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Laubbläser im Sturm

Wo, mein Guter
Ist dein Sancho Panza?
Könntest ihn gut brauchen
Wenn ich dich so sehe
Laubblasend
Am windigsten Tag der Woche

Deine Rosinante hat dich
Wohl im Stich gelassen
Statt ihr trägst du die schwere Bürde
Laubbläser zu sein
Ist keine Kleinigkeit

Die Passanten passieren
Bei dir wirbeln die Blätter
Auch ohne dein Zutun
In jede Richtung
Außer die, die du möchtest

Das Laub ist gelb
Dein Laubbläser auch
Der Himmel blau
Die Hoffnung stirbt zuletzt
Dass die Blätter dir folgen werden

Noch tun sie
Wie der Wind ihnen geheißen
Du bläst dagegen an
So geräuschvoll
Mit Hochdruck

Ein Herr mit Hut
Setzt sich auf eine Bank
In deinem Park
Er sieht dir zu
Du ihm nicht

Er tut auch nichts
Außer dir zusehen
Wie langweilig
Er würde so gerne
Das Laub verblasen

Dein Laub bekommt er nicht
Mit Verlaub
Das ist deines
Er schaut enttäuscht
Du bläst ihm den Hut vom Kopf

Er plustert sich auf
Es bläht sich der Hals
Der Hut nimmt seine Chance wahr
Er ist dahin
Besser im Sturmgebraus umtost
Als auf faden Köpfen zu sitzen

So ein Idiot, sagt der Mann.
Mein Held, sagt der Hut.

Carmen Rosina

Vielleicht interessiert Sie auch, wie es mit dem Laubbläser im Regen und dem Laubbläser im Schnee weitergegangen ist?

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg| Inventarnummer: 16145

Sumpf

Im Sumpf

Im schwarzen Dickicht sehe ich es wuseln
Baue Mauern, um den Schleim wegzuhalten
Es kriecht mit Täuschung durch den Dschungel,
manche locken mit Pheromonen,
mit starken Duftnoten,
die durch lange Gänge schleichen

Überall Kämpfe im Sumpf,
jedes Individuum will zum Alpha werden

In einem unsichtbaren Netz
ziehen sich kollektive Brutstätten zusammen,
zu einer Masse aus einem riesigen Berg

Außerhalb des Sumpfes

Im dampfenden grünen Feld,
der Oase im Sumpf,
habe ich gelegentlich eine Auszeit gefunden

Hier hört man keine wütenden Echos,
denn Grillen zirpen zu laut
Zerbröselte braune Suppenwürfel
brennen zwischen dem Papier

Katzen schnurren friedlich im Schatten,
das Glas ist halb leer,
man spricht hier sehr viel,
aber niemals vom Sumpf

Florian Pfeffer

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg| Inventarnummer: 16143

Die Hochzeit

Aurouggla – Teil 2

Nachdem meine Familie also erfolgreich im Hotel Belvedere untergebracht worden war, trat etwas Ruhe in die ganze Sache ein. Vater hatte aufgehört, nervös zu schnupfen, und Mutter genoss den ausgezeichneten Blick über Meran von der Terrasse des Hotels aus. Sie sah, zumindest für Momente, sogar etwas entspannt aus. Und ich? Nun, ich richtete mich in meinem kleinen Einzelzimmer so gut es ging ein, packte meine Lieblingsbücher aus und mein Malzeug und hängte meine Kultjeans und T-Shirts ordentlich nacheinander in den Kasten. Den grauenhaften Anzug ganz zuletzt. Den müsste ich ohnehin ja bloß nur einmal anziehen. Dann ging ich auf Entdeckungstour. Zuerst die fünf Minuten hinunter zur Bar Diana, wo ich mir ein Pompelmo (exotisch, was? Grapefruitsaft) genehmigte, welches sich die Muata nicht zahlen ließ. Wohin ich denn spazieren gehen sollte?, fragte ich artig. Dort, den steilen Waldweg hinauf zum Sulfner-See. Ist das weit? Na, geah, wann´d gmiadlich geasch, a holbe Schtund. Do hosch, a Tafele Schokolade fian Hunga. Ich wandte zaghaft ein, gegen, und lächelte, aber man verstand mich nicht.

Also ging ich los. Ein wunderschöner Wald! Hohe Fichten, unterwandert von allerlei Sträuchern. Dazwischen Farne in Überlebensgröße und eine sagenhafte Luft, die nach Harz, nach frischem Laub und Waldboden roch. Dort ein mir unbekannter Käfer, da ein Vogelgeräusch, das ich nicht kannte. Raubvogel vielleicht. Durch die hohen Wipfel blitzte warm die Nachmittagssonne und tauchte alles in ihr mildes Licht.
Ich denke, ich habe mich nie wieder so glücklich und frei gefühlt wie in diesem Augenblick. Oder vielleicht in den kommenden Spaziergängen hierher. Langsam wurde der steile Weg eben, als ich eine Art Plateau inmitten dieses Zauberwaldes erreicht hatte. Jetzt wechselte der braune Waldboden in sattes Grün. Dort vorne sah ich etwas glänzen, das musste die Wasseroberfläche des Sees sein. Und tatsächlich! Ich kam meinem Ziel rasch näher.

Ein mittelgroßer See, inmitten eines Hochwaldes. Wahnsinn! Das Wasser schien dunkel, beinahe schwarz und spiegelte auf seiner Oberfläche die es umgebenden Bäume wider. Ein gutes Drittel des Sees war mit Seerosen bedeckt. Große grüne Blätter lagen wie Matten, die zum Draufsteigen einluden, auf der ruhigen Wasseroberfläche verziert durch hunderte von Blüten, die, libellenumschwärmt ihre rosa Körbchen weit geöffnet hielten, als wollten sie damit die Sonnenstrahlen einfangen.
Ich ließ mich auf einem Baumstrunk nahe am Wasser nieder und weidete mich an der Fülle meiner Eindrücke, ich konnte diesen Anblick kaum fassen. Meine Augen glitten immer wieder rundherum, um nur ja nichts auszulassen, damit mir auch nichts entging, um dieses Idyll vollkommen zu verinnerlichen, ja um es mit nach Hause zu tragen, es in meinem Inneren abzulichten und um es eins zu eins wieder abrufbar zu machen, wenn ich seiner bedurfte.

Ich hatte von der Wiener Tante eine billige Kamera geschenkt bekommen, die stolz an meiner Knabenbrust baumelte. Ich nahm sie hoch und fotografierte beinahe den ganzen Film leer, als ich vor mir, im Wasser, eine Bewegung wahrnahm. Im seichten Wasser in Ufernähe ringelte sich grazil eine Ringelnatter (drum heißt sie ja auch so) über den See und nahm überhaupt keine Notiz von mir, dem Eindringling, der ich war. Ich knipste wie verrückt hinter ihr her. Und mit der Entwicklung dieses Filmes würde ich ganz sicher nicht warten wollen, bis ich wieder zu Hause wäre. Den wollte ich gleich morgen nach Meran tragen. Wir blieben zehn Tage hier, das ging sich locker aus. Ich weiß nicht, wie lange ich hier gesessen sein mochte, doch durch die Dämmerung aufmerksam geworden, trat ich schließlich den Rückweg an. Wer weiß, vielleicht machte man sich schon Sorgen, wo ich geblieben war?

Der nächste Tag, ein strahlender Sonntag, der nicht strahlender hätte sein können, war der von allen heiß erwartete Hochzeitstag. Mir, um ganz ehrlich zu sein, war er als solcher egal, eher lästig, denn es würde mir nicht erspart bleiben, meine geliebten ausgewaschenen engen Jeans mit dem scheußlichen Anzug zu vertauschen und meine hohen schnürbaren Rauleder-Boots, wie sie damals in Mode waren, durch schwarze spitze Halbschuhe zu ersetzen. Die kleine Schar der Hochzeitsgäste wuchs rasch an und formierte sich vor der Bar Diana zu einer unübersehbar langen Menschenkette in Festtagskleidung. Dann erschienen die Braut und der Bräutigam. Er mit dunklem Rauschebart in Schwarz, sie mit Blumenkrönchen und in Weiß. Die Sonne brannte um zehn Uhr vormittags schon herunter, als ob es Mittag wäre. Nach etlichen Gläsern Sekt, die gereicht wurden, ging es endlich in Richtung der nahegelegenen Kirche, neben den berühmten Haflinger Pferden offizielles Wahrzeichen des Dorfes, zu St. Kathrein genannt, einem aus grauem Stein erbauten Kirchlein aus dem 13. Jahrhundert, das weithin gut sichtbar war.

Der offiziell zeremonielle Teil zog sich genauso in die Länge wie sein Menschenzug, und mir wurde heiß in dem engen Sakko, welches ich am liebsten ausgezogen hätte. Die ungewohnte Krawatte würgte mich am Hals, und Schweißtropfen rannen in Bächen gesammelt über Brust und Rücken. Mutter wurde übel, wie immer, und sie musste von meinem Vater kurz hinausbegleitet werden, an die frische Luft, die gar nicht frisch, sondern sauheiß war. Aber bitte, Einbildung ist alles, und sie tat ihre Wirkung, denn beide kehrten nach einigen Minuten wieder zufrieden auf ihren Platz zurück. Endlich war diese Folter dann auch einmal vorüber, nicht nur für mich, das Brautpaar hatte sich die ewige Treue und so weiter geschworen und geküsst.

Mühsam verließ der Tross, schwerfällig vom langen Stehen und Sitzen, den kühlen Kirchenraum. Hände wurden geschüttelt, Glückwünsche und Segensworte gesprochen, Schweißperlen wurden mit riesigen Stofftaschentüchern weggetupft.
Männer und Frauen in Südtiroler Tracht hatten ordentlich an der dicken Kleidung zu leiden. Das Zeug hielt dicht, in vielen Schichten, wie eine Zwiebel. Kittel und Schürzen, in Schwarz und Blau, Wamse und Joppen, Hosen mit breiten Trägern, in Rot und Grün. Ich träumte von meinen Jeans und einem lockeren T-Shirt, die einsam im Hotelkasten hingen. Und nach Laufen war mir. So ganz leicht, mich bewegen können, und das dumme Zeug da ausziehen und niemanden sehen, mit niemandem reden müssen.

Die Leute formierten sich langsam zum Festzug, und das Ganze wälzte sich also wieder retour, vorbei an der Diana und hinauf zum Hotel Belvedere. Halb eins. Und heiß. Mutter musste mit einem Taxi geführt werden, weil ihr schon wieder übel war. Vater fuhr gleich mit. Er hatte die ganze Zeit keine Miene verzogen, nur leise geschnupft, wie er es immer tat, wenn ihm was nicht geheuer war. Schließlich handelte es sich um die erste Hochzeit eines seiner Kinder, seiner Tochter, noch dazu seiner Lieblingstochter, die, die er aus erzieherischen Gründen mit zehn Jahren in ein SOS- Kinderdorf bei Graz gesteckt hatte und die wir zu Allerheiligen, knochendürr wegen Unterernährung und Heimweh, wieder nach Hause holen mussten. Aber das ist eine andere Geschichte. Damals mussten sie „Hoch auf dem gelben Wagen“ singen, wenn sie frühmorgens zur Schule gebracht worden waren. Das hat sie mir beigebracht, mit fünf. Seit dieser Zeit denke ich immer an „Hoch auf dem gelben Wagen“, wenn ich an sie denke. So ein Schmarren!

Ich hatte noch nie so eine große Festtafel gesehen wie jene in diesem Hotel. Dreiseitig, an der vierten Seite wegen des Eingangs offen und für die Kellner bequem zugänglich. Der Vater des Bräutigams, der wortkarge Förster, und unser Vater saßen sich gegenüber. Es wurde nichts gesprochen, was keinen überraschte. Sie saßen nur da und starrten vor sich hin. Unserer schnupfte, der ihrige seufzte immerzu jajajaja. Mutter und Muata waren da schon aus anderem Holz geschnitzt. Frauen unter sich. Das funktionierte ganz gut. Ich saß zwischen den Brüdern des neuen Schwagers, die auch nicht gerade eloquent schienen. Und wenn sie mal was sagten, dann verstand ich sie nicht. Aber ich tat so, als verstünde ich und lächelte immer, wenn sie, mir zugewandt, was zu melden hatten. Südtirolerisch ist eine Wissenschaft für sich.

Erst als ich in der Bar Diana Servierdienste leistete, lernte ich diese höchst merkwürdige Sprache. Doch davon später. Egal also. Man trank und aß und fotografierte und nahm den Kaffee und dazu die Torte und trank wieder und aß wieder bis zum frühen Abend. Mir war scheußlich fad. Doch dann aber wurde die Braut entführt, und es kam Leben in die Bude. Wir Jungen sollten sie suchen. Blöde Idee, aber bitte. Und damit kam ich offiziell auf den Plan. Wir Burschen sollten sie also suchen, ich und die Brüder des Bräutigams, und wir hatten die Zeche zu zahlen, die die entführte Braut mit ihren Entführern hinterlassen hatte. Überall da, wo sie, kurz bevor wir eintrafen, bereits wieder weitergeeilt waren. Die ganze Angelegenheit hätte mir ja wurscht sein können wie nur was, wäre da nicht plötzlich eine eigene Vespa gewesen, wie bereits erwähnt, in Orange, die man mir zu Suchzwecken zur Verfügung gestellt hatte. Ich blühte auf! Das war natürlich was für so einen gut behüteten vierzehnjährigen Knilch wie mich, mit so einem Ding da die Gegend unsicher zu machen! Und ich nahm mich natürlich dementsprechend wichtig, indem ich ordentlich Gas gab, nachdem mir der ältere der beiden Brüder rasch beigebracht hatte, wie ich mit der Karre da umzugehen hätte. Und ab ging die Post, auf steilen krummen Wegen Richtung Falzeben, Meran zweitausend, wie das Hochplateau heißt, gar nicht so einfach zu bewerkstelligen auf so einem Zweirad, über Knüppelwege und sandige Stellen und in Spurrinnen, auf denen man leicht zu Sturz kommen konnte.

Uns jedoch war nichts zu blöd und nichts zu schwierig, kein Weg zu steinig und keine Jausenhütte zu abgelegen, wie sich herausstellen sollte, die wir abfuhren, um dort das entflohene Ehegefährt zu suchen. Und ja, die hatten überall eine ordentliche Zeche hinterlassen, wo sie gewesen waren, fürwahr! Und sie waren immer schon weg, wenn wir ankamen.
Oschtia, fluchten die Burschen gotteslästerlich. Ich hatte auch dieses Wort nicht verstanden, ließ es mir aber im Laufe der nächsten Tage erklären. Ganz einfach, es bedeutete Hostie. Genauso häufig fluchten sie „Madonna“. Das kapierte ich schon eher. Und die beiden Knaben blätterten die Tausender, wenn auch zwar nur Lire, nur so hin, und weiter ging die wilde Jagd.

Mich ließ man nicht bezahlen, ich sei ja bloß ein Schülerlein. Ich hätte auch gar nichts gehabt, womit ich hätte zahlen sollen. Die Brüder aber gingen schon in die Lehre und hatten Geld dabei. Also suchten wir wie verrückt. Bis man die Ausreißer, die übrigens mit einem geländegängigen Auto unterwegs waren, gegen einundzwanzig Uhr gefunden hatte. Und damit war die Jagd für uns Jungen beendet, Gott sei Dank unfallfrei. Im Konvoi ging´s dann talwärts, über Stock und Stein, wie wir gekommen waren, aber weniger stressig als bei der Suche nach der gestohlenen Braut.

Als Oberdieb outete sich übrigens der Geschäftsführer des Hotels Belvedere. Wir erreichten rasch bekanntes Gebiet. Vor der Bar Diana stellte ich mit den anderen mein Fahrzeug ab. Alle nahmen noch einen Abschiedstrunk und verabschiedeten sich recht bald und sehr herzlich, man war zusammengewachsen durch die waghalsige Tour. Es war genug für einen Tag gewesen, ganz ohne Scheiß, wie der Deutsche zu sagen pflegt, auch für uns Jungens, die wir nicht geheiratet hatten und es auch noch lange nicht vorhatten.

Norbert Johannes Prenner

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 16111

Nordsee-Exkurs

Eine spröde Geliebte ist sie, die Nordsee. Hat sie den gerade angekommenen Bewunderern eben noch zugeblinzelt, sich in der Abendsonne schmeichelndem Licht präsentiert, so entzieht sie sich den erlebnisgierigen Blicken alsbald wieder. Was schert sie der Verehrer, sie überzieht ihn erst mit düsteren Wolkengebilden – soll er sich doch der Ehre, an ihrer (Küsten-)Seite zu weilen, würdig erweisen, testen will sie ihn und seine standhaften Absichten, so scheint es.

Wer sich davon nicht abhalten lässt, weiterhin die Schönheiten der Angebeteten zu suchen, dem bietet sie gleich die Gelegenheit, sich zu bescheiden, sich abzukühlen von der glühenden Begeisterung, am besten durch ausgiebige Regengüsse der eher unangenehmen Art.

Noch immer auf ein Einsehen der Holden hoffend, flüchtet sich der (im doppelten Wortsinn) arme Tropf in seine bescheidene Behausung. So ihrem Zugriff entzogen, lässt sie sich etwas Neues einfallen, ihn zu prüfen: Windböen, die sich gewaschen haben, umbrausen ab da den Werber.

Es müsste eine sehr stürmische, heftige, um nicht zu schreiben rasende Liebelei sein, der sich der Besucher so hingeben könnte. Doch – er zögert. Er wankt in seiner aufrechten Bewunderung, es ist ein bisschen gar viel verlangt, allem Unbill zu trotzen und dabei anhaltend Begeisterung zu empfinden, zu erleben, zu äußern. Da denkt er an andere Küsten, an andere Meere, an andere Strände, die einem nicht ganz so viel abverlangen, also etwas einfacher zu haben sind.

Sie merkt es sofort, dass der Strom der Anbetung abzuschwellen beginnt, sie nimmt wahr, dass sie mitnichten die einzige Option auf einen verträumten Urlaubsflirt ist. Und schon zaubert sie aus einem ihrer Ärmel einen der gigantischsten Sonnenuntergänge, die das durchschnittliche Mitteleuropäerauge jemals zu sehen bekommen hat.

Halb versöhnt zieht der Verehrer nächsten Tags von dannen, gen Süden. Nicht ohne dass sie ihm, dem Treulosen, in der Nacht noch einmal ordentlich den Marsch geblasen hätte, versteht sich.

Carmen Rosina

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 16097

 

 

Hotel Polissja

„Vielleicht inzwischen doch ein bisschen veraltet, dein Reiseführer.“
„Nun ja, die Preise werden wohl nicht mehr stimmen, aber ansonsten, was soll sich schon groß geändert haben?“

Und unbekümmert blätterte mein Vater weiter in dem abgegriffenen Büchlein mit den kyrillischen Buchstaben und den grobkörnigen Fotos in Schwarzweiß, das ihm irgendwann in den achtziger Jahren auf einem Flohmarkt in die Hände gefallen sein musste.
„Ich weiß gar nicht, was du gegen Osteuropa hast. Wäre doch einmal etwas Neues, für den Sommerurlaub der Familie.“

Wieder so ein unvermittelter Zeitsprung, und eine unvorhersehbare Stimmungsschwankung von ihm, hatte er nicht eine halbe Minute zuvor noch von seinen Kindheitserinnerungen aus dem Krieg gesprochen? Von Hitlerjugend und seiner Zeit als Flakhelfer, als die Bomben schneller auf sie herabgeregnet waren, als sie zurückschießen konnten?
„Ich jedenfalls kann es nicht mehr sehen, dieses Frankreich und Italien, irgendwann schaut jede Ecke dort gleich aus.“
„Aber du weißt doch, dass die Mama die weite Fahrerei nicht ausstehen kann.“

Schon lange hatte ich die Versuche aufgegeben, ihn in eine Wirklichkeit zurückzuholen, die sich für ihn auf ein Einzelzimmer in einem schmucklosen Pflegeheim im Vorstadtgürtel Wiens reduziert hatte. Inzwischen spielte ich mit, bei seinen sprunghaften Zeitreisen, die uns für diesen Augenblick in selige Urlaubserinnerungen der Familie vor dreißig, fast vierzig Jahren führten.

Aber unverzeihlich mein Fehler, meine Mutter erwähnt zu haben, ich sah es ihm an, wie es in seinem Hirn raste, hatte er doch schon genug Schwierigkeiten damit, mich als den richtigen unter seinen drei Söhnen zu erkennen, verfangen im Dreieck ihm mittlerweile nichtssagender Namen. Und nun die Erkenntnis, dass für Kinder auch eine Frau vonnöten gewesen sein sollte, für die er in seinem jetzigen Bewusstseinszustand keinen Anker fand, keinen Namen und schon gar kein Gesicht. Trotz fünfzig Jahren Ehe, dachte ich anstelle seiner hinterher, aber er hatte schon längst zu seinem altbekannten Spiel der Ablenkung gegriffen.
„Da, schau her, was für eine schmucke Stadt. Sogar einen Rummelplatz mit Riesenrad haben sie. Das wär doch auch was für die Kinder.“

In schizophrene Welten fühlte ich mich entführt, dass er mich als mittlerweile erwachsenes Kind um Rat fragte, ob ich mich als vierzig Jahre jüngeres Kind dort wohl gefühlt hätte, wohlfühlen würde oder werde.
„Und die Unterkunft sieht auch nicht übel aus: Hotel Polissja“, las er mir mühelos vor, zu meinem Erstaunen, dass er, obwohl er so viel vergessen hatte, besonders die gesamte Gegenwart, sich nach wie vor des Russischen entsinnen konnte, aufgeschnappt in den Jahren der Besatzungszeit und seither nie wieder benutzt.

Mit einem Seufzer ließ ich mir den Reiseführer reichen, um die von ihm so gepriesenen Bilder zu begutachten, und für eine Weile versank ich tatsächlich in die Welt eines vergangenen Jahrhunderts, in die Farben und Formen meiner Kindheit, die es in dieser Art nicht mehr gab. Ein Déjà-vu bereitete mir diese Zeitreise, mir war, als hätte ich diese Bilder schon einmal gesehen, nur anders, als wäre ich schon einmal dort gewesen, in dieser Stadt, so schmuck in ihrer Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

Und dann traf mich der Schlag der Erkenntnis, nur zu gut kannte ich sie, wie oft hatte ich diese Stadt im Fernsehen gesehen, immer wieder über die letzten Jahrzehnten hinweg Schauplatz von Dokumentationen, aufgrund ihrer Einzigartigkeit. Dreißig Jahre her, seit das letzte Kinderlachen in ihr verhallt war, nur eine in der Hast zurückgelassene, im Staub versunkene Puppe gab noch Zeugnis anderer Zeiten ab, das eindrucksvollste Bild, das mir im Gedächtnis haften geblieben war, diese Puppe, die vergilbt auf einem der Balkone der Plattenbauten liegen geblieben war und verloren auf die Szenerie unter sich blickte. Auf das reglos, rostige Treiben des Rummelplatzes, die im Boden festgefressenen Scooter des Autodroms und die traurig im Wind schaukelnden Gondeln des Riesenrads, und aus jedem Schlitz und jeder Ritze sprießte entfesselt die verstrahlte Flora. Und dann wusste ich alledem auch einen Namen zu geben:

Prypjat, nahe Tschernobyl, so hieß diese Stadt, deren unverwechselbare Totenmaske in die Zeit gestanzt war.
Fassungslos reichte ich meinem Vater den alten Reiseführer für die sowjetische Ukraine zurück, dieses Mal fehlten mir tatsächlich die Worte für die Weltentrücktheit meines Vaters, der den Urlaub mit seiner Familie neben einem Atomreaktorunfall verbringen wollte. Und die Verstörtheit in meinen Augen schien auch ihn in Verwirrung gestürzt zu haben, wild fuhr sein Blick umher, dann packte er mich an den Handgelenken, schmerzhaft fest der knochig klammerhafte Griff, dann schrie er wirr auf mich ein, sodass mir seine Spucke im Gesicht kleben blieb:
„Ich bin kein Trottel, mein Sohn! Ich weiß ganz genau, wie es dort ausschaut, in Prypjat, wahrscheinlich sogar besser als jeder dieser Strahlungstouristen, die je dort gewesen sind, denn mein Gehirn, das ist Prypjat! Nein, noch schlimmer, Tschernobyl, das ist mein Gehirn, zuerst explodiert und dann in einem Sarkophag gefangen – und Zelle für Zelle verstrahlt, ja, Tschernobyl, das ist der Ort, wo die Ärzte einen Körper mit einem toten Geist am Leben erhalten, einzig aus dem Grund heraus, dass sie wissen, wie das geht.“

Und sein wild verzweifelter Blick drückte aus, wie er sich in diesem Augenblick empfand, gefangen in den letzten Zuckungen des Lebens und von außen schon begierig vom Tod betrachtet. Dann allmählich begannen sich seine Augen im Schattenglanz zu verlieren, er war bereits wieder im Begriff, in eine andere, fernere Wirklichkeit abzugleiten, die Hände löste er von mir, und mit einem Räuspern nahm er eine formelle Haltung ein.
„Sie wollen wissen, wo Sie mich antreffen können, mein Herr? Hotel Polissja, Prypjat. Kennen Sie nicht? Ganz einfach, geradewegs nach Tschernobyl, immer den Pfeilen nach. Und nicht vergessen, bei Reaktor Nummer vier rechts abbiegen, dann kann nichts mehr schiefgehen!“

Nach einer Visitenkarte kramte er eine Zeitlang gedankenverloren, in der Brusttasche seines Pyjamas, dann hatte mein Vater mich endgültig aus seiner Wahrnehmung verbannt. An das Fenster war er getreten, das ihm den Anblick auf die das Panorama beherrschende Müllverbrennungsanlage Spittelau bot, im Hintergrund die Ausläufer des Wienerwalds. Sinnlos, mich von ihm verabschieden zu wollen, leisen Schrittes schlich ich mich davon, als ich ihn in meinem Rücken flüstern hörte:
„Ist doch immer wieder eine Offenbarung, Lissabon um diese Jahreszeit – selbst wenn man das Meer von hier aus nicht sehen kann.“
Und mit einem letzten Blick zurück sah ich, dass ihm Tränen der Glückseligkeit in die Augenwinkel getreten waren.

Harald Schoder
derewigreisende.net

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 16083

 

 

Die Bar Diana

Aurouggla – Teil 1

Es herrschte heller Aufruhr im Hause, die Koffer waren gepackt, das Taxi stand mit laufendem Motor vor dem Haus, fehlten nur noch die Fahrgäste. Wenn zwei junge Menschen einander die Ehe versprechen, dann ist das schon ein bedeutendes Ereignis für alle Beteiligten, für die Eltern selbstverständlich, aber auch für die engeren Verwandten und ganz besonders für die Geschwister des Brautpaares. Die Schwester heiratet! Mir, als dem jüngeren Bruder mit meinen vierzehn Jahren eigentlich ziemlich wurscht, wenn nicht – wenn nicht die Hochzeit im Ausland gefeiert worden wäre. Genauer gesagt, in Italien. Obwohl – so sehr in Italien wieder auch nicht, nämlich in Südtirol, in einem kleinen Dorf oberhalb von Meran, welches Avelengo hieß und heute noch so heißt, zu Deutsch – Hafling. Dieses idyllische Dörfchen liegt auf dem Höhenzug des Tschöggelberges, den kennt doch jedes Kind, links der Etsch zwischen Meran und Bozen. Es ist ein bekanntes Schi- und Wandergebiet und, wie sich später für mich herausstellen sollte, auch ein interessantes Klettergebiet.

Westbahnhof Juli neunzehnhundertsiebzig. Der Transalpin wartet geduldig, bis wir den ganzen Plunder an Bord haben. Es gibt noch Dienstmänner mit hölzernen Leiterwagen, die das Gepäck auf den Bahnsteig transportieren, wenn ich mich jetzt daran erinnere, mit Mützen auf und Nummern dran, wie im Film „Hallo Dienstmann“, beinahe unglaublich. Bin ich wirklich schon so alt?, denke ich eben.
Na, Mutter ist hysterisch, sie hat schon lange keine Reise gemacht, noch dazu eine mit dem Nachtzug. Vater ist schweigsam. Ihm gefällt die ganze Sache schon von Anfang an nicht.
Und ich? Ich schaue mir die Gammler an, die ihren Armysack vor sich liegen haben und sich eine Zigarette drehen. So möchte ich auch einmal werden, denke ich. Einmal in die weite Welt hinaus, allein, ohne, dass einem die Alten andauernd dazwischenquatschen. Und so einen grünen Parka möchte ich auch gerne haben. Mit vielen Taschen dran, und sehr weit muss er sein, und ziemlich zerknittert. Nie darf man was! Ich arbeite dran. Immerhin habe ich schon längere Haare als die anderen Jungs in meinem Alter.

Der Zug fährt ab. Wir sitzen zu fünft im Abteil. Meine Schwester, ihr zukünftiger Mann, Vater und Mutter, ich. Um einundzwanzig Uhr verabschieden sich die Eltern, um in den Schlafwagen hinüberzugehen. Mutter macht Zicken, sie faselt was von schwindelig sein und so. Ich kann das nicht verstehen, ist doch aufregend alles, eben! Um zweiundzwanzig Uhr ist sie wieder da, die Mama, hysterisch wie zuvor, kann nicht schlafen und setzt sich zwischen uns.
So, jetzt haben wir alle auch keinen Platz im Abteil. Spinnst du, hat der Schwiegersohn in spe zu ihr gesagt, als sie mit der Decke bei uns aufgetaucht ist. Das hätte er nicht zu ihr sagen dürfen, ein Leben lang hat sie das nicht vergessen und uns immer wieder davon erzählt, obwohl wir die bedauerliche Geschichte bis zum Kotzen kannten.
Ich aber liege in meinem neuen Schlafsack unter der Sitzbank und bin glücklich. So wollte ich schon immer mal reisen. Wenn auch allein. Es geht zwar nicht nach Indien, aber immerhin, das Gefühl ist es, das es ausmacht, das Gefühl! Denn sonst – it quite doesn’t make it! Auf diesen kurzen Satz bin ich stolz, habe ich aus „Good morning, Vietnam“. Man muss eine Olive haben, für den Martini, auch dort, wo es völlig unmöglich ist, eine herzukriegen. Das ist cool!

Um sieben Uhr Früh erreichten wir Innsbruck, stiegen dort in einen Expresszug nach Rom um und erreichten nach nochmaligem Umsteigen einen der schönsten Kurorte der Welt – Meran. In diese Stadt habe ich mich sofort verliebt und denke stets mit Wehmut an ihre blühende Blumenpracht im Kurpark, an die riesigen, exotisch anmutenden Palmen an den steilabfallenden Südhängen, an die sie wie zum Schutz vor allzu neugierigen Blicken umgebenden Berge oder an die reißende Etsch, auf der wagemutige Kajakfahrer für die neugierigen Zaungäste auf den Brücken ihren kunstvollen Wellentanz vorführten.

Was für eine Stadt! Wenn ich mich umsehe, alles in allem ein fein geschliffenes Konglomerat aus knorrigen Eingeborenen in blauer Schürze mit vom Munde hängender Pfeife, das – aufgelockert durch die unverwechselbare Grazie anmutiger italienischer Mädchen in knappsten Hotpants mit wehendem Haar auf ihren knatternden Vespas – (die Vespa, beliebtestes Fortbewegungsmittel aller Altersstufen. Die Jungen fahren eine 50er, führerscheinfrei, die Alten alles ab 75 Kubikzentimeter bis 250. Die kann schon ein wenig flotter sein. Ich kriegte dort eine 50er in Orange ganz für mich allein zur Verfügung, sie gehörte dem Bruder meines neuen Schwagers. Aber davon später.) – äh, wo war ich stehengeblieben? Aja, – seine Gegensätze kaum vielfältiger und bunter hätte erscheinen lassen können. Ich konnte dieses Schauspiel kaum fassen und mich gar nicht daran sattsehen. Auch in späteren Jahren nicht.

Zwei italienische Taxis brachten uns über die Via Winkel, Winkelstraße, diese Bezeichnung hält mich bis zum heutigen Tag in ihrem sonderbaren Bann ihrer Bedeutung , zur Drahtseilbahn nach Avelengo, die, sehr zu meinem Bedauern, bereits vor mehr als zwanzig Jahren durch eine großzügig angelegte Panoramastraße ersetzt worden ist.
Unnötig zu bemerken, dass mit diesem Bau wieder einmal eine Menge Natur zerstört wurde. Der Schwager regelte das alles mit den Taxlern auf Italienisch. Ich fand das sehr mondän. Und erst das fremde Geld. Tausend Lire! Ich dachte weiß Gott, wie viel das wäre.
Damals kriegte ich hin und wieder fünf Schilling Taschengeld. Aus pädagogischen Gründen, wie der Herr Papa immer zu sagen pflegte. Schließlich musste er es wissen, er war ja schließlich einer, ein Pädagoge nämlich.

Mit dieser Seilbahn also ging es hinauf auf das dreizehnhundert Meter hoch gelegene Hafling, an deren Endstation ein niedliches Holzhäuschen stand, Wohnhaus und Gaststätte zugleich, mit großzügiger Veranda, bunten Sonnenschirmen und einer vollschlanken lachenden Wirtin darin, mit roten Bäckchen, nicht zuletzt die Besitzerin sogenannter Bar Diana und – zukünftige Schwiegermama meiner Schwester.

Da war auch gleich der Hausherr zur Stelle, Förster von Gnaden, eher wortkarg und zurückgezogen, aber mit listigem Witz ausgestattet, den er, wenn auch nur selten, dann aber treffend, auf seine Mitmenschen loszulassen verstand. Ich selbst wurde einmal Zeuge seines krausen Humors, als er deutschen Touristen eine Auskunft gab. Es war immer dieselbe Situation. In Intervallen von zehn Minuten spuckte die Bahn täglich zehn bis zwanzig deutsche Gäste aus, die, aufgekratzt wie sie nun mal sind, eine Minute später vor der Bar Diana versammelt waren und sogleich, wie auf ein geheimes lautloses Kommando, die Anweisungen auf den grünen Orientierungsschildern unisono zu lesen begannen: Wandern und Reiten auf Haflinger Pferden! Was wie folgt so klang, und bei allen immer gleich, nämlich: Wandan und Raitn auf Hafflinger Ferdn! (sic!) Nachdem, und obwohl sie auch das Schild „Wanderweg nach Falzeben – Gehzeit zwei Stunden“ gelesen hatten, fragten sie sicherheitshalber dann doch beim Oberförster einmal nach: Sie, guter Mann, wie lange läuft man denn da? Abgesehen davon, dass manche Bundesbürger Probleme mit dem Lesen hatten und anstatt „Falzeben“ „Fallersleben“ lasen, der Namen durfte ihnen offensichtlich irgendwie geläufig gewesen sein.

Seine Auskunft fiel also ungefähr so aus: Erst sah er prüfend in den Himmel, dann rückte er, um die Spannung zu erhöhen, seine Hose über dem Bauch zurecht, knöpfte den obersten Knopf seiner Weste zu und sagte schließlich, während die gehfreudigen Germanen schon langsam zappelig geworden waren, ja, wenn sie laufen wollen, und dabei machte er ein sehr ernstes Gesicht, dann sind Sie in einer halben Stunde dort. Da erhellten sich die Gesichter der Wartenden, denen man die ungeheure Spannung schon an ihren Falten ablesen konnte.
Danke, guter Mann, pflegten die Wandervögel dann überglücklich und sichtlich erleichtert zu antworten und schritten ohne Umschweife, durch die präzise fachmännische Auskunft dieses hervorragenden Kenners der Region in ihrer Absicht bestätigt, dieses Stück Land für sich vereinnahmen zu wollen, sofort tapfer drauf zu, stolz, sich mit einem Einheimischen so wunderbar verstanden zu haben. Erst als sie gegen siebzehn Uhr völlig aufgelöst und kraftlos, mühsam auf ihre Wanderstöcke gestützt, mit den praktischen Fahrradklingeln dran, zurückkamen, um gerade noch die letzte Bahn nach unten zu kriegen, beschwerten sie sich bei der Wirtin, sie wären drei Stunden gelaufen, und die Auskunft dieses Mannes da sei nicht korrekt gewesen.

Unerhört das, man verließe sich sonst auf solche Informationen, hieß es! Solche Wanderstöcke, auch Alpenstangen genannt, mit st, nicht scht, setzten die deutschen Gäste übrigens sehr gerne gegen die auf der staubigen Straße Richtung Falzeben oftmals allzu eiligen Vespa- oder Autofahrer ein, und hielten sie quer über die Fahrbahn, sodass die Fahrer jäh abbremsen mussten. Das führte immer wieder zu Ärger mit den Einheimischen, die ja nicht nur zum Vergnügen auf diesem Wege unterwegs waren. Man kann sich denken, dass sich die Touristen dadurch bei ihnen nicht gerade beliebt gemacht hatten und so kam es immer wieder zu handfesten Auseinandersetzungen, die auf der einen Seite mit „Scheißpiefke, stellt’s aus“, also weicht aus, oder „Geht’s holt oubn aufm Woldweag, eis Oaschlächa!“, (nicht übersetzbar) und auf der anderen Seite „Bloß nich’ so dolle hier, ja, jute Leutchen! Wir wolle’ hier staubfrei!“ ausfielen. Die erschöpften Touristen aber taten der Muata (Mutter), auch Moidl genannt, was so viel wie Maria bedeutete, nicht unbedingt immer leid und so lachte sie nur aus vollem Hals und wünschte ihnen eine gute Reise hinunter nach Meran.

Mein Gott, was habe ich dieses Idyll geliebt! Die Muata hatte mich sofort ins Herz geschlossen. Und mehr noch, als ich mich nicht nur bloß als unnützer Fresser, sondern obendrein noch als geschickter Maler und Erneuerer der Hausfassade erwies. Dieser traditionelle Tiroler Blockbau hatte nicht zuletzt zahlreiche kunstvoll geschnitzte Holzsäulen an den verschiedensten Ecken vorzuweisen, sondern auch unzählige Fensterläden und jede Menge anderes Holzzeug, das nach frischem Lack verlangte. Mir war ohnehin langweilig und so hatte ich eine würdige Beschäftigung gefunden, indem ich lustig den Pinsel in Grün und Weiß tauchte, um dieses höchst ehrwürdige Denkmal bodenständiger Alpen-Architektonik so gut ich es verstand zu verschönern. In diesen Dingen bin ich ziemlich geschickt. Die Muata honorierte meine Arbeit nicht allein durch Lob, sondern ließ sich auch nicht lumpen und steckte mir in nicht allzu langen Intervallen immer wieder Zwei- oder Drei- oder Fünftausend-Lire-Scheine zu, für mich damals eine unglaubliche Menge Geld, welches ich in diversen Jeansboutiquen oder Buch- und auch schon mal Tabakläden in Meran sinnvoll anzulegen verstand.

Nach getaner Arbeit am Vormittag und einem opulenten Knödel-Mahl pflegte ich mich mit meiner Lektüre und einer Lesepfeife in Huckleberry-Finn-Manier in den im schattigen Garten des Anwesens aufgestellten Liegestuhl niederzutun und Karl May zu lesen, vorwiegend jene Romane, die im Morgenland und auf dem Balkan handelten, und zu denen mein Tschibuk also besonders gut zu passen schien, auch wenn mir beim Rauchen dieses filterlosen Kokshammers höllisch die Zunge brannte und mich ein trockener Husten quälte, so als hätte ich schon Tuberkulose.
Die eben erwähnte traditionelle Knödelspeise pflegte man hierorts jeweils in zweierlei Gestalt zu nehmen, einmal zu Wasser, also in der Suppe, und andererseits zu Land, etwa mit Geselchtem oder Gemüse. Dass es sich dabei um Speckknödel handelte, muss für Kenner der Region wohl nicht extra erwähnt werden.
In diesem Liegestuhl ward das Träumen geboren. Wenn ich heute die Augen schließe und mir vorstelle, wie das denn gewesen sei, dann fühle ich vorerst einmal die Sommersonne, wie sie unbarmherzig auf mich herabbrannte. Schließlich wollte ich eine knackige Farbe mit nach Hause bringen. Wenn ich es schaffte, angestrengt durch die engen Sehschlitze meiner Augen die Helligkeit des Lichts zu durchdringen, dann sah ich unter mir die Stadt in sirrendem Dunst liegen, ihre Silhouette in diffuses Licht getaucht. Dahinter die blauen Berge Richtung Mailand.

Noch schöner und fantasieanregender im Licht der frühen Abenddämmerung. Diese Stimmung trug ganz besonders dazu bei, mein Fernweh aufs Äußerste zu strapazieren, und ich sah mich schon mit Schlafsack und Gitarre auf dem Rücken in Richtung Rom unterwegs und dann nach Marokko und eben dorthin, wohin die damaligen Hippies in diesen Jahren normalerweise zu reisen pflegten. Das hatte ungeheuren Nachahmungscharakter, dem man sich nur schwer entziehen konnte. Mich brennt’s in meinem Reiseschuh, hatte ein Freund damals gesagt. Und schon wurde er per Interpol in halb Europa gesucht. Dort war er aber nicht. Schließlich wurde man seiner in Delhi fündig, und er wurde auf Intervention der Österreichischen Botschaft nach Hause zurückgebracht.
Auf diese Weise wollte ich nicht   e n d e n !   Obwohl – aber das ist eine andere Geschichte. Vielleicht komme ich darauf noch einmal zurück. Aber vorerst musste ich einmal hier bleiben, trotz meiner Grundausstattung für Tramper, mit der ich schon einmal probeweise angereist war, unter elterlichem Schutz und deren Obsorge, untergebracht im vornehmsten Hotel vor Ort, dem Belvedere. Im großen Saal dieses Hauses sollten dann ja auch schließlich die Hochzeitsfeierlichkeiten stattfinden. Das Hotel stand direkt am Ende des Felsmassivs, welches geradewegs nach Meran hinunter abfiel. Eine Art Adlerhorst, so wie ich es empfand und genoss.

Von da an wusste ich, ich würde nur mehr an erhöhter Stelle wohnen, weil der Blick von oben immer erhabener ist als der von unten hinauf.

Norbert Johannes Prenner

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Let’s go

Dunkelheit, im Hintergrund schnelle Piano-Jazzklänge, darauf folgend Applaus

Djamal spielte Oboe in Damaskus.
Vor einem Jahr noch.

Zwanzig Jahre alt.
Ohne Mittel.
Ohne Familie.
Ohne Zuversicht.
Aber mit Oboe.
Djamal spielt nun in Österreich.

Es wird heller, drei Personen betreten eine Künstlergarderobe in einem Kulturzentrum einer oberösterreichischen Kleinstadt.
Saxophon, Flügelhorn und Kontrabass liegen/stehen herum.

Djamal:
Oh, Kurt, du Unglücksvogel, so sagt ihr doch?

Hanna:
Pechvogel heißt es, oder Unglücksrabe.

Djamal zu Kurt:
Was war mit deiner Brille?
Wieso hattest du sie überhaupt auf?

Kurt entschuldigend:
Meine Kontaktlinse hat gekratzt, ich musste sie in der Pause herausnehmen und dann hab ich eben die Brille gebraucht.
Und die ist mir dann immer wieder von der Nase gerutscht.

Hanna schiebt sich mit der Hand eine imaginäre Brille zurecht und sagt leicht tadelnd zu Kurt:
Ein Schlagzeuger braucht beide Hände.
Das hat schon komisch ausgesehen, als du die Brille immer wieder rasch zurechtgerückt hast.

Kurt:
Das war schon stressig, aber das Konzert war trotzdem ein schönes Erlebnis!
Das Improvisieren am Schluss hat richtig Spaß gemacht. Auch dem Publikum.

Djamal:
Ja, zwei Extras!
Die Menschen wollten zwei Songs mehr hören.

Djamal hatte Glück.
Hanna und Kurt fühlten sich verantwortlich.
Zwanzig Jahre alt.
Mit Oboe.
Hanna und Kurt fühlten sich verantwortlich.
Und Djamal erlaubte sich, wieder zu träumen.

Hanna:
Djamal, du hast ganz wunderbar experimentiert beim zweiten Stück.
Das hat mir besonders gut gefallen!

Djamal:
Und es war sold out, completely ausverkauft – so sagt ihr doch?

Hanna:
Ja, ja, genau, alle Karten restlos, so kann man das auch sagen.

Djamal zu Hanna:
Und du hast wieder so schön gesungen!

Kurt zu Hanna:
Bei deiner Gesangstechnik im Arabischen merkt man nicht, dass du eigentlich im Operngesang zuhause bist.

Djamal zu Hanna:
Das Arabische ist nicht dein Zuhause. Du machst, dass sie es aber nicht merken.

Hanna:
Seit ich dich kenne, Djamal, ist die arabische Musik für mich allgegenwärtig.
Sie fließt deshalb ganz automatisch in meine Improvisationen ein.

Djamal:
Im Jazz, da ist viel Freiheit.
In der Oper spielst du eine Rolle.
Und in der arabischen Musik liegt Passion <englisch ausgesprochen>, also Passion <deutsch ausgesprochen>. Wie sagt man?

Kurt:
Leidenschaft.
Natürlich hat jede musikalische Richtung ihre eigene Technik.
Aber entscheidend ist, den Charakter der Musik zu verstehen.
Denn jedem Stil liegt eine bestimmte Idee zugrunde, und wenn du die verstanden hast, kannst du die Musik auch darbieten.

Djamal ironisch:
Lucky me! To understand the character of music, I don’t need to understand German.

Lachen

Hanna hatte sie sich richtig feingemacht für diesen Abend.
Es waren viele Bekannte im Publikum.
Wenn sie auf der Bühne steht oder vor dem Klavier sitzt, dann möchte Hanna einfach hohe Schuhe anhaben.
Es fühlt sich gut an, seine Kunst in hohen Schuhen darzubieten.
Es ist eine Gratwanderung, sich größer zu machen, als man ist.
Und es ist immer eine Gratwanderung, mit solchen Schuhen Klavier zu spielen.
Jetzt aber die Haare hochbinden und die High Heels abstreifen.

Djamal:
Ich bin so froh, dass ich euch habe.
Ihr habt mir so geholfen und ich freue mich, dass ihr meine Freunde seid.
Und ich durfte anfangs sogar bei euch wohnen, ihr seid sehr herzlich.

Hanna berührt Djamal freundschaftlich an der Schulter:
Auch wir haben in dir einen Freund gefunden.
Warum denn auf einmal so ernst und nachdenklich, Djamal?
Du hast uns geholfen, in der Musik.
Ohne dich hätten wir heute nicht so einen Erfolg gehabt.
Jeder hat was beigetragen.
Alle sind wir unverzichtbar.

Kurt grinsend zu Djamal in scherzhaftem Unterton, und zu Hanna deutend:
Schon gut, dass ihr arabischen Männer jetzt endlich auch akzeptiert, dass bei uns eine Frau den Takt angibt.

Djamal mit einem schiefen Grinsen:
Meine Freunde verstehen das ehrlich nicht, aber ich muss es wohl …

Hanna unterbricht ihn und sagt scherzhaft drohend:
Hey, Djamal! Überleg dir, was du jetzt sagst!

Lachen

Djamal jetzt mit ernster Miene:
Ihr wisst doch, dass ich mein Studium der Oboe damals in Damaskus nicht abschließen konnte …

Hanna unterbricht:
Das wird dir dort in diesem Leben wohl auch nicht mehr gelingen.

Djamal:
Aber …. was ich sagen will …

Kurt unterbricht:
Gehen wir doch was trinken! Und Hunger hab ich auch.

Hanna:
So lass doch Djamal ausreden …

Djamal:
Habt Ihr diese elegante ältere farbige Frau gesehen in der ersten Reihe?
Diese große Erscheinung, hochgewachsen – so sagt man doch?

Kurt:
Die mit dieser Sonnenbrille mit den blauen Gläsern, ja großartig sah sie aus.

Hanna:
Und die kurzen weißen Haare. Der weiße Hosenanzug. Edel.
So cool möchte ich später auch einmal aussehen.

Djamal:
Ich wollte euch sagen, dass sie …

Kurt unterbricht wieder:
Also ich hab Hunger, so lasst uns doch essen gehen.
Djamal, du kannst uns das doch auch später erzählen.

Adrenalin im Übermaß.
Erschöpft. Verschwitzt. Zufrieden.
Durstig.
Hanna trinkt ein paar Schlucke aus der Wasserflasche.
Kurt schlingt ein Handtuch um den Hals.
Djamal legt das Sakko ab und streckt die Hemdsärmel hinauf.
Überdreht und zufrieden.
Alles ist gutgegangen.

Hanna:
Was wir da heute gespielt haben, das war eine ganz besondere interkulturelle Mischkulanz.

Djamal:
Ein Mischmasch – so sagt ihr doch?

Hanna:
Ja, genau.

Djamal:
Eine Mischung, aus allem, was wir gerne hören, und was unser Leben musikalisch ausdrückt.
Die Miles-Davis-Interpretation nach der Pause, die war very american.

Kurt:
Die Improvisation am Schluss hingegen war mehr arabisch.
Aber irgendwie auch klassisch.

Djamal:
Mischmasch.

Lachen

Seine Eltern haben ein Bild vor Augen: Djamal mit Oboe.
Ihr Sohn Djamal mit einer Oboe in Händen.
Eigentlich hätte Djamal in den Libanon gehen wollen. Das wäre nicht weit weg gewesen.
Aber dann ging alles ganz schnell: alle Ersparnisse dem Schlepper, dem verlässlichen, aus dem Nachbarort.
Damit ein anderes Bild nicht Wirklichkeit wird: Djamal mit der Waffe.
Ihren Sohn kämpfen zu sehen, das haben sie sich erspart.
Seine Eltern hatten ein Bild vor Augen: Djamal mit seiner Oboe.

Hanna:
Ich lese euch kurz nochmals vor, was über uns in der Zeitung stand:
Anregung zum interkulturellen Austausch: Ob kontemplative oder temporeiche Stücke – das Repertoire des Ensembles ist vielseitig und fasziniert nicht zuletzt durch seine mit Leidenschaft und Spielfreude vorgetragenen improvisierten Teile.

Djamal:
Kontemplativ?

Kurt:
Mehr besinnlich, voller Gedanken

Hanna liest weiter:
Das Trio verbindet traditionelle arabische Musik mit Jazz und klassischen Klängen, bricht traditionelle Genregrenzen auf und vereint Elemente unterschiedlicher Musikkulturen zu einem unverwechselbaren Klang. Die ursprüngliche Idee der Musiker war die eines musikalischen Dialogs: dass jeder relativ einfaches musikalisches Material auf unterschiedliche Art und Weise aufgreift und mit seinem Vokabular weiterentwickelt.
Das interkulturelle Jazztrio wurde vom Publikum begeistert gefeiert. Auch eine erste CD- soll in Kürze folgen.

Djamal lächelnd:
Ein musikalischer Dialog also.

Kurt:
Das hast du schön gesagt, mein Freund.

Djamal:
Listen to me, ich muss euch etwas sagen.
Aber ihr werdet es nicht hören wollen.

Hanna:
Sag schon, Djamal.

Kurt:
Heraus damit, so rede doch.

An Montagen in der Mittagspause zwischen den Vorlesungen an der Musikuniversität immer zu Tante Tamina.
Selbstgemachte Falafel und Tisqiye, ein Auflauf aus Kichererbsen mit viel Knoblauch und Pinienkernen.

Die orientalische Altstadt.
Die große Freitagsmoschee.
Der antike Kultbezirk.
Staubige Steinfassaden.
Dazwischen sein Herz, seine Sprache, seine Wurzeln.

Neben dem Basar ihr prächtiges Hofhaus.
Der Innenhof mit Brunnen.
Der Zitronenbaum. Sein Großvater hat ihn gepflanzt.

Fußballspielen mit Khaled und Halim, nach der Schule.
Sich nach der Uni mit Khaled und Alisar vor der Bibliothek treffen.
Ein Blickwechsel mit Alisars Schwester Faizah wäre schön.

Als kleiner Junge einkaufen mit der Mutter im Suk.
Farbenpracht.
Gemüse, Gewürze, Damaststoffe.

Sich durch enge Gassen drücken.
Ein klebriges Stück Baklava in der kleinen Hand.
Der Geschmack nach Honig und Pistazien.
Musik. Vertraute orientalische Klänge.
Dazwischen sein Herz, seine Sprache, seine Wurzeln.

Apokalyptische Zerstörung.
Verheerungen.
Verwüstungen.
Geschändete Heimat.
Verlassene Steinhaufen.
Dazwischen sein Herz, seine Sprache, seine Wurzeln.

Djamal:
Ihr habt mir so geholfen, die Musik mit euch hat mich gerettet damals, als ich mir am Anfang hier in Österreich so klein vorkam. Ich fühlte mich wie ein Nichts.
Ich habe mir die Entscheidung nicht leicht gemacht.

Kurt:
Welche Entscheidung?

Djamal:
Soll ich bleiben oder gehen?
Ich überlege schon viele Tage.

Hanna:
Was meinst du, Djamal?

Djamal:
Ich habe wirklich gedacht, ich habe hier in Österreich meinen Platz gefunden.
Aber … das ist nicht meine Endstation.
Ich liebe euch und ihr müsst mich besuchen kommen.

Kurt:
Wo? Was meinst du?

Djamal:
Die Amerikanerin ist wegen mir hier, sie ist auf der Suche nach Talenten und hat mir ein Stipendium angeboten, ich kann an der Universität von New Orleans promovieren, in Komposition und Oboe.
Das Angebot ist reizvoll, ihr müsst das verstehen.
So let’s go, hat sie gesagt.

Kurt:
Was redest du da?

Einige Sekunden vollkommene Stille.

Hanna:
Djamal verlässt uns.

Djamal:
Ich mache mich auf den Weg.
Let’s go, hat sie gesagt.

Michaela Swoboda
Szenisch dargeboten bei Theaterzeit Freistadt 2016

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Im Labyrinth der Zeit

Se vogliamo che tutto rimanga come è, bisogna che tutto cambi.
– Tomasi di Lampedusa: „Il gattopardo“

„Parlare, parlare, parlare, so lösen wir die Probleme hier in Sizilien.“

Und die Erleichterung steht meinem Zimmervermieter ins Gesicht geschrieben, dass mein Fernsehanschluss wieder funktioniert, dass das Kabel gefunden worden ist, über das die minderbemittelten Maurer von der Baustelle nebenan gestolpert sein müssen, dass der Nachbar des einen Nachbarn den richtigen Stöpsel gefunden hat und ein anderer Nachbar das richtige Kabel dazu. Ein paar Worte über die Niederträchtigkeit der Maurerzunft im Allgemeinen fallen noch, dann löst sich die Hausgemeinschaft, die vorher noch so wortreich aufgeregt das schmale Gässchen vor meinem Quartier bevölkert hat, in Wohlgefallen auf, um einer sinnvolleren Tätigkeit nachzugehen, wie zum Beispiel fernsehen.

Und trotzdem will ein Anflug schlechten Gewissens angesichts des stundenlangen parlare nicht aus seiner Miene weichen, meinem Zimmervermieter, und so fragt er mich, ob er mir noch irgendwie helfen könne, mir als Reisendem von nördlich der Alpen, angesichts dieser fremden Stadt hier.

„Eine Bar mit einem ordentlichen Wein könnte mir jetzt nicht schaden.“

Breit sein Grinsen, seine Lieblingsbar will er mir zeigen. Und los marschieren wir, quer durch Ortigia, dem auf einer Insel vorgelagerten Stadtteil von Siracusa, quer durch das Gassenwerk der alten Viertel. Und angesichts der Einfachheit meiner Bitte scheint sich seine Zunge gelöst zu haben, den Fremdenführer im Schnelldurchgang spielt er, hier der normannische Teil, schau dir nur die gotischen Spitzbögen an, da der bourbonisch-spanische, siehst du ja an den prächtigen Palazzi, und dort der arabische, ja, die Bauweise gleicht einer Kasbah. Keine zehn Minuten lässt er mir Zeit für die Verdauung einer tausendjährigen Kulturgeschichte, die Völker aus allen Herren Länder auf diese Insel gespült hat, mir schwindelt es im Kopf vor lauter Zeitscheiben, gnädigerweise erspart er mir die tausend Jahre davor, die Phönizier, Griechen und Römer, damals als Wien noch ein Sumpf an der Donau gewesen war.

„Dein Quartier ist übrigens im ehemaligen jüdischen Viertel.“

Ja, das habe ich mir schon gedacht, angesichts der Tatsache, dass mein gewundenes Gässchen in eine kaum weniger gewundene, kaum weniger breite Gasse namens Via Giudecca mündet, überhaupt die gesamte Anlage meines Stadtteils, der so gar keine Anstalten zeigt, etwas mit der Außenwelt zu tun haben zu wollen, in sich verschroben und verdreht wirkt, und dessen Gässchen bis auf wenige Ausnahmen in sich selbst zu münden scheinen. Kein Wunder, sind es die Juden doch schon seit Jahrhunderten gewohnt, als Erste den Kopf hinhalten zu müssen, wenn die Menschen um sie wieder einmal etwas aus der Bahn wirft.

Unser Ziel erreicht haben wir, so scheint es, denn unvermittelt ist er stehengeblieben, voller Enttäuschung in seiner Miene.

„Chiuso.“

Ich wiederum mag seine Enttäuschung nicht teilen, denn als ich die Fassade seiner Lieblingsbar genauer in Augenschein nehme, kann ich mich nicht des Eindrucks erwehren, dass sich dahinter nichts anderes als ein ordinäres Puff verbirgt. Und mir steht das Verlangen tatsächlich nicht nach mehr als einem Glas Wein, nicht heute, nicht nach der ganzen Aufregung wegen eines Fernsehkabels.

Dass er es eilig habe, dass er noch etwas Anderes erledigen müsse, damit verabschiedet er sich hastig, dann ist er um die Ecke verschwunden, in einem der verwunschenen Gässchen. Und hat mich stehengelassen, in einem dunklen Winkel des labirinto von Ortigia, an dem ich nie zuvor gewesen bin, von dem ich nicht einmal sagen könnte, in welche Himmelsrichtung ich schaue, vielleicht hat er mich gar in einem anderen Jahrhundert ausgesetzt. Egal, setze ich ein paar mich selbst beschwichtigende Schritte, so groß ist die Inselstadt mit ihren Gassenschluchten nun auch wieder nicht, alle Wege führen einen irgendwann an die windige Stadtmauer, an die ein Mittelmeer wütend seine Brecher schlägt, so ganz anders, als es beispielsweise in der Bucht von Venedig vor sich hindümpelt.

Keine zwei Gassenwindungen weiter umspült sanfter Jazz meine Ohren, wie von Sirenen lasse ich mich von ihm dazu verführen, seinen Klängen zu folgen, und tatsächlich, da ist sie leibhaftig, die Bar, die ich mir in meinen Wünschen ausgemalt habe. Schnell komme ich mit dem Barbesitzer ins Gespräch, mit dem ersehnten Glas vino in der Hand, und stelle ihm die unvermeidliche Touristenfrage, wie es Ortigia so ergangen ist, seit der Anerkennung als UNESCO-Weltkulturerbe – eine Frage, die ich sogleich bereuen sollte.

