Maria

Maria ist ein Mensch, der mit den Augen spricht. Warm schauen sie einen an, dunkle Augen aus dunklen Höhlen. Sie legen sich auf einen und bringen Wärme und Ruhe. Alle Freude und alles Glück, die Maria ein Leben lang in sich gesammelt hat, und die oft unbarmherzig zurückgeschleudert wurden, wenn sie sie geben, schenken wollte, sie haben sich nicht in Gram und Widerborstigkeit verwandelt. Maria hat die zurückgeschlagenen Wogen, die sich wie nasse, schmutzige Putzlappen um sie legten, sie einhüllten und fesselten, nach einer Schrecksekunde, die sich oft unendlich lang ausdehnte, immer wieder eingesammelt, ausgewrungen und verwandelt in sich aufgenommen. Das kostet mehr Kraft, als die meisten Menschen aufbringen können.

Ich habe Maria kennengelernt, als sie um die sechzig war. Eine aufrechte Frau mit eben diesen sprechenden Augen, die so viel wissen und so viel schenken können, wenn man sie nur lässt. Leider sind sprechende Augen stumm und machen nicht lautstark auf sich aufmerksam. Sie warten und legen den Blick auf so vieles, was den meisten in ihrer Geschäftigkeit entgeht. Marias Augen ruhen still und unmerklich lächelnd auf ihrem Gegenüber. Sie sind bereit, alles einzulassen, was nun kommt. Es sind neugierige Augen, die ob all der Widrigkeiten nicht müde geworden sind, mit Spannung das zu suchen, was bereitsteht, was ihrer Eigentümerin zugedacht ist, sei es so oder so.
Ich versuche mir vorzustellen, was im Laufe von Jahrzehnten an ein derart aufmerksames Augenpaar anklopft. Unkompliziert hat Maria allem Einlass gewährt, selbst wenn sie wusste, dass ihre Gastfreundschaft mit Kummer verbunden sein wird. Reichtümer haben sich leise im Verborgenen angesammelt.

Wenn mich Maria anschaut, wird mir gleich wohler ums Herz. Seltsam, wie das geschehen kann. Eine stille Frau, die den Frieden, den sie im Laufe eines langen und beschwerlichen Lebens gefunden hat, gern und mit offenen Händen an jeden weitergibt, der seiner bedarf. Sie hat gelernt, die Unaufmerksamkeit hinzunehmen, die Interesselosigkeit abgleiten zu lassen und, was mir am Erstaunlichsten erscheint, sie hat keine Bitterkeit angesammelt. Immer wieder begegnet sie allen mit Freundlichkeit, mit einem Lächeln.
Unsere Augen hatten sich schon lange getroffen, aber trotzdem hat es noch einmal lange gedauert, bis wir zueinandergefunden haben.

Einige Male durfte ich das Strahlen deiner Augen erleben. Es galt mir, nur mir und ich konnte es gar nicht fassen, dass du dich so freust, mich zu sehen. Du gehst auf mich zu und richtest dich auf und umarmst mich und dann blicken mich deine Augen an, aus denen alle Wärme und alles Glück der Welt strahlen. Was braucht es mehr, was kann es mehr geben?
Aber dein Blick verunsichert mich. Verschämt weichen meine Augen aus. Ich bin nicht daran gewöhnt, so herzlich begrüßt zu werden. Aus Marias Augen strömen nicht nur die Welten und Zeiten, sondern auch die sieben Himmel. Ich spüre es, ich die Jüngere, die Fremde und doch so Vertraute. Maria, dein Herz ist so übervoll, in dir wohnt so viel Liebe, die die Menschen nicht zulassen können und aufnehmen wollen. Sie haben Angst, dir in die Augen zu schauen. So wird das wohl sein.

Jetzt bist du über siebzig und gehst schwer. Dein Rücken ist krumm und jeder Schritt bereitet dir Schmerzen. Es ist ein Kreuz. Kein Wunder, irgendwo lagern sich die Enttäuschungen und Rückschläge im wahrsten Sinne des Wortes auch im Körper ab. Du schleppst tagtäglich dein ganzes Leben mit dir herum und oft wird es dir zu schwer. Wen wundert es?
Als Kind musstest du die böhmische Heimat verlassen. Zum ersten von vielen Malen lerntest du damals bereits, das Vertraute und Schöne zurückzulassen. Nein, nicht zurückzulassen, sondern im Herzen zu bewahren. Ja, du hast es in dich aufgesogen, so wie all das Spätere, die Zurückweisungen, Trennungen und Enttäuschungen, die Entbehrungen, die Sorgen, den Kummer und die Schmerzen. Du gehörst du den Menschen, die die Kraft haben, all das zu verwandeln. Deine Augen sprechen von den Perlen, die du im Laufe deines Lebens in dir angesammelt hast. Aus all dem Ballast hast du sie mühselig herausgefiltert. Dein Rücken hat sich gebeugt, aber dein Blick ist klar und ruht auf denen, die ihn zulassen können, die ihn aushalten. Je länger ich dich kenne, umso vertrauter wird mir dein Blick, der mich umarmt und getrost ankommen lässt in deiner Nähe.

Schon bei der ersten Begegnung hast du mich fasziniert. Wir sind beim Studium der hebräischen Buchstaben aufeinander aufmerksam geworden. Ich habe sofort gemerkt, dass du so viel weißt, und dass sich in dir so viel von jenem Wissen zu einem Ganzen fügt, wenn es dir auch nicht vergönnt ist, es in Worte zu fassen. Du wusstest Zusammenhänge zu erkennen, die mir verschlossen sind. Beschämt in meiner Unkenntnis senkte ich damals den Blick. Jetzt, Jahre später, öffne ich meine Augen, um in deine zu schauen und darin all das zu erahnen, was nicht zu verstehen, sondern nur zu begreifen ist. Wir sind uns vertraut geworden und erzählten uns von diesem und jenem. Einmal hast du gesagt: Ich glaube, du erzählst mir mein Leben. Ist unser Weg so ähnlich?

Ich denke, in dir ist sich alles recht geworden. In dir ist eine Ordnung entstanden, und die Entdeckung des Hebräischen hat das mitbewirkt. Der Himmel hat dir einen flüchtigen Einblick gewährt, der dich trägt. Du ahnst, wie sich dort alles fügt und wie du gehalten und gestützt wirst, selbst wenn du zu stürzen meinst und jeder Schritt im Hier dir zu Qual wird. Du bist ganz geworden im Lauf deines Lebens. Du lebst in Frieden, wenn man dich lässt. Die Tiere sind dir zugetan. In ihnen entdeckst du vielleicht das, was den Menschen abhandengekommen ist, was du bei ihnen vermisst, was du oft vergeblich gesucht hast.

Wenn deine Augen zu mir sprechen, kann ich mich setzen und ruhen und alles drumherum wird unwichtig. So etwas können nur Augen ausrichten, in denen der Ozean ein Zuhause gefunden hat, aber nicht der blaue, der kalte, sondern der warme, der ewige.
Maria, deinem Namen müsste noch ein M zugefügt werden, damit er ganz wird, abgeschlossen und abgeschirmt gegen Verletzungen, rund. Mariam, das glaube ich, ist dein wirklicher Name.

Anmerkung: marjam (hebr. mar-bitter; majim-Wasser) Wasser steht für die Zeit, der im Hier und Jetzt alles unterworfen ist. So wie Mose mit dem Binsenkörbchen ins Wasser gelegt worden ist, ist sein Schicksal bestimmt worden, seinen Part in der Welt zu spielen. Er musste sich auf die Welt einlassen und alles auf sich nehmen. Seine Schwester heißt ja Mirjam und wird ihm immer wieder helfend zur Seite gestellt. So wie den Frauen aus biblischer Sicht die Aufgabe zukommt, die irdischen Belange zu lösen, um dem Himmlischen zum Durchbruch zu verhelfen.


Vor einem Jahr ist Maria verstorben. Ich habe aber oft das Gefühl, dass sie mir nahe ist, sich um mich kümmert. Ich bin so dankbar, dass sich unsere Wege gekreuzt haben.
18. Februar 2015

Claudia Kellnhofer

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt  | Inventarnummer: 15025

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