Falsch verstanden

Balthasar hatte ein Rendezvous. Gestern nachmittags. Wie kam das? Gerade ihm, dem bis an die Grenze zur Dummheit Gutmütigen, allein fast Hilflosen, ist vor einem Jahr die Frau verstorben. Das war ein schwerer Schlag für den schlichten Menschen. „Wenn der Herrgott einen Wurstel braucht, lässt er einen Fünfziger Wittiber werden“, sagt sehr treffend ein bayrisches Sprichwort. Ja, es ist hart, wenn man nicht weiß, wie es weitergehen soll.

Ein geschiedener Freund hat ihm über die schlimmste Zeit weggeholfen und nun auch zu diesem Inserat überredet, ja ihn geradezu zwingen müssen, aus seiner wehleidigen Isolation auszubrechen. Also in Gottes Namen. Und nun diese unglaublichen zwölf Zuschriften!!
Der erfahrene Freund hat ihn beraten, für die telefonische Grobselektion praktische Ratschläge aus eigener Praxis gegeben: kein Hund, keine Raucherin, und alles abtelefonieren, was deutlich jünger/älter ist oder zu weit weg wohnt, keine Ausländerin, die meist nur einen Strohmann für die Aufenthaltsgenehmigung braucht etc.

Nun sind vier übrig geblieben, und eine Zuschrift ist Balthasar gleich ins Auge gestochen. Der Text war ansprechend, die Schrift schön – alles sehr harmonisch.
Das Telefonat lief gut, die Dame hatte eine warme Stimme und war nicht von nassforscher Fröhlichkeit. Balthasar hatte keine Mühe, sie zu einem Treffen zu bewegen. Am Nussdorfer Platzl, 17 Uhr 30. Er schwitzte vor freudiger Spannung.
Die Kandidatin kam, war gut anzusehen und tat auch dem scheuen Mannsbild nichts zuleide. Ob man nicht ein paar Schritte den Nussberg hinaufgehen könne, weil es so schön sei? Balthasar stimmte gerne zu.
Aber gleich in den ersten Sätzen der Unterhaltung bekam er einen Warnschuss vor den Bug mit dem Satz: „Aber dass Sie’s gleich wissen – ich bin nicht für schnellen Sex!“ Vermutlich hatte die Frau schon schlechte Erfahrungen gemacht mit einem Kavalier, der gleich zur Sache kommen wollte oder so. Nur, beim schüchternen Balthasar wäre eher eine Ermunterung angebracht gewesen als eine Abschreckung – und so blieb er geschockt stehen, um nachzudenken, die Meldung zu behirnen, was denn damit gemeint sein könnte. Aber dann kam ihm jene Erleuchtung, die seinem einfachen, vordergründigen Denkmuster entsprach.
Er strahlte die Dame an wie eine rot gewordene Hunderterbirne, sein gutmütiges breites Gesicht grinste verlegen von einem Ohr zum anderen, und er erklärte – diesen bösen Verdacht kopfschüttelnd abwehrend: „Da liegen Sie bei mir richtig, gnä‘ Frau, weil, seit ich über die Vierzig bin, lauft bei mir unter zwanzig Minuten gar nichts!“
Die Dame schnappte nach Luft: „Also, so hab’ ich das nicht gemeint, nein sowas!“ Aber sie war ihm nicht böse über diese Auslegung, sie kam nicht weiter auf das heikle Thema zurück. So hatten die beiden eine schöne Wanderung auf den Nussberg, und als – weil es schon dunkel wurde – der Kavalier Balthasar das gute Kind bis vor die Haustür begleitete, wurde er noch auf einen Kaffee eingeladen.

Ob die Dame aus weiblicher Neugier seine „20-Minuten-Meldung“ verifiziert hatte, war aus Balthasar nicht herauszukriegen, aber er hatte so ein sattes Leuchten in seiner Stimme, als er auf des Freundes Frage ausweichend antwortete. Und sein Auftreten ist jetzt irgendwie selbstbewusster.

Robert Müller

www.verdichtet.at | Kategorie: hardly secret diary| Inventarnummer: 15023

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