„Peggiora, peggiora, peggiora.“

Und weiter geht sein Sermon, wie hier alles vor die Hunde geht, sich nichts ändert, zur Fußgängerzone hätte Ortigia schon längst umgebaut werden sollen, aber dass die Reichen sich dagegen sträuben, weil sie mit ihren Autos weiterhin hereinfahren wollen, obwohl es doch sowieso keine Parkplätze gibt, und außerdem scheißen die Hunde die Gassen voll und keinen kümmert es.

Unverkennbar gehört der Barbesitzer zu der jungen zornigen Generation von Sizilianern, die auf Grund der miserablen wirtschaftlichen Lage schon die halbe Welt gesehen haben und mit dem frischen Wind ihrer Ideen ihre Heimat umgestalten wollen. Ein zweischneidiges Schwert, so denke ich mir im Stillen, einerseits kann ich seinen Unmut nur allzu gut nachvollziehen, andererseits überkommt mich das traurige Gefühl, die Insel in dieser Form zum letzten Mal gesehen zu haben: In spätestens zwanzig Jahren wird Ortigia von den Geschäftemachern vereinnahmt worden sein, zur zona turistica verkommen sein, durch dessen Gassen sich quengelnde Deutsche und rosige Engländer vorbei an Läden voller Souvenir-Schnickschnack schieben; und abends in internationalen Bars beschallt von internationaler Hitparade mit internationalen Longdrinks in der Hand um sich grölen.

„Österreicher?“, fragt mich jemand in den Rücken, in einer mir unerwartet heimatversöhnlichen Sprache, die mich nach einer Woche mit schwierigem Italienisch und unverständlichem Sizilianisch einige Sekunden kostet, um den richtigen Schalter in meinem Kopf umzulegen. Zwei Mädchen sind es, die am Tisch hinter mir sitzen, und wie mich die eine, eine Tirolerin, als ihren Landsmann entlarven konnte, wird ewig ein Rätsel vor dem Herrn bleiben. Aus der Po-Ebene die andere, Padova, um genau zu sein, also beide Ausländer der ersten Kategorie gleich mir, hier in Ortigia, der Siracusa vorgelagerten Insel im tiefsten Süden Siziliens.

Nach meinem Glas Wein fasse ich und setze mich an ihren Tisch, und nach dem ersten Schlagabtausch der üblichen Klischees, was das Leben nördlich und südlich von Hannibals Alpen unterscheidet, nach einiger Vertrautheit und einigen Gläsern schließlich die gegenseitige Beichte, welche Winkelzüge des Schicksals uns jeweils hierher verschlagen haben. Eine Heirat die eine, Schafehüten auf einer sizilianischen Alm die andere, aber den mir gebotenen Erzählungen fehlt es an lässiger Glattheit, komplizierte Lebensgeschichten einschließlich erlittener Niederlagen spiegeln sich darin.

Und während ich Glas für Glas Wein die Groteske unseres Dreiecks klarer in Augenschein nehme, einerseits das Mädchen aus Padova, das sich hierher geflüchtet hat, um in einer Zeitscheibe Urlaub vom Leben zu nehmen, andererseits die Tirolerin, aus deren Mienenspiel ich ablesen kann, dass sie hier festklebt, nicht mehr weg kann, ihren Aufenthalt hier Monat für Monat hinauszögern wird, und schließlich mich mittendrin, den ein zerbrochener Lebensabschnitt bis in den südlichsten Winkel Siziliens flüchten hat lassen, um wieder zu einem klaren Gedanken zu gelangen, kommt mir ein Zitat aus einem berühmten sizilianischen Roman in den Sinn:

„Wenn wir wollen, dass alles so bleibt, wie es ist, wird sich alles ändern müssen.“

Harald Schoder
derewigreisende.net

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Kusch

Endlich ein warmer Tag! Nach einem halben Jahr Winter sehnen sich Körper und Seele nach der Sonne wie die Blumen nach dem Wasser. Da ist mein Rad. Mein italienisches Rennrad. Nicht unbedingt das neueste Modell. Muss ja nicht unbedingt sein. Den Winter über in der Garage gestanden. Von Spinnweben überzogen befreie ich es erstmal davon. Ich fahre immer wieder dieselbe Strecke. Egal. Ich werde nicht müde dabei. Im Gegenteil. Ich kenne jetzt beinahe jeden Maulwurfshügel, der den Radweg säumt. Ok, die neuen unter ihnen natürlich nicht. Aber immerhin jedes Schlagloch. Die Reifen meines Bikes sind sehr schmal. Jeder größere Stein könnte die Felge beschädigen. Man muss höllisch aufpassen, damit das nicht passiert.

Unglaublich, wie viele Grüns die Landschaft zu bieten hat. Dort vorne ist ein Rapsfeld. Das ist gelb. Und wie gelb! Der süße Geruch steigt in die Nase. Über mir fiept ein Falke. Hat wohl ein Mäuschen ausgemacht im Acker. Arme Maus. Jetzt bist du dran! Ich aber schon auch, gell. Denn da vorne ist ein Gartentor offen und auf der Rasenfläche steht ein – ein Dobermann. Nein, ein Rottweiler, dessen Hinterteil mir zugewandt ist. Ich höre kurz zu treten auf. Die Zahnräder meines Rades surren munter weiter. Ob er das hört? Was tu ich, wenn der herausrennt? Ich habe eine kurze Hose an. Die nackten Waden drängen sich förmlich auf, hineinzubeißen. Gleich bin ich vorüber. Bis jetzt hat er sich nicht umgedreht. Er bemerkt mich gar nicht, der Unhold, der nachlässige. Ich würde ihm heute das Futter verweigern. Was für eine Dienstauffassung! Uff! Vorbei. Das ist nochmal gutgegangen. Jetzt aber Gas und nichts wie weg. Unmöglich, dass er mich noch einholen könnte. Ich erwäge einen anderen Rückweg zu nehmen.

Mein Freund hatte einen Berner Sennenhund, der auf den Namen Panz   n i c h t   hörte. Ein hochsensibles Tier. Immer dann, wenn er das Mopedgeräusch des Postlers vernahm, raste er durch den Garten den Zaun entlang und setzte jedes Mal mit einem kühnen Sprung über denselben, sobald der Mann daran vorbeifuhr. Naturgemäß hatte er den armen Kerl dann an der Hose. Irgendwann hat der Briefträger das Handtuch geworfen und gekündigt, habe ich erfahren.

Nun, mit etwas Feingefühl könnten Hundebesitzer die zahlreichen Differenzen um ihr Getier vermeiden, denn schließlich haben Spaziergänger, Jogger oder Radfahrer ein Recht,  die Natur genießen zu können und auf einen gesicherten Auslauf, ohne sich gleich in die Hose machen zu müssen, wenn so ein unberechenbares Monstrum wütend bellend mit aufgerissenem Maul auf sie zu kommt. Man darf also erwarten, dass Hundebesitzer ihre Bestien an die Leine nehmen, oder zumindest für geschlossene Pforten in ihren Refugien sorgen. Was soll man denn schließlich in so einem Fall selbst tun? Man sucht in der Regel nach Hilfe. Nur woher soll die kommen? Von einem hohen Baum vielleicht? Den zu ersteigen sind manch freilaufende Naturliebhaber körperlich oft nicht mehr imstande. Und woher soll man wissen, ob das Luder gefährlich ist oder bloß neugierig oder gar nur spielen will?

Die ganz G’scheiten sagen, man muss die Warnsignale „dös Türes“ beobachten. Ob es die Nackenhaare aufstellt etwa. Ob das Biest knurrt oder die Lefzen hochzieht. Wird es steif und bewegt sich vorerst ganz langsam, dann ist normalerweise Gefahr im Verzug. Wedeln wäre gut, dann is’ es friedlich. Aber die gaaanz G’scheiten meinen, das is‘ nix, es kann wedeln wie es will und schnappt dann trotzdem zu, das Sauviech. Also was jetzt? Wie sollst du dich da richtig verhalten, frag ich mich? So tun, als ob das Untier gar nicht da wäre? Eh, versuch das mal bei einem achtzig Kilo Rüden. Der zeigt dir schon, dass er da ist, darauf kannst du Gift nehmen. Andere raten, langsam weitergehen, so ganz normal. Und bloß nicht ansprechen. Stehenbleiben schon gar nicht. Und auf keinen Fall anfassen! Also das wär ganz falsch. Davonlaufen tät ich auch nicht. Das nährt bloß den Jagdtrieb. Und den wollen wir sicher nicht wecken, wenn wir schon wie Beute aussehen.

Da vorne ist ein Bauernhof, man riecht es. Die haben dreißig Kühe im Stall und die Tür ist offen. Davor ist eine Mistlacke, so schwarz wie das Wasser in einem schottischen Hochmoor. Im Dartmoor angekommen, will sich der verzweifelte Henry erschießen. Er kann jedoch von Sherlock Holmes und John davon abgehalten werden. Holmes erklärt diesem, dass er den Hund zwar gehört, aber nicht gesehen hätte, der seinen Vater getötet hatte. Aber er hätte einen Mann gesehen. Da plötzlich ertönte ein furchtbares tiefes Bellen und eine unheimlich aussehende riesige Bestie mit tigerartigen Zähnen im weit aufgerissenen Maul kommt auf sie zu. Sherlock bemerkt, dass nicht der Zucker im Kaffee die Wahnvorstellungen ausgelöst hat, sondern der Nebel rund um sie herum. Aber Dr. Watson ist auf der Hut. Er und Kommissar Lestrade erschießen die Bestie, die in Wirklichkeit nur der Hund von Gary und Billy war, den die beiden freigelassen hatten, da sie es nicht übers Herz gebracht hätten, ihn einschläfern zu lassen. So, oder so ähnlich ging die Geschichte wohl.

Verdammt, jetzt bin ich doch auf einen größeren Stein aufgefahren, in Gedanken wie ich war, ohne auf den Weg zu achten. Meine arme Felge!, denke ich und steige kurz ab, um sie näher in Augenschein zu nehmen. Aber sie ist nicht verbogen, Gott sei Dank. Dann also weiter, den Hügel dort hinauf und die Bundesstraße entlang, parallel am Radweg.

Wenn ich diesen Weg zurückfahre, ist das Tor hoffentlich geschlossen, leide ich vor mich hin. Hund an der Leine, fällt mit ein, macht den Raufer in ihm erst so richtig stark. Der ist aber nicht an der Leine. Also finde ich mich gedanklich mit geschlossenem Tor ab. Sind jedoch zwei solcher Brownies und Blackies und Waldis und wie sie alle heißen in eine Beißerei verwickelt, sollte man sich lieber nicht einmischen und dazwischengehen. Blöd würde ich sein, denke ich. Eventuell dann, vielleicht, wenn einer eindeutig der Schwächere ist. Den muss man retten. So ein Schmarren! Was gehen mich die Hunde an! Ich habe schon genug mit meinem inneren Schweinehund zu tun. Die Chance, dass man dabei gebissen wird, ist relativ gut. Wer das will, na bitte! Wenn die im Blutrausch nicht Freund vom Feind unterscheiden können, selber schuld, sage ich.

Da! Da vorne ist mein Wendeplatz. Genug für heute. Zehn Kilometer, macht zwanzig hin und retour. Reicht fürs Kreislauftraining, finde ich, bleibe kurz stehen und nehme einen Schluck aus der Wasserflasche. Strecken ist wichtig danach, ich bin schon ganz verbogen wegen des Rennlenkers. Ja, Sport ist Mord! Ich wende und trete wieder voll rein. Vor meinem geistigen Auge steht der braune Rottweiler. Rostbraun, denke ich. Wieso ist der rostbraun? Ich kenne nur schwarze. Aber noch bin ich ja nicht da. Dort drüber stehen zwei Rehe. Is’ ja süß. Jetzt bemerke ich, ein Junges ist auch dabei. Entzückend! Sie sehen zu mir rüber. Hi! Ich hebe den Arm und winke. Scheint sie nicht im Geringsten zu berühren. Ich habe nicht erwartet, dass eines von ihnen den Huf hebt. Trotzdem.

