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Die Blätter fallen

Die Blätter fallen und fallen.
Ich reche und reche.
Die Blätter fallen,
ich reche.
Ich verbiete mir selbst
Gedanken an Monotonie.
Die Blätter – ich reche.
Ich verbiete mir selbst
Gedanken von Sinnlosigkeit.
Die Blätter fallen,
ich reche meinen Perfektionismus weg.

Ich inhaliere
die frische Morgenluft
in meiner entschuldbaren
Für-mich-allein-sein-Zeit.
Während ich die Farben des Herbstes,
bereichert durch milden
Sonnenschein, bewundere,
reche ich meine trübe
Stimmung weg.

Beim nächsten Mal,
wenn ich am Beginn des Winters reche,
schreibe ich vielleicht sogar
über die sprießenden Blätter
und Blüten des Frühlings.

Frank Joussen

www.verdichtet.at | Kategorie: an Tagen wie diesen … | Inventarnummer:  26272




Robin Hood in Gumpoldskirchen

Neulich fand ich im Internet ein Meme: Ein grüngekleideter Typ mit Schnauzbärtchen und ein weiterer, etwas dickerer Kerl unterhalten sich zwischen Büschen hockend. Der Dicke: „Hast du mein Deo gestohlen?“
Antwort: „Ich stehle von den Reichen und verteile es unter den Armen.“
An wen muss man denken, selbst wenn es hier kein Foto von Erol Flynn in froschgrünem Wams und Strumpfhosen gibt?
Genau.
An einen Gesetzlosen, der vor achthundert Jahren dafür gekämpft haben soll, dass Richard Löwenherz (der nebenbei England nicht sonderlich mochte und sein Herz in Frankreich begraben ließ) seinem Bruder Johann Ohne Land England wieder abjagen konnte (das der sich während des brüderlichen Kreuzzuges angeeignet hatte).

Um Enttäuschungen zu vermeiden, vorab ein Dementi: Robin Hood war nie in Gumpoldskirchen.
Die Marktgemeinde am Rande des Wienerwaldes im Bezirk Mödling ist dabei wirklich ein hübscher Ort. Ursprünglich wollte ich gar nicht hierher, sondern ins 16 Kilometer entfernte Kaltenleutgeben, wo Mark Twain gekurt und wovon er in seiner Autobiografie berichtet hatte. Nix ist es damit geworden, ähnliche Aerosole wie der von mir heiß geliebte Schriftsteller zu inhalieren.
Stattdessen stieß ich dort, wo sogar der Reblaus eine Skulptur gewidmet ist, auf eine Räubersgeschicht’ aus der Zeit der K.-u.-k.-Monarchie nach 1848.

Wenn man die Hauptstraße mit ihren niedrigen, in die Tiefe ragenden, hübsch bunt getünchten Bauten bergauf entlanggeht, landet man hinter dem Kirchenplatz an der Pforte eines Schlosses. Mit meiner Freundin, die mir ein fürwahr nobles Kulturwochenende zu meinem Sechziger geschenkt hatte, floh ich vor der mittäglichen Hitze eines Julisamstags in das Gebäude, das Friedrich II. dem Deutschen Orden geschenkt hatte und heute als Seminarhotel geführt wird. Auf dem Weg zur Kapelle begegneten wir einem freundlichen Herrn mit schütterem Haupthaar in gediegenem Hemd und Edeljeans, der uns bat, hinter uns die Türen zu schließen, wenn wir das Haus erkundeten.
Dieses war liebevoll mit hübschen Blickfängen eingerichtet, wie etwa wunderschönen Kachelöfen, würdevollen Sekretären (Möbelstücken, keine Schreibtischhengste) und Nippes. Auf einem im Vergleich prosaisch wirkenden Beistelltischchen begegnete ich dem Herrn nochmals zweidimensional auf einem Hochzeitsfoto mit der Aufschrift: Ihr Gastgeber, Fürst Ladislaus-B.-S., was vielleicht nicht jeden Leser dieser Zeilen hinterm Ofen hervorlocken mag, mich aber umso mehr bewegte, zunächst allerdings ohne zu wissen, warum. Eigentlich hab ich es gar nicht so mit Adel.

