Im Labyrinth der Zeit

Se vogliamo che tutto rimanga come è, bisogna che tutto cambi.
– Tomasi di Lampedusa: „Il gattopardo“

„Parlare, parlare, parlare, so lösen wir die Probleme hier in Sizilien.“

Und die Erleichterung steht meinem Zimmervermieter ins Gesicht geschrieben, dass mein Fernsehanschluss wieder funktioniert, dass das Kabel gefunden worden ist, über das die minderbemittelten Maurer von der Baustelle nebenan gestolpert sein müssen, dass der Nachbar des einen Nachbarn den richtigen Stöpsel gefunden hat und ein anderer Nachbar das richtige Kabel dazu. Ein paar Worte über die Niederträchtigkeit der Maurerzunft im Allgemeinen fallen noch, dann löst sich die Hausgemeinschaft, die vorher noch so wortreich aufgeregt das schmale Gässchen vor meinem Quartier bevölkert hat, in Wohlgefallen auf, um einer sinnvolleren Tätigkeit nachzugehen, wie zum Beispiel fernsehen.

Und trotzdem will ein Anflug schlechten Gewissens angesichts des stundenlangen parlare nicht aus seiner Miene weichen, meinem Zimmervermieter, und so fragt er mich, ob er mir noch irgendwie helfen könne, mir als Reisendem von nördlich der Alpen, angesichts dieser fremden Stadt hier.

„Eine Bar mit einem ordentlichen Wein könnte mir jetzt nicht schaden.“

Breit sein Grinsen, seine Lieblingsbar will er mir zeigen. Und los marschieren wir, quer durch Ortigia, dem auf einer Insel vorgelagerten Stadtteil von Siracusa, quer durch das Gassenwerk der alten Viertel. Und angesichts der Einfachheit meiner Bitte scheint sich seine Zunge gelöst zu haben, den Fremdenführer im Schnelldurchgang spielt er, hier der normannische Teil, schau dir nur die gotischen Spitzbögen an, da der bourbonisch-spanische, siehst du ja an den prächtigen Palazzi, und dort der arabische, ja, die Bauweise gleicht einer Kasbah. Keine zehn Minuten lässt er mir Zeit für die Verdauung einer tausendjährigen Kulturgeschichte, die Völker aus allen Herren Länder auf diese Insel gespült hat, mir schwindelt es im Kopf vor lauter Zeitscheiben, gnädigerweise erspart er mir die tausend Jahre davor, die Phönizier, Griechen und Römer, damals als Wien noch ein Sumpf an der Donau gewesen war.

„Dein Quartier ist übrigens im ehemaligen jüdischen Viertel.“

Ja, das habe ich mir schon gedacht, angesichts der Tatsache, dass mein gewundenes Gässchen in eine kaum weniger gewundene, kaum weniger breite Gasse namens Via Giudecca mündet, überhaupt die gesamte Anlage meines Stadtteils, der so gar keine Anstalten zeigt, etwas mit der Außenwelt zu tun haben zu wollen, in sich verschroben und verdreht wirkt, und dessen Gässchen bis auf wenige Ausnahmen in sich selbst zu münden scheinen. Kein Wunder, sind es die Juden doch schon seit Jahrhunderten gewohnt, als Erste den Kopf hinhalten zu müssen, wenn die Menschen um sie wieder einmal etwas aus der Bahn wirft.

Unser Ziel erreicht haben wir, so scheint es, denn unvermittelt ist er stehengeblieben, voller Enttäuschung in seiner Miene.

„Chiuso.“

Ich wiederum mag seine Enttäuschung nicht teilen, denn als ich die Fassade seiner Lieblingsbar genauer in Augenschein nehme, kann ich mich nicht des Eindrucks erwehren, dass sich dahinter nichts anderes als ein ordinäres Puff verbirgt. Und mir steht das Verlangen tatsächlich nicht nach mehr als einem Glas Wein, nicht heute, nicht nach der ganzen Aufregung wegen eines Fernsehkabels.

Dass er es eilig habe, dass er noch etwas Anderes erledigen müsse, damit verabschiedet er sich hastig, dann ist er um die Ecke verschwunden, in einem der verwunschenen Gässchen. Und hat mich stehengelassen, in einem dunklen Winkel des labirinto von Ortigia, an dem ich nie zuvor gewesen bin, von dem ich nicht einmal sagen könnte, in welche Himmelsrichtung ich schaue, vielleicht hat er mich gar in einem anderen Jahrhundert ausgesetzt. Egal, setze ich ein paar mich selbst beschwichtigende Schritte, so groß ist die Inselstadt mit ihren Gassenschluchten nun auch wieder nicht, alle Wege führen einen irgendwann an die windige Stadtmauer, an die ein Mittelmeer wütend seine Brecher schlägt, so ganz anders, als es beispielsweise in der Bucht von Venedig vor sich hindümpelt.

Keine zwei Gassenwindungen weiter umspült sanfter Jazz meine Ohren, wie von Sirenen lasse ich mich von ihm dazu verführen, seinen Klängen zu folgen, und tatsächlich, da ist sie leibhaftig, die Bar, die ich mir in meinen Wünschen ausgemalt habe. Schnell komme ich mit dem Barbesitzer ins Gespräch, mit dem ersehnten Glas vino in der Hand, und stelle ihm die unvermeidliche Touristenfrage, wie es Ortigia so ergangen ist, seit der Anerkennung als UNESCO-Weltkulturerbe – eine Frage, die ich sogleich bereuen sollte.

„Peggiora, peggiora, peggiora.“

Und weiter geht sein Sermon, wie hier alles vor die Hunde geht, sich nichts ändert, zur Fußgängerzone hätte Ortigia schon längst umgebaut werden sollen, aber dass die Reichen sich dagegen sträuben, weil sie mit ihren Autos weiterhin hereinfahren wollen, obwohl es doch sowieso keine Parkplätze gibt, und außerdem scheißen die Hunde die Gassen voll und keinen kümmert es.

Unverkennbar gehört der Barbesitzer zu der jungen zornigen Generation von Sizilianern, die auf Grund der miserablen wirtschaftlichen Lage schon die halbe Welt gesehen haben und mit dem frischen Wind ihrer Ideen ihre Heimat umgestalten wollen. Ein zweischneidiges Schwert, so denke ich mir im Stillen, einerseits kann ich seinen Unmut nur allzu gut nachvollziehen, andererseits überkommt mich das traurige Gefühl, die Insel in dieser Form zum letzten Mal gesehen zu haben: In spätestens zwanzig Jahren wird Ortigia von den Geschäftemachern vereinnahmt worden sein, zur zona turistica verkommen sein, durch dessen Gassen sich quengelnde Deutsche und rosige Engländer vorbei an Läden voller Souvenir-Schnickschnack schieben; und abends in internationalen Bars beschallt von internationaler Hitparade mit internationalen Longdrinks in der Hand um sich grölen.

„Österreicher?“, fragt mich jemand in den Rücken, in einer mir unerwartet heimatversöhnlichen Sprache, die mich nach einer Woche mit schwierigem Italienisch und unverständlichem Sizilianisch einige Sekunden kostet, um den richtigen Schalter in meinem Kopf umzulegen. Zwei Mädchen sind es, die am Tisch hinter mir sitzen, und wie mich die eine, eine Tirolerin, als ihren Landsmann entlarven konnte, wird ewig ein Rätsel vor dem Herrn bleiben. Aus der Po-Ebene die andere, Padova, um genau zu sein, also beide Ausländer der ersten Kategorie gleich mir, hier in Ortigia, der Siracusa vorgelagerten Insel im tiefsten Süden Siziliens.

Nach meinem Glas Wein fasse ich und setze mich an ihren Tisch, und nach dem ersten Schlagabtausch der üblichen Klischees, was das Leben nördlich und südlich von Hannibals Alpen unterscheidet, nach einiger Vertrautheit und einigen Gläsern schließlich die gegenseitige Beichte, welche Winkelzüge des Schicksals uns jeweils hierher verschlagen haben. Eine Heirat die eine, Schafehüten auf einer sizilianischen Alm die andere, aber den mir gebotenen Erzählungen fehlt es an lässiger Glattheit, komplizierte Lebensgeschichten einschließlich erlittener Niederlagen spiegeln sich darin.

Und während ich Glas für Glas Wein die Groteske unseres Dreiecks klarer in Augenschein nehme, einerseits das Mädchen aus Padova, das sich hierher geflüchtet hat, um in einer Zeitscheibe Urlaub vom Leben zu nehmen, andererseits die Tirolerin, aus deren Mienenspiel ich ablesen kann, dass sie hier festklebt, nicht mehr weg kann, ihren Aufenthalt hier Monat für Monat hinauszögern wird, und schließlich mich mittendrin, den ein zerbrochener Lebensabschnitt bis in den südlichsten Winkel Siziliens flüchten hat lassen, um wieder zu einem klaren Gedanken zu gelangen, kommt mir ein Zitat aus einem berühmten sizilianischen Roman in den Sinn:

„Wenn wir wollen, dass alles so bleibt, wie es ist, wird sich alles ändern müssen.“

Harald Schoder
derewigreisende.net

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 16077

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