Schabernack eben. Meine Großmutter, ich hielt mich oft in ihrem schlossähnlichen Gartenhaus auf, erfreute sich an und widmete sich der Zucht von Schwarzrussischen Wüstenhühnern, eine Art Vogel, die mir stets ein Dorn im Auge war, denn ich erachte diese Vögel schlicht für sowohl dumm als auch hässlich. Jedenfalls, diese Hühnervögel waren das Ziel -oder die Opfer - des ersten Schabernacks, an den ich mich erinnern kann. Ich war nämlich dahintergekommen, dass die geringe Intelligenz dieser Vögel nicht dadurch zu steigern war, ihnen aus den Büchern Dmitri Boristranks - er ist der größte schwarzrussische Autor - vorzulesen, also wollte ich wenigstens ihr äußeres Erscheinungsbild ästhetischer gestalten.
Ich betäubte die vier Hähne meiner Großmutter mit Äther und dann legte ich los. Ich kürzte ihnen die Schwanzfedern und lackierte ihre Krallen mit dem rosafarbenen Nagellack meiner Großmutter. Danach legte ich die Hähne paarweise aufeinander und verließ das Gehege, das in etwa die Größe eines Fußballplatzes hatte. Als die Hähne aus ihrer Betäubung erwachten, begannen sie sogleich, sich zu paaren, jedoch untereinander, also Hähne mit Hähnen. Ich vermute, dass ihr verändertes - verbessertes, behübschtes - äußeres Erscheinungsbild sie auf eine Art und Weise beeinflusst hat, die ihnen die Großartigkeit der Liebe unter männlichen Wesen vor Augen - oder vor die rosafarbenen Krallen - geführt hat. Nun, die weitere Zucht dieser Vögel war meiner Großmutter nicht mehr möglich, denn fortan blieben die Hähne unter sich. Meine Großmutter verübelte mir diesen Schabernack nicht, sie war der Ansicht, dass Jungs eben Jungs wären.

Mein Bruder Dimitar war keineswegs so nachsichtig mit mir, nachdem ich ihn schabernackiert hatte. Dimitar ist sieben Jahre älter als ich, was bedeutet, dass er entsprechend früher als ich zu pubertieren begonnen hatte, und leitet heute die Stabsstelle für Fragen zur allgemeinen Geschlechtsmoral der schwarzrussisch-orthodoxen Glaubensfirma. Ich hatte in einem der von ihm bewohnten Räume in der palastartigen Behausung unserer Familie eine wirklich sehr große Zahl an Zeitschriften entdeckt, wie alleinstehende Männer sie, wie ich heute zu wissen glaube, gerne durchblättern, um auf, wie man sagt, andere Gedanken zu kommen.
Unaufgeregt, ich befand mich zu diesem Zeitpunkt noch nicht in pubertärem Stadium, blätterte ich in den Zeitschriften meines Bruders und stellte hoch verwundert fest, dass sie beinahe ausschließlich aus Fotografien, welchen ab und an zotige Zeichnungen folgten, bestanden. Auf diesen Fotografien waren üblicherweise eine unbekleidete Frau und ein weiß besockter Mann zu sehen, die sich gegenseitig (und oftmals sogar gleichzeitig!) fellationierten respektive cunnilinguierten, um schließlich die Handlung des Sex zu vollziehen.

Ich war erschrocken und von meinem Bruder enttäuscht. Wie konnte er bloß Gefallen an zotigen Zeichnungen und Fotografien finden? So was hatte ich nicht erwartet. Dennoch beschloss ich, ihm das Betrachten der von ihm offenkundig geschätzten Bilder nicht zu verunmöglichen, also übermalte ich lediglich die auf den Fotografien gut erkennbaren - oftmals sogar durch das Stilmittel der Nahaufnahme! - Blößen der Frauen (die der Männer machte ich nicht unkenntlich) mit schwarzer Tinte bester schwarzrussischer Provenienz und Permanenz. Am nächsten Tag eilte mein Bruder in sein, wie er es zu nennen pflegte, Lernzimmer und versperrte die Tür des Raumes hinter sich. Zwei Minuten vergingen, dann kam Dimitar mit hochrotem Kopf aus seinem, wie er es nannte, Lernzimmer gestürmt und lief, meinen Vornamen, Michail, brüllend durch den Palast unserer Eltern.
Ich erkannte, dass sich mein Bruder in einer Art Notstandszustand befinden musste und eilte zu ihm, um ihm zu helfen. Er packte mich, schüttelte mich und brüllte etwas von Präonanist und unterstellter Homoerotik. Als ich zu meiner Rechtfertigung (ich ahnte, dass der Notstandszustand meines Bruders etwas mit seinen Zeitschriften zu tun haben musste) vorbrachte, dass ich doch bloß die Blößen der Frauen auf den Fotografien übermalt, die der Männer jedoch nicht angetastet hätte, geriet mein Bruder noch grässlicher in Harnisch. Er schlug mich und brüllte dabei, dass sein Schatz nun wertlos geworden wäre.
Zu meinem großen Glück betrat in diesem Augenblick unsere Mutter den Raum. Ich legte ihr, sie war eine Frau von strenger Moral und hoher Sittlichkeit, den Sachverhalt dar und verriet ihr, wo in seinem, wie er es nannte, Lernzimmer mein Bruder seinen, wie er sich ausdrückte, Schatz gelagert hatte. Unsere Mutter nahm diesen Schatz in Augenschein, zählte dessen Bestandteile gewissenhaft, sie kam auf zweihundertzweiundsiebzig Zeitschriften, dann geriet sie in Harnisch und befahl mir, das Lernzimmer meines Bruders zu verlassen. Zwei Wochen später war mein Bruder Dimitar immer noch böse auf mich.

Im Schwarzrussischen Staatsgymnasium, das ich auf Wunsch meiner Familie zu besuchen hatte, schabernackierte ich meinen Professor der Biologie. Ich war dazu auserkoren worden, einen Vortrag über den Schwarzrussischen Nachtklauengreifer zu halten, eine Art Eule, bloß viel gefährlicher, denn bei einer Flügelspannweite von fünfeinhalb Metern bringt es dieses Tier leicht (und gerne!) fertig, Schwarzrussische Bachpferdstuten durch die Luft zu tragen und in seinem Horst, dessen Grundgerüst durchaus aus Teilen von Schienen der Staatlichen Schwarzrussischen Kupferbahn bestehen kann, an seinen Nachwuchs zu verfüttern. In der Sammlung ausgestopfter schwarzrussischer Tiere, die mein Gymnasium unterhielt, hatte sich naturgemäß auch ein Exemplar des Nachtklauengreifers befunden, doch wollte ich dieses keinesfalls als Anschauungsobjekt während meines Vortrags heranziehen. Ich ging also tief in den Wald, wo ich bald einen Horst dieses Vogels ausfindig machte. In einer ebenso kühnen wie lebensgefährlichen akrobatischen Aktion betäubte ich das adulte Tier mit Äther, wie ich es schon mit den Hähnen meiner Großmutter gemacht hatte, und setzte den betäubten Vogel auf den Tisch meines Professors der Biologie.
Niemand im Klassenzimmer bemerkte, dass da ein lebender, lediglich betäubter Nachtklauengreifer saß. Anfangs ging alles gut, ich hielt meinen Vortrag, demonstrierte am Schnabel und an den Krallen des betäubten Vogels die Gefährlichkeit der Wesen dieser Art und hätte ihn betäubt in seinen Horst zurücksetzen können. Doch das Tier erwachte vor der Zeit aus seiner Betäubung. Der Nachtklauengreifer blickte auf die sechsundzwanzig Kinder und den einen erwachsenen Menschen im Klassenzimmer, die vor Schreck erstarrt waren, und wusste offensichtlich nicht, wie er reagieren sollte. Also reagierte er auf die einzige seinem Wesen entsprechende Art und Weise, indem er in Harnisch geriet. Dabei gebärdete er sich derart grässlich, dass ich mich noch heute frage, warum keiner der siebenundzwanzig Menschen im Klassenzimmer zu Tode kam.
Eine großzügige Spende meiner Familie an das Gymnasium ließ die Sache zeitnah in Vergessenheit geraten, auch der Professor der Biologie durfte an der Schule verbleiben. Er bekam einen grauen Arbeitsmantel ausgehändigt, humanerweise mit dem Hinweis, dass er sich dieses Mantels selbstverständlich entledigen durfte, wenn er den Rasen vor dem Gymnasium zu mähen hatte.

Ich halte es für essenziell zu erwähnen, dass ich auf dem Kronleuchter der Gottesfurcht nicht das hellste Licht bin. Ich hatte meinen fünfundzwanzigsten Geburtstag zelebriert. Da meine Familie sehr reich ist, hatte ich eine Vielzahl an jungen Frauen in die palastartige Behausung meiner Eltern bestellt und mich mit jeder einzelnen dieser jungen Frauen in mein Schlafgemach zurückgezogen (mit einer zweimal, mit einer anderen sogar dreimal), was sowohl den jungen Frauen als auch mir großen Spaß bereitet hatte.
Der Zufall wollte es, dass der Großpatriarch der schwarzrussisch-orthodoxen Glaubensfirma am darauffolgenden Tag auf dem Hauptplatz der Hauptstadt das alljährliche öffentliche Bekennen der Sünden abhielt. Ich bat die jungen Frauen, einen weiteren Tag mit mir zu verbringen und dort auf dem Hauptplatz ihre Sünden öffentlich zu bekennen. Sie entsprachen meiner Bitte bereitwillig, denn ich bin reich, und ich fuhr mit ihnen in drei eigens angemieteten Bussen zum Hauptplatz. Das Bekennen war bereits in vollem Gang, als wir dort eintrafen. Nachdem ich mir nie etwas zuschulden kommen lasse, verzichtete ich darauf, in das mir vor die Nase gehaltene Mikrofon zu sprechen und gab dieses an die erste der jungen Frauen weiter und forderte sie auf, sich kein Blatt vor den Mund zu nehmen und gänzlich ungeniert ihre Sünden des vergangenen Jahres zu bekennen.

Als diese erste der jungen Frauen begann, ihre Sünden zu bekennen, erhob sich sowohl Raunen als auch Murren in den Reihen der braven schwarzrussischen Bürger, denn sie nahm sich in der Tat kein Blatt vor den Mund. Dem Großpatriarchen stieg das Blut zu Kopf, dann entwich es diesem wieder, dann stieg es wieder hoch, was sich als farblicher Kontrast zu seiner rosafarbenen Kutte schlicht köstlich ausnahm. Als die zehnte der jungen Frauen an der Reihe war, herrschte bloß peinlich berührtes Schweigen, lediglich das Knacken der Fingerglieder des Großpatriarchen war zu vernehmen - ich vermute, er war zu diesem Zeitpunkt bereits in Harnisch geraten. Als die letzte der jungen Frauen das explizite Aufzählen ihrer Sünden beendet hatte, war sein Antlitz purpurrot angelaufen, und seine zitternden Hände waren zu Fäusten geballt. Niemand auf dem Platz sagte ein Wort. Ich war hochvergnügt und musste plötzlich lachen. Ich lachte jedoch nicht wirklich - vielmehr prustete ich los. Die Augen aller Menschen auf dem Platz waren auf mich gerichtet, und ich machte mich mit den jungen Frauen auf den Weg zu den Bussen. Ich hatte den Großpatriarchen lehrbuchmäßig schabernackiert.

Gestern hat mich mein Vetter Wladimir Stiernoff besucht, er hatte seinen erst kürzlich erworbenen Hund dabei. Bei diesem Hund handelt es sich um ein Exemplar der Rasse Schwarzrussischer Flohwinscher. Hunde dieser Rasse erreichen eine maximale Schulterhöhe von zehn Zentimetern. Es trifft sich gut, dass ich vor drei Tagen Ratten entdeckt habe, die sich in meinem Park eingenistet haben. Vor zwei Tagen konnte ich drei dieser Ratten fangen. Diese drei Ratten sind männlichen Geschlechts, so wie der Hund meines Vetters. Seit Stunden überlege ich, wie ich den Hund den Ratten näherbringen kann. Sofern überhaupt noch vorhanden, dürfte der rosafarbene Nagellack meiner Großmutter eingetrocknet und somit für meine Zwecke ungeeignet sein. Ich bin jedoch zuversichtlich, dass ich eine Lösung für dieses Problem finden werde ...

Michael Timoschek

www.verdichtet.at | Kategorie: schräg & abgedreht | Inventarnummer: 16134

Yuna

Ich muss mich gerade daran erinnern, als ich sie das erste Mal sah. Damals stand sie in Form einer Tomatenstaude in meinem Garten. Ich wunderte mich, denn ich hatte in meinem Garten eigentlich keine Tomatenstauden gepflanzt. Als ich trotzdem eine Tomate pflücken wollte, schrie sie mich an, es sei nicht gerade freundlich, ohne zu fragen, Tomaten von ihr zu pflücken. Vor Schreck war ich zurückgewichen. Ich war es nicht gewohnt, von Tomatenstauden angeschrien zu werden. Die Tomatenstaude sagte mir, sie sei gerade nicht in der Stimmung für Gesellschaft und bat mich, aus meinem eigenen Garten zu verschwinden. Ich gehorchte ihr.

Ich kam am nächsten Tag zurück und fragte sie, wieso sie in meinem Garten ihre Wurzeln in die Erde geschlagen hatte.
Wieso nicht, hatte sie geantwortet. Das leuchtete mir ein. Ich fragte sie, wie lange sie vorhabe, hier zu bleiben. Das entscheide sie spontan, hatte sie gesagt. Ob ich denn ein Problem damit habe, dass sie hier sei? Nein, überhaupt nicht.
Ich fragte sie vorsichtig, ob es ihr etwas ausmache, wenn ich etwas Gemüse um sie herum ernten würde. Sie erkannte mein Dilemma und sagte, dass es ihr überhaupt nichts ausmache, dieses Gemüse habe ja kein Bewusstsein.

Mit zwei Zucchini in der Hand fragte ich sie, warum gerade sie ein Bewusstsein hatte. Sie antwortete mir, dass sie nicht immer eine Tomatenstaude gewesen sei. Sie hatte sich nur vor kurzem wie eine Tomatenstaude gefühlt und da sei sie eine geworden. Sehr seltsam, dachte ich mir. Aber ich musste sie weiter mit Fragen löchern, verständlicherweise war ich sprechende Tomatenstauden nicht gewöhnt.
Ich fragte, wie sie es geschafft hatte, eine Tomatenstaude zu werden. Sie antwortete, dass sie diese Frage schon beantwortet habe. Sie hatte sich einfach danach gefühlt.
Meine nächste Frage war, wie sie es schaffte, zur Tomatenstaude zu werden, wenn sie sich danach fühlte.
Es erfordere ein wenig Übung und Geduld, erzählte sie mir, aber wenn ich wollte, könne sie mir gerne zeigen, wie das geht. Allerdings etwas später, sie werde bald abreisen.
Aber sie werde in unbestimmter Zeit wieder zu mir kommen und mir beibringen, wie ich zur Tomatenstaude werden könne.
Ich musste sie noch fragen, ob diese Verwandlungen nur auf Tomatenstauden begrenzt seien. Nein, ich sei ein Dummkopf, das sei natürlich auf jede beliebige Form erweiterbar.
Woher sollte ich denn das wissen? Ich würde gerne einmal ein Koala sein. Das sei natürlich auch möglich, sagte sie mir lachend. Aber erst, wenn sie wieder zurück von ihrer Reise war. Sie antwortete mir nicht auf die Frage, wohin ihre Reise ging. Das sei völlig unwichtig, erklärte sie mir.

Fünf Monate dauerte es, bis Yuna wieder bei mir aufkreuzte. Dieses Mal hatte sie ihre menschliche Gestalt angenommen.
Nach fünf Monaten der Ungewissheit, in denen ich fast jeden Tag Ausschau nach einer Tomatenstaude in meinem Garten hielt, stand sie also plötzlich vor meiner Tür und sagte, sie sei Yuna. Anfangs war ich etwas verwirrt und wusste nicht, was die fremde Frau von mir wollte, denn die Tomatenstaude hatte mir bei unserer letzten Begegnung ihren Namen gar nicht verraten. Sie sagte, es sei so leichter, mir die Kunst der Verinnerlichung, wie sie es nannte, beizubringen. Ich musste ihr zustimmen. Yuna hatte rote, lockige Haare und stets ein Lächeln im Gesicht. Sie trug ein schwarzes Kleid, das aussah, als hätte sie es geradewegs aus der Renaissance mitgebracht. Mein Name sei übrigens Tiam, sagte ich ihr. Ein schöner Name, befand sie. Tiam und Yuna.

Nun standen wir also in meiner Wohnung und Yuna begann, mich in die Kunst der Verinnerlichung einzuführen.
„Also, wie funktioniert das? Wie soll ich mir das vorstellen?“
„Stell dir vor, was du willst. Es gibt keine Grenzen. Aber beginne mit etwas Einfachem.“
„Und womit ist es einfach zu beginnen?“
„Hm. Stell dir vor, du bist dieser Tisch da drüben. Versuche, dich zu fühlen wie dieser Tisch.“
„Und wie fühlt sich ein Tisch?“
„Das musst du herausfinden. Stell dir vor, wie es sich anfühlen würde, auf vier harten, unbeweglichen Beinen zu stehen. Stell dir vor, wie es sich anfühlen würde, einfach nur aus Holz zu bestehen. Du musst dich in den Tisch hineinversetzen.“
Ich strengte mich zehn Minuten an, während Yuna mich gespannt beobachtete. Zu einem Tisch wurde ich trotz meines roten Kopfes nicht.
„Habe ich mich irgendwie verändert?“
„Nein. Aber das ist ganz normal für den Anfang. Es wird eine Weile dauern, bis du es schaffst, dich wie ein Tisch zu fühlen. Und vergiss nicht, du musst auch wirklich wollen, zu einem Tisch zu werden! Und lass dich nicht entmutigen.“

Yuna rieb sich die Augen und gähnte.
„Ich bin sehr müde. Wo kann ich mich denn schlafen legen?“
Ich war überrascht über das abrupte Ende meiner ersten Lehrstunde. Ich bot ihr an, auf meiner Couch oder in meinem Bett zu schlafen. Sie legte sich in mein Bett und schlief sofort ein, nachdem sie mir auftrug, es einfach weiter zu versuchen, bis sie wieder aufwachte.

Ich kehrte zurück in mein Wohnzimmer und versuchte die nächsten drei Stunden, mich wie ein Tisch zu fühlen. Ich strengte mich an, strich zärtlich mit der Hand über das lackierte Holz und stellte mich auf alle Viere, um mich besser in meine Rolle als Tisch hineinversetzen zu können.
Ich machte eine kurze Pause, aß etwas Suppe in der Küche und begab mich gleich wieder zum Objekt meiner Begierde.
Langsam wurde ich ungeduldig und hoffte, das Yuna bald wieder aufwachen würde. Diese Hoffnung erfüllte sich allerdings bis zum nächsten Tag nicht. Währenddessen versuchte ich weiter, zum Tisch zu werden, schlief ein paar Stunden auf der Couch und frühstückte.
Yuna kam in einem Nachthemd, von dem ich keine Ahnung hatte, wo sie  es herhatte, da sie ohne Gepäck bei mir aufgekreuzt war, gähnend ins Wohnzimmer und traf mich auf allen Vieren stehend neben dem Tisch an. Ich hatte schon starke Schmerzen in den Knien.
„Ich schaffe es einfach nicht.“
„Du darfst die Hoffnung nicht aufgeben. Du musst es immer weiter versuchen. Weißt du wie lange es bei mir gedauert hat, bis ich mich das erste Mal verwandelte? Drei Wochen.“
Entmutigt ließ ich den Kopf hängen. Das würden meine Knie nicht durchhalten.
„Kann ich nicht zwischendurch versuchen, etwas anderes zu sein?“
„Ja, das ist eigentlich keine schlechte Idee. Versuche einfach ein paar Sachen und bleib bei dem, wo du denkst, dass du dich am besten einfühlen kannst.
Ich sah mich im Raum um. Mein Blick blieb bei meiner Stehlampe hängen. Yuna bemerkte es.
„Ja, das ist auch gut, nicht zu kompliziert. Alles, was du dir vorstellen musst, ist, wie du bewegungslos dastehst und dein Kopf hell leuchtet. Mehr oder weniger.“ Sie lächelte mich mit ihrem großen Mund an.

Die nächsten zwei Wochen verbrachte also ich die meiste Zeit mit meiner Stehlampe. Ab und zu versuchte ich auch, mich in andere Gegenstände hineinzuversetzen, doch ich kehrte immer wieder zur Stehlampe zurück, da ich mich mit ihr am besten identifizieren konnte. Hin und wieder kam Yuna hereingetänzelt und gab mir Ratschläge, wie ich mich am besten in Gegenstände hineinversetzen konnte. Den Hauptteil der Arbeit, betonte sie, müsse aber ich machen und meinen Sinn zur Verinnerlichung trainieren. Ich hatte keine Ahnung, was Yuna den Rest der Zeit trieb. Auch auf meine Anfragen hin, mir die Verinnerlichung dieser Stehlampe vorzuzeigen, entgegnete sie, das wäre für meinen Lernprozess nicht förderlich.
Zwei Wochen vergingen, und ich machte noch immer keine Anstalten, die Form zu ändern. Yuna bemerkte meine sinkende Moral und ermutigte mich immer wieder. Ich solle nicht aufgeben, sie merke schon, wie gut ich darin war, mich in Gegenstände um mich herum hineinzuversetzen.

