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Die Physik der Liebe

Es gibt ja wohl nichts Peinlicheres, als von der eigenen Katze verlacht zu werden, dachte ich mir, als ich nach dem Öffnen der Kiste nichts Besseres vorzuweisen hatte als eine weitere Kiste. Mit einem missmutigen Blick bedachte ich die Katze, auf dass sie sich trollte, was sie natürlich nicht tat, sondern zuerst daran schnupperte, an der Kiste in der Kiste, um schließlich mit den Krallen einige unschöne Kratzer an ihr zu hinterlassen. Erst dann trollte sie sich.

Und insgeheim musste ich meiner Katze Recht geben, zum Lachen war die Sache mit der Kiste, das Geschenk zu meiner Volljährigkeit von Onkel Zacharias aus Amerika, der wahrscheinlich nicht einmal Zacharias hieß, und außerdem hatte ich so meine Zweifel, ob er überhaupt mein Onkel war. Was die Familiensaga betraf, kreiste die schöne Legende, dass er mir als Stöpsel von vier Jahren einmal durchs Haar gestrichen und mich daraufhin zu seinem Lieblingsneffen erklärt hatte. Aber vielleicht war Onkel Zacharias auch nicht mehr als der Clown auf meinem Geburtstagsfest gewesen, eingekauft, um uns Kinder mit seinen Sachen zum Staunen und zum Lachen zu bringen.

Nun, das mit Amerika mochte stimmen, wenn ich jetzt all die unzähligen kalifornischen Briefmarken auf der Außenseite der äußeren Kiste betrachtete, dass der Onkel Zacharias sich bis nach Amerika hatte flüchten müssen, das schwärzeste aller schwarzen Schafe in unserer Familie. Und davon gab es beim besten Willen genug, wenn man beispielsweise an Großvater Emil dachte, der Isaac Newton widerlegt hatte und daraufhin in die Schwerelosigkeit entschwunden war. Oder an die bigotte Tante Luise, die auf dem Weg zur täglichen Frühmesse vom Rand der Erdenscheibe gefallen war, zum Lachen peinlich die beiden, aber das tat jetzt nichts zur Sache.

Um Onkel Zacharias ging es, dessen Kiste in der Kiste ich im ersten Augenblick nicht zu öffnen wagte, denn dass sich darin noch eine weitere Kiste befände, so billig würdest du es dir nicht geben, lieber Onkel, einen böseren Scherz als ein unendliches Matrjoschka-Spielchen würdest du dir für mich ausgedacht haben. Denn als den größten aller Gaukler hatte die Sippe dich immer schon gebrandmarkt, wenn sie es ausnahmsweise einmal nicht vorgezogen hatte, dich ganz zu verschweigen. Wüst schon die erste Legende von deinen Gaukeleien aus deiner Jugend, als du dich dem fahrenden Volk angeschlossen haben sollst, den Zigeunern, und dich angeblich als Wahrsager versucht hast. Blutjungen, leichtgläubigen Frauen sollst du aus der Glaskugel gelesen haben, was sie nicht für kluge, schöne und gesunde Kinder zur Welt bringen würden, nur um sie danach im hinteren Teil der Bude zu verführen und zu schwängern. Schlimme Sachen sollst du angestellt haben, nicht zum Lachen und wahrlich Grund genug, dich ins ferne Amerika aus dem Staub zu machen.

Jetzt war ich froh, keine mich verlachende Katze um mich zu haben, denn Onkel Zacharias‘ nächster böser Scherz schien zu heißen, dass sich die Kiste in der Kiste einfach nicht öffnen ließ, nicht mit Zähnen oder Klauen oder Brechstange. Andererseits vollkommen unmöglich, dass mein Onkel nichts anderes im Sinn gehabt hatte, als mir einen formvollendeten Kubus schenken zu wollen, gerade er, dem nachgesagt wurde, dass er den rechten Winkel für die entmutigendste und entwürdigendste Errungenschaft der Menschheit hielt, humorlos wie die Erbsünde. Hunger müsste sie eigentlich haben, die mir zugelaufene, namenlose Katze, denn auch ich bekam langsam Hunger, je länger ich mich mit dem Kubus herumärgerte. Die allerletzte Sardinenbüchse war ich bereit mit der Katze zu teilen, aber nirgends schien sie aufzutreiben zu sein, und so schweiften meine Gedanken wieder ab, auf den Spuren der Abenteuer des Onkel Zacharias.

Unbegrenzt wolltest du sein in deinen Möglichkeiten, und dafür ist Amerika genau das richtige Land gewesen, weit genug und naiv genug für deine Gaukeleien, und zügellos ausgetobt sollst du dich ja haben, wenn ich dem Glauben schenken darf, was ich so im Fernsehen gesehen habe. Angefangen mit dem Riesenaffen, der dir schon bei deiner Ankunft auf Ellis Island aus dem Rucksack gesprungen ist, den du auf der Spitze des Empire State Building tanzen und nach Flugzeugen grapschen hast lassen, da kann ich nicht mithalten, mit einer einfachen Katze. Aber wie du das mit der Mondlandung hinbekommen hast, den Amerikanern die Gesetze der Raumzeit vorgegaukelt hast, wird mir für ewig ein Rätsel bleiben, nur bei der im Wind wehenden Flagge auf der Mondoberfläche hast du etwas geschlampt. Und dann als Krönung die Sache mit der Mojave-Wüste, die vor deiner Ankunft ein blühendes Tal gewesen sein soll, bevor du deine größte Gaukelei gezündet hast, die Lachende Atombombe. Weit hast du es gebracht, so weit, dass du sogar Pate gestanden haben sollst für die übermannshohe Puppe, die sie jedes Jahr beim Burning Man Festival verbrennen – gib’s ruhig zu, du bist auch noch stolz darauf!

Die Physik der Liebe, davon hatte das teutonische rothaarige Mädchen mit den vorwitzigen Sommersprossen gesprochen, und dass ich keine Ahnung davon hätte, hatte sie noch gehässig hinzugefügt, um mich dann für immer zu verlassen, keine drei Stunden und vierzehn Minuten war das her. Die Physik der Liebe, wie hatte das aus ihrem Mund geklungen, nach in sich verhakten Atomen wie aus einem Bausatz Legosteine, und dessen nicht genug, mit Kleister verstärkt,  anschließend vernietet und verschraubt, sicher wie die Titanic, so hatte sie geschmeckt, die Physik der Liebe auf den spitzen Lippen dieses Rotschopfs. Du verstehst, wovon ich spreche, geliebter Onkel, und wohl als Einziger unserer weitläufigen Sippe. Also, etwas Aufheiterung könnte ich jetzt wirklich gut gebrauchen!

Meine Gedankenverlorenheit musste es gewesen sein, die meine Finger an die richtigen Stellen des Kubus des Onkel Zacharias hatte gleiten lassen, denn auf einmal schnappte der Deckel auf, wie bei einer richtigen Kiste, und darin saß die Katze. Mit einem bösen, giftig grünen Blick bedachte sie mich, und mit einem beleidigten Fauchen, dann war sie mit einem Satz aus der Kiste und trollte sich mit eingezogenem Schwanz unter das Bett.

Schön hast du mich zum Narren gehalten, Onkel, einen Daseinssprung hast du mir also geschenkt, den Quantensprung einer Katze, die von nun an den Namen Schrödinger weghaben wird. Wirklich toll, deine Gaukelei, geschätzter Onkel, nicht mehr als ein Witz also die ganze Sache, selten so gelacht!

Harald Schoder
derewigreisende.net

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 16084

 

 

Life, Teil 2

(inspired by The Walking Dead)

Seit dem Vorfall am Indoor-Pool waren einige Wochen vergangen. Die Gruppe hatte zwischenzeitlich in einem Gefängnis eine sichere Unterkunft gefunden. Sie hatten sich häuslich eingerichtet, sogar Gemüse gepflanzt. Die Gemeinschaft wuchs, und Routine gewann langsam die Oberhand.
Sara und Daryl waren sich nähergekommen. Nicht körperlich, auch wenn die Anziehung von beiden wahrgenommen wurde. Sie gingen oft auf Versorgungstour, hielten Wache. Sprachen zusammen, schwiegen zusammen. Ihre Vertrautheit miteinander war weiter gewachsen.

Müde von ihrer Nachtschicht stand Sara auf dem Posten am Wachturm. Die Beißer waren überschaubar, aber in den letzten Tagen hatten sich immer wieder Überlebende draußen herumgetrieben, anscheinend um zu spionieren. Rick hatte den Chef der Gruppe kennengelernt, die Leute wirkten dubios und waren mit Vorsicht zu genießen.
Lächelnd beobachtete Sara ein Vogelpärchen, das im Einklang über die Wälder flog. Die Sonne war gerade im Begriff, über den weit entfernten Berggipfeln aufzugehen. „Warum lächelst du?“, fragte eine Stimme hinter ihr. Sara erschrak nicht. Nicht bei seiner Stimme. Sie breitete die Arme aus. „Sieh dich um. Es ist wunderschön. Schöne Dinge machen mir Freude. Also lächle ich. Ganz einfach“, erklärte Sara ihren Gemütszustand.

Ganz einfach. Daryl sah sich um. Für ihn war es ein Morgen wie jeder andere. Er war fasziniert von Saras Gabe, ihrer Umwelt mit einer so positiven Einstellung zu begegnen.
Daryl ging zu Sara und stellte sich neben sie. Seine Brust berührte leicht ihren Arm, den sie noch immer ausgestreckt hatte. Der Duft ihrer Haut und der frisch gewaschenen Haare stieg in seine Nase. Sie hatten einfache Kernseife in den Waschräumen des Gefängnisses gefunden, aber in Verbindung mit ihrer Haut machte ihn der Geruch seltsam unruhig.
Sara spürte das kühle Leder seiner Weste an ihrem Arm, als er neben sie trat. Es war vertraut, das Leder, die Wärme, die sein Körper ausstrahlte. Langsam senkte sie ihre Arme und hielt sich am Geländer fest. Dann sah sie ihn von der Seite an.
Er schien zu versuchen, dasselbe in der Umgebung zu entdecken, das sie sehen konnte. Seine Augen waren zusammengekniffen und seine Stirn lag in Falten. Sie musste schmunzeln. „Ist schon o. k., wenn du das nicht siehst. Dafür hast du ja mich“, meinte sie grinsend und rempelte ihn sanft mit ihrer Schulter an. Daryl verzog einen Mundwinkel nach oben. Er war kein Mann großer Worte. Umso mehr registrierte Sara die Art seiner nonverbalen Kommunikation. Er musste nichts sagen, damit sie ihn verstand.
Er blickte auf ihre Hand, die am Geländer lag, und bevor er wusste warum, lag seine Hand auf ihrer und hielt sie fest. „Dafür hab ich dich“, wiederholte er leise. Sara. Sie wusste, was in ihm vorging, bevor es ihm selbst klar war. Sie konnte ihm ansehen, wie es ihm erging. Er teilte sich durch seine Mimik, seine Gestik mit, nicht durch Worte.

Sara hatte Daryl nicht mehr auf den Vorfall am Pool angesprochen. Daryl war wie ein verschrecktes Waldtier, wenn es um Gefühle ging. Umso überraschter war sie von dieser Aktion. Vielleicht war die Zeit jetzt reif, darüber zu reden. Sie genoss seine Berührung, fest und zärtlich zugleich.
Fragend sah sie ihn an. „Du wirkst angespannt. Was ist los?“, fragte sie leise. „Nichts“, entgegnete er schnell. Er nahm seine Hand von ihrer, räusperte sich und ging einen Schritt zurück. Sie hatte Recht, wieder einmal. Er konnte aber nicht in Worte fassen, warum.
„Daryl“, sagte sie mit ihrer ruhigen Stimme. Sie stellte sich vor ihn und tippte mit ihrem Zeigefinger auf seine Brust. Sie spürte, dass er weiter zurückgehen wollte, aber sie zog ihn sanft an seiner Lederweste zu sich. „Sieh mich an“, flüsterte sie. Sie suchte Augenkontakt. „Ich sage dir jetzt was. Wirst du zuhören?“, fragte sie leise und lächelte ein bisschen als sich ihre Blicke fanden.
Wie ein Schuljunge verlagerte Daryl sein Gewicht von einem Bein auf das andere. Sein Herz schien in seinen Hals gerutscht zu sein, in seinen Ohren hörte er sein Blut rauschen. Er war zerrissen: wollte weg, wollte bleiben. Schließlich atmete er tief durch und nickte leicht.

„Ich muss oft daran denken, dass du mich gerettet hast, Daryl. Und ich weiß, dass du auch daran denkst. Und daran, was fast passiert wäre“, sagte Sara und ließ von seiner Weste ab. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass es so schwer werden würde, sich zu überwinden und das Thema anzusprechen.
Daryl merkte, dass sie der Mut verließ. Die Arme verschränkt, den Blick gesenkt. Plötzlich war sie wieder in ihrer alten Rolle gefangen. Klein, unscheinbar, introvertiert. Aber das war sie nicht mehr. Sie wusste es nur nicht, weil keiner da war, der es ihr sagte. „Hey“, sagte er leise und hob ihr Kinn sanft an, damit sie ihn wieder ansehen musste. „Rede weiter. Bitte“, entgegnete er und hob kurz die Augenbrauen, um sie so aufzufordern, weiterzusprechen.
Sara lächelte ihn an. „Deine harte Schale hat Brüche bekommen. Das irritiert dich. Weil ich die Brüche sehen kann. Lass es zu, Daryl, ich werde dir nichts tun. Dazu mag ich dich viel zu sehr.“ Ihre Stimme wurde immer leiser.
„Hmm“, brummte Daryl und kam einen Schritt näher auf sie zu. Ihre Gesichter waren sich fast so nahe wie damals. Wieder wehte ihm eine Brise ihres Duftes in die Nase, die eine Gänsehaut bei ihm entfachte.
„Ich glaube dir. Glaubst du mir, wenn ich dir sage, dass du stärker und mutiger bist, als du denkst? Du hast deinen Bruder, Freunde und auch kurz einmal deinen Lebensmut verloren, und bist doch hier. Stärker als zuvor“, entgegnete Daryl.

Sara sah ihn überrascht an. Mit diesen Worten hatte sie nicht gerechnet. Sie öffnete ihre verschränkten Arme und strich mit einer Hand vorsichtig eine Haarsträhne aus Daryls Gesicht. Bei ihrer Berührung zuckte Daryl zusammen. Wenn er sie schon aufforderte, mutig zu sein, durfte er jetzt auch keinen Rückzieher bei ihr machen.
„Das glaubst du also, ja?“, fragte Sara nach. „Das weiß ich“, korrigierte Daryl sie. Sara stockte der Atem. Beide warteten darauf, was der andere als Nächstes tun würde. „Worauf wartest du?“, fragte Daryl mit heiserer Stimme. „Gute Frage“, murmelte Sara. Gerade als sie ihren Kopf anhob, um ihn zu küssen, hallte ein Schuss durch die morgendliche Stille. Im nächsten Augenblick fühlte Sara einen heftigen Schmerz an ihrem Kinn.

Sie sackte zusammen und fiel auf die Knie. Verstört griff sie an ihr Kinn und betrachtete ihre Hand, die sofort von einem roten Blutfilm überzogen war. Sie hörte nichts mehr, sah nur noch das Blut und spürte ihren Puls, der mit jedem weiteren Schlag noch mehr Blut aus der Wunde presste.
Wimmernd fiel sie zur Seite und registrierte Daryl, der sie auffing und ein Stück Stoff gegen ihr Kinn drückte. Er nahm ihre Hand und führte sie an ihre Wunde. Sie sah, dass er mit ihr sprach, aber sie verstand ihn nicht. In seinem Gesichtsausdruck erkannte sie Panik und Wut.
Sie griff nach dem Stoff, der bereits feucht vom Blut war und drückte ihn selbst gegen die Wunde. Sara beobachtete Daryl, wie er ins Innere des Wachturms kroch und den anderen über Walkie-Talkie Bescheid gab. Er ließ sie nicht aus den Augen und griff nach dem Maschinengewehr, das am Boden lag.
Daryl deutete ihr mit der Hand, dass sie ruhig liegen bleiben sollte. Wie in Zeitlupe beobachtete sie Daryl, der in die Richtung zurückschoss, aus der der Schuss gekommen war. Sara lehnte sich gegen die betonierte Brüstung, eine Hand gegen ihre Wunde drückend. Der Schmerz war nicht mehr so intensiv, auch das Pulsieren war schwächer geworden. Sara wusste aber nicht, ob die Blutung nachgelassen oder ob sie schon zu viel Blut verloren hatte. Die Haut an der Unterseite ihres Kinns spannte. Sie wurde müde und schloss die Augen.

Daryl sah, dass ein paar Männer am Boden unterwegs waren, um die Angreifer zu verfolgen. Es konnten nicht viele sein. Es war nur der eine gezielte Schuss gewesen, nicht mehr. Er warf das Maschinengewehr zurück auf den Boden und lief zu Sara. Sie war blass, die Hand, die auf ihre Wunde drückte, zitterte.
Sie war so weit gekommen. Sie durfte jetzt nicht sterben. Nicht jetzt. „Mach die Augen auf, Sara. Bleib bei mir. Komm schon“, versuchte Daryl ruhig zu sagen. Er erschrak über die Panik in seiner Stimme, als er sich selbst hörte.
Mit flatternden Lidern öffnete Sara wieder die Augen. „Ich bin da. Ich bin da“, murmelte sie und räusperte sich. Es tat weh, und ihr schmerzverzerrtes Gesicht trieb Daryl ein Messer in die Brust. Er konnte nicht abschätzen, wie schwer sie verletzt war. Der ganze Bereich rund um Sara war blutverschmiert, aber sie war ansprechbar. Ein gutes Zeichen.
„Du musst zu Hershel“, sagte Daryl und griff unter ihre Schultern und ihre Knie, um sie hochzuheben. „Nein. Ich kann selbst gehen“, sagte Sara bestimmend und stemmte ihre Hand gegen seine Brust. Er stützte sie beim Aufstehen und schob sie behutsam Richtung Stiegenabgang.

Sara sah ihn an und erschrak. „Bist du auch verletzt?“, murmelte sie ängstlich, denn sie hatte Blutspritzer in seinem Gesicht entdeckt. Vorsichtig wischte sie einen Tropfen auf seiner Wange weg, nur um mit ihren blutverschmierten Fingern noch mehr Blut auf seinem Gesicht zu verteilen. „Oh. Sorry“, sagte sie langsam. „Das ist meins.“
Daryl umschlang ihre Taille und stieg vorsichtig die Stufen mit ihr hinunter. „Mir geht’s gut. Und dich kriegen wir auch wieder hin“, sagte Daryl. Glenn kam ihnen entgegen und übernahm die weitere Wache am Wachturm, während Daryl sich beeilte, Sara zu Hershel zu bringen.
Adrenalin schien durch ihren Körper zu schießen, denn die Müdigkeit ließ wieder nach, und Sara merkte, dass ihre Gedanken klarer und ihr Kreislauf kräftiger wurden. Einen Arm hatte sie um Daryls Schultern gelegt, mit der zweiten hielt sie nach wie vor den Stofffetzen wie einen Druckverband auf die Wunde.

Vorsichtig setzte Daryl Sara auf ihrem Bett in ihrer Zelle ab. Hershel war ihnen gefolgt. „Sie hat Blut verloren. Ich weiß aber nicht wie viel“, erklärte Daryl, als er Hershel Platz machte, damit er sich um Sara kümmern konnte. Sara ließ ihre Arme sinken und atmete tief durch. Bei Hershel war sie in guten Händen. Auch seine Tochter Maggie war da, um ihn dabei zu unterstützen.
Daryl sah zu, wie Maggie anfing, die Wunde zu säubern. Jedes Mal, wenn sie an der Verletzung ankam, sah er Sara die Schmerzen an. Anfangs zuckte ihr ganzer Körper, nach und nach reduzierte sich die Reaktion auf ein Zusammenkneifen der Augen oder ein Rümpfen der Nase. Sie weinte ohne zu schluchzen, und ihre Tränen vermischten sich mit dem Blut auf ihrem Gesicht, bis sie von Maggie mit Wasser und einem sauberen Tuch abgewaschen wurden.

Die Schmerzen wurden mit jeder Berührung erträglicher. Sara suchte den Augenkontakt mit Daryl, der in der Tür stand. Als Daryl ihren Blick bemerkte, erwiderte er ihn und nickte ihr aufmunternd zu. Sie wünschte sich, dass er sich neben sie setzte und bei ihr blieb. Aber das konnte sie nicht von ihm verlangen. Nicht vor den anderen. Noch nicht.
„Es sieht schlimmer aus als es ist. Die Wunde blutet zwar stark, ist aber nicht tief. Ein Streifschuss. Ein paar Zentimeter weiter oben und dein Kiefer wäre zertrümmert. Du hattest Glück“, erklärte Hershel ruhig und lächelte Sara an.
Daryl fuhr sich mit beiden Händen durch die Haare. Er war erleichtert. Er seufzte unbewusst laut auf, sodass sich Hershel und Maggie kurz zu ihm umdrehten. „Bist du verletzt?“, fragte Maggie und war im Begriff aufzustehen, doch Sara hielt sie am Arm zurück. „Ihm geht’s gut. Das ist alles mein Blut, er stand direkt neben mir, als der Schuss fiel“, erklärte Sara erschöpft und machte eine kaum merkbare Kopfbewegung in Richtung Tür. „Genau. Ich wasch das mal ab“, brummte Daryl verstört und ging aus der Zelle.

Zielstrebig marschierte er in die Waschräume, doch anstatt das Blut abzuwaschen, setzte er sich auf den Boden neben dem Waschbecken und starrte auf seine Hände. Auch sie waren blutrot. Das Gefühl, Sara zu verlieren, hatte in ihm Chaos erzeugt. Noch viel mehr als damals, als er sie aus dem Pool gezogen hatte.
Dieses Chaos irritierte ihn. Sara irritierte ihn. Aber er konnte seine Gedanken an sie nicht abschalten. Gedanken und Gefühle, die ihn verunsicherten. Er wurde aus seinen Gedanken gerissen, als jemand kurz gegen seine Stiefelspitzen trat. Es war Rick, der vor ihm stand.
„Alles o. k.? Wie geht’s Sara?“, fragte er nach. Daryl sprang auf und drehte den Wasserhahn auf, um sich die Hände zu waschen. Und um Rick nicht ansehen zu müssen. „Ja. Streifschuss. Wird schon wieder. Habt ihr was gefunden?“, antwortete er knapp.
„Eine Botschaft vorne bei den Autowracks. Sie werden wiederkommen. Und sie wollen das Gefängnis. Wir müssen vorbereitet sein“, erklärte Rick emotionslos. Dann klopfte er Daryl freundschaftlich auf die Schulter. „Geh wieder zu ihr. Sie braucht dich. Und du brauchst sie“, sagte Rick ruhig.

Überrascht sah Daryl ihn im Fliesenspiegel an und wollte etwas erwidern, doch Rick hob abwehrend die Hand. „Vertrau mir, Daryl. Ihr zwei ergänzt euch. Du musst es nur zulassen. Es ist schön, jemanden zu haben, der einen auch ohne Worte versteht.“ Seine Stimme klang seltsam wehmütig.
Daryl richtete sich auf und stellte das Wasser ab. Über den Spiegel sah er Rick an, der ihm müde lächelnd zuzwinkerte und ihn dann wieder allein ließ. Es zulassen. Als ob das so einfach wäre. Er schlenderte langsam zu Saras Zelle zurück. Sie saß mittlerweile alleine auf ihrem Bett, ihre Wunde war versorgt und verbunden.
„Hey, wie geht’s?“, sagte er leise und wartete in der Tür. Sara lächelte ihn an. „Hey. Geht schon wieder, danke“, antwortete sie und deutete ihm, zu ihr zu kommen. Daryl zögerte kurz, kam dann näher und ging vor ihr in die Hocke. Er stützte sich links und rechts von Sara an der Bettkante ab und sah sie prüfend an. „Was sagt Hershel?“, fragte er nach. Sara rollte mit den Augen. „Etwas blass um die Nase bin ich vielleicht noch, wegen dem Blutverlust. Ein paar Tage pausieren, dann kann ich wieder mit anpacken!“

Daryl nickte und sah sich unbeholfen in der Zelle um. Sara zupfte seine Lederweste zurecht und betrachtete ihn. Er war verunsichert. Es gab nicht oft Momente, in denen er so verletzlich wirkte. Er war sonst immer so stark. Sara nahm all ihren Mut zusammen. Sie beugte sich vor und nahm sein Gesicht in beide Hände. „Was zum…?“, zischte Daryl fast panisch, aber Sara legte ihre Daumen auf seine Lippen, und er verstummte.
Er spürte die Wärme, die von ihrem Körper ausging. Sie schien seinen eigenen Körper anzufachen, er hatte das Gefühl, innerlich zu verbrennen. Sara beobachtete, wie Daryls Gesicht rot anlief. Mit einem Lächeln lehnte sie sich vor zu seinem Ohr. „Ich bin nur mutig“, flüsterte sie, bevor sie es sanft küsste. Langsam wanderte sie mit ihrem Mund über seinen Kiefer vor bis zu seinem Mund.
Vorsichtig kniete sich Daryl zwischen Saras Beine und wanderte mit seinen Händen vorsichtig zu ihrer Taille. Er drückte sie näher an sich und genoss ihre Nähe, ihre sanften Küsse. „Schön, dass du auf mich hörst“, erwiderte Daryl mit rauer Stimme, bevor sich ihre Lippen das erste Mal berührten.
Er hatte es vergessen. Nicht mehr gewusst, wie es sich anfühlen konnte. Jemandem so nahe zu sein. Als sich ihre Zungen trafen, war es wie ein Stromschlag, der gleichzeitig durch beide Körper fuhr. Während ihre Küsse immer leidenschaftlicher wurden, schmiegte sich Sara an ihn und fuhr ihm durch die Haare, zärtlich daran ziehend. Daryls Hände wanderten unter ihr Shirt und streichelten ihre weiche Haut.

Als sie sich wieder voneinander trennten, waren ihre Gesichter erhitzt und ihre Wangen gerötet. Aber beide lächelten. „Langsam, Süße. Du bist verletzt“, sagte Daryl leise und fuhr mit seinem Handrücken über ihren Verband.
„Ich bin auch auf Drogen. Hershel hat mir was gegen die Schmerzen gegeben. Also spüre ich die Verletzung momentan nicht wirklich. Mir ist eher etwas schwindlig. Liegt wahrscheinlich am Blutmangel“, grinste sie und zwinkerte Daryl zu. „Also haben jetzt nur die Drogen aus dir gesprochen, oder wie?“, fragte er neckisch. Sara sah ihn liebevoll an und küsste ihn kurz. „Die haben mir nur geholfen, das zu tun, was ich schon längst hätte tun sollen.“

Petra Hechenberger

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 16066

Das Kanin

Für Doris

Es urteilt sehr von oben hin
Die Fachwelt über das Kanin
Hat ihm das –chen nur angefügt
Weil ihm sein Lebensstil genügt

Nicht jagt es Reh noch Antilope
Doch stünd’ ihm solches zu Gebote
Und dass man seine Macht vergisst
Geht zurück auf Merlins List

Gefürchtet war im Mittelalter
Der mutige Kaninenhalter
Das Kanin war wild und rau
Und fraß zum Frühstück manche Sau

Der Tribut war unerträglich
Den Bauern ging es klag und kläglich
Doch zollten sie ihm Speis und Sachen
Schließlich tötete es Drachen

Gehalten war’s schon schwere Last
Als Wildkanin war es verhasst
Berittene Kaninenhorden
Erfreuten sich an Raub und Morden!

Geschickt ward d’rum, um Rat zu fragen
Nach Kanin Merlin hoch an Tagen
Dem weisesten aller Kanine
An seinem Waldhütten-Kamine

Dieser kam und sah sich’s an
Kratzt sich die Ohren dann und wann
Und verlangt’ ein Honorar
Das wirklich unbescheiden war

Der Landverwalter buckelte
Woraufhin Merlin ruckelte
Auch sehr würdig zuckelte
Und am Starkbier nuckelte

Darauf zog er sich zurücke
Und erfand sein größtes Stücke
Das Medizin-Kanin erfand er
In Scharen fiel es übers Land her

Und verkündet‘ neue Lehre
Eine stolze, eine hehre
Die jedem ehrlichen Kanin
Tief im Herzen sich verfing

Ihr mögt, sprach‘s, stark und mächtig sein
Die Menschen liefern euch die Schwein‘
Und ja, ihr lebt in Saus und Braus
Doch eines Tags ist’s damit aus

Was habt ihr dann bewirkt im Leben
Außer Zittern, Zagen, Beben?
Wär’s schöner nicht, geliebt zu scheiden?
Wär’s edler nicht, sich zu bescheiden?

Zu nähren sich von Gras und Kräutern
Die Körper, Geist und Seele läutern?
Die Jagd hilft nur sich abzulenken
Und schadet Sehnen und Gelenken

Blutrünst’ger Ehrgeiz ist für Narren
Die Weisheit liebt es auszuharren
Der nobelste Behuf von Tieren
Ist Weltbeschau und Meditieren

Und Kanine, gebt es zu
Nach Gelassenheit und Ruh
Sehnt sich euer tiefstes Streben
Wann wollt er dieses Streben leben?

Legt ab den Weltbezwingungswahn
Ihr Kanine wild und zahm
Er entspringt nur nied’rem Triebe
Widmet vielmehr euch der Liebe!

Wer wollte nicht gestreichelt sein
Von Menschenhand – jahraus, jahrein
Anstatt mit Macht sie einzuketten
Zu liefern euch die Schwein‘, die fetten

Wer wollte nicht im Kreis sich sammeln
Um nach Herzenslust zu rammeln
Und so den Weg des Tantra wandeln
Statt ständig kriegen und verhandeln

Wach auf, Kaninenvolk der Welt
Und sieh, wie’s wahrhaft sich verhält
Ein Schritt nur, mehr ist nicht geboten:
Reicht euch zum Verein die Pfoten!

So kam’s, dass just ein Ungeheuer
Durch Merlins gold’ner Worte Feuer
Von allen Tier’n des Weltgefild‘
Zuerst Vollkommenheit erhielt

Dein –chen, oh Mensch, kannst du dir sparen
Bedenk, was sie dir einstmals waren
Sieh, das erhabene Kanin
Wie weit ist’s heute zu ihm hin.

Ja, so ist der Lauf der Welt
Wer aber selbst Kanine hält
Er streichle diese täglich
Und nähre sie auch redlich.

http://www.thepoke.co.uk/2015/04/05/10-medieval-rabbits-didnt-mess-around/

Bernd Remsing
http://fm4.orf.at/stories/1704846/

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Hinweis für alle, die sich dafür interessieren, wozu ein Kanin noch alles imstande ist:
weiterlesen mit Etwas Fell

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques und unerHÖRT! | Inventarnummer: 16056

 

Vom Stadtgrün

Palmström kam zu etwas Geld
Und wollt damit erwirken
Dass seine Straße Grün erhält
Er entschied sich bald für Birken

Er investiert’ in 18 Bäume
Die er eigenhändig setzte
Realisierte seine Träume
Auch wenn er das Gesetz verletzte

Schon sah Palmström sich lustwandeln
Im selbstgeschaff’nen Birkenhain
Er wird noch mit der Stadt verhandeln
Doch diese wird verständig sein

Ja, sie wird ihn sogar preisen
Schon die Luftverbesserung
Wird sich als segensreich erweisen
Welch ein Sieg der Aufklärung!

Ach, Palmström, wann wirst du begreifen
Wie immer bist du weit voraus
Wie immer muss die Zeit noch reifen
Deine Birken riss man aus

„Eigenmächtig Pflanzerey“
So war‘s auf einem Schild zu lesen
„Verbietet sich die Magistrey:
Nur sie darf diese Stadt verwesen!“

Palmström wurd‘ fuchsteufelswild
Und beschlug mit starker Hand
Dies Schild mit einem eig‘nen Schild
Worauf wie folgt zu lesen stand:

„Oh, selbstverliebte Magistrey
Befreie dich vom Größenwahn
Und begreif, die Stadt ist frey
Und dir beileib’ nicht untertan!

Verwesen willst’ die Stadt allein?
Du weißt nicht, was verwesen heißt
Du mordest meinen Birkenhain
Was deine Unberufenheit beweist

Denn zum Verwesen braucht’s erst Leben
Und Leben speist aus Moder sich
Aus abgelebten Leben eben
Und dieses ruf zur Rache ich

D’rauf besorgt er Dschungelsamen
Karnivoren, Dornenhecken
Hauswandmoose und Lianen
Und schlich damit von Eck zu Ecken

Ein jedes davon fand bald Halt
Und nach heißen Sommerwochen
Ward die Straß’ zum Urwald bald
Durch den entsprechend Tiere krochen

Vögel, selt‘ne, groß und klein
beherrschten bald das Baumgezweig
Dam- und Rotwild, Fuchs und Schwein
Durchstreiften scheu das Unterzeug

Und während Auerhähne balzten
Baumgiganten krachend fielen
Sauen Autos niederwalzten
Eul‘ und Eulin sich gefielen

Fraß die Wucherung sich weiter
Erfasste andre Straßenzüge
Wurde lang und breit und breiter
beherrscht’ schließlich das Stadtgefüge

Der Mensch behalf sich mit Macheten
Seine Wege durchzubahnen
Trampelpfade sich zu treten
Baute sich Lianenbahnen

Palmström erhielt ein formlos Blatt
Per Affenpost traf dieses ein:
„Wir haben‘s satt, der Sieg ist dein
Es verflucht dich auf immer: der Magistrat!“

Palmström damals noch unerfahren
Im Feuermachen und Glutbewahren
Entbrannte den unsanften Gruß
Als willkommenen Fidibus

Bernd Remsing
http://fm4.orf.at/stories/1704846/

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www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques und unerHÖRT! | Inventarnummer: 16050

Der Kaiser von China

Soll der Kaiser von China fliegen?
Soll er lieber Kinder kriegen?
Ist er uns lieber als Kaiser auf Probe
Oder in Damen-Garderobe?
Soll der Kaiser riesengroß sein
Oder besser erbsenklein?
Isst er am liebsten Käsenocken
Oder Radieschen mit Schneeflocken?
Soll er zu Hause sich nützlich machen?
Baut er lieber Kinderdrachen?
Seht die tausend Möglichkeiten,
Die tausend Sorgen uns bereiten.

Von allem am besten ein bisschen was
So macht er uns am meisten Spaß.

Bernd Remsing
http://fm4.orf.at/stories/1704846/

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 16021

 

Späte Erkenntnis

Spät aber doch musste Palmström begreifen
Dass die Menschen nicht lernen, dass sie nicht reifen
Diese Erkenntnis extrapolierend,
Entwarf er die Zukunft, sie war schockierend.

Wetter, ruft er, soll all mein Streben
Das Menschenglück zu mehr’n und heben
Eitler Wahn gewesen sein?
Gekränkt schließt sich Palmström im Zimmer ein.

Er beschließt in dieser Zeit,
Dass er sich von der Welt befreit
Und sollt er d’rob in besten Jahren
Geradewegs zur Hölle fahren.

Gedanklich ist er schon gesprungen
Hat Edelstahl sein Herz durchdrungen
Hat Palmström sich in alten Schwarten
Beraten über Todesarten

Schierling, Branntwein, Wagenlenken, …
Da erfasst ihn ein Bedenken:
Vielleicht, mein Zweifel unbenommen,
Gelingt‘s der Welt davonzukommen?

Besser doch mein gutes Leben,
Statt zu beenden, abzugeben.
Und dabei noch finanziell
Es zu sanieren, eventuell!

Wir kennen Palmström und wir verstehen
Er will nur nach dem Rechten seh‘n.
Man übergibt sein Leben nicht
belastet, das ist Bürgerspflicht!

Der Käufer dafür erhält doppelte Chance
Und so begrüßen wir Palmströms Annonce:

Halb unverbrauchtes Leben
Wäre günstig abzugeben.
(Leider keine Garantie
Wie in solchen Fällen nie)
Männlich, ledig, maturiert
Heeresdienst ist absolviert
Kein Ärgernis den Staatsgesetzen
Zeugungsfähig laut Attesten
Im großen Ganzen unversehrt
Kaum durch Schuldenlast beschwert
Überhaupt recht tadellos
Weltekel bloß
Noch nicht alt und nicht zu jung
Selbstabholung.

Vielleicht war’s dieses letzte Wort
Der erwünschte Selbst-Transport
Dass die Annonce nicht Antwort fand
Doch einer hat ihn am Stil erkannt:

Korf verfasst ein kurzes Schreiben:
Ich rat dir, Palmström, sei bescheiden
Wir gehör’n, liest Palmström bleich,
In ein eher geistig Reich,

Wie alles was, ich sag‘s nicht gern
Geschaffen von Christian Morgenstern.
Du bist ein Mann der Dichtung
Und trägst von daher die Verpflichtung,

Vertraglich gesichert durch deinen Verlag,
Dich zu erhalten Tag für Tag
Palmström, nachdem er die Folgen erwogen,
Hat die Annonce zurückgezogen.

Bernd Remsing
http://fm4.orf.at/stories/1704846/

Diesen Text können Sie seit Dezember 2018 auch hören, gelesen vom Autor.

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques und unerHÖRT! | Inventarnummer: 16004

 

Life, Teil 1

(inspired by TWD)

Leere. Unendliche Leere. Das war alles, was sie in diesem Moment fühlte. Sara starrte auf die Wasseroberfläche des Indoor-Pools, der sich vor ihren Augen über das halbe Untergeschoss des verlassenen Einfamilienhauses erstreckte.
Es war still hier unten. Die anderen durchsuchten das Obergeschoss des Hauses nach Kleidung. Konserven. Waffen. Das Haus schien sicher zu sein. Fürs Erste. Sie hatten schon seit ein paar Stunden in Ruhe marschieren können. Sara ging in die Knie und ließ eine Hand langsam durch das Wasser gleiten. Es war angenehm. Der Raum war friedlich. Das Wasser schlug leise gegen den Beckenrand.

Das Haus wirkte noch fast bewohnt. Etwas unordentlich. Die Bewohner mussten bis vor Kurzem noch hier gewesen sein. Vielleicht hatten sie flüchten können. Sara wünschte es ihnen. Ohne sie je gekannt zu haben. Sie schloss die Augen, senkte den Kopf und atmete tief durch. Ein Schluchzen durchbrach ihre Atemzüge.
Dieses Sterben war so sinnlos. Seit einem knappen Jahr war ihre Gruppe unterwegs und kämpfte ums Überleben. Tag für Tag. Nacht für Nacht. Sie kämpften gegen die Jahreszeiten, gegen wilde Tiere. Aber was viel schlimmer war: Sie mussten gegen andere Menschen kämpfen.
Da waren jene, die ihre Vorräte wollten. Und da waren die anderen. Die nicht mehr sie selbst waren. Seit der Virus ausgebrochen war. Die Menschen starben. Standen wieder auf und machten sich auf die Suche. Nach anderen Menschen. Die sie fressen konnten. Untote Kannibalen. Nicht vorstellbar – und doch war es Realität geworden.
Der Kern der Gruppe war seit Anbeginn der Apokalypse zusammen. Zu Beginn waren sie acht gewesen – Rick und Lori, Daryl, Carol und Sofia, Glenn, Luke und Sara. Sie waren der Seuche entronnen und schlossen sich zusammen. Alleine war die Überlebenschance gleich null. Drei von ihnen hatten es trotzdem nicht bis hierher geschafft.
Dafür hatten sich andere der Gruppe angeschlossen. Momentan waren sie zehn Personen. Das Vertrauen innerhalb der Gemeinschaft musste groß sein, um das Überleben aller garantieren zu können. Wobei – eine Garantie gab es nie.

Heute war ein schlechter Tag für Sara. Einer jener Tage, an denen selbst sie die Zukunft der Menschheit hinterfragte. Wo das alles hinführen sollte. Was aus den Überlebenden werden sollte. Menschheit … Die Definition des Wortes musste wohl neu überdacht werden.
Sara war sonst immer diejenige, die die Köpfe der anderen wieder aufrichten konnte. Ihr Optimismus und ihre Fröhlichkeit waren ihre Markenzeichen. Sie schien mit allen gut auszukommen, denn sie wusste, wie sie den Menschen begegnen musste. Es war eine Gabe, sich auf andere Menschen einstellen zu können – ohne sich dabei zu verstellen.

Aber heute war es anders. Heute benötigte Sara jemanden, der ihr sagte, dass das alles nicht umsonst war. Dass es einen Sinn machte, in diesem Chaos weiterzuleben. Sie hing in einem Tal der Hoffnungslosigkeit fest. Vorgestern hatten sie wieder zwei aus ihrer Gemeinschaft verloren. Greg und Suzie waren gebissen worden. Das hieß, dass sie selbst zu Monstern mutierten. Ein Pärchen, gerade mal Anfang 20.
Sara erinnerte sich daran, wie sie in diesem Alter gewesen war. Es war noch nicht allzu lang her, nur ein paar Jahre. Und doch erschien es ihr wie eine Ewigkeit. Freitagabend mit Freunden ausgehen, ein romantisches Essen mit ihrem Freund, Heiligabend mit ihren Eltern und ihrem Bruder Luke.
Ihre Eltern hatten das alles Gott sei Dank nicht mehr miterleben müssen. Sie waren beide ein paar Monate vor dem Virusausbruch bei einem Autounfall gestorben.

Luke hatte sie drei Monate, nachdem sich die Gruppe gemeinsam auf den Weg gemacht hatte, einen sicheren Ort zu finden, bei einem Angriff verloren. Er wollte sie schützen. Und fiel dabei den Beißern in die Arme. Er konnte sich befreien, aber die Bisse, die er davongetragen hatte, ließen der Gruppe keine Wahl.
Sara konnte sich noch von ihm verabschieden. Sie hielt ihn im Arm, als Luke, ihr Bruder, ein Mensch, starb. Betete, dass seine Seele friedlich den Weg zu ihren Eltern finden würde. Sie hielt ihn so lange im Arm, bis sich der Körper wieder zu regen begann.
Das war nicht mehr Luke. Sein Körper, ja. Aber das, was Luke ausgemacht hatte, sein Wesen, war weg. Das war nur noch ein tödlicher Virus, der sich leblose Körper zu eigen machte, um sich weiter zu verbreiten.
Rick wollte es tun. Doch Sara kam ihm zuvor. Sie griff mit Tränen im Gesicht nach ihrem Jagdmesser und rammte es ihrem Bruder in die Stirn. Es schien ihr in diesem Moment, dass sie sich das Messer in ihr eigenes Herz stieß. Sein Körper erschlaffte zum zweiten – und letzten – Mal.
Es konnten ihnen ganze Körperteile fehlen, das war egal. Doch wenn das Gehirn zerstört wurde, war das auch für diese Kreaturen das Ende.

Luke. Ihr Bruder. Er fehlte ihr. Sie waren immer eng verbunden gewesen. Er war ihr Held. Hatte auf sie aufgepasst. Die Tage nach seinem Tod waren es die anderen gewesen, die ihr Halt gegeben hatten. Die ihr Mut zugesprochen und sie beschützt hatten.
Fast jeder von ihnen hatte mittlerweile einen Verlust zu beklagen. Rick hatte seine Frau Lori verloren, Carol ihre Tochter Sofia. Daryl hatte auch seinen Bruder verloren, doch Merle war nie Teil ihrer Gemeinschaft gewesen.

„Den oberen Stock können wir verbarrikadieren. Wir bleiben heute hier“, hörte sie Rick dumpf im Obergeschoss rufen. Sara blinzelte geistesabwesend und starrte weiter in das Wasser.
Plötzlich spürte sie eine angenehme Nässe, die ihren Körper umschloss. Sie war in den Pool gefallen und trieb regungslos auf der Wasseroberfläche. Sie betrachtete die Fliesen am Grund des Pools. Das Wasser lief in ihre Ohren. Egal. Sie hielt die Luft an.
Eine seltsame Ruhe machte sich in ihrem Körper und ihrem Geist breit. Wie in Trance hörte sie ihrem eigenen Herz zu, wie es seinen Schlag verlangsamte. Das Wasser schlug sachte gegen ihren Körper. Sara atmete langsam und gleichmäßig aus. Die Luftblasen stiegen links und rechts neben ihrem Gesicht hinauf zur Wasseroberfläche.
Sara war bewusst, dass sie sich bewegen musste, um Luft zu holen. Aber sie schaffte es nicht. Sie war müde. Die Glieder schmerzten von den tagelangen Märschen und Nächten auf hartem Beton oder unwegsamem Gelände. Es war angenehm, leicht, im Wasser zu treiben. Sie war ruhig. Hatte nach wie vor nicht wieder eingeatmet.
Langsam merkte sie, wie der Atemreflex versuchte, wieder einzusetzen. Ein paar Mal tief unter Wasser einatmen, dann wäre es vorbei. Der ganze Schmerz, die Erinnerungen, das Leid. Alles wäre vergessen. Aber für die anderen wäre es nicht vorbei.
Sie würde zurückkehren. Vielleicht würde sie jemanden aus der Gruppe erwischen, bevor sie jemand töten konnte. Die jüngsten Neuzugänge waren noch nicht so trainiert in ihrer Verteidigung. Sie hatten sich monatelang in einer Firmenkantine verschanzt, bis sie von Rick und Glenn gefunden wurden.

Sara wusste, wie schwer es für jeden einzelnen war, ein Mitglied der Gemeinschaft an die Beißer zu verlieren. Auch wenn das Wesen, das getötet werden musste, nichts mehr mit dem ursprünglichen Menschen gemein hatte. Die meisten interpretierten das Notwendige mit Mord.
Mord in der Familie. Sie würde mit dieser Aktion einen aus der Gruppe dazu zwingen, wieder morden zu müssen. Das konnte sie nicht zulassen.
Da war er, der Überlebenswille. Sara versuchte sich mühevoll zu drehen, konnte sich aber nicht bewegen. Ihre Kleidung war mit Wasser vollgesogen und zog sie unter die Oberfläche. Ihre Arme klatschten auf das Wasser, um sich aufzurichten, aber sie schaffte es nicht.

Da bemerkte sie einen Schatten, kurz darauf sprang jemand neben ihr ins Wasser. Die Welle trug sie in die entgegengesetzte Richtung. Für einen Augenblick kam ihr Kopf über Wasser, sie konnte kurz einatmen und gurgelte etwas Unverständliches.
Wenn es ein Beißer war, musste sie weg. Sie versuchte zu schwimmen, kam aber nicht vom Fleck. Jemand packte sie an der Schulter und drehte sie mit Gewalt um. Sara holte tief Luft. Sie hatte bereits Wasser geschluckt und hustete es wieder aus.
Ein starker Arm umfasste ihre Taille von hinten. „Atme, Sara! Verdammt Sara, atme!“, rief ein Mann aufgebracht und schwamm mit ihr die wenigen Meter bis zu den Eingangsstufen des Pools.
Sie atmete ein paar Mal tief durch. Dann fing sie hemmungslos an zu weinen. Es war kein Beißer. Sie lehnte ihren Kopf gegen die Schulter ihres Retters. Ihre Sinne waren benebelt, sie erkannte ihn nicht.
Er setzte sich auf die oberste Stufe und hielt sie fest. Sara lehnte erschöpft zwischen seinen Beinen auf der Stufe unterhalb. „Ich wollte … ich konnte nicht … ich bin so … müde …“, murmelte sie verzweifelt. „Shhh“, sagte er leise und nahm seinen zweiten Arm zu Hilfe, um sie besser zu stützen.
Es überkam sie wieder ein Hustenanfall und sie erbrach Wasser. „Gut so, raus damit“, sagte er ruhig und wiegte sie leicht hin und her. Sie stöhnte auf stützte sich auf seinen Knien ab, um sich richtig auf die Stufe zu setzen.

Ihre Arme zitterten, sie brachte selbst kaum die Kraft auf. Er schien zu merken, was sie vorhatte, und half ihr. „Ich konnte es nicht …“, sagte sie wieder und schluchzte auf. „Was?“, fragte er leise.
Sie richtete sich auf und versuchte sich zu beruhigen. „Es beenden. Ich hätte jemanden von euch erwischen können. Bevor ihr mich getötet hättet. Das hätte ich mir nie verzeihen können. Auch wenn ich dann nicht mehr ich selbst bin“, antwortete sie. Sara rieb sich die Augen, die vom Chlor brannten.
„Kleiner Tipp am Rande: Besorg dir eine eigene Pistole. Ein Schuss. In den Kopf. Zwei Fliegen mit einer Klappe. Du bist tot und wir haben keine Arbeit. Aber glaub bloß nicht, wir hätten uns von deiner ersoffenen Beißerleiche erwischen lassen.
Kannst dich doch sowieso nicht anschleichen. Ich hätte dich auf zehn Meter Entfernung gehört“, erklärte er trocken.

Sara musste lächeln. Zu so einer Antwort war nur einer fähig. Am Beckenrand sah sie seine Armbrust auf den Fliesen liegen. Sie drehte sich um und sah Daryl.
„Hi“, sagte er leise und nickte ihr leicht zu. „Hi“, flüsterte sie. „Ich hätte dich getötet. Das weißt du, oder“, meinte er und sah ihr in die Augen. Seine Worte mussten einem Außenstehenden kalt und emotionslos erscheinen. Doch sie wusste, wie er es meinte.
„Ja“, erwiderte sie mit zitternder Stimme. „Ich hätte es gehasst. Aber ich hätte es getan“, erklärte Daryl. Saras Mundwinkel zuckten. Sie wollte nicht wieder weinen. Sie nickte kurz und heftig. „Ich weiß. Du willst niemanden mehr verlieren“, sagte sie und atmete tief durch.

Er nahm ihr Gesicht in beide Hände. „Ich will niemanden mehr verlieren“, wiederholte er ruhig Saras Worte. Sein Blick wirkte besorgt. „Ich … Die Gruppe darf dich nicht verlieren“, ergänzte er.
Sara hielt kurz die Luft an und blinzelte. Wassertropfen liefen über ihr Gesicht und vermischten sich mit den Tränen auf ihren Wangen.
Sie sah ihn fragend an und zog die Augenbrauen zusammen. Hatte er gerade „Ich darf dich nicht verlieren“, sagen wollen? „Sara. Codename Sunshine. Wenn wir dich sehen, schöpfen wir neuen Lebensmut. Trotz der ganzen Scheiße hier. Die Sonne geht auf. Sara sagt, es wird ein schöner Tag. Wir erledigen Beißer. Sara hofft auf ihren Seelenfrieden. Vogelbabys fallen aus ihrem Nest. Sara setzt sie wieder zurück. Ich würde das Federvieh nicht mal sehen. Und alles passiert mit einem Lächeln auf den Lippen“, erklärte er sanft. Er blickte kurz auf ihre gleichmäßig geformten Lippen und fuhr mit einem Daumen kurz darüber, um die Wassertropfen darauf wegzuwischen.

Es tat ihm weh, sie leiden zu sehen. Sie hatte sich seit ihrem ersten Aufeinandertreffen stark verändert. Sie hing damals an ihrem Bruder, ließ ihm den Vortritt, stand in seinem Schatten. Luke war in Ordnung gewesen, hatte sich um sie gekümmert.
Aber er hatte nie versucht, Sara aus dieser passiven Rolle herauszuholen. Sie war stark. Ein Fels in der Brandung. Sie war optimistisch. Sie sah in jedem das Gute, ließ sich aber nicht blenden.
Mit Hilfe ihrer Menschenkenntnis hatte Rick schon einige Male die im Nachhinein betrachtet richtige Entscheidung für die Gruppe treffen können, als sie auf andere Überlebende trafen. Sie wusste, wie Daryl tickte, und akzeptierte ihn, wie er war. Sie konnte Geheimnisse bewahren, die sonst niemand wusste. Das mochte er an ihr.
Die letzten Monate war sie ihm ans Herz gewachsen. Er zeigte seine Gefühle nicht offen, das hatte er nie gelernt. Schon gar nicht Frauen gegenüber. Er war ohne Mutter oder Schwester groß geworden. Dafür mit einem Vater, der trank und seinen Bruder und ihn misshandelt hatte.
Diese Gruppe war das, was einer Familie am nächsten kam, selbst als sein Bruder noch lebte. Merle hatte sich mit den falschen Leuten umgeben. Als ihn die Beißer erwischten, beendete Daryl sein Dasein. So hatten sie beide, Daryl und Sara, ihre Brüder verloren – getötet mit ihren eigenen Händen.

Sara war durcheinander. Sie wusste, dass Daryl ein zynischer Einzelgänger war. Innen drin jedoch genauso verletzbar wie alle anderen. Aber diese Seite zeigte er so gut wie nie. Sie verlangte es auch nicht oder manipulierte ihn dazu, sie zu zeigen. Das letzte Mal war es aus ihm herausgebrochen, als er Merle getötet hatte.
„Keine Ahnung, wie du das immer schaffst, aber es ist cool“, flüsterte er und lächelte leicht. Das kam auch nicht oft vor bei ihm. Aber wenn es jemand schaffte, dann war es Sara. „Pass auf dich auf und bleib bei uns. OK?“, fragte er und sah ihr fordernd in die Augen.
Sie nickte leicht und sah nach unten. Er gab ihr einen brüderlichen Kuss auf die Stirn. Wie er es schon oft getan hatte. Aber diesmal war es anders. Er hielt kurz inne und wanderte dann langsam ihr Gesicht entlang, seine Nasenspitze streifte ihre Wange.
Sara schloss die Augen. Trotz der nassen Kleidung war ihr nicht kalt. Sie spürte ebenfalls, dass die Stimmung anders war als sonst. Sie mochte Daryl. Vor der Apokalypse wären sie sich wahrscheinlich nie begegnet.
Er war ehrlich und geradlinig. Er akzeptierte Rick als Chef der Gruppe und stand ihm loyal zur Seite. Er achtete auf die Schwächeren der Gruppe. Sie wusste, dass jeder Verlust auch innerlich an ihm nagte.
Sie spürte seinen Atem auf ihrem Mund und merkte, dass er zögerte, sie zu küssen. Sie öffnete kurz ihre Augen und sah direkt in seine. Sein Blick wechselte immer wieder kurz zu ihrem Mund.

Er spürte eine seltsame Unruhe in seiner Brust, sein Hals schien sich zu verengen. Etwas hielt ihn zurück, sich die letzten Zentimeter vorzubeugen.
Auch Sara hatte den Wunsch, ihn zu küssen. Aber sie wollte nicht, dass ihre Beziehung sich dadurch veränderte. Sie mussten sich aufeinander verlassen können, Beziehungsstress konnte sich in diesen Zeiten niemand leisten.
Sie streckte sich ihm entgegen und küsste ihn leicht auf seine Wange. Dann umarmte sie ihn und drückte ihn so eng an sich, wie es ihre geschwächten Arme zuließen. Daryl vergrub seinen Kopf in ihrer Halsbeuge, schloss die Augen und streichelte ihren Rücken.
Sie genoss seine Berührung, seine warmen Hände strahlten durch die feuchte Kleidung auf ihre Haut. Auch er empfand ihre Umarmung als angenehm, beruhigend, in einer gewissen Art sogar beschützend.
Saras Kopf war wie leergefegt. Keine schwermütigen Gedanken. Nur dieser Moment. Diese Umarmung. So langsam ihr Herz kurze Zeit zuvor noch geschlagen hatte, so kräftig und schnell pulsierte es in diesem Augenblick. Ja. Sie war am Leben. Und sie wollte leben. Weiterleben. Mit Daryl und den anderen. Ihrer Familie.

Nach einer gefühlten Ewigkeit trennten sie sich voneinander. Sie sah ihn an und merkte, wie er sich wieder verschloss. Er sah an ihr vorbei Richtung Treppenhaus, sein Körper spannte sich an und er ging auf Abstand. Sie nahm es ihm nicht übel. Sie hörte die zwei Neuen die Treppe hinunterpoltern und stand vorsichtig auf.

„Was zum Teufel ist denn hier passiert?“, rief Alex neugierig und blieb am anderen Ende des Pools gemeinsam mit Andy stehen. „Ich wollte mich umbringen und hab mich ins Wasser gestürzt. Daryl hat mich wieder rausgezogen“, erklärte Sara ruhig und sah die beiden an. Daryl saß noch immer hinter ihr und beobachtete die zwei Burschen still.
„Komm schon, Sunshine. Rede keinen Blödsinn. Wieso solltest du dich umbringen wollen?“, fragte Andy und schüttelte den Kopf. Sara senkte kurz den Kopf und drehte sich leicht zu Daryl. „Da sagt man mal die Wahrheit und es glaubt einem keiner“, murmelte sie. Daryl verzog den Mund, um ein Grinsen zu unterdrücken, und stand ebenfalls auf.
„Dann gib’s halt zu, Sara“, begann Daryl und räusperte sich. „Sie ist über ihre eigenen Beine gestolpert, ausgerutscht und reingefallen. Ich hab sie rausgezogen“, erklärte Daryl in seiner ernsten Art. Die alternative Begründung erschien den beiden glaubhafter.

Alex und Andy machten sich über Sara lustig. Sara stieg langsam an Daryl vorbei aus dem Wasser und hielt sich dabei an seinem Oberarm fest. Einen Moment länger als notwendig verweilte ihre Hand an der Stelle, bevor sie weiterging. Daryl folgte ihr mit einigen Schritten Abstand und beobachtete sie.
Sie war noch wackelig auf den Beinen, schien sich aber wieder beruhigt zu haben. Er überlegte, ob er sie hätte küssen sollen. Obwohl: Dieser Moment hatte ihre Beziehung in jedem Fall verändert. Irgendetwas war anders.
Bei seiner Armbrust angekommen, hob Sara sie schwerfällig auf und zielte in die Richtung der beiden Jungen. „Ihr macht euch jetzt mal nützlich und sucht mir eine bequeme Schlafmöglichkeit da oben. Ich bin älter, mir steht ein Bett zu. Oder zumindest eine Couch. Wenn es breit genug ist, teile ich auch. Ausnahmsweise. Macht schon, sonst jage ich euch Pfeile in den Hintern!“, sagte sie gespielt streng und ging langsam auf Alex und Andy zu.
„Yes, Ma‘am!“, riefen beide lachend und liefen zurück zu den anderen, um ihnen Saras Missgeschick brühwarm zu erzählen. Und hoffentlich eine Schlafmöglichkeit zu reservieren. Sara drehte sich um und hielt Daryl die Armbrust hin. „Du hast da was fallen lassen, Robin Hood“, lächelte sie ihn an. Er nahm ihr die Armbrust ab und schulterte sie.

„Sehen wir zu, dass wir trockene Sachen auftreiben. Sonst krepieren wir an einer harmlosen Grippe und die anderen müssen uns beide abknallen. So habe ich mir meinen Abgang nicht vorgestellt“, sagte Daryl und deutete Richtung Stiegenaufgang.
Sara nickte. „Dann wäre die ganze Aktion hier umsonst gewesen. Zumindest was mich angeht“, sagte sie sarkastisch und ging voraus. Vor den ersten Stufen drehte sie sich noch einmal um. Er blieb ebenfalls stehen und sah sie fragend an.
„Andererseits hast du seit Langem wieder mal sowas wie eine Dusche abbekommen. Ich finde, das war es wert“, kicherte sie leise, zwinkerte ihm zu und ging dann langsam die Stufen hoch. Er sah ihr nach und grinste.
Sie war immer noch dieselbe. Davon war er überzeugt. Aber irgendetwas war anders – doch anders hieß nicht zwingend schlechter. Das hatte sie ihn in den letzten Monaten gelehrt.

Petra Hechenberger

www.verdichtet.at | Kategorie: fantastiques | Inventarnummer: 15155

Spark

(inspired by TWD)

„Hey. Wie sieht’s aus?“ Maggie stand in der Tür des Wachturms. Aleks stand mit dem Rücken zu ihr und beobachtete den Zaun und das Gelände dahinter in östlicher Richtung. „Mhm. Es werden wieder mehr. Wir müssen uns auf einen Schub gefasst machen.“ Aleks drehte sich um und nahm ihr Gewehr. Dann lächelte sie Maggie kurz an.
„Ich gehe runter und helfe am Zaun weiter.“ Maggie stellte sich Aleks in den Weg und verschränkte die Arme. Aleks blieb überrascht stehen. „Was soll das?“, fragte sie verständnislos. „Aleksandra, du musst mal wieder schlafen. Du bist seit 24 Stunden wach. Geh essen und schlaf dich aus!“, sagte Maggie ruhig und sah Aleks in die Augen.

Aleks sah wieder hinaus zum Zaun und seufzte. Maggie war ein paar Jahre jünger als sie, und mittlerweile wie eine kleine Schwester. Aleks hatte sich der Gruppe angeschlossen, kurz bevor sie das Gefängnis entdeckten. Gemeinsam konnten sie es von den Beißern befreien und hatten sich hier niedergelassen. Seit über einem Jahr waren sie bereits hier. Die zweifache Absperrung mit den Gitterzäunen bot ihnen guten Schutz.
Innerhalb der Gruppe hatte jeder einen Aufgabenbereich. Aleks war keine geborene Hausfrau. Sie ging mit den Männern hinaus, um Lebensmittel und Medikamente aufzutreiben und die Gegend zu erkunden. Oder sie übernahm einen der Wachposten innerhalb des Geländes.
Aleks war kräftig und konnte gut schießen. Carol hatte ihr beigebracht, noch besser mit dem Jagdmesser umzugehen. Das war unverzichtbar, wenn man im Nahkampf Beißer ausschalten musste. Sie war aber nicht gemacht für Babysitting, Kinder- oder Altenbetreuung. Sie hatte sich zwar in die Gemeinschaft eingegliedert, aber ihr sozialer Kontakt mit den anderen war eher zurückhaltend. Nach wie vor.
Maggie beobachtete sie. Sie wusste, dass Aleks eine Einzelgängerin war. Kein Mensch großer Worte. Aleks war sich ihrer Aufgaben bewusst und erledigte sie. Ohne zu fragen. Sie war eine Stütze für die Gruppe. Trotz ihrer introvertierten Art wurde sie von allen in der Gruppe geschätzt.

Aleks musste sich eingestehen, dass Maggie Recht hatte. Sie war vorhin im Stehen kurz eingenickt. Das durfte nicht wieder passieren. Sie schloss kurz die Augen und nickte dann. „In Ordnung. Aber am Zaun sage ich noch Bescheid. OK?“, sagte sie ergeben und schulterte ihr Gewehr.
Maggie lächelte und machte den Weg frei. „Gutes Mädchen“, grinste sie. „Soll ich Glenn dann raufschicken?“, fragte Aleks grinsend und hob erwartungsvoll die Augenbrauen. „Mach, dass du weiterkommst“, rief Maggie lachend und klopfte ihr im Vorbeigehen auf die Schulter.
Aleks hob zum Gruß kurz die Hand und ging langsam die Stufen des Wachturms hinunter. Die Treppe im Inneren des Turms war nur schwach beleuchtet. Unten angekommen streckte sie sich kurz. Es war Herbst, aber die Sonne war noch stark.
Dann marschierte sie zügig zum östlichen Teil des Zauns, den sie vorhin beobachtet hatte. Dort waren Sasha, Glenn und Carl seit einiger Zeit dabei, die Beißer, die gegen den Zaun drückten, mit Hilfe von Eisenstangen zu erledigen.

„Hallo Leute. Es kommt wieder ein Schub. Ich habe von oben ein paar größere Gruppen gesehen, die auf dem Weg hierher sind“, erklärte sie den anderen, als sie bei ihnen angekommen war. Gleichzeitig stellte sie ihr Gewehr ab und nahm ebenfalls eine Eisenstange, um ihnen zu helfen. Für einen Augenblick zögerte sie und dachte an die Vereinbarung mit Maggie, abzuschalten und auszuschlafen. Aber ihre Hilfe wurde gebraucht. Also half sie.
Carl trat einen Schritt zurück und wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Das ist uns auch schon aufgefallen, danke für die Info“, sagte er mit einem sarkastischen Unterton und betrachtete den Zaun. Aleks registrierte den Tonfall, nahm es aber nicht persönlich. Er war ein Teenager in einer Welt, in der er viel zu schnell erwachsen werden musste. Sie warf ihm einen gelangweilten Blick zu und stach weiter durch den Zaun auf die Beißer ein.
„Wenn noch mehr kommen, wird der Zaun nicht mehr lange halten. Wir müssen die toten Beißer vom Zaun wegbringen und verbrennen“, sagte er laut und hob kurz seinen Sheriff-Hut, um sich die Haare zurückzustreifen.
Der Hut war ihm heilig, er hatte ihn von seinem Vater. Rick war der Anführer der Gruppe, und Carl versuchte ihm gerecht zu werden. Aleks‘ Vater war auch Polizist, aber ihr Verhältnis war nicht so gut gewesen.

Aleks musterte zuerst Carl, dann den Zaun, der sich schon leicht nach innen bog. „Du hast Recht. Wir müssen die Masse woanders hinlotsen, damit wir zu den Körpern kommen. Am besten einer von euch holt Verstärkung. Sowohl für hier drin als auch für draußen“, meinte Aleks und blinzelte kurz, bevor sie wieder zustach.
Sasha ließ ihre Stange fallen und ging rückwärts. „Ich geh schon“, sagte sie leise und drehte sich um, um zum Gefängnis zu laufen. „Wo ist Maggie?“, fragte Glenn und machte ebenfalls kurz eine Pause. „Sie hat mich im Wachturm abgelöst“, antwortete Aleks. „Kommt, wir können ja schon anfangen, sie in die andere Richtung zu treiben“, meinte sie und ging ein paar Schritte weiter den Zaun entlang, bevor sie wieder einem Beißer die Eisenstange durch den Kopf stieß.
„Alles klar“, sagte Carl und tat es ihr gemeinsam mit Glenn gleich. Die Masse auf der anderen Seite des Zauns tat vorhersehbar genau das, was die drei wollten: Sie folgte ihnen. Zwischenzeitlich hörten sie von hinten Gesprächsfetzen und das innere Tor, das verschlossen wurde.

Die drei warteten darauf, dass Carol, Hershel, Beth, Michonne, Daryl und Rick zu ihnen stießen. Rick und Daryl betrachteten den Zaun und sahen sich um. „Wir sind schon etwas vom Hauptanlaufpunkt weggegangen, damit man von der anderen Seite besser dazukommt“, erklärte Carl und deutete auf den Leichenberg, der mehrere Meter entfernt auf der anderen Seite des Zauns zu sehen war.
„Es kommen noch mehr. Wir müssen gleich was tun, das Feuer kann einige abhalten, wenn wir Glück haben“, meinte Aleks und sah abwechselnd zu Rick und Daryl. Daryl war Ricks rechte Hand. Ebenfalls ein ruhiger Typ, ein Überlebenskünstler.
Er hatte etwas an sich, das ihn anziehend machte. Geheimnisvoll, männlich. Sein Blick war oft prüfend, seine blauen Augen stachen aus dem immer leicht dreckigen Gesicht und den schwarzen Haaren hervor. Auch wenn er nicht viel redete, so wie sie selbst, war seine Meinung für Rick und die anderen wichtig. Seine Vorschläge waren ab und an sogar besonnener als jene von Rick.

„Dann legen wir gleich los. Carl, du bleibst mit Beth, Hershel, Aleks und Carol hier und lotst die Beißer weiter in westlicher Richtung den Zaun entlang. Ihr anderen kommt raus mit mir“, legte Rick fest und nickte der Gruppe zu. „Ich kann draußen mehr helfen, Rick. Jedes Paar Hände mehr macht uns schneller“, schaltete Aleks sich sofort ein. Sie wollte helfen, sie hatte die Kraft und das Können.
Dass Rick sein eigenes Kind nicht mit rausschickte, war klar. Hershel war alt und hatte ein Holzbein, und Beth war nicht sehr kräftig. Allein mit Carol hatte er noch eine wichtige Stütze auf dieser Seite des Zauns.
Rick musterte Aleks kurz. Als sie es merkte, stellte sie sich breitbeinig hin und sah ihm ruhig in die Augen. Daryl und Rick wechselten kurze Blicke, und Daryl nickte Rick kurz zu. Daryl wusste so wie Maggie, dass Aleks seit einem Tag auf den Beinen war. Ihre Erschöpfung konnte sie körperlich zwar verstecken, aber ihr Blick war müde, ihre Augenringe sprachen Bände.
Ihren Gedankengang schien er aber nachvollziehen zu können. „Sie hat Recht“, murmelte Daryl und griff nach seinem Jagdmesser. Er hielt es ihr hin, sie nahm es mit einem leisen „Danke“ an. „Keine Schüsse, sonst sind sie noch schneller da“, klärte Rick die Runde auf. Dann machten sie sich auf den Weg zum äußeren Tor. Einzelne Beißer verfolgten sie, konnten aber schnell erledigt werden.

Aleks bemerkte, dass Daryl in ihrer Nähe blieb, während sie die Beißer in eine Grube warfen. Der Plan funktionierte, die Beißer, die sie angriffen, blieben in einer überschaubaren Menge. Carl und die anderen hatten die große Gruppe mittlerweile an die dreihundert Meter weit weggelockt und versuchten weiter, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.
„Ich brauche … kein … Kindermädchen, Daryl“, keuchte sie genervt, während sie eine weitere Leiche Richtung Grube zog. „Ich seh weder ein Kind, noch bin ich ein Mädchen“, sagte Daryl trocken, behielt sie aber weiter im Blick. Er sah ihr an, dass sie nicht mehr konnte. Und doch trieb sie sich selbst weiter an, um zu helfen.
In den letzten Wochen hatte er sich öfter dabei ertappt, wie er sie beobachtete. Ihre Gespräche waren kurz, und doch war es ihm ein Bedürfnis, mit ihr zu sprechen. Er fand es angenehm, in ihrer Nähe zu sein. Sie war ihm ähnlich. Er wusste aber nicht viel über sie. Ihr Vater, ein Polizist, hatte sie allein großgezogen. Sie schien einiges erlebt zu haben, denn sie wirkte älter, erfahrener als ihrem wirklichem Alter entsprechend.

Michonne pfiff kurz laut. Die Gruppe schreckte hoch und sah zu ihr. Sie deutete auf den Waldrand, wo mehr als ein Dutzend Beißer auf dem Weg zu ihnen war. „Aufpassen Leute, jetzt wird’s spannend“, rief sie und ging ihnen entgegen, während sie ihr Schwert zog.
Aleks schleppte den Beißer, den sie gerade trug, zur Grube und war im Begriff, ihn über die Kante zu schieben, als sie abrutschte und mit ihm in die Grube fiel. Sie kam unsanft auf dem Boden auf und schrie auf. Ein stechender Schmerz durchzuckte ihr linkes Schulterblatt. Vor ihren geschlossenen Augen schossen Lichtblitze durch das Schwarz.
„Aleks?“, rief Daryl. Aleks öffnete die Augen und murmelte etwas Unverständliches. Ihr Schulterblatt brannte. Langsam stand sie auf und sah hoch zur Kante. Michonne hatte sie im Blick, während sie die Angriffe abwehrte. „Sie steht wieder“, rief sie den anderen zu und kämpfte weiter. Aleks stöhnte und beugte sich nach vor, um ihren Rücken zu entlasten.
Die Schmerzen in der Schulter waren kaum auszuhalten. Es war nicht ihre erste Verletzung an dieser Stelle. Sie versuchte, den Arm zu bewegen, doch sobald sie ihn anhob, schossen die Schmerzen durch ihre Schulter. Sie sah hoch und wusste, dass sie alleine nicht aus der Grube kommen würde. Sie konnte zwar mit den Fingerspitzen die Wiese erreichen, aber sich selbst hochzuziehen würde sie nicht schaffen. „Glenn, sieh nach!“, hörte sie Ricks Stimme rufen.

Glenn tauchte an der Kante auf und sah zu ihr hinunter. Ihr schmerzverzerrtes Gesicht verriet ihm, dass sie Hilfe brauchte. Er legte sich hin und hielt ihr eine Hand entgegen. „Komm, ich zieh dich rauf“, rief er. Daryl hielt ihm den Rücken frei, während Michonne und Rick auf der anderen Seite der Grube die Angreifer erledigten.
Aleks griff nach der Hand und versuchte sich hochzuziehen. Sie schrie auf, als sie versuchte, ihren linken Arm zu belasten. „Fuck“, schrie sie wütend und ließ wieder los. Sie griff sich mit der rechten Hand an die linke Schulter und sah sich mit der letzten Konzentration, die sie noch aufbringen konnte, um.
Sie deutete mit dem Kopf in eine der Ecken. „Ich versuch’s dort, ich kann den Arm nicht belasten“, rief sie Glenn zu, während sie sich auf den Weg machte. „Alles klar“, antwortete er und lief zur besagten Stelle. „Da, nimm das“, hörte sie Daryl rufen, während sie über die Beißer hinweg in die Ecke stolperte. Die Erdwände waren dort nicht so glatt, sie hatte mehr Möglichkeiten, mit den Beinen zu arbeiten.

Schweiß stand ihr auf der Stirn. Glenn warf ihr Daryls Gürtel nach unten. „Schnall ihn dir um die Brust und gib mir das Gürtelende, dann kann ich dich besser raufziehen“, erklärte Glenn und nickte ihr zu. Sie band den Gürtel um und wollte ihm das Ende entgegenhalten, als sie hinter sich etwas aufschlagen hörte.
Sie drehte sich um und sah einen Beißer, der in die Grube gefallen war und nun auf allen Vieren auf sie zugekrochen kam. „Aleks, komm schon!“, rief Glenn nervös. Doch Aleks zog das Jagdmesser und ging auf den Beißer zu, um ihm die Klinge in den Kopf zu rammen. Sie musste schnell sein. Nachdem sie ihren linken Arm aufgrund der Schulterschmerzen kaum bewegen konnte, konnte sie sich auch nicht verteidigen.
„Wir müssen rein, es werden zu viele!“, rief Michonne und ging langsam rückwärts, während sie sich weiter verteidigte. Wieder fielen zwei Beißer in die Grube. Aleks atmete tief durch und griff den an, der näher war. Sie spürte bereits die Hände des anderen auf ihrer Schulter, als er in sich zusammensackte und liegen blieb. Sie drehte sich um und sah, dass ihn Daryl mit einem Pfeil erledigt hatte.
Aleks zog den Pfeil aus dem toten Kopf, klemmte ihn am Rücken hinter ihren Hosenbund und stolperte wieder zurück zu Glenn. Er griff nach dem Gürtelende und zog an, während Aleks versuchte, sich mit einer Hand weiter hinaufzuhanteln. Der Zug unter ihren Achseln durch den Gürtel drückte auch auf ihr Schulterblatt. Aleks schrie schmerzerfüllt auf.
Ihre Kraft verließ sie, und sie rutschte ab. Kurz bevor sie wieder in die Grube zurückfiel, tauchte Michonne neben Glenn auf und griff an Aleks‘ Rücken nach dem Gürtel. Zu zweit gelang es Glenn und Michonne schnell, Aleks‘ Körper über die Kante auf die Wiese zu befördern.

Aleks stöhnte und wimmerte leise vor sich hin. Sie bekam nichts mit, konnte nicht klar erkennen, welche Personen Beißer oder Menschen waren. Verzweifelt versuchte sie, am Boden kriechend Richtung Tor zu robben. „Pass auf, ihr Arm ist verletzt“, rief Glenn, wenig später spürte Aleks, wie sie von ihm und Michonne hochgehoben wurde. Sie trugen sie mit schnellen Schritten zurück zum Tor.
Dumpf hörte sie Rick hinter sich. „Rein mit euch!“ Daryl sicherte den Weg ab. Nachdem Rick das Feuer entfacht hatte, kamen er und Daryl nach. Aleks versuchte, selbst zu gehen, war aber zu schwach. Beim Tor warteten Carl und die anderen auf sie. Auch Maggie stand dabei und wartete besorgt darauf, dass alle zurückkamen.

„Was ist passiert?“, fragte Hershel und versuchte, bei Aleks einen Puls zu messen. Ihr war schwindlig, ihr Körper zitterte. Sie schnaufte laut durch die Nase, wollte ihren Schmerz nicht laut hinausschreien. Stumm liefen Tränen über ihr Gesicht. „Irgendetwas mit ihrer Schulter. Sie hat starke Schmerzen“, sagte Glenn. „Sie ist übernächtig, hat die Nacht durchgemacht, Dad“, erklärte Maggie weiter.
„Ihr Puls ist stark erhöht, auf ihrer Haut steht der kalte Schweiß. Sie muss sich hinlegen, kannst du sie alleine tragen?“, fragte Hershel Glenn. „Ich nehm sie“, kam Daryls Stimme aus der hinteren Reihe. Ohne weitere Worte nahm er Aleks in die Arme und achtete darauf, ihre verletzte Schulter nicht zu berühren oder zu belasten.

Aleks bekam mit, dass sie von zwei starken Händen getragen wurde. Sie roch das Leder und den Jeansstoff von den Jacken, die Daryl trug. Es war ein angenehmes Gefühl, nicht mehr auf den Beinen stehen zu müssen. Die Schmerzen waren noch da, aber der Schlaf übermannte sie. Die Augen fielen zu und ihr Körper entspannte sich.
Daryl bemerkte auf dem Weg Richtung Zellenblock, dass ihre Körperspannung nachließ. Er blieb stehen und sah sie an. Schweißnasse Haarsträhnen klebten an ihren Wangen, die von der Anstrengung gerötet waren. Aus ihren Augen flossen Tränen, ihr Atem war flach. „Hershel“, sagte Daryl leise und wartete, bis er bei ihm war.
„Sie ist bewusstlos. Ist momentan auch besser für sie. Ich muss sie untersuchen. Bring sie in ihre Zelle, ich hole meinen Koffer“, sagte Hershel ruhig und machte sich so schnell, wie es ihm möglich war, auf den Weg zu seinem Arztkoffer. Maggie folgte Daryl in Aleks‘ Zelle. Er legte sie vorsichtig auf ihr Bett und ging dann einen Schritt zurück.

Maggie kniete sich an das Kopfende des Bettes und wischte Aleks das Gesicht trocken. „Sie ist wahnsinnig. Macht überall mit, will immerzu helfen“, sagte sie leise. „Sie will eben nicht nur hier herumhocken und nichts tun. Versteh ich“, murmelte Daryl und betrachtete Aleks.
Ihm ging es genauso. Er konnte nicht den ganzen Tag herumsitzen und vor sich hin leben. Er musste auch etwas tun. Für sich. Für die anderen. Jeden Tag das Leben hier sicherstellen. Lebensmittel, Medikamente, Sicherheit. Situationen, die er nicht beeinflussen konnte, waren ihm zuwider.
„Es ist toll, dass sie helfen will. Aber nicht, wenn es auf Kosten ihrer Gesundheit geht. Oder auf Kosten der Sicherheit anderer. Meinst du nicht?“, fragte Maggie und drehte sich zu Daryl. Er lehnte mit verschränkten Armen in der Ecke des Raums und fixierte Aleks weiter mit seinem Blick. Dann zuckte er mit den Schultern. „Stimmt“, sagte er leise.

Hershel kam in die Zelle und setzte sich auf den einzigen Stuhl. Dann kramte er ein paar Utensilien aus seinem Koffer. „Maggie, mach ihren Oberkörper frei. Wir müssen rausfinden, was das für eine Verletzung ist“, sagte er. „Ich geh dann mal“, sagte Daryl leicht verlegen und verließ die Zelle.
„Was sind das für … Dad? Wurde sie …?“, fragte Maggie ihren Vater. „Armes Kind“, seufzte Hershel. Daryl überkam ein ungewohnter Schauer, als er den Dialog hinter sich hörte. Ihm war nicht klar, ob er sich umdrehen sollte. Was war los? Wurde sie von den Beißern verletzt? Würde sie eine von denen werden? So lange er sie im Auge gehabt hatte, war ihr kein Beißer zu nahe gekommen. Und den letzten hatte er auch noch rechtzeitig erwischt. Er konnte sich nicht konzentrieren und lief Carol in die Arme.

„Hey, was ist mit dir?“, fragte Carol und hielt ihn fest. Er sah sie verstört an. Wollte sprechen. Brachte aber keinen Ton heraus. Carol sah ihn durchdringend an. Sie kannte ihn schon so lange. Er war wie ein Bruder für sie. Er hatte auf ewig einen Platz in ihrem Herzen. Weil er bis zum Schluss daran geglaubt hatte, dass Sophia lebend zurückkehren würde. Sogar dann, als sie selbst die Hoffnung aufgegeben hatte.
Carol suchte seinen Augenkontakt. Dann lächelte sie zaghaft. „Du magst sie, hm“, flüsterte sie. Daryl blinzelte und runzelte die Stirn. „Ach hör doch auf“, blockte er ab. „Ich kenne dich, Daryl Dixon. Und ich sage, du magst sie. Und du machst dir Sorgen. Ist doch OK. Das zeigt wiedermal, dass auch du dein Herz am rechten Fleck hast“, sagte sie schmunzelnd und schlug mit ihrer Hand sanft gegen seine linke Brust.
Daryl schüttelte genervt den Kopf. „Lass das“, meinte er und nahm ihre Hand von seiner Brust. Sie hob entschuldigend ihre Hände in die Luft. „Dann nicht“, sagte sie. Als sie an ihm vorbeiging, blieb sie noch einmal kurz stehen. „Sie schafft das schon. Sie ist stark“, sagte sie leise, dann ging sie weiter in ihre Zelle. Daryl fuhr sich mit einer Hand über den Nacken und ging wieder hinaus in den Hof.

In der Zwischenzeit war Aleks dabei, wieder aufzuwachen. Als sie ihre Augen öffnete, nahm sie Hershel und Maggie wahr. Die Schmerzen in der Schulter hatten ein wenig nachgelassen, ihre Gedanken waren wieder klarer. „Hallo, junge Dame“, sagte Hershel väterlich und lächelte sie an. Aleks blinzelte. „Was ist passiert?“, fragte sie leise. „Sag du es uns“, meinte Maggie und strich ihr eine Strähne aus dem Gesicht.
Aleks atmete tief durch und überlegte. „Ich bin ausgerutscht und in die Beißergrube gefallen. Hab mir die Schulter verletzt. Glenn und Michonne haben mich rausgezogen. Dann … keine Ahnung“, murmelte Aleks leise.
„Dann hat dich Daryl reingebracht. Du warst bewusstlos“, erklärte Maggie weiter. Aleks nickte leicht. Daryl, genau. Leder und Jeans. Für eine Sekunde glaubte sie, den Geruch wieder in der Nase zu haben.

„Ich habe dir ein bisschen Morphium gegeben, damit die Schmerzen erträglicher werden. Aleksandra, ich habe deinen Rücken gesehen“, begann Hershel sanft und nahm Aleks Hand. Aleks sah den fragenden Blick in seinen Augen, während Maggie ein wenig zurück rutschte.
„Dann hast du wohl mein tolles Rückengemälde entdeckt“, sagte Aleks mit einem zynischen Unterton. „Die Wunden sind alt. Wer hat dir das angetan?“, fragte Hershel nach. „Es gibt Polizisten-Väter, die sind so wie Rick. Versuchen, ihr Kind mit Liebe und Verständnis, aber auch Strenge und Disziplin zu erziehen“, begann Aleks und versuchte, sich langsam aufzusetzen.
Sie griff nach der Bettdecke, um ihren Oberkörper damit zu bedecken. „Mein Daddy hatte sich hauptsächlich auf Strenge und Disziplin eingestellt. Haushalt nicht in Ordnung? Disziplin. Schlechte Noten in der Schule? Disziplin. Und so weiter“, erzählte Aleks ruhig.
„Der beste Freund meines Vaters war sein Schlagknüppel. Mit zehn Jahren habe ich ihn das erste Mal kennengelernt. Nach außen hin der liebende Vater, aber in den eigenen vier Wänden der Teufel in Person. Acht Jahre lang hatte ich nur zwei Gedanken: erstens so lange durchhalten, dass ich an meinem 18. Geburtstag meine Sachen packen und gehen konnte. Zweitens nie so zu werden wie er. Erstens ist mir gelungen, zweitens auch, wenn man die Beißer nicht mitrechnet.“
Ihr Tonfall war seltsam monoton. Wie ein Roboter erzählte sie ihre Geschichte. Hershel und Maggie hörten aufmerksam zu. Sie waren ergriffen von Aleks‘ Vergangenheit und überrascht, wie emotionslos Aleks die Erlebnisse wiedergeben konnte.
„Kannst du dich an eine Verletzung deines Schulterblattes erinnern?“, fragte Herschel nach. Aleks seufzte, bevor sie ihn wieder ansah. „Ich war 15. Zuerst ein paar Ohrfeigen. Dann ein Schlag, dass ich gegen den Türstock knallte. Mit dem nächsten Schlag fiel ich die Treppen hinunter. Linkes Schulterblatt gebrochen“, erzählte sie in knappen Sätzen den Vorfall.
„Ich hab es über die Jahre immer wieder mal gespürt. Verspannungen, Wetterfühligkeit, solche Sachen. Es war teilweise abgesplittert, nicht nur gebrochen“, sagte Aleks weiter. Hershel nickte. „Dann hat dein Aufprall die Verletzung wieder beleidigt. Die Splitter sind möglicherweise in Bewegung und beeinträchtigen Sehnen oder Muskeln. Gebrochen ist sicher nichts, da kann ich dich beruhigen. Höchstens geprellt“, erklärte er ihr seine Überlegungen.

„Ruhe und Erholung sind jetzt wichtig für dich. In ein paar Tagen wird der Schmerz nachlassen“, sagte Hershel weiter, während er seine Tasche wieder zusammenpackte. „Ein paar Tage“, rief Aleks aufgeregt. „Aber ich kann doch nicht …“ „Oh doch, meine Liebe, du kannst!“, schaltete Maggie sich dazwischen. „Du hast mir vorhin versprochen, dass du dich hinlegst. Stattdessen haben wir dich aus der Beißergrube ziehen können. Das alles hätte auch ganz anders ausgehen können!“, rief sie aufgebracht.
Aleks war überrascht von ihrem Gefühlsausbruch. Maggie setzte sich zu ihr auf das Bett. „Versteh mich nicht falsch, Aleks. Du bist eine großartige Hilfe für die Gruppe. Aber solange du nicht wieder fit bist, bringst du dich und andere nur in Gefahr. Verstehst du das?“ Sachte legte Maggie eine Hand auf Aleks‘ Knie und sah sie freundlich, aber bestimmt an. Aleks seufzte. „Ja“, murmelte sie leise und nickte leicht.
„Lass dich ein bisschen verwöhnen hier drin. Du hast es dir verdient“, sagte Maggie, stand auf und verließ mit Hershel die Zelle. Aleks starrte vor sich hin, an die gegenüberliegende Wand. Verwöhnen lassen? Verdient? Wer’s glaubt. Maggies Argumentation war nachvollziehbar, da konnte sie ihr nichts entgegensetzen. Es war zwar der gute Wille gewesen, aber im Nachhinein betrachtet die falsche Entscheidung, mit nach draußen zu gehen.

Langsam stand sie auf, warf sich umständlich eine Weste über die Schultern und suchte sich frische Wäsche zusammen. Sie wollte duschen. Danach essen. Und schlafen. Wie sie es Maggie versprochen hatte. Im Untergeschoss des Gefängniskomplexes waren die Sanitäreinrichtungen. Sie nahm ein frisches, großes Handtuch und ein Stück Seife. Dann zog sie sich vorsichtig aus und stellte sich unter die Dusche.
Das Wasser war heiß. Die Tropfen prasselten auf ihr Gesicht, ihren Kopf. Sie hielt die Augen geschlossen. Tränen mischten sich zwischen die Wassertropfen. Aleks beschloss, dass jeder Tropfen ihre Vergangenheit wieder in den Abfluss spülen sollte. Dass Geschehene zu erzählen, hatte sie innerlich aufgewühlt. Vor den anderen hatte sie es wohl gut verheimlichen können.
Aber die Gedanken an ihren Vater und ihre Kindheit brachten Gefühle hervor, die sie seit Jahren verdrängt hatte. Wut, Ärger, Trauer, Hass, Liebe. Ja, auch Liebe. Sie liebte ihren Vater, obwohl er ihr das angetan hatte. Er war schließlich ihr Vater. Und die ersten zehn Jahre ihres Lebens hatte er gut für sie gesorgt. Sie wusste nicht, was mit ihm passiert war, dass er sich so verändert hatte.
Aleks senkte den Kopf und stand mit dem Gesicht zur Wand. Dann ging sie langsam in die Knie und setzte sich mit angezogenen Beinen so unter den Wasserstrahl, damit er auf ihre verletzte Schulter treffen konnte. Das heiße Wasser war angenehm, wie eine Massage. Sie versuchte herauszufinden, welche Bewegungen der Schulter mehr oder weniger schmerzten.
Ihre Stirn an ihre Knie angelehnt, spürte sie einen leichten Luftzug, jemand schien ebenfalls hier im Waschbereich zu sein. Es störte sie nicht weiter. Die Wasserstrahl-Massage tat ihrer Schulter gut. Sie atmete ruhig und tief.

Das war es also. Er war betroffen. Daryl stand einige Meter entfernt im Gangbereich der Waschkojen und sah Aleks am Boden sitzen. Nackt. Sie sah ihn nicht. Ihr Körper war durchtrainiert. Und ihr Rücken war … mit Narben übersät. Ihre linke Schulter war gerötet. Striemen und dunkle Flecken waren über ihren Rücken verteilt, von den Schultern bis hinunter zum Becken.
Sie hatten mehr gemeinsam als er vermutet hatte. Er wusste, wie sehr er gelitten hatte, als sein Vater ihn geschlagen hatte. Er hatte sich wehren können. War ihr das auch gelungen? Seine Magengegend krampfte sich zusammen, er wollte ihr helfen, sie beschützen, sie vergessen lassen.

Aleks hatte das Gefühl, beobachtet zu werden. Sie war sich nicht sicher, ob sie sich umdrehen sollte. Sie wollte wieder mit sich ins Reine kommen. Wer auch immer in diesem Raum war, sah ihren Rücken. Dieses Geheimnis hatte sie bis heute gut verbergen können. Keiner wusste davon. Von ihrem Prügel-Vater. Sie wollte nicht, dass andere ihn schlecht machten. Die ihn nicht gekannt hatten.
Sie griff langsam nach dem Wasserhahn und drehte das Wasser ab. Die letzten Tropfen gurgelten durch den Abfluss in den Kanal, während sie sich mit einer Hand über das Gesicht fuhr und die Augen öffnete.
In diesem Moment wurde ihr von hinten das Handtuch um die Schultern gelegt, das sie sich zuvor zurechtgelegt hatte. Sie griff nach den Enden und wickelte sich darin ein. Die helfenden Hände hatte sie gleich erkannt. Ein kleines Lächeln durchzuckte ihre Mundwinkel.

Daryl lehnte sich an die Fliesenwand und ging neben ihr in die Hocke, um sie ansehen zu können. „Wie geht’s?“, fragte er leise und sah ihr prüfend in die Augen. Sie erwiderte seinen Blick mit einem kurzen Lächeln. „Ziemlich durchgehangen und angeschlagen, was soll ich sagen“, versuchte sie die Sache herunterzuspielen.
Dann räusperte sie sich und sah auf die Enden des Handtuchs. „Danke, dass du mich reingetragen hast. Ich kann mich nicht dran erinnern, Maggie hat es mir erzählt. Ich hab nur …“, brach sie plötzlich ab und runzelte kurz die Stirn.
„Was hast du nur?“, hakte Daryl nach. Er ließ seinen Blick über ihren geschlagenen Körper wandern. Sie war zwar in das Handtuch gehüllt, aber auch auf den Beinen sah er ein paar Narben, die definitiv vor der Apokalypse entstanden sein mussten. Er spürte Wut in sich aufsteigen. Wie konnte man eine Frau, ein Mädchen, ein Kind, bloß schlagen? Was konnte denn bloß aus solchen Menschen werden?
„Ich hab mich wohlgefühlt, das weiß ich noch. Ich hab dich gerochen“, sagte sie leise und tippte mit ihren Zehen in den letzten nassen Pfützen auf dem Fliesenboden. Das hörte sich jetzt wohl ziemlich blöd an. Aber es stimmte. Und diese Welt war einfach nicht mehr dafür geschaffen, zu lügen.
Daryl schnaufte. Andere Leute hätten wohl gelacht, aber Daryl war nicht der Typ dazu. Er wusste aber nicht, wie er darauf reagieren sollte. „Kann schon sein. Ich war in der Nacht in der Nähe der Kläranlage“, versuchte er ihre Aussage zu relativieren. Jetzt war Aleks diejenige, die schnaufte und sich ein Grinsen verbiss.

„Wer hat dich verletzt?“, fragte Daryl ernst und lehnte sich etwas in ihre Richtung, um ihren Blick aufzufangen. „Mein Vater“, sagte Aleks nach einer langen Pause. Daryl atmete tief durch und nickte langsam mit dem Kopf. Väter. Natürlich. Aleks blinzelte und schüttelte kurz den Kopf.
„Hey. Ähm. Nichts für ungut. Aber das ist ein Kapitel in meinem Leben, das ich nicht jedem auf die Nase binde“, erklärte sie mit brüchiger Stimme. Sie versuchte sich zu konzentrieren, sie wollte nicht wieder weinen. „Weiß es Rick?“, fragte Daryl leise nach. „Nur Maggie und Hershel. Und jetzt du“, antwortete Aleks und sah ihn mit glasigen Augen an.
„Und ich hätte gerne, dass das so bleibt. Es ändert nichts. Ich bin hier, helfe wo ich kann und habe einen sicheren Platz und Verpflegung. OK?“ Ihre Augen hielten die Tränen nicht mehr, und sie flossen ihr wieder über die Wangen. Aleks verbarg ihren Kopf im Handtuch und schluchzte.

Daryl stand auf und überlegte kurz, was er tun sollte. Es war ungewohnt, eine Frau weinen zu sehen. Nein. Es war ungewohnt, Aleks weinen zu sehen. Er trat hinter sie und packte sie vorsichtig an der Taille, um sie hochzuheben. Das Handtuch war groß genug, dass es über ihre Schulter bis oberhalb ihrer Knie fiel.
Aleks ließ sich leicht widerwillig hochheben. Sie stand noch immer mit dem Rücken zu ihm und hielt den Kopf gesenkt. Seine Arme waren von der Taille auf ihre Oberarme gewandert und strichen leicht darüber. „Ich will nicht weinen. Ich will allein sein“, schluchzte sie leise.
„Oh Mann. Ich kenne diese Sätze. Die habe ich früher immer gesagt, nachdem mich mein Alter windelweich geprügelt hat“, seufzte Daryl und drehte Aleks vorsichtig zu sich um. Sie ließ es geschehen. Ihre Augen waren gerötet, nasse Haarsträhnen fielen ihr ins Gesicht.
Er strich ihr eine Strähne hinter das Ohr und hob ihr Gesicht zu sich, damit sie ihn ansehen musste. „Aber jetzt, eine Ewigkeit später, weiß ich, dass es die falschen Sätze waren“, erklärte er und sah ihr in die Augen. Sie sah ihn fragend an. „Es müsste heißen: Ich will weinen. Ich will nicht allein sein“, sagte er ruhig.
Hemmungslos fing Aleks zu weinen an und umarmte Daryl. Mit einer Hand krallte sie sich auf seinem Rücken in seine Jacke und vergrub ihr Gesicht in seiner Brust. Er umarmte sie fest und achtete darauf, ihre Schulter nicht zu berühren. Sie standen da. Einige Minuten. Ohne Worte.
Es tat gut, den Frust, die Gefühle, einfach alles rauszulassen. Aleks ließ es zu. Sie fühlte sich sicher. Seine Umarmung war sanft, obwohl er doch so stark war. Sie kuschelte sich weiter an ihn. Und er ließ es geschehen. Es war lange her, dass er einer Frau so nah gewesen war.

Als er merkte, dass sie sich beruhigt hatte, löste er sich vorsichtig von ihr und ging einen Schritt zurück. Er sah sie an und versuchte zu lächeln. Mehr als ein paar Zuckungen um den Mund brachte er aber nicht zusammen. „Zieh dich an. Ich hole dir etwas zu essen und bringe es in deine Zelle“, sagte er in einem fast fürsorglichen Tonfall.
Aleks nickte und ging zu dem Wäschehaufen, während Daryl sich auf den Weg machte, um etwas Essbares aufzutreiben. Sie sah ihm nach, als er den Waschraum verließ und dachte nach. Diese Seite hatte sie noch nicht an ihm gekannt. Und es war eine Seite, die ihr Herz ihm gegenüber ein Stück mehr öffnete. Sie hatte gewusst, dass auch er von seinem Vater geschlagen worden war.

Vorsichtig zog sich Aleks an und ging zurück in ihre Zelle, wo Daryl bereits wartete. Er deutete auf den Nachttisch, auf dem ein Tablett mit einem Becher Wasser, Brot, einem Stück gebratenem Fleisch und einer Karotte lag. „Von allem etwas“, sagte er kurz und stellte sich an die gegenüberliegende Wand.
Aleks setzte sich auf das Bett und biss vom Fleisch und anschließend vom Brot ab. Sie sah ihn an und merkte, dass er sie wieder beobachtete. „Iss weiter“, forderte er sie auf, doch sie schüttelte den Kopf. „Es schmeckt, aber ich bin zu müde“, sagte sie leise und sah sich auf ihrem Bett um.
Ihre roten Augen waren geschwollen und ihre Lider fielen ihr zu. Sie schien gleich im Sitzen einzuschlafen. Als Daryl die Zelle verlassen wollte, hielt sie ihn am Arm fest. Sie sah ihn hilfesuchend an. „Ich will nicht allein sein“, flüsterte sie.
Daryl war überrascht von ihrer Offenheit. Er schien kurz zu überlegen, was er tun sollte, denn sein Blick wanderte für einen Moment hinaus auf den Gang. Doch es war ruhig im Trakt. Er nickte, zog die Jacke aus und setzte sich zu ihr aufs Bett.
Er schnappte sich den Polster und machte es sich bequem. Dann sah er sie abwartend an. Vorsichtig legte sie sich zu ihm. Zuerst legte sie zögerlich ihren Kopf auf seine Brust. Die Hand ihrer verletzten Schulter lag auf seinem Bauch. Er griff nach ihrer Decke und deckte Aleks zu. Einen Arm hatte er um sie gelegt.
Sie hörte seinen Herzschlag, der ruhig und dumpf aus seiner Brust ertönte. Sofort fielen ihr die Augen zu und sie schlief ein. Sie fühlte sich geborgen und sicher. Als er ihre tiefen Atemzüge hörte, griff er nach ihrer Hand, die auf seinem Bauch lag, und streichelte sie sanft.
Ein leichtes Zucken in ihrem Arm und ihren Fingern ließ ihn erkennen, dass sie darauf reagierte. Da war ein Funke zwischen den beiden. Ein Funke von Sympathie, der mehr zu werden schien.

Er war froh, dass er ihr helfen konnte. Er war froh, dass er es war, der ihr helfen konnte. Und er würde weiter auf sie aufpassen.

Petra Hechenberger

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Palmströms Erwachen

Als dann der erste Weltkrieg begann
Geschah´s, dass Palmström sich besann
Und kurz entschlossen legt er sich nieder,
Den Krieg zu verschlafen, war ihm doch lieber.
Um sicherzugeh´n, schlief er gleich hundert Jahr,
Und erwachte grad jetzt, weil er neugierig war…
„Halt“, rufen gleich vernünftige Leute,
„Sie wagen zu sagen, er schlief bis heute?

Schloss er sich denn in ein Zeitloch ein?
Und kehrt also jetzt, wie kann das sein,
Ungealtert ins Leben zurück?
Das, mit Verlaub, ist ein starkes Stück!“
Solchen Experten in dergleichen Fragen
Zu widersprechen, werd ich nicht wagen,
In Prinzipienfragen aber ist Palmström stur
Und da bricht er schon mal das Gesetz der Natur.*

Gegenwärtig ist Palmström schon weiter,
wir versäumten ihn nur als Kaffeezubereiter.
Das Radio bringt jetzt den Nachrichtenblock
Und Palmström bekommt einen heiligen Schock.
„Ei“, ruft er gellend, „der Krieg ist aus!“
Schon tanzt er Foxtrott durchs ganze Haus.
Fröhlich lässt er die Korken krachen
Am Boden bilden sich Sektersatzlachen…

Palmström rutscht aus, und während er fällt
Folgen Berichte aus aller Welt
„Ach“, stöhnt Palmström, „ist es denn wahr,
Dass mein Frieden nur Irrtum war?
Kann es denn menschenmöglich sein
Ein Jahrhundert zu schlachten, jahraus, jahrein?“
Doch der Nachrichtensprecher spricht monoton
„Die Welt im Krieg“ ins Mikrophon.

Palmström erhebt sich, voll Zittern und Bangen,
Reibt sich die blutig geschlagenen Wangen
Gefasst greift er schließlich zu einer Serviette,
Tupft sich die Lippen und geht wieder zu Bette.

*Siehe: Die unmögliche Tatsache, in der wir erfahren: Palmström wird modern überfahren, widerlegt aber seinen Unfalltod durch das Kfz-Verordnungsgebot.

Bernd Remsing
http://fm4.orf.at/stories/1704846/

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