Vom Brotteig Kneten, Stricken und Schreiben

Es gibt Dinge, die einen prägen. Ich meine keine Prägung im Sinne des Pawlow‘schen Hundes, derartiges finde ich völlig verachtenswert. Absichtlich ein Verhalten hervorrufen zu wollen, ist mir in der Erziehung bei Mensch und Tier gleichermaßen suspekt. Es widerspricht meiner Vorstellung von Freiheit und Schöpfungsauftrag.
Vielmehr denke ich an Lebensumstände und Verhaltensweisen, mit denen man natürlich konfrontiert wird, und die man entweder ablehnen oder annehmen kann. So können Menschen in ein und demselben Umfeld ganz unterschiedliche Prägungen erfahren. Ich beobachte das bei meinen Geschwistern.
Was hat mich also geprägt? Je älter ich werde, umso mehr stelle ich fest, dass es ganz einfache Dinge sind, die sich mir wie Brandzeichen eingeprägt haben. Es ist der Umgang mit Teig und mit Wolle. Traditionell weibliche Refugien, aber das muss ja nicht schlecht sein.
Meine Mutter hatte objektiv betrachtet ein ausgesprochen schweres Leben. Sie hat es aber auch ausgesprochen gut verstanden, innerhalb der eng gesteckten Grenzen ihre Leidenschaften zu pflegen und dadurch innerlich frei zu sein und zu bleiben. So sehe ich das heute.
Sie stammte aus einer Bäckerei und der Umgang mit Brotteig war ihr nicht nur selbstverständlich, sondern sogar lebensnotwendig. Damit meine ich nicht, dass man Brot zum Essen braucht, ich wurde in der Zeit des Wirtschaftswunders groß, sondern dass ihr das Kneten von Brotteig innere Ruhe verschaffte. Immer, wenn sie schlecht drauf war, „rührte sie an“, womit sie die Herstellung des Sauerteigs, des „Uras“, bezeichnete. Dazu musste Wasser mit Roggenmehl vermischt werden. Es entstand ein zäher Baaz, der in einem uralten, braunen und angeschlagenen Tongefäß zur Gärung gegeben wurde. Es dauerte ein paar Tage, der Sauerteig wurde mit einem Holzlöffel immer wieder umgerührt, mit einem Geschirrtuch zugedeckt und entwickelte langsam Bakterien, sodass er immer mehr wurde. Manchmal passierte es über Nacht, dass er aus dem Topf rann. Er wurde lebendig, und es war schwer, den zähen Teig wieder wegzuputzen. Alle Lappen klebten und auch von den Händen bekam man ihn kaum mehr ab. Man muss kaltes Wasser benutzen, mit warmem klebt alles noch besser. Auch so eine Erfahrung. Ich erinnere mich noch sehr gut, wie sich meine Mutter freute, wenn das Ura ging. Mit Begeisterung begann sie, den Brotteig zu kneten. Ohne irgendetwas abzuwiegen, schaufelte sie das schwarze Roggenmehl, das Gerstenmehl und das weiße Weizenmehl in eine riesige orange Plastikschüssel. Die Gewürze zerkleinerte sie mit dem Nudelholz auf dem Nudelbrett, es waren Koriander und Anis. Die Aniskörner kaue ich auch heute noch gern. Das Kneten ging ruck zuck. Es schaute furchtbar leicht aus, doch wenn ich es selbst probierte, verließen mich bald die Kräfte, und meine Muskeln im rechten Arm stellten sich als hoffnungslos untrainiert heraus. Auch wenn ich mich bemühte, mir meine Schwäche nicht anmerken zu lassen, schaute sie mich voller Verachtung an und meinte, ich solle mich nicht so anstellen. Der Bäckeropa hätte mir schon längst den Teig ins Gesicht geschmissen. Schließlich schubste sie mich weg und griff mit ihrer Rechten in die Masse. Sie wollte es auch selber machen, weil sie diese Arbeit für ihre Seele brauchte. Es herrschte ein intimes Verhältnis zwischen dem Teig und ihr. Mit der Linken hielt sie den Rand der Schüssel fest und drehte sie immer wieder, damit alles gleichmäßig durchgeknetet wurde. Je nach Bedarf kamen noch Mehl und Wasser dazu. Beim Kneten war meine Mutter glücklich. Ich glaube heute sogar, das war das Schönste, was es für sie gab. Sie brauchte alle Kräfte, die in ihr steckten. Sie powerte sich gewissermaßen komplett aus. Sie hatte den Teigklumpen in Händen, an dem sie sich abarbeiten konnte. Wenn sie dann die Laibe formte, war sie so geschickt, dass wenige Handgriffe genügten. Sie sagte, man dürfe nicht zu lange daran rumkneten, sonst verderbe man ihn. Es musste schnell gehen, und sie konnte mir auch dabei nicht zusehen, weil ich viel zu langsam und vorsichtig war, weil ich mich immer bemühte, es möglichst gut zu machen und immer noch nachbesserte. Das konnte sie nicht leiden. Man knetet rasch und legt die Laibe zum Gären unter ein Tuch. Zuletzt wurden noch ganze Gewürze in den Laib gedrückt. Man streute diese aufs Nudelbrett und wiegte das Brot ein-, zweimal darüber. Wenn alles richtig war, klebte es weder an den Fingern noch am Brett.
Leider hatten wir nur einen Küchenherd und keinen Backofen. Meine Mutter musste sich also bescheiden, was das Einschießen betraf. In der Backstube, wo sie die glückliche Kindheit und Jugend verbracht hatte, war das das Größte überhaupt. Die Laibe mit dem flachen Holzbrett am langen Stiel in den Ofen zu schieben und auf die gemauerte Backfläche zu schubsen. Auch das musste unheimlich schnell gehen. Man konnte ja den Ofen nicht lange offen lassen, weil sonst die Hitze entweicht. In unserem Herd war es natürlich wesentlich schwieriger, eine gleichmäßige Hitze zu halten. Manchmal wurden die Brote wunderbar, manchmal sprangen sie oben auf, manchmal rissen sie unten ab, aber sie schmeckten ja trotzdem.
Grundsätzlich hatte meine Mutter den Hang, alles leicht zu verbrennen. Das steckte irgendwie in ihr drin und sie konnte es nicht ablegen, ein Scheit oder eine Schachtel zu viel ins Feuer zu schieben. Aus Sparsamkeit heizten wir hauptsächlich mit Kartonagen, die als Verpackungsmaterial im Laden anfielen. Umweltfreundlich war das natürlich nicht, aber daran dachte man damals noch nicht. Das Brotbacken war eine Sache der Ehre! Sie war stolz auf sich und wir auf sie. Niemand sonst buk in den 70er Jahren Brot. Die Alternativen und Grünen kamen erst zehn Jahre später. So waren wir gewissermaßen der Zeit voraus. Postmodern? Die meisten dachten aber, wir hinkten dem Zeitgeist hinterher. Die Eltern einer Freundin bezeichneten meine Familie sogar als antiquiert und sahen es nicht gern, wenn wir zusammen waren.

Die zweite Sache, die meiner Mutter geholfen hat, die Nerven zu bewahren, war das Stricken. Es hatte therapeutische Bedeutung. Sie strickte jede freie Minute, immer und überall. Sie hatte ein Gestrick für zu Hause, etwas Kompliziertes, und eins für unterwegs, das waren meist Socken. Zu Hause strickte sie in den frühen Morgenstunden, wenn sie die ruhige und freie Zeit noch nützen wollte. Sie strickte während des nachmittäglichen Kaffeetrinkens, das eingeführt wurde, als mein Bruder als Lehrer ans Gymnasium kam. Offensichtlich hat er diese Gepflogenheit beim Studium kennen gelernt. Sie strickte abends, nach Ladenschluss, um 20 Uhr, nachdem sie die Kasse gemacht und alle Einnahmen nebst Ladenschlüssel in eine Plastikgeldtasche mit Reißverschluss gesteckt hatte,  ein Werbegeschenk der Sparkasse. Diese Tasche legte sie, wenn sie ins Bett ging, unter das Kopfkissen. Abends strickte sie am liebsten und erzählte von den Kunden im Laden, wobei wir viel Spaß hatten, Verkaufsgespräche parodistisch nachzuahmen. Die Kunden hatten ja alle so ihre Eigenheiten und man kannte sie ein Leben lang. Das war Theater live und täglich, was aber auch enorm anstrengte, weil ja fast kein Raum für Privatsphäre blieb.
Abends strickte meine Mutter mindestens bis 22 Uhr, manchmal auch länger, wenn sie der Ehrgeiz packte und sie etwas unbedingt fertig bekommen wollte. Im Alter behauptete sie sogar, ganze Nächte durchgestrickt zu haben. Wir hatten Pullover, Kleider, Röcke, Jacken und später sogar Decken und Teppiche. Dann hat sie es echt übertrieben. Ich glaube, sie ist süchtig gewesen. Das Coolste, was sie mir je gestrickt hat, war ein Kleid aus lauter Wollresten. Der Rock war total bunt, immer nur eine Reihe mit einer Farbe. Leider reichten die Reste nur für den Rock. Beim Oberteil sparte sie und nahm eine Farbe, die sich nicht verkaufen ließ, einen Ladenhüter, und zwar in Orange, wie es die Straßenarbeiter trugen. Ich wollte sie noch umstimmen, aber da war nichts zu machen. Die Wolle musste weg und die andere konnte man verkaufen. Ich habe mich geschämt und wurde ausgelacht, aber das war ihr egal, da musste ich durch. Der Rock war aber echt super und auch praktisch. Man konnte immer wieder ein paar Reihen anstricken, wenn ich wuchs und wenn wieder Reste angefallen waren.
Strickend hat sich meine Mutter von der Last des Tages erholt. Sie hat sich gewissermaßen alles von der Seele gestrickt. Voller Stolz hat sie auch erzählt, dass sie sich schon in der dritten Klasse selber einen Pullover gestrickt hat und ihre jüngere Schwester sogar schon zur Einschulung eine Weste, da kam natürlich raus, dass wir sie total enttäuschten. Ich bat sie, mir das Stricken zu lernen, aber dafür hatte sie keine Geduld. Sie wollte auch nicht zu viel Zeit für ihr eigenes Strickwerk verlieren, und ich nervte sie schnell, weil ich mich selten dämlich anstellte. Schließlich sagte sie, sie könne niemandem etwas beibringen. Wenn man etwas lernen will, dann muss man sich selbst anstrengen. Sie hat auch alles von alleine gelernt, es sich abgeschaut. Ihren Bruder durfte sie in der Backstube nicht zweimal nach einem Arbeitsschritt fragen, da sei er gleich grantig geworden. Also hat sie es sich gemerkt oder schnell aufgeschrieben. Man darf die Leute nicht von der Arbeit abhalten.
Bei mir hat das mit dem Abschauen irgendwie nicht so geklappt. Vielleicht hat sie aber auch zu schnell gestrickt, dass ich gar nicht so schnell schauen konnte. Ich musste also warten, bis wir in der Schule das Stricken lernten. Das war in der dritten Klasse. Wir sollten Wolle und Nadeln mitbringen. Und da zeigte meine Mutter nun wieder ihre wenig pädagogische Art. Sie gab mir hellblaue Babywolle mit, superweich und superdünn, mit einer phänomenalen Lauflänge von mehreren hundert Metern, also beste Qualität, aber die Farbe war halt wieder absolut schrecklich, leider wieder ein Ladenhüter. Meine Proteste entkräftete sie, indem sie mir erklärte, dass sie sich früher glücklich geschätzt hätte, wenn sie neue Wolle bekommen hätte. Sie musste immer aufgetrennte verarbeiten. Außerdem müsse ich ja ohnehin erst üben.