Wieder beim Kuhstall vorbei. Jetzt sind es nur noch ein paar Minuten, dann passiere ich den mysteriösen Garten mit seinem nachlässigen Wächter. Ich gehe nochmals die Regeln durch. Den Kläffer also nicht ansehen. Normal weiterfahren. Nur dann langsamer werden, wenn das Ungeheuer bellt oder sich anschickt, hinterher zu jagen. Ruhig mit ihm sprechen. Ich dachte, nicht anreden? Was jetzt? Vielleicht ein Kommando loslassen, so wie „geh Platz“ oder „aus“! Oder mit der Hand nach unten weisen und ihn kurz und streng anschauen. Ich muss lachen. Grade, wenn der mich am Wadel hat, werd’ ich „Platz“ rufen. Eh klar. Ich ziehe den Mund zu einem breiten Grinsen. Der wird sich einen Dreck um meine Kommandos scheren, so sieht’s aus, weil der mitnichten auf sein Herrl hört, wenn’s ihn juckt, das kenn ich schon. Auf gar keinen Fall mit den Armen herumfuchteln. Hände am Rücken oder in die Taschen. Schwachsinn, geht gar nicht, sonst flieg ich vom Rad.

Mit ausreichendem Abstand nicht allzu schnell vorbeifahren, überlege ich mir. Damit ich den Hund nicht erschrecke. Genau! Ich lache wieder, diesmal laut. Wer da wen erschreckt, möchte ich wissen! Eventuell klingeln. Wieso? Ich dachte, kein Geräusch verursachen? Was mir so alles einfällt in der Angst, ich muss mich doch sehr wundern. Außerdem hab ich gar keine Klingel, jedes noch so kleine Gewicht wäre zu viel für so ein schnelles Rad, habe ich beschlossen. Am besten etwas bremsen. Bloß nicht. Mit genügend Tempo kriegt er mich vielleicht nicht, oder? Der Hund ist in jedem Fall schneller, höre ich immer. Stehen bleiben und auf der anderen Seite vom Rad in Deckung gehen. Rad ist also zwischen mir und dem Bastard, wenn sich kein Besitzer zeigt. Aber der ist nicht deppert, der riecht den Braten und rennt hinten herum, schneller als ich wenden kann, und dann bin ich’s!

Als kleiner Junge war ich mit dem Vater einmal um Zement im Bauhof. Wir hatten eine Schiebtruhe mit, ich war beim Vater eingehängt, am Rockzipfel sozusagen, denn dort lief ein semmelblonder Schäferhund herum mit schwarzen Flecken, und es war bekannt, dass der Kinder nicht mochte. Warum sollte er also gerade mich mögen? Also musste es kommen, wie es kam. Wir hatten schon aufgeladen und schoben die Karre eben zum Tor hinaus, da wetzt der Köter gerade auf mich zu und beißt mich in den Oberschenkel. Ich brülle aus Leibeskräften (völlig falsche Reaktion, heute weiß ich es), bis der Besitzer gelaufen kommt und ihn an die Leine nimmt. Hätt’ er das nicht schon vorher tun können? Mein Oberschenkel wird rotblau. Ich muss zum Arzt und kriege eine Tetanusspritze. Super!

Die Luderviecher riechen seit damals schon von weitem, dass ich ordentlich Spundus hab vor ihnen und nützen das alle weidlich aus, mir Angst zu machen. Heute noch, als Erwachsenem! Schönes Trauma hab ich mir da zusammengeträumt! In einem klugen Hundebuch habe ich einmal gelesen, besser auf den Besitzer warten, wenn’s brenzlig wird, das ist witzig! Und jetzt wird’s langsam brenzlig. Hinter der nächsten Kurve liegt schon der verflixte Garten mit dem überdimensionalen Rollmops darin. Ich werde mich auf kurze Kommandos festlegen, wenn er rauskommt. „Steh!“ Oder „geh in Oasch!“, grinse ich. Nein, das sagt man nicht, würde mich meine Gattin ermahnen.
Diesmal ist mir das Lachen im Halse stecken geblieben, denn ich kann   i  h  n  bereits auf der kurz geschorenen Rasenfläche erkennen. Er steht noch genauso da wie vorhin, fällt mir auf. Seine Lieblingsstellung nehm ich mal an. Wie der wohl von vorne aussieht? Grauenhafte Visage mit rasiermesserscharfen gefletschten Zähnen. Speichel trieft aus seinem entsetzlichen Maul.

Vater hat immer gesagt, stets vorher fragen, wenn man einen Hund streicheln will. Wer will ihn streicheln, zum Geier? Wenn kein Besitzer zu sehen ist, ganz einfach nicht hingehen. Tu ich sicher nicht, das Gegenteil ist der Fall. Wenn schon, dann erst die Hand beschnüffeln lassen. Zack, hat er dich schon! Wie ich mir das so vorstelle! Und dann erst streicheln, aber nicht fest anfassen. So bled (sic!) werd ich sein! Ich gehöre zu den ängstlichen Kindern, also muss ich lernen, ruhig zu sein und darf nicht quietschen. Wie, davor oder nachdem er mich gebissen hat? Und hinter den Eltern verstecken geht gar nicht, das ist unfair, sagt der Moppel, komm sofort hinter Mamas Kittel hervor, das gilt nicht! Wie soll ich dich denn dort schnappen, nicht? Noch schlimmer ist es, wenn die zu zweit oder zu dritt sind. Dann stacheln sie sich gegenseitig an, den vermeintlichen Gegner fertigzumachen. Aber man muss es listig anstellen, den Auslöser für ihr instinktives Jagverhalten ausschalten, und das heißt: nicht laufen, nicht schreien, stehen bleiben und ganz ruhig sein. Rad fahren schon gar nicht! Das Ruhigsein müsste ich vorerst einmal üben. Vielleicht mit Hinfallen und den Hals mit angewinkelten Armen schützen.

Oh Gott! Mir wird übel. Es kann jetzt nicht mehr weit sein, bis zum offenen Gartentor. Die Superg’scheiten sagen auch, es wäre äußerst selten, dass scharfe Hunde Menschen so ganz wahllos angreifen. Wahllos? Der da wählt sicher aus, und zwar mich! Weiß meiner da vorne das auch, dass er selten beißen soll, frag ich mich? Vielleicht hat er schon lange nicht gebissen und will an mir bloß üben? Egal, denn dann habe ich ohnehin nur zwei Möglichkeiten, entweder es kommt wer, der ihn wegholt, oder ich kann abhauen. Fifty-fifty. Wegfahren in diesem Fall, versteht sich. Ich übe also schon mal Blick abwenden und Arme entspannt am Lenker liegen lassen. Sollte ihn das kalt lassen, dann eben ein „Kusch“ oder so ähnlich. Ich kann nur hoffen, dass er deutschsprachig abgerichtet wurde, und nicht serbokroatisch. Da müsste ich passen. Wenn er zupackt, dann jedenfalls „nein!“, aber überdeutlich.

Dann geht noch – möglichst Distanz schaffen. Ich trete also wie irre in die Pedale. Is’ er noch immer da, vielleicht besser ablenken. Ich könnte ja meine Trinkflasche wegwerfen und rufen, „hol das Stöckchen, blödes Vieh!“ Nein? Wenn nicht, dann eben nicht. Bleibt nur noch, Arme hochwerfen und Hals schützen. Wie bereits erwähnt, endet so etwas am Rad meist mit einem Mordsstern. Ich glaube, mich an jener Stelle an etwas Schotter auf der Fahrbahn zu erinnern. Wie auch immer. Jedoch keine Abwehrbewegungen, das reizt den Mordgesellen in ihm. Also ruhig reinbeißen lassen, bis das Blut warm die Waden hinuntersudelt. Beiß nur, lass dir’s schmecken, heut Abend gibt’s dann nichts mehr, klar? Sich wehren, ihn auf die Nase treten oder so sollte man besser sein lassen, diese Fiffis spüren im Kampf keine Schmerzen, so bei der Sache sind die.
Na, und dann sollte man auch nicht deren Kraft unterschätzen und das, was sie da vorne im Maul haben, ist nicht unbedingt eine Prothese. Eine Laufleine im Garten wäre schon eine nützliche Sache, überlege ich. Aber was soll’s, wenn er keine hat. Und der hier hat mit Sicherheit keine. Klar findet der es klasse, wenn ich da vor seinem Bewegungsmelder vorbeiwetze. Hat ja sonst nichts zu tun, die Töle, als den ganzen Tag auf die Straße starren. Fad ist das, versteh ich eh. Aber wie kommt unsereins dazu, für ihn den Pausenclown abzugeben? Soll sich ein Gummientlein aus seinem Körbchen holen, das quietscht auch, wenn er es zwickt. Aber nein, es geht ihm ja ums Hinterherrennen, klar. Das hält fit. Stehenbleiben gilt als sicherste Methode für den Nichtangriffspakt.

Dadurch mache ich mich für ihn völlig uninteressant, oder? Der will ja, dass ich abhau, wo bliebe denn sonst die Erfolgsquote? Wenn ich stehen bleib, fällt er um diese um, dann muss er sich fragen, wozu er überhaupt noch gut ist. Kriegt womöglich die Krise und muss zum Hundepsychologen. Kann ich das verantworten? Nein, was wäre ich denn für ein Ekel. Aber wenn ich stehen bleib, dann denkt er womöglich, ich will was von ihm. Und dann geht das ganze Theater von neuem los. Dann wacht der Wächter des Hauses in ihm auf. Na na na na, stehengeblieben wird nicht!, beschließe ich. Kommt überhaupt nicht in Frage. Ich werde ihn ganz einfach ignorieren. Genau! Ich sehe ihn nicht an, nehme ihn nicht wahr, schaue an ihm vorbei und zähle die Schäfchenwolken am Himmel so lange, bis ich an ihm vorüber bin.

Laut Statistik sind es die Männer, die immer gebissen werden, weil sie ihr eigener Ehrgeiz plagt, diesem Hundehund zu entgegnen. Das geht meist an die Hose. Frauen seien im Übrigen viel diplomatischer, heißt es. Die gehen da einfach ruhig vorbei und haben es nicht notwendig, ihren Mut, den sie gar nicht haben, unter Beweis zu stellen. Wir Männer, wir lassen uns da viel zu sehr emotionalisieren, nehmen alles persönlich, schreien das Tier an, beschimpfen es und so. Ich kann das gut verstehen. Schließlich bin ich ja einer von ihnen.
Ich könnte natürlich auch körperliche Präsenz vor dem Tier zeigen, mich vor ihm aufbauen und wichtigmachen, wie die Eingeborenen ihren Kindern in der Kalahari beibringen, sich mit zwei Holzstücken an den Kopf gehalten, größer zu machen als sie sind, um so Hyänen zu vertreiben. Die fallen auf den Schmäh rein, gewiss. Der Rotti da lacht sich einen Ast, wenn ich das mach. Aber – bloß mit dem Körper imponieren – der Haken dabei ist, ich wiege kaum achtundsechzig Kilo und in der Landschaft bin ich ein Strich. Das wäre also keine so gute Idee. Vor so einem wie mir hat   d  e  r    da  sicher keinen Respekt.

So, jetzt aber wird es wirklich ernst, da vorne. Schon sehe ich das offene Tor. Also gut, du willst es ja nicht anders, denke ich. Gleich, gleich bin am Tor. Ja, jetzt. Dort hinterm Busch die Bestie. Steht ganz ruhig da. Der Doggy muss mich doch schon riechen können? Ich fahre ruhiger, passiere das Tor. Bin daran vorbei. Jetzt hab ich schon einen kleinen Vorsprung. Ich schiele im Augenwinkel auf sein Hinterteil. Steht immer noch so da wie vorhin. Starrt der die ganze Zeit über die Mauer an? Aber gleich, gleich wird er herausgaloppieren. Ich überlege schon mal ein Schimpfwort. Nein, besser dieses „Platz“ oder „Aus“ oder „Verschwind“!
Aber der Wauwau kommt nicht. Ein ganz Gerissener! Der will, dass ich mich in Sicherheit wiege und dann… Ich schwitze wie ein Firmling. Der Schweiß rinnt mir über die Stirn, die Wangen, an der Nase vorbei direkt in den Mund. Ich schmecke Salziges. Mein Herz rast. Soll ich mich umdrehen? Merkt er das? Nimmt er das als Herausforderung für eine Attacke an? Nimmt er mir das übel? Ich wende also meinen Kopf rasch nach hinten. Dort steht das Luder. Regungslos. Wieso? Ich versteh nicht. Langsamer. Ich werde langsamer und bleibe vorsichtig stehen, Pedal nach oben, bereit sofort loszutreten. Mein „bester Freund“, mein vierbeiniger, steht dort am Rasen und rührt sich nicht. Eigenartige Farbe hat er, denke ich. Irgendwie… das ist… das gibt’s nicht! Irgendwie rostig. Ich werd verrückt!    N e i n !    Eine Attrappe! Der ist aus Metall! Der Hundsfott ist reine Deko! Ich halt’s nicht aus!

Norbert Johannes Prenner

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 16064

On the Road Again

Einen Spaziergang machen. Zum Nachdenken, zum Runterkommen, zum Erholen, und um alles von sich abzuschütteln, was so an einem unangenehm haften geblieben war die letzten Tage. Alles loswerden, was einen so vereinnahmt. Die kleinen Histörchen, Skandale, die Familiengeschichten, Songtexte und und und. Wenn das so leicht wäre! Landschaft. Konzentrieren auf die Landschaft. Dort ein Baum, ein Strauch, ein Vogel am Himmel. Ein Vogel? Ein Flugzeug. Dahingehen auf einer Straße.

Wieder auf der Straße
Kann es gar nicht erwarten, wieder auf die Straße zu kommen
Das Leben, das ich liebe, besteht daraus, irre Sachen mit meinen Freunden zu machen…

Seine Schritte über die nahen parallel zum See liegenden hügeligen Weingärten lenken. Auf einem – Güterweg, immerhin asphaltiert, mitten im Grünland, wie überall hier. Beinah eine Straße. Das Wetter war gar nicht so mild wie anfangs erwartet. Ein ziemlich kalter Wind fegte von Westen her über die blattlosen Weinstöcke. Wo er auf Widerstand traf, pfiff er sein Lied unaufhörlich an den dünnen Drähten der Weinstöcke. Über den Himmel zogen, aufgefädelt wie Perlen an einer Kette, Flugzeuge im Dreiminutenabstand ziemlich tief ihre Anflugsrunden auf den nahen Flughafen. Kinder hätten vielleicht gewinkt oder ein Taschentuch geschwenkt, das die Passagiere hätten sehen sollen. Erwachsene unterlassen solchen Unsinn. Die Welt der Erwachsenen ist zumeist eine nüchterne. Es findet sich oftmals kein Platz für Träume und Fantastereien darin. Weit hinten am Horizont war der bewölkte Himmel etwas aufgebrochen und ließ den einen oder anderen Sonnenstrahl auf das schwache Grün darunter herniederblitzen. Tief Luft holen und nach oben blicken. An manchen Stellen klarte es etwas auf. Nachdenken. Ein Gefühl, als stünde man barfuß auf dem Rücken zweier Pferde im Galopp, die unaufhörlich weiterlaufen, während man die Zügel zwar in der Hand hält, es aber Mühe macht, die beiden Tiere beisammen zu halten, da sie jederzeit nach links oder rechts ausbrechen könnten. Und alles ist so unaufhaltsam – wie die Zeit, die nicht zu stoppen ist, die einem nicht sagt, wohin denn die eigene Reise geht. Einmal anhalten können. Verschnaufen können. Überlegen, ob der richtige Kurs vorliegt. Korrekturen anbringen.

Wieder ein Airbus über dem Kopf. Der Wind trug Fetzen eines Liedes vom Ortsfriedhof an die Ohren heran. Blasmusikkapelle. Ich hatt´ einen Kameraden! Der junge Mann, den sie begruben, war erst zweiundfünf-zig, wie zu erfahren war, und sie spielten ein Soldatenlied! Zweitau-sendundsechzehn! Nicht etwa Yesterday oder wenigstens Time To Say Goodbye. Weiter auf der Straße, die den Weg bedeutet.
Da kletterte irgendein Junge aus der Fantasie der Erinnerungen, der einmal in Los Angeles ein Kleinflugzeug entführt hatte und mit diesem über Death Valley geflogen war. Die Polizei suchte ihn wegen Mordes an einem Cop.

Sich in Fantasien er- und eine Straße entlanggehen. Sich in die Lage eines solchen Jungen versetzen. So eine Piper selbst starten und über die Rollbahn fegen. Abheben. Über den Wolken sein. Sonne putzen. Wieder bloß ein Lied. Oder doch Wirklichkeit? Seine Blicke dem Kreisen eines Bussards über dem Acker folgen lassen. Die Welt von oben betrachten. Die Sorgen unten lassen, auf der Erde. Alles Irdische der Erde überlassen. Eine Liebesgeschichte träumen.

Daria, ein junges Mädchen, fuhr im Wagen ihres Freundes in Richtung Denville, oder Glenville. Oder war´s Merryville? Egal. Irgendwo in Phoenix, irgendwo in der Wüste. Ein fantastischer Ort zum Meditieren, telefonierte sie ihrem Chef, der sie lieber in seinem Privatflugzeug mitgenommen hätte, als sie alleine durch die Wüste fahren zu lassen. Was sie denn dort mache? Meditieren, antwortete sie. Was sie damit meinte, fragte ihr Vorgesetzter. Über Dinge nachdenken, sagte sie, kurz angebunden, und hängte auf. In irgendeiner Bar in einem Wüstenkaff. Während die Sonne gnadenlos herunterbrennt, gerät die Geschichte in die Gegenwart. An der Bar hängt ein von Wind und Sonne gegerbter alter Mann herum, der sein Bier trinkt und in einem fort Zigaretten raucht. Wissen Sie, wo Merryville ist? Er schüttelt wortlos seinen Kopf. Aus der Musikbox ertönt Tennessee Waltz. I was dancin‘ with my darlin‘ to the Tennessee Waltz. When an old friend I happened to see. I introduced her to my loved one. And while they were dancin,‘ my friend stole my sweetheart from me. Daria setzt ihre Fahrt mit dem grauen alten Zwölfzylinder fort.

Ich kann es kaum erwarten, wieder auf die Straße zu kommen.
Wieder auf der Straße…
Orte besuchen, an denen ich noch nie gewesen bin.
Dinge sehen, die ich danach vielleicht nie mehr wieder sehe.
Ich kann es gar nicht erwarten, wieder auf die Straße zu kommen.

Daria fährt in dem alten Buick über eine endlose Landstraße. Vom Autoradio ist Hillbilly-Musik zu hören. Da plötzlich – das Flugzeug des Jungen über ihr! Daria steigt aufs Gas. Was will der Verrückte denn? Er wendet und kommt im Tiefflug direkt auf sie zu. Daria duckt sich hinter dem Volant und schüttelt ungläubig den Kopf. Der hat sie doch nicht alle! Der Junge zieht die Maschine abermals hoch, fliegt einen weiten Bogen und rast aufs Neue frontal auf sie zu. Daria flucht leise. Nun kippt er das kleine Seitenfenster des Flugzeugs auf und wirft ein T-Shirt über Daria ab. Dann beobachtet er, wie sie hinläuft und es aufhebt, es mit beiden Händen an ihren Körper anlegt und zu ihm herauflacht. Der Junge landet das kleine Flugzeug sicher auf dem Highway. Er steigt aus, sie sehen sich in die Augen. Ob sie ihn mitnehmen könne, in die nächste Siedlung. In zwanzig Meilen Entfernung wäre die nächste. Er braucht Benzin. Seine braunen Augen spiegeln sich in ihren blauen.

Wieder auf der Straße
Wie Landstreicher streunen wir den Highway hinunter.
Wir sind die besten Freunde, sagen wir, und toll, dass die Welt sich in unseren Wegen kreuzt.
Und unser Weg ist wieder die Straße.

Da wäre ein Polizist erschossen worden. Daria hätte es im Radio gehört. Der Junge sieht zu Boden. Und dass die Pflanzen hier im ewigen Sand nicht eingehen. Ein Wunder auch, bei der Hitze. Rauchst du?, fragt Daria. Nein, ich gehöre einer Gruppe an, die auf Wirklichkeitstour ist. Das heißt, sie können sich nichts vorstellen, lacht Daria und dreht einen Joint. Der Junge erzählt ihr über sein gescheitertes Uni-Leben und von den Studentenunruhen und er fügt an, ja, da sei ein Polizist erschossen worden.

Aber schon laufen sie schreiend und singend eine Geröllhalde hinunter und legen sich in den heißen Sand eines ausgetrockneten Flussbettes, wo sie im Schatten gemeinsam den Joint rauchen. Man muss sich entscheiden, auf welcher Seite man steht, sagt Daria und man könnte alles anders machen, wenn man nur wollte. Der Junge sieht sie ungläubig an. Es ist friedlich hier. Es ist alles tot hier, entgegnet der Junge. Tun wir so, als wären deine Gedanken Pflanzen, muntert sie ihn auf. Wie sehen deine aus?, fragt sie neugierig. Wie Unkraut? Oder Gänseblümchen? Sie lachen. Es wäre schön, wenn man eine glückliche Kindheit pflanzen könnte. Und liebevolle Eltern, sagt er. Dann beginnen sie, im Niemandsland um die Wette zu schreien.

Als sie die Steinrinne wieder emporgeklettert sind, steigen sie in den alten Buick und fahren weiter. Unterwegs halten sie an einer herunter-gekommenen Hütte. Ein alter Mann mit weißen Bartstoppeln hilft ihnen, das Flugzeug, das der Junge geklaut hat, bunt zu bemalen. Niemand versteht, wie die Piper plötzlich hierhergebracht worden war. Ich werde es zurückbringen, sagt der Junge. Du kannst es nicht einfach zurückbringen, versucht Daria ihm das Wagnis auszureden. Aber der Junge lässt sich nicht beirren. Er küsst Daria auf den Mund und steigt ins Flugzeug. Während es abhebt, winkt sie. Ihr Winken ist das eines Kindes. Danach setzt sie ihre Fahrt fort. Der Radiosender meldet, dass ein junger Mann auf dem Rollfeld in L.A. erschossen worden sei, als er ein gestohlenes Flugzeug gelandet habe.

Kann es gar nicht erwarten, wieder auf die Straße zu kommen
Das Leben, das ich liebe, besteht daraus, so Sachen mit meinen Freunden zu machen und so…

Daria folgt der Aufforderung ihres Chefs, sich bei ihm mitten in der Wüste in einer Luxusvilla einzufinden, in der eine wichtige Konferenz stattfindet. Aber Daria empfindet nur Leere und Einsamkeit. Es interessiert sie nicht, was hier gesprochen und verhandelt wird. Sie kann unbemerkt in ihr Auto zurückkehren. Sie setzt sich hinein und starrt auf das Gebäude. Ihre Gedanken sprengen ihr Bewusstsein. Ihre Gedanken sprengen dieses Gebäude. Heftige Explosionen erschüttern die karge Gegend. Sessel, Lampen, Tische, Bücher, Tassen, Teller Schränke, Einrichtungsgegenstände, zahllose Trümmer fliegen in Zeitlupe vor ihren Augen in die Luft, schweben eine Zeit lang im Raum und sinken lautlos zu Boden. Musik von Pink Floyd begleitet den irren Trümmertanz. Als es still wird um sie, ist ihr, als hörte sie eine Stimme in ihr:

I was dancin‘ with my darlin‘ to the Tennessee Waltz
When an old friend I happened to see
I introduced her to my loved one
And while they were dancin‘
My friend stole my sweetheart from me.

Norbert Johannes Prenner

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 16038