Archiv der Kategorie: Johannes Tosin

Carlos der Goldfisch

                 Ring – ring.

Bernd:     Hallo Spatzi!

Monika:  Ich bin nicht mehr dein Spatzi. Was willst du?

Bernd:     Ich bin hier, um Carlos zu besuchen.

Monika:  Carlos?

Bernd:     Den Goldfisch.

Monika:  Du spinnst wohl! Umdrehen und zu dir nachhause gehen, aber pronto!

Goldfische im Botanischen Garten

Goldfische im Botanischen Garten

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: unerHÖRT! | Inventarnummer: 25007

Nachts auf dem Schiff

Nachts auf dem Schiff.
Was sagt der Wind, was sagen die Wellen, was der Mond?
In dreizehn Tagen werden wir Kalkutta anlaufen.
Die Riesenkrake sieht das Schiff, aber lässt es verschont.
Die Meerjungfrauen singen, aber wir hören sie nicht.

Die linke Meerjungfrau am gelb-weißen Haus am St. Veiter Ring

Die linke Meerjungfrau am gelb-weißen Haus am St. Veiter Ring

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 25006

Hier spricht die Polizei

Tüt – tüt.

„Polizist“:
Grüß Gott, spreche ich mit Herrn Wiegefurtner?

Herr Wiegefurtner:
Ja genau.

„Polizist“:
Hier spricht Gruppeninspektor Ewald Höllerer.

Herr Wiegefurtner: Aha.

„Polizist“:
Verstehen Sie, Herr Wiegefurtner? Hier spricht die Polizei.

Herr Wiegefurtner:
Ja, Herr Polizist.

„Polizist“:
Wir haben Hinweise darauf, dass eine ausländische Bande Ihnen Ihr Kapital entwenden will.

Herr Wiegefurtner:
Ausländische Bande, Kapital? Das ist schlecht.

„Polizist“:
Sehr schlecht ist das, Herr Wiegefurtner, sehr schlecht. Wir können das Problem lösen, indem ich bei Ihnen vorbeikomme und Sie mir Ihr gesamtes Kapital übergeben. Wir, die Polizei, verwahren es dann sicher und bringen es Ihnen am Monatsletzten zurück.

Herr Wiegefurtner:
Meinen Sie, dass sich das auszahlt, Herr Polizist? Ich habe nur knapp 100 € Guthaben auf meinem Konto, und sonst habe ich nichts.

Tüüt.

Herr Wiegefurtner (denkt):
Aufgelegt?

Das Radarpistolengraffito

Das Radarpistolengraffito

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: Perfidee | Inventarnummer: 25009

Mit Blindheit geschlagen

Manchmal hat man Augen und sieht nicht.
Man sieht die Blitze nicht, man hört den Donner nicht, man spürt den Wind nicht.
Der Himmel ist nicht mal blau, sondern rosarot.

Die alten Römer waren bestimmt der Meinung,
sie wären das am weitesten entwickelte Volk,
sie hätten die ideale Staatsform und wären allzeit gerüstet,

im Jahr eins vor der Völkerwanderung.

Römer mit Federhelm an einer Hauswand in Krumpendorf

Römer mit Federhelm an einer Hauswand in Krumpendorf

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: anno | Inventarnummer: 25008

Richard Milhous Nixons Frisur

Nenas Sohn Sakias:
Mama, ich möchte zum Friseur gehen.

Nena:
Nein, Sakias, das geht nicht. Als Musiker musst du lange Haare haben.

Sakias:
Aber meine Haare sind viel länger als deine.

Nena:
Na und? Ist doch gut.

Sakias (denkt:)
Ich würde so gern ordentlich aussehen. Die Frisur von Richard Milhous Nixon würde mir doch super stehen.
(spricht:)
Nur die Spitzen schneiden, Mama?

Nena:
Kommt nicht infrage!

Nenas Sohn Sakias auf der Schlosswiese in Moosburg am 5. Juli 2018

Nenas Sohn Sakias auf der Schlosswiese in Moosburg am 5. Juli 2018

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: unerHÖRT! | Inventarnummer: 25010

Wind

Der Wind weht mir ins Gesicht. Er mag warm oder kalt sein, das variiert, aber was besonders ist, ist, dass er mich stets bremst und niemals antreibt. Natürlich könnte ich etwas ganz Einfaches dagegen tun: Ich könnte mich umdrehen. Dann würde der Gegenwind zum Rückenwind werden. Aber das ist keine praktikable Lösung, denn dann läge mein Ziel in der Gegenrichtung und wäre gegenteilig zu meinem jetzigen. Das ist es doch auch, was der Mann, der den Wind schickt, beabsichtigt: mich von meinem Weg abzubringen. „Nein“, rufe ich da, „so leicht mache ich es dir nicht!“ Ich höre den Wind links und rechts, und ich spüre ihn. Ich stemme mich ihm entgegen, gehen kann ich nicht mehr. Ich stehe da und warte, dass er abklingt. „Wir werden sehen, wer den längeren Atem hat“, sage ich zu dem Mann, der den Wind schickt, „du oder ich. Und was ist eigentlich, wenn ich bloß stehenbleibe, ist es dann ein Unentschieden?“ „Nein“, gibt der Mann, der den Wind schickt, zurück. Seine Stimme ist wie der Wind selbst, sie scheint zu fließen. „Dann habe ich gewonnen. Du gewinnst, wenn du das definierte Ende deines Weges erreichst. Aber sieh dich vor, junge Frau, ich bin ein äußerst starker Gegner.“

Es ist doch eine seltsame Gegend hier, überlege ich. Nur der Weg bedeckt mit weißen Kieselsteinen und links und rechts davon Gras und einige Bäume sind vorhanden. Es gibt keine Menschen, keine Menschen, keine Häuser, keine Autos, nur den Mann, der den Wind schickt, mich selbst und eben den Wind. Die Szenerie wirkt, als sei sie nur für mich gemacht, unwirklich, doch für mich ist sie die Realität. Rechts oben sehe ich eine Zeitanzeige, 14:49 Uhr. Eigenartigerweise sehe ich nur die Zeit, aber kein Medium, das sie angibt. Dennoch weiß ich daher, dass ich nicht träume, denn in meinen Träumen gibt es keine Zeit.

Vier Minuten später hat der Wind an Geschwindigkeit zugenommen. Der Mann, der den Wind schickt, hat also noch genug Kraft. Ich dachte, er müsse sich unter den vielen Menschen, die er behelligt, aufteilen, doch wahrscheinlich läuft es derart, dass jeder Mensch sich in seiner eigenen Landschaft befindet, und ebenso ist es nicht nur Wind, der ihn behindert oder antreibt, sondern wahlweise Regen, Schnee, Hagel, Sonnenschein oder Nebel. Der Mann, der den Wind schickt, kann sich daher jeder Person in ihrer Gegend mit voller Aufmerksamkeit und maximaler Kraft widmen, ebenso die Frauen des Regens und des Hagels, die Schneefrau, die Sonnenfrau und die Nebelfrau.

Mittlerweile bläst der Wind so stark, dass ich mich auf den Bauch lege. Nun ist die Angriffsfläche des Windes bei mir gering. So kann ich einige Zeit warten. Aber was ist, wenn ich etwas essen oder trinken muss, Wasser lassen oder meine Notdurft verrichten? Wann habe ich eigentlich das letzte Mal gegessen, getrunken oder war auf dem WC? Es fällt mir nicht ein, ich habe keine Ahnung. Kann es sein, dass in dieser meiner speziellen Landschaft alle meine Körperfunktionen ausgeschaltet sind? Durchaus, antworte ich mir im Geist.

Ich presse meinen Körper also gegen den Boden aus weißen Kieselsteinen und darunter Erde. Ich kann nichts anderes tun, als zu warten. Die Zeit kommt mir lang vor, was sie nicht ist, sie ist nur die Zeit. Mittlerweile ist es 18:32 Uhr. Der Wind hat nichts an seiner Stärke verloren. Bald wird die Nacht hereinbrechen. Ich habe das Gefühl, dass es auch morgen nicht besser sein wird, auch übermorgen nicht, dass ich dem Mann, der den Wind schickt, ausgeliefert bin.

Habe ich etwas zu verlieren? Nein. Deshalb spreche ich ihn an: „Mann, der du den Wind schickst, kannst du nicht in meinen Rücken wehen?“ Sehr bald höre ich seine Stimme, die in den Wind eingebettet ist, in wechselnder Lautstärke: „Liebe Marlene, diesmal bin ich es, der sagt: ,Nein, so leicht mache ich es dir nicht!´ Das Leben ist doch keine Rutsche, die einen ohne Anstrengung ans Ziel führt. Man muss sich sein Glück oder was auch immer verdienen. Das findest du doch sicherlich auch, liebe Marlene, nicht?“ Was soll ich antworten? Ich kann entweder gar nichts sagen oder Ja. Ich sage „Ja.“

„Gut, du bist ja ein verständiges Mädchen“, erwidert nun der Mann, der den Wind schickt. „deshalb will ich dir auch entgegenkommen. Eine Möglichkeit existiert, wie dein Vorankommen viel weniger mühsam sein kann. Kannst du dir vorstellen, welche das ist?“ „Nein, keine Ahnung“, gebe ich zurück. „Indem es mich nicht gibt“, sagt der Mann, der den Wind schickt. „Dabei ist allerdings zu beachten, dass sich auch die Szenerie ändert, in der du dich befindest. Woraus sich ergibt, dass dein Vorankommen nur theoretisch leichter sein kann. Verstehst du das, Marlene?“ Ich bin doch nicht blöd. „Natürlich verstehe ich das“, sage ich.

„Schön, liebe Marlene, willst du, dass ich mich zurückziehe? Soll ich verschwinden? Überlege deine Antwort gut“, sagt der Mann, der den Wind schickt. „Ja, auf jeden Fall“, entgegne ich schnell, „ich will, dass es dich nicht mehr gibt.“

„Dein Wunsch sei dir erfüllt“, sagt der Mann, der den Wind schickt, und danach nichts mehr.

Jetzt befinde ich mich auf einem Einhandsegelboot mitten im Pazifik. Ich bin auf einer Solotour. Es herrscht absolute Flaute.

Der Mann, der den Wind schickt, hat mich reingelegt.

Viele Heliumballons im Wind beim roten RENAULT dCi 150, von der Seite

Viele Heliumballons im Wind beim roten RENAULT dCi 150, von der Seite

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 24187

Vikings

Das Neugeborene wird vor Haldur dem Wikinger auf den Boden gelegt. Wenn er es annimmt, hebt er es hoch, wenn nicht, wird es ausgesetzt.

Haldur:      Er sieht aus wie unser Briefträger.

Der Bub strampelt kräftig, um zu zeigen, dass er stark ist.

Dorf-Jarl:   Aber Haldur, bei uns gibt es keinen Briefträger.

Haldur:      Wieso haben wir denn keinen Briefträger?

Dorf-Jarl:   Weil es bei uns keine Post gibt, deshalb.

Haldur:      Und weshalb gibt es bei uns keine Post?

Dorf-Jarl:   Weil wir keine Briefe schreiben. Oder hast du schon einmal einen Brief geschrieben, Haldur?

Haldur:      Nein, habe ich nicht. Aber es wäre ja möglich, dass andere Briefe schreiben.

Dorf-Jarl:   Niemand von uns schreibt Briefe, weil wir nämlich keine Schrift haben.

Haldur:      Keine Schrift? Und was ist mit den Runen?

Dorf-Jarl:   Die brauchen wir nur für praktische Dinge.

Haldur:      Um aufzuschreiben, dass wir siebenunddreißig Helme erbeutet haben etwa?

Dorf-Jarl:   Nicht, ganz, wir drücken nur einstellige Zahlen aus. Alles über neun sind viele.

Der Bub weint jetzt bitterlich und sieht Haldur an. Er hebt ihn hoch.

Haldur:      Er soll Olaf heißen.

Baumarbeiten mit Wikinger

Baumarbeiten mit Wikinger

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: schräg & abgedreht | Inventarnummer: 25013

 

Flasche

Bruce Springsteen spielt die längsten Konzerte seit Grateful Dead im Jahr 1969. Während seine Kollegen im Backstage-Bereich chillen, schreibt er Songs. Er ist sehr fokussiert und immer fleißig.

Wir schreiben das Jahr 1965. Bruce ist sechzehn. Sein Vater Doug ist zurzeit Taxifahrer und chronisch schlecht gelaunt. Er sitzt am Küchentisch, raucht eine Zigarette und trinkt ein Bier aus der Flasche. Wie jeden Werktag lässt er Bruce antreten.

 

Doug Springsteen:
Na, Bruce, was hast du heute getan?

Bruce Springsteen:
Gitarre gespielt und einen Song geschrieben.

Doug Springsteen:
Und was denkst du, habe ich getan?

Bruce Springsteen:
Taxi gefahren, Dad?

Doug Springsteen:
Genau, Bruce, ich habe gearbeitet und Geld verdient.

Bruce Springsteen: …

Doug Springsteen:
Weißt du, was du bist, Bruce?

 Er tippt mit dem Nagel des Zeigefingers mehrfach gegen die Flasche Bier. Es macht leise kling – kling – kling.

Bruce Springsteen:
Eine Flasche?

Doug Springsteen:
Genau, du bist eine Flasche. Und jetzt geh mir aus den Augen! Abmarsch, aber im Schweinsgalopp!

Gemähtes Gras und leere Bierflaschen

Gemähtes Gras und leere Bierflaschen

Johannes Tosin
(Text und Foto)

www.verdichtet.at | Kategorie: süffig | Inventarnummer: 25012