Der Krämerladen Aprießnig

Klaus und Hannelore bereiten sich für eine Zeitreise vor. Unter anderem borgen sie sich dafür bei einem Kostümverleih für ihn ein buntes Hemd mit großem Kragen und für sie eine lilafarbene Schnürlsamt-Latzhose und eine gestreifte Bluse aus. Sie ziehen sich um, packen, was sie brauchen, zusammen und steigen in ihre Zeitkapsel. Klaus stellt den Timer auf den 12. Juni 1972, 9:15 Uhr, der Zielort ist Thörl-Maglern.

Die Reise dauert nur wenige Minuten. Dann sind sie in einem Wald. Die beiden steigen aus der Zeitkapsel. Klaus drückt auf den Knopf „Verschwinden“ auf dem Finder, wodurch die Zeitkapsel augenblicklich unsichtbar wird. Über den Finder können sie sie wieder orten.

Ihr Ziel ist der Krämerladen Aprießnig. Nach einem nicht allzu langen Fußmarsch betreten sie ihn. Besonders die bunten Dosen der Kolonialwaren beeindrucken Hannelore. Außerordentlich retro, denkt Klaus.

Ladeninhaberin: „Grüß euch.“

Klaus: „Hallo.“

Hannelore: „Servus.“

Ladeninhaberin: „Ihr seid nicht von hier.“

Klaus: „Nein, tatsächlich nicht.“

Ladeninhaberin: „Genauer gesagt, meinte ich: Ihr seid nicht von heute.“

Klaus: „Auch das ist richtig. Woran merken Sie das?“

Ladeninhaberin: „Eure Anziehsachen sind viel zu sauber, und die Sandalen, die du trägst, gibt es zurzeit noch nicht.“

Klaus: „Das sind Flip-Flops.“

Ladeninhaberin: „Genau, die sind jetzt noch nicht erfunden.“

Klaus: „Aha.“

Ladeninhaberin: „Lasst uns zur Sache kommen – ich nehme an, ihr seid an unseren Edmund-Mauthner-Budapest-Samen interessiert.“

Klaus: „Tatsächlich. Bei uns, das heißt, in unserer Zeit, sind alle Samen Hybride. Dadurch lassen sie sich nicht vermehren. Wir sind gezwungen, ständig neue zu kaufen.

Ladeninhaberin: „Unsere lassen sich schon vermehren.“

Hannelore: „Das ist auch der Grund, weshalb wir bei Ihnen sind.“

Ladeninhaberin: „Ich weiß. Es war übrigens schon ein anderes Pärchen vor euch da. Die trugen Raumanzüge mit eigener Sauerstoffversorgung, weil sie sich vor der angeblich schlechten Luft wegen der BBU fürchteten. Ts – ts – ts. Wir hier lieben die BBU. Sie gibt unseren Männern Arbeit.

Der Raumfahrer-Mann wollte eine Extrawurstsemmel. Ich sagte zu ihm: ,Wenn du die essen willst, musst du dafür aber dein Visier hochklappen.‘ Daraufhin verzichtete er auf die Semmel. Übervorsichtig, nicht?

Zurück zum Geschäft: Wir haben bis auf den Winterrettich alle Samen lagernd. Ich kann euch zehn Gramm von jeder Sorte geben. Der Lehrling packt sie in braune Papiersackerln und beschriftet diese. Seid ihr damit einverstanden?“

Hannelore: „Sind die Samen auch bio?“

Ladeninhaberin: „Bio?“

Hannelore: „Aus ökologischer Landwirtschaft.“

Ladeninhaberin: „Das bedeutet?“

Hannelore: „Kein Dünger auf dem Feld.“

Ladeninhaberin: „Gülle als Dünger ist in Ordnung?“

Hannelore: „Gülle ist okay.“

Klaus: „Lass gut sein, Hannelore! Natürlich sind wir einverstanden.“

Ladeninhaberin: „Deine Freundin ist etwas kapriziös, aber sei’s drum.“
Sie bedient die Kasse.

Ladeninhaberin: „Das sind dann, bitte, 217 Schilling und 50 Groschen.“

Klaus reicht ihr zwei Hunderter und einen Zwanziger.

Klaus: „Danke. Das passt so.“

Die Ladeninhaberin knetet die Scheine.
Ladeninhaberin: „Danke sehr. Welches Geld ist das eigentlich? Ist das Falschgeld?“

Klaus: „Nein, das sind bei uns vorrätige Restbestände.“

Ladeninhaberin: „Schön. Dann macht’s gut. Eine Frage noch: Aus welchem Jahr kommt ihr eigentlich?“

Klaus: „2073.“

Klaus und Hannelore verabschieden sich. Klaus bedient den Finder, der sie zur Zeitkapsel führt. Als sie dort sind, drückt er auf „Zeigen“.

 

Das Verkaufspult mit Geschirr, drei Emailletafeln, Kartons, zwei Schaufensterpuppen in Gailtaler Tracht und dem roten Petroleumspender im Greißlermuseum Thörl-Maglern

Das Verkaufspult mit Geschirr, drei Emailletafeln, Kartons, zwei Schaufensterpuppen in Gailtaler Tracht und dem roten Petroleumspender im Greißlermuseum Thörl-Maglern

Johannes Tosin (Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: let it grow | Inventarnummer: 26208

 

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