Am Abend recherchierte ich dennoch ein wenig Feudalgeschichte. Das Stammschloss der noblen Familie lag in der Ortschaft K. in Ungarn, einen Katzensprung von der österreichischen Grenze entfernt. Dieses Faktum ließ bis tief in die Nacht hinein in meinem Kopf ein Glöckchen erklingen, sodass ich kaum noch Schlaf fand. Eine alte Familienerzählung begann aus den Untiefen meines Gedächtnisses langsam ins Bewusstsein zu wabern.
Dass ich diese unglaublichen Begebenheiten sogar noch nach gut 180 Jahren zu berichten weiß, verdanke ich übrigens meiner Urgroßmutter, die sich mit etwa 75 Jahren entschloss, eine Autobiografie zu verfassen, die es allerdings nur auf sechs, von einer ihrer Töchter getippte Seiten brachte. Aber die sind fürwahr gehaltvoll, wie ich mich dank einer in meinem Besitz befindlichen Fotokopie überzeugen konnte.
Darin steht unter anderem, dass meine Vorfahren (in Bayern damals wenig beliebte Protestanten) wahrscheinlich kurz vor 1800 direkt in das kleine etwas verschlafene Örtchen K. zogen, wo sie ein Gasthaus pachteten, das den Namen Krone heute noch trägt.

Einer in der Reihe meiner Ahnen und der Pächter war ein im kaiserlichen Wien ausgebildeter Tierarzt. Sein Sohnemann und mein Ur-Urgroßvater Karl Schwartz hegte im Halbstarkenalter eine Vorliebe für Waffen, mit denen er auch hantierte. Unglücklicherweise erlegte er bei Schießübungen auf einen Kirschbaum anstatt der anvisierten Spatzen die Lieblingskatze seines Vaters. Der vertrat äußerlich stoisch (innerlich wohl mit blutendem Herz) die Meinung, wenn einer schon so gerne mit Waffen herumblödle, solle er das gefälligst beim Militär tun.
Es traf sich, dass anwerbende Soldaten ihre Stiefelplattler in den dortigen Wirtshäusern vollführten, denn Habsburg brauchte Kämpfer für den Sardinisch-piemontesischen Krieg. Tatsächlich zählte anno dazumal die Aufführung von Verbunkós – zu Deutsch Anwerbetänze – zu den erfolgreichsten militärischen Werbeschmähs. Und so kämpfte Karl in der Folge neun Jahre vergeblich (wie man heute weiß) in der und um die Lombardei, indem er dort Brücken baute.

Als er mit verdammt wenig Sold doch glücklicherweise unversehrt heimkam, musste er leider feststellen, dass seine Brüder den väterlichen Besitz unter sich aufgeteilt hatten.
Doch Ladislaus B.-S. ’ Alt-Onkel, also der jenes Herrn, dem ich in Gumpoldskirchen begegnet war, griff meinem Altvorderen unter die Arme und gab ihm das Kaffeehaus Zur Krone.
Mit einer Bleibe sowie einer sinnvollen, weit weniger mörderischen Arbeit denn zuvor versehen, konnte Karl Schwartz sich auf Freiersfüße begeben und die ehrbare Maria Habetler als Braut heimführen. Damit erhöhte sich übrigens statistisch auch die Wahrscheinlichkeit meiner Existenz.
Mein Vorfahre erhielt, als er dreifacher Familienvater geworden, eine nicht ungefährliche Chance, sich bei den hochwohlgeborenen B.-S. zu revanchieren. Gesetzlose, die Betyáren genannt und mit Robin Hood und dessen Gesellen verglichen wurden, trieben damals in Ungarn ihr Unwesen.

Zwischen Betyáren und Räubern oder gar Strauchdieben gab es sowohl in der Benennung als auch in der Beurteilung einen Unterschied. Betyáren sollen sich nur so viel angeeignet haben, wie sie unbedingt zum Lebensunterhalt brauchten, und auch dies nur von den Wohlhabenden, in erster Linie von denen, „die das arme Volk aussaugten“. Kein Wunder also, dass die Betyáren von den Volksschichten, denen sie entstammten, besonders unterstützt wurden: von Hirten, Gutsknechten und armen Bauern, welche ihnen Zuflucht boten.
Die Banden formierten sich in einer Stärke zwischen drei und sechzig Mann und waren vor allem im letzten Viertel des neunzehnten Jahrhunderts auch ziemlich habsburgfeindlich gesinnt.
Der berühmteste Gesetzlose war der fesche Rózsa Sándor (1813 –1878). Wer ihn googelt, wird mit dem Anblick eines Mannsbilds mit einem Schnurrbart wie zwei schnalzende Peitschenriemen in wahrlich pittoresker Csikóstracht belohnt. Er hatte Ostungarn unsicher gemacht, dort, wo eineinhalb Generationen später mein Opa aufwuchs. (Derjenige meiner Vorfahren, der die Enkelin des wehrhaften Kaffeehauspatrons heiratete und mit ihr 1956 nach Österreich floh.)

Nachdem man den K.-u.-k.-Robin Hood gefangengenommen hatte (in der Puszta, wo der Himmel so tief hängt, dass man die Sterne husten hört, kann man sich auf Dauer kaum gut verstecken), saß er in der Festung Kufstein ein. Historischen Quellen zufolge bastelte er aus Rosshaaren Ringe als Andenken und verzierte kleine Schachteln mit Strohhalmgemälden, die unter anderem die „RESIDENS SALZBURG“ darstellten und die er seinen Moritaten-Groupies, pardon, ehrbaren Besucherinnen mit besonders romantischer Ader, überreichte.

Gesetzlosen-Banden trieben auch in Westungarn ihr Unwesen.
Meine Urgroßmutter erinnerte sich, etwa zehn Jahre alt gewesen zu sein, als lauter Wortwechsel sie und ihre Geschwister in ihrem Elternhaus in K. spät in der Nacht aus dem Schlaf riss. Wohnung und Kaffeehaus befanden sich in demselben Gebäude, das Kinderzimmer war von der Gaststube nur durch eine Glaswand und einen schweren Vorhang getrennt.
Die Aufgeweckten schoben den Vorhang etwas beiseite und sahen quasi von ihren Bettchen aus ihren Vater mit seiner Flinte in der Hand einen Betyáren zur Rede stellen, der knapp nach der Sperrstunde sich’s im Kaffeehaus bequem machen wollte. Glücklicherweise hatte der seine Flinte draußen bei der Eingangstüre angelehnt, bevor er das Krone betrat.
Was er denn nächtens in seinem Etablissement zu suchen habe, drang der unerschrockene Cafetier in seinen nicht eben vertrauenserweckenden Gast.

Der Ganove muss ein wenig einfältig gewesen sein oder aber mit Wohlwollen gerechnet haben, verriet er doch ziemlich umfassend seine verbrecherischen Vorhaben. Er wolle hier auf zehn Spießgesellen warten. Mit seinen Kumpanen habe er vor, so lange auszuharren, bis alle im gegenüberliegenden Schloss, das von der noblen B.-S.-Familie bewohnt wurde, schlafen gegangen seien. Dann würden sie einsteigen und paar Sachen mitgehen lassen.
Der späte, zwielichtige Gast war niemand Geringerer als der 1921 in den Bakonywäldern nördlich des Plattensees erfrorene, als letzter Betyáre bezeichnete Oroszlán Páli (Löwen-Pauli), von dem sogar heute noch ein Altersfoto im Internet herumgeistert. Darauf sieht er übrigens gar nicht schrecklich aus, sondern eher wie ein lieber, alter weißbärtiger Greis, den man durchaus gerne umarmen würde.
Er habe sogar ein Gymnasium besucht und sowohl auf Deutsch als auch auf Ungarisch makellos schreiben können, sei aber mit einen gewalttätigen Vater geschlagen gewesen. Mit fünf Freunden habe er, nachdem er von zu Hause ausreißen konnte, eine Straßenbande gegründet und sei mehrmals von der Polizei erwischt und verhaftet worden. Man sagte ihm Gutherzigkeit und Großzügigkeit gegenüber Armen und Kindern nach. Nur Reiche seien beraubt und niemals Menschen getötet worden, erzählen die um ihn gesponnenen Legenden.
Räuber-Romantik hin oder her, Karl Schwartz brüllte ihn an, er solle sich zum Teufel scheren und schleuderte dem Fersengeld-Gebenden noch dessen Waffe nach. Ohne Zeit zu verlieren, pfefferte er ein paar ordentliche Salven in die nächtliche Luft, sodass das gesamte Dorf zusammenlief und so jeder Plan, den Raub später nachzuholen, gründlich vereitelt wurde. Dem ungeschriebenen Kodex der „Solidarität des einfachen Volkes“ folgend verriet der wehrhafte Kaffeehauspächter keinen einzigen der elf Banditen, aber ihr Süppchen hatte er ihnen dennoch gründlich versalzen. So konnte er seinem Mäzen mit vergleichbarer Münze die Wohltat vergelten, die der ihm erwiesen hatte, als er verarmt aus dem Krieg heimgekehrt war.

