Boxer oder Eingriff?

Blau war seine Lieblingsfarbe. So viel war klar. Das war einfach.
Aber wie viele verschiedene Blaus gab es? Himmelblau, Nachtblau, Marineblau, Veilchenblau usw. Was würde ihm gefallen?
Robert stand auf der Straße und haderte mit sich. Boutique oder Kaufhaus? Amazon oder Otto Versand? Boxer oder Slip? Microfaser oder Feinripp? Eingriff oder Knöpfe? Seide oder Spitze? Nein, das dann doch nicht.

Erstmal eine Runde über den Marktplatz, eine Tasse Kaffee bei Tante Käthe. Und dann vielleicht Onkel Google fragen.
Strategisch angehen die Sache. So wie er es immer machte, so wie es immer zu guten Ergebnissen führte. Genau. Ein Projektplan musste her, eine Pro-und-Kontra-Liste, ein Gantt-Chart, Milestones definieren, Etat aufstellen, Stakeholder benennen.
Robert atmete auf. Das war der richtige Weg. Das wäre doch gelacht, wenn Ruth Recht behalten würde. Sie hatte vorgeschlagen, dass sie die Sache für ihn erledigen könne. Sie traute ihm eben nie etwas zu. Dabei war er der geborene Problemlöser. Der Stratege. Der durchsetzungsstarke Strippenzieher.

Wie lange stand die Bedienung schon neben seinem Tisch und wartete auf seine Bestellung?
„Ein blauer Kaffee mit Spitze, bitte.”
„Sie meinen doch wohl einen schwarzen Kaffee mit Milch, oder?”
„Hab ich doch gesagt. Und bringen Sie mir bitte etwas zu schreiben, ja? Einige große Blätter und mehrere Stifte in verschiedenen Farben.”
Als seine Bestellung kam, der Kaffee und das Schreibzeug, musste Robert erstmal den Platz wechseln. Die plakatgroßen Blätter, die der Kellner besorgt hatte, passten nicht auf den winzigen Bistrotisch. Robert zog mit allen Sachen in das Nebenzimmer des Cafés und entschied: „Hier kann ich gut arbeiten.”

Doch ohne Flipchart ging das nicht. Robert schaute sich um und entdeckte den kauenden Kellner: „He, kommen Sie mal. Geben Sie mir Ihren Kaugummi.“ Der Mann starrte ihn mit offenem Mund an. Robert juckte es in den Fingern, sich den Kaugummi selbst zu nehmen. Dann zuckte der Kellner mit den Schultern und spuckte den Kaugummi in Roberts Hand.
Der pappte damit den großen Bogen Papier an die Wand und vergaß sogar, sich zu ekeln.
Den anderen Bogen riss Robert in etliche kleine Stücke. Nun konnte er seinen Masterplan ausarbeiten.

Fünfzehn Minuten später stand Robert in unveränderter Haltung vor der weißen Wand, nur der Stift in seiner Hand war beinahe durchgenagt. Es war zum Mäusemelken, zum Das-Blaue-  vom-Himmel-Runterfluchen. Er kam keinen Schritt voran.
Aber noch würde er nicht aufgeben. Von vorne denken, nicht mittendrin anfangen. Geplant vorgehen, nicht impulsiv wie Frauen. Er war nicht emotional, er handelte stets rational.
Robert schrieb das Wort „Blau” mit blauem Stift oben auf das Blatt. Darunter mehrere Pfeile: ein roter führte zu Baumwolle, ein grüner zu Microfaser, der dritte in Violett zu Satin. Der vierte führte ins Leere, mehr Stoffarten fielen Robert nicht ein.
Nächste Stufe: Form Fragezeichen. Boxer, Slip oder großes Fragezeichen. Gab es noch andere?

Der Kellner brachte die fünfte Tasse Kaffee.
„Bitte bringen Sie mir einen Schnaps. Schnell”, flehte Robert.
Er kam nicht weiter. Und dabei war er noch gar nicht zur alles entscheidenden Frage vorgedrungen: Einzelstück oder Mehrfachpackung?
Der Schnaps kam und erschien ihm wie ein himmlisches Labsal, wie Manna, wie von Göttern gesandter Nektar. Jetzt würde es besser gehen.
Jetzt.
Jetzt klingelte sein Handy.
Ruth.
Sie rief so laut, als wollte sie ohne Satellitenhilfe kommunizieren: „Wo bleibst du denn? Die Besuchszeit in der Klinik ist fast vorüber. Hast du die Unterhosen für deinen Vater?”

Renate Müller
www.renas-wortwelt.de

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 20044

 

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