Kanonenfutter

Bin auf der Durchreise. Kehre beim Deichwirt ein. Bestelle das „All-you-can-eat“- Angebot: Gulaschsuppe bis zum Abwinken.

Löffele meine Suppe. Herzhaft, würzig. Sämig. Fleisch etwas zäh.

Das Lokal dämmrig, im Hintergrund dudelt ein Radio. Am Stammtisch in der Ecke ein Rentnertrio: einer dick wie Calmund, einer mit Glatze wie Kemmerich, einer Strickjackenträger. Alle drei mit Suppentellern vor sich. Der Dicke schiebt eine Scheibe Brot quer in den Mund, Glatze füllt konzentriert Suppe vom Teller in seinen Rachen. Und Strickjacke hält einen Vortrag:

„Das Fleisch hätte sorgfältiger ausgewählt werden müssen, findet ihr nicht? Ein ganzes Rind, sagt Jupp, hat er billig bekommen, vor vier Tagen. Davon gibt es jetzt die Suppe.“

„Wenn das mal nicht einen unnatürlichen Tod gestorben ist“, der Kommentar dazu von Glatze.

Der Dicke schweigt und isst.

Strickjacke weiter: „Sogar eine Gulaschkanone hat er extra dafür gemietet. Darin kann man ja gar nicht schmackhaft kochen. Viel zu groß. Kochkunst hat etwas mit Sensibilität zu tun, mit Feingefühl. Mit wohldosierten Prisen, nicht mit schaufelweisen Zutaten. Mit zarter Hand, die sanft das Filet zerteilt, statt mit grobem Zerhacken von altem, zähem Fleisch.“ Er gerät ins Träumen.

„Dafür haust du aber ordentlich rein, Kalle“, sagt Glatze, ohne von seinem Teller aufzusehen.

„Na ja, für den Preis kann man wohl nicht mehr erwarten“, Strickjacke fuchtelt mit seinem Löffel wie ein Lehrer mit dem Rohrstock. „Auch nach vier Tagen Kochen wird aus billigem Fleisch kein Drei-Sterne-Gulasch, aus Jupps Lokal kein Michelin-Restaurant. Sehr bedauernswert, das. Dem Alten, Jupps Onkel Kurt, dem wäre das gar nicht recht. Der ist sehr streng und anspruchsvoll mit seiner Küche.“

„Deswegen lässt Jupp den ja auch nicht mehr rein“, nuschelt der Dicke mit vollem Mund, „da fliegen jedes Mal die Fetzen, wenn Kurt in seine Küche eindringt“, sagt er. Aus seinem Mund fliegen Brocken.

„Trotzdem“, doziert Strickjacke weiter, „wird der Jupp das hier mal erben. Leider. Da kann Kurt nichts dagegen unternehmen, er hat sonst keine Verwandtschaft.“

„Halte mich da raus.“ Glatze beugt sich tiefer über seinen Teller. Im Radio läuft Meat Loaf.

Strickjacke setzt seine Ansprache fort: „Wie auch immer, von billigen Zutaten kann man nichts anderes erwarten, daraus wird nun mal kein Gourmet-Menu. Da hilft auch kein starkes Würzen.“

Weiß gar nicht, was er hat. Finde die Suppe durchaus genießbar. Werde mir einen Nachschlag bestellen.

„Meine Damen und Herren, wir unterbrechen unser Radioprogramm für eine Vermisstenmeldung der Polizei. Gesucht wird der 84-jährige Kurt Sämig. Der Vermisste ist 1,72 m groß und von hagerer Statur. Zum Zeitpunkt seines Verschwindens trug er einen grauen Anzug und schwarze Schuhe. Auffallend an Kurt Sämig sind seine langen grauen Haare. Der Vermisste wurde zuletzt vor fünf Tagen in der Nähe seines Restaurants in Tückensiel gesehen.
Zweckdienliche Hinweise zum Verbleib von Kurt Sämig nimmt jede Polizeidienststelle entgegen.“

Kratze den letzten Tropfen aus meiner Suppentasse. Führe den Löffel zum Mund.

Weiß, dass ich nie wieder Gulaschsuppe bestellen werde: An meinem Löffel hängt ein langes graues Haar.

Renate Müller
www.renas-wortwelt.de

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 20030

 

 

 

image_print

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *