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Barfuß durch dein Herz: Für mein Kind

Ich möcht       gern mal
barfuß durch dein Herz spazieren
und dort von deiner Unbeschwertheit probieren.
Dabei schütt ich all meine Liebe aus.
Verdichte Fugen und Spalten, glätte Falten
und lege es mit rotem Samt aus.
So kann sich die Liebe voll entfalten.
Und Sorgen und Schmerz
erhalten keine Gelegenheiten,
sich in deinem Herzen
auszubrei-
ten.

Claudia Lüer
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aus dem Gedichtband „Barfuß durch dein Herz“, BoD-Verlag, 2023

www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 26113

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Herlicek – Klima-Kleber auf der Baustelle

Schwer liegt er uns im Magen,
der österreichische Bodenfraß.
Herlicek kann’s nicht ertragen;
die Versiegelung ist ohne Maß!

Dagegen muss man tun, was man kann:
Herlicek ist ein Mann der Tat.
Es heißt, man fängt im Kleinen an –
wartet nicht auf Gesetze vom Staat.

Gemäß seinem stürmischen Wesen,
läuft er runter zur Großbaustelle;
will Betonierern die Leviten lesen –
er ist heut ein strenger Geselle.

Herlicek hört noch: „Hey, Sie da! Halt!“ –
doch er steckt schon im frischen Asphalt.
Jetzt gilt er gar als Klima-Kleber,
ihm läuft eine Laus über die Leber.

Mit einem Schlagbohrer müssen sie
den armen Herlicek am End befrei’n.
Er fühlt eine tiefe Lethargie,
geht nach Haus‘, lässt’s Protestieren sein!

Bernd Watzka
aus: Herlicek. Aus dem Leben eines Wieners (2026)
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www.verdichtet.at | Kategorie: auszugsweise | Inventarnummer: 26115

Woodplay

In diesem Fall stellt sich die Frage,
dauert etwas gar drei Tage,
ist es vom Hudson bis zur Elbe
oftmals nicht immer dasselbe.

Rockmusik ist manchen heilig,
und die Fans, die haben’s eilig,
folgen ihrer Lieblingsband
bis ans Ende dieser Welt.

Warum man ein Musikevent
der Dauer wegen bloß so nennt?
Nämlich so wie damals dieses
Woodstockfestival, so hieß es.

Welten trennten die Idee
voneinander, eh und je.
Blasmusiker klau’n den Namen
für ein Fest in diesem Rahmen.

Damals war das Ziel drei Tage,
Love and Peace, in ruhiger Lage.
Zwischen Hasch und Mescalin
hört man auf die Musik hin.

In Bethel borgte ein Milchbauer
dreihunderttausend Fans, genauer
Hippies wie auch Musikern,
sein Weidefeld dafür recht gern.

Trotz Dauerregens riss Joe Cocker
alle Teilnehmer vom Hocker.
Janis Joplin’s no more pain
folgten Tränen, love in vain.

Statt Tenorhorn bläst die Anna
vor sich Schwaden aus Marihuana.
Lässt man diese Szenen tauschen,
hörte von fern man dumpfes Rauschen,
trotz des überlauten Trubels
das Tröten des Klarinettenmugels.

Die US-Hymne spielte Hendrix
nach Santana, als Appendix.
In Hintertupfing zwischen Ästen
serviert der Wirt den werten Gästen
eine Halbe und ein Schnitz
am Baumkronenweg, kein Witz!

Und im Schlafsack, nah der Bühne,
liebt ein langhaariger Hüne
eine hübsche Hippiebraut,
nach dem Motto Twist and Shout.

In Hühnerzipfl intoniert
am Flügelhorn, hoch motiviert,
Liebe böhmisch, mit Elan,
der Seppl, weil er’s so gut kann.

Doch Pete Townshend von  The Who
gibt am Verzerrer keine Ruh.
In Tupf am Wald dort quiekt die nette
Klarinette der Anette.