Ich konnte mir’s nicht verkneifen, das auch dem hochwohlgeborenen Urur-(wieauchimmer)-Großneffen per Mail mitzuteilen, worauf er mir auf traditionell monarchistische Art dankte. Es habe ihn sehr gefreut.
Ein bisschen wünschte ich mir dann doch Robin Hood nach Gumpoldskirchen. Frei nach dem Motto: Lieber Langbogen als Stock-im-Allerwertesten.

Antonia H.

www.verdichtet.at | Kategorie: anno | Inventarnummer: 26270




Metatrons Nachricht

Als ich erfuhr, dass ein Erzengel eine dringende Nachricht für mich hatte, war es kurz nach zwei Uhr morgens. Ich saß im Nachthemd auf dem Sofa und trank Rotwein. Für den Empfang höherer Wesen war ich damit vermutlich ausreichend vorbereitet. Für Besuch von meiner Mutter hätte ich noch aufräumen müssen.

Ich war beim Zappen an einer Frau hängen geblieben, die hinter einem Tisch saß und anderen Menschen erklärte, weshalb ihr Leben gerade nicht funktionierte. Sie hatte lange Fingernägel, war entschlossen geschminkt und sah aus wie jemand, der auch ohne Hilfe des Universums eine ganze Hells-Angels-Gang zur Ordnung rufen konnte. Die Frau hieß Angelina. Unter ihrem Namen stand „TV-Beraterin“. Vor ihr lagen Karten, Kristalle und ein Pendel. Ich nahm an, dass sie diese Dinge als Arbeitsmittel brauchte.

Eine Anruferin wollte wissen, ob ihr Mann zu ihr zurückkäme. Angelina schloss die Augen. Nach etwa fünf Sekunden öffnete sie sie wieder und erklärte, dass sie zwischen den beiden Schwierigkeiten spüre. Die Frau bejahte das. Er sei bereits ausgezogen und wohne jetzt bei einer anderen. Angelina nickte. Sie habe auch die räumliche Trennung gespürt. Und dass es da jemand anderen gebe. Zwar könne die Anruferin ihren geliebten Manfred zurückholen, ganz einfach über eine Umprogrammierung ihres derzeitigen Mangeldenkens, das müssten sie aber in einer gesonderten Sitzung machen. Tarif und Termin würden noch bekanntgegeben.

Die Anruferin verabschiedete sich hörbar erleichtert.

Je länger ich zusah, desto interessanter wurden die Gespräche. Und desto leerer die Weinflasche. Nach dem dritten Glas begann ich zu verstehen, wie die Sendung funktionierte. Nach dem vierten hielt ich mich für ausreichend vorbereitet, um selbst als Anruferin teilzunehmen.

Plötzlich schloss Angelina die Augen und legte zwei Finger an ihre Schläfe. Erzengel Metatron sei jetzt ganz nah. Ich stellte vorsichtshalber den Wein ab. Metatron habe eine dringende Nachricht für eine Frau vor dem Fernseher. Diese Frau wisse bereits, dass sie gemeint sei. Ich hatte zwar bis eben nichts davon gewusst, aber nun kam ich natürlich infrage.

Angelina sagte, die Frau solle ihrem Impuls vertrauen und anrufen. Auf dem Bildschirm erschien eine Telefonnummer. Darunter stand, dass eine Minute neunzig Cent koste. Das war für einen Engelskontakt in diese Entfernung vermutlich in Ordnung.

Eine freundliche Mitarbeiterin fragte nach meinem Vornamen und wollte wissen, was mich beschäftige. Ich sagte, ich hätte eigentlich ins Bett gehen wollen, aber nun sei offenbar etwas dazwischengekommen. Sie stellte mich durch.

Angelina begrüßte mich mit meinem Namen und erklärte, sie habe gewusst, dass ich anrufen würde. Ich fand es angenehm, dass wenigstens eine von uns vorbereitet war.

Wegen der Rückkopplung stellte ich den Fernseher stumm und das Telefon auf Lautsprecher. Mein Mikrofon schaltete ich nur ein, wenn ich etwas sagen wollte.

„Metatron hat dich heute zu mir geführt“, sagte Angelina. Ich erwähnte vorsichtshalber den Rotwein. Sie erklärte, auch solche Umwege könnten Teil einer Führung sein. Zunächst müsse sie klären, wo ich im Leben stehe. Sie spüre einen Mann, der emotional nicht erreichbar sei. Ich sagte, ich hätte keinen Partner. Angelina nickte. „Genau diese Abwesenheit zeigt sich mir.“ Bei Angelina fühlte ich mich wirklich verstanden.

Sie zog eine Karte und betrachtete sie lange. „Du wartest auf etwas.“

„Auf die Nachricht von Metatron“, sagte ich.

„Du darfst jetzt nicht ins Fordern gehen“, entgegnete Angelina besorgt.

Direkt neben mir sagte plötzlich jemand: „Die ist gut.“

Am anderen Ende des Sofas saß ein Mann in einer braunen Jacke. Aus seinem schütteren Haar ragten zwei kleine Hörner. Er betrachtete den Fernseher mit dem konzentrierten Interesse eines Wesens, das gerade herausfindet, weshalb die Konkurrenz mehr verdient. Ich sah ihn an. Dann roch ich an meinem Weinglas.

„Am Wein liegt es nicht“, sagte er. „Ich bin wirklich da.“

Ich stellte das Glas ab. „Wie sind Sie hereingekommen?“

„Ich bin erschienen.“

Eine Erscheinung war er zweifellos. Trotzdem wartete ich auf eine genauere Auskunft.

„Ich heiße Kurt“, sagte er schließlich. „Ich bin ein Dämon.“

Ich zog die Fernbedienung näher zu mir. Zwar würde ich mich damit kaum verteidigen können, dennoch schien es mir wirkungsvoller, sie nach ihm zu werfen als einen Plüschpolster.

Angelina fragte, ob ich noch da sei. Meine spirituelle Offenheit konnte wohl kaum jemand infrage stellen, und das sogar in zwei Richtungen. Ich schaltete mein Mikrofon ein, bejahte und schaltete es wieder aus.

„Wollen Sie mir etwas Böses?“, fragte ich Kurt.

Er legte einen Arm über die Couchlehne. „Haben Sie mich gerufen?“

„Nein.“

„Haben Sie einen Pakt geschlossen?“

„Nicht, dass ich wüsste.“

Er deutete auf den Fernseher. „Dann würde ich vorläufig dort vorsichtig sein.“

Angelina erklärte inzwischen, ich sei ein Mensch, der viel für andere tue, aber selbst oft zu kurz komme. Ich fragte Kurt, ob ich ihn mit dieser Sendung angelockt hätte.

„Angelina“, sagte er. „Ich wollte wissen, wie sie arbeitet.“

„Sie kennen sie?“

„Ich kenne ihre Zahlen.“

Er sagte das mit einer bewundernden Wärme, die mich mehr beunruhigte als die Hörner.

Angelina erklärte, ich müsse mich von alten Bindungen lösen, um die Fülle in mein Leben zu lassen. Kurt zog einen Kugelschreiber aus der Jacke und begann auf der Rückseite meiner Fernsehzeitschrift zu schreiben.

„Lassen Sie bitte das Kreuzworträtsel frei“, sagte ich. „Mir fehlen nur noch zwei Wörter.“

„Selbstverständlich.“

Immerhin hatte er gute Umgangsformen.

Angelina fragte, ob ich in letzter Zeit häufig müde sei. Ich sah auf die Uhr. „Jetzt gerade schon.“ Sie nickte ernst. „Das hat einen Grund.“ Ich fragte, ob Metatron diesen Grund kenne. Sie sagte, wir müssten erst mein Feld öffnen.

„Ist es denn noch geschlossen?“

„Zum Teil.“

Angelina hob die Hände über ihre Karten. Dann hielt sie inne. „Da ist etwas.“ Kurt hörte auf zu schreiben. Ich sah zu ihm. Er sah zu mir. „Etwas in deiner Nähe“, sagte Angelina. „Eine männliche Präsenz.“

Kurt legte den Kugelschreiber ab. „Das ist jetzt allerdings interessant.“

„Du bist nicht allein“, erklärte Angelina.

Ich schaltete mein Mikrofon ein. „Das stimmt.“

Ihr Blick wurde scharf. „Hast du in letzter Zeit mit Energien gearbeitet?“

„Ich habe hauptsächlich staubgesaugt und Wäsche gewaschen.“

„Auch über Gegenstände können sich fremde Energien übertragen.“

Kurt betrachtete die Fernsehzeitschrift auf seinen Knien und legte sie vorsichtig neben sich.

Angelina beugte sich vor. Möglicherweise, sagte sie, habe sich eine niedere Wesenheit an mich angeheftet. Kurt richtete sich auf.

Ich stellte mein Mikrofon ab. „Kann die Sie tatsächlich wahrnehmen?“

Er schwieg einen Moment. „Fragen Sie sie, was ich tue.“

Ich tat es. Angelina schloss die Augen. „Er versucht, dich zu beeinflussen.“ Kurt nickte anerkennend.

Ich fragte, ob sie ihn entfernen könne. Selbstverständlich könne sie das. Allerdings müsse ich mich für eine energetische Reinigung entscheiden.

„Was kostet die?“

„Deine seelische Unversehrtheit sollte dir etwas wert sein.“

„Ist sie mir auch. Ich hätte nur gerne eine Zahl.“

Auf dem Bildschirm erschien ein Angebot über hundertneunundvierzig Euro. Kurt griff sofort wieder nach der Zeitschrift. „Warten Sie“, sagte er. „Ich brauche eine frische Seite.“

Angelina erklärte, ich müsse rasch handeln. Eine solche Wesenheit könne erheblichen Schaden anrichten. Ich stellte das Mikrofon ab. „Was haben Sie eigentlich vor?“, fragte ich Kurt.

„Ich wollte noch bis zum Ende der Sendung bleiben.“

„Und danach?“

„Das hängt davon ab, was noch kommt.“

Er sah aus wie jemand, der bei einem Vortrag endlich etwas Brauchbares hörte.

Ich wandte mich wieder Angelina zu. „Was passiert bei dieser Reinigung genau?“

Sie werde die fremde Energie aus meinem Feld lösen.

„Und wohin kommt sie dann?“

Angelina blinzelte. „Sie wird dorthin zurückgeführt, wo sie hingehört.“

Kurt schüttelte entschieden den Kopf. „Ich habe bis Montag Urlaub.“

Ich fragte ihn, ob er nicht auch einfach freiwillig gehen könne. „Wenn Ihnen meine Anwesenheit unangenehm ist, selbstverständlich.“ Das brachte mich in eine schwierige Lage. Kurt hatte sich bislang äußerst höflich verhalten. Er saß auf meinem Sofa und schrieb in meine Fernsehzeitschrift. Ich hatte schon anstrengenderen Besuch gehabt.

„Sie können noch bleiben.“

Er bedankte sich. Angelina erklärte inzwischen, ich müsse selbst entscheiden, ob ich weiterhin in Angst leben wolle. „Bisher hatte ich eigentlich keine“, sagte ich. „Das ist oft das Gefährliche.“ Kurt schrieb den Satz auf und unterstrich ihn zweimal.

Ich fragte Angelina, woran ich erkennen würde, dass die Reinigung funktioniert habe. „Du wirst eine Veränderung spüren.“

„Und wenn nicht?“

„Dann sitzt die Belastung tiefer.“

„Müsste man die Reinigung dann wiederholen?“

Angelina lächelte. „Du verstehst den Prozess.“

Kurt ließ den Kugelschreiber sinken. Dann begann er zu lachen. Er lachte erst lautlos, dann etwas rasselnder, schließlich so heftig, dass ich mein Weinglas festhielt. Angelina fragte, ob ich bereits eine Reaktion wahrnehme.

„Ja“, sagte ich. „Ziemlich deutlich sogar.“

Sie nickte zufrieden. Kurt presste sich die Zeitschrift vor den Mund.

Ich sagte Angelina, ich wolle über die Reinigung erst nachdenken. Ihr Gesicht veränderte sich kaum. „Manchmal ist Nachdenken eine Form der Selbstsabotage.“ Kurt hörte schlagartig auf zu lachen und schrieb wieder.

Ich wartete, bis Angelina die Augen geschlossen hatte. „Was ist daran so interessant?“, fragte ich ihn.

Er wischte sich über die Augen. „Wir stellen uns unten derart umständlich an.“

„Wobei?“

„Beim Verführen. Wir suchen uns jemanden aus, beobachten seine Schwächen, machen ihm ein Angebot. Dann kommen die Verhandlungen. Und am Ende die verbindliche Unterschrift.“ Er deutete mit dem Kugelschreiber auf den Fernseher. „Sie lässt die Leute selbst anrufen.“ Er sah auf den eingeblendeten Minutentarif. „Und sie zahlen dafür.“

Angelina hatte inzwischen einen Anhänger hervorgeholt. „Gerade sensible Menschen“, erklärte sie, sollten ihr Feld dauerhaft absichern. „Neunundsiebzig Euro“, sagte sie. „Du investierst damit in deine Freiheit.“ Kurt schrieb 79 unter 149.

„Unser System ist veraltet. Upskilling im Sales steht grade hoch im Kurs“, murmelte er.

Ich fragte Angelina, wie lange der Schutz halte. „Grundsätzlich dauerhaft.“ Ich entspannte mich. „Du musst ihn lediglich regelmäßig energetisch nachladen lassen.“

„Kann ich das selbst machen?“

Angelina lächelte nachsichtig. „Dafür biete ich gesonderte Sitzungen an.“

Kurt blätterte auf eine freie Seite und schrieb oben: „Nachladen“. Dann sagte er: „Ich habe einmal dreißig Jahre auf ein Erstgeborenes gewartet.“

Ich sah ihn an. „Und?“

„Wurde mir nur widerwillig ausgehändigt.“ Er deutete auf Angelina. „Das hier ist besser.“

„Ich hätte jetzt trotzdem gern die Nachricht von Metatron“, sagte ich zu Angelina. „Das wird hier langsam etwas teuer.“

Angelina atmete tief ein. „Du denkst sehr materiell.“

„Ich habe angerufen, weil Metatron dringend mit mir sprechen wollte. Es wäre mir recht, wenn wir das noch vor drei Uhr erledigen könnten.“

Sie erklärte, ich müsse lernen, dem richtigen Zeitpunkt zu vertrauen. Dann schloss sie die Augen. Ihre Hände ruhten über den Karten. Ich wartete. Kurt wartete ebenfalls. Nach einer Weile nahm er den Kugelschreiber wieder auf.

Angelina atmete hörbar aus. „Es geht um Vertrauen.“

„In wen?“

„In die Führung.“

„Durch wen?“

„Du gehst schon wieder in den Verstand.“

Ich stellte das Mikrofon ab. „Darf man bei Ihnen unten eigentlich Fragen stellen?“

Kurt zuckte mit den Schultern. „Vor der Unterschrift schon.“

Sein Telefon vibrierte. Er nahm es aus der Jackentasche, las die Nachricht und tippte etwas zurück.

„Ist es dringend?“, fragte ich.

„Metatron.“

Ich sah ihn an. Kurt betrachtete noch einmal sein Display. „Er fragt, ob Sie immer noch in der Leitung sind.“

Ich setzte mich aufrecht hin. „Sie kennen Metatron?“

„Selbstverständlich.“

„Hat er eine Nachricht für mich?“

„Ja.“

Ich wartete. Kurt räusperte sich. „Sie dürfen auflegen.“

Ich legte auf.

Im Zimmer war es plötzlich angenehm still. Kurt schrieb etwas in die Zeitschrift.

„Seit wann versucht er, mir das auszurichten?“

„Seit einer Weile.“

„Sie wussten es?“

„Ja.“

Ich wartete. Kurt deutete auf seine Notizen. „Beim Anhänger wollte ich noch wissen, wie sie mit Reklamationen umgeht.“

Ich nahm mein Glas. „Und?“

„Offenbar äußerst geschäftstüchtig.“

Ich stellte den Fernsehton wieder an. Angelina erklärte den übrigen Zuschauern gerade, dass die Frau vorhin leider noch nicht bereit gewesen sei, Verantwortung für ihr Leben zu übernehmen. Kurt griff nach dem Kugelschreiber. Ich legte meine Hand auf die Zeitschrift.

„Es reicht jetzt, denke ich.“

Er sah mich an. Dann legte er den Stift auf den Tisch.

„Gehen Sie jetzt?“

Er bejahte. Es sei spät geworden und er müsse einiges überdenken. Die Fernsehzeitschrift würde er sich allerdings gerne bis morgen ausleihen.

„Das Kreuzworträtsel.“

„Selbstverständlich.“

Dann ging er. Diesmal durch die Tür.

Am nächsten Abend blieb ich beim Durchschalten wieder an dem Sender hängen. Hinter dem Tisch saß Kurt. Er trug ein schwarzes Hemd und hatte sich die Haare über die Hörner gekämmt. Vor ihm lagen Karten, ein Pendel und meine Fernsehzeitschrift. Unter seinem Namen stand: „Kurt – spiritueller Berater“.

Er begrüßte eine Anruferin und erklärte, er habe gewusst, dass sie anrufen würde. Ich drehte den Fernseher lauter. „Ich spüre einen Mann, der emotional nicht erreichbar ist.“ Die Frau sagte, sie hätte keinen Partner. Kurt sah kurz in die Fernsehzeitschrift. „Genau diese Abwesenheit zeigt sich mir.“ Ich kannte den Satz. Ich kannte auch die Seite, auf der er stand.

Die Anruferin erklärte, dass sie sich tatsächlich oft allein fühle. Kurt nickte und blätterte um. „Du musst dich fragen, warum es dir so schwerfällt, dir selbst etwas Gutes zu tun.“ Dann hob er einen Anhänger hoch. Die Frau fragte nach dem Preis. „Neunundsiebzig Euro.“ Sie schwieg. „Das ist viel Geld“, sagte sie schließlich. „Ich muss darüber nachdenken.“

Kurt blätterte in der Fernsehzeitschrift. Er fand die richtige Stelle sofort. „Manchmal ist Nachdenken eine Form der Selbstsabotage.“

Die Frau schwieg. Ich ebenfalls.

Verena Tretter

www.verdichtet.at | Kategorie: Wortglauberei | Inventarnummer: 26265




Gegen den Strom

Es ist, wie soll ich es euch sagen,
wenn ich in meiner Seele wühl,
das Chaos, würde man mich fragen,
so ist mein Leben, wie ich’s fühl.

Dahin sind meine Ideale,
nach Neuem strebt mein Sinn zu grasen.
Gedanken sind’s bloß, irreale.
Das Alte doch nur abgedrosch’ne Phrasen.

Vergeblich sucht die wunde Seele
nach etwas, das mir helfen kann.
Stattdessen würgt mich in der Kehle
der Desillusionierten Bann.

Vor hohl geword’nen Idealen
such ich vergeblich nach dem Sinn.
Wo sich Gewalt und Hass entladen,
dort ist’s, wo ich jetzt hingeraten bin.

Und ohne jeglich’ Perspektiven,
nichts funktioniert so wie bisher,
verlier ich mehr an den Motiven,
am Wertverlust, da trag ich schwer.

Wo Künstlichkeit die Jobs ersetzt,
globale Ordnung erodiert,
die Mitte durch den Rand zersetzt
und geg’n den Strom gerudert wird.

Norbert Johannes Prenner

www.verdichtet.at | Kategorie: think it over | Inventarnummer: 26264

 




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