Fragment

Der erste Absatz des Textes ist von Nobelpreisträger Patrick Modiano, den Rest habe ich ergänzt.

Oft hatte ich Angst, und um wieder Mut zu schöpfen, wäre ich gerne zu meiner Mutter gelaufen, aber ich hätte sie nur bei der Arbeit gestört. Heute weiß ich, sie hätte mich nicht ausgeschimpft, denn in jener Nacht, als sie mich vom Polizeirevier abholte, habe ich von ihr keinen Vorwurf gehört, keine Drohung, keine Moralpredigt. Wir gingen stumm nebeneinander. Mitten auf der Straße hörte ich sie mit teilnahmsloser Stimme sagen: „Meine arme Kleine!“ Ich fragte mich jedoch, ob sie zu mir sprach oder zu sich selbst. Sie hat gewartet, bis ich ausgezogen war und im Bett lag, dann kam sie zu mir ins Zimmer. Sie setzte sich ans Fußende und schwieg. Und ich ebenfalls. Schließlich lächelte sie. Sie hat gesagt: „Wir sind beide nicht sehr gesprächig!“ Und sie hat mir gerade in die Augen geblickt.

„Ich mache uns einen Kakao“, hat sie dann gesagt, „es gibt nichts Besseres zum Einschlafen.“ Ich wusste nicht, was ich sagen – wo ich beginnen sollte. Gerade weil sie mich nicht, wie früher als Volksschulkind, zum Beichten zwingen wollte, hatte ich eine Sperre im Hals. Aber vielleicht löst sie sich im warmen, süßen Kakao auf, diese Sperre im Hals? Ganz schön schlau, meine Mutter.

Aber vielleicht ist der Grund ein anderer? Vielleicht ist sie auch unsicher, verletzt, weil ihre liebevolle Erziehung solche stinkenden Früchte trägt? Enttäuscht, weil sie mich nicht mehr versteht? Ja, das ist es, sie versteht mich einfach nicht mehr – sie weiß nicht, was für mich wichtiger ist als das tägliche Geradeaus-Denken, die Pflichten, die ewige Routine, das langweilige immer gleiche harmlose „sicher“ Leben! Das kann ja nicht alles sein! Ich bin jung, ich will was erleben, andere Burschen und Mädchen kennenlernen, ohne dauernde Kontrolle, ob der oder die „in Ordnung“ ist. Wenn ich das schon höre „in Ordnung“! Nichts ist in Ordnung, außer dass es jeden Morgen hell und jeden Abend dunkel wird. Ich hasse die braven Klamotten und die langlebigen „guten“ Schuhe, ich will was Buntes, Ausgeflipptes, Aufregendes, ich will nicht immer angepasst, leise und höflich sein; wenn einer sich wie ein seniler Trottel aufführt, dann sage ich ihm das, auch wenn‘s der Schuldirektor ist.

Ja, es war Scheiße, dass ich mit dem Herbert von der Klasse über mir mitgegangen bin und mir in seiner Runde einen Joint aufdrängen hab lassen. Aber dass ich hinterher gekotzt habe wie ein Reiher, war wohl Strafe genug!
So, jetzt kommt meine Mutter mit dem Kakao, wie gut der riecht! Aber dass sie mein Kinderhäferl mit dem Elefanten genommen hat, ist echt ungeil. Ich bin doch kein Kind mehr, ich hab schon ein Jahr meine Periode.
Ja, danke Mama! Eigentlich ist es urkomisch – auf der einen Seite kotzt mich der gutbürgerliche Scheiß an, aber zu Hause im Bett mit einem Kakao ist wunderbar und urgemütlich. Wie passt das zusammen?

Wahnsinn, Mutter kann Gedanken lesen: „Ich weiß, es ist eine schwierige Zeit für dich“, sagt sie, „dein Körper wächst und die Hormone spielen verrückt, und ich wusste in deinem Alter auch oft nicht, wer ich bin und was ich will. Ich will dir nicht im Weg stehen, ich möchte, dass du deinen eigenen Weg gehst, aber zuerst musst du ihn finden.“ Sie lehnt sich zurück und trinkt einen Schluck Kakao, da sehe ich, dass ihre Augen nass sind. „Mama, was ist mit dir?“ frage ich. „Du wirst erwachsen, und das ist der Beginn unserer Trennung“, sagt sie leise, „aber ich will ja nur, dass du nur deinem eigenen Willen folgst, lass dich nie von anderen dumm machen und zu etwas überreden!“

Robert Müller

www.verdichtet.at | Kategorie: hardly secret diary| Inventarnummer: 15041

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