Nach drei Wochen, ich war gerade dabei, mit meiner Stehlampe zu sprechen, und ihr das Geheimnis ihres Befindens zu entlocken, geschah etwas Seltsames.
Meine Füße und Beine fühlten sich plötzlich sonderbar kalt und hart an. Ich sah nach unten und entdeckte einen Metallsockel mit zwei Metallstäben an der Stelle, an der eigentlich meine Füße sein sollten. Mein Herz begann zu rasen und ich begann zu zittern. Die ganze Aufregung lenkte mich aber davon ab, mich wie die Lampe zu fühlen. Kurz darauf blickte ich wieder auf meine normalen Füße hinunter und wackelte mit den Zehen. Doch das machte mir überhaupt nichts aus. Ich hatte es geschafft, meine Füße in die meiner Stehlampe zu verwandeln.

Ich rief laut nach Yuna, doch sie kam nicht. Sie war wohl wieder auf einem ihrer mysteriösen Ausflüge, die mehrere Tage dauern konnten.
Ich konnte vor Freude kaum stillstehen. Kurz zuvor hatte ich schon fast die Hoffnung aufgegeben und wollte Yuna eine Schwindlerin schimpfen, wenn sie dagewesen wäre. Nun war ich froh, dass sie es nicht war. Ich musste mich wieder beruhigen und mich konzentrieren. Ich versuchte, mich daran zu erinnern, was genau ich vorhin gefühlt hatte. Ich strengte mich an, doch ich blieb in meiner menschlichen Gestalt. Da fiel es mir ein, ich hatte es durch die Aufregung ganz vergessen. Ich hatte mir vorgestellt, was Lampen zueinander sagen würden, wenn sie sprechen könnten. Ich hatte einen ganzen Dialog gesponnen.

Ich versuchte, mich daran zu erinnern. Lampenstimmen erklangen in meinem Kopf. Meine Füße begannen wieder kalt zu werden und sich anzufühlen, als seien sie aus Metall. Das lag daran, dass sie mittlerweile wirklich aus Metall waren. Mein Herz begann wieder zu rasen, aber diesmal ließ ich mich davon nicht ablenken und schloss die Augen. Das kalte, metallische Gefühl begann, an meinen Beinen hochzukriechen, erreichte meine Leistengegend, kroch weiter und hatte schließlich meinen ganzen Körper eingenommen.
Ich versuchte die Augen zu öffnen, doch ich hatte keine Augen mehr. Ich war zur Lampe geworden. Ich konnte es nicht fassen. Ich wollte nach Yuna rufen, doch ich konnte nicht schreien. Stattdessen spürte ich, wie die Glühbirne in meinem Kopf begann, hell und wieder dunkler zu werden. Da spürte ich Erschütterungen im Parkettboden, auf dem ich stand.

Yuna war zur Tür hereingekommen. Sie lief auf die Stehlampe zu, die mitten im Raum stand und umarmte sie. Zumindest fühlte es sich so an. Ich war überglücklich und blieb noch etwa fünf Minuten in Lampengestalt. Dann verwandelte ich mich zurück. Yuna stand vor mir und strahlte mich an. Ich umarmte sie und bedankte mich etwa zwanzig Mal bei ihr.
„Keine Ursache. Es macht mit immer eine Riesenfreude, diese Kunst zu lehren. Aber dein Lernprozess ist nicht vorbei. Du hast noch viel zu lernen! Zum Beispiel, wie man spricht, wenn man keinen Mund hat, wie man sieht, wenn man keine Augen hat.“
Ich bedankte mich erneut und ließ sie los.
Yuna sagte, ich brauchte sie jetzt nicht mehr und verabschiedete sich am nächsten Tag, nachdem sie noch einmal in meinem Bett geschlafen hatte. Ich hatte mich mittlerweile an die Couch gewöhnt.

Jedes Mal, wenn wir uns in den nächsten Jahren begegneten, war ich besser geworden und ich konnte immer schneller immer mehr Sachen verinnerlichen. Hortensien, Autoreifen oder Laserdrucker waren kein Problem mehr. Ich übte jeden Tag fleißig. Mittlerweile traue ich mich zu behaupten, ein Meister in der Kunst der Verinnerlichung zu sein. Ich habe Yuna schon seit ein paar Jahren nicht mehr gesehen, aber ich bin mir sicher, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis wir uns wieder über den Weg laufen. Wahrscheinlich sind wir es auch schon und haben und nur nicht erkannt. Ich bin ihr unendlich dankbar und hoffe, sie hat ihr Wissen auch an andere weitergegeben. Bis jetzt habe ich aber noch keine anderen Verinnerlicher kennenlernen dürfen.

So habe ich also gelernt, mich in beliebige Gegenstände zu verwandeln. Ich bin in der Welt herumgekommen und habe schon die Gestalt unendlich vieler Gegenstände angenommen. Und natürlich war ich auch schon ein Koala und habe mir Eukalyptusblätter in den Rachen gestopft. Vielleicht bin ich ja gerade das Blatt Papier in deiner Hand, der Stift auf deinem Tisch oder die Tür dort drüben.
Fang einfach damit an, Gegenstände um dich herum anzusprechen, vielleicht bekommst du bald eine Antwort von einem von ihnen und wenn du nett bist, bringt er dir vielleicht auch bei, wie du dir etwas verinnerlichen kannst.

Samuel Deisenberger

www.verdichtet.at | Kategorie: schräg & abgedreht | Inventarnummer: 15050

Alois in Ordnung?

Tiburtius hat heute Namenstag. Woher ich das weiß? Steht im Kalender. Morgen ist Waltmann fällig. Steht auch im Kalender. Namen gibt es… Etwa Dankwart oder Eustachius. Schraubt sich einem bei ersterem der Geruch von Autopolitur und Benzin in die Nase, spürt man bei Nennung des zweiten irgendwas Spitziges in den Ohren stochern. Zinelda klingt nach Tschinellentusch oder nach dem Klang von geworfenen Münzen auf einen Zinnteller und Plutonia nach der Aufforderung, umgehend die Schutzräume aufzusuchen. Petronilla wartet bestimmt Presslufthämmer in einer Firma, die sich auf Betoninstandsetzungsarbeiten spezialisiert hat, Winnie ist keine gewinnende, sondern vielmehr eine windige Type und Korbinian fristet sein armseliges Dasein wahrscheinlich als Korbflechter in Oberammergau, dem er nur anlässlich der Passionsspiele in seiner Rolle als Reservechristus alle zehn Jahre entkommt. Antwortet man einem Sixtus immer mit „ja“ oder „nein“ oder mit der Gegenfrage: „Was denn?“ Was kann man einem Tiburtius zuschreiben? Dass er mit Tuberkel eher nichts zu schaffen hat? Dass er sich stattdessen mit Burzn beschäftigt? Zunge im Mundwinkel, angestrengt Kernhäuser mit schrundigem Klingenstumpf aus Obsthälften fitzelt? Und ein Waltmann schreibt natürlich Gedichte, Schmachtlyrik, durchsetzt von Seufzern und peinlichen Geständnissen. Oder waltet als Angestellter eines aufgeblähten Verwaltungsapparates seines Amtes. Die Walpurga denkt man sich nicht auf einem Besenstiel durch Gewitterwolkenschwaden reiten, sondern im Brustharnisch hinterm Wall aus Stampflehm und Stauden eine Burg hüten. Kasimir ist, wie könnte es anders sein, eines  Katers Name. (Oder es benennt ein Arachnophiler seine handzahme Tarantel so.) Frowin muss ein unerschütterlich Frohsinniger sein, den es nach zwei Dezennien regelmäßigen Lottospielens noch immer nicht verdrießt, dass er niemals auch nur einen Cent gewonnen hat. Wolfhelm trägt die Gedächtnisfrisur, die zu ihm passt: als säße ihm, wie weiland jenem russischen Kürassier Opratschojew vor Petrowskoje eine Haube aus räudigem Pelz auf. Ein Trudpert neigt in Gesellschaft zu Impertinenz und ist nirgendwo gerngesehener Gast. Schon in der Schule galt er als Petze und bezog Dresche. Medardus macht auf Nusshändler. Das Zeug verkauft er en gros. Darunter Cashew-, Erd-, Para- und Kokosnüsse. Selber kaut er gern die Betelnuss. Davon werden ihm die Zähne gelb, aber das stört ihn nicht weiters und vor allem nicht beim Hören der disharmonischen Sinfonien von Wallingford Riegger. Bei Diethild mochten sich ihre Eltern nicht zwischen Dietlinde und Hildegund entscheiden und losten schließlich einen Kompromiss. Ihre Freundinnen, wenn sie nicht gerade „die da“ sagen, nennen sie hinter ihrem Rücken „Pummelchen“. Bernulf hat Germanistik inskribiert, in der Hoffnung, das würde ihn irgendwie inspirieren. Dabei versteht er sich eigentlich auf das Provenzalische und wähnt sich als Gemütsverwandter des Panurg aus der Rabelais-Dichtung „Gargantua und Pantagruel“. Was seine langjährige Freundin angeht, weiß er nicht, ob er sie heiraten soll oder doch lieber nicht. Weil ein Schwerhöriger einer Mutter Jostabeeren als Justabeeren verkaufte, muss ihre Tochter jetzt Justa heißen. Ihre Bekannten ziehen sie mitunter mit der einleitenden Wendung „just a …“ auf. Daraufhin pflegt sie ihre Miene wie nach dem Verzehr von Sauerkirschen zu verziehen. Eusebius wollte eigentlich professioneller Illusionist werden, also Wirtschaftsberater, wischt aber gegenwärtig im Verband einer Putzkolonne bloß Böden. Nachdem Winfriede von mehreren Seiten bescheinigt wurde, sie hätte ein gewinnendes Wesen, geht sie ins Spielcasino – und verliert. Hyazinth ist, passenderweise, Florist. Es plagt ihn allerdings eine Blütenstauballergie. Gorgonius hat zwar nicht das Antlitz der Gorgo geschaut, wirkt aber trotzdem immer ziemlich derangiert. Vielleicht sollte er den Grog, so unausgeschlafen am Morgen, doch lieber lassen. Melitta kürzt ihren Namen stets auf Mel ab, um sich Anspielungen zu ersparen, die mit Flecken am Kleid und Kaffeefilterpapier zu tun haben. Man könnte meinen, Krispin wäre ein Krispindl. Weit gefehlt, er glich bereits als Hosenmatz einem Elefantenbaby. Hermelindis ist mit einem Kürschner verbandelt, der unter anderem auch Zobel verscheuert. Die Geschäfte gehen eher flau. Da verfolgt sie die Idee, mit ausrangierten Pelzmänteln alte Stühle neu zu bespannen und sattelt um auf Polsterei. Torben, heißt es, sei gestorben. Branko wird nach ein paar Slibowitz immer andienlich-amikal und patscht einem seine Pranke auf die wenig belastbare linke Schulter, was einen einsinken lässt, aber ihn damit auch nicht sympathischer macht. Malwida könnte mal wieder nach Riga reisen, sagt sie sich, vermag sich aber nicht einmal dazu aufraffen, Stollberg zu verlassen, um ihre Tante in Berlinchen zu besuchen. Ulfried könnte auch anders heißen. Zum Beispiel Wignand. Irmtrud gilt als Trotzkopf. Wilma mit der was unternehmen, sollte man sich vorher überlegen was. Seifried erklärt sich namensetymologisch wohl als Friedbert, der auf der Seife steht. Kistenwart möchte man auch nicht heißen. Stanislaus musste ja Kammerjäger werden, zum Kammersänger fehlt ihm die Stimme. Ein Theobald hat es nicht eilig, der ist von eher eingebremstem Phlegma. Was Wunder, dass kein Theobald jemals irgendeine Rekordzeit gelaufen ist, und sei es unter Schnecken, die man auf Isomatten nagelt, und es auch in Zukunft nicht fertigbringen wird. Kilian gibt mit seinen guten Beziehungen an, gilt aber allen als Schnösel, der wenig anderes drauf hat als Larmoyanz, wenn man ihn auf seinem Gebiet der Unfähigkeit überführt. Bringfriede versteht ihren Namen durchaus als Auftrag, so kurz nachdem sie sich von Kunibert und dessen fixen Faxen trennte und stellt sich als Mediatorin beruflich neu auf. Also Tatausgleich und andere Verfahrensweisen zur einvernehmlichen Sedierung chronisch Streitsüchtiger und ihrer Opfer. Anselm arbeitet hauptsächlich über Amseln. Er ist in seiner Familie der erste Ornithologe, der einen Artikel in der britischen Fachzeitschrift Bird Study unterbringen kann. Darin verbreitet er sich über das Einemsen. Almuth nimmt im Schwimmbad allen Mut zusammen und hüpft von der höchsten Plattform des Sprungturms in das Becken. Sigismund entstellt nicht nur eine Zahnspange, die irgendwie dem Beißkorb eines American Football-Spielers ähnelt. Er erwägt auch, seine Hakennase chirurgisch zu korrigieren, erkennt aber anhand der Gesichter von Bernward und Britney Spears, dass das auch schiefgehen kann. Damian ist gar nicht der Dummian, für den ihn viele halten. Den Einfältigen zu markieren ist nur Pose, andere sagen: Chose. Es gelingt ihm recht überzeugend, seine Belastbarkeit hinter einer Fassade aus Faulheit und Widersetzlichkeit zu verbergen. Cordelio kann sich seinen Vornamen auch nicht erklären und tippt auf „Schreibfehler“. Seine Stiefmutter vermutet, er rühre von seiner echten Mutter Vorliebe für eine bestimmte italienische Eissorte. Eulalia könnte der euphemistische Name für eine Geschützbatterie sein und natürlich möchte man mit der keinen Streit anzetteln. Wer lässt sich schon gern, erst halb aus dem Bett, wenngleich auch nur verbal, auf nüchternem Magen niederkartätschen? Herr Zacharias heißt der Oberkellner im Café an der Esplanade und der ist voll auf Zack, bringt dir dein Pils an den Tisch, noch bevor du dich überhaupt gesetzt und es bestellt hast. (Was zwangsläufig darauf hindeutet, dass er dich verwechselt.) Gangolf war früher Unruhfabrikant, also als Zulieferbetrieb eines jurassischen Uhrenherstellers selbständig, ist aber jetzt nur noch mit der Verbesserung seines Handicaps beschäftigt. Nein, Engelmar sieht keine schwebenden Leintuchgestalten vor seinen Augen wandeln, nach dem Aufschrauben des einen Fläschchens „Goldwasser“ zu viel. Aber er rudert dann beim „Ritt der Walküren“ mit schwungvollen Armbewegungen das Dirigat jenes verblichenen Maestros in seinem Diwan mit, der einst eine bestimmte Frage, seine Vergangenheit betreffend, mit einer motzigen Gedächtnislücke beantwortete. Gunilla hat eine Vorliebe für alles, was sich in die Länge zieht und man trotzdem kauen kann. Zum Beispiel Schnüre aus Lakritze. Solange Solange nur so dasteht, als könnte sie kein Wässerchen trüben, macht sie das nicht verdächtig. Aber der Schattenwurf ihres Profils verrät sie, findet ein als Sachverständiger beigezogener Scherenschnittkünstler, der ihre Pausbacken als das Depot der entwendeten Diamanten deutet. Der Rest ist für Eilhard, den Kommissar, reine Routine, also Papierkram und Kaffee aufsetzen. Richilde hat es mit dem Fliegenfischen. Zwar hat sie keinen Riecher dafür, sprich: für die Fische – was diese an ihr zu schätzen wüssten, reflektierten sie außersinnlich – aber sie schätzt die Bewegung in der freien Natur. Dolf gilt so manchem als Dolm. Intelligent tun, kann jeder, verantwortet er sich, es nicht sein, das verlangt Mut! Er saß für Jahre als Abgeordneter im Parlament. Romilda spielt am liebsten Rommee, verliert aber nicht gern. Was sie in ihren Kreisen nicht sonderlich beliebt macht. Nur zu Urte fehlen dir die Wurte.

Bernhard Hatmanstorfer

www.verdichtet.at | Kategorie: schräg & abgedreht | Inventarnummer: 15047

Naives Tagebuch: Wiener Sud

Naives Tagebuch,

eine wilde und doch plausible Theorie, die mir viele schlaflose Nächte bereitet hatte und die es jetzt zu beweisen gilt, hat mich nach Wien geführt. Dort sitze ich jetzt im Café eines namhaften Hotels und warte auf einen fachkundigen Kellner, der mir womöglich weiterhelfen kann.

Nach einer schier endlosen und sehr emotionalen Diskussion mit dem Kellner, einer durchaus aufschlussreichen Vorführung mit Handpuppen seitens des Putzpersonals und einem Diavortrag im Büro des Hoteldirektors, bei dem auch Sippie der Hausmeister anwesend war, bin ich jetzt überzeugt, dass es unmöglich ist, Süßspeisen dazu zu bringen, von selbst nachzuwachsen. Obwohl ich meine Theorie von wachsenden Torten nicht bestätigen konnte, bin ich doch froh, in diesem traditionsreichen Kaffeehaus in Wien gewesen zu sein, denn ich habe hier Freunde fürs Leben gewonnen. Sippie erzählte mir sogar sein, wie er sagte, größtes Geheimnis. Und obwohl ich seiner Behauptung skeptisch gegenüberstehe, dass er tatsächlich ganz Wien und Teile von Graz mit einem weit verzweigten Tunnelsystem untergraben hat, finde ich es schön, wenn man mir so viel Vertrauen entgegenbringt. Um alle Zweifel zu zerstreuen, hat er mir sogar angeboten, mich in seine unterirdische Welt mitzunehmen. Ich bin gespannt.

Drei Tage sind vergangen, bis man mich gefunden hat. Das Tunnelsystem stellte sich als Abstellkammer im Keller des Hauses heraus und die Angestellten sagten mir, dass sie von einem gewissen Sippie noch nie etwas gehört hätten. So schnell gehen Freundschaften wohl zu Ende. Vielleicht war es die Ruhe in dieser kleinen Kammer, vielleicht auch der Sauerstoffmangel, aber ich fühle mich wie neugeboren und bin bereit, meine Wienreise fortzusetzen.

Da ich mir die Kosten für eine Unterkunft erspart hatte und sowieso schon in der Nähe war, nahm ich mir die Zeit und besichtigte auch den Stephansdom. Schade nur, dass sich in all den Jahren noch immer keiner die Mühe gemacht hat, das Ding endlich fertigzubauen. Beim Eingang geriet ich in eine japanische Reisegruppe. Ich habe mich noch nie in meinen Leben so groß gefühlt. Eine ältere Frau wich mir während der ganzen Führung nicht von der Seite und redete immer lauter werdend auf mich ein. Ich glaube, sie wollte mich mit ihrer Tochter verheiraten, es könnte aber auch ein Rezept für eine Bohnensuppe gewesen sein. Sie wurde bei ihrem unverständlichen Monolog immer aggressiver, sprang mich schließlich wutentbrannt an und riss mir büschelweise die Haare vom Kopf. Der Mann vom Sicherheitsdienst benötigte drei Dosen Pfefferspray und einen Elektroschocker, um die wildgewordene Frau dazu zu bringen, von mir abzulassen. Trotz des Zwischenfalls lud mich der Reiseleiter ein, beim Gruppenfoto der Reisegruppe dabei zu sein. Ich konnte schlecht ablehnen, da die aggressive Frau neben ihm stand und mich mit ihrem Blick spüren ließ, dass sie ein Nein nicht akzeptieren würde. Wir tauschten Nummern aus, versprachen uns, in Kontakt zu bleiben und schließlich verabschiedete ich mich von meinen asiatischen Freunden, denn ich musste noch meinen Zug erwischen.

Ich verlasse Wien wieder, naives Tagebuch. Ich sitze bereits im Zug, doch fühle ich mich noch immer unbehaglich, da mir die japanische Touristin bis zum Bahnhof gefolgt ist und mich jetzt durch das Fenster des Zuges hindurch anstarrt. Ich wollte sie ignorieren und auf meinem Handy die Fotos meiner Reise ansehen, doch waren diese von dem Mann, der sich selbst Sippie nennt, gelöscht und durch Selfies von ihm ersetzt worden. Sollte ich ihm je wieder begegnen, werde ich ihm sagen müssen, dass ihm Lippenstift nicht sonderlich steht. Dafür sind Freunde schließlich da.

Bis bald, naives Tagebuch!