Zu der Wolle kamen noch Eineinhalber-Nadeln. Dünnere gab es nicht. Laut meiner Mutter könne man die Qualität von Strickwaren an der feinen Nadelstärke ablesen. Zudem waren sie dreißig Zentimeter lang. Eine ziemliche Herausforderung! Alle anderen Mädchen in der Klasse hatten kurze Nadeln und dickere Wolle in schöneren Farben. Die junge Lehrerin erklärte die hohe Kunst des Strickens nach den vermutlich neuesten pädagogischen Richtlinien an einem gut sichtbaren Schauobjekt und zeichnete auch die Maschen an die Tafel. Es gab Abbildungen, die schrittweise das Fadenholen veranschaulichten. Ich kam ganz gut mit, aber mit der superdünnen Wolle und den superdünnen Nadeln war das nicht so einfach. Ich wickelte den Faden um den Zeigefinger und irgendwie zurrte er sich so fest, dass mir fast der Finger abstarb. Nachdem ich den Anschlag endlich geschafft hatte, strickte ich einige Reihen, wobei auf mysteriöse Weise von Reihe zu Reihe die Maschen weniger wurden. Ich war ehrgeizig und wollte es den anderen zeigen. Schließlich musste mir diese Handarbeit ja irgendwie im Blut liegen. Aber alle schauten mich nur mitleidig an. Es ging überhaupt nicht vorwärts. Die anderen hatten schon ein Riesenstück heruntergenadelt mit ihren dicken Wollen und bei mir sah man noch kaum etwas. Ich wäre am liebsten im Erdboden versunken. Auch die Lehrerin konnte nicht helfen. Es mangelte an den Voraussetzungen.
Zu Hause meinte meine Mutter nur lakonisch, dass ich irgendwann schon noch begreifen würde, dass das doch der richtige Weg sei. Nur faule Menschen stricken mit dicker Wolle. Die dicke sei ja auch viel billiger. Damals konnte ich ihr das noch nicht abnehmen. Schließlich habe ich aber doch irgendwann die Technik beherrscht und etliches mit hauchdünner Wolle gestrickt. Da war sie stolz auf mich und hat sogar meine Pullover ins Schaufenster gelegt, aber das war erst fünfzehn Jahre später. Ich lernte geduldig Masche für Masche und Reihe für Reihe zu stricken, bis endlich etwas fertig war. Da hat sie mir sogar ganz feine Angorawolle gekauft, die man weder auftrennen noch waschen konnte. Da musste wirklich jede Masche sitzen. Ich habe mir daraus einen schönen Pullover gestrickt, der im Lesesaal der Uni, wo ich inzwischen meine Tage verbrachte, alle Blicke auf sich zog. Leider wusch ich einmal aus einer Laune heraus völlig unbedacht das gute Stück und verdarb es. Lange verheimlichte ich diese niederträchtige Tat vor meiner Mutter. Einmal erfuhr sie es aber doch und wandte sich wortlos ab. Grenzenlos war ihr Unverständnis, ja ihre Enttäuschung. Ich sah keine Möglichkeit, das je wieder gut zu machen. Dabei verschmerzte ich den Verlust meines  wunderbaren Pullovers leichter als den Kummer, den ich meiner Mutter durch meine blindwütige Waschlust zugefügt hatte.
Zu einer Meisterin auf dem Gebiet der Strickkunst habe ich es nie gebracht. Ich beherrschte schwierigste Muster und Modelle, aber ich nahm mir immer häufiger zu große Projekte vor, die ich dann immer öfter unvollendet liegen ließ.

Und jetzt habe ich mich für die Buchstaben entschieden. Sie sind mir lieber als die Maschen. Ich schreibe Geschichten und werde mich davor hüten, sie zu heiß zu waschen. Ähnlich den Pullovern müssen auch die Geschichten passen. Genauso wie Pullover, die niemand trägt, keinen Sinn ergeben, so sind auch Geschichten wertlos, die niemand hören oder lesen will, die niemanden ansprechen und die nicht unter die Haut gehen, die nicht die Kraft haben, Verbündete zu finden. Geschichten sind ja etwas Lebendiges. Ich erzähle sie so, wie sie in mir wohnen. Doch diejenigen, die davon in irgendeiner Weise betroffen werden, nehmen sie ja wieder in ihr Innerstes auf und dort verändern sie sich, passen sich den neuen Wohnverhältnissen an und entwickeln ein Eigenleben.

Claudia Kellnhofer

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 14078

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