Vielleicht ist ein Vergleich nicht gut
und macht bei allen böses Blut?
Könnt man Marathon nicht sagen?
Man müsste bloß die Bläser fragen.
Fragt sich, gibt’s da was zu schmollen,
bei Festen, die nicht enden wollen?

Copyright: Norbert Johannes Prenner

Copyright: Norbert Johannes Prenner

Norbert Johannes Prenner (Text und Grafik)

www.verdichtet.at | Kategorie: unerHÖRT! | Inventarnummer: 26114

Im Imperial War Museum, London

Auf der Galerie hoch über den berühmten Panzern, Raketen,
der Nachbildung der ersten Atombombe
wendet sich der junge Kriegsveteran ab
von den Glastüren zur Kunstgalerie
mit ihren Gemälden
…….von vergasten, verkrüppelten Soldaten,
…….von verwundeten, verhungerten Zivilisten,
…….von gewöhnlichen Menschen,
…….hingeschlachtet in sinnlosem Zorn
…….gewöhnlicher Menschen
und steuert seinen Rollstuhl
abrupt in Richtung „Behindertentoilette“.

Wie hoch:
…….die Kosten für die Kriege des britischen Empires?
…….die Kosten, um die Schmerzen dieses jungen Mannes zu lindern?
Wie gering:
…….unser Engagement, um alle Kriege zu beenden?

Frank Joussen

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 26112

“Napalm Girl” mit Junge

für meinen Sohn Julian

Dad, Daad! schreit er,
seinen Kopf gegen meine Schulter gedrückt,
zittert er am ganzen Körper,
schlägt er mit seiner rechten Hand
auf meinen Rücken,
ohne Kraft, aber voller Empörung.
Wie konnten die Amerikaner das tun?
Wir stellen uns vor, genau dort zu stehen,
wo der Fotograf stand
und sein berühmtes Foto „Napalm Girl“
wirkt dreidimensional:
Das abgemagerte, nackte, verstümmelte Kind
rennt auf uns zu
und meine Tränen beginnen zu fließen,
für das weinende vietnamesische Mädchen,
für meinen weinenden deutschen Jungen.

Wir können, wir brauchen uns den Rest
der Ausstellung des Terrors nicht anzusehen.
Wir treten hinaus in den erbarmungslosen Sonnenschein,
um demütig auf den friedlichen Straßen Saigons
zu unserem Hotel im westlichen Stil zu gehen.

Frank Joussen

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 26111

Die Vergänglichkeit

Das Seiende verschwindet auf leisen Sohlen ins Verblichene.
Das Zukünftige lauert heimlich und begierdevoll – überall.
Was es bringen wird, weiß keiner.
Ob gut, ob schlecht, ob mittelmäßig.
Es überrascht und überrennt uns unablässig.
Bleibt nur zu hoffen, dass wenigstens das Mittelmaß
Mit guten Spitzen uns besucht.
Und das Schlechte, wenn überhaupt, nur für kurze Augenblicke weilt.
Und danach sehr bald von dannen eilt.

Copyright: Wilfried Ledolter

Copyright: Wilfried Ledolter

Wilfried Ledolter

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 26110

 

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Die Erinnerung an Gerald

Gerald war die reine Lebensfreude. Ich erinnere mich, wie er auf dem Bauernhof draußen stand, eine Zigarette rauchte und sagte: „Hach, was für ein schöner Tag!“, während die warme Frühlingssonne auf ihn schien. Er war so sorglos, so völlig unbekümmert, das war seine intuitive Strategie. Er war sehr schlau und erzählte gerne Witzchen. Alles nahm er wolkengleich leicht. Er selbst war sein Mittelpunkt, aber das ist doch bei jedem so, nicht?

Johannes Tosin

www.verdichtet.at | Kategorie: es menschelt | Inventarnummer: 26105