Schlagwort-Archiv: spazierensehen

Graue Reise

Gassen werden eng,
kurze Bahnen durch Bezirke,
Windstöße durch die rostige Leiche,
ohne Ziel,
Macht ragt in der Mitte auf,
eine Gewalt,
unsichtbar aber präsent,
eine Ruhe entsteht,
die Kamera beobachtet,
verbinde Wege mit hoher Geschwindigkeit,
süßer Duft,
fremde Wörter sind Medizin,
Fett schwimmt zwischen Rädern,
der Wolf knurrt auch nicht mehr

Florian Pfeffer

www.verdichtet.at | Kategorie: spazierensehen| Inventarnummer: 17066

einsamer indianer

du reitest auf einem pferd namens pierre brice
durch die straßen von paris.
hinaus in die französische prärie
– gesehen hat man dich nie.
du schmückst dich mit federn, aber niemals mit fremden.
du konzentrierst dich vor allem auf eines: rauchzeichen senden.
in die einsamkeit zurückgezogen,
beschützt du deinen stamm aus der ferne mit pfeil und bogen.
im sicheren trab schüttelst du jeden angreifer ab.
du wirbelst viel staub auf,
selbst wenn du die stadt längst verlassen hast.

Anna Maltschnig

www.verdichtet.at | Kategorie: spazierensehen | Inventarnummer: 17057

sommernachmittag

die sonnenstrahlen bahnen sich ihren weg
durch die vergilbte terrassentür in den raum
und bringen – man merkt es kaum –
die motoren zum singen.
der start der formel 1 war deins.
alonso, senna, prost – geben mir jetzt trost.
das leben zieht draußen unbemerkt an uns vorbei – ich schätz’, es ist halb drei.
ewige sommer ohne ende.
dann kam die wende …

Anna Maltschnig

www.verdichtet.at | Kategorie: spazierensehen | Inventarnummer: 17054

Schöne Menschen

Zwei Menschen,
Zwei S-Bahn-Gleise,
Ruhe kehrt ein,
durch die kalte Nacht,
Elektrischer Himmel,
Autos in weiter Ferne,
eine Glocke schlägt zum Viertel,
Stress fliegt mit dem Wind,
findet keinen Weg zurück,

Einer fährt durch,
keiner steigt ein,
Steige in das quietschende Rot-Grau,
verschwommen mit Schwarz
ziehen Farben umher,
in Richtung,
schöner Sprache mit
schönen Menschen

(Gewidmet J.+V.)

Florian Pfeffer

www.verdichtet.at | Kategorie: spazierensehen| Inventarnummer: 17023

Der Geiger vom Donskoj-Friedhof

Gewöhnlich ging der alte Mann gegen Mittag zum Spielen hinaus. Unter dem Arm trug er einen alten, abgewetzten Geigenkasten. Gekleidet war er in einer Art von Uniform der sowjetischen Rentner. Auf dem Kopf eine Lenin-Schiebermütze, am Körper einen etwas zu groß gewordenen Stoffmantel mit abgestoßenen Kanten und großen, aufgesetzten Taschen. Immer hatte er auch eine Netztasche bei sich, wie alle Sowjetmenschen, für den Fall, dass es unterwegs unerwartet, aber immer erhofft, etwas zu kaufen gab. Er war sicher kein typischer Proletarier, sondern hatte einmal eine seriöse Anstellung gehabt. Sicher nicht in einem großen Orchester. Vielleicht in einem Kulturzirkel eines Arbeiterkollektivs? Vielleicht ein Musiklehrer einer volkseigenen Musikschule?
Wenn am Nachmittag die großen Begräbniszüge kamen, baute er sich vor dem Haupttor auf, etwas abseits der Mitte, damit er niemanden behinderte.

Vier Stufen führen vom Sockel des Denkmals für Wassilij Puschkin, den Onkel des berühmten Alexander, hinauf. Dort lässt sich der Geiger nieder, öffnet den Geigenkasten und wendet sich der Straße zu.
Er ist gut sichtbar in dieser Höhe, und er sieht von Weitem, wie groß und prächtig eine Prozession sein würde, welche viel Volk, Geistliche, Blumen und eigene Musik mitbringen würde. Kaum hat er seine Geige ausgepackt und den Bogen angesetzt, bleiben schon Menschen stehen in Erwartung seiner Musik: Kinder, Passanten, Liebespaare, Käufer vom Blumen- und Tabakskiosk. Alle lassen die Zeitungen sinken, verstummen und blicken zu ihm auf. Denn jede Musik tröstet und ist ein Versprechen auf ein besseres Leben. Im offenen Geigenkasten liegen ein Apfel und ein Stück Schwarzbrot, damit er, wenn er Hunger bekommt, etwas essen kann.

Sogar wenn nur ein einziger Zuhörer stehen bleibt und einsam lauscht, spielt er die Melodie zu Ende.
Er macht diese Arbeit freiwillig, nicht um Geld zu verdienen. Er bekam eine kleine staatliche Rente, von der er leben konnte. Wenn er auf Gewinn ausgewesen wäre, hätte er sich sicher nicht hier, an einem so stillen, abgelegenen Ort, sondern im Zentrum aufgebaut, zum Beispiel beim großen Alexander-Puschkin-Denkmal auf der Gorki-Straße, wo es einen ununterbrochenen Strom von Menschen gab.

Er war etwas anderes, er war kein Bettler.
Er wollte den Menschen etwas Gutes tun, und darum ging er bei jedem Wetter zum Donskoi Friedhof, um dort zu spielen. Ob er mehr als eine Art von Katzenmusik machte, war nie endgültig auszumachen und auch nicht wichtig. Die Klänge seiner Geige erhoben sich über den Straßenlärm, stiegen auf und senkten sich von oben wieder herunter. Manchmal waren die Töne zerrissen, manchmal waren ganze Melodienbögen eindeutig zu erkennen. Sie drangen in die Herzen der Menschen ein, berührten sie und beflügelten sie in ihrer Hoffnung auf ein schöneres Leben. Die Zuhörer holten sofort Geld hervor, Kopekenstücke, alle waren mehr oder weniger gleich arm, aber auch Fünf- und Zehn-Rubelscheine waren dabei.

Weil er oben auf der vierten Stufe stand, wussten die Leute nicht, wohin sie das Geld legen sollten. Manche versuchten, mit einem kühnen Wurf in den Geigenkasten zu zielen. Andere ließen es einfach auf einer der Stufen liegen, zu Füßen des marmornen Puschkin-Onkels.
Seit das Donskoi-Kloster wieder geöffnet, wenn auch noch nicht renoviert war, kamen vermehrt Spaziergänger auf den Friedhof. Es ist noch nicht lange her und unter den Liebhabern des alten Moskau noch ein Geheimtipp. Jeder kannte den nahen Gorki-Park mit seinen zahlreichen Vergnügungsattraktionen, kaum jemand das Donskoi, über dem sich ein Rad eines Karussels wölbte.
Auch der Radioturm von Schukow gleich nebenan war ein unübersehbares Wahrzeichen am südlichen Rand der Moskauer Innenstadt. Der Staat des noch nicht ganz neuen Russland im letzten Jahr des Gorbatschow hat das Donskoi der orthodoxen Kirche zurückgegeben, 73 Jahre nachdem die Bolschewiki Kloster und Friedhof zum Teil zerstört und dann geschlossen hatten. Es lag verborgen hinter einer hohen Mauer im schon 73 Jahre andauernden Dornröschenschlaf. Gebaut ist es als eine Wehranlage mit zwölf gigantischen Türmen, obwohl gerade im Gründungsjahr 1591 die letzte große Gefahr, der Ansturm der Krimtataren, unter Zar Fjodor siegreich abgewehrt werden konnte.

Ich kannte es wahrscheinlich als einer der wenigen Menschen gut, zumindest aus dem Vogelblick, weil ich vom Balkon meiner Wohnung im siebten Stock der Donskaja ulica direkt in den Friedhof und auf das Kloster hinabsehen konnte. Bald hatte ich einen Mann ausgeforscht, der als Wächter ab und zu auf das Gelände kam, ich weiß nicht, wofür. Für ein paar Kopeken ließ er mich ins Innere, es war zu sehen, dass er dem Wodka nicht abgeneigt war.

