In Sand gemeißelt

Hinter uns die Nacht, im Schlafzimmer eines alten Bauernhofs inmitten der Toskana, die Nacht, in der es uns nach ungezügelter Liebe gelüstet hatte, jetzt am Morgen gelüstete uns nach Zahnbürsten, wer von uns schneller war, an der Regenrinne im Hof, grinste umso breiter. Und weggeputzt der Nachgeschmack der Nacht, gelüstete uns nach einem Nachspiel, nur weicher, gefühlvoller, sie jetzt obenauf. Und als auch dies vollbracht, umfiel uns die Langweile der Sprachlosigkeit zwischen zwei Fremden, die ein Schnellwaschgang aus Zufall und Schicksal zusammengespült und ins gleiche Bett hatte fallen lassen.

Die Hand entzog sie mir, mit der ich gerade noch gespielt hatte, Finger, über die ich gerade noch hinweggestreichelt war, Finger, die so ganz anders waren, als alle Finger der Frauen bislang, mit denen ich mich eingelassen hatte. Früher einmal gegossen aus Milch und Glas, aber nun schwielig und schwülstig mit Marmorstaub unter den eingerissenen und angebrochenen Nägeln, geschundene Finger, die den stundenlangen Umgang mit dem schweren Eisen von Hammer und Meißel gewohnt waren, entschlossene Finger, im Fassen, Führen und Fühlen geschult. Mit einem letzten Blick auf sie wurde mir bewusst, dass es diese Finger gewesen waren, mit denen ich schlafen hatte wollen, als ich gestern wie zufällig in ihre Werkstatt geschneit war, neugierig geworden durch die Skulpturen im Hof davor. Und nun, da sie mir ihre Hand entzogen hatte, fehlte mir jegliche Grundlage, eine Fortsetzung mit dieser Filomena zu finden und zu knüpfen, und auch sie war in abgekühltes Schweigen verfallen.

„Ans Meer könnten wir fahren.“

Mit der Kraft der Lustlosigkeit schließlich in die Leere des Raums geworfen dieser Satz, und wer ihn von uns beiden von sich gestoßen hatte, ließ sich nicht mehr nachvollziehen, den Gedanken ließen wir einige Zeit im Schlafzimmer kreisen, bis wir ihm das nötige Maß an Gefallen abgewinnen konnten, in Ermangelung einer anziehenderen Idee. Und so waren wir eben hinunter ans Meer gefahren, weil uns nichts Besseres eingefallen war, aus Langeweile und Sprachlosigkeit, und auf einer Düne waren wir zu sitzen gekommen, still und schweigsam, und mit Wohlwollen hatten wir bemerkt, wie leer der Strand unter uns war, leergefegt von jeglichen Sonnenölgerüchen, Liegestühlen und Kindergeschrei. Denn von übler Laune zeigte sich das Meer, verärgert von dem scharfen Wind in seinen unberechenbaren Böen, der unablässig an seiner Oberfläche zog und zerrte und kratzte, und auch uns Haar und Hörsinn zerzauste. Und in dieser Welt, in der wir nun schweigend vor uns hinsaßen und hinblickten und in der nur das Meer zu atmen schien, übernahm schließlich ich das erste Wort:

„Weißt du, Filomena, es gibt einen Alpenfluss in meiner Heimat, Inn wird er genannt, ein uraltes Wort für Wasser aus längst vergessenen Zeiten, wie auch immer, an diesem Inn gibt es ein verschlafenes Städtchen, und in diesem verschlafenen Städtchen gibt es ein nettes, kleines Lokal, das auf diesen Inn hinausschaut. Und dort sitze ich gerne, schaue dem Fluss nach, bei zu großer Gedankenschwere, und dieser Fluss, der Inn, spült dann meine Gedanken weg, einen nach dem anderen. Besonders im Frühling liebe ich diesen Fluss, zu Zeiten der Schneeschmelze, denn dann reißt er mir wild die Gedankenketten aus dem Leib, nutzlos angesammelt über einen langen, gnadenlosen Winter. Aber das Meer, besonders wenn man es hier vom Strand aus betrachtet, spült einem die Gedanken immer wieder zurück, einen nach dem anderen, in einem fort –“

„Ich hasse das Meer“, unterbrach sie mich, setzte mich dem Gefühl aus, dass sie mir nicht eine Sekunde zugehört hatte, mich nicht mehr als ein Raunen im Wind wahrgenommen hatte.

„Ich hasse das Meer, denn es lässt sich nicht meißeln. Mit jedem neuen Blick rutscht es einem hinweg, mit jedem Ansatz des Meißels kräuselt es sich grinsend davon.“

Und dann wusste ich, was sie so fern und fremdartig machte, jene Filomena, nämlich, dass sie es nicht zu ertragen wusste, jemandem lange in die Augen zu sehen oder in die Augen gesehen zu werden, sondern den Blick zur Seite schlug, versunken in ihrer Gedankenwelt, die sich ihre eigenen Bilder ausmalte, Bilder, mit denen sie leichter zu Rande kam. In ihrem Falle Standbilder, die zum Meißeln geschaffen waren, von Standbild zu Standbild dachte sie, zeitlupenhaft, nicht für die Ruhelosigkeit des Meeres geschaffen, das sich in unablässiger Bewegung ausdrückte, das keine Ruhe kannte, das ganz unruhig wurde, wenn es zur Ruhe hätte kommen sollen. Aber nun wandte mir Filomena doch ihr Gesicht und ihren haselnussbraunen Blick zu, lächelte mich mit der Gewissheit einer verschwörerischen Verbundenheit an, nämlich der, dass wir beide das Meer nicht leiden konnten.

„Gehen wir hinunter zum Strand“, sagte sie, und nun reichte sie sie mir wieder, ihre harte, geschundene Hand. Das Meer züngelte nach unseren Füßen, verärgert über die Nichtachtung, die wir ihm entgegenbrachten, denn der vom Vortag noch warme Sand hatte es uns angetan, mit jedem Einsinken der Fußballen hob sich unsere Laune, bald übermütig wie kleinen Kindern wurde uns zumute. Und aus diesem Übermut heraus wagte ich es, sie endlich danach zu fragen, denn auch wenn ich sie gestern erst von Angesicht zu Angesicht kennengelernt hatte, kannte ich doch ihren Ruf, die Gerüchte, die ihr vorauseilten, die Geschichten über die Klinikaufenthalte, ausgelöst durch unbeherrschte Wut, mit der sie, Hammer und Meißel in der Hand, auf die Gesichter Fremder losgegangen sein soll. Und tatsächlich, auch sie zu einer Antwort bereit, getragen von einer Welle des Übermuts:

„Und ähnlich dem Meer geht es mir mit Gesichtsausdrücken der Menschen, der Leute, die nicht in der Lage sind, mehr als einige Sekunden ihren Blick, ihren Gesichtsausdruck zu halten, die es nicht schaffen, sich zurückzuhalten, die es nicht schaffen, zurückzulügen, was sie vor nicht allzu langer Vergangenheit vorgelogen haben, und diesen Augenblick versuche ich zu meißeln, diesen Augenblick festzuhalten, und in die Wangen könnte ich ihnen den Übergang hineinmeißeln, ihre falschen Augen möchte ich ihnen dann festkratzen –“

Eilig unterbrach ich sie, bevor ihre Welle zu hohe Größen erreichen konnte, sie zu übermannen und über ihr zusammenzubrechen drohte.

„Und, hast du es jemals zustande gebracht, die Vergangenheit zurückzumeißeln, in einen festen Zustand, zurück zu ihrem Ausgangspunkt?“

Und zu meiner Überraschung rollte sich ihre Welle in einem Lächeln aus, fernentrückt dieses Lächeln, das sich über das Meer vor uns zu breiten schien, kein Wort kam ihr über die Lippen, vergessen schien sie mich zu haben. In die Hocke war sie gegangen, und sie begann sich damit zu beschäftigen, einen Kegel aus Sand aus dem meerumspülten Strand aufzurichten. Sinnlos und kindlich dieses Unterfangen, und viele Worte hätte ich zuvor gesagt haben wollen, zu einem besseren Zeitpunkt, und diese Möglichkeit verpasst zu haben, reizte mich umso mehr zu widerspenstigem Trotz, und so warf ich ihr entgegen:

„Würdest du mich meißeln? Ich meine, würde es dich jemals reizen, mich aus einem Stein hervorzumeißeln?“

Kindlich der Blick im Ansatz, der langsam der Fratze von Belustigung wich, je länger sie mich betrachtete, mich von oben bis unten in meiner Festigkeit, mich in meiner Persönlichkeit bemaß, und schließlich kehlig ihr Gelächter.

„Wie sollte man Sand je meißeln können?“

Und wie zur Bestätigung ihrer Antwort schlug sie mit aller Kraft ihre Faust in den Sandkegel, sodass mir der Sand bis in die Augen spritzte, zu ihrer Schadenfreude. Und als ich mir den brennenden Sand endlich aus den Augen gerieben hatte, war sie mittlerweile den Strand weiter entlanggelaufen, schon zwanzig, dreißig Meter von mir entfernt, mich schon längst in Sand und Dünung vergessen.

In der Zeitung hab‘ ich’s gelesen, Filomena, gerade jetzt, wo ich hier im Warteraum sitze, ob in einer Bahnhofshalle oder an einem Flugplatz, weiß ich nicht zu sagen, denn ganz in den Bann bin gezogen von dem Foto von dir, hier in der Zeitung, links unten auf dritten Seite des Lokalteils. Und auch wenn unter dem Foto von dir ein mir unbekannter Name steht, so bin ich mir dennoch vollkommen sicher, dass du darauf abgebildet bist, unverkennbar dein Gesicht, und unverwechselbar deine Finger, die am unteren Bildrand noch zu erkennen sind. Lang ist er ja gerade nicht, der Artikel, der deinem Foto folgt, mehr ein Lückenfüller scheint er mir, aber dennoch deutlich genug in seiner Ausführung der Umstände. Scomparsa, das Wort darin, das einem immer wieder in die Augen springt, verschwunden und vermisst, aber die weißen Lücken zwischen den Zeilen wollen eigentlich suicidio andeuten. Dennoch, Selbstmord kann ich mir bei dir nicht wirklich vorstellen, Filomena, gar nichts kann ich dem Bild abgewinnen, dem Sonnenschirm an einem toskanischen Badestrand mit deiner Tasche mit Geld, Dokumenten und Telefon in seinem Schatten, und dann stehst du auf und gehst zum Meer ohne einen Blick zurück, und dann gehst du ins Meer, tief hinein, für immer. Nichts da! Zu banal, geradezu lächerlich erscheint mir, was dieser Schreiberling in seinem Artikel im hinteren Lokalteil andeuten will, auch wenn ihn entschuldigt, dass er dich nicht kennt, dass er nichts über dich wissen kann, Filomena, die das Meer nicht zu meißeln vermag, und schon gar nichts über deine Finger. Dass du unmittelbar aufgestanden bist, du dem schützenden Schatten des Sonnenschirms entflohen bist, so weit bin ich bereit, der Geschichte zu folgen, aber irgendein sturer Gedanke muss dich gepackt haben, ein Gedanke, der dir einerlei sein ließ, ob du Geld, Dokumente und Telefon im Sand zurücklässt. Dass du einfach drauflos gegangen bist, ja doch, so kann ich es mir ausmalen, geradewegs nach Süden, den Strand entlang, das Meer zur Rechten und die Pinienwälder zur Linken. Und ich vermag zwar nicht zu beurteilen, wie stur dein Gedanke gewesen ist, aber während sie jetzt diesen toskanischen Strandabschnitt mit Tauchern, Küstenwache und Hubschraubern nach dir absuchen, nichts anderes als den einen oder anderen armen ertrunkenen Teufel von illegalem Einwanderer aus dem Meer fischen, wirst du wahrscheinlich schon die Region Latium erreicht haben, oder sogar schon Kampanien. Zu Fuß, immer den Strand beziehungsweise die Küste entlang, denn so wie ich dich kenne, hast du dir nichts Geringeres als den südlichsten Punkt am Stiefelschaft Italiens in Kalabrien in den Kopf gesetzt. Oder gar Sizilien.

Gib’s zu, Filomena, du schwimmst gerade über die Straße von Messina, du ewiger Sturkopf!

Harald Schoder
derewigreisende.net

www.verdichtet.at | Kategorie: hin & weg | Inventarnummer: 15148

 

image_print

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *