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Das Wespennest

Ein sonniger Frühsommernachmittag hatte sich auf den sanften Hügeln und grünen Wiesen des kleinen südburgenländischen Ortes niedergetan. Bienen summten, Vögel zwitscherten in den Geästen zahlloser Obstbäume und Schmetterlinge tanzten über bunte Wiesenblumen. Eben durch diese Idylle quälte sich Maurermeister Josef Lagler samt seinen einhundertzwei Kilo mühsam den steilen Weg zu seinem neuen Einsatzort hinauf. Eine Mauer sollte er aufstellen. Ein Mäuerchen, auf dem Dachboden eines weit über die Grenzen des Landes hinaus bekannten Kunstmalers und Bildhauers. Eine Trennwand, kurzum Feuermauer genannt. Der Rauchfangkehrer hatte befundet, hier gehöre eine Feuermauer hin. Punktum! Kein Kunststück.

Und dennoch hatten es ein paar seiner Kollegen Monate davor nicht geschafft, gerade an diesem Haus eine solche stabil zu errichten. Eine simple Mauer als Anbau an eine bereits bestehende. Unter der Ägide eines umtriebigen Bauingenieurs hatten sie es fertiggebracht, auf die Verzapfung ihres Kunstwerkes zu vergessen. Eine ganz normale Ziegelwand, an eine glatte Mauer anzubauen, geriet somit außer Kontrolle, als sich der Kunstmaler voll Vertrauen in ihre Stabilität an sie lehnte, um gleich darauf samt ihr in den anschließenden Garten hinauszustürzen. Gott sei Dank hatte er sich dabei nicht verletzt. Die Betonkünstler konnten sich was anhören. Der Maler war außer sich. Er hatte nicht zuletzt ein Sprichwort zu diesem Vorfall bemüht: Wie der Herr, so das G’scherr! Denn der Bauingenieur war dafür bekannt, dass seine Werke nicht von langer Dauer waren. Er selbst erzählte einmal von einer Brücke, die er über einen Bach gebaut hätte. Sie wäre Jahre später eingestürzt, fügte er damals emotionslos hinzu.

Josef Lagler hatte das bescheidene Anwesen des Kunstmalers unter Keuchen und Stöhnen schwitzend erreicht. Er ließ seinen strapazierten Rucksack mit dem Werkzeug fallen, setzte sich auf die Gartenbank vorm Haus, zündete sich eine Zigarette an und öffnete eine Flasche eiskalten Bieres, welche ihm der Kunstmaler als Willkommensgruß schon bereitgestellt hatte. Vielleicht tat jener das auch nur aus Angst vor neuerlichen Schwierigkeiten mit Handwerkern und um ihn in richtige Stimmung zu bringen, sein Werk auch ordentlich zu vollenden. Lagler nahm mehrere tiefe Schlucke aus der Flasche und sah sich um. An den Außenwänden des kleinen Bauernhauses waren zahlreichen Kunstwerke angebracht. Wandmalereien zierten die Mauern auf der einen Seite, Steinplastiken auf der anderen. Ein fetter schwarzer Kater räkelte sich faul auf einer von der Sonne erwärmten Steinplatte und gähnte gelangweilt.

Als vor Jahren einmal ein Burgenlandamerikaner hier zu Besuch war, der all die Bilder ums und im Haus bemerkte, fragte dieser beeindruckt, oh, beautiful! Wer da streichen?, erzählte ihm der Maler. Aber Lagler hatte nicht verstanden, worum es ging.

Der Kunstmaler selber war bei den Ortsbewohnern nicht sonderlich beliebt. Ob es daran lag, dass er ein „Zuagraster“, also ein Zuwanderer war, oder an seiner Malerei, man wusste es nicht. Tatsache war, dass er die Dorfbewohner in seinen Bildern als auch in einem darüber gedrehten Amateurfilm ziemlich verrissen hatte, und sie ihm das sehr übel nahmen, als sie sich Wochen später im Regionalfernsehen wiedererkannten. Verglichen Kenner seine Malerei nicht zuletzt mit den skurrilen Werken eines Hieronymus Bosch. Dies aber hatte für den Maler schwerwiegende Folgen gehabt. Die Leute grüßten ihn von da an nicht mehr oder wechselten sogar den Gehsteig, wenn er ihnen begegnete. Auf einem seiner üblichen Spaziergänge über die nahen Wiesen wurde er sogar einmal von einem Jäger aus dem Ort mit angehaltener Doppelläufiger mit den Worten bedroht, schleich di, oder i blos di aus die Schuach!

Maurermeister Lagler hatte indes seinen Durst gelöscht. Also wurde es Zeit, an die Arbeit zu gehen. Wo er denn die Mauer aufstellen solle, fragte er. Oben, auf dem Dachboden, antwortete der Maler und wies mit seinem Kopf in die Richtung. Ein Dachboden wie jeder andere. Ein meist nur primitiv isolierter, kaum eingerichteter Raum, in dem allerlei Gerümpel gelagert war. Üblicherweise führten Treppen oder Leitern in solche Räume. So auch hier. Lagler stieg das schmale Stiegenhaus leise fluchend und laut ächzend hoch. Die Ziegel waren bereits herangeschafft worden. Mittels eines Autokranes über die Dachluke. Wenigstens etwas, stöhnte Lagler erleichtert. Das Meita, wie man hierzulande den Mörtel nannte, musste er selbst anrühren. Bei der Hitze unter dem Dach keine leichte Sache für einen älteren übergewichtigen Menschen. Krutze, zischte er leise. Aber da war noch was. Denn just an der Stelle, an der er die Mauer errichten sollte, hing ein gigantisches Wespennest vom Dachbalken und versperrte ihm den Weg.
Da ist ein Wespennest, rief der Maler von unten, haben Sie das Nest gesehen? Ja, hat er, er war ja nicht blind. Lagler kratzte sich am Hinterkopf. Zefix, fluchte er. Ein Nylonsackerl!, rief er nach unten. Ein was? I brauch a groß’ Nylonsackl!, rief Lagler jetzt lauter. Es dauerte. Er hatte mit Akademikern und so – Kunstg‘sindel, wie er es nannte, nicht viel am Hut. Einmal hatte er auch bei einem gearbeitet. Der wusste alles besser. Und einmal hatten sie ihm einen akademischen Restaurator beigestellt, damals, als die Arbeiten in der Kirche anfielen. Den Herrn Magister! Auch so einer, der nur g’scheit reden konnte und nichts weiterbrachte. Oaschloch, kaunst an Putz?, hatte Lagler ihn gleich zu Beginn der Arbeiten gefragt. Wenn er keinen Putz hätte können, hätte man gar nicht anfangen können. Und Lagler hatte einen Riecher für sowas. Der konnte tatsächlich keinen! Den brauchte man aber für die Erneuerung der Fresken, die nur im feuchten Verputz gemacht werden konnten. Also musste er alles allein machen.

Und der hier, dieser Künstler – schien auch ein solcher zu sein, so ein Siebeng’scheiter. Redete nur Unsinn und wirres Zeug und stellte unnötige dumme Fragen. Ein Besserer. Konnte nicht einmal ein Nylonsackerl organisieren. Na, immerhin. Wenigstens hatte er kaltes Bier zu Hause. Na endlich! Das Nylonsackerl. Da bitte, sagte der Maler und reichte ihm ein Billasackerl über die Bodentür. Was wollen Sie denn damit? Lagler schwieg. Ganz langsam und bedächtig nahm er die Plastiktasche, richtete sich auf und schritt gemessenen Schrittes hin zum Wespennest. Er trug nur ein kurzärmeliges Hemd und eine lange schmutzig-weiße Leinenhose, sonst nichts. Keine Handschuhe, nur sein Maurerkapperl, das schief auf seinem hochroten Kopf saß. Es war ein heißer Tag. Die Wespen, sehr geschäftig, schwirrten zornig brummend um ihn herum. Vorerst zündete sich der Meister eine neue Zigarette an. Rauch konnte nie schaden bei einem Unternehmen wie diesem.
Sie müssen sie von ihrem Aufenthaltsort weglocken, rief der Künstler von untern hinauf, was? Lenken Sie sie ab. Ich bringe Ihnen etwas Basilikum. Oder noch besser, Zitronen, mit Nelken drin, was? Das mögen die nicht. Lagler kümmerte sich nicht um das, was der Herr Künstler sagte und zog nur bedächtig an seiner Zigarette, die an seinem rechten Mundwinkel hing. Zefix, brummte er. Die Wespen umsurrten ihn neugierig. Ich hätte so ein Duftöl, Teebaumöl, nehmen Sie das. Der Maler ließ nicht locker. Und nach einer Weile: Knoblauch ist auch nicht schlecht, was? Ich schneide Ihnen welchen klein, nicht? Keine Antwort. Nur das Brummen der schwarzgelb Gestreiften. Salmiak!, rief der Maler, wissen Sie? Das ist es! Ich reiche Ihnen einen Lappen mit Salmiak hinauf, was? Oder warten Sie. Möchten Sie einen Kaffee? Ich stelle Ihnen einen Kaffee rauf, was? Den Geruch mögen sie auch nicht, die Wespen. Lagler reagierte nicht. Der Maler faselte etwas wie man müsste Kaffeepulver oder Kaffeebohnen irgendwie in einem feuerfesten Gefäß glühend machen oder so ähnlich, das würde die Wespen schon vertreiben. Alles vergebliche Mühe. Lagler tat, was er tun musste.
Ganz vorsichtig begann er, den Plastiksack von unten her über das Wespennest zu stülpen. Die Tiere umflogen ihn wie wild. Aber der Ziegelschupfer ließ sich in seiner Tätigkeit nicht von ihnen beirren. Wir hätten mehr Tomaten anbauen sollen, was?, rief der Maître von unten hinauf. Die mögen sie auch nicht. Lagler fiel die lange krumme Asche zu Boden. Meine Frau hat irgendwo Räucherstäbchen, brauchen Sie die?, fragte der Maler erneut. Früher haben wir immer Kupfermünzen auf den Tisch gelegt, beim Essen, mein’ ich. Das soll auch helfen, was? Lagler hörte alles genau, aber er kümmerte sich nicht darum. Vielleicht stellen Sie ein Glas Bier neben sich, was? Dann trinken sie und fallen dort rein? Lagler hatte eine Wespe mit Daumen und Zeigefinger unabsichtlich gequetscht und sie hatte ihn sofort gestochen. Zefix, murrte er und kratzte sich. Vielleicht ist ihre weiße Hose zu auffällig, was?, meinte der Maler nun besorgt. Da werden sie dann aggressiver, was?
Lagler kämpfte mit der Luft. Der Zigarettenrauch war ihm in die Augen gestiegen. Er kniff ein Auge zu. Aber blasen durfte er nicht, das wusste er, das mochten die Wespen schon gar nicht. Fast hatte er das Nylonsackerl schon um das gesamte Nest geschlungen. Fehlte nur noch der obere Teil. Der da unten ging im auf die Nerven mit seinen dauernden Vorschlägen. Da war die Königin, gut zwanzig Millimeter lang. Die kleineren Drohnen und noch kleineren Arbeiterinnen versuchten sie zu schützen, so gut es ging. Um diese Zeit ernährten sie sich von Weidenblüten. Und davon gab es genug in der Gegend. Ist alles in Ordnung bei Ihnen, was?, rief der Maler hinauf. Jojo, antwortete Lagler nun doch, wenn auch grantig, um seine Ruhe zu haben. Lagler schüttelte den Kopf.
Gleich würde er den Plastiksack oben schließen und das Nest mit der Hand vom Balken abnabeln. Die alte Königin würde im Spätherbst sterben. Danach löst sich ihr Wespenstaat völlig auf. Und wenn der Frost kommt, sterben die letzten heimatlosen Wespen auch. Lagler zog an seinem Zigarettenstummel. Alles würde einmal zu Ende gehen. Auch mit ihm. Zefix, murmelte er. Seine Hand wies dort, wo ihn die Wespe erwischt hatte, eine leichte Rötung auf. Lagler kratze erneut die juckende Stelle. So, jetzt war es so weit. Er schloss den Plastiksack mit der Faust und schickte sich an, die Treppen nach unten zu steigen. Im Nylonsack tobte und toste es bedrohlich. Als er mit seiner gefährlichen Beute unten angekommen war, standen der Maler und seine Frau mit offenem Mund da und kriegten kein Wort heraus. Wou is’ da Wossahaun?, fragte Lagler.
Äh – der – dort! Dort an der Wand, wo die Gießkanne…, stotterte der Künstler. Seine Frau wich vor Entsetzen zurück, als Lagler mit dem tosenden Beutel an ihr vorüberschritt. Er bewegte sich langsam auf die Wasserstelle zu, hob den Sack hinauf und öffnete ihn blitzartig gleich unter dem Wasserrohr. Rasch umschloss seine Faust Nylonsack und Wasserhahn. Besonnen und mit einer Gelassenheit, die das Künstlerehepaar an den Rand äußerster Spannung trieb, drehte er das Wasser auf. Der Beutel füllte sich nach und nach. Wurde dick wie ein Ballon. Das Tosen und Brausen im Sack wurde leiser. Schließlich verstummte es ganz. Nichts regte sich. Eine Schar Spatzen zwitscherten am Dachfirst. Ein paar versprengte Wespen flogen noch eine Zeit lang um Laglers Kopf, änderten aber bald ihre Route und flogen in Richtung Garten davon. Sixtas?, sagte Lagler siegessicher, und fügte ein „zefix“ an. Den Plastiksack verschnürte er mit den beiden Henkeln und meinte, den solle man ruhig hier bis zum Abend so stehen lassen. Erst dann ausleeren. Woraufhin er sich behäbig in Richtung Bodenstiege umwandte und diese ächzend zum Dachboden erklomm. Zefix, hörte man leise von oben.

Norbert Johannes Prenner

www.verdichtet.at |Kategorie: an Tagen wie diesen … | Inventarnummer: 16036

 

vom hocker

mein liebes Kind, komm nur herein
und lass die mami draußen
’s ist besser so, wir sind allein
schließt sie die Tür von außen

du weißt, wenn sie herinnen bleibt
dann fängst du an zu spinnen
was mich zumeist zum wahnsinn treibt
mit euch zu dritt hier drinnen

es macht mir nichts, wenn du nicht grüßt
is ohnehin nur maske
ich warte bis du dich vertschüsst
du supermulti-taske

den kautschi her statt guten tag
frech stehst du an die wand gelehnt
du weißt, wie sehr ich das schon mag
es scheint, ich habe dich verwöhnt

hast du dein heft nicht mitgebracht
aus dem wir immer spielen
hat mutti denn nicht dran gedacht
du musst nicht auf die wanduhr schielen

nun gut, ich schau im notenschrank
ob sich was andres findet
dein zappeln macht mich noch ganz krank
(wie sie sich streckt und windet)

bleib bitte auf dem sessel sitzen
und klimper nicht andauernd rum
gleich fang ich wieder an zu schwitzen
jetzt wirft sie noch den sessel um

da bitte, dieses heft geht auch
fang endlich an zu spielen
das ist, was ich von dir jetzt brauch
und etwas guten willen

ich bitte dich, nun lass den hocker
der hat genau die richt’ge höh
nach links den hebel, geht ganz locker
so tu’s, eh ich noch blutrot seh

der ton ist falsch, hörst du das nicht
das ist ein kleines g
ich wäre taub, ich arschgesicht
gespielt hätt’ sie das eh

dein rastlos ruhlos zappeln toben
das macht mich wahnsinnig nervös
ich bitt dich, lass die finger oben
was du heut treibst, ist schikanös

jetzt zieht sie auch die beine an
so lass sie, wo sie sind
weil man so nicht klavierspiel’n kann
so geht das nicht, mein kind

ich fürcht, neb’n dir da werd ich hin
dir sticht‘s und kribbelt‘s in der hose
ein mangel wohl an dopamin
ne ausgewachs’ne hyperthrose

da plötzlich tönt ein krach, ein schrei
es musste ja so kommen
sophie mein kind, eil ich herbei
sie hat von selbst den stuhl erklommen

und weiter geht das wilde treiben
auf dem gequälten instrument
das war kein fis, das ist mir wurscht
die hat das glatt verpennt

der war auch falsch, is mir egal
ich bitt dich, nimm die linke hand
dann spiel es eben noch einmal
die andre linke nimm verdammt

jetzt hast du grad den takt verloren
das hab ich nicht, doch du hast wohl
zwei ungewasch’ne Ohren
so das reicht, das maß ist voll

und was ist dort mit diesem ton
den hab ich längst, ganz sicher
derweil du grinst, sagst du voll hohn
du oida alzi, mit gekicher

zur übung spielst du nummro vier
denn üben sollst du nur zu haus
und ganz bestimmt nicht hier
jetzt spiel den schluss und dann hinaus

auf wiedersehn bis nächstes mal
tschüss dann bis nächste woche
du mein verhaltensoriginal
mach ich auf cool, auch wenn ich koche

als zeichen deiner sympathie            (dein abgang ist dramatisch)
schlägst du zum abschied mir im nu
so stark und heftig wie noch nie
die tür vor meiner nase zu                 (und ich bin höchst apathisch)

Norbert Johannes Prenner

www.verdichtet.at |Kategorie: unerHÖRT! | Inventarnummer: 16035

 

 

 

Das Ende des Vogelsangs

In sechzehn Stollen und einem Abgesang

1 Da war immer schon viel Verständnis und Freude am Vogelsang. Da wurde das Verlangen nach mehr nicht nur in wissbegierigen Ornithologen geweckt. Da zogen Wesenszüge und Eigengesetze und der musikalische Aussagewert Neugierige schon durch Jahrhunderte in ihren Bann.

2 Nun waren singende Vögel schon immer ein beliebtes Unterhaltungsmittel. Nun wurde Vogelgesang schon immer als wohltönend und angenehm empfunden. Nun ging man oft davon aus, dass Vögel aus Lebensfreude oder zur Erbauung der Umwelt singen.

3 Zumal werden singende Vögel weltweit in mehr oder weniger ausgeprägten Freiräumen gehalten. Zumal singen manche Arten besonders in Isolation sehr stark. Zumal singen sie oft bis zur völligen Erschöpfung. Zumal ist der Vogelgesang eine verhaltensbiologisch bemerkenswerte Leistung. Zumal singen Vögel so, wie sie durch die verschiedensten Umstände beeinflusst werden.

4 Bekanntlich ist der Gesang vieler Singvögel oftmals nicht bloß lyrisch. Bekanntlich ist er meist sogar prosaisch. Bekanntlich verfügen Lyriker oder Prosaisten meist über mehr als einen Strophentyp. Bekanntlich ist der Gesang der Singvögel im Vergleich zu anderen Vogelarten nicht angeboren. Bekanntlich muss diese Kunst, wie jedes Hand- oder Mundwerk, erlernt werden. Bekanntlich gibt es auch versierte Autodidakten unter diesen Tierarten.

5 Derweil ist Vogelsang keine Ausschmückung von etwas, das man auch einfacher oder deutlicher sagen könnte. Derweil ist Vogelsang vielmehr ein Akt, der sich selbst als solcher wahrnimmt und reflektiert. Derweil zeigt sich Vogelsang in seiner Eigentümlichkeit. Derweil ist Vogelsang Vermittler von Welt und Leben. Derweil ist Vogelsang spezifische Ausdrucksform und sich seiner selbst bewusst. Derweil ist Vogelsang nicht kommunikativer Zierrat! Derweil ist Vogelsang nicht Teil von etwas! Derweil ist Vogelsang tiefster Ausdruck der Seele.

6 Aber über den Gipfeln ist keine Ruh. Aber über den Gipfeln kann nie Ruh sein. Aber immer schon lag über den Gipfeln die Unruh. Aber zu allen Zeiten herrschte immer irgendwann Unruh. Aber warum sollte es in einer neuen Zeit anders sein.

7 Ganz plötzlich schien die Vogelwelt erstarrt! Ganz plötzlich lähmte Bestürzung die Singenden. Ganz plötzlich lag Betroffenheit in trock‘nen Kehlen. Ganz plötzlich spie Entsetzen fassungslos sein lähmendes Gift in den Dunst des Spätherbsts.

8 Bewusst wurden schuldlose Leben in den Tod gerissen. Bewusst wurde der Kosmos für Sekunden von Verblendeten vereinnahmt. Bewusst erlaubte eine finstere Macht, ungeschützte Verwundbarkeit feig für mörderisches Spiel zu nutzen.

9 Dann plötzlich ergriff eine Ohnmacht die Hörenden. Dann herrschte die Angst vor koordiniert geistesgestörtem Wahn. Dann hockte man gelähmt von den gräulichen Taten Umnachteter zitternd im Geäst. Dann trat Stille ein, als sich der Pulverdampf verzogen hatte.

10 Danach wuchs stumm im Schatten der ruchlosen Tat tonlos und dornig eine Hecke aus Starre. Danach verstummten die Vögel zur Gänze. Danach schwieg die Natur als Folge der Schauder. Danach ward Grauen und Widerwillen unter den Sängern.

11 Das war das Ende zweckorientierten Gesangs. Das war das Ende belebenden Beitrags Gefiederter. Das war das Ende der Wahrnehmungen ihrer Natur. Das war das Ende der schönen Poesie. Das war der Abschied ihrer provokanten Eleganz.

12 Damit einher begann die Vertreibung des Vogelgesangs. Damit einher ward Vogelsang nie mehr Ruhekissen der Liebesnacht. Damit einher ging das Ende von Idealen ihrer Ziele und Methoden. Damit einher geriet Stummheit zum stillen Protest.

13 Zeitgleich begann ein Rückzug der Vögel in sich selbst. Zeitgleich verkrochen sie sich in ihren Nestern. Zeitgleich verdunkelten sie ihre Nistplätze. Zeitgleich lebten sie innerlich und äußerlich nur Nacht. Zeitgleich erstarrt, gewährten sie niemandem Zutritt zu ihrer Behausung.

14 Letztlich zogen sie die Flügel hoch. Letztlich sahen sie bloß zu Boden. Letztlich verdeckten sie mit ihren Federn die unruhigen Augen. Letztlich verharrten sie mit verschränkten Beinen bewegungslos. Letztlich vermieden sie jegliches Geräusch. Letztlich gebaren ihre Kehlen kein Krächzen und kein Krähen. Letztlich erstarrten sie in ihrem Gefängnis des Schweigens. Letztlich erschien dieses Schweigen als Trotz.

15 Am Anfang vom Ende blieb kein anderer Ausweg. Am Anfang vom Ende nur stille Beobachtung. Am Anfang vom Ende blieb allein schöne Erinnerung. Am Anfang vom Ende ward phonische Leistung für immer verweigert. Am Anfang vom Ende gab es kein Weinen, kein Husten, kein Lachen.

16 So waren weder Atemgeräusch noch Laute des Schmerzes. So waren weder Blickkontakt noch Berührung. So waren nur Schweigen und Stille. So wollten Flügel und Beine ohnehin nur schwach zappeln und schwanken. So blockierten Blockaden das Singen, das Trällern und Fiepen.

Ein Abgesang

Das Geschäft mit dem Vogelsang war zur Talfahrt verkommen. Nicht deswegen, weil die Gier der Verleger neuer Partituren grenzenlos war. Nicht wegen der Provinzialität der Händler, dass Vogelsang nicht mehr unter die Leute gelangte. Nicht deswegen, dass überall gespart werden musste. Nicht deswegen, dass Vogelsangsendungen abgesetzt wurden. Nicht deswegen, dass Vogelsanghäuser geschlossen wurden. Nicht deswegen, dass Vogelsangmagazine, die das Ende des Vogelsangs ankündigten, nicht mehr gedruckt wurden. Nicht deswegen, allein wegen der Verunsicherung des Vogelliedmarktes. Nicht deswegen, dass einige wenige mit Sangesmüll renommierten. Nicht deswegen, weil selbst der vernichtende Cocktail aus Vogelsangwettbewerbskampf und schrumpfendem Markt der Branche nichts hätte anhaben können. Nicht deswegen, weil weder die sich minimierende Liste jämmerlicher Vorsänger noch die Rückläufigkeit der Umsätze bis zum Nullpunkt oder die Aushöhlung durch die Preisbindung dem Vogelsang den Garaus hätten machen können. Nicht deswegen, auch wenn man Parallelausgaben verboten hätte.

Sondern vielmehr lag die Ursache darin, dass aus Protest gegen das Unrecht immer weniger Partituren gekauft wurden. Sondern vielmehr lag es einzig und allein daran, dass aus Schmerz über die ruchlose Tat überhaupt nicht mehr gesungen wurde. Sondern vielmehr lag es daran, dass Vogelsang als Unterhaltung oder Sprachrohr einer bestimmten Geisteshaltung seit dem Tage der Katastrophe seinen Stellenwert verloren hatte. Sondern vielmehr hatte die aktuelle Krise die Konsumenten in Katastrophenstimmung versetzt. Sondern vielmehr verlangten sie nunmehr das Seichte, das Unterhaltsame, das Ablenkende. Sondern vielmehr hatte Vogelsang für den Einzelnen und für die Gemeinschaft das Verbindende geleistet. Sondern vielmehr ist sein Wert durch die ruchlose Tat zur Bedeutung eines Gutenachtliedes verkommen. Sondern vielmehr bedeutet der Verlust der Sangeslust jedoch nicht den Verlust seiner geistigen Fähigkeiten. Sondern vielmehr erlaubte das Entsetzen über das Geschehen nur seine Wiederaufnahme nicht.

Norbert Johannes Prenner

www.verdichtet.at | Kategorie: ¿Qué será, será? | Inventarnummer: 16033

Nicht ohne dich

Noch täuschen meine Augen mich mit Bildern der Erinnerung. Jetzt, wo ich dich lang genug gekannt – jetzt kann ich erst ermessen, wie einzigartig alles du mir warst. Ohne dich, so ohne dich, beginn ich langsam alles zu vergessen. Wo war ich bloß? Von purer Blindheit derb geschlagen? War’s Ignoranz? Ach, wenn ich an dich, mein Liebes, denke, du bist für mich so unbewölkt, so sonnig und so klar. Und ich hingegen? Pechrabenschwarz die Seele, ein Griesgram wohl. Es ist noch kaum ein Jahr vorbei. Schon schwindet beinah alles, wie das mit dir so war.
Gewiss, du konntest kühl sein, wenn du wolltest. Das wusstest du. Genau wie ich, und schattig. Jedoch – dein Schatten spendete begehrten Trost, den ich an heißen Tagen oft entbehrte. Noch fühl ich deine Haut, so blühend hell wie eine Rose. Als wär’s erst gestern. Wie oft war ich dein warmer Frühlingstag, dein Berg im Süden. Und totes Grau fiel oft von mir auf dich und tauchte dich geheimnisvoll ins Dunkel. Ich dachte stets, die Ruhe brächte Glück und Eintracht. Nicht immer, sagtest du. Ich weiß. Denkst du daran, was ich dir oftmals vorgeworfen? Heut lach ich drüber. Es ist vorbei. Ich sehe ein, dass ich kein Recht gehabt, was vorzuhalten. Jedoch, ich tat es nur aus Angst davor dich zu verlieren! Im Ernst! Es klingt grotesk. Verzeih, wenn du noch kannst.

Mag sein, dass ich die Worte, die du sprachst, nur aus Gewohnheit nicht gehört. Verstünd mich heute besser drauf zu hören. Noch klingt in meinen Ohren, ich sei dein Sonnenlicht und stünde für das Hell, die Quelle deines Lebens. Was ist das für ein Deal gewesen? Die Sache mit uns beiden? Du, und ich?
Und dennoch ist – was war, das waren wir gemeinsam. Wir beide, ja, ganz offensichtlich. Und was wird von uns bleiben? Nichts? Du warst mein Licht. Und ich? Ach ich – ich fühl mit Wonne den belebend schöpfend kühlen, feuchten Tau, den dein Füße sanft berührten, wenn du auf Erden schwebtest.

Bist du mir böse, weil ich, dein dunkler Schatten, dir manchmal deinen Atem nahm? Gewiss, ich war nicht aufmerksam genug. Ich flüchtete zu dir aus Kummer und Enttäuschung. Wirfst du mir vielleicht vor, dass es nicht bloß aus Liebe war? Dann bitt ich dich, sei wieder für mich da. Sei mir der Tag, sei mir der Sommer meines Lebens. Entfach mit deinem Sturm in mir das Feuer. Sonst bleibt es Nacht in meinen öden Wangentälern, die die Tränen gruben.
Doch, ach, ich weiß nur allzu gut. Einmal ist immer – irgendwann. Bei uns ist’s jetzt. Ich suchte nach Geborgenheit und dachte nur an mich dabei. Du sagtest, füg dich drein, ohne zu fragen. Das hab ich nicht verstanden. Zwar bin ich heute klüger, doch trotzdem dümmer als zuvor. Zu spät! Oh wärme mich an deinen sonn’gen Hängen die nach Süden steh’n, die ich so brauchte wie der Weinstock selbst.

In deiner Nähe schrieb ich ungeles’ne, Briefe nur an dich, ich schwör’s! Du kannst es mir ruhig glauben. Und willst du wissen, was drin stand? In meinen Zeilen stand die Angst, es käm der Tag, an dem wir nicht mehr zweisam wären. Du würdest mich an Alter überholen. Ein Unsinn sicherlich. Ich sah den Berg als Ganzes. Und fühlte kühles Wetter. Wenn nicht gleich gar die Winternacht. Nun steh ich vor verschloss’nen Türen, wo deine stets geöffnet waren.

Du Himmlisches! Was bin ich müd’ und du bist fort. In welche ausgebreitet’ Arme soll ich sinken, wenn nicht in deine? Wer wird mich jetzt in Tätigkeit versetzen? In Lethargie, als wär ich wie gelähmt! Nach einer halben Ewigkeit der gleichen Atmung und desselben Rhythmus! Du und ich – war alles zwischen Haupt und Gliedern. Das ist vorbei.
Weißt du noch, den Baum, den wir gepflanzt? Heut ist er größer als ein Haus. Du hattest ihn umarmt, nicht mich. Als Ausgleich zwischen unt’ und oben sagtest du. Versteh kein Wort. Auch muss man alles nicht versteh’n. Er ist wie wir, hast du gesagt. Blüht auf, belebend schöpferisch, ich kann mich gut erinnern. Und glänzend war sein schlankes Antlitz. Ich stand dabei, verborgen – mich zusammenziehend. Mein mattes Inneres nach außen. Ganz einfach passiv. Ich hab dich stets dafür bewundert, dass du so anders warst.

Wir waren sehr verschieden, das sei nicht bös gemeint, ich weiß. Das Harte und das Weiche – hast du einmal gesagt. Das eine kann nicht ohne andrem sein. Und doch – es ist nicht wichtig. Und rein moralisch gibt es keinen Überleg’nen. Schau unsre Liebe an, da ist der Anfang und das Ende. Dazwischen da sind wir. Ich weiß, wir waren’s! Doch welchem misst du mehr Bedeutung? Das eine ist ohne das andre nichts. Die Liebe selbst, ist es. Die war uns wichtig.

Vergieß doch deine heißen Tränen, wenn’s dir hilft!, ich hör dich diese Worte flüstern. Ich kann mich an den ew’gen Kreislauf schwer gewöhnen. In diesen Dingen warst du geübter, mehr als ich. Das Leben kommt, das Leben geht, so wie die Hoffnung. Mal steigt sie, doch dann sinkt sie wieder. Das eine folgt dem anderen und umgekehrt. Mich in mein Schicksal fügen – darin war ich schon immer ungeschickt. Vergeblich wart ich auf die Stille, der meist Bewegung folgt. Ganz ohne dich hab ich’s verlernt zu fühlen.

Mein Gott, wie schön das war, mit dir so Hand in Hand zu gehen. Sind jetzt die schlechten Zeiten angebrochen? Mir bleibt nicht mal die Hoffnung mehr auf bess’re. Ich weiß, dass du nicht wiederkehrst. Sonst war es immer so gewesen, wenn sich die Not vermehrt, verringert sie sich wieder durch die Hoffnung. Doch diesmal bleibt sie aus. Der einst’gen Fülle durch dein blühend Leben folgt nichts als Leere. Und du, mein Sonnenlicht, bist ganz verhüllt durch meine dunkle Wolke.

Norbert Johannes Prenner

www.verdichtet.at | Kategorie: hardly secret diary | Inventarnummer: 16029

Stammtischgebet

So einen kleinen Knick, den haben wir schon verkraftet, damals. Kleine Delle gekriegt, der Aufschwung, die Konjunktur und alles. Wegen dem Bisschen Öl und so. Aber sonst – nein, da sind wir die Alten geblieben, nicht? Kein Problem! Da gab’s noch Tauschhandel, Schwarzmarkt und so. Mein Gott! Aber dann – immer bergauf, haben wir gesagt, nicht? Und alles hat man sagen können, nicht? Und was ist jetzt? Jetzt sitzen sie wieder da an allen Ecken und strecken die Hände aus, nicht? Haben wir nicht geschuftet vierzig Jahre lang? Jetzt wollen die da alles geschenkt! Vielleicht gar unsre Wohnungen, nicht? Unsere Autos? Unsere Frauen, nicht? Sind ja alles Männer, die da kommen. Beinahe jedenfalls, nicht?
Wohin mit denen, fragt man sich? Geht ihnen ja gut bei uns. Warum auch nicht? Sind alle voll, unserer Regale. Volle Schüsseln, nicht? Was haben wir denn schon gehabt, danach, damals? Nichts! Aber jetzt – sollen wir wieder alles hergeben, wegen denen? Schon einmal sind welche gekommen, als Gäste, hat man gesagt, nicht? Nur nicht so zahlreich. Zum Arbeiten. Damals hat’s wenigstens noch Arbeit gegeben, nicht? Aber heut’? Und jetzt die hier? Wo soll man denn die hin? Stehen bloß rum. Warten auf Zuwendungen, nicht? Übersiedler waren das damals, aber immerhin. Hatten was drauf! Zumindest Muskelschmalz, nicht?

Aber die hier? Was kann denn so einer schon können, muss man sich fragen, nicht? Kann der was? Weiß der, was das heißt, zupacken, nicht? Is’ ja alles industrialisiert worden seither. Und da waren wir, nicht? Wir haben das alles großgezogen. Ohne uns wäre das alles nichts geworden, nicht? Jeder hatte da seinen Käfer, nicht? Manche schon einen Mercedes oder so. Modernste Technologien, nicht? Wettbewerbsfähige Forschung und Entwicklung, nicht? Zehnprozentwachstum, nicht?
Und heute? Was is’ heute? Nichts! Wird alles in die da reingebuttert, nicht? Tja, ein Wunder war’s, sagt man heute, ein Wunder, nicht? Und was ist jetzt? Na? Ein blaues Wunder! Wir erleben grad’ unser blaues Wunder. Direkt aus’m US- Standard ins Nichts katapultiert. Nur sagen darf man nichts.

Was woll’n die überhaupt hier? Was stell’n die sich vor? Vielleicht auch noch Vollbeschäftigung, wie? Wie soll das gehen, wenn überall abgebaut wird, nicht? Überall diese Computer? Wer braucht uns denn noch? Wir sind ja alle Auslaufmodelle sind wir, nicht?
Und überhaupt, pfh!, Landwirtschaft – wo gibt’s denn heut’ noch Landwirtschaft? Könnten ja in der Landwirtschaft arbeiten, die da. Aber’s gibt ja keine mehr! Alles künstlich. Wird ja alles künstlich hergestellt, nicht? Strukturwandel ist das. Und Dienstleistungen? Was sollen die sonst machen?
Die versteht ja keiner. Wer versteht denn die, nicht? Ach früher, Gotteswillen, war ja kein Malheur, mal eine kleine Rezession so zwischendurch. Aber jetzt? Jetzt? Jetzt is’ nur mehr Rezession, nicht? Was kriegst’n du heute für dein Geld? Nix! Oder? Damals hatten wir die Taschen voll, ums gute Geld, beim Einkauf. Aber heute? Unsere alten Leitbetriebe sind marod, nicht? Die meisten gibt’s gar nicht mehr.
Ja, Essensbuden, die schießen aus dem Boden wie die Pilze! Die brauchen wir! Wer braucht die, nicht? Alles von überall her. Nix Bodenständiges, nicht? Nur sagen darf man nichts.

Der soziale Frieden, hat es immer geheißen. Was ist mit dem heute? Der ist hin, nicht? Unsere Staatsunternehmen, nicht? Alles hin. Weg! Verramscht, nicht? Dein Paket musst du dir neuerdings vom Nachbarn abholen, nicht? Da musst du Glück haben, wenn der überhaupt daheim ist. Und alles so teuer! Weltwirtschaftskrise ist das, nur sagt’s keiner, nicht? Vorkriegsboom ist das. Müssen froh sein, dass es überhaupt noch was gibt, nicht? Angebots- oder Nachfragekräfte! Lachhaft das alles, nicht? Nur sagen darf man nichts.

Flexibles Arbeitsangebot! Firmenpleiten! Wo du hinschaust, Pleiten! So sieht’s aus, nicht? Und da wollen die zu uns? Wissen die überhaupt, was hier läuft? Nein, das wissen die nicht! Und es sagt ihnen auch niemand. Ein paar machen dabei Sonntagsgesichter und reiben sich die Patschhändchen, wenn sie ein paar Löffel Suppe ausschenken dürfen, nicht? Dann haben sie schon ein reines Gewissen und können vor lauter Sozialsein gar nicht mehr gerade gehen, nicht? Aber die werden auch noch schön dreinschauen, wenn’s umkippt. Wenn die alle Hunger kriegen, und es gibt nichts mehr, nicht? Dann heißt’s wieder: Löhne gering halten! Dann werden wieder soziale Bündnisse geschmiedet, zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften und den staatlichen Preiskontrolleuren, nicht? Dann werden wir bald wieder einen Marshallplan brauchen. Dann sind die vierzig glorreichen Jahre endgültig vorbei, nicht? Nur sagen darf man nichts.

Und unsere Jungen? Sollen die sich gar einschränken müssen wegen denen? Dürfen die jetzt keinen Spaß mehr haben? Nur, weil die keinen Spaß verstehen? Wir haben schließlich das kleinbürgerliche Leben endlich überwunden, nicht? Sollen die jetzt wegen denen von vorne anfangen? War das alles umsonst? Wir haben uns emanzipiert, nicht? Sollen wir uns jetzt wieder unterwerfen, wegen den paar da? Wollen die uns unseren Nonkonformismus madig machen, nicht? Uns unpatriotischen Umstürzlern vielleicht am Zeug flicken? Mit ihren Vorschriften etwa, nicht? Unsere geliebte bürgerliche Dekadenz unterwandern? Unsere kulturelle Zusammenhörigkeit unterbinden, nicht? Unsere Stammtische abschaffen und in Teestuben verlegen? Wollen die uns unsere sexuelle Revolution unter ihren Gebetsteppich kehren, nicht? Wollen die uns vielleicht noch unsere Musik verbieten und durch ihr Vierteltongewinsel ersetzen? Nur sagen darf man nichts.

Oder – sollen wir durch die vielleicht wieder zum Organisationsmenschen werden, nicht? Vielleicht wieder die grausige Einsamkeit des autonomen Einzelnen in einer entseelten Welt spielen, nicht? Jetzt, wo wir das alles mühsam überwunden haben? Wissen die überhaupt, was unkonventionell bedeutet? Wissen die, was kreativ sein heißt? Wissen die, was Gesellschaftskritik ist? Wissen die, wie es ist, seine eigene Meinung zu sagen, ohne gleich dafür ausgepeitscht zu werden? Soll das alles vergeblich gewesen sein, nicht? Sollen wir uns jetzt wegen denen wieder irgendeinem Willen unterwerfen? Sollen wir wegen denen wieder Regeln aufstellen müssen? Für alle Lebensbereiche, und stereotyp irgendwelche Strophen heruntermurmeln, nicht? Und nur wegen denen schon wieder einmal nicht sagen dürfen, was man sich denkt, wie damals, nicht? Und dann wieder das Dilemma, dass nicht alle gleich sind, nach sechzig Jahren Demokratie? Und müssen wir das wirklich ertragen, dass ein paar Fanatiker in dunklen Hinterzimmern planen, uns irgendwann an den Kragen zu gehen, während sie am Tage um Mietzinsbeihilfe Schlange stehen, nicht? Nur sagen darf man nichts.

Und sollen unsere Frauen vielleicht wieder schamhaft die Blicke zu Boden richten, wenn ein Mann sie ansieht, nicht? Und dass sie ihren Schmuck nicht herzeigen dürfen? Und sie sich in Tücher hüllen müssen, dumpfe Symbole der Rückständigkeit, des vorsätzlichen Belästigungsschutzes, nicht? Damit haben die ihre Frauen aus der Öffentlichkeit gerückt, hört man. Wollen wir das bei unseren Frauen hinnehmen? Nur sagen darf man nichts.

Und dass wir wochenlang am Tag nicht essen und trinken dürfen, nicht? Und das, bei unserer ausgeprägten Ess- und Trinkkultur, nicht? Und schließlich sind wir ein Weinland, nicht? Und woll’n die uns gar unseren Wein nehmen, nicht? Das wär ja noch schöner! Und wir werden denen schon zeigen, wo bei uns die andersrum Veranlagten hinkommen, nicht? In die Hölle nicht, aber auf die Fußgeherampeln! So schaut’s aus, nicht? Aber sagen darf man nichts. Und überhaupt – die können doch nicht einfach Dirndlkleid und Lederhose anziehen! Das wär fesch, nicht? Und mitpaschen dürfen sie auch nicht. Das dürfen ja wir aus dem Nachbarort schon nicht, nicht? Und unsere Lieder singen? Das sollen sie schon eigentlich gar nicht. Die haben das nicht zu können, nicht? Weil die – die wissen nicht einmal, wie man ein WC benützt. Weil die glauben, man muss auf die Klobrille steigen dabei. Solche sind das, nicht? Und Taschentücher – das kennen die gar nicht. Weil’s dort nur heiß ist, und man sich nicht schnäuzen muss. Und die sollen uns einmal erhalten? Nicht? Und wegen solchen wird das Fußballmatch abgesagt, und wir kriegen vielleicht sogar noch Ausgangssperre, nicht? Nur sagen darf man nichts.

Ihre Jungen, sagen die, die hätten ein Jugendproblem. Und dass sie anfällig wären, für Extreme, und was sie da alles anrichten. Das alles, das wäre nur ein Jugendstreich, nicht? Da danken wir schön! Und dass sie alle so empfindlich wären, sagen die, wenn man sie verarscht, nicht? Dabei schreien die gerade danach, verarscht zu werden, nicht? So ernst, wie sich die nehmen, nicht? Und dass sie keinen Spaß verstehen, nicht? Das sieht man! Aber die können nicht wissen, wie empfindlich wir sind, nicht? Meiner Seel’, was haben wir nicht schon alles ertragen müssen? Und? Haben wir uns dagegen gewehrt? Haben wir? Und noch dazu mit solchen Mitteln – gewehrt? Das hätten wir versuchen sollen, nicht? Nur sagen darf man nichts.

Und alles bloß, weil wir uns so postkolonial verhalten, ihnen gegenüber, nicht? Da muss einer sich ja in seine eigene Welt zurückziehen. Da muss sich einer ja in sein Schneckenhaus verkriechen. Nur sagen darf man nichts.

Aber wir pfeifen auf ihren Ehrenkodex und ihre Stammesregeln! Weil wir haben unsere eigenen Dingsda, nicht? Und überhaupt, alles wäre ohnehin nur ein humanitärer Imperativ gewesen, dass sie hätten kommen sollen, nicht? War alles nur ein PR-Gag. Aber dann – jetzt – ab jetzt wird wieder hingeschaut! Jetzt schauen die auch nicht mehr weg, die, die vorher dafür gewesen sind, nicht? So wie die, die nie dafür waren, und die ja auch immer hingeschaut haben, nicht? Jetzt heißt es Hand auf, und geschworen – für die Ewigkeit – und ob man da bleiben darf und ein guter Mensch werden will, oder nicht! Nicht? Nur sagen darf man nichts.

Und bei all dem, was da passiert, muss man bloß ruhig bleiben, sagen alle. Und sie hätten alles im Griff, sagen sie, nicht? Aber, sag ich, bei all dem, was da passiert – man traut sich ja bald nicht mehr aus dem Haus wegen denen – wenn da einer keine Angst kriegt, dann hat er keine Fantasie, nicht? Nur sagen darf man nichts! Prost!

Norbert Johannes Prenner

www.verdichtet.at |Kategorie: hardly secret diary |Inventarnummer: 16008

 

Ein Kind unserer Zeit

Dieses Leben bietet, abgesehen von Überraschungen, offenbar zur Genüge Wiederholungen dessen, was man schon einmal erlebt oder vielleicht gelebt hat. Vielleicht auch bloß in Variationen, aber immerhin. Das macht mich oft so müde, weil ich ohnehin schon genau weiß, wie’s ausgeht und wonach es schmeckt. Derartig vergleichbare Begebenheiten haben mir so manches Mal die ohnehin seltene Freude am Neuen bereits im Voraus genommen. Gibt´s was Neues?, frage ich manchmal trotzig und füge gleich dran, hoffentlich nicht, denn das Neue ist nicht immer gut. Dann lache ich. Aber mein Lachen ist gar keins. Bedauerlich für mich, nur für einen kurzen Augenblick ein so genanntes Kind unserer Zeit gewesen zu sein, denke ich. Vielleicht aus Langeweile an der Oberflächlichkeit ihrer Tendenzen? Ich hab mich recht früh von allem verabschiedet, was man eben so tut, und bin dadurch stets isoliert geblieben, wenn nicht sogar einsamer geworden als andere. Ich blieb an einer Vergangenheit hängen, die nicht die meine war, die ich mir jedoch zunutze gemacht habe. Oft überlege ich, wie weit ich mich zur Wahrnehmung über die Zeichen der Zeit hinauslehnen soll? Mehr als über mein eigenes Befinden, frage ich mich? Mehr als über meine kleine Welt, über den Bereich meines eigenen Tellerrandes hinaus? Weiter zu denken als über das, was in meiner unmittelbaren Nähe passiert oder passiert sein soll? Wozu?, denke ich dann.

Und wieder einmal beginne ich an der Sinnhaftigkeit dieses Lebens zu zweifeln, weil es ja doch enden wollend ist. Man will mir einreden, schätzen zu lernen, was alles in meinem bisherigen Leben von mir erschaffen worden ist, wie das schon klingt, und dass alles, worüber ich spreche, auch tatsächlich von mir so gewollt ist. Ich selbst bin mir da gar nicht so sicher, dass es so ist.

Ich fühle mich auch durchaus nicht als Herr des Universums, wie es die Esoteriker gerne unterstützen möchten, und mein Geist ist mir nicht immer dienlich, wie die das gerne sehen würden, im Gegenteil, manchmal ist er mir eine unglaubliche Last. Diese Leute haben da ein sinniges Rezept parat:

Du richtest einen Befehl an das Universum und lässt es wissen, was du willst. So einfach ist das. Das Problem bei mir dabei ist bloß, was will ich eigentlich? In Ruhe gelassen werden, da bin ich mir sicher. Na bitte! Sei nicht immer so negativ, sagt eine meiner inneren Stimmen, wohl die, die es immer so gut mit mir meint. Also gut, ich will es versuchen. Angenommen, das Universum spricht auf meinen Wunsch an, auf meine Gedanken eben, die ich an es richte. Besser, ich schreibe sie gleich auf, damit ich nicht vergesse, was ich mir gewünscht habe. Nur – wie soll das Gesetz der Anziehung wissen, was ich will, wenn ich mir selber nicht im Klaren darüber bin, was ich eigentlich begehre? Das hat was. Also gut, ich bitte um etwas. Ich bitte darum, dass ich so leben kann, dass sich meine Existenzängste auf ein Minimum reduzieren, und dass mir nie die Ideen ausgehen mögen, ohne die ich sonst völlig hilflos in dieser Welt herumhänge. Ich stelle mir daher das Universum als überdimensionalen Versandhauskatalog vor und suche mir darin etwas aus, oder? Ich möchte also, dass ich keine Angst mehr haben und mir von niemandem was gefallen lassen muss! Eine einmalige Bitte soll angeblich genügen. Hier also ist meine Bestellung. – Ich warte! – Ich warte noch immer! Da fällt mir ein, mein Konto ist überzogen und ich kriege Panik, denn es ist erst der Vierte des Monats.

Panik bedeutet Angst. Also was ist? Nichts tut sich. Alles wie immer. Vielleicht war mein Wunsch nicht exakt genug? Wovor soll ich mich nicht mehr fürchten? Ich bemühe mich um eine Formulierung. Sagen wir, vor diesen XXL-Typen etwa, die andern immer so locker sagen können, was Sache ist. Zu denen gehöre ich nicht. Das muss man mögen. Oder, ein anderer Wunsch: Schütze mich vor der Machtgier unbefriedigter Mitmenschen. Oder davor, dass mit einem Male alles aus sein könnte. Vor Abhängigkeiten. Genau! Abhängigsein ist ein schwerer Fehler. Zu viel?

Ach, wenn ich so zurückblicke! Warum ausgerechnet mir nicht der gerade Weg beschieden war, den ich lieber beschritten hätte, ohne die zahllosen Kaskaden meines angeblichen Begabtentums nützen zu müssen, Sturzsprünge der Verlegenheit, wie ich sie zu nennen pflege, um mich den eigentlichen Pflichten zu entziehen, die für eine „ordentliche“ Karriere unentbehrlich gewesen wären. Ich habe mich hinter diesen improvisatorischen Wasserfällen zu verstecken begonnen. Sie waren mir stets Schutzwall gegen die öffentliche Meinung des Nicht-eingeordnet-werden-Könnens, eine meiner ausgeprägtesten, ureigensten Haupt- und Staatsphobien. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, mit mir abzurechnen. Schon sehe ich meine Seele auf dem selbsterrichteten Operationstisch. Der „natus sum“ war sich selbst nicht gut genug, stelle ich fest. Man muss aus sich etwas machen, hat der Herr Papa immer wieder gepredigt. Muss man das, frage ich mich? Der homo faber in mir sollte dem homo sapiens weichen. Aber – hätte ich Bauer werden sollen? Transitiv ein Feld bereiten? Ursprünglich auf Haus und Kammer beschränkt, mein natürliches Umfeld gesucht zu haben? Etwas hervorgebracht zu haben, aus Feld und Flur, und daran gewachsen zu sein, auch wenn es mich nicht unsterblich gemacht und niemandem etwas gebracht hätte außer mir selber, als Matrix meiner genuinen Beschaffenheit vielleicht? Ich lasse Mut und Hände sinken, die ich, das Universum beschwörend, bis jetzt emporgehalten hatte, ohne zu bemerken, dass sie mich bereits schmerzten.

Da ist jetzt diese Therapie! Mit Akribie hat man in diesen letzten Wochen mein Inneres seziert, bearbeitet, gestreckt, gedehnt, teilweise massiert, dann aber auch wiederum geschunden. Es einzurichten versucht wie ein verrenktes Glied. Und es sind Wunden aufgeplatzt dabei, bereits vernarbte. Fast wäre ich innerlich verblutet.

Und jetzt? Was ist jetzt? Jetzt gähnen mich die offenen Stellen hämisch an, von denen ich meine, dass sie ein jeder sehen kann. So nackt und bloß, wie sie daliegen! Aber – es gibt einen leisen Unterschied zum Zustand davor – es macht mir nichts mehr aus, ob man hineinsehen kann, in die Aufgebrochenheiten! Ich denke, es hat sich in mir eine gewisse Stabilität etabliert, wie man es nennen könnte. Tatsächlich! Ich erkenne es daran, dass ich denjenigen, die mich durch ihre bewusstlosen Bosheiten verhindert haben, nicht mehr ihre Unfähigkeit vorwerfe, mich in meiner Individualität zu wenig wahrgenommen zu haben, sondern deren Methoden anzuzweifeln beginne, die überdies ausschließlich und allein auf die exakte Dokumentation meines Versagens ausgerichtet gewesen zu sein schienen.

Ich habe mir vorgenommen, die Dinge, die ich wirklich will, als meine eigenen anzusehen. Eigentlich lächerlich! Wer ist schon ganz unbeeinflusst von allem, was da täglich auf einen einwirkt? Auch egal. Vielleicht mehr Gleichgültigkeit an den Tag legen, sage ich zu mir. Ich rede mir ein, alles zu besitzen, was ich benötige, um einigermaßen glücklich zu sein. Dabei sehe ich in den Spiegel, um festzustellen, ob ich mich selbst belüge. Rot bin ich dabei nicht geworden. Was wäre noch wünschenswert? Wünschenswert wäre, wenn mir jemand meine Sorgen und Ängste abnähme.

Eigentlich ist alles nicht so schlimm wie ich es noch vor Wochen gesehen habe. Schließlich hat mir diese Zeit den Blick auf das Dahinter geöffnet, ein wenig – doch, ja. Zweifel? Hm, nun, wenn es ganz schlimm war, konnte ich dieses Seelenfenster eine Zeit lang wieder schließen, bevor ich daran völlig zerbrochen wäre, um es beim nächsten Mal, vorsichtiger als zuvor, aus purer Neugier wieder einen Spalt zu öffnen. Das mit dem Dahinter ist eine ambivalente Sache. Das Seelenskalpell hat manchmal tief angesetzt, zu tief gar, ein andermal hat es mich nur geritzt. Trotzdem ist Blut geflossen!

Neulich habe ich geträumt, unsere dicke alte Volksschullehrerin mit den Nilpferdbeinen hätte im Burgtheater Regie geführt. Sie wollte mir mit Erste-Fibel-Wissen weismachen, wie Goethes Faust zu inszenieren sei. Es hat mich rasend gemacht, dass ausgerechnet sie – nicht, dass ich so wahnsinnig auf Goethe stehe, trotzdem – ich habe ihr entgegengeschleudert, dass sich die berühmten psychologischen Elemente, die sie andauernd darin sehen wollte, in die sich das Genie auflösen lässt, ebenso in jedem Straßenfeger oder Monteur finden ließen, wenn man nur suchte. Was für ein Traum! Wow! Das habe ich mit „mein Geist ist mir nicht immer dienlich“ gemeint. Hat man denn keine Ruhe, nicht einmal im Schlaf? Aber – es ist mir leider in diesem Traum verwehrt geblieben, ihr Dienstgesicht nach meiner frechen Antwort genauer sehen zu können. Vielleicht war das nicht so wichtig. Und doch – es war sowas wie ein Sieg! Dieser Traum hat mich den Glauben an mich selbst wieder erleben lassen, wenn auch nur für einen kurzen Moment lang, aber – immerhin.

Und? Danach? Nun, mein Vorhaben, es mir im wirklichen Leben gleichzutun wie in jenem Traum, gewinnt zunehmend an Gestalt.

Heute denke ich, ich bin ein Kind unserer Zeit. Was denn sonst? Dieser Satz geht mir nicht aus dem Kopf. Torberg, Schüler Gerber. Ein Gedicht. Ich weiß den Wortlaut nicht mehr. Ich bin in die Vergangenheit abgerückt, eben wegen der allzu oberflächlichen Tendenzen dieser Zeit und habe mich zu sehr mit jenen der Vorfahren identifiziert. Und das Ergebnis? Mein ganzes Hoffen ist in der Erstellung dieser Familienchronik gelegen, meine Gefühle an das Gewesene noch zu vertiefen. Es ist mir bis jetzt nicht gelungen. Stattdessen muss ich mich mit einer Gegenwart herumschlagen, die ich nicht akzeptieren kann und will! Schlimm!

Im Rückblick durchforste ich meine Gedanken-Partitur der letzten Wochen in der Hoffnung, dass ich beim Durchlesen des bisher Geschriebenen Dinge herausfinde, die ich heute vielleicht schon wieder anders sehe.

Eins habe ich dabei entdeckt, die Unzufriedenheit mit meiner alten Welt ist einer Gleichgültigkeit gewichen, die mich die Dinge, die angeblich die Welt bedeuten und so wichtig sein sollen, in etwas gedämpfterem Licht erscheinen lassen. Mir ist, als hörte ich auch schlechter als zuvor. Nicht mehr alles, oder zumindest nur das, was ich an mich heranlassen möchte. Auch komme ich nicht mehr im Sitzen außer Atem und auch der Wunsch, aus meinem Körper zu verreisen, ist nicht mehr so stark wie früher. Ein Liebling der Götter bin ich offensichtlich trotz alldem noch immer nicht geworden. Verflucht, entweder ist man einer oder nicht, denke ich, man kann keiner werden!

Und immer öfter schon ertappe ich mich in letzter Zeit dabei, dass etwas in mir, dem Stummen, zu singen beginnt und ich vor mich hin summe, so ganz unbewusst, leise zwar, und doch deutlich hörbar.

Es hat einmal eine Zeit gegeben, da dachte ich, ich wäre unsterblich. Diese Ansicht habe ich immer noch nicht völlig aus meinem Kopf verbannt. Dabei bemerke ich, wie sparsam ich mit meinen Ressourcen umgehe, wie vorsichtig ich mich ernähre, wie behutsam ich etwas vom Boden aufhebe, um mich nicht zu verletzen, wie neidisch ich mein Sperma bewache oder mit Akribie auf meine Ruhezeiten achte. Jetzt, da ich zurückblicke, sehe ich einiges, was mich bisher kaum gestört hat, ja, mir nicht einmal aufgefallen ist. Muster sind es, die ich mir angewöhnt habe. Alte Muster, die kaum aufzubrechen sind, und immer wieder tappe ich hinein. Die Eile, Dinge zu erledigen zum Beispiel. Als ob es nicht auch langsamer ginge! Mag sein, dass darin die Ursachen dafür liegen, dass mir alles aus den Händen fällt. Ich packe zu wenig fest zu. Alles, was mit mir passiert ist, ist nur meiner Vorsicht, sich zu vergeuden, sich zu verschwenden, anzulasten. Und dann – ach!, denke ich, es wird langsam Zeit, in die wärmende Märzsonne hinauszugehen.

Das tue ich dann auch. Mein Weg führt wie immer durch den Volksgarten, über den Heldenplatz in den Burggarten. Das Palmenhaus ist vor elf Uhr geschlossen. Ein Drang, der mich plötzlich nicht mehr loslässt und dem es gilt nachzugeben, führt mich auf die Toilette des Augustinerkellers, gleich neben der Albertina. Im Vorraum sitzen vier Fiaker-Kutscher bei der Jause. Draußen warten ihre Pferde geduldig. Als ich die Tür zum Pissoir öffne, meinte ich, der Koch hinter der Glastür hätte gerufen: „Do is scho wieda ana. Sperrt‘s zua!“ Ich könnte mich auch getäuscht haben und lasse mich von meinem Vorhaben nicht abbringen. Doch während ich pinkle, höre ich plötzlich, dass jemand die Tür hinter mir zusperrt. Ich lasse mich in meiner Verrichtung nicht beirren, obwohl mich das flaue Gefühl meiner vagen Wahrnehmung von vorhin nicht in Ruhe lässt.
Eiliger als sonst schließe ich den Reißverschluss, wasche meine Hände und will auch schon die Tür nach draußen aufstoßen. Geht nicht! Tatsächlich! Sie ist verschlossen. Mir wird heiß. Ich überlege fieberhaft, was zu tun sei. Die Polizei rufen? Einen Skandal daraus machen? Ich bemerke, wie sich meine Brust verengt, mein Herz rast. Ich versuche, durchzuatmen. Geht nicht. Panik! Dabei schien mir die Sonne grad vorhin noch so wunderbar ins Gesicht. Die ersten warmen Strahlen. Und jetzt? Gefangen! Ich trommle wie verrückt an die Tür. Herz klopft wild. Niemand reagiert. Ich trommle weiter, bis mir die Knöchel zu schmerzen beginnen. Nichts. Das Handy, denke ich und nehme es aus meiner rechten Manteltasche. Nein, es ist zu früh für einen Notruf. Vielleicht hört mich doch noch jemand? Ich schlage verzweifelt an die Tür. Da, endlich! Eine weibliche Küchenhilfe, nehm ich vorerst an, rüttelt an der Tür und schreit: „Komm eh glei. Wart a bissl!“
Nichts tut sich. Ich setzte mein Trommelfeuer fort. Dann zücke ich die Brieftasche und entnehme ihr eine Visitenkarte, auf der ich mir den Namen desjenigen aufschreiben werde, der mich, obwohl einige Angestellte mitangesehen hatten, dass ich noch im Pissoir war, hier eingesperrt hat. Der Schlüssel wird umgedreht. Ich stürze hinaus. „Wer war das?“, brülle ich wie ein Rasender. „Ich bin oft genug Gast hier gewesen. Wer von euch hat hier zugesperrt? Das ist Freiheitsberaubung! Sie alle haben es genau gesehen. Ich werde Anzeige erstatten!“ Ein bosnisch aussehender Küchengehilfe weicht vor mir zurück, sagt kein Wort. Ich stürze hinein in die Stube. Drinnen, ein schlitzäugiger junger Mann, sieht mich verschlagen an. Durchtriebenes Pack, durchzuckt es mich! „Wo ist der Geschäftsführer?“ Keine Antwort. „Wie heißt der Geschäftsführer?“ Die beiden wenden sich stumm von mir ab. Na gut, ich mache kehrt, gehe zum Ausgang. Mein Herz schlägt wie verrückt. Die Fiaker schauen mir blöde nach und grinsen. Ich hasse dieses beschissene Wien, denke ich. Irgendwann ziehe ich von hier weg. „Hier bin ich längste Zeit Gast gewesen!“, brülle ich. Das tut gut.

Aber, kurze Zeit danach, ich bin erstaunt, wie rasch sich mein Herz beruhigt hat. Beinahe so, als ob nichts passiert wäre, schlendere ich am Palais Epstein vorbei. Aus den Stallungen wird ein Lipizzaner in den gegenüberliegenden Hof geführt. Überall riecht es nach Pferdemist. Sollte ich jetzt einen Kaffee trinken gehen? Ich weiß nicht so recht. Ein wenig schwach sind meine Knie noch, ziemlich wackelig eigentlich.

Irgendwann habe ich mir die Frage gestellt, ob nicht einfach mehr dabei sein sollte, bei allem, auch wenn ich nicht genau weiß, wobei. Also studiere ich das aktuelle Theaterprogramm und entscheide, in die Nachmittagsvorstellung Ödön von Horváths „Der jüngste Tag“ zu gehen. Seit dem grandiosen Umbau des Josefstädter-Theaters war ich ohnehin noch nicht dort. Mein Sitzplatz ist im Orchester rechts / Reihe 4 / Platz 6. Ich bin mit meinen vierundfünfzig offensichtlich der Jüngste im Publikum bei dieser dramatischen Angelegenheit. Die sogenannte dramatische Handlung, soll Horváth gesagt haben, sei eine rein sekundäre Angelegenheit und wäre bloß der Rahmen. Schöner Rahmen! Hinter mir ignorieren zwei uralte Abonnentinnen die angespannte Stille des Einganges zum ersten Akt und müssen ihre Eindrücke der ersten Szene unbedingt hörbar kommentieren. Auf der Bühne wird das Kommen eines Zuges erwartet.
Das dauert, wie im richtigen Leben. Schließlich – „Kommt kein Zug?“, fragt die erste ungeduldig. „Es kommt einer“, flüstern sie dann unisono. Der Bahnhofsvorstand geht nach vorn an den Bühnenrand und stellt die Weichen. Ein Signal am oberen Bühnenrand wird auf Rot gestellt. „Das hab ich schon erlebt“, sagt die andere laut hinter mir, „als Kinder haben wir immer gewunken, weißt noch?“ „Schau, die hat ja ein Nachthemd an“, lispelt die erste für alle hörbar, als eine Schauspielerin die Bühne betritt. Mein Gott! Ich rutsche unruhig auf dem neuen Sessel hin und her, der mehr als bisher Platz für die Knie zum vorderen Sitz lässt. Erst als auf der Bühne gesprochen wird, halten die zwei aufgetakelten Hofratswitwen endlich ihren Mund. Ich selbst würde nie wagen, während der Vorstellung laut zu sprechen, weil ich zu viel Anstand habe, und auch Angst, von jemandem zurechtgewiesen zu werden. Ich bin eben ein Man-tut-das-nicht.
Dann werde ich endlich Teil des Stückes und gehe aufmerksam mit, wie auf der Bühne Bewusstsein und Unterbewusstsein eindrucksvoll miteinander kämpfen. Eine Tragödie muss ich mir anschauen, ich Idiot! Als ob es mir nicht selber schlecht genug geht! Meine Stücke sind Tragödien, hat er gesagt, der Horváth, und komisch werden sie nur, weil sie unheimlich sind. Also, ich finde gar nichts Komisches dran, sondern alles wirklich unheimlich, auch die Sitznachbarn. Trotzdem halte ich durch, weil die Schauspieler so fantastisch sind. Zum Glück bin ich keiner geworden. Schauspieler, mein ich. Wenn ich denke, wie einen die Leut´ andauernd anstarren, nein, das wäre nichts für mich! Sämtliche Zustände befallen mich, wenn ich mir das vorstelle und ich beginne schon in Gedanken mühsam auswendig gelernte Sätze zu stottern, die Stimme bleibt mir weg, und ich schwitze wie ein Pferd, das einen schweren Wagen zieht. Die beiden Urahnen hinter mir lachen an Stellen, wo es überhaupt nichts zu lachen gibt. Gott, ist das peinlich! Und irgendwann ist das Stück ja schließlich aus. Am Ende des letzten Aktes applaudiere ich wie alle begeistert und erlaube mir freudig und wichtig festzustellen, oh, jetzt war ich also doch wo dabei. Endlich! Also scheint noch nicht alles verloren.

Norbert Johannes Prenner
Romanauszug aus „Der Chronist“ – in Entstehung

www.verdichtet.at | Kategorie: anno | Inventarnummer: 15157

Es war erst gestern

Ich bin in eine frostige Zeit hineingeboren worden. Es war ein großartiger Tag! Oder etwa nicht? An jenem Sonntag meiner sehnsüchtig erwarteten Geburt war es überwiegend stark bewölkt, und das bei weiterer Neigung zu mehr oder weniger starken Schneefällen im Laufe des Tages. Die Temperaturen lagen zwischen minus zehn und minus fünfzehn Grad. Kein ideales Klima zum Ankommen! Gegen vier Uhr vierzig durfte ich das diffuse Licht dieser Welt erblicken, wenn der Bericht jenes Krankenhauses stimmt, in dem der Geburtsschein ausgestellt wurde. Um sieben Uhr sechsundzwanzig hätte man hingegen den Sonnenaufgang beobachten können, wäre es nicht total bewölkt gewesen.
Sie, die Sonne, hatte also an diesem Tage nicht viel zu tun und war bereits um sechzehn Uhr einundfünfzig wieder hinter dem Horizont verschwunden. Zurückgelassen hatte sie eine klirrend kalte Nacht, eine erschöpfte Mutter und ein quäkendes Bündel. Und während die einen den Kampf um die Ausrottung der Kinderlähmung fortsetzen, gewinnen andere einen internationalen Klavierwettbewerb, etwa der junge Friedrich Gulda in Genf und der Grazer Alfred Brendel in Wien.
Im Volkstheater gibt man ein Stück von Sean O’Casey, symbolistische Abrechnung mit dem Krieg und seinen Schuldigen, in der wieder einmal der liebe Gott als Urheber allen Übels herhalten muss, ohne sich dagegen wehren zu können. Aber erstaunlicherweise kippt die Stimmung, und der Dichter kommt letztendlich zu dem Schluss, es wäre doch die Menschheit selbst, die für ihren selbstinszenierten Jammer verantwortlich ist. Im Kino kann man Gary Cooper in „Schiffbruch der Seelen“ sehen. Diese Welt ist ein Narrenhaus. Und ich bin in sie hineingeboren.

Und während ich den ersten Tag meines Lebens hinter mich brachte, amüsierte sich, laut Medienberichten, Ernst Happel (ein bekannter Fußballer, nach dem ein Stadion in Wien benannt ist) als „Wassermann“ in Montevideo bei dreißig Grad im Schatten, was ihn dazu veranlasst hatte, in die kühlenden Fluten des nahe gelegenen Meeresstrandes zu tauchen. Mich hat man vermutlich die nächsten Tage in einer alten verzinkten Blechbadewanne gesäubert, in der Dienstwohnung meines Vaters, mit „fließend“ Kaltwasser.

Damit scheint meine Frage an mich, was kann schon großartig an diesem Tag passiert sein, für mich beantwortet. Ach ja, und dass ich geboren worden bin eben.

Man hat mich von Anfang auf darauf aufmerksam gemacht, stets an die Freuden des Lebens zu denken, die es in meinem Leben ja irgendwann einmal auch gegeben haben muss, auch wenn ich mir dessen nicht bewusst bin. Aber – wenn ich darüber genauer nachdenke, bestanden solche grundsätzlich aus sehr kurzen Momenten. Etwa sonntags, wenn man endlich einmal die neuen Schuhe anziehen durfte, die zwar steif waren und überall gedrückt, aber wunderbar geglänzt haben. Man musste höllisch darauf aufpassen, dass sie an der Spitze vorne nicht gleich abgestoßen wurden. Diesen Zustand hat der Herr Papa mit Argusaugen beobachtet und wehe, wenn man die Beine nicht entsprechend gehoben hat – dann war ein Donnerwetter fällig. Man könne nicht jeden Tag so etwas kaufen und andere wären auch noch da, die immer Schuhe brauchen und so weiter. Die Freude am neuen Schuhwerk war also begrenzt aber immerhin latent vorhanden. Ähnlich verhielt es sich mit dem Vergnügen an dem neuen Anzüglein, in das man gesteckt wurde, ausschließlich am Sonntag, versteht sich, dessen Sakkoärmel immer etwas zu lang waren, damit das Ding in weiser Voraussicht möglichst auch noch die nächsten Jahre passte.

Da kam dann ja auch irgendwann einmal unweigerlich der erste Schultag. Spannend, ja, durchaus. Freude hat er jedoch nicht hinterlassen. Das Drama begann damit, dass jeder zur „Feier des Tages“ ein Bild zur Ansicht vor sich liegen hatte. Darauf war ein Zug abgebildet. Vorne die Lok, dann folgten drei Waggons. Die Frage lautete, wo ist die Mitte dieses Zuges? Bereits hier zeigte sich eine bereits ausgeprägte Kompliziertheit individueller Gedankengänge, indem ich die Lok in meine Berechnungen mit einbezog und daher das ganze Gefährt rein hypothetisch als eine untrennbare Einheit betrachtete. Demnach also lag die Mitte des Zuges für mich nicht im zweiten Waggon, was angeblich logisch gewesen wäre, wie ich hinterher erfuhr, nein, sondern exakt zwischen zweitem und drittem Waggon. In der Mitte des Zuges, hatte es geheißen. Es lagen also, meiner Vermutung zufolge, links von der Mitte die Lok und der erste Waggon, rechts von der Mitte die zwei anderen Waggons.
Denkste! So wäre das nicht gemeint, hatte die Frau Lehrerin milde lächelnd gemeint und flugs mit ihrem Rotstift – Rotstift!, der sollte damit für alle Zukunft unser aller ständiges Disziplinierstäbchen sein, den mittleren der drei Waggons gekennzeichnet. Verdammt! So summierte sich langsam aber stetig Enttäuschung um Enttäuschung, und genau von da an habe ich diesen Verein schon gehasst. Freude war es also nicht, was ich bis dahin und von da an empfand.

Nach vier langweiligen Jahren kam man in die nächste Anstalt. Die Begeisterung darüber war nicht sonderlich gewachsen. Die einzelnen Gegenstände wurden mehr, und schwieriger. Die Aufgaben komplizierter und mengenmäßig unverschämter. Die Zeit zum Träumen und Spielen immer kürzer. Ich selber wurde größer und pubertärer. Zeitgleich mit diesem Phänomen entwickelten sich die eigenen Probleme ungehindert direkt proportional zur Körpergröße. So weit, so gut. Doch da! Unerwartet und unaufhaltsam, erreichte urplötzlich (diese Wortneuschöpfung gab es zu dieser Zeit noch nicht) eine neue Volkskultur in Gestalt unzivilisiert anglophiler Rockmusik inklusive dazugehöriger Modefummel das darüber zutiefst verstörte Vater- und Mutterland, welche die Vorstellungen gelebter Ordnung bislang relativ problemlos miteinander kommunizierender Generationen ziemlich ins Wanken brachte. Erzkonservativen Funkbetreibern zum Trotz drangen diese krankhaften Auswüchse jugendlichen Irreseins via röhrenbetriebener Empfangsgeräte quasi unaufhaltsam bis in die hintersten Winkel bis dato wohlausgestatteter und -bewachter Jugendzimmer.
Plakativ und höchst anschaulich unterstützt durch die periodische Muss-unbedingt-haben–Fandruckschrift „Bravo“, die die singenden oder Gitarre zupfenden Musikgöttinnen und -götter in für deren Konsumenten viel zu langen Abständen darin abkonterfeiten und lebensgroß, zum Ausschneiden und An-die-Wand-Hängen, ablieferte und dadurch bislang normierten Vorbildgalerien absolut den letzten Wind aus den Segeln nahm. In demselben offiziellen Sprachrohr, welches die herkömmliche Musikgeschichte völlig über den Haufen zu werfen drohte, fand sich ebenso die Ikonografie irrer Klamotten im Kanon außergewöhnlicher Jeansmode, Hosen also, mit im unteren Beinbereich unvorstellbar flatternd flügelartig erweiterten Endröhren mit eingelegter Doppelfalte und Kettchen dran, bunt unterlegt, bis hin zu Miniröcken, die in ihrer unglaublichen Kürze den vor lüsternen Blicken stets geschützten Bereich intimen „Darunters“ absolut durch nichts mehr zu verheimlichen vermochten. Tja, und dann waren da noch die Songs, um die es eigentlich in der Hauptsache ging, mit ebenso bemerkenswerten Texten wie etwa:

Die kommt einfach daher, so bunt. Ein bunter Vogel. Egal, wo sie hingeht. Die ist echt bunt. Ein Regenbogen. Ja, wie ein Regenbogen. Sie fährt sich mit den Fingern durch die Haare. Wenn sie hier ist, bleiben Farben in der Luft. Farben, überall. So kommt sie daher. In allen Farben einfach. Sie ist – wie ein Regenbogen, ja, wie ein Regenbogen.
Hast du sie je in Blau gesehen? Schau dir den Himmel an da vorne, und ihr Gesicht, weiß wie Segeltuch, so fahl und blass. Hast du je eine Frau gesehen, die schöner war als sie?
Und in Gold? Hast du sie einmal in Gold gesehen? Wie eine Prinzessin aus dem Märchen, was? Nach allen Seiten strahlt sie ihre Farbenpracht aus, wie die untergehende Sonne. Jetzt sag´ schon, hast du je eine schönere Frau gesehen?

Oder den hier:

Mach dir keine Sorgen darüber, was sein wird, meine Güte. Ich hab keinen Stress, echt, bin nicht in Eile. Ich kann mir jede Zeit der Welt nehmen, Baby. Bin ich jetzt rot geworden? Meine Zunge wird immer schwerer. Ich bin außer mir und krieg einen trockenen Mund. Aber ich bin echt high, Wahnsinn, und immer wieder versuch ich´s, dir zu sagen, bleiben wir die Nacht zusammen, ja? Ich brauche dich. Ich brauche dich mehr als je zuvor. Verbringen wir die Nacht zusammen, jetzt gleich, ok?
Ich fühl´ mich so gut, wow, ich kann´s nicht verbergen, Baby, kein Scheiß. Enttäusch mich jetzt nicht, ok? Lass mich nicht hängen. Was könnten wir für Spaß haben, wenn wir´s ganz einfach treiben, drunter und drüber, was sagst du? Verbringen wir die Nacht zusammen. Ich brauch dich, mehr als je zuvor. Bleiben wir die Nacht über zusammen, jetzt gleich. Komm, lass uns die Nacht zusammen verbringen, Baby, jetzt.
Ich mein, das passiert mir ja nicht jeden Tag, Baby, lass uns die Nacht zusammen verbringen, komm, keine Ausreden, ja? Ich erfülle dir jeden Wunsch, alles, was du dir je erträumt hast, Baby. Und jetzt bin ich mir sicher, du willst mich auch glücklich machen. Oh Baby! Wir wollen die Nacht zusammen sein, ja? Lass uns die Nacht zusammen sein, Baby, jetzt, ganz einfach zusammen sein. Ich brauch dich. Ich brauch dich mehr als je zuvor. Ich mach alles, was du willst. Und ich weiß, das willst du auch für mich tun. Bleiben wir die Nacht zusammen, von jetzt an, Liebes. Ich brauche dich, mehr, als du denkst. Ich will dir alles geben, und du willst mir alles geben.

Oder diesen:

Ich kann einfach keine Befriedigung finden und ich versuch´s und versuch´s, und versuch´s und versuch´s, ich find einfach keine. Egal, wenn ich mit meinem Wagen fahre und dieser Typ im Radio mir mein Hirn zuknallt mit all seinem unnötigen Info-Scheiß, der meine Fantasie anregen soll, das gibt mir nichts.
Wenn ich vor meinem Fernseher sitze und dieser Typ dann kommt und mir erzählt, wie weiß meine Hemden sein könnten, so einer kann doch kein richtiger Kerl sein, der raucht ja nicht mal die gleiche Zigarettenmarke wie ich. Das alles gibt mir nichts.
Ich kann einfach keine Befriedigung finden. Kein Mädchen schenkt mir Beachtung. Da kann ich machen, was ich will, ich finde ganz einfach keine. Wenn ich um die ganze Welt fahre, hier was mache und dort was anstelle, oder versuche, irgendein Mädchen aufzureißen, und wenn die dann sagt, Baby, komm vielleicht nächste Woche noch mal wieder.

Dann siehst du, ich hab ganz einfach Pech. Ich kann einfach keine Befriedigung finden.
Das gibt mir alles nichts, ich sag´s euch, das gibt mir alles nichts. Ich kann keine Befriedigung finden und ich versuch´s, ich versuch´s, ich versuch´s und ich versuch´s. Ich find einfach keine.

Und noch einen:

Heut hab ich sie an der Rezeption gesehen, mit einem Glas Wein in der Hand und ich wusste, sie würde sich mit ihrem Typen treffen, und – zu ihren Füßen einer, der sie anbetet. Aber du kannst ganz einfach nicht immer kriegen, was du willst. Du kannst nicht immer kriegen, was du gerade willst. Du kannst es nicht kriegen. Aber wenn du dich anstrengst, kriegst du manchmal, was du brauchst.
Ich ging zur Apotheke runter, um dein Rezept einzulösen. Dort stand ich in der Schlange mit Jimmy, und, Mann, sah der kaputt aus und ich sage, du kannst nicht immer das kriegen, was du willst. Du kannst nicht immer kriegen, was du willst. Echt, du kannst nicht immer das kriegen, was du gerade willst.

Und genau so war´s. Zumindest der letzte Refrain hat mir direkt aus dem Herzen gesprochen und – wenn ich ehrlich bin, haben wir alle nicht so richtig mitgekriegt, worum es in den Texten eigentlich ging. Hauptsache war, die Musik war laut und schrill. Es war eben unsere, auch meine Musik, die mir niemand streitig machen konnte. Der strenge Papa war schwer zu bewegen, eine dieser verrückten „Glockenhosen“ für den unwürdigen Sohn zu erwerben, so eine, wie sie eben jetzt die Popstars trugen, und ebenjener Sohn regte sich auch noch auf, weil er sich überdies seit Neuestem strikt dagegen wehrte, endlich einmal zum Frisör zu gehen. Lange Haare, kurzer Verstand und ähnliche Sprüche musste so einer über sich ergehen lassen.
Ja, es war in der Tat ein Martyrium! Ausschließlich durch die inständige Intervention der gütigen Mutter, die meinte, der Dingsda, Sohn aus bestem Hause und allgemein anerkanntes Vorbild, hätte auch schon eine, konnte er dazu bewegt werden, dafür endlich einige Scheine locker zu machen, damit man nicht zum Außenseiter verdammt würde. Jedoch, auch wenn schon aus den Radios und über die Plattenspieler andauernd der lautstarke Ruf nach „Satisfaction“ erklang, geschlechtsspezifische Angelegenheiten wurden mehr oder weniger mit den Klassenkameraden auf dem Schulhof ab- oder aufgeklärt. Aufgeklärt wurde man offiziell nicht, man hatte ja vom Herrn Kaplan ein kleines Büchlein bekommen, mit einem blassen sommersprossigen Bürschlein auf der Titelseite drauf, welches schuldbeladen die blauen Äugelein senkte, in dessen kümmerlichen bildlosen vierzig Seiten bloß andauernd von Selbstbefleckung die Rede war. Und davon, dass man ein Bursch zu sein hätte. Ein Held. Schon wieder. Vorbildlich, und vor allem korrekt zu den Mädchen.
Und obwohl die Heldenfriedhöfe noch vom letzten Krieg übervoll waren, hörten sie nicht auf, diesen Helden immer wieder in einem zu fordern. Doch die neuen Helden sahen anders aus. Und sie waren anders. Sie hatten lange Haare, T-Shirts und enge Hosen an, und hielten sich an einer E-Gitarre fest. Die alten Helden schienen tot. So ein neuer Held wollte man schon lieber werden. Und erst als man am eigenen Leibe, durch Zufall wohl, erfahren hatte, was es mit der Selbstbefleckung auf sich hatte, begann man zu verstehen, um welches Thema es sich eigentlich handelte, wenn Erwachsene in Anwesenheit Jugendlicher plötzlich leiser zu sprechen begann, kicherten und tuschelten. Dann war, wie man im Laufe der Zeit herausbekam, oftmals die Rede davon, was in mehr oder weniger milden Nächten so alles hinter vorgezogenen Gardinen abging.
In anderen Kulturen werden die jungen Männer und Frauen zumindest in Form eines Fruchtbarkeitsfestes in die Geheimnisse des Menschseins, des Mann- und Frau-Seins eingeführt. Uns drückte man ein Büchlein in die Hand, das wohl den frommen Wunsch des guten Gelingens implizierte. Wie der Akt der Fortpflanzung in der näheren Umgebung tatsächlich abgelaufen sein könnte, ist grundsätzlich unvorstellbar und nicht nachvollziehbar. Die meisten von uns haben das alles nur als unnötigen Ballast, über den man nicht spricht, empfunden und wahrgenommen, und es bedurfte unserer ganzen Improvisationskunst, aus dieser unnatürlichen Situation im Laufe der Jahre eine natürliche werden zu lassen.

Norbert Johannes Prenner
(bearbeiteter) Romanauszug aus „Der Chronist“ – in Entstehung

www.verdichtet.at | Kategorie: anno | Inventarnummer: 15151

Die Klavierstunde

Der Kalender zeigt Dezember neunzehnhundertdreiundsechzig. Ein Freitag, wieder einmal. Immer wieder ein Freitag, an dem man, gut verschnürt, mit Schal und Wintermantel, die Tasche unter den Arm geklemmt, losmarschiert, in Richtung Musikschule. Die magische Uhrzeit, in der man seine Stunde eingeteilt bekommen hat, lautete, man musste sie wiederholen, Freidoch umma drei, also, Freitag, fünfzehn Uhr. Um diese Zeit läuten immer die Kirchenglocken und erinnern an die Leiden Jesu. So auch an diesem Freitag.

Aus der fernen Stadt hat  s i e  offensichtlich ohne größere Schwierigkeiten hierher gefunden. Auf einem Motorroller. Ein Puch hundertfünfundzwanzig, in vergilbtem Grasgrün, am Gepäckträger ein Reservereifen befestigt. Hatte was, das Ding da hinten drauf. War ein echter Hingucker für den Buben. Drei Jahre später sollte sie ihn gegen ein VW-Cabrio tauschen, in Silbergrau, mit schwarzem Verdeck. Toll! So eines hatte man von Matchbox, in Miniatur.  S i e  ist jedenfalls die Klavierlehrerin, und gleichzeitig auch die Leiterin der Musikschule des Ortes. Blond, vollschlank, Mitte vierzig, mit Brille und einem seltsamen Dialekt. Sie verlangt den Oswes (den Ausweis) von einem, ehe die Unterrichtsstunde beginnt. Man kriegt einen Stempel und einen Krakel hinein. Meist in Rot. Rot ist keine wirklich willkommene Farbe, besonders wenn es sich um Schulisches handelt, das weiß man bereits. Sie sagt ooch (sic!) anstatt auch, und neen (sic!), wenn sie nein meint. Aber man gewöhnt sich daran.

Die Musikschule ist im Westflügel jener Schule untergebracht, von der bereits die Rede war. In diesem Teil des Gebäudes befinden sich auch einige Dienstwohnungen, in welcher nicht nur sie, sondern auch jener Lehrer, der lieber Politiker sein wollte, ihre Bleibe haben. Der Politikus hat Familie. Sie lebt allein. Interessant für alle in der Gemeinde.
Der Weg in die Musikschule dauert normalerweise zehn Minuten, wenn man nicht trödelt. Weil aber die Angst vor der Klavierstunde derart groß ist, nimmt man einen Zickzack-Kurs durch die Straßen, der einen zunächst über eine Brücke führt. Unter dieser Brücke fließt ein Bach, und der führt Hochwasser, wegen der spontanen Schneeschmelze, und das Anfang Dezember. Das Wasser ist braun und zeigt viele Strudel, die die Fantasie anregen, wie es denn so wäre, wenn man von einem erfasst und hinuntergezogen würde, in die Tiefe. Zahllose Albträume bearbeiten dieses Thema schon längst und führen immer wieder zum selben Schluss, man fällt in diese braune Brühe und ersäuft jämmerlich. Danach erwacht man schweißgebadet, holt erst mal Luft und schläft dann beruhigt weiter. Es ist ja nur ein Traum. Nebenan schnarchen die Eltern. Alles in Ordnung.

Wenn man also diese Brücke passiert hat, kommt man an einer Buchhandlung vorbei, faszinierendstes Geschäft im Ort. Zumindest in dem Alter. Gleich in der ersten Auslage ist eine elektrische Spielzeugeisenbahn aufgebaut, mit Tunnels und so, und wenn man Glück hat, ist sie eingeschaltet. Dann fahren zwei Züge, meist eine grüne E-Lok und eine Dampflok auf zwei Gleisen durch zwei mit grüner Rasenstreu getarnte, felsenartig naturgetreu nachempfundene Tunnels aus Karton. Um dort alles genauestens zu inspizieren, benötigt man mindestens fünf Minuten, inklusive der Zeit, in der man sich vorstellt, selbst in einer dieser Lokomotiven zu sitzen, oder noch kühner, selbst eine solche Eisenbahn zu besitzen, was allerdings völlig ausgeschlossen ist. Nicht einmal dran denken, sagt der Vater immer. Oder er bläst seine Wangen auf, schlägt mit der Hand kurz drauf, sodass die Luft lautstark wie ein Furz durch den Mund hinausfährt, und sagt, dort fliegt sie.

Dann muss man aber weiter. Die Rathausuhr hat schon dreiviertel geschlagen. Jetzt kommt man an der Zuckerbäckerei vorbei. Dort liegen schon die roten Säckchen mit allerlei Naschzeug für den Nikolaus- und Krampustag bereit. Aus manch einem Säckchen ragt eine Weidenrute heraus, mit einem roten Samtmascherl drauf und einem samtgrünen Drahtteufelchen mit einem roten Gesicht und einem langen Schwanz. Das sind die interessanteren. So eines hätte man gern. Aber zum Zuckerbäcker geht man erst, nachdem die Folter mit dem Klavier vorbei ist und das junge Leben wieder Sinn macht.

Den langen Gang über den Hauptplatz begleiten einen bange Gedanken. Die Hände werden feucht, der Mund trocknet aus, das Herz beginnt schneller zu schlagen. Was wird heute wieder sein? Was wird sie heute wieder sagen? Wird sie wieder herumbrüllen? Man hätte üben sollen, ja, sicher. Aber wegen der Spielzeugkiste, deren Inhalt wichtiger ist als das blöde Klavier, hat man es immer wieder vergessen, oder gerne vergessen wollen. Schule ist ohnehin schon genug.
Das Schulhaus ist schon in Sicht. Jesus Christus hat für uns gelitten. Und dieses Leiden beginnt nicht erst am Kreuz von Golgatha.
Lieber Gott, lass diese Stunde an einem vorübergehen, und warum lässt du das zu?, betet man inständig, und gib, dass der Zuckerbäcker heute nicht wieder dieselben Katzensäcke mit demselben Inhalt hat, von dem man ohnehin schon alles doppelt und dreifach besitzt. Den roten Kreisel mit der blauen Spitze, die Plastikarmbanduhr mit den drei Kügelchen drinnen, die man in die Löcher kriegen muss, und die Gummischleuder aus Kunststoff, die immer gleich bricht, wenn man den Gummi zu stark spannt und eben sonst so alles.
Und dann steht man unweigerlich vor den Treppen, die zur Garderobe führen und steigt diese mit mulmigem Gefühl im Bauch nach oben.

Ob der gefährliche Schulwart, der unberechenbare, irgendwo auf den Gängen ist, und kontrolliert, ob man die Hausschuhe anhat? Manchmal wirft er mit dem Besen, dem großen, breiten und man muss schnell die Stiegen hinauflaufen, sonst erwischt er einen und man fängt eine Ohrfeige. Geschafft! Er ist noch im Turnsaal beschäftigt, man hört das Geklapper seines Besens und der Mistschaufel.
Heilige Jungfrau Maria, lass nie den dritten Stock kommen! Man riecht schon den Zigarettenrauch. Immer, wenn einer gerade Klavier spielt, macht sie eine Zigarettenpause auf dem Flur und sagt, übe gefälligst, ich höre alles. Dann kommt sie nach zehn Minuten wieder in das kleine Zimmer mit der schrecklichen Topfpflanze, die mit ihren Blättern den gesamten Raum vereinnahmt wie ein Riesenkrake. Es ist ein Fikus oder so ähnlich, den sie mehr liebt als alles andere, und während man spielt, zupft sie immer die alten Blätter ab und spielt bei den neuen Geburtshelfer, indem sie sie aus ihrem Blätterkokon herausschält. Genau, den liebt sie mehr als ihre Klavierschüler, bis auf eine vielleicht, oder zwei, weil die so toll spielen, und ihre selbstgeknüpften Teppiche, die liebt sie auch.
Und manchmal bleibt sie eine Viertelstunde weg, um eine Reihe zu knüpfen, oben, in ihrer Wohnung und man muss üben, bis sie wiederkommt. Und dann schimpft sie ohnehin nur. Und die Frau Klavierlehrerin riecht schrecklich nach Zigarettenrauch und Alkohol, weil sie draußen auf dem Gang so viel raucht und auch immer Schokoladenbonbons, die mit Schnaps gefüllt sind, isst.

Ihre Finger sind runzelig und gelb, und sie stinken nach Tschik. So sagt zumindest die Schwester immer, die, die immer alles weiß und selber so toll ist, und die viel besser Klavier spielt als man selbst, und neben der man immer schlechter dasteht und die einem oftmals eine knallt, wenn man ihr auf die Nerven geht und zu ihr sagt, du Duttelsau. In der Wut, versteht sich, weil man neidisch ist auf sie und weil man das irgendwo aufgeschnappt hat. Der Vater hat gelacht und die Mutter auch. Also kann es nicht so schlimm gewesen sein, denkt man. Aber sie, die Schwester, versteht keinen Spaß, und man kriegt zwei ordentliche Watschn dafür, wenn man nicht aufpasst. Einmal nimmt man ihr eine Erdbeere weg und isst sie schnell, ehe sie sie einem wieder wegnehmen kann. Daraufhin setzt es eine Watschn, infolge der man mit der Nase auf die Tischkante stößt und sich die Nase bricht. Alles ist voll Blut und man kriegt geschimpft, nicht sie, weil man so sekkant ist und einem da eben leicht die Hand ausrutscht. Seit dieser Zeit ist sie leicht verbogen, die Nase.
Aber jetzt weiß man immerhin auch, was ein Tschik ist. Auf einem Finger trägt die Klavierlehrerin einen goldenen Dukaten zu einem Ring verarbeitet, so mit Verzierungen, wie ein Geländer rundherum.

Schließlich steht man endlich vor dieser verdammten Tür. Aber das Kindervokabularium kennt diesen Ausdruck noch nicht. Und wenn, dann nur vom Religionsunterricht und dass es was ist, was man nicht sagen darf. Denn die Verdammten sind die in der Hölle, sagt der Kaplan immer. Dessen ist man sich aber gar nicht mehr so sicher. Durch die Türe hört man das Geklimper eines ihrer Schüler. Plötzlich hört man von drinnen schreien: Fis!, und man zuckt vor Schreck zusammen.
Wird es bei einem selbst auch bald so weit kommen? Die Knie werden weich. Aber man muss jetzt endlich klopfen, denn es ist bereits Punkt drei auf der Ganguhr. Herrrein!, brüllt sie und es hört sich an, als sei man nicht willkommen. Das Herz ist nicht mehr zu beruhigen. Eine zittrige, feuchte Hand bemüht sich, die Klinke der Türe zu drücken, sie vorsichtig zu öffnen, um sich, so lautlos und unauffällig wie möglich, in die Folterkammer zu zwängen.

Die Schülerin drinnen, hochrot im Gesicht, atmet erleichtert auf. Die ersehnte Ablöse ist da. Man würde alles geben, um an ihrer Stelle zu sein, auch sein bestes Rennauto. Aber Mädchen machen sich nichts aus Rennautos, höchstens aus Puppen, heißt es. Der Schülerwechsel geht formlos vonstatten. Nun sitzt man auf dem verhassten schwarzen Folterstockerl. Herunter, zu hoch! Die Klavierlehrerin schraubt ihn missmutig herunter. So, jetzt, aufsitzen. Den Oswes. Da, bitte. Das Hausübungsheftchen! Hier. So, die Tonleiter. Was für eine Tonleiter? Na die, die sie aufgeschrieben hat. Wo steht das? Da oben. D-Dur. Wie geht die?
Zaghafter Beginn, wie das denn so gehen könnte. Fis, du Trottel! Noch einmal von vorn. Mit den zittrigen Fingern, den feuchten, geht das gar nicht so einfach. Sie schlägt einem die Hände von den Tasten. Schreibt etwas ins Heft. Nichts Gutes, wird vermutet. Etwas, damit der Vater wieder was zum Meckern hat. Dann die Etüde. Czerny, Vorschule der Geläufigkeit. Beiläufigkeit, ätzt die Schwester, die blöde, immer, weil sie älter ist und gescheiter, und immer alles besser kann. Weiter als drei Takte sind nicht drin.
Da schmeißt sie den Klavierdeckel auf die kleinen Finger. Autsch! Tränen trüben das Notenbild. Der Deckel wird wieder geöffnet. So, jetzt übst du das, du Faultier!, schreit sie, zündet sich eine Zigarette an und geht auf den Gang hinaus. Ich höre alles, ruft sie noch von draußen herein. Jetzt erst rinnen die Tränen so richtig fett und kugelig über die Wangen.

Die Mutter weiß von alldem nichts und ist weit weg. Vielleicht gerade einkaufen? Hoffentlich vergisst sie die Bensdorp-Schokolade nicht, die blaue? Also dann, Note für Note wird heruntergespult bis – was ist das für ein Ton? Hoffnungslos sucht man in der Umgebung dieser Note eine ähnliche, die man vielleicht schon einmal gespielt hat und jetzt nur nicht gleich erkennt? Aber es findet sich keine. Nochmal von vorne. Doch vor der großen unbekannten Zweischlagnote ist wieder Endstation.
E!, schallt es von draußen herein, E wie Esel! Die Tränen hängen wieder tief. Fehlt nicht viel, sie zu wecken. Wie lange wird es noch dauern, bis man wieder vor seiner Spielkiste sitzen darf? Man muss doch noch den einen Kran fertig bauen. Der Metallbaukasten ist ein sinnvolles Spielzeug für dieses Alter, sagt der Vater. Alles muss immer sinnvoll sein. Klavierspielen ist nicht sinnvoll.
Jetzt setzt sie sich neben einen und zählt laut mit. Ens, zwe, dre! Doch der verflixte Ton an dieser Stelle lässt sich nicht bezwingen, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu erklingen. Sitz gerade! Die kantige Ecke eines hölzernen Lineals fährt einem unsanft in den Rücken. Man schnellt empor in die Idealstellung und verharrt in dieser Position, ohne erneut zu wagen, wieder in sich zusammenzusinken und einen Katzenbuckel zu machen.
Mist!, sagt sie, das ist lauter Mist. Was ist mit der Sonatine? Was soll schon mit der Sonatine sein? Her mit dem Heft. Seite fünf muss das gewesen sein, die Seite, die ohnehin schon so vollgeschmiert ist mit ihren Kugelschreiberhinweisen, Vorzeichen, lauter, leise, cis, du Trottel und so weiter, dass man die Noten kaum mehr sieht.
Aber aus Clementis Sonatine wird leider nichts. Noch einmal von vorne.
Jetzt steigen die Tränen wieder in die Augen, bis man erblindet. So geht es noch weniger.

Die Klavierlehrerin nimmt das Sonatinenalbum und schlägt es einem mit derben Händen unsanft auf den Kopf. Schoo, dass d‘ rooskommst, damit ich dich nicht länger sehen muss!, schreit sie hysterisch und wirft das Heft hinterher, das sich im Flug in seine einzelnen Seiten aufzulösen beginnt.
Man darf das alles aber nicht zu Hause erzählen, sonst schimpfen wieder alle mit einem und das Aufgabenheftchen mit den grauslichen Bemerkungen kann man auch irgendwo verstecken. Dann hat man zumindest eine Woche lang Ruhe. Und eine Woche ist schon eine kleine Ewigkeit.
Der Schulwart rumort jetzt im Obergeschoß, aber man ist schon draußen aus dem verhassten Bau und eilt in der kalten Luft, befreit im Herzen, dass die Folter nun für dieses Mal vorüber ist, über den Hauptplatz, dem einzigen positiven Ziel des Tages entgegen, der Konditorei, mit ihren Schaumspitzen, Kaugummis, Katzensäcken, Kokosstangerln und Akim- und Tibor-Heftchen, die der Vater zu besitzen strengstens verboten hat, denn er ist auch der Direktor der Volksschule und nimmt jedem solche Heftchen ab, wenn er eines erwischt, denn es sei Schund, sagt er.

Norbert Johannes Prenner
Romanauszug aus „Der Chronist“ – in Entstehung

www.verdichtet.at | Kategorie: anno | Inventarnummer: 15144

Irrenhaus in Hinterwald – Teil 2

Der Waldschrat

Und wieder hatte es sich begeben, und wie schon zuvor auch diesmal in irgendeinem Ort, in einem vielleicht nicht ganz so unbedeutenden wie bereits beschrieben, aber trotzdem letztlich irgendwo, vor nicht allzu langer Zeit, in einem altehrwürdigen, mit Ritterburg und so, jedoch aufstrebenden und ehrgeizigen Ort, wie eben alle Orte im Zeitalter des Wirtschaftswunders. Ein Gymnasium, wo nie zuvor eines gewesen war, spontan ins Leben gerufen, ohne genügend qualifizierte Lehrkräfte dafür zur Verfügung zu haben. Den wenigen, denen man es zutraute, das erforderliche Bildungsprogramm umzusetzen, fehlt zum Teil die entsprechende Ausbildung und manche darunter sind bloß Volks- oder Hauptschullehrer.
Sonst scheint alles wie überall. Und doch ist alles nicht wie überall. Nein, wohl einzigartig. Dreiundzwanzig Knaben, in irgendeinem Klassenzimmer. Man schreibt das Jahr 1969. Mathematikunterricht. Kreidestaub und der Geruch pubertierender Knaben liegen in der Luft. Ein hölzernes Dreieck und ein Tafelzirkel am Katheder.
Der Waldschrat steht hinter einem Schüler. Eine Textaufgabe, wie kann es anders sein? Der Schüler ist ratlos. Warum kannst du das nicht, du Idot?, empört sich der Waldschrat. Zu seinem eigenen Leidwesen und zum Gaudium der Schüler kann er kein „i“ in Kombination mit anderen Vokalen sprechen. Der Bursche zuckt mit den Schultern. Ja, ich weiß eh, weil du noch viel blöder und depperter bist wie (sic!) deine Schwester, schreit er. Waldschrat haben die Kriegsmatura schon und das Studium nicht beendet. Scho, nuschelt er, scho, das ist eine Art Verlegenheitswort, soll schlicht und einfach ja heißen, welches in jeden seiner Sätze einfließt: scho, jetzt haltet‘s einmal die Papp‘n und hört‘s zu.
Und er erzählt. Einen Film. Er erzählt den Film Rififi, denn es ist kurz vor Weihnachten. Da erzählt er in allen Klassen immer den Film Rififi, die Geschichte des eben entlassenen Strafgefangenen Tony, der zusammen mit der Bande eines alten Freundes einen gemeinsamen Geldschrankraub durchführt. Das Unternehmen gelingt, wobei alle Beteiligten in einer Auseinandersetzung mit einer konkurrierenden Bande ums Leben kommen. Man ist daran gewöhnt, wie er die Übeltaten der Verbrecher wie jene des saunftn Tony (der sanfte Anton) des rodn Edi (der rote Eduard) und von Schau (Jean) schildert. In der Klasse ist es totenstill. Die einen schlafen, die anderen amüsieren sich an seiner schrulligen Aussprache.
Die Schule ist in einem Zubau an einer anderen Schule untergebracht. An der Treppe zum ersten Stock fehlt noch das Treppengeländer. Die Gymnasiasten toben durch das Stiegenhaus. Waldschrat hat Gangaufsicht und ruft den Schülern nach, sie mögen doch langsamer gehen, sonst fällt noch einer hinunter und bricht sich das Genick, hinterher war’s dann wieder keiner, setzt er hinzu.
Nun, nicht bloß Mathematik, nein, auch Chemie ist sein Fach. Und wenn es die Zeit und seine Laune erlauben, zeigt er hin und wieder den einen oder anderen Versuch in der Klasse. Da es keinen eigenen Chemiesaal gibt, wird improvisiert. Immerhin verfügt der Klassenraum über ein funktionierendes Waschbecken. Der Waldschrat hantiert mit Kaliumpermanganat, oder wie er es nennt, Kalumpermaganat (sic!), Glycerin und Wasser. Die Klasse wartet gespannt auf die versprochene chemische Reaktion im Waschbecken.
Nichts tut sich. Da hält es einer der Schüler nicht mehr aus. Aus der letzten Reihe läuft er nach vorne, um, über das Becken gebeugt, Nachschau zu halten. Da geht es los. Zischend spritzt ihm die ätzende Flüssigkeit direkt ins Gesicht. Was für eine Aufregung! Der Waldschrat brüllt, du Idot, hab ich gesagt, du sollst dich da drüber beugen? Der Schüler schreit, ist im Gesicht verätzt und muss sofort zum Schularzt. Diese Geschichte gehört seit Jahren zum Standard seiner Erzählungen und sie klingt so: Scho, ich mach da neulich einen Versuch mit Kalumpermaganat (sic!) verstehst, und bevor das ganze Zeugs da in die Luft geht, lauft mir ein Idot aus der letzten Reihe nach vor und steckt seine Nasn da hinein, das Kaibl (dummes Kalb) das blede. Aus der letzten Reihe!

 

El Commandante

Turnstunde im nach Geschlechtern geteilten Turnsaal. Auf der einen Seite die Burschen, auf der anderen die Mädchen. Es ist immer noch neunzehnhundertneunundsechzig. Während die Mädchen ein kleines Volleyballfeld abgesteckt haben, marschieren die Burschen in Viererreihen im Gleichschritt, oh du schöööhener Westerwald anstimmend durch den Saal. Dicht gefolgt vom Commandante dahinter, mit einem Metallpfeifchen an einer Schnur. Tritt jemand nicht im Schritt, gibt’s eins auf den Hintern mit dem ständig im Kreis geschwungenen Trillerding. El Commandante kommandiert nach Herzenslust, das sieht man ihm an. Braungebrannter Endfünfziger mit starkem roten Einschlag im Gesicht und zahllosen kleinen rot-violetten Äderchen im Nasenbereich, Weltkriegsteilnehmer, Parteigenosse.
Da erscheint eine Kollegin. Weißt du nicht, dass das verboten ist, ruft sie für alle hörbar. Daraufhin lässt er Marsch und Lied abbrechen. Alle ans Reck. Man übt den Felgauf- und -abschwung. Schmerzende Kniekehlen gelten nicht als Ausrede. Stahlharte Burschen will er sehen, der Commandante, sogenannte Burschen aus Stahl, fügt er hinzu, und schlägt einem mit dem Handrücken hart auf die Brust. Die Mädchen schauen herüber, sehen die Knaben in ihren schwarzen schlotternden Turnhosen und lachen. Ruhe!
Irgendwann ist Schikurs. Die Jungs zünden sich am Schlepplift genüsslich eine Zigarette an und singen „Pulverschnee und Pistenwind“. Hier, in diesem Abschnitt des Waldes, kann sie unmöglich jemand dabei beobachten. Der Alte sollte oben bei seiner Gruppe sein oder mit ihr auf irgendeiner Piste abfahren. Doch El Commandante ist mittendrin ausgestiegen und wartet mit seinem Notizblock hinter einer mächtigen Fichte.
Es kommt, wie es kommen muss. Die Strafe lautet, zu Fuß, also ohne Lift, hochsteigen. Eineinhalb Stunden stapfen die Burschen die Lifttrasse entlang hinauf, bis sie, lange Zeit atemlos, von dort aus wieder mit den anderen abfahren dürfen. Ihr Pippen ihr, man sollte euch ungespitzt in die Erde schlagen, tobt El Commandante, einer seiner Leitsprüche, die man schon immer kennt.
In der Nacht wird auf den Zimmern Karten gespielt. Draußen, auf den Fensterbrettern, stehen Bierflaschen zwecks Kühlhaltung. Wer trinkt schon gerne warmes Bier? Gegen zweiundzwanzig Uhr ist Nachtruhe. El Commandante kommt persönlich gute Nacht sagen. Im Zimmer riecht es stark nach Zigarettenrauch. Alles auf den Gang. Liegestütz die ganze Bande. Ermattet steigt man ins Bett.
Am nächsten Tag, Halbzeit, also der dritte Tag. Man hat Ausgang am Nachmittag. Kein Schifahren, wegen der erhöhten Unfallgefahr. Die Jungs kommen in Damenbegleitung gegen achtzehn Uhr aus dem Gasthaus. Nachtmahlzeit. Durch den Hintereingang. Der ist sicherer. Doch autsch, da steht El Commandante. Atemkontrolle! Du, du und du, ihr meldet euch nachher bei mir. Einer hat längere Haare. Unser Mädchen, ätzt El Commandante. Der Junge verdreht die Augen. Langsam sollten sich die Alten dran gewöhnt haben. Schließlich ist das Flower-Power-Zeitalter angebrochen. Unter den Heimkehrern befinden sich auch einige Schülerinnen aus der Parallelklasse. El Commandante holt eine zu sich her, klopft ihr mit der rechten Hand auf die Brust und tätschelt daran herum. Dann sagt er, so so, da sieht man, dass sie langsam eine Frau wird.
El Commandante unterrichtet auch Geschichte. Wenn er die Klasse betritt, in Rollkragenpulli unter dem Sakko, lässt er die Klasse aufstehen und inspiziert sie ausgiebig. Setzen. Dann schlägt er das Klassenbuch auf und fragt einen, wo sind wir stehengeblieben? Keine Ahnung. Ein anderer meldet sich, bei den Römern. Der Commandante nimmt die Brille ab und sagt kryptisch, die Römer? Stille. Die Römer? Was war mit denen? Er sieht einen der Knaben an. Der zuckt die Achseln. Was soll schon mit den Römern gewesen sein?
In der Turnstunde wird schwimmen gegangen. Wer hat keine Schwimmsachen mit? Unser Mädchen, natürlich. Du zahlst fünf Schilling in die Kasse. In welche Kasse? In die Kasse für – El Commandante reißt sich die Brille von der Nase, frag nicht so blöd! schreit er, aber er weiß wohl selbst nicht genau, für welche.
In den Pausen steht man zu dritt in der engen Herrentoilette zusammen und raucht. Rauchschwaden steigen über die Köpfe der qualmenden Schüler. Man hat das leise Öffnen der WC-Türe nicht gehört, die Stimmung ist gut hier drinnen, trotz Androhung einer Schularbeit in der nächsten Stunde, das Lachen zu laut. Da erschallt El Commandantes Stimme: Ich gehe davon aus, dass hier niemand schwul ist, also nehme ich an, es wird geraucht. Alles heraus. Immer die Gleichen, sagt der Commandante.
Das bedeutet zwei Stunden Karzer. Danach kriegt man gerade noch den Abendbus nach Hause. Die Eltern werden sich schon Sorgen machen. Am kommenden Vormittag eilt die Sekretärin mit einem Schreiben durch die Gänge und verkündet in jedem Klassenzimmer lauthals die Botschaft: Die Raucher fühlen sich wieder sicher! Es wird darauf hingewiesen, dass jeder, der beim Rauchen erwischt wird, mit Karzer und einer Disziplinarstrafe zu rechnen hat.

 

Pater Quardian

Ein schmächtiger Mann in brauner Kutte. Schütteres helles, beinahe weißes Haar. Krankenkassenbrille. Sandalen ohne Socken, sogenannte Herrgottspatschen. Seine Taille umgürtet ein geflochtener heller Strick. Ein Meister seines Faches wie auch der lateinischen Spwache, pardon, Sprache. Der Glaube ist ein Geheimnis, sagt er immer. Twummer, zuw Pwüfung, sagt er salbungsvoll. Er kann aber kein „r“ sagen, der Knabe heißt Trummer. Was weißt du übew die Iswaeliten? Nichts. Der Bursche schweigt. Setzen, Nichtgenügend, haucht der Padre. Ein andewew. Er deutet auf einen Schüler in der letzten Reihe, einen mit langen Haaren und einem Milchbart. Ich lasse mich nicht prüfen.
Pater Quardian wird stutzig. Wieso nicht? Weil ich das nicht glaube. Wieso soll der Glaube ein Geheimnis sein? Wenn er nicht für alle da ist, ist es ein Unsinn, sagt er. Der Pater steht unmittelbar vorm Herzinfarkt. Er springt entsetzt auf und stottert, awawawa – dadada – ich – ich – ich hoffe, alle ham’s gehöwt?, und trägt ein Nichtgenügend in den Klassenkatalog ein. Jeder bekommt eine zweite Chance. Versuche, den aufmüpfigen Schüler erneut zu prüfen, beginnen meist bloß mit den Worten: Zahlt sich’s aus! Der Schüler schüttelt den Kopf. Fünf. Das gibt eine Mahnung am Semesterschluss.
Dann gibt es einmal eine Schülermesse in der Klosterkirche. Pater Quardian hat, wenn auch nicht sofort, seine Zusage zu diesem Spektakel gegeben, soll doch eine Rockband, bestehend aus Schülern des hiesigen Gymnasiums, zur Heiligen Messe aufspielen. Schon beim Soundcheck stürzt der Pater voll Entsetzen herbei.
Nein, unmöglich, unbedingt leiser drehen. Das Türchen des Tabernakels vibriert scheppernd vom E-Bass. Zur Kommunion spielt die Band Joshua fought the Battle of Jericho. Der Schlagzeuger landet einen besonders harten Schlag auf dem Becken, wobei es durch die Schwingungen aus der Verankerung gehoben wird. Laut scheppernd fällt es auf den Steinboden. Den Pater trifft beinah der Schlag. Er wird blass und blässer und scheint beinah in seiner goldenen Kutte versinken zu wollen.
Die Schüler lachen, und das in seiner Kirche!
Viele viele Jahre später schreibt der langhaarige Nichtsnutz ein Entschuldigungsschreiben an den bereits greisen Pater ins Altenheim, dass er alles, was er ihm je im Unterricht angetan hat, zutiefst bereut. Pater Quardian hat ihm gerührt verziehen, er könne sich aber leider gar nicht mehr daran erinnern. Auch schade.

 

Old McDonald

Englisch. Tatsächlich, ein Schotte. Gegen diesen Professor ist nichts zu sagen, nichts zu sagen! Gnadenlos gegenüber Ignoranten, ja, das ist er. Schularbeitshefte werden quer durch die Klasse fliegend zurückgegeben mit kurzen, aber prägnanten Worten, wie Nichtgenügend, oder: very short and primitive! Man ist in der siebten Klasse. Manche unter den Schülern sind starke Raucher. Einer hustet auffällig oft. Mac Donald fordert ihn mit einfühlsamen Worten auf wie: Hey, Mister Dingsda on the back seat, die at home and not in my lesson! Sein Weihnachtsprogramm läuft wie folgt ab: Er betritt die Klasse mit einer doppelläufigen, nein, doppelhalsigen Laute, Kontralaute oder so. Dann schwingt er sich auf den Katheder. Von dort oben weiß er gekonnt und mit äußerst eindrucksvoller Stimme schottisches Liedgut authentisch wiederzugeben. Ausnahmslos hören die Schüler dem Barden gebannt zu. So vergeht die Stunde, gottlob ohne unangenehme Fragereien nach der Hausübung, die man ohnehin nicht gemacht hat.

 

Der Dux

Latein. Eine zurechtgestutzte, schon leicht ergraute Fliege ziert das narbige Gesicht unter seiner Nase. Aufgrund widerborstigen Haarwuchses lässt sich kein Scheitel damit machen, schon gar keiner nach rechts. Es bleibt die Igelfrisur. Die Figur, eher zart, klein von Wuchs. Er ist schlank. Anzug stets in Grau. Und er riecht stark nach Tabak. Er zeigt ein Päckchen Smart her. Was steht da drauf? Einer liest umständlich. Semper et ubique. Was heißt das? Sie da vorne? Ratlosigkeit. Immer und überall, schreit der Dux und grinst selbstgefällig. Sein Bärtchen dehnt sich dabei etwas und zittert.
Amare, sagt er. Sie dort hinten. Konjugieren S‘, und stehn S‘ gefälligst auf, wenn S‘ mit mir reden, kommandiert er. Nehmen S‘ die Hände aus den Hosentaschen und lassen S‘ die Hände runterhängen, befiehlt er schroff. Der Schüler stammelt. Nehmen S‘ Haltung an. Hände an die Hosennaht. Wo kommt er her?, fragt er den Schüler in der dritten Person. Aus – der Schüler stammelt einen Ortsnamen. Das ist doch dort, wo sich Fuchs und Has’ gute Nacht sagen, richtig?
Der Schüler räuspert sich. Er will nicht widersprechen. Ja, sagt er kratzig, ohne sich geräuspert zu haben. Das Futurum will nicht so recht gelingen. Das Präsens erst recht nicht. A-a-amo, aaa-mas, stottert er, a-a-a- amariat! Ein gebräuchliches Schimpfwort im Süden dieses Bundeslandes. Möglicherweise ein Fluch, wer weiß. Was redet er denn für einen Schwachsinn?, fragt der Dux grantig und hilft ihm schließlich bei der Ableitung. So geht das. Hat er vielleicht schon einmal gehört von?, deutscht er. Bitte? Der Schüler ist verwirrt. Sollte das eine Frage gewesen sein? Setzen, befiehlt der Dux kopfschüttelnd.
Es ist Schularbeit. Darf ich mich schnäuzen, fragt einer vorsichtig. Nein, kommt nicht in Frage, reagiert der Dux unwirsch, lassen Sie’s runterrinnen. Womöglich haben Sie Ihr Taschentuch mit Vokabeln gespickt, fügt er an. Mit den Händen am Rücken zieht er seine Kreise durch die Bankreihen und lässt seine Blicke immer und immer wieder über jeden einzelnen Schüler gleiten. Im Übrigen, ich warne Sie, sehen Sie nicht zum Fenster hinaus, es könnte ein Hubschrauber draußen fliegen, der Ihnen die richtige Antwort sendet. Ihre Blicke sind ausschließlich auf Ihr Heft gerichtet, verstanden?
Man darf auch nicht auf die Toilette, dort könnte ein Freund versteckt sein, den man zuvor bestochen hat, der einem die richtige Übersetzung liefert. Also, geben Sie auf, niemand kann Ihnen helfen, erklärt er den Schülern ihre ausweglose Lage. Lediglich der Primus grinst selbstzufrieden vor sich hin und schreibt, als kriege er dafür bezahlt.

 

Der Net Woa

Ein alternder Volksschullehrer wird mit dem Biologieunterricht betraut. Hochgewachsen. Das schüttere Haar, auf der einen Seite lang gehalten und kunstvoll zum Scheitel formiert, will, über das gesamte Haupt gekämmt, auf den kahlen Stellen des weisen Hauptes partout nicht halten und fällt immer wieder zur Seite herab. Dort schreit es förmlich nach Bändigung. Und flugs wird ein Kamm gezogen, einem Pistolero gleich, und schon ist es wieder dort, wo es vorgesehen ist, um für kurze Zeit an Ort und Stelle zu verweilen.
Die lateinischen Namen haben es ihm angetan. Schließlich unterrichtet man jetzt im Gymnasium, und die Schüler sind nicht irgendwelche Lümmel, nein, sondern Studenten, zu denen man Sie sagen muss. Ganz anders, als in der Volksschule.
Da wären also einmal die Selachier, net woa, Selachii, sogn die Lateina, und er lacht hoch, hihihi. Die Queeermäuler. Dabei strapaziert er besonders das lange e. Einer der Schüler steckt seine Zeigefinger in den Mund und zieht ihn auseinander. Damit zeigt er sich den hinteren Bankreihen. Gelächter. Die sogenannten Plagiostomen, wiederum Plagiostomi, net woa? Die meisten gähnen. Einer hat ein Pornoheft. Im Nu sitzen acht Burschen um den herum. Was ist dort hinten los, net woa?, sondiert der Oberlehrer. Nur ein Biologiebuch, sagt einer. Ah so, aber seid‘s leise, net woa, bittet er sich aus. Die gehören in die Ordnung der Knorpelfische, net woa? Charakterisiert durch ein knorpeliges Skelett, net woa, den auf der Unterseite des Kopfes angebrachten Mund in Form einer weiten Querspalte – Lachen. Chinesinnen, schreit einer. Gebrüll. Vorne hat einer das Wort aufgefischt.
Die Klasse will sich nicht mehr beruhigen. Ich kann auch zum Direktor gehen, net woa, versucht der Net Woa Druck zu machen. Langsam wird es ruhiger. Die drübere Seite der Klasse blättert heftig im Pornoheft. Jetzt wart doch, du Trottel, blätter zurück, nicht so schnell. Bist du deppert, raunen zwei. Der Net Woa, neugierig geworden durch die Ansammlung in der letzten Reihe, ist aufgestanden und zieht mit beiden Ellenbogen seine Hose hoch, die der alte ausgeleierte Gürtel ohnehin nur recht und schlecht zu halten vermag.
Langsam geht er nach hinten. Weg weg, raunt einer. Das Heft verschwindet in der Bank. Alsdann, was hamma da, net woa? Wir sind schon fertig, Herr Professor, sagt einer. Wird auch gut sein, net woa, sagt der und geht wieder zum Katheder. Weiter. Durch sackförmige Kiemen, net woa, und noch viele minder hervortretende anatomische Merkmale, net woa – Mehr hat es nicht gebraucht. Die Klasse tobt. Jeder gibt sich seiner eigenen Fantasie über die sackförmigen Kiemen hin und versucht in schaustellerischer Manier das Objekt, so gut es geht, für die anderen in Mimik und Gestik darzustellen. Es muss auch a bissl ruhig sein, net woa, mahnt der Oberlehrer nun etwas lauter als vorhin, und will fortfahren. Ihre Haut, liest er aus dem Lehrbuch, net woa, ist mit kleinen Knochenkörnern – weiter kommt er nicht. Die Klasse ist außer Rand und Band. Der Oberlehrer steht auf. Holt die rutschende Hose wieder herauf in ihre vernünftige Position und kämmt die langen Strähne von der einen Seite auf die andere. Es hat den Anschein, als sei er auf einmal nicht mehr so ganz sicher, ob es nicht doch bloß Lümmel sind, und keine Studenten, net woa, und er droht erneut mit dem Direktor.

Norbert Johannes Prenner
Romanauszug aus „Der Chronist“ – in Entstehung

www.verdichtet.at | Kategorie: anno |Inventarnummer: 15133

Der Wehrmann

Nun ist man endlich neunzehn geworden und hat die Schnauze von Schule und Elternhaus so ziemlich voll. Sich freiwillig zum Heer zu melden, scheint zu diesem Zeitpunkt die einzige, zwar nicht attraktivste, doch immerhin realistischste Methode, um sich der Umklammerung durch diese Instanzen zu entziehen, und weil man ja doch irgendwann einmal dorthin muss. Der Herr Vater ist erstaunt jedoch machtlos gegen diesen Entschluss, sollte man doch vorher das Gymnasium beenden. Schließlich aber wird man in den Zug gesetzt, der einen in Richtung Kaserne befördern soll.
Nun also ist der Tag gekommen, an dem man plötzlich Wehrmann ist. In gewissem Sinne war man eigentlich immer schon Wehrmann, denn man hatte sich stets gegen alles erfolgreich gewehrt, was mit Frühaufstehen, Disziplin und geregeltem Tagesablauf in Verbindung zu bringen war, doch diesmal liegt der Fall anders. Es scheint Kalkül dahinter.

Da stehen sie nun herum. Ein wilder Haufen junger Männer, aus allen Gegenden des Landes. Eine Kaserne weit außerhalb der Zivilisation. Auf Dächern langgezogener Gebäude sind große rote Kreuze in weißen runden Feldern auf Dachziegel gemalt. Ein Wachtmeister, komischer Vogel, mit schiefem Lächeln und wenig Grips unter der Mütze, kommandiert: ab zur Kleiderkammer. Die Ärmel sind zu lang. Hände abbiegen. Passt! Man kriegt vom Hemd bis zu den Schuhen alles, und alles ist zu groß. Strapazschuhe, Lauflernschuhe genannt, Schaftstiefel. Warten. Mittagessen. Warten.
Eines der Hauptvokabeln ist -mäßig. Es heißt gefechtsmäßig, vorschriftsmäßig.

Am Nachmittag geht´s hinaus in den Hof, zum Exerzieren. Das ist wichtig, denn bisher konnte man ja kaum richtig gehen, wird erklärt. Davor aber Grüßen lernen. Die Hand an die Schirmmütze, Füße zusammen. Einer fragt, bitte die Hand tangential an die Schirmkante anlegen? Der Vogel versteht nicht. Was soll das heißen, tangential? Ist wohl ein Mathematiker darunter? Dann: Habt Acht! Vergatterung! Was wird gewollt? Ach so, man bildet vier Reihen, jede Reihe ist ein Glied. Gelächter. Ruh im Glied, schreit der Vogel. Dann setzt sich der Zug, die vier Reihen sind also ein Zug, in Bewegung. Im Schriiiiiitt! Das Ganze links, a links a links zwo drei vier, kräht der Wachtmeister. Rechts. Richtung geradeaus. Dann halbrechts. Die vier an der vordersten Reihe biegen sofort ab, in die Rosensträucher am Grünstreifen. Idioten, brüllt der Vogel, erst dort vorne, an der Wegbiegung! Wer soll das wissen? Also rückwärts Marsch. Die Gruppe setzt zurück, schwerfällig wie ein Lkw. Wachtmeister Vogel ist schon über vierzig und hat drei silberne Plastiksterne und einen Balken am Revers und ist schon oft degradiert worden, weil er so schlampig ist. In der Kantine grüßen ihn die jungen Korporäle mit guten Morgen, Herr Hauptmann. Dann wird er grantig, der Vogel. Aber einer der Korporäle entschuldigt sich und sagt, Verzeihung, die Sonne, ich hab geglaubt, es sind drei goldene, und alle lachen. Vogel wird rot und brüllt, halten S‘ Ihr Maul.

Die Tage vergehen. Immer derselbe Trott. Man hat Glück und wird nicht Mannschafts-Vieh, sondern Kompanieschreiber. Das ist sehr praktisch, denn es erspart einem das Mitmachen bei Nachtübungen und sonstige Schikanen. Der Spieß, Offizier-Stellvertreter Bindl, ist ein rauer Bursche, aber in der Schreibstube relativ zahm. Immer in Uniform fällt man nicht besonders auf. Bis man eines Tages beim Ausgang gesehen wird, mit Wollmütze und Dufflecoat, Jeans in braunen Lederstiefeln. Sie seh‘n ja aus wie ein Kanak‘, ruft der Spieß hinterher. Beim Morgenappell stellt er sich breitbeinig vor die stramm stehende Kompanie und brüllt: Noch was, ich war gestern auf Ihrem Scheißhaus brunzen. Dort schaut es aus wie in einem Bauernscheißhaus. Da gibt es offenbar sogenannte Kunstscheißer. Die scheißen nicht in die Schüssel, sondern auf die Wand. Gelächter. Maulhalten! So also ist das bei der Armee.

Da ist noch der Kompaniekommandant, der Hauptmann Himmelhund, weil er die Truppe immer mit „Himmelhunde“ begrüßt. Sonderbarer Mensch. Immer in Schaftstiefeln, Hände auf dem Rücken, die Mannschaft musternd. Einer hinterm anderen. Decken Sie Ihren Vordermann, heißt es. Sonst ist er recht wortkarg. Er hat aber etwas Überhebliches in seinen Augen. Sieht auf seine Unteroffiziere von oben herab.
Seit Wochen ist Verbandslehre angesagt. Sanitäter müssen üben und nochmals üben, sagt er. In einem der Lehrsäle wird soeben ein Gerät zum Wasserfiltern zusammengebaut. Zwischendurch kontrolliert der Himmelhund immer wieder den Fortschritt der einzelnen Gruppen. Kaum ist der Wasserfilter betriebsbereit, inspiziert der Himmelhund auch schon die Wasserqualität. Herschaun!, sagt er. Den Mistkübel her, Aschenbecher auch! Er leert alles in den Trichter über dem Gerät. Einschalten, sagt er barsch zu einem Ausbildner. Sehen Sie, und hält das Glas gegen das Licht, ganz klar, obwohl es trüb zu sein scheint. Er trinkt und spuckt das Wasser sofort wieder aus. Verdammt! Himmelhunde! Man hat vergessen, die Filter einzubauen. Der Ausbildner kann sich was anhören.

Die Zimmerbelegschaft ist akzeptabel. Sogar ein Schulkollege aus dem eigenen Ort ist dabei. Franz. Franz hält es nicht so genau mit seinem Spind. Spindkontrolle. Jeder muss sich davor hinstellen und sagen: Das ist der Spind des Wehrmannes soundso. Ihr Nachthemd, sagt der Unteroffizier zu Franz, das müssen Sie nachteeren, da kommt das Weiße durch. In den Laden liegen geöffnete Konservendosen herum. Ein paar weiße Maden kriechen auf dem Blechrand. Das gibt ein Nachspiel. Wochenende gestrichen. Spind in Ordnung bringen. Aber Franz ist ein guter Mensch. Als man sturzbetrunken aus dem Bett fällt, trägt er einen auf Händen zur Toilette, zum Übergeben. Das macht ihn unvergesslich.

Ein anderer ist beinahe dreißig, Anthroposoph oder so ähnlich, hat ein Doktorat. Erwin. Er ist schon verheiratet und darf zu Hause schlafen. Man beneidet ihn. Erwin wird zum ständigen persönlichen Begleiter im Lehrsaal, wegen des Schreibstubendienstes jedoch selten auf dem Felde, oder zumindest nur bei wichtigen Übungen, bei denen jeder dabei sein muss, auch der Kompanieschreiber. Erwin erklärt einem die Welt neu. Schließlich ist man auf dem Lande groß geworden. Erwin ist bei einer schlagenden Studentenverbindung. Er hat eine Narbe über dem Auge. Das ist ein Schmiss, sagt er, und erzählt den staunenden Zimmergenossen, wie das so ist, bei einem Degenkampf.
In den Lehrsaal geht man in Lehrsaaladjustierung, lehrsaalmäßig, das heißt, ohne Krawatte.
Beim Gefechtsdienst trägt man Krawatte. So einfach ist das. Hin und wieder macht man Dienst mit der Waffe. Die Waffe hat stets eingeölt zu sein, wird einem eingeimpft. Neben dem Lehrsaal ist eine Kantine. In den Pausen trinkt man weißen Spritzer. Erwin hebt sein Glas und ruft, streng nach Vorschrift, leicht einölen. Gegen Mittag sind alle betrunken. Die Stimmung ist gut. Der Ausbildner wirft, um Zeit zu sparen, jedem Rekruten eine Rolle Verbandsmull zu, bis hinten in die letzte Reihe, für das Üben von Übungsverbänden. Man übt Kornähren. Am Bein, an der Hand, am Arm. Mit dem Dreieckstuch macht man sich Kopftücher.
Die Stimmung wird nach jeder Pause ausgelassener. Leicht einölen! Jawoll, gefechtsmäßig einölen!, grinst man sich an. Am Ende der Stunde werden die Faschen wieder eingesammelt. Alle werfen die Rollen nach vorne, die sich während des Fluges in der Luft von alleine entrollen und ineinander verheddern. Tobendes Gelächter. Der Lehrsaal sieht aus wie im Fasching. Der Ausbildner ist machtlos, brüllt etwas von ordentlich aufrollen, aber niemand kümmert sich darum. Übermütige werfen noch zusätzlich aufgehobenes Verbandszeug nach vorn, um das Spektakel noch zu steigern.

Manchmal bleibt einem der Gefechtsdienst trotz Schreibstubendienst nicht erspart. Das bedeutet, hinaus in die Kälte. Es ist der dreißigste November neunzehnhundertdreiundsiebzig. Raureif hat das Gras weiß eingesponnen. Es ist kalt. Als Kind kriegt man einen warmen Schal umgebunden.

Es gibt einen dicken Vizeleutnant, Hornig, der ist für das Leben im Felde zuständig. Die Uniformen haben allesamt goldene Knöpfe, fein ziseliert. Auch die der Rekruten. Und es gibt viele dran. Unsichtbar machen, kommandiert Hornig. Das heißt, die Knöpfe mit Erde beschmieren, damit sich nicht mehr glänzen und blinken und dem Feind verraten, wo man sich befindet. Hinterher kriegt man die nie mehr sauber, auch nicht mit einer Bürste. In den feinen Vertiefungen der Strukturen hält sich der Dreck besonders gut. Das kann den Urlaubsschein kosten, wenn die Uniform schmutzig ist.
Hornig befiehlt Liegestützen, wenn man etwas falsch gemacht hat oder seine Waffe nicht mehr richtig zusammenbauen kann. Dann schreit er, machen Sie zwanzig Liegestütze. Und während man Liegestütze macht, schreit er, und ficken Sie nicht das Mauseloch. Man darf aber nicht lachen, sonst muss man zehn mehr machen. Hornig erklärt auch den Schuhputz und belehrt einen, dass Schuhe ausschließlich dazu da sind, um geputzt zu werden.

Zwischen den einzelnen Tagesbefehlen liegen immer wieder Wartezeiten. Warten gehört dazu. Im Felde spielt man Ernstfall. Plastikwunden, sogenannte Mullagen werden umgebunden und die scheinbar Verletzten im Gelände liegend verteilt. Schockgesicht, offener Beinbruch, Darmaustritt. Die Verletzten müssen um Hilfe rufen. Alle lachen dabei. Man muss die Verwundeten aufspüren und erstversorgen. Dann kommt der Bergepanzer, rollt über Sanitäter und Verletzten drüber, wobei der Verletzte von der Sanitätsmannschaft durch ein enges Loch ins Innere des Panzers gezogen wird. Es ist ratsam, sich recht schlank zu machen, um nicht unter die Ketten des Fahrzeugs zu kommen.
Manche haben schon irgendwie Angst, wenn das Riesending so ratternd und fauchend und donnernd über einen drüberfährt. Man übt auch das Laufen und gebückte Laufen in Deckung mit Verwundeten durch Tragbahren. Einmal kriegt man einen besonders dicken draufgelegt. Sprung, vorwärts, decken, mit dem Fettwanst drauf! Aber der wird schon nach kurzer Zeit wieder abgeworfen, wenn es der Ausbildner nicht sieht, indem man die Bahre flugs umdreht. Da ist er auch schon unten. Und der Dicke tut gut daran, bis zum Sammelplatz gefälligst zu Fuß zu gehen, wenn er mit der Tragemannschaft nach Dienstschluss keine Probleme haben will.
Biwakieren ist eine eisige Angelegenheit mit einem Zeltblatt, aus dem die Beine ragen und einer einzigen Wolldecke, die obendrein noch unangenehm riecht. Die Bohnen in der Dose wollen über dem Spirituswürfel nicht so richtig warm werden, also isst man sie kalt. Das hat Folgen und man macht die ganze Nacht kein Auge zu wegen der Blähungen, auch der Schreiber der Kompanie nicht, denn einen Gefechtsdienst muss auch dieser mitgemacht haben.

Am Abend wird in den Zimmern Karten gespielt und getrunken. Unter dem Stockbett wachen jeden Morgen unterschiedliche Kameraden auf. Unter ihnen ist auch einer, der später ein bekannter Kabarettist werden sollte. Er ist Kroate und mächtig stolz drauf. Und der auch nach dem Heer sehr human wurde. Aber zu dieser Zeit ist er noch nicht besonders human, denn er stößt, betrunken, wie immer, einen Rekruten mit deutschem Akzent mit seinem Stiefel vor die Brust über die Treppen der Kleiderkammer, weil ihm nicht gefällt, wie er spricht und sagt dabei, Spatzi, wos wüst? Wenn er unter dem Bett hervorkriecht, nachdem Tagwache gerufen worden war, ist er zur Gänze voller Lurch. Das erspart das Aufkehren an dieser Stelle des Zimmers. Er zündet sich sofort eine Gauloise an und sagt dann: Spatzi, gibt mir einen Schluck von der Flasche dort. Auf dem Tisch steht ein Doppelliter Wein vom Vorabend, den die Zimmerkollegen nicht ganz ausgetrunken haben.
Überhaupt setzt sich das Wort Spatzi innerhalb der Truppe in dieser Zeit stark durch. Vom kleinen Tischchen des diensthabenden Korporals vom Tag, draußen am Flur, dringt laut „Satisfaction“ bis in die Zimmer, bis der Spieß kommt und fragt, ob man deppert ist oder derisch. Das Radio wird abgedreht. Unter denen, die öfters unter fremden Betten aufwachen, ist auch ein Kandidat der Medizin. Er ist jeden Tag stockbetrunken. Er sagt auch Spatzi zu jedem und ist ein Freund des Kabarettisten. Er steht mit allen Ausbildnern und Unteroffizieren auf gutem Fuß und trinkt mit ihnen. Er darf auch den Kurs für die Instrumentenkunde leiten, selbstverständlich betrunken, für das chirurgische Besteck und so. Nichts deutet darauf hin, dass er kein Antimilitarist ist. Als „Beinahe-Arzt“ haben sie ordentlich Respekt vor ihm, und nicht nur, weil er so viel Alkohol verträgt. Jahre später wird er Kompaniekommandant in derselben Kaserne und Primararzt.

Acht Wochen sind vergangen. Schließlich hat man auch die Prüfung zum Sanitätsgehilfen bestanden und damit die Ausbildung beendet. Alle anderen werden verschiedenen Kasernen als Sanitäter zugewiesen. Selbst ist man dem Ministerium zugeteilt worden und muss per Straßenbahn, mit Rucksack, Stahlhelm und Sturmgewehr den Standort wechseln. Mittlerweile ist es Winter und bitterkalt draußen. Der Mantel ist zu lange, die Schultern zu breit, der Rucksack zu schwer. Da reißt ein Riemen und der Stahlhelm kollert durch das Innere der Straßenbahn. Ein Bild, erbarmungswürdig. Die Leute in der Straßenbahn lächeln. Weihnachten ist man nur für drei Tage bei der Familie. Es ist besser so, damit die alten Wunden nicht wieder aufbrechen. Es gibt nicht viel zu erzählen. Wie es eben so ist, hält man sich bedeckt. Es kann einem ja doch niemand helfen. Da muss man durch. Man hätte es ja so gewollt, also was soll´s?

Nun wohnt man in einer Blechbaracke einer Kaserne in der Stadt. Keine Isolierung. Das Fenster ist außen ebenso vereist wie innen. Der Boden asphaltiert. Man hat ständig kalte Füße und Schnupfen. Luftschutztruppenschule heißt es dort. Der Rekrut am Telefon meldet sich mit Lustschutztruppenschule und lächelt dabei vielsagend. Versteht sowie keiner. Am Tage der Umsiedelung wird in der neuen Kaserne soeben der alte Kommandant verabschiedet. Es hat gefroren in der Nacht. Die beiden Offiziere stehen sich gegenüber, der alte und der neue. Sie gehen im Stechschritt aufeinander zu. Da gerät der Alte auf eine Eisplatte, als er jäh zu stehen kommt, rutscht er darauf aus und fällt in Slapstickmanier auf den Hintern. Das Gelächter von vier Kompanien erschallt über den Kasernenhof. Ruuuuhäääää!, brüllt ein Offizier. Allleeee Urlaubsscheine sind ab sofort gestricheeen! Scheiße! Das ist also der erste Tag hier.

In der Blechbaracke ist eine kleine Kompanie untergebracht, bestehend aus Akademikern im vorderen Teil und Kraftfahrern im rückwärtigen. Warum man hier sei, als Schüler noch dazu, man hat doch einen Onkel irgendwo, man könne es ruhig sagen? Also ausschließlich was für Privilegierte. Wieder Glück gehabt. Und man hat keinen Onkel. Man hat niemanden. Vielleicht Vater und Mutter, weit weg. Der Kompaniekommandant ist ein Oberstleutnant und er hasst Männer, weil sie hässlich seien, sagt er, im Gegensatz zu den Frauen, sagt er. Sein unmittelbarer Unteroffizier, Wedlhammer, ist ein selbstbewusster Mann, der seinem Vorgesetzten immer gerne widerspricht und die Jungmänner vor ihm in Schutz nimmt. Der Oberstleutnant wurde im Weltkrieg wegen besonderer Eignung zum Offizier ernannt. Das kennt man schon. Und seine Haut im Gesicht ist tiefrot und er hat einen Goldzahn vorne.

Der Dienst im Ministerium ist leicht. Es wird erwartet, dass man ein paar Formulare ausfüllt, Krankmeldungen erkrankter Rekruten ordnet, hin und wieder eine Kopfwehtablette in ein Zimmer bringt und manchmal in die Kopierstelle nach unten fährt, um etwas abzuholen oder kopieren zu lassen. Es gibt einen Lift, einen Paternoster, in den man auf allen Ebenen ein- und aussteigen kann, während sich das Ding ohne stehenzubleiben auf der einen Seite hinauf- und der anderen Seite hinunterbewegt. Das ist sehr unterhaltsam.
Man liebt diese Wege, bei denen man ihn benutzen kann. Einmal vergisst man, rechtzeitig im Obergeschoß auszusteigen und kriegt Angst, weil es unters Dach geht, wo die Seile und Rollen sind und alles knarrt und knattert. Aber es passiert nichts und man kommt nach der Umrundung wohlbehalten wieder unterhalb an. Im Zimmer sitzen ein Amtsrat, Herr Asteck und ein C–Beamter für die Schreibdienste, Herr Weber. Herr Asteck und Herr Weber mögen einander nicht. Asteck deckt Weber immer auf, weil er trinkt und viele Rechtschreibfehler in seinen Schreibarbeiten hat und so viel Unsinn redet. Weber mag Asteck nicht, weil der immer alles weiß und ihn immer wegen seiner Fehler überführt, auch wenn er sie geschickt zu überspielen versucht.
Weber geht viertelstündlich auf die Toilette. Asteck verrät, Weber hätte einen Doppler in der Klospüle, aus dem er immer trinkt. Und Weber hat eine blauviolette zerfurchte riesige Nase. Das kommt vom Saufen, sagt Asteck. Oft ist nichts zu tun. Asteck steckt sich eine Flirt an, legt die Ellenbogen auf seinen Schreibtisch und beginnt dann immer, Weber zu verhören. Na, Herr Weber, waren wir wieder beim Heurigen am Wochenende? Selbstverständlich, Herr Asteck, sagt Weber dann. Was haben Sie denn gegessen, fragt Asteck und Weber sagt, eine Stelze, wie immer, Herr Asteck. Und dazu haben Sie eine Flasche Wein getrunken, richtig?, bohrt Asteck. Selbstverständlich, sogar zwei, sagt Weber dann stolz. Seh´n Sie, wendet sich Asteck dann an den Rekruten, wie gut es dem geht, und lacht.
Nächstes Jahr fahren wir in die Cämpän, sagt Weber. Wohin?, lacht Weber und sagt, das heißt doch Campagne, nicht wahr, zum Rekruten. Man sagt besser nichts dazu. Dann entfacht sich ein Streit zwischen Asteck und Weber wegen der Aussprache der Cämpän. Kurze Zeit später fährt Weber mit dem Paternoster hinunter in den dritten Stock, wo die Kantine ist. Er geht an die Bar, hebt den Zeigefinger, kriegt automatisch ein Viertel Rot, und während er eine Zigarette raucht, trinkt er das Glas mit drei Schlucken aus. Hernach begibt er sich wieder in die Kanzlei nach oben. Ist dann wieder nichts zu tun, sieht Astecker Weber längere Zeit spöttisch an und fragt: Na, Weberin, was gibt´s Neues? Dann wird Herr Weber wild und sagt: Sagen Sie nicht Weberin zu mir, wenn ich bitten darf, nicht vor dem jungen Mann da.

Im übernächsten Zimmer sitzt ein Oberstarzt mit einem Glasauge. Er raucht ununterbrochen. Wenn man in sein Zimmer gerufen wird, sieht man ihn oft nicht wegen des Rauchs. Er bietet einem einen Platz an und erzählt von seiner Jugend und vom Krieg, und dass er in einem Straflager mit Sträflingen in einem Steinbruch war, in dem er vor Schwäche beinahe gestorben wäre. Nur einer der Sträflinge hat ihn über die Runden gebracht, sonst säße er heute nicht hier. Einmal wird man wieder in sein Zimmer gerufen, um ihm einen Krankenakt eines Rekruten zu bringen. Machen Sie sich nichts draus, sagt der Oberst und bläst den Rauch seiner Zigarette vor sich her, ich hab‘ einen fahren lassen.

Im anderen Nebenzimmer sitzt der General-Arzt, Astecks und Webers unmittelbarer Vorgesetzter. Er ist jüngst zum Heeressanitätschef ernannt worden. Asteck hat ihn sofort nach Bekanntwerden der neuen Beförderung mit dem neuen Titel angesprochen. Der aber hat abgewehrt und gesagt, er mache sich da nichts daraus. Sekunden später läutet das Telefon beim General. Er hebt ab und schreit in den Hörer, Heeressanitätschef Generalarzt Doktor Britt.

Gegen siebzehn Uhr ist der Dienst beendet und man fährt mit der Bim wieder in die Kaserne. Dort gibt es die abendliche Standeskontrolle, und danach hat man Ausgang. Die Kraftfahrer machen immer wieder allerlei Unsinn, zerschlagen betrunken Sessel und Tische oder bleiben die Nacht über weg. Der Oberstleutnant will dafür alle bestrafen, auch die Rekruten aus der Akademikertruppe und kündigt für Freitagabend eine Nachtübung für alle an. Aber wirklich nicht, widerspricht ihm Wedlhammer, da kennan S‘ allanich hingehn! Die Truppe lacht. Der Oberstleutnant wird rot, flucht und nimmt Wedlhammer beiseite. Aber wenn der nicht will, geht gar nichts. Also belässt man es bei einer Bestrafung der tatsächlichen Übeltäter, womit schlussendlich der Gerechtigkeit Genüge getan wird.

Und dann ist es endlich März geworden und mit diesem Monat ist man Abrüster. Aaaaabrüsten hört man schon am frühen Morgen durch die Gänge der Baracke hallen und auf dem Flur hört man Tina Turner aus dem Kasettenrecorder mit Natbush City Limits und I´m free von den Who, und man schmiedet Pläne, was denn nach dem Militärdienst jetzt nun eigentlich werden soll.

Norbert Johannes Prenner

www.verdichtet.at | Kategorie: anno | Inventarnummer: 15131