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max, der Bauherr – Endlich fertig

Aus der Wiener Häuslbauer-Serie

max, der Bauherr, hatte es geschafft: Das Haus war fertig!!! Endlose Jahre der Grundstückssuche, der Würgerei mit den Kreditraten, der Planung und des mühsamen Stein-auf-Stein-Legens lagen hinter ihm. Gebaut hatte er größtenteils selbst, mit „erweiterter Nachbarschaftshilfe“ – und natürlich mit Hilfe von Verwandten und Freunden, denn jeder, der ihm am Wochenende als Maurer, Helfer, Elektriker oder Installateur gegen „Spesenersatz“ geholfen hatte, war mit der Zeit sein Freund geworden.

Was hatte es nicht für Schwierigkeiten gegeben: ewiger Geldmangel, chronische Überarbeitung (max freute sich jeden Sonntag aufs Büro, denn nach einem starken Tag Betonmischen oder Ziegelschleppen hatten seine Bandscheiben locker eine Woche Erholung gebraucht, bis er sich die Schuhe wieder schmerzfrei anziehen konnte), Ärger mit der Gemeinde, dem Baustoffhändler, den Handwerkern, die oft genug aussichtslose Terminkoordination, die er immer wieder mit der Geduld eines Stehaufmanderls irgendwie geschafft hatte – er wollte gar nicht mehr daran denken. Die gehabten Schmerzen sind die schönsten – aber nun aus, Schluss damit. Es war ihm mit Gottes Hilfe (denn es grenzte mehrmals an ein Wunder, dass alles doch noch geklappt hatte) gelungen, ein durchaus brauchbares und hübsches kleines Einfamilienhaus auf die Beine oder besser aufs selbstgegossene Fundament zu stellen. Ein Marathonläufer in der Zielgeraden ist ein ausgeschlafener Beamter gegen einen Häuslbauer, der fertig geworden ist. Alle Materialreste und sogar die Mischmaschine hatte max bereits an andere Leidensgenossen verschenkt, er konnte nichts mehr davon sehen.

Gestern abends hatte es eine sehr gelungene Fertigstellungs-Grillparty gegeben, wo alle am Werk Beteiligten mit ihren Familien eingeladen waren – das Buffet hatte max vom nächsten Heurigenwirt beistellen lassen, der ihm auch einige Bänke und Tische geliehen hatte. Auch dieser war sein Freund, denn er hatte dem wohlgelittenen langjährigen Stammgast mehrmals mit dem Traktor ausgeholfen, wenn nichts anderes mehr ging. Und um Mitternacht wurden in einem feierlichen Akt symbolisch die letzten Arbeitshandschuhe und die den ganzen Bau gebrauchte, von allerlei Rückständen schon „allein-stehende“ ehemals blaue Latzhose in einem großen Lagerfeuer aus kleingeschnittenem Bauholz verbrannt. Leider fiel dieses ziemlich groß aus, weshalb die von ängstlichen Nachbarn alarmierte Feuerwehr ausrückte, was größere Schwierigkeiten und Kosten verursacht hätte, wenn nicht deren Kommandant der Sohn des befreundeten Heurigenwirten gewesen wäre. Kurzerhand lud max den gesamten Löschzug ein mitzufeiern, was gerne angenommen wurde und neuen Schwung in die fröhliche Party brachte.

Die Kinder schliefen irgendwo in den improvisierten Matratzenlagern, nach und nach folgten deren Mütter, und schlussendlich fielen gegen drei Uhr früh auch die härtesten „Hackler“ todmüde, aber zufrieden zu den Frauen aufs Lager (wenn auch nicht immer zu den eigenen). max hatte vorsorglich einen großen Topf Gulaschsuppe und Brot für das Frühstück bereitgestellt und die Raumpflegerin aus seinem Büro für die morgendliche Kaffeeküche engagiert, sodass sich auch die „Wieder-in-Betriebnahme“ seiner Gäste geordnet vollzog. Alle versicherten ihm, dass dies die schönste Party gewesen wäre, an der sie je teilgenommen hätten, und verabschiedeten sich mit einem scherzhaften „Also bis zur nächsten Baustelle“, und dann war es soweit.

Das Haus stand, es hatte auch die Party unbeschadet überstanden, und nach den „Aufräumungsarbeiten“, die sich bis in den frühen Nachmittag hinzogen, waren alle Spuren getilgt, alles strahlte nagelneu, und auch der schön angelegte Garten war wie aus dem Schöner-Wohnen-Prospekt. Jetzt war es soweit, die Besitzerfreude und der Stolz auf das Selbstgeschaffene, der so lange ersehnte Genuss konnten stattfinden. max und seine Elli waren ganz gerührt, die große Terrassentüre wurde mit einer Girlande geschmückt, und max trug seine Gefährtin in guten und vielen weniger guten Tagen feierlich über seines Hauses Schwelle, küsste sie und sprach die bewegenden Worte: „Und jetzt hätt ich gern an g’scheiten Kaffee mit Schlag und an Guglhupf von deiner Muatter!“ Denn auf das hatte er sich jahrelang gefreut; immer, wenn es ihm schlecht ging (oder er nicht wusste, wie es weitergeht), hatte er sich ausgemalt, wie er künftig auf der Terrasse beim Kaffee sitzen würde und alles wäre geschafft.

Elli nickte und blitzte ihn mit strahlender Zustimmung an: „Jo, ich hab auch schon Zähnd‘ drauf, endlich einmal auf gepflegt und net auf einer dreckich’n Baustell’!“ Auch sie hatte viel entbehren müssen, bis es soweit war. Gemeinsam machten sie die paar Handgriffe in der Küche und trugen alles hinaus, um sich dann die wohlverdiente Jause in der neuen gelb-weiß gestreiften Sitzgarnitur auf der Terrasse schmecken zu lassen. Als krönenden Abschluss holte max eine Flasche Marillenschaumwein aus dem Kühlschrank und sie stießen auf den neuen, schönen Lebensabschnitt ohne schwere, schmutzige Arbeit an.

Und dann sagte die liebende Gattin mitten hinein in maxens blass werdendes Gesicht: „Ich fahr gach in die Wohnung noch ein paar Sachen holen, bist so lieb und hebst derweil die Waschbetonplatten unterm Garten-Wasserhahn um zwei, drei Zentimeter höher, weil da bleibt immer so eine Gatschlacken steh’n!“ Um Gottes Willen, das hieß ja schon wieder die schweren Platten heben (= Kreuzweh), vom Nachbarn einen Kübel Sand erbetteln (er hatte ja weder Arbeitsgewand noch Baumaterial mehr), in der ältesten Jean niederknien, mit Kelle und Wasserwaage herumhantieren und dann alles wieder saubermachen. Und wie ein Blitzschlag aus heiterem Himmel traf max die vernichtende Erkenntnis: Bisher hatte er geschuftet, um ein Haus zu haben. Und nun würde er sein Lebetag für sein Haus weiterarbeiten müssen. Und die einzige Erholung, die langersehnte schöne sorglose Zeit nach Bau-Ende – das war die Dreiviertelstunde beim Kaffee gewesen!

Man muss eine Frau sein, um nicht zu verstehen, warum sich max diesen Abend mit dem restlichen Maurerbier in den Schlaf trinken musste.

Robert Müller

www.verdichtet.at | Kategorie: fest feiern | Inventarnummer: 26054

Das Wunder im Verborgenen

Das Holz stark verwittert,
zwei Äste vom Dach herunterhängend,
und fast, Gott sei Dank nicht ganz,
die zwei stehenden Figuren berührend.
Ich weiß, wer ihr seid.
Ich weiß, wer da in eurer Mitte liegt –
in einer grob gezimmerten, vom Unkraut
beinah überwucherten Krippe;
auch wenn die anderen Radfahrer, Fußgänger,
E-Scooter-Sauser achtlos an euch vorübereilen.

In einem Monat werden sie vielleicht,
in neue Mäntel gehüllt,
in frisch geputzten Autos
zu Krippenausstellungen fahren,
draußen mit wenig begeisterten Enkelkindern
durch die viel zu warme Winterluft stapfen,
drinnen zu feierlichen Weihnachtsklängen
die Kunstfertigkeit armer afrikanischer Holzschnitzer,
die exotischen Gewänder aus aller Welt,
die fremdartigen Gesichter asiatischer Figuren bewundern.

Dann, in einem festlich geschmückten Café,
werden sie vielleicht zu den Enkelkindern sagen:
„Jetzt haben wir Weihnachten!“
Warum auch nicht?

Für mich braucht es das alles nicht.
Für mich ist Weihnachten immer dann,
wenn wir Gottes Wirken erkennen
in der Unschuld eines Kindes,
in der Fürsorge seiner Eltern,
in einem noch so bescheidenen
Abbild des wahren Wunders
im Stall zu Bethlehem.

Copyright: Frank Joussen

Copyright: Frank Joussen

Frank Joussen

www.verdichtet.at | Kategorie: fest feiern | Inventarnummer: 25234

Am Katzentischerl

Eigentlich ist es eine Herabsetzung, am entlegenen kleinen Tisch zu sitzen – man weiß ja schon aus der Bibel, dass an der Tafel strenge Rangordnungen bestehen und eisern eingehalten werden. Wie vieler Überlegungen bedarf es oft, bei großen Feiern alle Gäste zufriedenstellend und sozial verträglich zu platzieren. Und trotz aller Sorgfalt passiert es immer einmal, dass da noch zwei, drei Gäste dazukommen, für die man eben noch einen Tisch ganz hinten zum Ausgang stellt.

Das kann von den dorthin Gesetzten manchmal schon als ein bisserl kränkend empfunden werden. Noch dazu, wenn man die hier zusammengewürfelten Tischgenossen nicht kennt. Also macht man gute Miene zum bösen Spiel, fragt nach der Getränkebestellung, in Gottes Namen und weil man ja nicht unhöflich erscheinen will, den Sitznachbarn oder die Frau vis-à-vis, von wo er/sie her ist und welcher Bezug zum Gastgeber da ist und so.

Und wenn man Glück hat und der andere Gast auch froh ist, jemanden zum Reden zu haben, entwickelt sich oft ein interessantes Gespräch, man kommt einander näher, ein Dritter bringt eine passende Wortspende ein, und dann lacht man auch einmal über einen neuen Witz, während an der großen Tafel das Eis erst langsam zu tauen beginnt. Dann schiebt man noch eine lustige Episode aus dem Urlaub ein: „Jö, Sie kennen auch den Kirchenwirt auf der Tauplitz?“ Und wenn jetzt die Frau vis-à-vis hellauf lacht, blickt die reservierte große Tafelrunde erstaunt und ein bisserl neidisch zum Katzentischerl hinüber, wo keine steife Etikette herrscht und man das tut, wozu ein Fest da ist – nämlich sich bei gutem Futter gut zu unterhalten. Auch am Katzentisch. Miau!

Robert Müller

www.verdichtet.at | Kategorie: fest feiern | Inventarnummer: 25126

Christas Comeback

Redaktioneller Hinweis an alle, die (chronologische) Ordnung lieben:
Dieses Comeback hat eine Vorgeschichte.

 

Einleitung

Guten Abend und willkommen. Oder besser gesagt: willkommen zurück.

Wir erinnern uns an Weihnachten vor drei Jahren … Damals waren wir Teil einer ganz besonderen Selbsthilfegruppe  – für benachteiligte Weihnachtsdekorationen. Vielleicht haben Sie noch Christas Stimme im Ohr: drall, prall und mit einer erstaunlichen Portion Selbstironie. Eine Weihnachtskugel im Dauereinsatz fürs Füllmaterial, stets übersehen, aber nie zu überhören, wenn sie einmal zu sprechen begann.

Christa, die Christbaumkugel: Sie war nicht irgendein Dekoteil aus Plastik, sondern ein Wesen mit Haltung, Humor und einem erstaunlich klaren Blick auf das stille Elend des benachteiligten weihnachtlichen Behangs. Ihre Worte klangen wie ein Manifest für all jene, die zwar glänzen, aber nie gesehen werden. Christas letztes Spotlight war ein letzter Abschied unserer Protagonistin, bevor sie sich – hängend am Weihnachtsbaum – entschlossen der nächstgelegenen Kerze zuwandte.

Heute nun, meine Damen und Herren, kehrt Christa zurück.
Nicht zum ersten Mal, wohlgemerkt. Denn Christa ist eine Wiedergeborene im besten Sinne: ursprünglich ein Plastiksackerl mit tragender Funktion, dann eine Kugel mit Glanzanspruch – nun eine Form, die selbst sie noch nicht ganz versteht. Aber eines ist sicher: Das Universum hat sie nicht vergessen. Und es hat Humor.

Wiedergeboren in neuem Glanz, selbstverständlich plastikbasiert – denn wahre Unvergänglichkeit ist nun mal kein Nebenprodukt der Natur, sondern des Polyethylens. Wer braucht schon Zellulose, wenn man charismatische Chemie sein kann?
Nicht mehr an den Baum gehängt, sondern im Zentrum der Aufmerksamkeit – und das ganz ohne Bio-Siegel. Nicht mehr nur beobachtet, sondern bestaunt. Nicht mehr nur geschmückt – sondern gebraucht.

Lassen Sie uns gemeinsam hören, was aus ihr wurde. Und was aus uns werden könnte, wenn wir uns trauen, ein bisschen mehr zu leuchten, auch jenseits der Lichterkette.

 

Und nun: Christas Comeback

Kapitel 1: Wiedergeburt

Als ich zu Bewusstsein kam, war alles dunkel. Dann: ein Rascheln, gedämpfte Stimmen, ein Lichtschein, der sich vorsichtig durch eine Ritze tastete. Ich stand, geborgen in einer samtgefütterten Box und man präsentierte mich auf einem Podest, das sich langsam drehte. Ich war nicht mehr nur verpackt, ich war inszeniert. Das war neu …

Am unteren Rand meiner Verpackung stand in großen schwarzen Lettern

„The Boss“.

Ein Titel! Was für ein Upgrade!
Früher war ich bloß eine einfache Weihnachtskugel, dazu verdammt, Jahr für Jahr zwischen Lametta und Lichterketten zu baumeln – übersehen, unterschätzt und ignoriert.

Und jetzt? Jetzt hatte ich eine Identität, einen Rang und vielleicht sogar eine Mission!

Meine neue Form war … beeindruckend.
Kraftvoll, stramm und von kunstvollen Linien durchzogen, die sich wie Schicksalsfäden über meine dunkelbraune, nahezu ebenholzfarbene Oberfläche drapierten. Ich fühlte mich monumental und fast ein wenig majestätisch. Man gab mir zwei kugelrunde Pantoffeln mit flacher Unterseite und Saugnäpfen, die stets für einen sicheren Stand sorgen würden, doch das Beste war – mein Helm!

Ein junges Pärchen, das mich zuvor im Laden noch mit einer Mischung aus Erstaunen und Verlangen anstarrte, öffnete ehrfürchtig meine Verpackung. Ihre Augen glänzten. Ihre Finger strichen behutsam über meine Oberfläche, als hätten sie Angst, mich mit einer falschen Geste zu entweihen oder gar zu beleidigen.

Unmittelbar nach diesem ersten Akt der Bewunderung wurde ich gewaschen, eingeölt und immer wieder gepriesen.

Mein Leben hatte eine neue Richtung – und ich, Christa, war bereit, alles dafür zu tun, um meinen neuen Besitzern im Gegenzug für ihre Hingabe die größtmögliche Freude zu bereiten.

(Kurze, triumphierende Pause)

Kapitel 2: Die Spieleabende

Mein erster großer Auftritt kam schneller als erwartet: ein Spieleabend!

Zwar war dieser kein kirchlicher Feiertag – so wie ich es aus früheren Zeiten kannte –, jedoch gab es, was die Kirche betraf, sicherlich auch noch andere Feste, bei denen man so prachtvolle Gegenstände – wie mich – einzusetzen wusste.

Die Wohnung vibrierte von Stimmen, Lachen und dem sanften Klirren von Gläsern. Die Menschen schienen sich auf etwas zu freuen und die Stimmung war gelöst und heiter.

Und dann – die Präsentation:

Ich wurde hochgehoben und wie ein rituelles Werkzeug ins Licht gehalten, sodass alle Gäste meine volle Pracht bewundern konnten. Es folgte Staunen. Kichern. Bewunderung. Eine zierliche Frau gab sogar ein leises Seufzen von sich, was ich als zutiefst wertschätzende Geste verstand.

Als ich endlich zum Einsatz kam, wurde ich entschlossen gepackt, gedreht und in verschiedenste Positionen bewegt. Es glich einem Tanz und jede Bewegung schien bedeutungsvoll zu sein, denn die Reaktionen waren äußerst zufriedenstellend.

Als der Abend ein wenig fortgeschritten war, bekam ich sogar meinen eigenen Lederschmuck!

Man spannte mich in ein System aus Riemen und Schnallen, so kunstvoll, dass ich mich fühlte wie ein Rennpferd-Champion vor dem Start!

Manchmal hörte ich ein zartes Aufkeuchen, ein Lachen, ein genüssliches Seufzen. Es war, als würde ich eine tief verborgene Seite in den Menschen berühren. Ich war der Funke, der das Eis schmelzen ließ. Meine künstlerische Darbietung wurde mehrmals pro Woche aufgeführt, manchmal vor mehr, manchmal vor weniger Publikum, doch eines kann ich Ihnen sagen: Ich war verdammt gut darin!

Kapitel 3: Im Dienste der Freude

Was genau meine Aufgabe war?

Nun … manchmal fragte ich mich, ob es wirklich wichtig war, es zu verstehen.

Es gab keine Anleitung, keinen klaren Zweck, nur Wirkung. Und diese war unverkennbar.
Ich war nun kein bloßes Dekostück mehr. Kein benachteiligter Christbaumbehang ohne jegliche Bedeutung.
In diesem Leben war ich ein Katalysator. Ein Impuls. Ein Statussymbol.

Wo immer ich auftrat, veränderte sich die Stimmung:
Gesichter hellten sich auf, die Menschen öffneten sich und ließen ihre tief verwurzelten Barrikaden fallen. Zugegeben, manchmal auch mit etwas Nachdruck.

So manches Gespräch, das stockend begonnen hatte, geriet durch mich plötzlich in einen nonverbalen Fluss. Ich fühlte mich wie eine Diplomatin, die den Frieden ganzer Nationen garantierte.
Zwar fiel mir auf, dass mir Männer stets mit etwas mehr Ehrfurcht begegneten als Frauen, speziell wenn ich meinen Lederschmuck trug. Doch wie es mit neuen Bekanntschaften so ist, lösten sich die anfänglichen Zweifel meist durch ein vorsichtiges Herantasten in Luft auf. Ich wusste intuitiv, dass man mit Männern behutsamer umgehen musste, denn auch wenn sie nach außen hin hart erschienen, waren sie im Inneren weich und verletzlich.
Frauen hatten da weniger Berührungsängste, denn oft hatte ich das Gefühl, sie begrüßten mich wie einen langersehnten Freund, den sie schon eine Weile vermisst hatten.

Doch beim großen Finale konnte ich – ehrlich gesagt – keine Unterschiede zwischen den Geschlechtern feststellen. Zudem wertete ich nicht, denn schließlich war ich für alle da.

Kapitel 4: Bittersüß

Trotz all meiner Erfolge und meiner umjubelten Auftritte blieb da etwas – eine leise, bittersüße Sehnsucht.

Ich fragte mich manchmal: Wer bin ich wirklich?
Bin ich ein Werkzeug, eine Erfüllungsgehilfin interaktiver Performance-Kunst oder war ich doch ein bisschen Zauber, geführt von zwei Händen?

Vielleicht war ja genau das mein Geheimnis:
Man musste mich nicht erklären. Die Menschen wussten instinktiv, womit sie es zu tun hatten, und man gab mir diese Form, um als sakrales Symbol zu fungieren. Ja, die Menschen waren gläubig und vielleicht war ich ihr Kultobjekt. Und wer weiß, vielleicht würde ich ja sogar irgendwann Kirchenwände zieren?

Auch wollte ich einen eigenen Slogan für mich erfinden. Leider waren „geschüttelt, nicht gerührt“ und „yes we can“ bereits vergeben, so habe ich mich letztendlich für „The Boss – Tiefe, die bleibt“ entschieden, denn für Oberflächlichkeiten hatte ich schließlich wenig übrig.

Aber nun Spaß beiseite – man wird ja wohl noch in aller Bescheidenheit träumen dürfen …

Doch neben all diesen Träumereien und Spekulationen weiß ich eines mit Sicherheit:
Wenn irgendwo das Licht gedimmt wird, langsame Musik erklingt und ein ehrfürchtiges Raunen durch den Raum huscht, dann ist es Zeit für mich, die Bühne zu betreten. Ich bin wieder da, mein Comeback ist gelungen.

 

Verena Tretter

www.verdichtet.at | Kategorie: fest feiern | Inventarnummer: 25111

Weihnachten – eine kritische Auseinandersetzung

Prolog

Weihnachten ist eine Zeit des Miteinanders, eine Zeit des Innehaltens und der reflexiven Auseinandersetzung mit dem vergangenen Jahr. Eine Zeit, in der wir uns vor Augen führen, dass Geschehnisse zu Jahresbeginn rückblickend vielleicht doch Sinn ergaben, und eine Zeit, in der Dankbarkeit und Freude – sowie ein gewisser Zauber – in und um uns herum spürbar werden.

Doch nicht jeder teilt diese Auffassung, denn für manche ist Weihnachten nichts weiter als Konsum, Kitsch und aufgesetzte Glückseligkeit. Und obwohl diese Weihnachtsgeschichte kein Mahnwerk gegen derlei Entwicklungen sein soll, so ist sie zumindest ein Fernrohr in eine alternative Perspektive.

Die Geschichte von Christian Kindel

Christian, bzw. Chris Kindel, war als einziges und sehnlichst erwartetes Kind von Sissi und Franz Kindel zur Welt gekommen, die zeit ihres Lebens ein Dasein in Abgeschiedenheit vorzogen. Während sie zu Beginn der 80er-Jahre zunächst mit Klein Christian in einer Kommune lebten, zogen sie noch vor seiner Einschulung auf den abgeschiedenen Bauernhof von Christians Großeltern, die ihren Ruhestand im weit entfernten Florida genossen.

Chris’ frühe Kindheit war geprägt von Natur und kritischen Weltansichten, was zunächst durchaus förderlich für den Kleinen war – wäre da nicht die Einschulung gewesen, die sein Leben drastisch veränderte …

Kinder können grausam sein

Gestaltete sich der erste Schultag an der ländlichen Volksschule noch einigermaßen annehmbar, so änderte sich dies bereits in der ersten Woche, da Christian es nicht gewohnt war, mit anderen Kindern zu spielen. Lesen konnte Chris bereits mit vier und mit sechs diskutierte er mit seinen Eltern über das politische Weltgeschehen am Frühstückstisch. Mit seinen Themen fand er kaum Zuspruch unter seinen Altersgenossen, die es ihn auch durchaus spüren ließen.

Es gab täglich Hänseleien aufgrund seiner Kleidung, seiner Jause, bestehend aus Dinkel-Grünkern-Laibchen oder anderen weniger gewürzten Speisen und den Pausengesprächen über Superhelden-Figuren oder Zeichentrickserien konnte er nur schwer folgen, denn einen Fernseher hatten sie nicht.

Zu Weihnachten erreichten die Hänseleien jährlich ihren Höhepunkt, als Chris Kindel nun auch noch aufgrund seines Namens in Ungnade fiel. Seine Mitschüler legten ihm in der Vorweihnachtszeit täglich Stroh auf seinen Platz, sie zierten sein Fach mit weißen Federn und ließen ihm Zeichnungen zukommen, auf denen das Christkind, auf einen Christbaum aufgespießt, Bäche aus roter Farbe blutete.

Und obwohl solche kindlichen Erlebnisse auch die Biographien so mancher  erwachsener Serienmörder zierten, hielt Chris durch, denn die Liebe und Fürsorge seiner Eltern waren ihm gewiss.

In der Schule war Chris, so besang es auch bereits Sting, „a legal Alien“ in einer ihm unbekannten Welt und so zog er sich zurück, wurde still und ein kritischer Beobachter seiner Umwelt.

Jahre später

Die Jahre danach gestalteten sich durchaus erfolgreich. Er studierte Journalismus, wurde direkt nach dem Studium bei einer renommierten Zeitung angestellt und nach wenigen Jahren übernahm er bereits den Posten des Kritikers. Vielleicht war es eine späte Rache des kleinen Jungen an der Gesellschaft oder die Verbitterung eines früh Ausgestoßenen, aber zu Weihnachten ließ er kaum ein gutes Haar an den durch ihn bewerteten Veranstaltungen. Er liebte es, die weihnachtlichen Akteure durch ihren eigenen Kakao zu ziehen, und hätte er gekonnt, er hätte sie darin ertränkt. Nun ja, vielleicht war doch ein kleiner Schaden geblieben aus seiner Kindheit … Aber sei es drum.

Seine Kritiken waren bei den ansässigen Zuckerbäckern so gefürchtet, dass sich die Prämierungen der besten Kekskreationen sogar als nervenaufreibende Thriller-Szenarien darstellten. Während sich die Kontrahenten gegenseitig das Leben schwer machten, hatten sie Chris’ gefürchteten metaphorischen Rotstift im Kopf, paralysiert wie im Angesicht einer geladenen Halbautomatik.

Chris war gnadenlos. Während er bei den Zimtsternen eines Teilnehmers den allzu reichhaltigen Zuckerguss bemängelte und im selben Satz dessen Daseinsberechtigung infrage stellte, kritisierte er bei einer anderen Teilnehmerin die Ungleichmäßigkeit ihrer Vanillekipferl – nebst ihrer gänzlichen Nichteignung für diesen Beruf.

Chris’ Kritiken waren scharfzüngig, vernichtend und über die Maßen unfair und rücksichtslos. So war es kaum verwunderlich, dass viele der ortsansässigen Zuckerbäcker nach wenigen Jahren das Weite suchten, um außerhalb seines Einflussbereiches arbeiten zu können. Andere hatten hingegen mit Nervenzusammenbrüchen zu kämpfen, weshalb die Psychotherapeuten innerhalb seines Landkreises durchwegs große und schnelle Autos fuhren.

Von Keksen und Katastrophen

Chris Kindel saß in seinem Büro und las. Es war ein Kommentar zu seiner letzten Kolumne, in der er einen örtlichen Bäcker mit den Worten zerstört hatte: „Seine Lebkuchenhäuser sehen aus, als hätte ein betrunkener Weihnachtswichtel seine Notdurft darauf verrichtet, nachdem er eine Abrissbirne aus allzu harten Kokosbusserln geschwungen hatte.“ Die Leser waren empört, aber die Klickzahlen schossen durch die Decke, weshalb ihn sein Arbeitgeber auch weiterhin gewähren ließ. Innerlich grinste Chris hämisch, denn er wusste, er war der Dieter Bohlen der Weihnachtskritiker, einer, der immer sagte, was er dachte, und das mit Witz und – nun ja, zugegeben – einer gewissen destruktiven sadistischen Ader.

Doch genau in dem Moment, als er sich über seine eigene Brillanz amüsierte, kam eine unerwartete E-Mail herein. Die Absenderin: Luna, eine Bekannte aus der Kommune seiner frühesten Kindheit. Mit ihr hatte er im Sandkasten gespielt und sie hatten sich gemeinsam Geschichten ausgedacht, bevor Chris mit seinen Eltern wegzog. Luna hatte sich vor Jahren in die Kunstszene abgesetzt und mit esoterischen Malkursen für Furore gesorgt.

Der Betreff lautete: „Adventessen – komm, du brauchst das!“

Die Nachricht war kurz und dennoch typisch Luna: „Chris, ich weiß, du hältst Weihnachten für den schlimmsten Marketing-Trick der Menschheit. Aber bevor du wieder deine bissige Kolumne raushaust, komm doch vorbei. Keine Glitzerkatastrophen, keine gezwungene Fröhlichkeit – nur ein paar interessante Leute, gutes Essen und genug Wein, um die Weihnachtszeit halbwegs zu ertragen. Vielleicht überrascht dich der Abend. LG, Luna.“

Chris schnaubte laut. Ein Adventessen? Was kommt als Nächstes? Ein Singkreis mit Jingle Bells oder eine Runde Wichteln? Sein Finger schwebte schon über der Löschtaste, doch dann hielt er inne. Ein Abend, an dem Weihnachten nicht in Zuckerguss und Kitsch versank, sondern in Wein? Das klang fast … verlockend.

Außerdem war Luna nicht irgendwer. Ihre Fähigkeit, die abstrusesten Menschen zusammenzutrommeln, war legendär. Es reizte ihn, diese Gruppe einmal genauer unter die Lupe zu nehmen – nicht zuletzt, um sich später genüsslich daran zu erinnern, denn tief drinnen war er schon ein Freund des Genusses und der Geselligkeit, aber zugegeben hätte er es nie.

Ein Abend der besonderen Art

Luna lebte in einem aufgelassenen Fabriksgebäude, zusammen mit anderen Künstlern in einer Art WG. Da sie in einer Kommune groß geworden war, war sie die permanente Gesellschaft schließlich gewohnt.

Als Chris an diesem Abend bei ihr eintraf, hörte er bereits im Treppenhaus Stimmen, Gelächter und etwas, das wie ein Schlagzeugsolo klang. Als er eintrat, verschlug es ihm kurz die Sprache: Luna hatte ihre Wohnung in ein groteskes und anarchistisches Weihnachtswunderland verwandelt.

Überall hingen Girlanden, die offensichtlich aus recyceltem Zeitungspapier gebastelt waren. Ein „Weihnachtsbaum“ aus aufgetürmten leeren Weinflaschen thronte in einer Ecke, geschmückt mit LED-Lichtern. Auf dem Tisch stand eine Mischung aus selbstgemachten Gerichten und gekauften Snacks – darunter ein Käseigel mit Plastikschwertern im Leib.

Luna kam auf ihn zu, ein Glas Wein in der Hand, und grinste.

„Chris! Willkommen im Anti-Weihnachtswunderland. Wein? Oder etwas Stärkeres?“

Chris nickte zum Wein. „Ich nehme, was du hast. Hauptsache, es passt zu dieser …  äh … Kunstinstallation hier.“

Luna lachte. „Oh, du bist noch nicht mal ansatzweise auf das vorbereitet, was dich heute erwartet.“ Sie führte ihn zu einer illustren Runde, die bereits mit Essen beschäftigt war.


Die Gäste

Chris setzte sich neben einen Mann namens Thorsten, der sich als „professioneller Weihnachtskritiker“ vorstellte. „Ach, endlich ein Gleichgesinnter“, dachte Chris. Doch schon nach fünf Minuten stellte sich heraus, dass Thorsten Weihnachtsfilme bewertete – mit einem selbst entwickelten Punktesystem, das alles von „Rentier-Echtheit“ bis zur „Emotionalen Weihnachtsbotschaft“ umfasste. Neben ihm saß eine äußerst gutaussehende Frau. Sie war Thorstens Freundin, die er von früher kannte, als er noch Pornos gedreht hatte.

Ihm gegenüber saß Carla, die stolz verkündete, dass sie dieses Jahr ein Buch über nachhaltige Weihnachtsgeschenke veröffentlicht hatte. „Es heißt Frohe Öko-Weihnacht: Vom up-gecycelten Birkenstock bis zur selbstgebrauten Zahnpasta.“ Chris nickte höflich, während er insgeheim überlegte, ob Zahnpasta überhaupt gebraut werden konnte.

Zwischen ihnen saß ein schweigsamer Mann namens Björn, der sich als Holzschnitzer vorstellte. Seine einzige Bemerkung während des gesamten Abends war: „Der Wein schmeckt nach Kork. Aber irgendwie passt das.“

Nach dem Essen kündigte Luna an, dass es Zeit für das „Hauptprogramm“ sei. Chris stöhnte innerlich und vielleicht fürchtete er sich heimlich auch ein bisschen. „Wahrscheinlich eine feministisch-pantomimische Darstellung über Christi Geburt, mit getanzten kirgisischen Untertiteln“, dachte er bei sich.

Doch es kam anders. „Heute Abend werden wir ein modernes Krippenspiel aufführen!“, verkündete Luna stolz. „Jeder von euch hat eine Rolle.“

Chris überlegte, einfach aufzustehen und zu gehen, doch bevor er reagieren konnte, drückte Luna ihm ein Stück Papier in die Hand. Darauf stand: „Rolle: der zynische Hirte.“

Die Aufführung, ein unheiliger Mix aus Improvisationstheater und völliger Planlosigkeit, war eine Katastrophe – aber genau deshalb so witzig. Thorsten samt Freundin spielten Josef und Maria, die in zuckenden Bewegungen den Geburtsvorgang darstellten, jedoch wusste niemand so genau, wieso Thorsten auch zuckte. Carla laberte als einer der Weisen etwas von Gold und Quecksilberbelastung, und Luna glänzte als Weihnachtsstern, indem sie die Szenerie mit ihrer Taschenlampe erhellte.

Als Chris an der Reihe war, stolperte er mit einem theatralischen Schrei über seinen eigenen Stock: „Die Schafe laufen weg! Das war’s mit dem Heiligen Abend!“ Doch da war auch noch Björn das Schaf, der trocken entgegnete: „Das Problem bist du, Hirte. Nicht wir.“

Die Runde brach in schallendes Gelächter aus. Björn stand gemächlich auf, klopfte sich den Staub von den Knien und fügte hinzu: „Manchmal muss eben auch ein Schaf seine Wahrheit sagen.“

Der Abend war ein Highlight in Chris’ Leben. Er fühlte sich wohl unter den schrägen Vögeln, und plötzlich wurde auch ihm bewusst, dass gut auch jenseits der Norm liegen kann.

In Absprache mit den anderen schrieb Chris in seiner Kolumne über den Abend. Doch diesmal war sie anders. Statt einer weiteren Abrechnung mit Weihnachten entschied er sich, das Chaos und die Absurdität zu feiern. Er beschrieb das Krippenspiel mit einer Mischung aus Humor und Zuneigung:

„Manchmal braucht es keinen perfekten Baum, keine glänzenden Kugeln und keine wohltönenden Chöre. Manchmal reichen ein improvisiertes Krippenspiel mit schrägen Typen, ein Käseigel und ein bisschen zu viel Wein, um Weihnachten zu retten.“

Die Kolumne schlug ein wie eine Bombe. Leser schickten ihm ihre eigenen Geschichten von chaotischen Weihnachtsfesten, Chris’ E-Mail-Postfach war so voll wie nie zuvor.

Chris entschied sich, diese Geschichten aufzugreifen und in seiner Kolumne zu veröffentlichen. In seiner kritischen Betrachtung von Weihnachten waren nun auch positive Töne wahrnehmbar, nämlich jene, die die Andersartigkeit feierten.

Vielleicht versöhnte sich hier auch der kleine, gemobbte Chris mit der Welt, die ihn damals nicht akzeptieren konnte? Zumindest die Psychotherapeuten der näheren Umgebung hätten mit diesem Fall ihre helle Freude gehabt.

Ein paar Tage später klingelte es an Chris’ Tür. Vor ihm stand Luna, ein breites Grinsen im Gesicht und eine Tüte in der Hand. „Ich dachte, du könntest ein bisschen Weihnachtsdeko gebrauchen“, sagte sie und drückte ihm die Tüte in die Hand.

Drinnen fand er einen winzigen Weihnachtsbaum – offensichtlich von Björn aus Holzresten geschnitzt – und eine Packung Lametta. Zusammen mit Luna stellte er den Baum auf seinen Couchtisch – zwar ein bisschen widerstrebend, aber doch mit einem Lächeln. Zum ersten Mal seit Jahren wich die Nüchternheit seines Zuhauses etwas Glänzendem – wenn auch nur ein bisschen.

Luna und Chris trafen sich fortan regelmäßiger und, wie könnte es in einer Weihnachtsgeschichte auch anders sein, verliebten sich ineinander. Chris feierte fortan kein einziges Weihnachtsfest mehr allein, denn er hatte eine neue Familie aus schrägen, liebenswerten Vögeln gefunden.

Ein neues Talent

Nach dem triumphalen Erfolg seiner Kolumne und dem Happy-End-Abend bei Luna war Chris Kindel nicht mehr der Gleiche. Er hatte plötzlich eine völlig neue Perspektive auf die Dinge – und vor allem: eine neue Muse.

Gehypt durch das positive Feedback seiner Leserschaft, entschied sich Chris, nun auch ein Buch zu schreiben. Ein lustiges Buch, das ein wenig seine eigene Geschichte erzählte, in der es um ein Happy End ging. Natürlich genau dann, als der verbitterte Protagonist schlussendlich seine Heimat und neue Perspektiven fand.

Das Buch, Arbeitstitel „Von Zimtsternen und Zynikern“, wurde ein Überraschungserfolg. Leser lachten, weinten und schickten ihm ihre eigenen verrückten Erlebnisse. Chris entdeckte etwas, das er nie für möglich gehalten hatte: Es machte ihm Freude, Menschen zum Lachen zu bringen.

Chris Kindel wurde ein Botschafter des unperfekten Weihnachtsfests. Seine Kolumnen wurden zur jährlichen Tradition, in denen er die absurden, chaotischen und manchmal rührenden Geschichten seiner Leser teilte. Und obwohl er immer noch den Biss eines Kritikers hatte, war es nun ein Biss, der zum Lachen anregte – und nicht mehr zum Zittern.

Eine süße Versöhnung

Auch mit den Zuckerbäckern fand Chris einen neuen Umgangston. Eines Tages überredete Luna ihn zu einem Backkurs bei einem seiner früheren „Opfer“ – einem Bäcker, dessen Windringe er einst mit einem besonders unschmeichelhaften Vergleich, die Analregion betreffend, bedacht hatte.

Als der arme Zuckerbäcker ihn in der Gruppe Lernfreudiger entdeckte, wurde er kurz etwas blass um die Nase, aber schlussendlich war der Kurs ein Erfolg, denn Chris wollte gemeinsam mit Luna lernen, wie man gute Kekse machte. Beide liebten den Süßkram, aber vor allem liebten sie es, gemeinsam zu backen.

Weihnachten würde bei Kindels künftig also auch backfreudig ablaufen, in illustrer Runde jedoch auf jeden Fall zum Abkeksen.

Verena Tretter

www.verdichtet.at | Kategorie: fest feiern | Inventarnummer: 25054

 

Weihnacht

In dieser Zeit funkelnder Besinnlichkeit,
da der Zauber der Nacht
den Himmel noch schwärzer macht,
und in der Weite dunkelnder Unendlichkeit
kaltherzig und glasklar
dir die Endlichkeit entgegenlacht,
ist die innere Einkehr elementar.
Und als Komplementär zur Fülle
die Stille eine schützende Hülle.

Hörst du das leise Knistern in der Luft,
das geheimnisumwobene Wispern?
Das surrende Schwingen sanften Flügelschlags,
das sich auch des Tags nicht verliert
und unbemerkt fein im Schein heller Kerzen
deine Sinne stimuliert?

Dann ist Weihnacht, nur dann.
Engelsgleich ihr Gesang, samtweich.
Und unendlich reich
ihr fast vergessener, ureigener Klang.

Claudia Lüer

www.verdichtet.at | Kategorie: fest feiern | Inventarnummer: 24188

Mit Freundinnen zur Auszeit

Vor über zwanzig Jahren hatten die Ehemänner, meiner eingeschlossen, unseres Freundinnenquartetts eine herausragende Idee: Uns wurde ein gemeinsames Wochenende „Wellnessen“ geschenkt. Frauen, die etwas in die Jahre kommen, wo die Kinder aus dem Gröbsten raus sind und die mal auf „Runderneuerung“ fahren wollen, freuen sich natürlich sehr über diese noble Geste. Knapp über dreißigjährig waren wir vier Ladys damals und die Angebote der hiesigen Wellnesshotels an Kosmetikbehandlungen, Massagen und das ganze Drumherum mit Pool und Saunen haben uns schwer begeistert. Unser Motto: Gemütlich soll’s sein, erholsam und natürlich kann man auch gerne von den diversen Behandlungen profitieren – Frau will wieder verschönert und runderneuert werden. Ob unsere geschätzten Männer damals ahnten, dass dies keine einmalige Sache bleiben wird, wissen wir bis heute nicht und hinterfragen das auch besser nicht. Mit Ausnahme der drei Pandemiejahre waren wir somit gesamt achtzehn Mal in unterschiedlichen österreichischen und bayrischen Hotels einquartiert.

Wäre ich eine Influencerin, hätte ich vielleicht ein wenig daran verdienen können. Tatsächlich ist es aber so, dass kein Hotel eine über fünfzigjährige Frau, die bereits Großmutter ist, als Influencerin anfragt. Ohnehin wäre ein Foto von mir im Bikini vor dem Pool und der Hotelfassade kaum Werbung für das Unternehmen. Die Sache mit dem Business auf Social Media lasse ich also lieber bleiben.

Insgesamt wurden wir in allen Hotels freundlich begrüßt und hatten durchwegs ausgezeichnete Küche. Im Laufe der Jahre haben sich jedoch unsere Prioritäten verändert. Von zu Beginn etlichen Buchungen für Massagen und Beautyanwendungen, bevorzugen wir jetzt eher die Stille in den Ruheräumen zum Lesen und Erholen. Wobei uns schon aufgefallen ist, dass manche Hotelgäste das Wort „Ruheraum“ nicht allzu ernst nehmen. Auf den Liegen wird geratscht, mit Rascheltüten in der Hand Essen verzehrt, es werden Videos am Smartphone angeschaut und manchmal kommt es sogar vor, dass telefoniert wird. Von unseren vier Liegen hört man maximal ein Blättern im Buch, oder ein leises Schnarchen – wobei das Schnarchen nur bei fünfzig Prozent des Quartetts vorkommen kann, also quasi nicht erwähnenswert ist. Aber gut, wir sind ja im Ruhemodus und regen uns über den Lärmpegel der Mitgäste nicht auf. Überhaupt sind wir vier Damen sehr umgängliche und angenehme Gäste, haben keine Extrawünsche und sind sehr anpassungsfähig. Was mich dennoch in einem Hotel etwas stutzig gemacht hat, waren die fix angebrachten Diebstahlschutzsicherungen an allen Kuscheldecken des Ruheraumes. Ich hatte, ehrlich gesagt, bis dahin noch nie darüber nachgedacht, mir eine Decke mit nach Hause zu nehmen?! In meinem Koffer wäre da überhaupt kein Platz dafür?!

Die ersten Jahre in der Beautyabteilung ist es schon mal vorgekommen, dass man bei einer Detoxganzkörperpackung zwei Tage lang riecht wie ein Fisch, Algen helfen, den Körper zu entschlacken und das Hautgewebe zu unterstützen sowie die Durchblutung und den Stoffwechsel anzuregen. Wenn man da eine halbe Stunde in der Versenkung schwitzt und hofft, dass die Kosmetikerin einen nicht vergessen hat, können dreißig Minuten ganz schön lang werden. Vor zwanzig Jahren war ich auch noch eine gute Kundin für den Einkauf an der Theke der Kosmetikabteilung. Ich wollte all die Salben, Seren und Cremes für das heimische Badezimmer kaufen, um Falten vorzubeugen und das Jahr bis zum nächsten Wellnesstermin möglichst straff überstehen. Leider kamen bei der Bezahlung der Hotelrechnung mit den zusätzlich sehr kostspieligen Pflegeprodukten die Sorgenfalten prompt zurück und ins Auto stieg ich dann jeweils mit ziemlich erblasster Gesichtsfarbe. Fazit: Heutzutage bleibt manchmal sogar ein Probepäckchen einer Salbe aus Versehen liegen.

Nachdem wir untertags bei unseren Aufenthalten viel Zeit für Ruhe und Entspannung aufbringen, kann es vorkommen, dass wir abends eine beachtliche Ausdauer für gutes Essen, angenehme Gespräche und den Baraufenthalt vorweisen können. Bei irgendetwas muss sich die angesammelte Energie ja entladen. So wird (aus Macht der Gewohnheit) beispielsweise der leere Suppenteller zur Küche getragen, wenn frau auf dem Weg zum Salatbuffet ist. Daheim verlässt man den Tisch ja auch nicht, ohne abzuräumen. Gut – dieses Versehen ist mir ein einziges Mal passiert –, wird nicht mehr vorkommen, versprochen. Dabei waren wir sogar schon mal in einem Hotel, das als Servicepersonal einen Roboter einsetzt, leider nur zum Wegtransportieren von Geschirr, Bestellungen nahm er keine entgegen, obwohl unsere Kehlen ziemlich ausgetrocknet waren. Das Personal in jenem Haus war recht beschäftigt mit dem Bestücken des Robotertabletts, damit er dieses in die Küche bringen kann. Ehrlich gesagt etwas befremdlich so ein Technikteil, wenn es durch den Restaurantbereich kurvt, denn in diesem Haus ist alles über die Maßen großzügig mit bunten Plastikblumen, glitzernden Tapeten an den Wänden und goldenen Lüstern dekoriert. Über die Dekorelemente des Hotelzimmers werde ich hier nicht näher berichten, denn über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten.

Wie eingangs erwähnt, wurden wir in wirklich allen Hotels ausgezeichnet verköstigt, und zu einem guten Abschluss des Tages gehört natürlich ein Besuch in der Hotelbar. Und da tun sich Gräben auf!! Nicht bei uns, nein, wir sind ja, wie bereits beschrieben, angenehme Gäste! Aber dass in einem einzigen Jobbereich (Barkeeper:In) so viele unterschiedliche Charaktere arbeiten, ist beinahe unfassbar!

Mir fällt da ein überaus engagierter und sympathischer Barmann ein, der nach unserem ersten Abend im Haus keine Orangen und keinen Tequila mehr vorrätig hatte für den nächsten Tag. Nachdem wir den Barbereich – als Abschlussgäste – verlassen hatten, ist er ins Nachbarhotel marschiert und hat in einem Korb Orangen und eine Flasche besten Tequila geholt. Zimt war noch vorhanden und seine gute Menschenkenntnis hat ihn nicht getrogen, er hat auch am folgenden Abend mit uns gerechnet, und wir wurden nicht enttäuscht. Diesen umsichtigen Barkeeper hätten wir gerne auch in andere Hotels mitgebucht für unseren Aufenthalt. Leider ist das in dieser Form noch nicht buchbar.

In einem anderen Haus war ein sehr junger Barverantwortlicher, der vermutlich etwas überfordert war mit uns vier Damen. Die Räumlichkeit war gut besucht und er hatte etwas Not, alle Tische rasch zu bedienen. Wahrscheinlich hat ihn das müde gemacht und er hat deshalb kurz vor Mitternacht begonnen, die Theke und die freien Tische mit Desinfektionsmittel zu reinigen. Den gastunfreundlichen Geruch habe ich heute noch in der Nase. Es hat nur noch gefehlt, dass er die Sessel auf die leeren Tische stellt und den Bürgersteig hochklappt, während wir bei unseren halbvollen Gläsern sitzen.

Das schöne Bundesland Tirol haben wir nur ein einziges Mal für einen Wellnessaufenthalt besucht. Und das ist begründet in einem Wort mit sieben Buchstaben: Schnaps! Die Hotelchefin meinte es nach dem Besuch des Restaurants so gut mit uns, dass sie uns ihre edelsten Tropfen zum Verkosten kredenzte. Und sie hatte etliche Spirituosen! Ein „Nein“ wurde nicht akzeptiert, und zu unserem Leidwesen waren die Gläser nicht in zarter Fingerhutgröße. Wir wollten nicht unhöflich sein und natürlich wollten wir uns auch keine Blöße geben. Über das Befinden am nächsten Tag legt sich bis heute einvernehmlich Stillschweigen.

Den ganzen Barbesuchen die Krone aufgesetzt hat aber eine Dame im Salzburger Land. Wir haben sie damals auf ca. „Kurz-vor-Pensionierung“ geschätzt. Eine schlanke, mittelgroße Frau, hochdeutsch sprechend und mit Mireille-Mathieu-Frisur. Sie ließ sich äußerst selten blicken für eine Neubestellung, das jedoch nicht, weil sie viel zu tun hatte, nein, wir waren ihre einzigen Gäste! Ihrer versteinerten Miene zu entnehmen, hatte sie keine Lust auf Smalltalk und auch sonst keine Ambitionen, den Barumsatz zu steigern. Bei jedem weiteren Glas meinte sie nur: „Das ist jetzt aber das letzte Gläschen, ja?“ Nachdem wir das nicht als Frage verstanden haben, fehlte natürlich eine entsprechende Antwort. Kurz vor Mitternacht meinte Frau Mathieu: „Jetzt gehen wir dann aber alle hübsch schlafen, gestern war hier ein Chirurgenkongress und es ist länger geworden.“ Wir haben uns neugierig umgesehen und fragten, wo die Chirurgen denn wären? „Die sind schon abgereist, also dann – husch husch!“ Ich erinnere mich vage daran, dass sie in die Hände geklatscht hat beim Wort „Husch“! Kurzzeitig fühlten wir vier Frauen im besten Alter uns, als wären wir in der Volksschule und die Lehrerin habe uns energisch zur Eile aufgefordert.

Aufmerksame Leser werden bemerken, dass zu all der Ruhe und Erholung, zu den guten Gesprächen, dem leckeren Essen und den wunderbaren Stunden mit den Freundinnen noch ein weiteres, ganz wichtiges Attribut bei diesen Aufenthalten dazu gehört – Spaß! Jede Menge Spaß und viel Lachen! So werden an den drei Tagen im Jahr zwar die Lachfältchen mehr, aber diese Tage sind immer etwas ganz Besonderes und Kostbares. Ich danke meinen „Mädels“ ganz herzlich dafür.

Manuela Murauer
waldgefluesteronline.com

www.verdichtet.at | Kategorie: fest feiern | Inventarnummer: 24180

Bezaubernd einfach

Zauberer, Magier, Illusionist, Taschenspielertrickser,
Bällchen unter den Hütchen Verschieber.
Angespannt warten, genau hinsehen, investigativ,
weite Ärmel, „aha, so könnte es gehen“, Erwartungshaltung,
das Taschentuch wird zur Taube aus dem Zylinder,
und doch staunen, „aahh“, macht die Menge.
Die Eltern freuen sich, dass ihre Kinder lachen,
Mann nützt die Gelegenheit, legt Frau die Hand an ihre Hüfte,
sie legt ihre auf seine, streichelnde Finger.
Der Hut geht um, die Hilfiger-Golfer-Verschnitte
und die Prada-Dämchen sind plötzlich in Eile,
die klimperndsten Münzen sind die der kleinen Leute.
Der Zauberer verbeugt sich tief, schwenkt den Arm in Theatermanier,
packt den Koffer wieder ein, das Äffchen klettert von seiner Schulter.

Der Zylinder und der Stab des Zauberers mit Konfetti und falschem Schnee

Der Zylinder und der Stab des Zauberers mit Konfetti und falschem Schnee

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: fest feiern | Inventarnummer: 24169

max, der Bauherr – Auf Rosen gebettet

Aus der Wiener Häuslbauer-Serie

max, der Bauherr, hatte wieder einmal kein Geld. Das war an sich der Normalzustand, denn gegen Ende der Rohbauphase geht allen Häuslbauern das Geld aus und der langjährige finanzielle Seiltanz ohne Netz beginnt. Tatsächlich hatte sich max bereits dermaßen an das geldlose Leben gewöhnt, dass ihm komisch zumute war, wenn er einmal mehr als einen Hunderter in der Tasche hatte. Aber diesmal war es ernst, denn übermorgen war Hochzeitstag und da wollte seine Elli ein bisschen verwöhnt werden – ein verständlicher Wunsch, wenn jeder Euro sofort in Zement, Dachziegel, Baustahlgitter etc. investiert wurde. Es soll schließlich auch ein Leben vor dem Tod geben, mit ein wenig Luxus wie Tanzen gehen, Theater, Restaurants, schöne Sachen zum Anziehen und so. Aber woher nehmen? max hatte gerade den Dachdecker ausbezahlt und das bedeutete monatelange finanzielle Dürre, bis wieder ein paar Euro nachwuchsen.

Anfangs war es ja noch lustig gewesen, seine Leute dergestalt zum Essen auszuführen, dass ein Baustoffhändler oder Möbelhaus beim Sommerabverkauf ein halbes Grillhendl mit einem Krügel Bier um fünf Euro feilbot. Einmal hatte der Computerlieferant von maxens Arbeitgeber eine Produktpräsentation mit spanischem Ambiente veranstaltet und so kam Elli in den Genuss einer Paella mit Flamenco-Tanzdarbietung, ein anderes Mal bekam max eine Einladung zu einer „Together-Party“ vor einer beruflichen Fachmesse und schwindelte seine Gattin mit dem Namensschild einer Kollegin in das Nobelhotel ein, was einen lustigen und luxuriösen Abend ergab. Mit der Zeit bekam max eine phänomenale Spürnase für alles, wo es in schönem Rahmen etwas Feines zu schnabulieren gab – Hausmessen großer Firmen, Jubiläumsfeiern, Vernissagen und so weiter. Aber das alles verflacht irgendwann einmal, ewig kann man sich nicht durchschwindeln.

Und dieses Mal war totale Ebbe; max hockte abends auf seiner Rohbau-Schwelle und seufzte vernehmlich. Sein Schräg-vis-à-vis-Nachbar Karl kam mit dem Hund vorbei und setzte sich verständnisvoll schweigend dazu. Er war mit seinem Haus schon fast fertig, weil er einen wohlhabenden Schwiegervater hatte. Und zwischen den paar Häuslbauern in der Umgebung war eine unglaublich gute Gemeinschaft entstanden, die weit über das Nachbarliche hinausging. Man kannte und vertraute einander, besprach seine Sorgen, half sich gegenseitig aus und hatte dieselben Interessen, unabhängig von Alter, Beruf und sozialem Status. „Thema eins oder zwei?“, fragte Karl mitfühlend (Thema eins war das Geld, Thema zwei waren die Frauen). „Kombiniert“, war die leise Antwort von max, „wir haben übermorgen Hochzeitstag.“ Der Nachbar pfiff leise durch die Zähne und dachte dann laut: „Übermorgen ist Sonntag, und du bist pleite, stimmt’s?“ max drehte in einer hilflosen Geste die Handflächen nach oben: „Wird auch vorbeigehen, mir wird schon was einfallen“, sagte er wenig überzeugend, „reden wir von was anderem, was macht ihr morgen?“ „Ich fange morgen mit dem Garten vor dem Haus an, um sieben Uhr früh kommt die Erde, und um acht der Gärtner, aber Helfer hab ich wieder keinen, weil mir der versoffene Kerl abgesagt hat“, ärgerte sich der Nachbar, „ich weiß noch nicht, wo ich da schnell wen bekommen kann!“

Aber dann hellte sich sein Gesicht auf und er sah max erwartungsvoll an: „Kannst du mir nicht helfen? Hättest du Zeit?“ max zuckte gleichmütig die Achseln: „Die Baustelle aufräumen wollte ich, das kostet nichts. Aber das kann ich immer noch. Ja, komm ich halt um achte zu dir.“ Der Nachbar strahlte: „Da ist mir viel geholfen. Aber ich möchte dir was geben dafür, der Hausarbeiter von meiner Firma hätte mich auch 15 Euro pro Stunde gekostet, ich will mich ja nicht bereichern!“ „Kommt nicht in Frage, Karl, wir haben uns immer umsonst ausgeholfen“, lehnte max kategorisch ab. Aber der Nachbar ließ nicht locker: „Schau, wenn ich es zusammenrechne, hast du mir schon öfter geholfen als ich dir. Und außerdem, den ausgeborgten Zement für meine Außenstiege bin ich dir auch noch schuldig, den muss ich aber zahlen, weil ich kaufe ja keinen mehr, das sind zusammen zwei Hunderter, in Ordnung? Kannst gleich deiner Elli eine Freude machen, ja? Beim Häuslbauen sind unsere Frauen eh selten auf Rosen gebettet!“ Er hielt max die Hand hin und dieser schlug erleichtert ein: „Also gut, wegen der Elli, ausnahmsweise!“

Max pfiff den ganzen Samstag vergnügt vor sich hin, der Hochzeitstag war gerettet. Abends besorgte er zwei Theaterkarten und bestellte für nachher einen Tisch im bewährten Restaurant. Aber irgendein „Highlight“ sollte es noch geben, etwas Extravagantes, Überraschendes. „Nicht auf Rosen gebettet“, hatte Karl, der Nachbar, gesagt. Es war Mitte Juni, überall blühten Rosen. Und Elli liebte Rosen, besonders die stark duftenden, wie sie die Schwester vom Karl am Zaun vom Nachbargrundstück stehen hatte, einen Riesenstrauch voll erblühter Rosen. max sprach mit Karl, dieser mit seiner Schwester, und alles war paletti.

Nach dem sonntäglichen Mittagessen fuhr max unter einem Vorwand zur freundlichen Nachbarin und pflückte büschelweise die lose überquellenden Rosenblätter in eine mitgebrachte große Keksdose. Als er diese aber im Auto noch einmal öffnete, um daran zu schnuppern kletterten einige kleine schwarze Käfer heraus! Max erschrak – das hätte noch gefehlt. Er gedachte nämlich Ellis Bettseite vor dem Theaterbesuch heimlich mit den Rosenblättern zu bestreuen, sie einmal im Leben echt auf Rosen zu betten, und wenn da die Käfer herumgekrabbelt wären – entsetzlich. Also leerte er die Dose auf den Nebensitz und füllte nun die Blüten kontrolliert wieder zurück, dabei die ehemaligen Bewohner von den Blättern pustend. Dann den Deckel zu und nach Hause.

Es ging alles gut, er konnte ungesehen sein Vorhaben ausführen. Sie genossen die Boulevardkomödie und anschließend ein lecker-leichtes Abendessen – Elli war selig. Und als sie vor dem Duschen ihr Nachthemd holen wollte, versprach max, es nachzubringen. Als die Angetraute nach der Wäsche rief, kam max ohne diese ins Bad und sagte mit dem gewissen Lächeln: „Wer braucht denn ein Nachthemd?“ Dann hob er – seine Kreuzschmerzen nicht achtend – sein nacktes Weib hoch und trug mit der Bemerkung: „Ich hab dir ja versprochen, dich auf Händen zu tragen“ die nunmehr großäugig Erwartungsvolle ins Schlafzimmer:

Der ganze Raum war erfüllt vom berauschenden Duft der überall verstreuten Rosenblätter. Elli kriegte fast einen Herzinfarkt vor Freude und schrie ekstatisch auf: „Jö, das gibt’s ja nicht, ach max, das hab ich mir immer schon gewünscht!“ Nun konnte max seine Last nicht mehr halten und ließ die hüllenlose Angetraute auf die Rosen gleiten. Aber der Effekt war unerwartet: Ellis erschrockenem Mund entfuhr ein eiskalter Aufschrei „Huhhuhuhuuu“ und sie sprang gänsehäutig wieder auf. Entschuldigend und verschämt erklärte sie dann: „Weißt, es war auf einmal so kalt auf der Haut nach der warmen Dusche, aber du hast mir so auch eine Riesenfreude gemacht. Das war der schönste Hochzeitstag seit Jahren! Und die Rosen heb ich in einem Glasl auf solang ich leb!“

Am nächsten Morgen, als Elli ins Auto stieg, krochen einige kleine schwarze Käfer über ihren Rock. Erschrocken und zornig hüpfte sie wieder heraus, kehrte die Krabbeltiere von Kleidung und Sitz und keifte max gehörig an: „Wo hast denn das Viechzeug her, direkt genier’n müssert man sich, wenn da wer mitfahrt!“ Und sie konnte nicht verstehen, warum max brüllend lachte, bis ihm die Tränen kamen – was denn daran so lustig sei?

Robert Müller

www.verdichtet.at | Kategorie: fest feiern | Inventarnummer: 24090

Heiliger Abend

Was kümmert uns der Weihnachtstrubel
Party, Feiern, Festtagsjubel
Geschenke kaufen, die keiner braucht
Pflichterfüllung bloß – schon die Auswahl schlaucht

Wir haben es da besser
Denn wir haben uns
Du hast mich und ich hab dich
Das ist das größte Geschenk, das man nicht kaufen kann

Wir feiern den Weihnachtsabend schlicht und einfach
Vitello Tonnato und ein Gläschen Wein
Ist das nicht fein?
Ohne Jubel, ohne Trubel

Denn du hast mich und ich hab dich
Das Christkind kommt geflogen
Hat ein Briefchen in den Händen
Darinnen steht in großen Lettern

Sie hat dich und du hast sie
Ihr habt euch
Welch Freude, dieser wahre Satz
Komm her zu mir mein Schatz

Frohe Weihnachten, meine liebe Schnuckelente!

Copyright: Wilfried Ledolter

Copyright: Wilfried Ledolter

Wilfried Ledolter (Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: fest feiern | Inventarnummer: 23190