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Herbstgedicht

Den Kragen hoch, das Tal erstickt im Nebel.
Im Auto stirbt die Batterie.
Still und starr ragt hier ein Hebel.
Der Starter streikt. Das tat er bisher nie.

Am Akku zeigt sich die Vergänglichkeit.
Ihr Opfer fordert gnadenlos die Kälte.
Am Ende seiner Leistungsfähigkeit
spendet er Dunkel, anstatt dass er erhellte.

Vom Fahrtwind träumt der Fahrer kühn,
zieh’n Wälder und auch Wiesen rasch vorbei.
Entgegen aller Plagen und auch Müh’n
das Miststück springt nicht an. Verdammte Schweinerei!

Doch nicht nur dies, das dicke Öl gilt schwer zu pumpen,
was nicht zuletzt den Anlassvorgang hemmt.
In diesem Fall lässt sich der Pannendienst nicht lumpen.
Es kann der Motor nicht, nachdem ihn etwas hemmt.

Was gestern galt, so flink gleich einem Wiesel,
scheint heut verflockt, der Filter ist verstopft.
Ein derber Fluch belastet diesen Diesel.
Nur zähe rinnt, was früher freudig hat getropft.

Solche Momente lassen sich nicht loben!
Denn nichts kann so verdrießlich sein,
wenn’s kalt ist und die Winde toben.
Die Karre streikt. Kein Sonnenschein.

Copyright: Norbert Johannes Prenner

Copyright: Norbert Johannes Prenner

Norbert Johannes Prenner (Text und Grafik)

www.verdichtet.at |Kategorie: an Tagen wie diesen … | Inventarnummer: 25240

Die stillste Zeit im Jahr

Das ist die stillste Zeit im Jahr,
immer wenn es Weihnacht wird.
Da fallen Bomben, glühend heiß,
die Welt, die wächst im Hass, nichts schmilzt das Eis,
immer wenn es Weihnacht wird.

Es dunkelt schnell am Angriffstag,
immer wenn es Weihnacht wird.
Der Feind nahm uns das Kämmerlein,
wir rücken zusammen im Granatenschein,
immer wenn es Weihnacht wird.

Hörst du den heftigen Gegenschlag,
immer wenn es Weihnacht wird?
Da machen uns die Angst und der Winter ganz bang!
Im Herzen hallt wider der Raketen Klang,
immer wenn es Weihnacht wird.

Copyright: Norbert Johannes Prenner

Copyright: Norbert Johannes Prenner

Norbert Johannes Prenner (Text und Grafik)

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 25239

Narbenherz

Ich würd gern mal –
fern aller Realitäten
und von einem späten
Selbsterneuerungsdrang getrieben,
in den ich bei Windstärke sieben
nach einem hohen Wellengang,
den mir das Leben beschied,
sang- und klanglos geriet –
mein Herz entleeren.

Es auf links drehen,
um das Innere nach außen zu kehren,
bis in verborgene Winkel spähen,
es dann an seiner Spitze packen,
kräftig rütteln und schütteln,
sodass alle Sorgen und Macken,
die am äußeren Rand Spalier stehen
und es sinnlos beschweren,
auch alle unbeantworteten Fragen,
die tief am Grund gären,
vom Wind getragen
als Herzstaub zum Himmel wehen.

Der würde sich dort
durch Gravitation
zusammenballen,
mehr als eine Million
Jahre glüh’n und als Leuchtherzspirale
durchs Sternenzelt zieh’n,
in fernen Herzgalaxien erstrahlen,
um dann irgendwann,
grunderneuert, leicht und rein
auf die Erde zu fallen.

Dann würd ich’s mir schnell greifen,
dann könnte es mit hellem Schein
in mir reifen.

Fortan dürft’ es kein Kummer trüben,
keine menschlichen Lügen
und Herzensverbrecherintrigen
könnten es brechen oder biegen.
Denn ich würd es gut schützen
und bis in alle Ritzen
mit rotem Samt auslegen,
kleine Wunden und Narben
sofort verpflegen,
es in seidene Tücher hüllen,
seine Haut stabilisieren,
es nur noch mit Kostbarkeiten füllen
und den Sondermüll
von Anfang an aussortieren.

So könnt ich,
von Sorgen befreit und in Sicherheit,
in seinem warmen Pulsieren
noch jahrelang weiterexistieren.
Bis ans Ende der Zeit.

Claudia Lüer

www.verdichtet.at | Kategorie: hardly secret diary | Inventarnummer: 25238

Ich war einmal 

Ich erinnere mich gut: Vor sehr langer Zeit besaß ich ein prächtiges Gefieder, ein stolzes Gemüt und ein ebensolches Gehabe. Ich war ein Hahn. Ein schöner, stattlicher Hahn wohlgemerkt. Ich lebte auf einem großen Bauernhof, bekam reichlich Futter, reichlich Hennen, und kam auch recht gut mit den anderen Tieren des Hofes aus. Jeder Hahn an meiner Stelle wäre mehr als einverstanden mit diesem Leben gewesen. Nicht ich.

Es waren unerwünschte Gefühle, die regelmäßig in mir aufstiegen und die ein zufriedenes Dasein verhinderten. Ja, ich war damals ein Hahn mit Gefühlen, war wohl die Möwe Jonathan unter dem Geflügel – zugegeben, nicht so feinsinnig, nicht so spirituell wie diese, denn ich wurde von eher niedrigen Regungen beherrscht. Mich plagten die Eifersucht und die Sehnsucht.

Um es auf den Punkt zu bringen: Ich war eifersüchtig auf den Hofhund und sehnte mich nach der Aufmerksamkeit des Bauern.

Mich quälte die Tatsache, dass der Hund von ihm gestreichelt wurde und ich nicht. Der Bauer beachtete mich nicht, er warf mir zwar jeden Morgen meine Körner hin, ging aber dann uninteressiert an mir vorüber. Obwohl ich Tag für Tag zuverlässig meine Arbeit verrichtete, ihn jeden Morgen pünktlich mit meinem Hahnenschrei weckte – nie wurde ich gelobt, nie getätschelt wie der faule Hund, der nichts dergleichen tat.

Eines Tages war mein Frust so groß, dass ich mich beim Hund über diese Ungerechtigkeit beklagte und ihm meine Eifersucht gestand. Der Hund nagte an einem Knochen und meinte schließlich: „Mache es doch einfach wie ich! Belle freudig und wedle mit dem Schwanz, sobald du den Bauern erblickst. Damit zeigst du ihm deine Zuneigung. Du wirst sehen, er wird darauf reagieren.“

Meine Sehnsucht nach Liebe und Anerkennung war inzwischen dermaßen gewachsen, dass ich den Ratschlag des Hundes annahm. So streifte ich den letzten Rest meines Stolzes ab und übte den ganzen Tag, zum Hund zu werden. Mit Erfolg.

Schon am nächsten Morgen schaffte ich es, hundeähnliche Laute von mir zu geben und mit meinen herrlichen, bunten Schwanzfedern zu wedeln. Und tatsächlich, der Bauer blieb stehen, statt wie sonst an mir vorüberzugehen, und betrachtete mich verwundert.

„Hast du gesehen, wie fasziniert er von mir war? So interessiert hat er dich noch nie angesehen! Ich bin sicher, morgen schon wird er mich streicheln“, prahlte ich vor dem Hund.

Am darauffolgenden Tag begrüßte ich den Bauern mit einem freudigen Winseln, wackelte mit meinem gefiederten Hinterteil, warf meinen Kopf in den Nacken und jaulte herzzerreißend. Lange, lange beobachtete er mich kopfschüttelnd. Ach, wie sehr ich sein Interesse genoss!

„Er kann es nicht fassen, mich so lange übersehen zu haben“, erklärte ich mit stolzgeschwellter Brust dem Hund. „Er beachtet mich nun mehr als dich! Bestimmt wird er mich morgen schon streicheln.“

„Kikeriwau, Kikeriwau-wau!“, schrie ich meinem Herrn durchdringend am nächsten Tag entgegen, spreizte sämtliche Federn, drehte mich hechelnd vor ihm im Kreis und warf mich ihm schließlich zu Füßen, ihm meinen Kopf entgegenstreckend, damit er ihn endlich berühre.

Da ergriff mich der Bauer. Er hob mich hoch und schloss mich in seine kräftigen Arme. Überglücklich legte ich meinen Kopf in seine Armbeuge.

‚Jetzt, endlich, jetzt streichelt er mich‘, dachte ich voll Freude.

Und dann dachte ich nichts mehr, denn der Bauer drehte mir den Kragen um.

 (Erstveröffentlichung: Anthologie Zwischendurchgeschichten, 2020)

 

Claudia Dvoracek-Iby

www.verdichtet.at | Kategorie: Von Mücke zu Elefant | Inventarnummer: 25237

Der Fortschritt ins ewige Leben

Eine bäuerliche Tragödie in drei Akten

 Da war ein Bauer im Wechselgebiet – wo, weiß ich nicht mehr, ich habe die Geschichte in einem Wirtshaus am Nebentisch erzählen gehört.

Dieser Bauer hatte auf einem steilen Feld Roggen gemäht, die Garben den Hang hinunter geschleift und auf den von schweren Ochsen gezogenen Leiterwagen – es war Ende der 40er-Jahre – aufgeladen. Der Wagen muss dabei austariert gleichmäßig beladen sein, um auf den rumpeligen Wegen nicht umzukippen.

An Ende des Feldweges – vor der breiteren Fahrbahn – war eine Mulde, die man vorsichtig durchqueren musste. Der Bauer dachte sich nichts dabei, er war da schon jahrelang durchgefahren, und Ochsen haben ein gemächliches Tempo. Vielleicht hatte es auch drei Tage vorher geregnet, jedenfalls war die Mulde aufgeweicht, der schwer beladene Wagen kippte auf die Seite, die Ochsen ebenfalls, und der Bauer wurde vom Wagen geworfen.

Was war passiert? Den Ochsen nichts (gelobt sei deren Langsamkeit), der hölzerne Leiterwagen war auch ganz, der Bauer trug lediglich eine Schulterprellung davon, und das Getreide musste neu aufgeladen werden. Soweit alles gut.

Drei Jahre später wurden die Ochsen gegen junge Pferde getauscht – die waren einfach schneller. Erneut wurde am Hang hinter dem Hof das Heu geerntet, der Pferdewagen unten mit Sorgfalt beladen, die Ladung mit Seilen gesichert und die Pferde zogen an. Genau in der Mulde am Ende des Feldweges neigte sich der Leiterwagen und kippte langsam um. Die Pferde waren unverletzt (nur verschreckt) und wurden nach dem Ausspannen an einen Baum gebunden. Am Leiterwagen war lediglich die Deichsel gebrochen, und der Bauer hatte einen gefährlich aussehenden blutenden Schnitt über der Schläfe. Aber die ärztliche Untersuchung ergab keinen ernsteren Schaden. Die Deichsel wurde nächsten Morgen getauscht und der Wagen ein paar Meter weiter neu beladen.

Wieder einige Jahre später waren die Pferde von einem Steyr-15-Traktor ersetzt, der von der Tochter des nunmehrigen Altbauern gefahren wurde. Gerade zur Erntezeit war ein Kind unterwegs und so fuhr der 70-jährige Bauer selbst die Fechsung ein, auch von der oben erwähnten steilen „Leiten“. Zur Sicherheit belud man den Anhänger nur halbhoch, und der Bauer lenkte den Traktor eine Handbreit neben die Mulde. Das war ein Fehler, denn die Tochter hatte dieses gefährliche Wegstück schon mit Feldsteinen gefestigt, und der Ackerboden war weich. Also sank der Traktor mit dem linken Vorderrad ein und kippte mitsamt dem Anhänger um. Und diesmal blieb der Bauer unter dem Traktor liegen.

Ja, seinem Schicksal entkommt man nicht so leicht!

Robert Müller

www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 25236

 

Archiv November 2025

29.11.25: Norbert Johannes Prenner: Der Bittsteller
29.11.25: Bernd Watzka: Der vegane Waran
29.11.25: Michael Bauer: Die Zeit vor der Zeit
29.11.25: Johannes Tosin: Gespenster
22.11.25: Norbert Johannes Prenner: Was jetzt noch
22.11.25: Bernd Watzka: Die einfühlsame Maus und die Schlange
22.11.25: Dario Schrittweise: Im Bann des Windes
22.11.25: Johannes Tosin: Das No-Cloning-Theorem
15.11.25: Norbert Johannes Prenner: Was jetzt
15.1125: Bernd Watzka: Die herzlose Qualle
15.11.25: Johannes Tosin: Maschinenliebe
9.11.25: Bernd Remsing: Post Punk
9.11.25: Claudia Dvoracek-Iby: Bilder
9.11.25: Antonia H.: Rallye mit Marcello
9.11.25: Bernd Watzka: Traum eines Chamäleons
9.11.25: Anna Helene Claus: Im Silberlicht der Angst
9.11.25: Norbert Johannes Prenner: So ein Theater
9.11.25: Johannes Tosin: Vergangene Nacht
1.11.25: Norbert Johannes Prenner: Ein guter Freund
1.11.25: Bernd Watzka: Spider Man’s Spinne
1.11.25: Wilfried Ledolter: November
1.11.25: Johannes Tosin: Der neue Tag / Der letzte Tag

Das Wunder im Verborgenen

Das Holz stark verwittert,
zwei Äste vom Dach herunterhängend,
und fast, Gott sei Dank nicht ganz,
die zwei stehenden Figuren berührend.
Ich weiß, wer ihr seid.
Ich weiß, wer da in eurer Mitte liegt –
in einer grob gezimmerten, vom Unkraut
beinah überwucherten Krippe;
auch wenn die anderen Radfahrer, Fußgänger,
E-Scooter-Sauser achtlos an euch vorübereilen.

In einem Monat werden sie vielleicht,
in neue Mäntel gehüllt,
in frisch geputzten Autos
zu Krippenausstellungen fahren,
draußen mit wenig begeisterten Enkelkindern
durch die viel zu warme Winterluft stapfen,
drinnen zu feierlichen Weihnachtsklängen
die Kunstfertigkeit armer afrikanischer Holzschnitzer,
die exotischen Gewänder aus aller Welt,
die fremdartigen Gesichter asiatischer Figuren bewundern.

Dann, in einem festlich geschmückten Café,
werden sie vielleicht zu den Enkelkindern sagen:
„Jetzt haben wir Weihnachten!“
Warum auch nicht?

Für mich braucht es das alles nicht.
Für mich ist Weihnachten immer dann,
wenn wir Gottes Wirken erkennen
in der Unschuld eines Kindes,
in der Fürsorge seiner Eltern,
in einem noch so bescheidenen
Abbild des wahren Wunders
im Stall zu Bethlehem.

Copyright: Frank Joussen

Copyright: Frank Joussen

Frank Joussen

www.verdichtet.at | Kategorie: fest feiern | Inventarnummer: 25234

Souvenirs in meinem alten Schulbuch

Das einzige Schulbuch,
das ich aufbewahrt habe,
ist randvoll mit wohlbekannten
Geschichten, Gedichten,
teils lustig, teils spannend.
Beim Durchblättern rieseln
drei Klatschmohn- und zwei Kornblumenblüten
heraus, sorgsam gepresst,
sowie ein dunkelgrün verfärbtes
vierblättriges Kleeblatt. –
Unerwartete, willkommene Souvenirs,
die mich die gedruckten Seiten vergessen lassen:
Vor meinem geistigen Auge
erscheinen Schnappschüsse
meiner Jungen-Jahre in hellen Farben –
die Wildblumen lassen mich noch einmal
mit meinen Cousins und Cousinen spielen
im Weizenfeld hinter Großvaters Garten;
das vierblättrige Kleeblatt
wird wieder mit schmutzigen Händen
feierlich überreicht
von meiner Sandkastenliebe. –
Es hat mir Glück gebracht.

Copyright: Frank Joussen

Copyright: Frank Joussen

Frank Joussen

www.verdichtet.at | Kategorie: anno | Inventarnummer: 25235

 

Die Zeit vor der Zeit

Ich gestehe: In der Welt bin ich früher nicht sehr herumgekommen. Nicht nur, dass ich keine Möglichkeit dazu hatte, sondern auch, dass mich Reisen im Kopf mehr befriedigten.
Dazu bedurfte es nicht einmal eines Weltatlas.

In Berichten im Fernsehen, in Filmausschnitten, in Blogs erkannte ich das Lebensgefühl der Hippie-Generation: Frei sein, high sein, überall dabeisein. Was aber leider schon Vergangenheitsform für mich hatte.

Damals wollten alle nach Indien. Und wenn nicht dorthin, so doch wenigstens nach Istanbul oder nach Portugal. Es bedurfte nicht immer eines eigenen Fahrzeugs, manchmal reichte auch das Interrailticket oder der Autostopp. Wonach strebten sie damals? Nach Exotik? Nach Begegnungen? Nach Der-Weg-ist-das-Ziel-Erfahrungen?

Die Welt hat sich gedreht. Aber wäre es möglich, dies zu wiederholen?

Reisen ist zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Wir reisen immer weiter, immer öfter. Und welchen Sinn hat das dann noch, wenn wir das Reisen in unsere Innenwelt verlernen?

In meinem Kopf ging ich den alten Reiseberichten noch einmal nach. Und mein Plan war drauf und dran zu gelingen: Ich recherchierte Reisewege und informierte mich über verschiedene Länder. Und ich bekam eine Vorstellung von den Eindrücken, von den Worten, die auf diesen Reisen gewechselt wurden.

Bruchstückhaft holte ich diese Erfahrung später mit eigenen Reisen an die damaligen Orte, nun aber in der Jetztzeit, nach.

Ich bestaunte den Torre de Belém. Und den Weißen Turm. Ich badete im Atlantik und überquerte den Bosporus.

Michael Bauer

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 25233