Ratzenkopf

Im zweiten Semester habe ich mir die Haare ganz kurz abschneiden lassen. Völlig ungeplant habe ich auf der Durchfahrt in Straubing einen Friseur aufgesucht und gesagt: Ganz kurz, bitte! Die Friseuse war etwas älter als ich und fing, ohne nochmals nachzufragen, sofort an, meine Haare zu schneiden. Eine Stunde später verließ ich den Salon als neuer Mensch. Ich fühlte mich richtig gut. Das Gefühl am Kopf war völlig anders. Wenn ich mir mit den Fingern darüber fuhr, war ich überrascht. Es fühlte sich ungewohnt an, aber gut. Meine Freundin Andrea hätte bestimmt klass gesagt, aber Andrea kannte ich damals noch nicht. Mein Spiegelbild im Schaufenster überraschte mich. War das wirklich ich?
Als ich zu Hause ankam, sagte meine Mutter nichts. Das war ihre Art, ihr Missfallen auszudrücken. Sie hatte die Angewohnheit, nichts Unangenehmes sagen zu wollen, deshalb schwieg sie lieber. Anscheinend war ihr meine neue Frisur zu wenig weiblich. Sie konnte es auch überhaupt nicht leiden, wenn ich keinen BH trug. Sie selbst hatte sich während des Krieges von russischen Gefangenen das Nähen eines Büstenhalters zeigen lassen. Erstaunlicherweise konnten die das, obwohl die russische Sprache über kein eigenes Wort für Büstenhalter verfügt. Die gefangenen Frauen waren alle gebildet, hatten eine höhere Schule besucht und verstanden es, den deutschen Mädchen die Anfertigung von so unentbehrlichen Kleidungsstücken beizubringen. Für meine Mutter gehörte das Tragen eines Büstenhalters zur unbedingten Notwendigkeit. Woher hatte sie nur ihre Sicherheit? Für sie stand ohne Zweifel fest, was man tat und was nicht. Sie brauchte keine Zustimmung und revidierte ihre Meinung auch nie, und falls doch, dann nur, weil sie meinem Vater das Gefühl geben wollte, dass sie seine Sicht der Dinge respektierte.
Auf jeden Fall schaute sie mich mit meiner neuen Frisur nur an, wandte sich nach wenigen Sekunden wortlos ab, um den Putzlumpen auszuwringen, ihn schwungvoll um den Schrubber zu legen und energisch den Boden der Stube zu wischen. Ich stand da und mir war klar, dass es höchste Zeit war, mir eine Arbeit zu suchen.

Den bodenlangen Rock, den mir die Tante aus rot-weiß gestreiftem Stoff genäht hat, hat meine Mutter auch nie leiden können. Wenn ich ihn trug, weigerte sie sich, mit mir spazierenzugehen. In ihren Augen gehörte es sich nicht, einen bodenlangen Rock zu tragen. Miniröcke hingegen gefielen ihr. Mit Maxiröcken wollte sie in keinster Weise in Verbindung gebracht werden, selbst wenn ich, ihre Tochter, einen trug. Mir fiel es schwer, an meiner Entscheidung festzuhalten. Ich war mir nicht mehr sicher, ob mir die Frisur und der Rock wirklich gefielen. Auch an der Weigerung, einen Büstenhalter zu tragen, zweifelte ich. In meinem Zimmer fand ich gleich drei Stück vor, die sie extra beim Vertreter für Textilien bestellt hatte. Es waren ausgesprochen modische Modelle, und ich probierte sie der Reihe nach an. Alle drei passten. Dafür hatte meine Mutter einen Blick. Sie drängte mich, alle zu behalten. Das war eine existenzielle Anschaffung, und es war falsch, an Büstenhaltern zu sparen. Noch dazu jetzt, da die Haare abgeschnitten waren.

Am nächsten Tag war die Hochzeit meines Cousins. Es hieß, er müsse heiraten, weil seine Freundin schwanger sei. Wir hatten kaum Kontakt mit der Verwandtschaft, aber ich konnte mir meinen Cousin überhaupt nicht als Ehemann vorstellen. So wenig ihm der Hochzeitsanzug stand, passte die Frau an seiner Seite zu ihm. Auch das Hochzeitsfest sowie das Feiern überhaupt passten zu uns allen nicht.  Meine Familie und Verwandtschaft feierten nie freiwillig. Wir konnten das alle nicht. Wir konnten nie fröhlich und ungezwungen sein. Ich habe keine Erklärung, warum das so war. Trotzdem gehörte es sich, zur Hochzeit zu gehen, und meine Mutter sperrte am Samstagmittag sogar ihren Laden zu. Das musste man ihr hoch anrechnen, weil das ja doch einen beträchtlichen Verdienstausfall  bedeutete. Ich zog das Dirndl an, das ich mir in München gekauft hatte. Auch das mochte meine Mutter nicht. Sie trug nie eine Tracht. Sie war eine Städterin, obwohl sie ihr Lebtag lang auf dem Dorf gewohnt hatte und nie länger als wenige Tage in München oder Regensburg zu Besuch war. Andere Städte hat sie ohnehin nicht bereist. Sie trug einfache, aber elegante Damenmode mit klaren Linien. Ihre Schwester nähte alles nach ihren eigenen Vorstellungen, und es musste passen, sonst zog sie es nie an. Ich frage mich immer wieder, warum sie mir diese Kompromisslosigkeit nicht vererbt hat. Damit könnte ich viel leichter durchs Leben gehen. Aber wahrscheinlich wollte es mir meine Mutter einfach nicht zu leicht machen.

Die Hochzeitsfeier fand bei hochsommerlichen Temperaturen statt. Die Braut mit langen braunen Haaren lächelte in ihrem weißen Brautkleid, das sich für eine Schwangere auch nicht mehr gehörte. Ihr Mann lächelte jenes süffisante Lächeln, das ihm und uns allen so eigen ist. Genauso wenig wie wir feiern können, können wir einfach fröhlich sein und schon gar nicht lachen. Wir können uns lediglich verschreckt, über uns selbst beschämt lächelnd, bedauern. Das tat nun auch mein Cousin an seinem Hochzeitstag, während seine Frau linkisch an seinem Arm hing. Ich ging neben meiner Mutter einher und fühlte mich leidlich wohl in meinem neuen hochgeschlossenen Dirndl mit taubenblauer Schürze und den recht kurz geschnittenen Haaren. An den Ohren und im Nacken fühlte ich mich reichlich nackt und fuhr immer wieder mit den Händen darüber. Ein entfernter Verwandter, der hinter mir ging, sagte beim Überholen zu meiner Mutter: „Aha, das ist deine Tochter! In der Kirche habe ich schon immer überlegt, wer das Mädchen mit dem Ratzenkopf sein könnte.“ Meine Mutter antworte nicht. Das lag zum einen daran, dass sie den Mann verachtete und es ihn auch spüren ließ, und zum anderen lag es daran, dass sie mich vor ihm nicht der Lächerlichkeit preisgeben wollte. Soweit fühlte sie sich mir als Mutter in Solidarität verpflichtet. Ich selbst konnte nicht anders als süffisant zu lächeln. Der Nachmittag verlief total langweilig. Eine Band spielte nicht. Wenn die Braut schwanger war, gehörte sich das nicht. Außerdem war mein Onkel, der Vater des Bräutigams, verstorben. Das war ebenfalls ein Grund, ohne Musik zu heiraten. Wahrscheinlich wären die Ausgaben für eine Kapelle auch zu hoch gewesen. Und an das Fröhlichsein waren wir alle ohnehin nicht gewöhnt, ob mit oder ohne Musik.
Es gab Kaffee und Kuchen. Der ältere Bruder des Bräutigams war Bäcker. Meine Mutter warf einen fachkundigen Blick auf die Gebäckstücke, kostete mit einem Gesichtsausdruck, der dem Prüfungsausschuss der Bäckerinnung bei der Abnahme der Meisterprüfung im Konditorhandwerk gestanden hätte, und sagte vertrauensvoll zu mir: „Alles mit billigem Öl!“ Es war klar, dass wir uns beim Verzehr zurückhielten. Die Verwandtschaft sollte ruhig merken, dass wir die billigen Zutaten aus den Torten herausschmeckten. Niemand konnte uns zwingen, uns den Magen zu verderben. Ich rührte im Kaffee und blickte umher. Das gleiche taten all die anderen. Schließlich bestellte meine Mutter für uns beide einen trockenen Weißwein. Damit signalisierte sie, dass sie Stil hatte.
Ich langweilte mich, kam mit niemandem ins Gespräch. Diejenigen, die sich mit meiner Mutter unterhielten, meinten mit einem schrägen Blick zu mir: „Dir schaut's aber überhaupt nicht gleich, deine jüngste Tochter!“ –„Ja mei, die schaut auch in die Kramerart. Ich hab mich bei keinem Kind durchgesetzt.“ Und wenig glaubwürdig fügte sie noch hinzu: „Aber meine Schwägerinnen sind ja allesamt so feine und elegante Damen.“ Unschwer war herauszuhören, wie sie sie verachtete. Auch wenn sie teure Seidenstrümpfe mit Naht trugen und mit Stöckelschuhen rumstolzierten, konnten sie nicht im Entferntesten mit ihr mithalten. Dessen war sie sich sicher, obgleich sie das Gegenteil davon in Worte fasste. Meine Mutter hatte von der schweren Arbeit Krampfadern an den Schienbeinen und trug aus Sparsamkeit billige Perlonstrumpfhosen, aber bei ihr stimmte immer das Erscheinungsbild. Keine Ahnung, wie sie das machte. Darum beneide ich sie noch heute.

Ich hatte mir also einen Rattenkopf schneiden lassen, und es würde mindestens bis zum Winter dauern, bis die Haare wieder etwas nachgewachsen wären. Lediglich meine Cousine, die ältere Schwester des Bräutigams, die ich insgeheim bewunderte und die mir immer recht selbstbewusst erschien, obwohl sie ohne abgeschlossenes Grundschullehramtstudium mit fast dreißig Jahren immer noch unverheiratet in München lebte, sagte zu mir: „Coole Frisur, du traust dich!“ Ich lächelte erneut jenes süffisante Lächeln und zuckte mit den Schultern. Antworten brauchte ich nicht, denn sie schickte noch neugierig interessiert die Frage nach: „Hast du einen Freund?“ Auch darauf antwortete ich lediglich mit einem Schließen der Augen und einem Aufeinanderpressen der Lippen, was sie als verschämte Zustimmung auffasste. Mir hingegen war zu Ohren gekommen, dass sie, obwohl sie so gut aussah und die halblangen blonden Haare zu Locken gedreht hatte, an einen verheirateten Mann geraten sei, der sie hinhalte. Sie meinte noch: „Dass du jetzt auch Lehramt studierst, versteh’ ich nicht. Du warst doch immer so gescheit. Warum studierst dann nicht auch was Gescheites?“ Ich wusste nichts zu antworten, und meine Mutter mischte sich in dem Glauben, mir beistehen zu müssen, ein: „Sie braucht einen gescheiten Beruf. Wer weiß, ob sie einen zum Heiraten findet.“ Das war natürlich auf meine Cousine gemünzt, die sich erneut süffisant lächelnd anderen Gästen zuwandte. Schließlich war sie der einzig interessante Hochzeitsgast. Sie hatte zwar nicht einmal das von allen als komplett primitiv eingestufte Pädagogikstudium an der PeHa geschafft, hatte aber während ihres überaus langen Studiums vor allem die ebenfalls langen Semesterferien zum Verreisen genutzt und konnte etwas erzählen. Ihre Eltern schimpften einerseits, weil sie so viel teures Geld vergeudet hatte. Davon hätte man wahrscheinlich locker ein weiteres Haus bauen können, aber irgendwie waren sie dennoch stolz auf ihre unkonventionelle Tochter. Bloß zum Heiraten wär's halt langsam Zeit geworden.

Das Brautpaar verließ am Spätnachmittag überraschend und wortlos die Hochzeitsgesellschaft. Beinahe hätte es gar niemand mitbekommen, wenn sie sich nicht so unbeholfen in ihren ungewohnten Kleidern bewegt hätten. Jene Cousine verkündete dann, dass das Paar zum Flughafen fahre. Das war nun in der Tat etwas völlig Neues. Keiner der Anwesenden war bestimmt jemals am Flughafen gewesen, geschweige denn mit dem Flugzeug geflogen. Das war also die neue Zeit. Das Brautpaar ging auf Hochzeitsreise. Unvorstellbar. Flitterwochen kannte man lediglich aus den Hollywoodfilmen. Die Cousine meinte: „Die beiden sollten es sich gut gehen lassen. Es geht ja sowieso alles so schnell vorbei.“ Dabei hatte sie etwas Melancholisches in ihrem süffisanten Lächeln, und ich verstand, wie ihr eigentlich zumute war.
Die Hochzeitsreise sollte zu einem jener verführerisch klingenden Orte im Süden gehen, die mir alle gleichsam unbekannt waren. Mallorca, Rimini oder Split. In Gedanken stellte ich mir den Flughafen, den Innenraum des Flugzeugs mit den Stewardessen, die Drinks reichten, vor. Auch vom palmenbestandenen Sandstrand tauchte in meinem Kopf ein Phantasiebild auf, das mir gut gefiel, und das ich in Gedanken ständig weiter ausbaute. Dann wanderten meine Vorstellungen zum Hotel, zur marmornen Eingangshalle, zum Pagen in Uniform, der das Gepäck entgegennahm, zum Lift, der mit Spiegeln ausgestattet war, und zur Hochzeitssuite, in der sich das Brautpaar seiner Leidenschaft hingab. Es erschien mir aber fraglich, ob sie noch leidenschaftlich sein konnten, nachdem die Braut ja bereits schwanger war.
All diese Vorstellungen lebten lange in meinem Kopf und tauchen auch jetzt wieder auf, wenn ich mir jenen fernen Tag in die Erinnerung zurückrufe.

Nachdem sich das Brautpaar so davongestohlen hatte, löste sich auch die Hochzeitsgesellschaft rasch auf. Es hatte sich erneut herausgestellt, dass das Feiern nichts brachte, zumal es meiner Verwandtschaft eigen war, nicht fröhlich, geschweige denn ausgelassen und unbeschwert sein zu können.
Wir gingen heim, saßen in der Stube noch strickend beieinander und waren uns einig, dass diese Hochzeitsfeier nichts Gescheites gewesen war. Daran hat nun auch die schöne Braut mit den langen braunen Haaren nichts ändern können. Mit meinem Ratzenkopf war ohnehin über Jahre hinweg an keine Hochzeit zu denken.

Claudia Kellnhofer

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt| Inventarnummer: 15014

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