Dominik Hödl

www.verdichtet.at | Kategorie: schräg & abgedreht | Inventarnummer: 15030

Moritura te salutat

Begrabt mich auf einem Hügel, der sein Gesicht der Sonne entgegenstreckt. Nach meinem Tod will ich soviel Sonne wie möglich haben. Merkt euch das gut! Der letzte Wille ist heilig. Vergesst es nicht, ihr Vergesslichen! Sonne brauche ich, um ruhen zu können. Sonne, die mich wärmt tief unter der Erde. Ich werde mich räkeln in meinem schönen Kleid, das ihr mir anziehen werdet, wenn es so weit ist.
Vergesst auch nicht die Strümpfe und die Schuhe. Die Schuhe sind besonders wichtig. Dicke Sohlen müssen sie haben. Ich habe verschiedene, die sich eignen: Stiefel, Halbschuhe, hochhackige Sommerschuhe. Ich glaube, die mag ich am liebsten. Ich will mich wohlfühlen, wenn ich vor das Angesicht meines Schöpfers trete. Er soll seine Freude an mir haben. Er soll sehen, dass ich glücklich bin, ihm zu begegnen. Ja, ich weiß, dass es nicht so einfach sein wird. Der Weg ins Paradies führt über Dornen. Vielleicht sollte ich doch lieber die schwarzen Stiefel mit den Plateausohlen anziehen, die ich in Salzburg gekauft habe. Mann, war das eine verrückte Zeit. Zieht sie mir an, wenn ich meinen letzten Weg antreten werde. Sie sind praktisch, und ich werde mir auf  meinem Weg durch die Dornen nicht die teuren Strümpfe zerreißen, obwohl das dann auch schon egal wäre, aber solche Gedanken habe ich verinnerlicht. Außerdem kann ich Gott nicht mit Laufmaschen begegnen, das geht gar nicht. Was soll er sich denn von mir denken. Aber später möchte ich doch gern die Stiefel ausziehen und die hochhackigen italienischen Sommerschuhe tragen, die mit der roten Lederblume am Riemen, die sind elegant und werden Gott gefallen. Ich bin gespannt, wie es sich damit auf den Wolken gehen lässt. Aber vielleicht führt mein Weg ja auch über den feinpulvrigen Sternenstaub. Dann brauche ich ein Taschentuch, um mir den Staub von den Schuhen zu wischen, wenn ich die Wohnung Gottes, die fünfzigste Halle, betreten werde. Vergesst also nicht, mir ein Taschentuch mitzugeben. Das zweite Paar Schuhe brauche ich auch. Vielleicht führt mein Weg über den Rücken des Leviathan. Darüber ist bestimmt gut zu schreiten. Er wird Acht haben, dass ich nicht strauchle. Sicher wird er mich geleiten.

Ich möchte, dass ihr mir das graublaue Spitzenkleid anzieht, das mit den kurzen Ärmeln und der Schleife am Dekolleté. Eine Jacke werde ich nicht brauchen. Bestimmt ist es warm. Ich verlasse mich auf die Sonne. Die Nägel lackiert ihr mir mit meinem Lieblingsrot. Sie sollen richtig leuchten, genauso wie meine Lippen. Und die Augen schminkt ihr mir auch. Ich möchte, dass ihr Blau strahlt. Ja, mit strahlenden Augen will ich meinen Schöpfer anschauen. Nehmt bitte meine Worte ernst. Sie sind nicht bloß dahingesagt. Ich will mich auf euch verlassen können. Ihr seid meine engsten Vertrauten. Auch ich habe für euch immer gut gesorgt. Versagt mir also diesen Wunsch nicht, sondern trachtet, ihn zu erfüllen. Ich bitte euch recht herzlich darum. Seid so gut.

Und auf mein Grab legt einen schönen großen Flusskiesel. Ihr werdet schon einen finden, der zu mir passt. Schön geschliffen vom Wasser. Da müsst ihr euch ein paar Tage Zeit nehmen und etwas herumfahren, bis ihr einen passenden ausmacht. Das wird dann ein kleiner Urlaub sein, den ihr in Gedanken bei mir verbringt. Wir werden uns ganz nahe sein, so nahe wie schon lange nicht mehr, glaubt mir. Ja, das ist verrückt. Wenn man sich in derselben Stube gegenübersitzt, ist man oft meilenweit voneinander entfernt, und wenn man weit voneinander ist, vielleicht sogar in anderen Sphären, dann ist man sich ganz nah. Ist das nicht außerordentlich wunderbar? Erinnert ihr euch noch an die Geschichte meiner Mutter, die die Todesstunde ihres Verlobten im fernen Stalingrad zu nachtschlafender Zeit in ihrem Bett im Bayrischen Wald miterlebt hat. Das sind die wirklich wichtigen Dinge, auf die wir achten müssen im Leben. Das gebe ich euch mit auf den Weg und sonst nichts. Versucht glücklich zu sein, lauscht auf die leisen Worte hinter den lauten und bewahrt euch den Blick für die wahre Schönheit der Dinge.

In den Flusskiesel lasst ihr meinen Namen gravieren und vergolden, nur den Vornamen, der genügt. Und das Todesdatum und mein Alter. Falls ich über neunzig werde, werde ich stolz darauf sein, so lange durchgehalten zu haben, und ich möchte, dass es die zufälligen Besucher mit gewissem Erstaunen und Respekt zur Kenntnis nehmen. Alles andere ist ohne Bedeutung. Ich möchte nicht auf einem Friedhof liegen, auf dem sonntagnachmittags alte Frauen spazieren gehen und ihren Enkelinnen Geschichten zu den einzelnen Gräbern erzählen, die sie erschrecken und ihnen die Lust auf das Leben nehmen. Ich werde meine Ruhe finden auf dem sonnenbeschienenen Hügel und hoffentlich Frieden haben von all dem Geschwätz, das ich selbst auch oft gesucht und gemehrt habe in den Zeiten meiner inneren Unruhe.

So, nun wisst ihr Bescheid, wie ich mir das vorstelle am Ende meiner Tage. Es ist eigentlich ganz einfach, und wenn ich jetzt nach dieser Beschreibung innehalte, beschleicht mich ein seltenes Glücksgefühl. Ich habe die wichtigen Dinge geregelt und kann mich nun dem Leben hingeben. So Gott will, schenkt er mir noch ein paar Jahre, und ich will sie dankbar aus seiner Hand annehmen.

Ach ja, ich habe noch vergessen euch zu sagen, dass ihr auch einen Baum pflanzen müsst ans Kopfende meines Hauses für die Ewigkeit. Zuerst dachte ich an eine Birke, weil ich ihre weiße Rinde so liebe. Silbrig leuchtet ihr Laub in der Sonne, doch sie braucht soviel Wasser und wird nicht glücklich werden an meiner Seite. Dann dachte ich an eine Platane. Sie ist so vornehm. In alten Schlossparks habe ich sie zum ersten Mal gesehen und lieb gewonnen. In ihrem Schatten ist so gut zu ruh’n. Sie beflügelt den Geist zu großen Gedanken. Doch sie hat auch so etwas Altes an sich, das mich schwermütig macht.
Eine Weide wäre auch schön. Seit meiner Kindheit liebe ich sie. Vom Flussufer kenne ich sie und ihre tiefhängenden Äste mit den länglichen Blättern. Beim Schwimmen zog ich mich gern an ihnen hoch und ließ mich anschließend ins Wasser plumpsen. Zu dieser Erinnerung gesellt sich eine ausgesprochene Leichtigkeit, die selten in meinem Leben zu finden ist.
Aber an meinem Grab möchte ich doch lieber einen exotischen Baum haben. Vor einigen Jahren führte mich eine Sommerreise nach Slowenien. Mein Mann und mein jüngster Sohn, der damals noch ein Kind war, begleiteten mich, sowie ein befreundetes Paar. Wir suchten ein kleines Dorf, das den Namen Jerusalem trägt und seine Existenz einem erfolgreichen Feldzug gegen die Türken  verdankt. Inmitten von malerischen Weinbergen liegt es. Stundenlang sind wir im Frühsommer durch sie spaziert. An jenes Jerusalem erinnert mich nichts mehr als das Dorfschild, vor dem wir uns gegenseitig fotografiert haben, und eine Malerei mit säbelschwingenden türkischen Reitern, die alle das Fürchten lehrten. Aber ein ausladender mächtiger Baum taucht noch vor meiner Erinnerung auf. Er stand auf einem Hügel und steht bestimmt immer noch dort. Wer würde die Dreistigkeit besitzen, einen derart majestätischen Baum umzuschneiden. Jahrhunderte wird er gebraucht haben, um so groß zu werden und sein Blätterdach zu entfalten. Wir näherten uns vom Tal kommend auf der Landstraße und hatten jenen Baum als Ziel. Keiner von uns hatte jemals so einen Baum gesehen, und wir rätselten, was es für einer sein könnte. Erst als wir unter der mächtigen Krone standen und den dicken Stamm vor Augen hatten, die Blätter und die wunderschönen Blüten bestaunen konnten, erkannten wir die Esskastanie, den Maroni-Baum.
Ich glaube, so einen Baum solltet ihr an mein Grab pflanzen. Der passt zu mir. Das heißt aber auch, ihr müsst  mich an einem Ort bestatten, an dem dieser Baum wachsen kann. Das wird sich natürlich etwas schwierig gestalten, aber euch wird schon etwas einfallen. Da vertraue ich nun ganz auf euren Einfallsreichtum. Ich gebe zu, das wird ein Gescherr geben, aber das kann ich euch nicht ersparen. Dafür habt ihr dann auch eure Ruhe von mir. Wenigstens für einige Zeit, bis wir uns dereinst wiedersehen werden in der anderen Welt.

Da fällt mir aber nun noch etwas ein. Rote Rosen solltet ihr auch pflanzen, die sich am Stamm hochranken. Ein Rubinrot stelle ich mir vor. Wenn sich die Sonne darin bricht, wird es wie Blut leuchten, und ich werde meine Augen vom ewigen Licht losreißen und mich an dem samtenen Licht der Endlichkeit erfreuen und in Gedanken bei euch sein. Wir werden uns begegnen können, und darauf freue ich mich. Also pflanzt auch noch den Rosenstock und dann lasst mir meine Ruhe. Ich sehe euch schon in einem Weinkeller einkehren und über mich schimpfen, weil ich euch soviel Mühe gemacht habe. Aber das sehe ich gerne. Glaubt mir, ich werde von meiner neuen Wohnung aus über euch schmunzeln. Bestellt euch reichlich Wein, seid fröhlich und lacht. Ich labe mich jetzt schon an dem Bild. Die fröhlichen Tage können im Leben nicht zahlreich genug sein, darum nehmt sie so, wie sie euch begegnen. Nehmt sie aus der Hand eures Schöpfers und genießt sie. Hinterfragt sie nicht. Sie sind das Beste, was euch passieren kann.

Jetzt habe ich aber in der Tat mehr als genug über die letzten Dinge gesprochen. Es wird Zeit, dass ich mich dem Leben zuwende.

Claudia Kellnhofer

www.verdichtet.at | Kategorie: schräg & abgedreht | Inventarnummer: 15027

Schleim – eine Ehrenrettung

Der Schleim ist üblicherweise negativ besetzt. Eklig, grauslich, unhygienisch, krankhaft und so weiter. Die schleimigen Tiere (Fische, Schnecken, Maden, Molche etc.) mögen wir genauso wenig wie die „schleimigen“ Menschentypen. Unangenehme Menschen „schleimen sich aus – oder ein“. Brrrr, wie ekelhaft.

Dabei ist Schleim der Ursprung unseres Lebens, ein Gottes-Geschenk, ein Labsal, etwas Herrliches und Köstliches, oft genug lange Ersehntes! Ohne Schleim wären wir alle nicht! Nur Steine haben und produzieren keinen Schleim. Ein Leben ohne Schleim kann beispielsweise  nur  ein Bergkristall schön finden. Was zu beweisen ist:
Zunächst einmal zum Lebenselixier Schleim. Wie sehen die Stoffe aus, welche menschliches Leben entstehen lassen? Der männliche Liebessaft ist schleimig, sonst könnten die Spermien nicht schwimmen. Die weibliche Empfangsgrotte ist ebenfalls rutschig, damit alles wie von der Natur vorgesehen flutscht.

Und zur Vorgeschichte des Lebens respektive zu den angenehmen Dingen auf der Welt:
Da sieht ein Mann ein angenehm aussehendes Weibchen und freut sich. Ohne die Schleimhaut der Augen, die niemals austrocknen darf, würde er sie nicht sehen können. Sollte er dann in die engere Wahl der Frau kommen, ist es ebenso natürlich wie angenehm, einander zu küssen. Mit der Schleimhaut der Lippen und womöglich noch ein bisserl tiefer. Ohne Schleim hätte Mann/Frau das Gefühl, ein Stück trockenes Leder zu reiben, oder so ähnlich – jedenfalls nichts Erstrebenswertes und Knie-erweichende Gefühle Auslösendes. Kein einziger Schmetterling würde im Bauch flattern. Trocken ist tote Hose.

Apropos Lippen und Goscherl: Sind sie nicht auch für die Aufnahme von höchst erwünschter, wohlschmeckender und gut duftender Nahrung vorgesehen? Eine Nase, die staubtrocken ist, vermöchte nicht die geringste Duftnote erkennen; sie ist freundlicherweise mit einer speziellen Schleimhaut ausgelegt, damit sich die Düfte einnisten können. Und auch der Geschmack ist vom Duft abhängig, denn ohne Riechvermögen könnte der Mensch nur süß, sauer, salzig und bitter empfinden.
Weiterhin ist der Weg der Nahrung durch den Körper stets von Schleimhäuten umgeben, bis zum dicken Ende. Gnade Gott dem Schlemmer, dessen „Output“ stecken bleibt wie ein Kolbenreiber.
Und wie sieht es mit der Nahrung selbst aus – ist sie wirklich gänzlich schleimfrei? Auch das Blut im Fleisch ist Schleim – ein bisserl dicklich, ein bisserl fettig, rutschig sowieso. Könnte es sonst durch die dünnsten Adern fließen und dabei noch jede Menge Stoffe transportieren? Und Fleisch ohne Blut gibt es nicht.

Aber auch Obst und Gemüse ist nicht ganz ohne Schleim. Wer je einen Kürbis aufgeschnitten und entkernt, wer je einen vollsaftigen Pfirsich gegessen oder die Kerne von Kirschen mit den Fingern weggeschnippt hat, weiß um die Schlüpfrigkeit dieser Dinge. Gott sei Lob und Dank dafür – es ist schon ein sinnliches Vergnügen, das die Schleimproduktion (Speichelfluss) im eigenen Mund anregt.
Und erst die Milchprodukte: Sie sind allesamt (im frischen Zustand) Schleim. Wer zum Beispiel einen mit Schlagobers (Schriftdeutsch: Sahne) gefüllten Baiser genossen hat, der hat höchst genussvoll mit Schleim (Schlagobers) gefüllten Schleim (das geschlagene und gezuckerte Eiklar) verzehrt. Wer sagt da, dass Schleim ekelhaft ist?
Nun möchte vielleicht jemand meinen, dass doch das Weizenkorn absolut schleimfrei ist – weshalb Gebäck wirklich etwas ohne Ekel Verzehrbares sei. Er hat auch unrecht. Denn die Hülle des Korns hat die Eigenschaft, Wasser auf- und damit eine schleimige Konsistenz anzunehmen. Würden sonst so viele hartleibige Menschen gerade das Vollkornbrot mit genügend Flüssigkeit zu sich nehmen? Der Verfasser kann es jedem raten – das ist besser, gesünder und zielführender als alle Pillen und Pasten der Pharma-Industrie.

Es lebe der Schleim – und wir mit ihm (und durch ihn)!

Robert Müller

www.verdichtet.at | Kategorie: schräg & abgedreht | Inventarnummer: 15024