Lügen

„Schade, jetzt ist es weg“, sage ich zu meiner kleinen Tochter, als sie freudestrahlend ins Zimmer läuft, um das Christkind zu sehen. Solche und mehr Lügen über Osterhase, Nikolaus, Krampus und Co. hab ich ihr seit frühester Kindheit aufgetischt, und ich hoffe inständig, dass mir das nicht irgendwann zum Verhängnis wird.
Aber ehrlich gesagt bin ich sogar noch schlimmer: Eines Tages, als wir im Wald spazieren gingen, funkelte etwas zwischen den Bäumen, und als sie mich fragte, was das sei, erwiderte ich verträumt: „Vielleicht sind das kleine Elfen, die gerade im Sonnenschein tanzen.“ Sie freute sich wahnsinnig über das, was ihre kleine Fantasie – angefixt durch Mamas Lüge – ihr da zu sehen ermöglichte.

Ich freute mich auch, nämlich über die Grenzenlosigkeit, die meine süße Kleine noch erlebt. Über das Glück in ihren Augen, während sie in dieser „alles ist möglich“-Welt lebt, die neben Hexen und Zauberschülern auch das Christkind und den Osterhasen beherbergt. Ich frage mich manchmal, ob ich traurig war, als ich erfahren habe, dass diese Wesen nicht existieren. Leider habe ich keine Erinnerung mehr an diesen Tag, aber mir ist heute noch sehr bewusst, dass der Zauber von damals weg ist – gefressen von bösen Monstern, wie „Geldsorgen“ oder einer allzu nüchternen „Realität“. Vielleicht sind diese Lügen, die wir Kindern auftischen, in Wirklichkeit kleine Zugeständnisse. Wir gestehen ihnen damit eine Art Galgenfrist zu, bevor für sie der Ernst des Lebens beginnt und aus fantasievollen kleinen Leuten, die weltverbessernde Ideen entwickeln, funktionierende Retorten-Bürger werden.

Ich finde es schade, dass die Grenzenlosigkeit dieser kindlichen Zauberwelt weichen muss, wenn man als mündiger Mensch in die Strukturen dieser Gesellschaft gepresst wird. Es darf nicht sein, dass man über den Tellerrand hinaus an etwas glaubt, das vielleicht sehnsüchtig in einem schlummert und das einem vielleicht sogar das Gefühl gibt, ein Stück weit frei zu sein.

Obwohl wir den Kindern, wenn sie größer sind, nach und nach ihre Kindlichkeit aberziehen und die anfänglichen Lügen dann wieder zurücknehmen, gibt es doch noch Institutionen, die sich das Recht vorbehalten, ihre sogenannten Wahrheiten in die Welt hinaus zu blasen.
Da wird dann von fünf Pflichten, einem dreifaltigen Gott, dem Messias, einer ewigen Ordnung oder von vier Ausfahrten gesprochen – schlicht, die fünf Weltreligionen. Der Glaube an diese Religionen ist laut unseren gesellschaftlichen Normen anerkannt.

Nun frage ich mich aber doch, warum der kindliche Glaube an Elfen, Zauberer und Co. als falsch betrachtet wird, während der Glaube an die fünf Weltreligionen anerkannt ist. Ich denke, dass jeder Mensch auf dieser Welt das glauben sollte, was tief in ihm schlummert. Es sollte keine Prediger geben, die den Menschen ihre Ansichten einimpfen und ihnen überlieferte Lügen ohne jegliche Beweiskraft auftischen.
Ebenso sollten jene Menschen, die auf diese Lügen angesprungen sind, sich fragen, weshalb sie sich auf der Suche nach Spiritualität nicht einfach auf ihre Kindheit besinnen, um den Zauber dieser Tage wieder entstehen zu lassen. Lügen sind also relativ, obwohl das Wort für sich einen äußerst kraftvollen und im negativen Sinne dominanten Charakter aufweist.

Leider muss ich meine Kleine nach den derzeitigen gesellschaftlichen Moralvorstellungen anlügen, wenn ich ihr den Glauben an ihre Zauberwelt nicht nehmen will. Schade, dass es sowas wie eine globale Fairness nicht gibt – eine Ethik der Superlative – wo alles wahr sein darf, was in unschuldiger Verträumtheit wahr sein will, und nichts als Lüge beschimpft wird, was in edler Gesinnung mündet.

Ich wünsche mir, dass meine Kleine auch mit dreißig oder gar hundert Jahren noch verträumt durch den Wald spaziert und sich bei einem Funkeln insgeheim denkt, sie hätte dort oben wieder eine Elfe im Augenwinkel gesehen. Ich wünsche mir eine Welt, die sie in diesem Glauben belässt, ohne ein selbsternanntes Recht auf Zuerkennung und Benennung von Wahrheit oder Lüge. Ich wünsche mir eine Welt, die erkennt, dass auch das Verschweigen von Wahrheit eine Lüge ist, wenn dadurch – und wenn auch nur in kollateraler Form – jemand geschädigt wird. Schlussendlich wünsche ich mir noch eine Welt, die Kinder nicht anlügt, sondern ihnen statt Lügen die Möglichkeit gibt, ihre Fantasie durch Vermutungen wachsen zu lassen. Ich vermute also, dass Elfen existieren – bitte verzeihen Sie mir diese Lüge.

Verena Tretter

www.verdichtet.at | Kategorie: think it over | Inventarnummer: 16067

image_print

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *