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Drei Gäste, zwei noch da

Der Gast stand an der Bar, er stand seitlich, hatte seinen linken Ellenbogen auf die steinerne Oberfläche der Bar gelegt und seinen linken Fuß lässig auf den Umlauf aus Messing, welcher die Bar in geringer Höhe umfasste. Die Form der Bar nahm die der Kolonnaden des Petersplatzes auf, die in der Ewigen Stadt den Blick des Menschen geradezu zwingend auf die Fassade des Petersdomes lenken, die Hauptkirche der Christenheit. Die Höhe der Bar war so bemessen, dass ein Mensch bequem an ihr stehen oder lehnen, auf ihr Nahrung zu sich nehmen oder auch schlafen konnte. Der Umlauf aus Messing war, was seine Höhe anlangte, ebenfalls wohldimensioniert, sowohl sitzend als auch stehend fanden die Füße eine Auflage, gleich wie groß oder klein der Mensch, dem sie gehörten, gewachsen war.

„Ich kann noch nicht glauben, dass er nicht mehr unter uns weilt“, eröffnete der Gast das Gespräch.
Sein Gegenüber, das er angesprochen hatte, stand etwa einen Meter von ihm entfernt in der selben Körperhaltung, allerdings spiegelverkehrt, den rechten Ellenbogen auf die Bar und den rechten Fuß auf den Umlauf aus Messing gelegt.
„Was ist geschehen?“, gab der Angesprochene zurück.
„Nun … Er ist gegangen.“
Die Kellnerin, die hinter der Bar ihren Dienst versah, stellte zwei Gläser Rotwein sowie zwei Gläser Wasser vor die beiden Gäste und sagte: „Sehr zum Wohle, die Herren!“
Die beiden prosteten sich durch Anheben ihrer Weingläser und Führen ebendieser in die Richtung des jeweils anderen zu, die Gläser berührten einander nicht, und nahmen einen Schluck Rotwein, gefolgt von einem Schluck Wasser.

„Wie meinen Sie das?“
„Ich denke, er wollte nicht mehr kämpfen“, gab der ältere der beiden Gäste zurück.
Etwa zehn Jahre trennten die beiden voneinander.
Der jüngere Gast steckte sich eine Zigarette an, inhalierte und blies den Rauch an die zu tief hängende rote Lampe hinter der Bar, die ebenso gut in einem Boudoir, dem Zimmer eines Stundenhotels oder dem Séparée eines Bordells hätte hängen können. Dennoch fügte sie sich bestens in die Gesamterscheinung der Bar, sie gab warmes, weiches Licht ab und war entweder in Murano geblasen worden oder ein Relikt aus lange vergangenen Wiener Zeiten.
„Kämpfen? Was meinen Sie mit kämpfen?“
„Sie haben ihn doch oft gesehen. Haben oft mit ihm gesprochen, hier an der Bar.“

Der Jüngere wischte mit der Kante seiner Hand Reste der Asche seiner Zigarette von der steinernen Oberfläche der Bar, als ob er ein Gefühl wegwischen, vertreiben wollte. Etwa das Gefühl des Nicht-erkannt-Habens des Kampfes, den der ehemalige Gast, der nun nicht mehr kommen würde, laut Aussage des Älteren geführt hatte. Er wischte die Reste der Asche in den Spalt zwischen der steinernen Oberfläche der Bar und der hölzernen Umrandung, durch den sie auf den Boden rieselten. Dieser Spalt verhinderte, dass auf der Bar verschüttete Flüssigkeit sich allzu weit verlaufen konnte und diente somit dem Zweck, die für gewöhnlich kostspielige Kleidung der Gäste an der Bar nach Möglichkeit unbenetzt zu halten.
„Ich habe nichts von einem Kampf, wie Sie es ausdrücken, bemerkt. Weder habe ich ihm einen solchen angesehen noch hat er ihn mit einem Wort erwähnt, weder im Gespräch noch in den Texten, die er verfasst hat.“

Der jüngere der beiden Gäste richtete seinen Blick auf die Rosen, die in einer Weinflasche, die nun freilich Wasser enthielt, auf der Bar standen, neben einem hölzernen Steher, einem von zweien, die den Oberbau der Bar stützten, in welchem sich Gläser nebst Flaschen voll Wein und Spirituosen befanden. Die Rosen waren einige Tage alt, oder ihr Wasser war nicht ausgetauscht worden, jedenfalls war der Prozess ihrer Vertrocknung über sein Anfangsstadium hinaus vorangeschritten, sodass sie eher als Memento-mori-Motive durchgehen konnten denn als Zeichen und Boten der Schönheit und der Liebe. Der Jüngere fand diesen Umstand durchaus passend. Er passte zum Tod eines Gastes, mit dem er oft an der Bar beisammen gestanden und etliche Gläser geleert hatte.

„Ich kann nicht verstehen, dass er nie etwas gesagt hat.“
„Mein junger Freund“, gab der Ältere zurück, „Ihnen fehlt es an der Menschenkenntnis.“
„Glauben Sie das wirklich?“
„Ja. Aber machen Sie sich keine Sorgen. In Ihrem Alter, also vor gut zehn Jahren, hätte auch ich nur sehr schwer erkannt, was mit ihm los war. Wahrscheinlich hätte ich es, ebenso wie Sie, gar nicht erkannt.“
Diese Worte waren dem Jüngeren ein Trost, wenngleich ein schwacher. Er blickte in den Spiegel an der Wand. Dieser war länglich und wurde von zwei kugelförmigen Lampen illuminiert. Deren runde Fassungen wurden von der hölzernen Oberkante des Spiegelrahmens aufgenommen. Er betrachtete sein Antlitz im Spiegel und stellte wenig überrascht fest, dass sich ein ratloser und auch trauriger Ausdruck auf dieses gelegt hatte. Er war sich zeit seines Lebens sicher gewesen, über eine gute Menschenkenntnis zu verfügen, doch nun, an diesem Abend, war er eines Besseren belehrt worden.

„Welcher Art war sein Kampf?“, fragte er den älteren Gast. „War es ein Kampf, den er in seinem Inneren, mit sich selbst, führte, oder hat er gegen eine körperliche Erkrankung angekämpft?“
Der Ältere wiegte den Kopf hin und her, als überlegte er, was er auf die Frage antworten sollte. Er nahm einen Schluck Wasser, dann einen vom Rotwein, danach wieder einen vom Wasser und führte seinen Zeigefinger schnell über die steinerne Oberfläche der Bar. Es war eine offenkundig unbewusste Handlung, die einen Trennstrich symbolisierte, wie der Jüngere der Antwort des Älteren entnahm.
„Mein junger Freund, er hatte an zwei Fronten zu kämpfen. Er war seit Jahren schwer krank.“
„Das hat man ihm aber nicht angesehen“, warf der Jüngere ein.
„Doch“, gab der Ältere zurück. „Man hat es ihm sehr wohl sehr deutlich angesehen. Also, ich habe es ihm angesehen. Sie dürfen nicht außer Acht lassen, dass ich ihn an lediglich zwei Abenden jede Woche gesehen habe.“
„Und?“
„Nun, Sie sind jeden Nachmittag, Abend und jede Nacht hier an der Bar. Wenn man einen Menschen jeden Tag zu Gesicht bekommt, fallen einem Veränderungen dieses Menschen weit weniger deutlich auf, als wenn man diesen Menschen nur selten sieht.“

Der Jüngere wickelte eine Strähne seines langen Haupthaares um den Zeigefinger, er war einige Sekunden in Gedanken versunken und stimmte seinem Gegenüber zu.
„Ich habe in meinem Telefon ein Foto gespeichert, das Sie mit ihm zusammen zeigt. Es ist etwa drei Jahre alt. Ich zeige es Ihnen, und dann werden Sie verstehen, was ich meine.“
Der Ältere hielt dem Jüngeren das Foto vor Augen und dieser verstand nun.
„Um Himmels willen!“, entfuhr es ihm.
Das drei Jahre alte Foto zeigte ihm neben dem Gast, der nun nicht mehr kommen konnte. Sie waren gut gelaunt gewesen, lachten und hatten offensichtlich bereits einige Gläser geleert gehabt. Der Gast war von gesunder Farbe im Gesicht und pausbackig, ganz so, wie der Jüngere ihn kennengelernt hatte. Die Rose in der Weinflasche, die ebenfalls mit auf das Foto gedurft hatte, war frisch und stand in vollem Saft, sie war gleichsam ein weißgrünes Symbol des Lebens und der Freude.
„Und nun rufen Sie sich in Erinnerung, wie er vor zwei Wochen ausgesehen hat, als Sie ihn, wie ich annehme, zum letzten Mal gesehen haben.“

Der Jüngere hatte keine Mühe, der Aufforderung nachzukommen. Er verglich das Aussehen des Gastes auf dem Foto mit jenem an dem Abend, wo er ihn zum letzten Mal gesehen hatte, entschuldigte sich und suchte die Toilette auf. Er stand vor dem Spiegel über dem kleinen Waschbecken und betrachtete sich. Er fühlte Tränen in seine Augen steigen, dann sah er sie aus diesen und über seine Wangen rinnen und wischte sie mit dem Handrücken weg. Gedanken schossen ihm durch den Kopf, Gedanken an seine Unaufmerksamkeit, der er es zuschrieb, dass er den offensichtlichen körperlichen Verfall des Gastes nicht erkannt hatte. Gedanken an Gleichgültigkeit, von der er fürchtete, dass sie ihm innewohnte. Wäre dem nicht so, dachte er, hätte er den Verfall schmerzlich spüren müssen. Er wusch sich das Gesicht mit kaltem Wasser, trocknete es mit einem Einweghandtuch und nahm seinen Platz an der Bar wieder ein. Er hoffte, dass der ältere Gast nicht bemerken würde, dass er auf der Toilette geweint hatte.

„Ich hätte es bemerken müssen! Doch ich oberflächliches Individuum habe nicht darauf geachtet.“
„Machen Sie sich keine Vorwürfe“, riet ihm der Ältere.
„Ich mache mir aber welche. Ich stehe da mit einem, man kann fast sagen: Freund, jeden Abend an der Bar und gebe mich damit zufrieden, dass er sagt, es geht ihm gut.“
„Sie dürfen sich nicht selbst an den Pranger stellen, mein junger Freund. Er hat schließlich jedem, der ihn nach seinem Befinden gefragt hat, gesagt, dass es ihm gut gehe.“
„Und warum hat er nicht gesagt, was wirklich mit ihm los war?“
„Ich denke, er wollte die Menschen in seinem Umfeld nicht mit dem Umstand belasten, dass er unheilbar krank war.“
„Woher wissen sie, dass er unheilbar krank war?“
„Seine Frau hat mich eingeweiht. Sie hat mir geraten, mich mit der Tatsache abzufinden, dass er in absehbarer Zeit sterben würde.“
„Warum haben Sie mir nie davon erzählt?“
„Ich wollte Sie nicht belasten.“
„Aber wenigstens er hätte doch etwas sagen können. Ich meine, eine unheilbare Krankheit ist etwas, für das man nichts kann. Und folglich braucht man sich auch nicht für sie zu schämen.“
„Ich denke, dass er sich doch geschämt hat“, gab der Ältere zurück.

Der jüngere Gast richtete seinen Blick unwillkürlich auf einen der beiden stummen Diener in den Ecken des Raumes. Die Kleiderständer waren aus gebogenem braunen Holz gefertigt, und an diesem Abend hing das leichte Leinensakko des jüngeren Gastes einsam auf dem Haken. Dort, wo der Gast üblicherweise seine Sommerjacke aufgehängt hatte, gähnte Leere. Der Jüngere fühlte erneut Tränen in sich hochsteigen und unterdrückte diese, indem er seinen Blick nach links oben, in das Nirwana der Decke des Raumes richtete und sich zwang, an etwas zu denken, das nichts mit dem Gast zu tun hatte.
„Er war stets ein vitaler Mann gewesen. Er konnte den eigenen Verfall einfach nicht in dem Ausmaß hinnehmen, das nötig gewesen wäre, um über seine Krankheit zu sprechen. Allerdings hat er andeutungsweise sehr wohl anklingen lassen, dass der Tod in sein Leben Einzug gehalten hat.“
Der Jüngere sah sein Gegenüber ungläubig an und schüttelte den Kopf.
„Mir gegenüber hat er nie so etwas zum Ausdruck gebracht.“
„Verzeihen Sie“, sagte der Ältere, „aber in diesem Punkt muss ich Ihnen widersprechen.“
„Wie meinen Sie das?“, fragte der Jüngere, immer noch einen ungläubigen Ausdruck im Blick.
„Sie erinnern sich bestimmt an die Diskussion zum Thema Sterbehilfe, die wir vor etwa einem halben Jahr hier an der Bar geführt haben.“

Der Jüngere nickte. Er erinnerte sich nur zu gut an diesen Abend und an die Diskussion, die sie geführt hatten. Es war einer der Dispute gewesen, wie sie sich ab und zu an der Bar entwickelten, in deren Verlauf die Disputanten, auch aus Gründen des Alkoholkonsums, immer starrköpfiger auf ihren Ansichten zum jeweiligen Thema beharrten, unzugänglich intelligenten Einwürfen der meist völlig nüchternen Kellnerinnen hinter der Bar, und in der Folge schärfer, persönlich angriffiger sowie lauter argumentierten oder zumindest ihre jeweiligen Sichtweisen kundtaten. Der Gast hatte an diesem Disput teilgenommen, sich jedoch sehr ruhig verhalten. Er hatte klar und mit gedämpfter Stimme argumentiert, beinahe wie ein selbstmordgefährdeter Mensch, der seinem Arzt von seinem Vorhaben berichtet. Der Gast hatte die Position vertreten, dass ein Mensch, der seit langer Zeit schon hatte sterben wollen, das Recht hätte, diesen Wunsch erfüllt zu bekommen. Allerdings hatte er einschränkend angeführt, dass ein derartiger Wunsch nur dann zu Recht erfüllt ist, wenn dieser Mensch an einer unheilbaren Krankheit leidet und seine Angelegenheiten in Ordnung gebracht hat.

„Sie erinnern sich, mein junger Freund, dass der Gast das Recht auf den eigenen Tod vehement eingefordert hat, jedoch im selben Atemzug Kurzschlusshandlungen abgelehnt hat.“
„Ja, das stimmt. Er hat gesagt, dass ein Selbstmord im Affekt keine Lösung ist.“
„Sehen Sie? Damit hat er sich selbst vor einer solchen Tat im Affekt bewahrt.“
„Was deuten Sie gerade an, mein älterer Freund? Er hat sich doch nicht etwas das Leben genommen?“
Der Ausdruck des Schreckens lag in des Jüngeren Augen. Die beiden Gäste orderten zwei weitere Gläser Rotwein, von der selben Sorte, doch dieses Mal von besserer Qualität, und der Ältere wies die Kellnerin an, beide Gläser auf seine Rechnung zu setzen. Ihm war nicht entgangen, wie sehr die Neuigkeiten dieses Abends den Jüngeren mitgenommen hatten, und er wollte ihm eine kleine Freude bereiten. Der Jüngere bedankte sich, und dieses Mal stießen ihre Gläser sanft aneinander.

„Ja, er hat sich das Leben genommen. Seine Krankheit war schlimmer geworden und das Grauen unerträglich.“
„Das ist so furchtbar! Ich kann das alles gar nicht glauben.“
„Und doch ist es so.“
„Ich hätte ihm eine solche Tat niemals zugetraut.“
„Ich war mir sicher, dass er es tun würde. Nach unserer Diskussion über Sterbehilfe, nachdem ich seine Argumente gehört hatte, war mir klar, dass er es tun würde.“
„Wie hat er es gemacht?“
„Er hat sich in seinem Badezimmer eingeschlossen und in die Badewanne gelegt.“
„Also der Schnitt in die Pulsadern?“, fragte der Jüngere und fühlte Grauen in sich hochsteigen.
„Nein. Er hat die Tür und das Fenster mit Klebeband abgedichtet, eine Flasche Rotwein getrunken und eine Gasflasche aufgedreht.“
„Wer hat ihn gefunden? Doch nicht seine Frau?“
„Nein, die war zu diesem Zeitpunkt mit ihrer Schwester auf Urlaub.“
„Gott sei Dank!“
„Er hat ein zeitverzögertes E-Mail an die Polizei geschickt. Die hat ihn gefunden.“
„Hat er einen Abschiedsbrief hinterlassen?“, fragte der jüngere Gast, und wieder bemächtigte sich Grauen seiner.
„Ja. Er hat sich bei seiner Frau entschuldigt und noch einigen wenigen Menschen letzte Grüße ausgerichtet. Sie, mein junger Freund, sind unter diesen Menschen.“
Der Jüngere konnte die Tränen, die in seine Augen schossen, nicht zurückhalten.
„Mein Gott! Warum nur?“, schluchzte er. „Warum nur?“

Der Ältere legte einen Arm um seine Schulter, um ihn zu trösten.
„Seine Frau hat mir gesagt, dass sie es hat kommen sehen. Sie ist zwar sehr traurig, doch freut sie sich auch für ihn, dass er jetzt dort ist, wo es ihm gut geht.“
„Und ich habe so oft mit ihm gesprochen, ihm so oft in die Augen geschaut und nichts bemerkt.“
„Wenn Sie sich Vorwürfe machen, leiden Sie nur unnötig. Das wird ihn nicht zurückbringen.“
Der jüngere sah den älteren Gast aus verweinten Augen an.
„Hätte ich etwas für ihn tun können?“
„Ja. Und das haben Sie auch getan.“
„Was habe ich getan?“
„Sie haben mit ihm gesprochen und ihm, zumindest hier an der Bar und für einige Stunden jeden Abend, das Gefühl der Normalität gegeben.“
„Wirklich?“
„Ja, das haben Sie. Und dafür war er Ihnen dankbar. Sehr dankbar.“
„Woher wollen Sie das wissen?“
„Er hat Sie in seinem Abschiedsbrief, seinem letzten Werk, erwähnt und Ihnen Grüße ausgerichtet.“

Wieder weinte der Jüngere.
„Hätte ich es denn verhindern können? Irgendwie verhindern?“
„Nein. Ganz sicher nicht.“
„Aber ich hätte es ahnen müssen!“
„Nicht müssen. Können, das ja.“
„Aber ich war zu oberflächlich.“
„Sie hätten zwischen seinen Zeilen lesen und seine unausgesprochenen Worte hören können.“
„Aber ich habe seine Werke gelesen und ihm zugehört.“
„Suchen Sie die Schuld nicht bei sich! Sein Freitod war immerhin seine eigene Entscheidung.“
„Künftig werde ich aufmerksamer lesen und zuhören.“
„So können Sie vielleicht den Tod eines Menschen verhindern, der die Schwelle vom Gedanken zum feststehenden Plan noch nicht hinter sich gelassen hat.“
Der jüngere Gast beglich seine Rechnung und verließ traurig das Lokal.
Der ältere Gast trank ein weiteres Glas Rotwein und verließ dann das Lokal.

Michael Timoschek

www.verdichtet.at | Kategorie: think it over | Inventarnummer: 17040

 

Drei Episoden und die Wahrheit

Da geht ein sportlich gekleideter Mann vor mir. Plötzlich beginnt er zu laufen, hastet Richtung Fußgängerübergang, die Ampel steht auf Rot. Er ignoriert die Warnfarbe, blickt einmal kurz nach rechts, dann nach links, wieder nach rechts und läuft einfach weiter, über die Fahrbahn. Drüben angekommen, bleibt er stehen. Atmet schwer, sieht über die Straße zu mir herüber, auf die Zurückgebliebene, steht einfach da, auf der anderen Seite und wartet aufs Grünwerden der Fußgängerampel. Inzwischen ist er wieder zu Atem gekommen.
Es ist grün, ich quere die Fahrbahn, er auch. In der Mitte der Straße sehe ich ihn fragend an. Er lächelt und schüttelt den Kopf, mehr für sich als für mich, und geht in die Richtung zurück, aus der er ursprünglich gekommen ist.

Eine Frau bewegt sich langsam schwankend vor mir. Sie scheint mit ihren High Heels noch auf Kriegsfuß zu stehen. Passenderweise zeigen sich diese angriffslustig in grellem Pink. Darauf abgestimmt erscheint ihr Mund üppig geschminkt, wie in schreiende Farbe getunkt. Was will er damit sagen? Was will sie damit sagen? Mir offensichtlich nichts, sie lächelt und schwankt hüftschwingend weiter.

Ein Kind wirft den Ball. Er landet wieder in meinem Garten. Der Bub schreit mir fröhlich zu: „Nochmal bitte!“ Sicher, ich werfe den Ball zurück. Er kann es nicht lassen, immer wieder ballert er so haargenau an unserem gemeinsamen Zaun entlang, dass das Geschoß bei mir landet. Seufzend erhebe ich mich zum x-ten Mal aus meiner Liege. Das Buch fällt zu Boden, der Ball rollt vor meine Füße. Ich trete ihn diesmal ordentlich, sodass er höher als sonst über den Zaun fliegt. Gleich noch ein Stückchen weiter, in den anderen Garten. Ich höre den Buben aus etwas weiterer Entfernung schreien: „Bitte den Ball! Die Nachbarin war’s!“ (Genau, die Nachbarin war’s. Ich bin die Nachbarin, die Bälle in anderer Menschen Gärten schießt …) Kurz darauf ertönt seine Stimme wieder, mit erfreulichem, weil mich nicht mehr betreffendem Abstand: „Nochmal bitte!“

Da frage ich mich plötzlich, wie diese drei Personen, mit denen ich an jenem Tag zu tun hatte, wohl sind oder auch, wie sie einmal waren, bis sie so wurden, wie sie nun sind.
Nach reiflicher Überlegung komme ich zu dem Schluss: Es gibt mehrere denkmögliche Varianten (und unzählige denkunmögliche noch dazu), ich gehe sie der Reihe nach durch.

Der Mann: Er hatte sich etwas zu beweisen. Er suchte die Gefahr. Bei Rot über die Straße zu rasen, hatte ihm einen Nervenkitzel verursacht, noch gesteigert durch die Gewissheit, erstauntes Publikum wie mich vorzufinden.
Oder er war einfach zu spät dran gewesen und dann draufgekommen, dass er nochmal zurück musste, den Schlüssel vergessen hatte, oder eine Herdplatte in Verdacht, nicht abgedreht worden zu sein.

Die Frau: Sie glaubte, eine maximale Wirkung zu erzielen, wenn sie auf Farbe und Höhe setzte. Sie war oft übersehen worden und machte sich nun größer und bunter, als sie tatsächlich war, um mehr Aufmerksamkeit zu erhalten.
Oder aber sie war tatsächlich eine grelle, starke, ja, auch schreiende Person und ehrlich genug, dies sofort zu signalisieren: Wenn du damit nicht klarkommst, bin ich kein Umgang für dich! Ich gefalle mir, wie ich bin und lasse mich sicher nicht unterkriegen. Da geht es um mehr als um Lockbehübschung oder Kriegsbemalung.

Der Bub: Er wollte sich reiben, er wollte meine Geduld austesten. Er warf so oft den Ball über die gemeinsame Grenze, bis mir der Geduldfaden riss und ich über das Ziel hinausschoss. Er hatte mich provoziert und war damit erfolgreich gewesen. Darum wandte er sich dann den anderen Nachbarn zu, um deren Nervenstärke zu testen und sich dabei heimlich ins Fäustchen zu lachen.
Oder es war ihm unglaublich langweilig, bei ihm war niemand zu Hause, er freute sich, dass er mit jemandem reden konnte. Er suchte Kontakt, fand ihn auch wiederholt, und als er merkte, dass das zu viel des Guten war, suchte er anderweitig nach menschlichem Austausch (des Balles und von Worten). Eigentlich war es ein Ballspiel über die Zäune hinweg, aus diesem Blickwinkel betrachtet.

All diese Überlegungen bringen mich an einen Punkt, und zwar an einen, an dem ich über mich selbst nachdenken muss, nolens volens.
Bin ich die, die Menschen aufgrund einer Situation, aufgrund einer kurzen Szene einschätzen muss? Will ich etwa „die Wahrheit“ finden? Oder kann ich es bleiben lassen? Kann ich meiner so sicher sein, dass ich nicht bewerten muss, wer oder was auch immer meinen Weg kreuzt? Kann ich das, „nicht werten“?

Ich fange einmal damit an, meine eigene Rolle nicht zu bewerten, das ist das Einfachere. Ich hab hier einfach drei Episoden erzählt. Und nicht eine davon ist wahr.

Carmen Rosina

www.verdichtet.at | Kategorie: think it over | Inventarnummer: 16131

Heimat

Wer über diese Erde geht,
Dem klebt sie an den Füßen.
Jeder Schritt, eine uneingelöste Schuld,
Nimmt seine eigene Spur mit.

Der Blick erreicht seine Grenze in Lichtgeschwindigkeit
Und  findet an ihr keinen Halt.
Jeder Blick, ein Ausgleiten an sich selbst,
Fällt in sich selbst zurück.

Lebt es sich hier:
Fortschreitende Wiederkehr.

Bernd Remsing
http://fm4.orf.at/stories/1704846/

www.verdichtet.at | Kategorie: think it over | Inventarnummer: 16117

An die Botschafterin

Wie nur, hast du den Schnee nicht auf den Dächern gesehen?
Lang noch dauert es – und da kommst du in leichten Kleidern?
Es trägt der Mensch noch immer feste Strümpfe
Und zieht sich Polyestermützen fest
Aufs Hirn.

Die Augen müde von der Millionenshow, schleppt er seinen Körper ins Auto,
seinen bergenden Konsumschützenpanzer.

Was willst du, uns‘ren wundgeschliffenen Seelen mit deiner anstößigen Botschaft?
Wir kehren heim mit Stundenlohn
ins Mietgebäude aus Stahlbeton.
Dreh’n die Heizung auf
Anschlag.

Und hören von den Selbstmordtouristen, von den iranischen Uran-Anlagen.
Legen Musik auf und brennen – auf japanische Tonträger
Denn noch ist´s nach Osten nicht fern …
Noch fehlt das hitzige Licht über den Köpfen.

In den zerschnittenen Himmeln unserer Straßen
Suche, Botschafterin, nach deinem Frühling.

Von mir aus, doch lass uns in Frieden.

Bernd Remsing
http://fm4.orf.at/stories/1704846/

www.verdichtet.at | Kategorie: think it over | Inventarnummer: 16115

Mittelstand und Mittelstrand

Die Österreicher haben, mit wenigen Ausnahmen, gelernt, ihren Unmut über die Politiker des eigenen Landes durch eine Veränderung ihres Wahlverhaltens zu äußern. Dass sie hierbei eine starke Tendenz nach weit rechts erkennen lassen, ist legitim, schließlich machen sie ihre Kreuzchen beim Spitzenkandidaten einer im Parlament vertretenen Partei, jedoch zeugt es ebenso wenig von Selbsterkenntnis wie von ökonomischem Weitblick.
Es ist nichts anderes als eine Protesthandlung, gleich der eines Welpen. Sie mag auf den ersten Blick verständlich erscheinen, doch nötigt der Welpe seine Halter und nicht zuletzt sich selbst, auf einem verunreinigten Teppich zu gehen.
Die Ursache des Malheurs ist, wie so oft, ein Irrtum.

Viele Jahre wurde den Menschen, die eine evidente oder vermutliche Inklination zum rechten Rand haben, über die Medien ausgerichtet, dass sie den neuen Mittelstand dieses Landes bildeten.
Und, seien wir ehrlich, welcher Mensch fühlt sich nicht in seinem, gleich wie beschaffenen, Dasein bestätigt, wenn er erfährt, dass er ein Teil der Mitte der Gesellschaft ist?
Er hat die selben Sorgen wie die anderen Angehörigen des neuen Mittelstandes. Alle paar Jahre einen neuen unterklassigen gebrauchten deutschen sogenannten Mittelklassewagen erstehen zu können – das eint ebenso wie der Drang, sich auf dem mittleren Badestrand eines ägyptischen All-inclusive-Hotels die Sonne auf den Bauch scheinen zu lassen. Wenn alle die Strände links und rechts des mittleren meiden, wird das schon seinen Grund haben.
Der Mensch von Welt und neuem Mittelstand achtet darauf, das neueste Smartphone zu besitzen und ist stets vielkanalig empfangsbereit, um nichts Relevantes zu verpassen. Seine Freunde, in den sozialen Netzwerken zwangsläufig zahlreicher als im realen Leben, leiten Meldungen weiter, posten Fotos und eigene geistige Ergüsse, die ihn in seinen Ansichten bestärken. Das ist nur logisch – schließlich wären sie nicht seine virtuellen Kumpane, würden sie Dinge von sich geben, die dem, was er hören und lesen möchte, diametral gegenüberstehen.

Weil er mit den Regierenden unzufrieden ist, wählt er einfach den Mann, der seiner und der Ansicht seiner Freunde nach der Erlöser Österreichs sein wird. Dieser ist kein Freund von Menschen mit Migrationshintergrund. Sie würden den Einheimischen Arbeitsplätze wegnehmen.
Der Mensch des neuen Mittelstandes hat Angst vor Ausländern, weil der fesche Politiker ihm ständig, oft laut schreiend, mitteilt, dass diese gefährlich wären. Ob die Putzfrau seines Stammlokals Ausländerin ist, kümmert ihn nicht, denn er besucht das Gasthaus oder die Diskothek stets in den Abendstunden, und geputzt wird dort am Morgen.
Dann wird der Oppositionelle Bundeskanzler und tatsächlich ist von einem Tag auf den anderen alles anders im Staate Österreich.

In Windeseile werden die Ministerien umgefärbt, und auch in staatsnahe Betriebe werden Männer gesetzt, die ihre Ideologie auf der Zunge, im Herzen und auf der Wange tragen.
Die Warnungen der Intellektuellen erreichen zwar die Ohren der neuen Mittelständler, lösen sich jedoch zwischen diesen im Nichts auf. Dass Österreich innerhalb der Europäischen Union isoliert ist, stört die neuen Machthaber nicht – sie sind viel zu beschäftigt, ihre eigenen Leute an den Trog zu führen, und dies in einer Aura aus beinhartem Neoliberalismus, gepaart mit alter Deutschtümelei.
Bald erkennt der Mensch des neuen Mittelstandes, dass er in einen Angehörigen der nun neuesten Mitte transformiert wurde.

Das neue gebrauchte Auto geht sich nicht mehr aus, das Smartphone ist zu alt, um darauf die neuesten Serien in halbwegs guter Qualität anschauen zu können, und der mittlere Strand des Hotels ist für Menschen reserviert, die dem Mittelstand anderer Länder angehören und es sich immer noch leisten können, dort zu liegen.
Was wird er also tun?
Er geht auf die Straße und fordert mehr Geld, doch es ist keines da. Nun sieht er ein, welche Dummheit er begangen hat, diesen Politiker zu wählen.
Plötzlich ist er den Mitbürgern, die eine andere politische Einstellung haben, nicht mehr übel gesonnen. Er biedert sich ihnen vielmehr an, verweist darauf, dass sie nur gemeinsam den Staat sanieren könnten.
Es gibt Neuwahlen und eine neue Regierung. Sie verspricht, die Ordnung wieder herzustellen.

Der erst neue, dann neueste Mittelstand findet sich dort wieder, wo er ökonomisch und intellektuell hingehört, und ist froh, dass alle Staatsbürger gemeinsam die Last zu tragen haben, die die abgewählten Machthaber dem Land durch wirtschaftliche Unwissenheit, Egoismus und Nepotismus aufgebürdet haben.

Michael Timoschek

www.verdichtet.at | Kategorie: think it over | Inventarnummer: 16103

Balkongedanken

Die Sonne sprenkelt gegen mein Fenster. Es ist Sommer und einer der wenigen nicht regnerischen Tage. Gewitter haben ihre Spur im Garten hinterlassen. Schnecken tauchen, hasten, rennen durchs Gehölz. Der Blick aus dem Fenster – selbst der Sonnenuntergang zieht melancholisch alle Aufmerksamkeit auf sich, als letzter Blick auf diese Welt. Hier auf dem Boden meines Balkons gesellen sich ein paar Aktenordner zu mir, und ein Stuhl leistet mir unbeholfen Gesellschaft. Wenigstens er. Es fühlt sich richtig an, hier zu liegen, hier zu liegen und nie wieder aufzustehen. Ich werde eins mit dem Boden und kann klar denken. Der Stuhl blickt verächtlich auf die halbleere Jacky-Flasche. WAS?! Schreie ich ihn stumm in meinen Gedanken an, du auch noch!? Hast du nicht genug gesehn? Du würdest deine Gedanken doch genauso ertränken, wenn du einen Mund hättest, um dich zu betäuben, ein Ohr, um dich zu beschweren! Du hast doch eh keinen Grund, rebellisch zu sein, wofür willst du kämpfen? Seit Jahren beugst du dich, trägst stoisch deine Bürde, bis sie dich nicht mehr wollen. Aber dann ist es zu spät, sieh deine Heimat, dein Haus langsam in der Ferne immer kleiner werden, bis es ganz verschwunden ist. Dort wirst du andere treffen wie dich, an diesem Ort. Der letzte Ort. Ich bin dieser Welt überdrüssig, oder sie meiner. Das kann keine Richtigkeit haben, dort zu stranden, wo kein Schiff vorbeikommt. Kein Held, ohne je Rettung zu erfahren. Apathisch dort im seichten Ufer wartend, mit nichts außer einer Hand voll Seeluft.

Manchmal, wenn die Nacht hereinbricht, dann kann man sie sehen, eher kürzer als lange verweilend, ihre eigene Existenz nicht ohne die begehrenden Blicke andrer ertragend und doch nur ein Hauch eines lange gekannten entglittenen Gefühls, das Glauben verlangt, als letzten Wegweiser vor der völligen Finsternis, dem völligen Nichts. Nie lag ein Gedanke ferner als ihr noch einmal zu begegnen. Das aber lockt sie herbei, die Möglichkeit, unerschütterlich Kämpfende zu bestärken, die Anderen auf den rechten Pfad zu weisen und das Gute zu bestärken, übt für sie nicht dieselbe Faszination aus wie die beinahe Gegangenen zu erreichen. Sie macht uns zu den Ihren. Warum sollte es uns auch vergönnt sein, den Pfad zu verlassen und aufhören zu wandeln, während sie doch ein Leben fernab ihr selbst führt. Auf diese Weise teilen wir jene Bürde. Ein Tropfen für einen Verdurstenden, der im Flug die spröden Lippen nicht erreicht. Nur die Bewegung der körperlosen Flüssigkeit spiegelnd in den Augen jener, die ganze Meere sahen. Ihre einzige Schwäche, die Wenigen, die ihr durch die Finger rinnen, nie die süße Frucht des leichten Lebens erstanden. Den Blick unweigerlich auf den Pfad gerichtet, laufen sie ihre Strecke unerbittlich.

Das erste Mal hier zu sein und gleichzeitig nicht zu sein, ist lange her, der Boden geduldig und wissend, in weiser Voraussicht ahnend, über welche Stelle ich stolpern würde, nur um sein Gefühl zu bekräftigen. Und die Sterne. Sie füllen die Bühne, gewohnt perfekt einstudiert zeigen sie sich und doch, bei aller Routine, erwartungsvoll blickend von dort oben. Auf alles, was ich war, was mich ausmachte. Die Erinnerungen fließen aus mir heraus, mein Geist hastend nach den immer gleichen Anhaltspunkten, ein Diaprojektor, der mit jeder Vorführung weniger Anziehungskraft besitzt.

Der Wunsch, von einem Moment auf den andern nicht mehr da zu sein, schlängelt sich gewohnt grazil durch das Dickicht verpasster Chancen und besserer Ichs von hinten an. Doch angeschlagen taumelnd wird ihm immer dieselbe Stelle zum Verhängnis, bezeichnend stehen die Stacheln existenzbeendender Maßnahmen viel zu real vor der konturlosen Gestalt. In unvermeidbarer Symbiose als wiederkehrendes Überlebensmodell mit Daseinsberechtigung allerdings als zahnlose Gefahr im durchsichtigen Alltag.

Michael Krapf

www.verdichtet.at | Kategorie: think it over | Inventarnummer: 16097

Lügen

„Schade, jetzt ist es weg“, sage ich zu meiner kleinen Tochter, als sie freudestrahlend ins Zimmer läuft, um das Christkind zu sehen. Solche und mehr Lügen über Osterhase, Nikolaus, Krampus und Co. hab ich ihr seit frühester Kindheit aufgetischt, und ich hoffe inständig, dass mir das nicht irgendwann zum Verhängnis wird.
Aber ehrlich gesagt bin ich sogar noch schlimmer: Eines Tages, als wir im Wald spazieren gingen, funkelte etwas zwischen den Bäumen, und als sie mich fragte, was das sei, erwiderte ich verträumt: „Vielleicht sind das kleine Elfen, die gerade im Sonnenschein tanzen.“ Sie freute sich wahnsinnig über das, was ihre kleine Fantasie – angefixt durch Mamas Lüge – ihr da zu sehen ermöglichte.

Ich freute mich auch, nämlich über die Grenzenlosigkeit, die meine süße Kleine noch erlebt. Über das Glück in ihren Augen, während sie in dieser „alles ist möglich“-Welt lebt, die neben Hexen und Zauberschülern auch das Christkind und den Osterhasen beherbergt. Ich frage mich manchmal, ob ich traurig war, als ich erfahren habe, dass diese Wesen nicht existieren. Leider habe ich keine Erinnerung mehr an diesen Tag, aber mir ist heute noch sehr bewusst, dass der Zauber von damals weg ist – gefressen von bösen Monstern, wie „Geldsorgen“ oder einer allzu nüchternen „Realität“. Vielleicht sind diese Lügen, die wir Kindern auftischen, in Wirklichkeit kleine Zugeständnisse. Wir gestehen ihnen damit eine Art Galgenfrist zu, bevor für sie der Ernst des Lebens beginnt und aus fantasievollen kleinen Leuten, die weltverbessernde Ideen entwickeln, funktionierende Retorten-Bürger werden.

Ich finde es schade, dass die Grenzenlosigkeit dieser kindlichen Zauberwelt weichen muss, wenn man als mündiger Mensch in die Strukturen dieser Gesellschaft gepresst wird. Es darf nicht sein, dass man über den Tellerrand hinaus an etwas glaubt, das vielleicht sehnsüchtig in einem schlummert und das einem vielleicht sogar das Gefühl gibt, ein Stück weit frei zu sein.

Obwohl wir den Kindern, wenn sie größer sind, nach und nach ihre Kindlichkeit aberziehen und die anfänglichen Lügen dann wieder zurücknehmen, gibt es doch noch Institutionen, die sich das Recht vorbehalten, ihre sogenannten Wahrheiten in die Welt hinaus zu blasen.
Da wird dann von fünf Pflichten, einem dreifaltigen Gott, dem Messias, einer ewigen Ordnung oder von vier Ausfahrten gesprochen – schlicht, die fünf Weltreligionen. Der Glaube an diese Religionen ist laut unseren gesellschaftlichen Normen anerkannt.

Nun frage ich mich aber doch, warum der kindliche Glaube an Elfen, Zauberer und Co. als falsch betrachtet wird, während der Glaube an die fünf Weltreligionen anerkannt ist. Ich denke, dass jeder Mensch auf dieser Welt das glauben sollte, was tief in ihm schlummert. Es sollte keine Prediger geben, die den Menschen ihre Ansichten einimpfen und ihnen überlieferte Lügen ohne jegliche Beweiskraft auftischen.
Ebenso sollten jene Menschen, die auf diese Lügen angesprungen sind, sich fragen, weshalb sie sich auf der Suche nach Spiritualität nicht einfach auf ihre Kindheit besinnen, um den Zauber dieser Tage wieder entstehen zu lassen. Lügen sind also relativ, obwohl das Wort für sich einen äußerst kraftvollen und im negativen Sinne dominanten Charakter aufweist.

Leider muss ich meine Kleine nach den derzeitigen gesellschaftlichen Moralvorstellungen anlügen, wenn ich ihr den Glauben an ihre Zauberwelt nicht nehmen will. Schade, dass es sowas wie eine globale Fairness nicht gibt – eine Ethik der Superlative – wo alles wahr sein darf, was in unschuldiger Verträumtheit wahr sein will, und nichts als Lüge beschimpft wird, was in edler Gesinnung mündet.

Ich wünsche mir, dass meine Kleine auch mit dreißig oder gar hundert Jahren noch verträumt durch den Wald spaziert und sich bei einem Funkeln insgeheim denkt, sie hätte dort oben wieder eine Elfe im Augenwinkel gesehen. Ich wünsche mir eine Welt, die sie in diesem Glauben belässt, ohne ein selbsternanntes Recht auf Zuerkennung und Benennung von Wahrheit oder Lüge. Ich wünsche mir eine Welt, die erkennt, dass auch das Verschweigen von Wahrheit eine Lüge ist, wenn dadurch – und wenn auch nur in kollateraler Form – jemand geschädigt wird. Schlussendlich wünsche ich mir noch eine Welt, die Kinder nicht anlügt, sondern ihnen statt Lügen die Möglichkeit gibt, ihre Fantasie durch Vermutungen wachsen zu lassen. Ich vermute also, dass Elfen existieren – bitte verzeihen Sie mir diese Lüge.

Verena Tretter

www.verdichtet.at | Kategorie: think it over | Inventarnummer: 16067

Lasst die Kinder Kinder sein

Tagein tagaus sehe ich
selbständige Kinder, die Hilfe benötigen,
disziplinierte Kinder, die sich nicht im Griff haben,
leise Kinder, die laut weinen,
geduldige Kinder, deren Füße zappeln,
verständnisvolle Kinder, die tausend Fragen haben,
starke Kinder, die ihre Tränen unterdrücken,
mutige Kinder, deren Lippen vor Angst beben,

Kinder, die Rücksicht nehmen
auf uns Erwachsene.

Maria Buchegger

www.verdichtet.at | Kategorie: think it over | Inventarnummer: 16051

Politpersonal

Der Präsident
Da hat man ihn behangen
Mit Titeln, Ehren und mit Orden
Und ist dann doch aus ihm
Nur ein verzog‘nes Kind geworden

Der Bundeskanzler
Es hat sich in die Nische
Die ihr der Markt noch lässt
Die Faust der Sozialisten
Fest hineingepresst

Der Wirtschaftsminister
Ein Putzerfisch im großen Teich
Putzt den kapitalen Wal
Und verkündet stolzesbleich
Dies ist mein Freund
Mit ihm teil ich das Reich

Der Rattenfänger
Ist er die Antwort
Wie er beteuert
Dann ist die Frage
ziemlich bescheuert

Bernd Remsing
http://fm4.orf.at/stories/1704846/

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