Schlagwort-Archiv: hin & weg

Trauriges Beispiel

Einst, stolzgebläht, der Stürme Fahrgast
Hängst du nun da an einem Baumast

Ein toter Ast ist’s obendrein
Er fing dich schon vor Jahren ein

Oft auf meinen Arbeitswegen
Sah ich dich vergeblich regen

Freiheit! Ächzt’s aus deinen Falten
Doch der Baum, er wird dich halten

Sturmflug! Flatterst du im Wind
Dieweil die Regenträne rinnt

Oh, Plastiksack, dein Los ist hart
Einst warst du weiß und frisch und zart

Ich sah dich kühn die Himmel stürmen
Jubelnd über Häusern, Türmen

Du wolltest nur ein wenig landen
Schon schlug man dich in hölzern Banden

Dein Schicksal, Sack, ist arge Lehre
Gib niemals nach der Eigenschwere!

Bernd Remsing
http://fm4.orf.at/stories/1704846/

Dieser Text ist auch als Song zu hören, interpretiert von Alicia Edelweiss.
Diesen Text können Sie seit Dezember 2018 auch hören, gelesen vom Autor.

www.verdichtet.at | Kategorien: hin & weg und unerHÖRT! | Inventarnummer: 16020

Dunkles Land

Mathis – schon sein Name verhieß die wohl konservativste Sexfantasie aller Frauen: ein heißer, französischer Sommerflirt.
Auf einer Interrailreise mit Freundinnen traf ich ihn und hatte mich vom ersten Moment an unsterblich in seine großen, dunklen Augen verliebt. Er war mit seinen Kumpels gerade Richtung Italien unterwegs, und wir hatten eine Rundreise in Frankreich geplant. Er war aufregend, schön und der erste Mann, bei dem ich mich selbst auch so gefühlt hatte.
Wir teilten uns Schlafsack und Frühstück, beschlossen schließlich wagemutig, unsere Freunde per Zug weiterziehen zu lassen und zu zweit noch einige Wochen am Meer zu verbringen.
Die klischeehafte Vorstellung eines französischen Sommerflirts versetzte mich in einen Glücksrausch, der nur dadurch gesteigert wurde, dass die Realität genau jener Vorstellung entsprach. Die Wochen vergingen im Liebesrausch und waren voller klebrig-süßer Erinnerungen.

Nach einer emotionalen Trennung, bei der ich von dem Moment an, als Mathis mich zum Flughafen Marseille brachte, nur Rotz und Wasser geheult hatte, begann der Alltag meines Studiums im nebeligen Wien.
Ich sehnte mich so sehr nach der Wärme, der Sonne und seinen Berührungen, dass ich mich in einer Art Trancezustand befand, aus der ich nur für die täglichen Skypeanrufe von Mathis, die oft bis tief in die Nacht dauerten, erwachte.
Die Trance hielt an und überdeckte für lange Zeit alles, was um mich herum und in der Welt geschah. Fast hungernd nach Liebe wartete ich sehnsüchtig auf Mathis, der mich Mitte Oktober für einige Tage in Wien besuchte. So verliebt wie ich war, merkte ich trotzdem, dass sich etwas verändert hatte. Die zwanglosen Plaudereien und die tiefgründigen Gespräche hatten schleichend einen bitteren Beigeschmack bekommen, denn trotz unserer jugendlich naiven Offenheit vermieden wir ein Thema, bei dem wir uns beide wohl zu unsicher waren, wie der andere darüber dachte.
Als Mathis zurückflog, fand ich mich wieder in der Rolle der unglücklich Leidenden, die ich über die Wochen perfektioniert hatte. Meine Mitbewohnerin Marie reagierte auf mein Leiden jedoch nicht mehr wie am Anfang des Herbstes mitfühlend liebevoll sondern abweisend und kurz angebunden. Ihre kaltschnäuzigen Reaktionen brachten mich zum Grübeln. Vielleicht lag es daran, dass sie keinen Freund hatte. Ich beschloss, dieser Version meinen Glauben zu schenken und Maries schlechte Meinung bezüglich Mathis auf ihre Eifersucht zurückzuführen. So erwähnte ich Mathis kaum mehr in ihrer Gegenwart.
Wie sehr ich mich täuschte, erfuhr ich erst Wochen später.

Nun kam für mich die Zeit der Ereignisse, die bereits unaufhaltsam über Europa hereinbrachen, für die mein verklärter Verstand allerdings kein Interesse aufbringen konnte.
Marie war schon vor einiger Zeit sehr aktiv geworden, sie hatte beim Roten Kreuz als freiwillige Mitarbeiterin bei der Koordination und der Verpflegung von Flüchtlingen mitgeholfen. Ich begriff das Ausmaß dieser humanitären Katastrophe erst, als sie Freunde zu uns eingeladen hatte, die davon berichteten, dass sie im Sommer bereits gestrandete Flüchtlingsboote auf Lesbos gesichtet hatten und nun gerade aus Slowenien zurückkamen, wo sie gewesen waren, um Hilfsorganisationen zu unterstützen.
Alle schienen in Bewegung, alle schienen zu wissen, dass sie etwas tun sollten und sie taten es, ohne dabei ihre moralische Überlegenheit zur Schau zu tragen. Es war ein bereits begonnener Prozess, und obwohl dessen Ende kaum absehbar war, hatten sich alle mit Enthusiasmus und nie vermuteter Energie daran beteiligt. Ich kam mir vor wie der letzte Idiot und der größte Egoist.
Schließlich fand auch ich, dem Schicksal einer vom Leben gelangweilten und zugleich verwöhnten Göre entkommend, eine Aufgabe, die mich vollends ausfüllte und zugleich auch von Mathis ablenkte. Ich half eine Zeit lang am Wochenende in Nickelsdorf mit und gab, als es mein Studium nicht mehr erlaubte, Deutschnachhilfestunden für minderjährige Flüchtlinge.

Meine hitzigen Gefühle für Mathis nahmen stetig ab, und das Skypen war nun längst nicht mehr das Wichtigste in meinem Leben. Im Gegenteil: Häufig hielten wir uns beide kurz angebunden und riefen uns vielleicht jeden zweiten, dritten Tag an.
Als die Terroranschläge Paris erschütterten, rief ich Mathis sofort an, er war schockiert, doch er war in Sicherheit. Hilflos und zugleich wortkarg wehrte er jedes meiner Angebote ab, ihn zu besuchen.
Es sei zu gefährlich, es sei momentan einfach das Chaos. Es sei dunkel im Land geworden.

Letztendlich kam der Dezember und mit ihm erstmals eine Erschöpfung in den Augen meiner Freunde. Marie hatte kaum Zeit gefunden, neben ihren Job in der Bibliothek und ihrer Freiwilligenarbeit für ihr Studium zu lernen und auch ich hatte einen Zustand der Erschöpfung erreicht.
Als ich Mathis wieder einmal am Abend hörte, war ich gereizt und präsentierte mich nicht, wie sonst, von meiner besten Seite.
Von meinem erwachten Interesse am Geschehen der Welt lenkte ich unser Gespräch weg von den üblichen Belanglosigkeiten hin zu einem brisanteren Thema: Frankreich und die Regionalwahlen.
Im Hintergrund der Terroranschläge verstand ich die allgemeine Unruhe und das Misstrauen, allerdings fand ich es keine Rechtfertigung für die Wahl einer rechtskonservativen Partei.
Zum ersten Mal stritten wir uns heftig, diskutierten laut, wovor wir beide so lange die Augen verschlossen hatten: unsere unterschiedlichen politischen Ansichten.
Ihm war die Front National zu „weich“, er forderte ein Frankreich, das nur für Franzosen war und nun spürte ich auch seine Verachtung gegenüber meinem erwachten Mitgefühl und meiner freiwilligen Arbeit.
„Euch wird das alles einmal über den Kopf wachsen, ihr werdet noch sehen, was euch eure scheiß liberale Einstellung gebracht hat!“
Seine Worte hallen mir noch immer nach, und ich weiß noch immer nicht, wo sich Europa hin entwickeln wird. Aber ich weiß, dass die Sehnsucht nach Mathis, meiner großen Sommerliebe, nicht mehr andauern wird.

Nene Stark

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer:  16015

 

Geisterzug

Dieser Zug schleicht raubtierhaft
Durch die Raubtierkatzennacht

Katzenaugen der Signale
Warnen vor
Der Bahngeleise-Schreckensmacht

Der Geisterzug setzt geisterhaft
Setzt zum Sprung an durch die Nacht
Rot erschreckte Autolichter
flüchten vor des Untiers Kraft

Und schon erlegt
Und wirklich kraftlos
liegt das schwarze Alpentier

Mit abgeschabten Hügelbrüsten
Mit ausgefransten Waldfellbüscheln
Säugt es dir
Kein Junges mehr

Eingespannt in Lichterketten
Hochgestellten Starkstrom-Zäunen
liegt’s, erlegen, einfach hier.

Aber schau, auch der Zug vergisst den Sprung
Und fällt, ermattet, einfach um.

Bernd Remsing
http://fm4.orf.at/stories/1704846/

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 16001

 

Zwei Fremde im Bus: Von Aleppo nach Laaanderthaya

Am 27. August 2015 stieg der Mann in den weißen Bus mit drei grünen Rebstöcken an der Seite, bezahlte beim Fahrer 15 Euro: „Laa- an- der-Thaya, please“, ging die Reihen entlang und wählte einen der hinteren Plätze. Den kleinen Koffer legte er ins Gepäckfach, auf den leeren Sitz neben sich stellte er die Papiertasche mit den goldenen Bögen einer großen Kette. Hinter ihm lagen viele große und kleine Städte, und seine Reise aus dem Osten in den Norden dauerte nun schon mehr als zwei Jahre. Er war an vielen Orten gestrandet, länger oder kürzer. Von Aleppo weg ein Jahr in Beirut und Istanbul, dann eine griechische Insel, in Athen ein ganzes Jahr Tellerwäscher bei Nikolas, dem Tavernenwirt, der wollte wirklich helfen, obwohl es ihm selbst gar nicht gut ging. Später kurz Skopje, Belgrad und Budapest, die ganze schreckliche Balkanroute samt ungarischem Mörderdraht, schließlich Hauptbahnhof Wien. Die Hauptstadt von Austria ist etwas größer als Aleppo einmal war. Vienna war ihm in der alten Heimat schon ein Begriff gewesen, weil er etwas von Sigmund Freud gelesen hatte. Laaanderthaya kannte er natürlich nicht, und er wiederholte dieses schwierige Wort immer wieder – sollte das vielleicht einmal seine neue Heimat werden?
Er versuchte, Assoziationen zu seiner Muttersprache zu finden: La-andertaya. Er drehte das Wort um: Al-redna Ayat, das klang ja fast Arabisch, freute sich der Mann und lächelte auf den Notizzettel im Schoß hinunter: Wien-Hauptbahnhof – U1 bis Stephansplatz- U3 – Landstraße-Waldviertel-Bus Laa-an-der-Thaya – Kirche-Pfarrhof-Seniorenheim-Caritas. Hau-ptb-ahnhof, das ging gar nicht – ptb, das war unmöglich auszusprechen, genauso wie das -ldv- und das -pf-, für ihn waren das keine erkennbaren Laute, und seine Sprechwerkzeuge sträubten sich dagegen wie gegen eine tote Maus. Am Hauptbahnhof hatte eine junge Frau mit Kopftuch, eine „helping hand“ – so stand es in mehreren Sprachen auf dem Klebeschild ihrer grünen Weste – schon ein bisschen mit ihm geübt. Die offizielle Zuweisung der Caritas an das „Seniorenheim“ trug er tief in der linken Innentasche des neuen Sakkos, dort, wo er auch das Foto seiner Frau und der zwei Töchter aufbewahrte. Kein aktuelles Foto, weil seine ältere Tochter schon früher aus Aleppo weggegangen war.

Der Syrer, ein Mann von etwa fünfzig Jahren, mittelgroß und hager, mit Hornbrille, blauen Augen und Halbglatze, ist auf seinen vielen Stationen seit Aleppo ein geduldiger Reisender geworden. Es war überhaupt seine erste Reise außerhalb Syriens, sogar in der Hauptstadt Damaskus ist er nur einmal gewesen. Und auch diese Reise hätte er nicht angetreten, wenn ihn der Krieg nicht dazu gezwungen hätte. Davor war es ihm und seiner Familie gut gegangen in Aleppo, seiner Frau Rikhiel und den beiden Töchtern Daliah und Myrnah. Schweiß trat auf seine Stirn, als ihn die Erinnerungen ohne Schutz überfielen.
Er stöhnte lautlos, senkte den Kopf tief über die Knie und rieb sich die Schläfen, um die Bilder zu vertreiben. Es war nicht heiß im Bus, aber er zog das Jackett aus und hängte es über die Rückenlehne. Die schwarze Hose war ihm viel zu weit und zu lang, er zupfte immer wieder vorsorglich die scharfe Bügelfalte hoch, wenn er seine Beinstellung änderte. Es war ein feiner, glatter, angenehm kühler Stoff. Mit einem weißen, zusammengefalteten Stofftaschentuch wischte er über die Oberschenkel, als ob er unsichtbare Tabakkrümel, Asche oder Staub beseitigen wollte. Er nestelte mit leichten Gesten an der Hemdbrust und klopfte mit so beweglichen Fingern auf den Knien herum, als hätte er sein Leben am Klavier verbracht. Aber er war kein Pianist, sondern nur Masseur, ein Handaufleger und Wunderheiler. In Aleppo hatte er einen guten Ruf genossen, er galt als ein Meister, als Künstler, manche sagten sogar Magier, seine Praxis war überlaufen, sogar Ausländer kamen zu ihm und die Herren und Damen des innersten Machtzirkels der Stadt durfte er von ihren Leiden erlösen.
Er saß allein in seiner Reihe mit den blau-rot-gemusterten Sitzen, mit einer Fußstütze, einem aufklappbaren Tischchen und einem Netz an der Rückseite des vorderen Sitzes, ein Luxus, wie er ihn noch in keinem Bus erlebt hatte. Die ehemaligen Aschenbecher in den Sessellehnen waren verklebt. Aha, es hatte auch hier andere Zeiten für Raucher gegeben. Aus den Lautsprechern drang leise Musik, vielleicht klang so Wiener Walzer. Ihm gefiel es, und es überkam ihn kurz ein behagliches Gefühl. So ging also Reisen, so sollte es immer sein.

Die Kleidersachen hatte er heute am Morgen am Hauptbahnhof bekommen. „Train of Hope“ (ToH) nannten die Leute ihre Hilfsaktion. Er kam so früh aus der Caritas-Notunterkunft zum ToH, dass die Schlange vor dem Zelt mit Männerbekleidung noch relativ kurz war. Er staunte, so vieles war da, häufte sich in Stößen und Schachteln und quoll aus den Regalen, von allem genug und in großer Auswahl, vor allem jugendliche Sportbekleidung, Anoraks, Schuhzeug, Wäsche, Mützen, Rucksäcke und Taschen aller Art. Als Erstes hatte er seinen Plastiksack von Billa-Budapest gegen einen kleinen, aber seriösen Koffer eingetauscht.
Es entsprach ihm, David Al-Bahri, dem Juden aus Aleppo, dass er sich für diesen altmodischen Anzug entschied, dazu ein blass-blaugestreiftes Hemd und eine orientalisch gemusterte Seidenkrawatte. Wahrscheinlich war sie an allem Schuld, erinnerte sie ihn doch an Ornamente der Umayyaden-Moschee, oder waren es die Stoffe im Basar oder ein Mosaikfries der frühbyzantinischen Helena-Kathedrale von Aleppo? In seinem Leben hatte er so etwas noch nicht getragen, aber ihm kamen diese fremden Kleidungsstücke auf geheimnisvolle Weise vertraut vor. Irgendwann, irgendwo wollte er jemanden fragen, was die in die Krägen und Stulpen eingenähten Bändchen „KNIZE“ bedeuteten.
Dem Anzug entsprechendes Schuhzeug hatte er im Gedränge nicht finden können. Deswegen trug er jetzt schwarz-weiße, etwas zu große Sportschuhe an den Füßen mit dem eigenartig arabisch klingenden Namen Adi-das. Er genierte sich, wenn er an seinen Beinen hinuntersah, wie sich die weiten Hosenröhren in mehreren Lagen über den Turnschuhen wölbten. Er war in löchrigen Straßenschuhen und mit abgelaufenen Badeschlapfen in Wien angekommen, lächerlich, wofür sollte er sich noch schämen.

Im spärlich besetzten Weinviertel-Bus merkt niemand, wie er zu kämpfen hat, dass er nicht rauchen darf, wie ihm der Schweiß auf dem Gesicht steht und über Hals und Nacken läuft. Er öffnet das Hemd und wischt mit dem Taschentuch über die Brust, nimmt die Seidenkrawatte ab, kaut an einem Zündholz und schiebt es mit der Zunge ständig von einem Mundwinkel in den anderen. Für einen starken Raucher wie ihn war das Rauchverbot eine Qual, noch eine zu den vielen der Flucht. Aber David Al-Bahri ist ein geduldiger Fahrgast. Und ein aufmerksamer. Als sie aus der Stadt heraus waren, stiegen immer wieder Menschen vorne ein und hinten aus, sehr diszipliniert, langsam und immer in Reih und Glied, fast alle Passagiere waren älter als er, alt oder sehr alt, aber rosig und gut gelaunt.
Wo war die Jugend dieses Landes, wunderte er sich. Zwei Frauen in der Reihe vor ihm hatten bunte Taschen mit Einkäufen bei sich, redeten laut, lachten und schwatzten wie Junge, offenbar miteinander vertraut, obwohl sie an verschiedenen Stationen eingestiegen waren. Alle sprachen den Fahrer an, als wäre er ein Familienmitglied. Am rechten Vordersitz unterhielt sich ein schwerhöriger Mann lautstark und gestenreich mit sich selbst und legte immer wieder die linke Hand ans Ohr, als wollte er sich selbst zuhören.
An einem Halt – er konnte die Ortstafel nicht so schnell entziffern – beobachtete er eine Szene: Der Fahrer bekam ein zwitscherndes Lautsignal, ähnlich einem Vogelruf, da stieg er aus, kam zur Mitteltür und klappte eine Plattform so exakt aus dem Boden des Busses, dass eine einzige Rollstuhlfahrerin, grotesk deformiert an Gesicht und Körper, fast ebenerdig hereinrollen konnte; sie war in Begleitung einer jungen Frau, die den Rollstuhl an dem vorgesehenen Platz in einer leeren Ecke mit einem Riemen befestigte. Gab es irgendetwas, was sie nicht vorhersahen? So viel Aufwand für eine einzige Invalide. Nach nur zwei Stationen stiegen sie genauso wieder aus.
An einem anderen Ort – Ober- oder Unter-Hollabrunn? – schwang sich ein lauter Schwarm von bunten Teenagern in den Bus, Schüler und Schülerinnen mit Rucksäcken. Sie besetzten die hinterste Sitzreihe und wälzten sich so hungrig und durstig über ihre elektronischen Geräte, als seien sie gerade mit dem letzten Wasserschluck der Wüste entkommen. In einem größeren Ort mit zwei Kirchtürmen stiegen sie genauso lärmend wieder aus.

Ein junger Mann, wahrscheinlich noch keine 25, mit einem nagelneuen Seesack über der Schulter stieg zu. Der schaute sich suchend um, ging in den hinteren Teil des Busses und setzte sich genau hinter David. Die lächelnden Augen in dem jungenhaften, rotbackigen Gesicht grüßten ihn beim Vorbeigehen stumm, und David nickte zurück. Als sich der junge Mann auf seinem Platz eingerichtet hatte, griff David neben sich und wandte sich mit dem geöffneten Sack nach hinten. „Please, take some.“ Der junge Mann errötete tief und sagte: „Danke, thank you, very nice, sehr freundlich. My name is August.“ „David, very pleased.“

Der Junge schämte sich ein bisschen dafür, dass er nichts anzubieten hatte, und wurde noch röter. Aber er fuhr ja nur 85 Kilometer bis nach Hause.
Am Bahnhof hatten David ein paar freundliche Jugendliche zwei gigantische, in Stanniol verpackte Veggy-Burger, zwei Apfeltaschen, zwei Bananen und zwei Wasserflaschen „Vöslauer mild“ überreicht. Sie trugen den Proviant in großen Plastikboxen durch die Menge und lächelten jeden an. Bitte, please, bitte please und das noch in Arabisch und rund zwanzig östlichen Sprachen, die an den Plastik-Aufklebern ihrer Westen angeschrieben waren. David kam aus dem Staunen nicht heraus. Wer waren diese Jugendlichen, warum waren sie nicht in der Schule oder in der Arbeit? Was war das hier überhaupt, wohin war er geraten?

Bahnhofshallen und ein Vorplatz, Fahnen mit OeBB, auf einem Container eine Regenbogenfahne, über anderen Containern wehte eine mit dem Roten Kreuz und „Arbeitersamariterbund“, ein schon etwas vergilbtes Transparent mit der Aufschrift „Refugees WELCOME“, daneben ein großes, weißes Zelt mit aufgedruckten Äskulapnattern, „First Aid“ und vielen in Arabisch geschriebenen Zetteln mit hingekritzelten Notizen und Telefonnummern, davor einfache Holzbänke, alle vollbesetzt mit Wartenden. Die meisten hatten offenbar Fußprobleme, sah er mit einem schnellen Blick.
David war gut davongekommen, er musste damals, vor einem Jahr, nur auf seiner ersten griechischen Insel dreißig Kilometer gehen, um in die Hauptstadt Mytilini zu kommen und auf eine Fähre nach Athen gebracht zu werden. Aber er war ja schon vor einem Jahr aus Aleppo aufgebrochen und hatte in Athen bei Nikolas gearbeitet, gehofft, dass er seine Familie zumindest bis Athen nachholen könnte. Die Neuankömmlinge dieses Sommers haben es viel schwerer als er.

Auf allen seinen Stationen hatte er so etwas noch nicht erlebt. An einem Stand in dieser Bahnhofshalle hing ein Plakat mit der Aufschrift LAWYER, umringt von Zetteln in arabischen und einem Dutzend anderer asiatischer Schriftzeichen. SIKH HELP AUSTRIA, die langbärtigen, turbanbekrönten Männer in Gelb fielen ihm auf. Sie verteilten Reis und Linsensuppe aus Hundertlitertöpfen an der Essensausgabe. Andere hatten Aufkleber auf ihren roten Helferjacken, „Legal advice“ las er. Dieser Kiosk war noch dichter belagert als die Tische bei der Essensausgabe und jene mit Hygiene-Artikeln. David bekam Rasierzeug, Zahnpaste und Bürste, alles fabriksneu verpackt, ein ebensolches Paket mit T-Shirts und Socken.
Am lautesten und engsten war es bei der Handy-Ladestation in einer Ecke beim Eingang. Jeder wollte nur seine Verbindungen herstellen, dorthin, wohin sie wollten und woher sie kamen. David hatte kein Handy und kein iPhone. Als er am Stand der LAWYERS an die Reihe kam, stellte sich heraus, dass er eine Erstzuweisung entweder nach Traiskirchen oder nach Laa an der Thaya bekommen könnte; er entschied sich für das unaussprechliche Laaanderthaya. Im Treck von Athen nach Wien hatte er aufgeschnappt, dass in Austria Traiskirchen zu vermeiden sei, es sei ein Lager, ein Camp. Camp klang nicht gut in Davids Ohren. Dort sei es nicht gut, und von dort komme man schwer wieder weg, lautete das Gerücht. Hinter dem Tisch der lawyers saß eine ältere Frau, zu der er sagte: „Please, Laanderthaya, please.“
Sie gratulierte ihm mit einer vorgestreckten Hand, die er nicht annehmen konnte, aber sie lachte und überreichte ihm ein dickes, abgenutztes rotes Buch in der Größe eines Ziegels, das Cassels-Wörterbuch Classical Oxford Dictionary, Deutsch-Englisch/Englisch-Deutsch. „It could be useful to you, maybe.“ Und lächelte. David nahm den Schatz an sich, er war glücklich, wollte er doch so schnell und so gut wie möglich die Landessprache erlernen, damit er sich selbst erhalten und seine Familie nachholen konnte. Die österreichischen lawyers erklärten ihm, wie das ging, der Arabisch-Dolmetsch, ein junger Syrer, der neben Deutsch auch noch Englisch, Kurdisch und Türkisch sprach, übersetzte so, dass er meinte, alles verstanden zu haben.
Er würde in einem „Seniorenheim“ der Caritas ein Zimmer bekommen, als Pfleger und vielleicht später in seinem Beruf arbeiten dürfen, aber außer einem kleinen Taschengeld noch nichts verdienen, solange er keinen positiven Asylbescheid hatte. Dass das schnell ging, diesbezüglich hatten sie ihm keine großen Hoffnungen gemacht. Warten, Monate, vielleicht Jahre, aber für einen Juden aus Syrien wahrscheinlich mit positivem Ausgang – „eine gute Bleibeperspektive“ hatte er. Was sie ihm in der Kürze nicht vollständig erklären konnten, war der Begriff „Seniorenresidenz, Altenheim“.
Bei ihm zu Hause blieben die Alten in der Familie, wurden von allen gemeinsam gepflegt bis zum Ende. Niemand wurde in ein Heim oder eine Residenz gebracht. Wohin sollte er also kommen, was sollte er dort machen, und was war eine „Caritas“? Oh Gott, wie viel hatte er noch zu lernen. Aber David dachte an seine Wunderheilerhände, breitete sie vor sich im Schoß aus und schaute zuversichtlich auf sie herab. Hatte er seine Gabe mitnehmen können in die unbekannte Zukunft?

Der junge Mann griff in den angebotenen Sack mit dem goldenen M und nahm sich von allem die Hälfte, nur die Banane ließ er liegen. Er strahlte ihn mit einem Dankedanke, thank you! an. So aßen und tranken sie schweigend, bis der Junge seine Finger an den Jeans abwischte, und der Fremde Hosenbeine, Lippen und Fingerspitzen mit dem Taschentuch abtupfte. David schaute aus dem Fenster und hätte gerne gewusst, was das für Pflanzen waren, lange Reihen von blattreichen, niedrigen Büschen mit weißen und rosa-bläulichen Blüten. Schnell blätterte er im Wörterbuch und deutete mit dem Kinn auf die Felder hinaus: „What is that?“ Der junge Mann strengte seine Augen an und verstand nicht. Was wollte der Mann, da war nichts, Felder eben. „Tobacco?“, versuchte es David, der leidenschaftliche Raucher. Jetzt fiel der Groschen, und der junge Mann lachte herzlich: „Nein, nein, Tabak wächst hier nicht, nicht bei uns! Das sind Erdäpfel, potatoes, patates, pommes.“
Der junge Mann konnte ein wenig Englisch und einige Bruchstücke von anderen Sprachen. Er hatte Kellner gelernt und war mehrere Jahre auf einem deutschen Frachtschiff als Küchengehilfe zur See gefahren. Seine Kollegen waren meist Asiaten, und ihre gemeinsame Sprache war das Kitchen-English. Jetzt kehrte er nach Hause zurück, in seine Heimat Gnadendorf bei Laa an der Thaya, zu seiner schwangeren Schwester, und der Schwager konnte vielleicht Hilfe auf dem kleinen Hof gebrauchen.

Es war auch sein Heimatort gewesen, so lange die Eltern gelebt hatten. Schön ist es dort, ruhig und viel Grün, es gab viele potatoes dort und trees, Bäume, viel Wald. Er würde sich im Dorf ein hübsches, tüchtiges Mädchen suchen, heiraten, eine Familie gründen und ein Haus bauen. Oder doch in umgekehrter Reihenfolge? Da musste David so herzlich lachen, dass sich sein Gesicht völlig veränderte. Der Junge lachte mit, obwohl der Spaß auf seine Kosten ging. Dann spitzte er die Lippen, als ob er pfeifen wollte, schnalzte mit der Zunge und schmatzte mit den Lippen.
Sie verstanden einander und lachten gemeinsam mit zurückgeworfenen Köpfen. Dann beugte er sich zwischen den Sitzen wieder zu dem Mann vor und machte noch einen Versuch, diesmal mit tiefer, verstellter Stimme, um höflich zu wirken: „Sie sind Ausländer – Araber, Muslim?“ David zuckte zusammen. Ja und nein, wie sollte er es diesem jungen Mann aus der Provinz erklären – ein syrischer Jude aus Aleppo, das war schon in Syrien schwer zu verstehen. Und was und wer war er überhaupt, seit er ohne seine Familie auf der Flucht war? Ein Syrer, aber kein Araber, seit zwei Jahren auf einer Odyssee und nun auf dem Weg zu einem Caritas-Heim Sancta Monica in Laa an der Thaya, Weinviertel, Niederösterreich. Sicher kein Araber, aber was für ein Jude war er, der noch nie in einer Synagoge gewesen war und dessen Vorfahren aus Marrakesch stammten?
Der junge Mann seufzte, gab aber noch nicht auf, sondern versuchte eine doch ziemlich peinliche Frage zu formulieren: „Wo sind Sie daheim?“ Auch diese Frage war schwer zu beantworten. David stach mit dem Zeigefinger auf seine Brust und sagte: “I am from Syria, I am jewish, I am a masseur, now in Laa- an- der-Thaya“ – das ging ihm schon ganz gut von den Lippen. Es entstand eine längere Pause, und beide Männer wandten ihre Blicke aus dem Fenster auf die vorüberziehende Landschaft, auf saubere Dörfer, Kirchtürme, Hügel, Wälder und grüne Wiesen, soweit das Auge reichte, und die weiß-rosa-lila blühenden Stauden. Es gab auch noch andere Felder, Getreide und Pflanzen mit runden Kapselköpfen, die kannte er aus seiner Heimat, aber er wunderte sich, dass Mohn hier abwechselnd mit potatoes wuchs.

Er wird diesem freundlichen, neugierigen Provinzjungen jetzt noch nicht erklären können, was es bedeutete, kein gewöhnlicher Reisender zu sein so wie er, auf einem Handelsschiff in der Ostsee oder wie jetzt auf dem Weg zur Schwester in Gnadendorf.
Er war ein Flüchtling auf Reisen. Dass seine Reise nicht nach Stunden gemessen wurde, sondern nach Jahren, nicht nach Hunderten von Kilometern, sondern nach Tausenden. Die Reise des Flüchtlings glich eher einem Geisteszustand als einem Reisestadium, das sich mit Landkarten und Fahrplänen errechnen lässt. Laa an der Thaya-Caritas. Und wieder seine Marotte, die Worte umzudrehen, Satirac, um vielleicht eine Sprachverwandtschaft zu finden. „Do you have family? Where are they?“ Der Junge steckte wieder den Kopf zwischen die Sitze nach vorne. David atmete tief durch, als müsste er einen Anlauf nehmen, setzte seine Hornbrille ab und wischte mit dem Taschentuch daran herum.
Er nickte: „Yes, over there, back in Turkey“, und holte das Foto aus der Tasche. Der Junge fand seine Frau und die Töchter nice, very nice. David betrachtete lange das Bild und steckte es wieder zurück. Das hätte er nicht tun sollen, sein Herz schien doppelt so schnell zu schlagen und wollte das Jackett sprengen, so sehr regte es ihn auf, direkt in ihre Gesichter zu sehen. Als sei sie ein Rettungsring, hielt er sich mit beiden Händen an der Wasserflasche fest, dass die Sehnen an den Händen hervortraten. Mehrmals schlug er die Beine in den schwarzen Knize-Hosen übereinander, zupfte die Bügelfalte sorgfältig zurecht und betrachtete seine lächerlichen schwarz-weißen Sportschuhe.

Seine Frau Rikhiel und die kleine Daliah würden früher oder später nachkommen, darüber sorgte er sich weniger. Aber seine Große, die jetzt zwanzigjährige Myrnah, war schon vor drei Jahren weggegangen, sie wollte nach Israel und Schauspielerin werden. Ich bin Jüdin, hatte sie selbstbewusst gesagt, sie müssen mich reinlassen. Ja, hübsch und klug war Myrnah auch noch, aber von allem zu viel, für diese Zeiten. Diese alten, düsteren Sorgen. Zuletzt hatte er von ihr in einem abgebrochenen Telefonat aus Kairo gehört. Später viele Anrufversuche mit Krachen und Rauschen, ohne dass eine Verbindung zustande kam. Er wollte glauben, dass diese schon aus Israel kamen. Wann und wo würden sie noch einmal zu viert zusammenkommen? Er würde mit Rikhiel und Daliah seinen Weg machen, ob in Laa an der Thaya oder anderswo, wenn ihn seine Zauberhände nicht im Stich ließen, wenn sie auch hier ihre Kraft entfalten würden, so wie in seinem früheren Leben.
Der Junge hinter ihm schien zufrieden zu sein, er hatte sich in seinem Sitz zurückgelehnt und die Augen geschlossen. Wenn der Bus rüttelte oder in eine Kurve ging, fiel ihm der Kopf auf die Brust. Sie hatten zusammen gegessen, getrunken, geredet und gelacht. David breitete das Taschentuch zwischen die Kopfstütze und das Fenster und spürte, wie sich zum ersten Mal seine Beine entspannten und unter dem Vordersitz ausstreckten. Als der Bus an der Endstation hielt, legte er dem schlafenden Jungen die Hand auf die Schulter, und sie stiegen gemeinsam aus.

Veronika Seyr
www.veronikaseyr.at
http://veronikaseyr.blogspot.co.at/
Erstveröffentlichung im Standard im November 2015

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 15156

 

In Sand gemeißelt

Hinter uns die Nacht, im Schlafzimmer eines alten Bauernhofs inmitten der Toskana, die Nacht, in der es uns nach ungezügelter Liebe gelüstet hatte, jetzt am Morgen gelüstete uns nach Zahnbürsten, wer von uns schneller war, an der Regenrinne im Hof, grinste umso breiter. Und weggeputzt der Nachgeschmack der Nacht, gelüstete uns nach einem Nachspiel, nur weicher, gefühlvoller, sie jetzt obenauf. Und als auch dies vollbracht, umfiel uns die Langweile der Sprachlosigkeit zwischen zwei Fremden, die ein Schnellwaschgang aus Zufall und Schicksal zusammengespült und ins gleiche Bett hatte fallen lassen.

Die Hand entzog sie mir, mit der ich gerade noch gespielt hatte, Finger, über die ich gerade noch hinweggestreichelt war, Finger, die so ganz anders waren, als alle Finger der Frauen bislang, mit denen ich mich eingelassen hatte. Früher einmal gegossen aus Milch und Glas, aber nun schwielig und schwülstig mit Marmorstaub unter den eingerissenen und angebrochenen Nägeln, geschundene Finger, die den stundenlangen Umgang mit dem schweren Eisen von Hammer und Meißel gewohnt waren, entschlossene Finger, im Fassen, Führen und Fühlen geschult. Mit einem letzten Blick auf sie wurde mir bewusst, dass es diese Finger gewesen waren, mit denen ich schlafen hatte wollen, als ich gestern wie zufällig in ihre Werkstatt geschneit war, neugierig geworden durch die Skulpturen im Hof davor. Und nun, da sie mir ihre Hand entzogen hatte, fehlte mir jegliche Grundlage, eine Fortsetzung mit dieser Filomena zu finden und zu knüpfen, und auch sie war in abgekühltes Schweigen verfallen.

„Ans Meer könnten wir fahren.“

Mit der Kraft der Lustlosigkeit schließlich in die Leere des Raums geworfen dieser Satz, und wer ihn von uns beiden von sich gestoßen hatte, ließ sich nicht mehr nachvollziehen, den Gedanken ließen wir einige Zeit im Schlafzimmer kreisen, bis wir ihm das nötige Maß an Gefallen abgewinnen konnten, in Ermangelung einer anziehenderen Idee. Und so waren wir eben hinunter ans Meer gefahren, weil uns nichts Besseres eingefallen war, aus Langeweile und Sprachlosigkeit, und auf einer Düne waren wir zu sitzen gekommen, still und schweigsam, und mit Wohlwollen hatten wir bemerkt, wie leer der Strand unter uns war, leergefegt von jeglichen Sonnenölgerüchen, Liegestühlen und Kindergeschrei. Denn von übler Laune zeigte sich das Meer, verärgert von dem scharfen Wind in seinen unberechenbaren Böen, der unablässig an seiner Oberfläche zog und zerrte und kratzte, und auch uns Haar und Hörsinn zerzauste. Und in dieser Welt, in der wir nun schweigend vor uns hinsaßen und hinblickten und in der nur das Meer zu atmen schien, übernahm schließlich ich das erste Wort:

„Weißt du, Filomena, es gibt einen Alpenfluss in meiner Heimat, Inn wird er genannt, ein uraltes Wort für Wasser aus längst vergessenen Zeiten, wie auch immer, an diesem Inn gibt es ein verschlafenes Städtchen, und in diesem verschlafenen Städtchen gibt es ein nettes, kleines Lokal, das auf diesen Inn hinausschaut. Und dort sitze ich gerne, schaue dem Fluss nach, bei zu großer Gedankenschwere, und dieser Fluss, der Inn, spült dann meine Gedanken weg, einen nach dem anderen. Besonders im Frühling liebe ich diesen Fluss, zu Zeiten der Schneeschmelze, denn dann reißt er mir wild die Gedankenketten aus dem Leib, nutzlos angesammelt über einen langen, gnadenlosen Winter. Aber das Meer, besonders wenn man es hier vom Strand aus betrachtet, spült einem die Gedanken immer wieder zurück, einen nach dem anderen, in einem fort –“

„Ich hasse das Meer“, unterbrach sie mich, setzte mich dem Gefühl aus, dass sie mir nicht eine Sekunde zugehört hatte, mich nicht mehr als ein Raunen im Wind wahrgenommen hatte.

„Ich hasse das Meer, denn es lässt sich nicht meißeln. Mit jedem neuen Blick rutscht es einem hinweg, mit jedem Ansatz des Meißels kräuselt es sich grinsend davon.“

Und dann wusste ich, was sie so fern und fremdartig machte, jene Filomena, nämlich, dass sie es nicht zu ertragen wusste, jemandem lange in die Augen zu sehen oder in die Augen gesehen zu werden, sondern den Blick zur Seite schlug, versunken in ihrer Gedankenwelt, die sich ihre eigenen Bilder ausmalte, Bilder, mit denen sie leichter zu Rande kam. In ihrem Falle Standbilder, die zum Meißeln geschaffen waren, von Standbild zu Standbild dachte sie, zeitlupenhaft, nicht für die Ruhelosigkeit des Meeres geschaffen, das sich in unablässiger Bewegung ausdrückte, das keine Ruhe kannte, das ganz unruhig wurde, wenn es zur Ruhe hätte kommen sollen. Aber nun wandte mir Filomena doch ihr Gesicht und ihren haselnussbraunen Blick zu, lächelte mich mit der Gewissheit einer verschwörerischen Verbundenheit an, nämlich der, dass wir beide das Meer nicht leiden konnten.

„Gehen wir hinunter zum Strand“, sagte sie, und nun reichte sie sie mir wieder, ihre harte, geschundene Hand. Das Meer züngelte nach unseren Füßen, verärgert über die Nichtachtung, die wir ihm entgegenbrachten, denn der vom Vortag noch warme Sand hatte es uns angetan, mit jedem Einsinken der Fußballen hob sich unsere Laune, bald übermütig wie kleinen Kindern wurde uns zumute. Und aus diesem Übermut heraus wagte ich es, sie endlich danach zu fragen, denn auch wenn ich sie gestern erst von Angesicht zu Angesicht kennengelernt hatte, kannte ich doch ihren Ruf, die Gerüchte, die ihr vorauseilten, die Geschichten über die Klinikaufenthalte, ausgelöst durch unbeherrschte Wut, mit der sie, Hammer und Meißel in der Hand, auf die Gesichter Fremder losgegangen sein soll. Und tatsächlich, auch sie zu einer Antwort bereit, getragen von einer Welle des Übermuts:

„Und ähnlich dem Meer geht es mir mit Gesichtsausdrücken der Menschen, der Leute, die nicht in der Lage sind, mehr als einige Sekunden ihren Blick, ihren Gesichtsausdruck zu halten, die es nicht schaffen, sich zurückzuhalten, die es nicht schaffen, zurückzulügen, was sie vor nicht allzu langer Vergangenheit vorgelogen haben, und diesen Augenblick versuche ich zu meißeln, diesen Augenblick festzuhalten, und in die Wangen könnte ich ihnen den Übergang hineinmeißeln, ihre falschen Augen möchte ich ihnen dann festkratzen –“

Eilig unterbrach ich sie, bevor ihre Welle zu hohe Größen erreichen konnte, sie zu übermannen und über ihr zusammenzubrechen drohte.

„Und, hast du es jemals zustande gebracht, die Vergangenheit zurückzumeißeln, in einen festen Zustand, zurück zu ihrem Ausgangspunkt?“

Und zu meiner Überraschung rollte sich ihre Welle in einem Lächeln aus, fernentrückt dieses Lächeln, das sich über das Meer vor uns zu breiten schien, kein Wort kam ihr über die Lippen, vergessen schien sie mich zu haben. In die Hocke war sie gegangen, und sie begann sich damit zu beschäftigen, einen Kegel aus Sand aus dem meerumspülten Strand aufzurichten. Sinnlos und kindlich dieses Unterfangen, und viele Worte hätte ich zuvor gesagt haben wollen, zu einem besseren Zeitpunkt, und diese Möglichkeit verpasst zu haben, reizte mich umso mehr zu widerspenstigem Trotz, und so warf ich ihr entgegen:

„Würdest du mich meißeln? Ich meine, würde es dich jemals reizen, mich aus einem Stein hervorzumeißeln?“

Kindlich der Blick im Ansatz, der langsam der Fratze von Belustigung wich, je länger sie mich betrachtete, mich von oben bis unten in meiner Festigkeit, mich in meiner Persönlichkeit bemaß, und schließlich kehlig ihr Gelächter.

„Wie sollte man Sand je meißeln können?“

Und wie zur Bestätigung ihrer Antwort schlug sie mit aller Kraft ihre Faust in den Sandkegel, sodass mir der Sand bis in die Augen spritzte, zu ihrer Schadenfreude. Und als ich mir den brennenden Sand endlich aus den Augen gerieben hatte, war sie mittlerweile den Strand weiter entlanggelaufen, schon zwanzig, dreißig Meter von mir entfernt, mich schon längst in Sand und Dünung vergessen.

In der Zeitung hab‘ ich’s gelesen, Filomena, gerade jetzt, wo ich hier im Warteraum sitze, ob in einer Bahnhofshalle oder an einem Flugplatz, weiß ich nicht zu sagen, denn ganz in den Bann bin gezogen von dem Foto von dir, hier in der Zeitung, links unten auf dritten Seite des Lokalteils. Und auch wenn unter dem Foto von dir ein mir unbekannter Name steht, so bin ich mir dennoch vollkommen sicher, dass du darauf abgebildet bist, unverkennbar dein Gesicht, und unverwechselbar deine Finger, die am unteren Bildrand noch zu erkennen sind. Lang ist er ja gerade nicht, der Artikel, der deinem Foto folgt, mehr ein Lückenfüller scheint er mir, aber dennoch deutlich genug in seiner Ausführung der Umstände. Scomparsa, das Wort darin, das einem immer wieder in die Augen springt, verschwunden und vermisst, aber die weißen Lücken zwischen den Zeilen wollen eigentlich suicidio andeuten. Dennoch, Selbstmord kann ich mir bei dir nicht wirklich vorstellen, Filomena, gar nichts kann ich dem Bild abgewinnen, dem Sonnenschirm an einem toskanischen Badestrand mit deiner Tasche mit Geld, Dokumenten und Telefon in seinem Schatten, und dann stehst du auf und gehst zum Meer ohne einen Blick zurück, und dann gehst du ins Meer, tief hinein, für immer. Nichts da! Zu banal, geradezu lächerlich erscheint mir, was dieser Schreiberling in seinem Artikel im hinteren Lokalteil andeuten will, auch wenn ihn entschuldigt, dass er dich nicht kennt, dass er nichts über dich wissen kann, Filomena, die das Meer nicht zu meißeln vermag, und schon gar nichts über deine Finger. Dass du unmittelbar aufgestanden bist, du dem schützenden Schatten des Sonnenschirms entflohen bist, so weit bin ich bereit, der Geschichte zu folgen, aber irgendein sturer Gedanke muss dich gepackt haben, ein Gedanke, der dir einerlei sein ließ, ob du Geld, Dokumente und Telefon im Sand zurücklässt. Dass du einfach drauflos gegangen bist, ja doch, so kann ich es mir ausmalen, geradewegs nach Süden, den Strand entlang, das Meer zur Rechten und die Pinienwälder zur Linken. Und ich vermag zwar nicht zu beurteilen, wie stur dein Gedanke gewesen ist, aber während sie jetzt diesen toskanischen Strandabschnitt mit Tauchern, Küstenwache und Hubschraubern nach dir absuchen, nichts anderes als den einen oder anderen armen ertrunkenen Teufel von illegalem Einwanderer aus dem Meer fischen, wirst du wahrscheinlich schon die Region Latium erreicht haben, oder sogar schon Kampanien. Zu Fuß, immer den Strand beziehungsweise die Küste entlang, denn so wie ich dich kenne, hast du dir nichts Geringeres als den südlichsten Punkt am Stiefelschaft Italiens in Kalabrien in den Kopf gesetzt. Oder gar Sizilien.

Gib’s zu, Filomena, du schwimmst gerade über die Straße von Messina, du ewiger Sturkopf!

Harald Schoder
derewigreisende.net

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Fahrradlieder 4 – Fieselotte

(frei nach Brecht)

1)
Da lachst du dazu, Fieselotte
Und bist schon wieder ganz blau:
Zum Kotzen dies Getue, diese ach so hohen Gefühle
Interessieren doch keine Sau!
Wer ist´s denn am Ende des Tags
Der dich Trunkenbold
Bei jedem Wetter nach Hause bringt,
Während du davon schwärmst, wie Columbina dir hold
Oder wie schön die kirschrote Lady dir in die Schweinsohren singt?
Nein, weich mir diesmal nicht aus, diesmal sag ich‘s im Ernst:
Was hilft denn dir deine noble, musikalisch verzärtelte Fee,
wenn‘s mal Eis regnet oder auch nur ein klein wenig Schnee?
Ach was, ich weiß, dass du ja doch nichts draus lernst.
Nein, eins noch, dann wird’s mir schon fad:
Wie lange willst du noch klagen
Über die längst verflossene Erste?
Ein zerbrochenes Rad
Wird dich ja doch nicht nach Hause tragen!
Ja, ich weiß, du begehrst sie!

2)
Doch noch eins, ein letztes noch bloß:
Es geht um den läppischen Gernegroß
Das ist´s was mich am meisten stört:
Dein mystisches Herumgetue
Um das fette Rhinozeross,
Das ja noch nicht mal dir gehört.
Hätt‘ ich abgetragene Schuhe
Ich würf‘ sie ihm auf die Kurbel
So viel auf deine Mystik und dein mystisches Rhinos-Zerros-Geschwurbel.
Sag, gibt´s in dieser Stadt irgendein anderes Rad
Das eitler noch sich gebärdet, bei jeder noch so kurzen Fahrt?
Zum Beispiel als du Bier hol‘n warst in jener langen Juninacht
mit diesem Urzeitgerippe
Da hatte dich doch ziemlich schnell die Streife an der Strippe
Das hat dir Alko-Strafe eingebracht!
Du grinst?
Was hast du noch bezahlt als Fron?
Einen ganzen Monatslohn, den du ohnehin nie
Uns unversehrt nach Hause bringst.
Doch sing nur ruhig weiter, du närrischer Tor,
Wenn‘s mal wirklich um was geht,
Ziehst du ja doch nur mich
Allen anderen Rädern vor.

3)
Schweigend sitz ich nun da in meines Fahrradschuppens Kühle
Wie hätt ich´s nicht ahnen sollen: Auch Fieselotte hat Gefühle
Und doch: Ich unbereifter Esel hab sie blindlings übersehen
Daher ihre ständigen, kleinen und fiesen Gebrechen:
Bremse, Schaltung, Politur,
Sie wollte mir nur, ganz nach Fahrradnatur,
Aufrüttelnd ins Gewissen stechen.
Doch ich, oh träf‘ mich doch der Höhenschlag,
Seh nur wie ich mich müh´und plag
An ihren Zärtlichkeitserweisen
Und bin verroht genug,
Ihr andere Räder hochzupreisen!
Ja, sie ist nicht mehr die Schönste
Und war‘s vermutlich auch nie
Ja, wirft ihr Lack schon Falten
Doch würd‘ ich mich, genau wie sie sagt,
Nie an eine and‘re halten.

Da fühle ich eine Woge schmerzlichster Liebe von mir auf sie übergeh‘n
Und weiß es genau und ganz unbesehen
Noch nie fühlt‘ ich so rein und so echt
Und sag zu ihr mit bebender Stimme: Fieselotte, du hast ja so recht!
Und als ihre Augen ganz ölfeucht blinken:
Was ist, fahr‘n wir noch, an die Ecke – was trinken?

Bernd Remsing
http://fm4.orf.at/stories/1704846/

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 15141

Fahrradlieder 3 – Rhinos-Zerross

(Eine klassische Ode nach Schiller)

Doch du, Rhinos-Zerross, woher kamst du?
Dich schufen wir in den Kellern, wo das Radvolk sich birgt, um Kräfte und Räder zu nähren. Gegen den täglichen Feind der Menschen und Räder, gegen die alleszerfressenden Autos zu wehren sollt’st du uns helfen, ein Rammbock uns werden, wie sie ihn noch nicht gesehen. Dass schon dein Anblick die blechernen Heere allen Mutes beraube und bis ins Getriebe macht zittern.

Doch was wuchs uns Verweg‘nen entgegen aus dem treibenden Brodeln der untergründigen Fahrradküchen? Wurdest du, wie viele sagen, vom prometheischen Funken des Analog-Schweißgeräts mit göttlichem Geiste beseelt? Oder ließest du selber dich, oh großer Rhinos-Zerross, schaffen durch uns, durch unsere sterblichen Hände?
Sie sagen, unsere dreisten Feinde, nur ein totgebor‘nes Reptil seist du. Ja, wahr: Du wurdest aus Fahrradurzeitgerippen errichtet – doch von Neuem zum Leben erwecktest du dich und stehst nun da, Vielfachgeborener vor uns, einem Dionysos gleich.

Ein unbegreifliches Rätsel ist deine bloße Gegenwart und nimmer wagen wir dich zu brauchen, zu den schnöden Zwecken des Krieges. Immer werden wir staunen und zaghafter Zweifel Opfer, wie deine Schweißnähte halten, verzeih, wir können‘s nicht ahnen, oder wie deine Formen den Gesetzen der gyroskopischen Kräfte hohnlachen
und doch sie nicht brechen.

Deine ehrfurchtserweckende Größe zieht alle Blicke auf sich, und du weißt es, doch bleibt dein Geheimnis in dir, ja muss es dort bleiben, gleitet doch unser armer Verstand daran ab, wie der hungrige Fuchs auf dem Eise. Und lächelst du heimlich dazu und verzeihst tatsächlich und schweigst und trägst uns noch willig und voll erhab‘ner Geduld auf deinem kräftigen Rücken, den Autofirmen zum Schrecken.

Ein göttlicher Freund der Menschen bist du, Rhinos-Zerross.
Ob geschaffen aus prometheischen Funken, ob durch dich selbst zwiefach geboren.
Doch manchmal, hab Nachsicht, macht deine Größe uns schaudern.

Bernd Remsing
http://fm4.orf.at/stories/1704846/

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 15140

Fahrradlieder 2 – Columbina

 (frei nach Rilke)

Aus den schattigen Hallen des Händlers hab einst ich dich freigekauft
In einer auch mir dunklen Stunde
Frei nun, lehrtest du mich, was Freiheit doch ist
Lässig die tägliche Bedrängnis umspielend.
Nicht der buckligen Ölfresser eifernd sich wehren, nein!
In gelassener Ruhe spöttisch umkurven sie – nach Taubenart.

Du zeigtest mir die Wege der anderen Räder
Die in den Straßen sich finden
Und ewig dank ich dies dir.
Ach könntest du weiter mit mir
Die uns gewonnene Freiheit doch teilen
Wie bitter wird mir ums Herz
Wenn ich dich finde so grausam entseelt
Am Dachboden aufgebahrt,
Wo täuschend lebendig du liegst

Dann schreit es in mir:
Nein und nie und nimmer, sie ist nicht tot, wie kann Columbina denn sterben!
Nun reiß ich sie an mich, doch kraftlos fällt ihr
Das vordere Laufrad zu Boden.
Dass auch das Leben der Räder ewig nicht währt, wie könnt ich‘s nicht wissen,
Ich der’s so schmerzvoll erfahren. Doch hört und empört euch mit mir:
Nicht so, nicht auf die Weise,
nicht so zur Unzeit,
nicht aufgrund eines schnöden, billigen Schlampigkeitsfehlers aus Kostengründen der Produktion! Heilige Graziella,* lass mich ihn finden, den schurkischen Dämon, den schnöden Outsourcer, der solches verbrochen. An Columbinas Speichen, ich schwör‘s, werd‘ ich ihn rädern!
Tränen vergieß ich bis dahin über dich, Columbina, und dein viel zu früh
zerbrochenes
Ausfallende!

*Italienisches Klapprad

Bernd Remsing
http://fm4.orf.at/stories/1704846/

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Fahrradlieder 1 – Expressionistische Überlandfahrt

Rrrr, rrr, tk, tk, tk pfeifst du, tönst du, singst du mir,
wenn der Wind dir, sirr, durch die Speichen fährt,
singst du windgenährt
Mein musikdurchdrungenes Alurennrad.
Dein frisch gehäutetes Kirschrot leuchtet und glänzt schelmisch (matt) bei Tag
und glüht in der Nacht, ich weiß es, wenn du träumst von der Jagd durch die Stadt,
vom Sprung über die Schwelle vom schräggebissenen Straßenbahngleis.

Dann werden wir überlandfahren,
wenn das Land vom Winter befreit.
Wie Windräder im Sturm
deine Laufräder schwirren,
sphärische Klänge erzeugend.
Die rasende Wut in den Naben gefangen
macht dich rotieren.
Dein Kopf vibrierend gesenkt,
blitzende Kreise in den gespannten Rädern,
gegenläufige Räder aus Licht.

Ja, lass uns überlandfahren!
Die autogeschundenen Städte werden wir meiden
– solang‘s dich nicht nach andren Rädern sehnt, nach Kettenöl oder einem neuschneefrischen Lenkerband, das kühlend und fest um deine stolzen Hörner ich wickle.

Mein mir gefundenes, musikdurchdrungenes Alurennrad.
Einst hab ich dich getragen aus dunklen Kellergewölben, nun trägst du mich ans Licht.
Lass uns nach Holland fahren, wo alle Räder frei!
Und dort an den Grachten
werden wir
die silberbespiegelten Wasser betrachten.

Bernd Remsing
http://fm4.orf.at/stories/1704846/

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Wiener Hafen

Legst du dich
Mit dem Bauch nach unten
Flach auf die Stadt
Sind die schräggestellten Dächer
Rote Wellenberge
Und im Winter bricht
Ihr Kamm als weißer Rauch
Ist doch die Dächersee zu dieser Zeit
Besonders stürmisch

Doch frag mich nicht, was unter den Wellen
Oder dazwischen
Da tun sich Abgründe auf
Und du wärst nicht der Erste
Dem das Herz so schwer wird vom Gesehenen
Dass es ihn abwärts zieht
Wie einen gekappten Anker

Frag lieber, wo der Wiener Hafen liegt
Denn der ist nicht leicht zu finden
Dort warten nur Schiffe auf Passagiere wie dich
Du weißt schon, solche, welche die ferneren Ziele hatten
Und noch immer nicht in Anspruch nahmen
Ihre Plätze
Im Ober- , Unter- und Zwischendeck

Zahlst du mir meins, rat ich dir eins!

Du musst erstens auf den Höhepunkt
Der niedrigsten Erniedrigung der Stadt steigen
Sagen wir auf irgendeinen Flakturm
Oder den Milleniumstower

Dann muss zweitens die Sonne ganz flach stehen
Und die Dächer anstrahlen, dass sie aussehen wie
Rote Wellenberge
Also am Abend oder besser am Morgen
Nach einer durchzechten Nacht
Denn es hilft, betrunken zu sein
Dann wirst du dich umsehen und erkennen
Du bist schon auf einem Schiff
Das gerade einfährt
In den Wiener Hafen

Und wenn du dann drittens Kurs hältst
Die Augen streng nach Süden
(Es hilft dabei, in Richtung Bug zu geh’n
Und wie erwähnt, nicht nach unten zu seh‘n)
Wird der Hafen vor dir liegen.

Und dann?
Ja, wenn du dann gelandet bist, suchst du dein Schiff.
Ob man dir ohne Karte den Zutritt verwehrt?
Aber nein!
Von allen, denen ich bisher auf die Sprünge half
Hat sich keiner je beschwert.

Bernd Remsing
http://fm4.orf.at/stories/1704846/

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 15134