Seitenwechsel

Es hatte sich mit so einer Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit ergeben, eines Nachmittags im Sommer. Ich hatte Martin einfach ein paar Werkstücke vorbeigebracht und erklärend gemeint, dass ich ohnedies zufällig in seine Richtung unterwegs gewesen war. Und schon war ich in seiner Wohnung, in der er die Werkstatt hatte, in der er mich dann auch gleich herumgeführt hat … Martin fertigte für unsere Praxis die Zahnspangen, die er fast täglich bei uns ablieferte. Er gefiel mir und ich wollte ihn privat kennenlernen.
Wir waren ein fröhliches Pärchen, in ungezwungenem Verhältnis zueinander, eine Sommerliebelei.
Meine Kollegen in der Ordination wussten davon nichts, was mir recht war, ich wollte mich nicht fix binden. Martin sah das vermutlich auch so. Ich hatte mich noch nie festlegen wollen, hatte tiefe Gefühle zu keiner Zeit in Aussicht gestellt.
Meist war er es, der sich meldete, der per WhatsApp ein Treffen vorschlug, und oft passte das auch zu meinen Plänen. Es blieb angenehm unverbindlich und leicht.

Eines Tages – ich saß am Empfang in der Ordination – erschien ein auffallend attraktiver Patient. Auch seine Art fand ich auf Anhieb ansprechend. Und Samuels Deutsch mit französischem Akzent war ein betörender Singsang. Dazu seine unergründlichen Augen, deren einzige Absicht zu sein schien, meinen Blick zu bannen.
Immer noch war Sommer und wolkenlose Unkompliziertheit war bald auch zwischen Samuel und mir die unausgesprochene Basis.

Für Martin hatte ich jetzt weniger Zeit, eigentlich gar keine mehr. Auf seine Vorschläge, uns zu treffen, antwortete ich zuerst vertröstend, bald gar nicht mehr. Manchmal bedachte er mich mit einem betroffenen Blick, wenn wir uns beruflich begegneten, wenige Male sandte er per WhatsApp so etwas wie „Alles klar?“ oder auch nur „???“. Als ich einmal später zur Arbeit kam, trafen wir auf der Straße aufeinander. Ich tat rasch einen Blick in mein Handy, gab vor zu telefonieren und wechselte die Straßenseite.

Samuel war Künstler, erfolgreich und charismatisch, weshalb sich auch andere für ihn begeisterten. Das stellte ich bald fest. Meist war ich es, die sich bei ihm meldete, die per WhatsApp ein Treffen vorschlug, und gelegentlich passte ein solches auch in seinen Terminplan. Ich wünschte mir bald ein wenig mehr Innigkeit. Er ließ sich nicht festlegen und sprach kein einziges Mal von Beziehung oder Zuneigung.
Nach ein paar Wochen beantwortete er meine Anfragen oft ausweichend und eines Tages gar nicht mehr. Dann schickte ich ein „Ist alles in Ordnung?“ oder ein insistierendes „Was ist los?“ hinterher, später auch ein ratloses „Hallo?“.

Seinen nächsten Zahnarzttermin hatte Samuel für einen Tag vereinbart, an dem ich keinen Dienst hatte, also versuchte ich, ihm en passant in der Nähe der Praxis zu begegnen. Ich sah ihn schon aus der Ferne. Er sah kurz auf, danach in sein Handy und wechselte die Straßenseite.

Michaela Swoboda

www.verdichtet.at | Kategorie: hardly secret diary | Inventarnummer: 19117

image_print

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *