Das Glücksschwein

Mit einem lebenden Glücksschwein spätnachts nach Hause kommen, ist schon was Eigenartiges, fast schon Unangenehmes! Welche Frau will schon ein Schwein zu Hause haben? „Als ob ich mit dir nicht schon genug hätte“, wäre wohl ihr zu erwartendes Statement um zwei Uhr früh im Schlafzimmer.

Wohin mit diesem Zappelphilipp? In die Küche wäre unhygienisch, eigentlich bliebe nur die Badewanne, mit Katzenstreu als saugfähiger Unterlage. Wirklich ein blöder Einfall, beim letzten Preisschnapsen im alten Jahr ein Ferkel als ersten Preis auszusetzen! Und gerade ich, der ich die letzten 20 Jahre nie über den vierten Preis hinausgekommen bin, muss diesmal gewinnen! Der Herbert, der den zweiten Preis gemacht hat – immerhin eine Kiste übriggebliebenes Weihnachtsbier –, der hätte wenigstens einen Stall gehabt, am Stadtrand, wo seine Tochter ihr Reitpferd hat.

In mir steigt ein finsterer Verdacht auf: Wie war das beim letzten Spiel? Hat sich der nicht absichtlich den „Vierziger“ zerrissen, um mich gewinnen zu lassen? Dieser falsche Hund! Aber ich kann nicht weiterdenken, weil jetzt quietscht das blöde Ferkel los und lässt sich nicht das Maul zuhalten. Wie ein Rache-Engel – das dazu passende lange Nachthemd tut das Übrige zu diesem Horrorbild – erscheint meine Frau in der Schlafzimmertür. Vom ungläubigen Staunen – sie presst die Augen zu und reibt mit den Händen darüber – bis zum haltlosen Zorn dauert es nur zwei Sekunden, dann geht die Schimpferei los. Nein, das will ich jetzt nicht wiedergeben, es sind zu viele Sünden meiner Vergangenheit, viele meiner schiefgegangenen „guten Einfälle“ und der Hinweis auf beginnende Altersblödheit dabei. Eigentlich – so fällt mir dabei ein – wäre ein kleines bisserl Alzheimer bei meiner Frau fast schon wünschenswert – vielleicht könnte sie sich dann an so manches nicht mehr erinnern.

Mein Hinweis auf Umwandlung des noch immer laut quiekenden Glückssymbols auf Spanferkel steigert die Wut und Verachtung meiner Eheliebsten zur Weißglut. Ich sei noch dazu brutal und blutrünstig – einen Schlächter werde sie an ihrer Seite nicht dulden –, dieses liebe, unschuldige Tierchen zu morden und gierig in meinen fetten Wanst zu stopfen! Aber in den Arm nehmen will sie dieses süße Ferkel auch nicht, denn gerade beginnt es der Natur ihren Lauf zu lassen: Da läuft etwas Warmes stinkend an meiner nagelneuen Hose hinunter auf den Parkettboden.

Schleunigst verlasse ich Frau, Wohnung und Haus, setze mich und das Ferkel ins Auto und rase durch die Nacht zu Herberts Pferdestall, um dort das Schwein zu verstecken, es also zu entsorgen. Leider hat der Stall eine Alarmanlage, die restliche Nacht im Polizeiarrest war unangenehm genug mit der nassen Hose, die Alkoholprobe war natürlich positiv und somit das Gegenteil der negativen Gardinenpredigt, mit der mich meine Frau dann abholte. Dafür hat sich die Tochter vom Herbert dann bei mir herzlich für das „geschenkte“ Ferkel bedankt.

Robert Müller

www.verdichtet.at | Kategorie: Von Mücke zu Elefant | Inventarnummer: 21106

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