Die Große und die Kleine Kathedrale waren in einem erbärmlichen Zustand. Viele Mauerstücke lagen wüst vermengt mit Unrat am Boden, selbst schon wieder bedeckt von der Patina des Efeus und Hollunders.
Seit der Revolution war nichts renoviert worden, vielmehr vieles zerstört, abtransportiert und gestohlen. Wie viele kirchliche Gebäude hat man sie zweckentfremdet, entweiht und dem Verfall preisgegeben. Die Grabdenkmäler und Grabsteine waren zum Teil umgestürzt, manche Figuren geköpft oder anderweitig verletzt mit abgeschlagenen Armen und Nasen, mit ausgekratzten Augen und zerstörten Inschriften. Auch die wuchernden Pflanzen und die unbarmherzige Witterung trugen das Ihre zum Zerstörungswerk bei.

Dabei lasen sich die Namen auf den Grabsteinen, soferne man sie noch lesen konnte, wie das Moskauer Who is Who des 18. und 19. Jahrhunderts, fast so viele ehr- und gedenkwürdige wie auf dem größeren und berühmteren Friedhof des Neujungfrauen- Klosters. Der erste Dichter in russischer Sprache Sumarokow war hier begraben.
Auch der erste Philosoph Pjotr Tschaadajew, Sollogub, ein Schriftsteller, Schukowski, ein Mathematiker und Luftfahrtpionier, der Maler Perow.
Der letzte Klosterbewohner war Patriarch Tichon, ein erklärter Gegner der Revolution, den die Bolschewiken hier bis zu seinem Tod 1925 einsperrten. Die 28 Mönche hat man umgebracht oder vertrieben.

Wenn die großen Begräbnisse vorüber waren, packte der alte Geiger seine Sachen zusammen. Er wickelte die Geige in ein schwarzes Tuch, verstaute den Bogen in einem Sack und setzte sich zu Füßen des Puschkin-Onkels nieder. Er blickte rund um sich und verzehrte seine Jause. Die Kopekenstücke und Rubelscheine sammelte er achtlos und ohne sie zu zählen auf und steckte sie in die Manteltasche. Dann verließ er seinen Posten auf den Stufen und ging eilig tiefer in den Friedhof hinein.

Lange verstand ich nicht, was der Alte dort suchte.
Er beachtete keine der Kirchen, nicht das Refektorium, keines der Mausoleen, keine der Werkstätten, auch die Urnenmauer interessierte ihn nicht. Keines der verwahrlosten Kulturdenkmäler erregte offensichtlich seine Aufmerksamkeit. Er schlenderte nur, ohne dass ich ein Muster erkennen konnte, so wie ich ihm von Grabstein zu Grabstein, von Baum zu Baum, nachging, über die Wege zwischen den Grabsteinen, in unerforschlichen Schlingen. Traumpfade. Er interessierte sich offensichtlich nicht für die Architektur, nicht für die verworrene Natur oder die halb lesbaren Grabinschriften.
Suchte er jemand bestimmten? Wollte er sich an etwas oder jemanden erinnern, das und den es nicht mehr gab? Wartete er auf jemanden?

Ich hatte nicht so viel Zeit, ihn öfter und näher zu beobachten, wie ich es gewünscht hätte. Denn meine Arbeit beanspruchte mich sehr, und ich war oft auf Reisen. Eine sehr bewegte Zeit.
Eines Tages im Oktober setzte das erste Schneegestöber ein. Ich sah auf meinem Weg vom Büro in die Mittagspause, dass das Haupttor zum Donskoi offenstand. Schnell stellte ich das Auto ab und lief über den Vorplatz auf das Kloster zu.

Der alte Geiger stand wie immer auf der obersten Stufe des Puschkin-Onkels und spielte das letzte, das 24. Lied der “Winterreise“ von Schubert, das traurige Lied vom Leiermann. Die Worte flogen mir unhörbar zur Melodie dazu: Drüben hinterm Dorfe steht ein Leiermann / Und mit starren Fingern dreht er, was er kann.
Es klang etwas kratzig, manche Töne waren schief, wahrscheinlich waren seine Finger auch schon starr.
Er hatte keine Zuhörer; er spielte für sich und für die verfrorenen Spatzen. Sie umflatterten ihn zerzaust und hofften auf ein paar Krumen von seinem Schwarzbrot.
Ein besonders fürwitziger Spatz sprang hinein und suchte selbst nach Brosamen. Der Geigenkasten war schon halb zugeweht vom Schnee.
Als er die letzten Klänge beendet hatte, packte er schnell zusammen und verschwand im Inneren des Friedhofs. Ich schlich ihm nach, obwohl ich nicht mehr zu meinem Mittagessen kommen würde. Weit hinten entdeckte ich den Geiger an einem frischen Grab. Die Grube war offen, und vor dem Grab stand einsam ein Pope, der Gebete herunterleierte, eine violette Stola umgelegt hatte, das Weihrauchfass schwang und aus einer Metallschüssel mit einem Besen freigiebig Weihwasser über die Grube verspritzte. Da verstand ich das Wort „Einsegnung“ zum ersten Mal.

Und die Aufgabe, die sich der alte Geiger gestellt hatte: Es sollte kein Mensch ohne Begleitung von dieser Erde gehen müssen. Der Pope war sozusagen nur ein offizieller Abgesandter, der seinen Dienst versah, so wie es vorgeschrieben war. Aber ein so einsamer Mensch, der allein gestorben war und niemanden hatte, der ihn auf seinem letzten Weg begleitete – der sollte zumindest von ihm mit seinem Geigenspiel verabschiedet werden.
Der alte Mann hatte sich seinen eigenen Dienst vorgeschrieben.
Er machte das nicht für Geld, nicht für Ruhm, nicht für Ansehen, nicht zu seinem eigenen Vergnügen. Denn da hätte er auch zu Hause bleiben und in seinem warmen Wohnzimmer spielen können. Vielleicht machte er das in Gedanken an seinen eigenen einsamen Tod.

Wer würde ihn begleiten? Wie oft würde er spielen müssen, bis er sich seine eigene Auferstehung erspielt hatte? Nach orthodoxem Glauben muss ein Verstorbener einen Begleiter haben, denn sonst kann er am Jüngsten Tag nicht aus Hölle oder Fegefeuer herausgeführt und erlöst werden. Die Todes-Vorbereitungen des alten Geigers rührten mich so, dass es mir hinter meinem Baum die Kehle zuschnürte und ich diese grausame Religion verfluchte.
Nach diesem Winter sah ich den alten Mann nie wieder.

Zu Ostern wurden die Glocken der Großen Kathedrale neu geweiht. Als ich sie zum ersten Mal von meiner Wohnung aus läuten hörte, brach so ein Sturm los, dass ich dachte, das Jüngste Gericht sei angebrochen. Ich hoffe, es hat auch den Geiger erlöst.

25.12.16

Veronika Seyr
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www.verdichtet.at | Kategorie: spazierensehen | Inventarnummer: 17022

 

Morgenstimmung

Qualm aus den Mülltonnen,
eisiger verbrannter Filtergeruch
Tote Bilder schieben sich zwischen die Iris
Vögel singen von Liebe
Menschen laufen hektisch wie Tiger
zur Beute

Grüne Lichter,
eine alte Straßenbahn schiebt Gewicht
mit vielen Umwegen in Richtung Schlafplatz

Florian Pfeffer

www.verdichtet.at | Kategorie: spazierensehen| Inventarnummer: 16175

Zwischen

Zwischen den Sternen,
reiten,
und die Stimmen erklingen von irgendwo
Zwischen den Wolken
liegen die schweren Gewitter
Zwischen dem Rauch
wird die Luft enger

Glück tanzt alleine,
zwischen dem Alleine
Zustand verändert
Zwischen den Zeigern
liegt die Sorglosigkeit

Kinder spielen und tanzen im Luftschloss
zwischen Kerze und Glas
leuchten freundliche Ranken
Duftkerzen beleuchten Träume

Florian Pfeffer

www.verdichtet.at | Kategorie: spazierensehen| Inventarnummer: 16141

Mit Kafka durch Kierling

Der Himmelbauerplatz unterhalb der Kierlinger Kirche ist eine Asphaltfläche mit acht Parkplätzen für Anrainer, weitere vier sind dem Ärztezentrum vorbehalten. Zur Kierlinger Hauptstraße hin, gegenüber der Volksschule, blühen gerade die Linden und setzen sich trotz ihrer Jugend mit ihrem Duft gegen die Autoabgase durch. An der Ostseite steht das Denkmal für den am 3. Juni 1924 im Sanatorium Hoffmann verstorbenen Schriftsteller Franz Kafka, zehn Hausnummern weiter stadtauswärts gelegen. Der grobe Steinblock sieht aus, als wäre ein Meteorit vom Himmel gefallen und hätte sich hier in den Asphalt eingerammt. Aus einer Einbuchtung an der Vorderseite ragt eine schwarz-metallene Büste heraus, es soll wohl Kafka sein. An der rechten Seite ist eine rotgesprenkelte Marmortafel mit vier groben Metallschrauben befestigt, und mit gold-gerahmten Lettern sind die Lebensdaten des Schriftstellers eingraviert: Dr. Franz Kafka, *1883 in Prag, +1924 in Kierling.

Zumindest seit Picasso verlangt niemand eine anatomische Ähnlichkeit, aber die Sehnsucht nach einem Schimmer von einer geistigen Nähe, Anhänglichkeit, sogar Liebe bleibt angesichts dieses Denkmals ungestillt. Es ist in seiner ganzen massiven Erscheinung abweisend und so aufgestellt, das man es unbedingt über- oder darüber hinwegsehen muss.
Oder hat man es etwa absichtlich versteckt? Es hat den Anschein, als habe man sich nur halbfreiwillig zu einer Erinnerungsstätte für den Juden Kafka durchringen können. Auf dem nur ein paar Stufen höheren Kirchenplatz etwa? Nein, da stehen das massive Denkmal für „die Helden beider Kriege“ und eine Schubertlinde. Noch weniger vorstellbar in dem Park, der den palaisartigen Pfarrhof umgibt.

Ich sitze auf einer Bank des Verschönerungsvereins Klbg. neben dem Klotz. Alles ist sehr nett und adrett, offensichtlich gepflegt, ich kann nicht feststellen, ob für den Parkplatz, das Ärztezentrum oder das Kafka-Denkmal; kein Müll, keine Papierln, keine Kippen, und alle Parker gliedern sich brav in die weißen Parkstreifen ein, die Radfahrer in einen raiffeisengelben Ständer. Es wird ein ewiges Geheimnis der Gemeinderatssitzung bleiben, warum man dem Deutsch schreibenden, jüdischen Schriftsteller aus Prag den ansehnlichen Platz vor der Jugendstilkirche, nur fünf Stufen aufwärts, nicht zugestanden hat.
Die letzten Spaziergänge durch das Maital, die letzten Blicke von seinem Balkon in die Hügel, die letzten Gerüche von Straße und Pfingstrosen.
Im Ort gibt es neben dem Sterbehaus noch einen Kafka-Steg und eine Kafkagasse.

Absicht, ja und nein, Gedenkenwollen und doch nicht oder nicht zu sehr, frage ich mich, als ich auf der Bank neben dem Denkmal sitze, an meinem Sandwich nage und aus meiner Thermoskanne lauwarmen Kaffee trinke. Es ist der 3. Juni 2016, ich mache Pause von meinem Raumdienst im Sterbesanatorium an seinem 92. Todestag. Ich bin die dienstjüngste der vier ehrenamtlichen Kafka-Witwen.
Über den Asphaltplatz schaue ich auf die Baustelle der Firma Bosnj. Dom (bosnisches Haus), die gerade einen Wohnkomplex hochzieht, an der Ecke, wo seit 1788 der Gasthof „Zum grünen Baum“ stand, bis er vor einem Jahr abgerissen wurde. Die Arbeiter machen den Dachstuhl fertig und geben ein kakophonisches Konzert aus Hämmern und Elektrobohrern ab. Eine barbarische, aber sicherlich vernünftige Entscheidung der Gemeinde Klosterneuburg-Kierling, die bestimmt Wohnraumbedarf im Grünen hat.

Der Gasthof war schon lange leergestanden. Die Hintergründe kenne ich nicht, aber für mich ist es eine Demolierung von kulturellem Erbgut. Ich erinnere mich gut an dieses Gasthaus, nicht nur das älteste weit und breit mit einem schattigen Garten aus alten Kastanien und Linden, ein hinterbrühliger Ort, an dem man sich Schubert in Gesellschaft seiner Freunde gut vorstellen konnte. Die ganze, sich vier Kilometer lange im öden Autoverkehr windende, Hauptstraße entlang gibt es kein einziges Einkehrlokal mehr. Das erinnert mich daran, dass diese Gemeinde schon früher auch die Überreste der Synagoge abgerissen und stattdessen eine Gedenktafel angebracht hat.
Ob diese verkehrsumbrauste Ecke ein attraktiver Wohnort sein würde, frage ich mich zwischen dem Jausenbrot und den immer noch befremdeten Blicken auf den Kafka-Klotz neben mir, meines Wissens das einzige Monument in Österreich.
Gedankenloser ist nur noch der Wackelstein beim Sanatorium von Matliary in der Hohen Tatra.

Man muss Milde walten lassen und darüber nachdenken, warum bis auf diese zwei Denkmäler – schwankend zwischen Hilflosigkeit und Verhöhnung – keine Kafka-Skulpturen bekannt sind. Wie viele gibt es denn von Shakespeare, Mozart, Goethe, Schiller, Puschkin, Heine, Hugo, Rodin oder Chaplin, alle diese Victorias, Friedriche und Franz Josephe. Und viele andere. Vielleicht kommt das daher, dass bisher niemand Kafka mit einer Skulptur gerecht werden konnte, es gewagt hat, seine schmale, mit 182 Zentimetern hochgewachsene Körperlichkeit in den Raum zu stellen. Vielleicht haben sich viele bekannte und unbekannte Künstler schon an Kafka abgemüht, wer weiß mit welchen Materialien: Stein, Metall, Holz, Gips, Gold, Silber, Porzellan, Glas, Alabaster, Perlmutt, Elfenbein, Bernstein, Sandelholz, Plastik, Papier, Pappe, Titan oder Tüll. Und alles wieder verworfen, in Scham und Demut alle Versuche zerstört und tief eingegraben haben.

Einer, der das nicht getan hat, ist Jaroslav Roda, er hat einen Bronze-Koloss von 3,75 Metern Höhe und 700 Kilogramm Gewicht in Prag aufgestellt. Auf den Schultern eines riesigen leeren Mantels reitet ein Zwerg, der wahrscheinlich Kafka darstellen soll – er ist angeblich der „Beschreibung eines Kampfes“ nachempfunden. Ich persönlich vermisse Kafka-Monumente nicht, mir genügen seine Worte. Vielleicht liegt es auch daran, dass die relativ neue Kunst der Fotografie Kafka am ehesten entspricht.
Es existieren viele dokumentierte Fotografien von Kafka, die meisten aus dem Familien- und Freundeskreis. Bis auf die erzwungenen Kinderbilder, allein oder mit den Schwestern, zeigt er keine Scheu vor der Kamera. Immer schaut er mild-freundlich in die Kamera, er lässt sich mit dem Apparat ein, fast kokettiert er mit ihm und bleibt doch leicht entfernt von der Szene. Man sieht einen überschlanken, gutaussehenden, ausgewählt elegant gekleideten Mann, leicht nach vorne geneigt, mit mild angedeutetem Lächeln, im scharf geschnittenen Gesicht auffallend große Augen, der Kopf oft gekrönt mit einem hohen, breitkrempigen Hut. Auch sein ausgeprägter Hinterkopf und schlanker Hals könnten einen Bildhauer entzücken. Soweit bekannt, ist Kafka nie anderen als Fotokünstlern Modell gestanden.

Die Gedenkstätte im Sterbehaus auf der Kierlinger Hauptstraße 187 – ein Stiegenhaus, zwei Zimmer und ein Balkon – kommt einer adäquaten Würdigung am nähesten. Nachdem sie seit 1982 in düsteren, grindigen Räumen mit einigen Schaukästen dahingedämmert hatte, nahm sich die Kafka-Gesellschaft einer umfassenden Umgestaltung an mit dem Architekten Michael Balgary und der Vizepräsidentin Charlotte Spitzer als von Kafka beseelter Designerin.

Seit der Wiedereröffnung vor zwei Jahren sprechen diese zwei Räume eine vorsichtige, ehrerbietige, weil nichts und niemanden vereinnahmende Einladung aus, sich dem Menschen Franz Kafka, seinem Werk und seinen letzten sechs Lebenswochen zu nähern. Voll und minimalistisch gleichzeitig, als sollten die letzten Atemzüge nicht gestört werden. Fotos, Gegenstände und Dokumente an Wänden und in Vitrinen, die Lebensdaten affichiert, eine nachgebaute Ecke mit einem damals üblichen Spitalsbett, gebrochenes Licht, weiße Laken mit Zitaten, Bücherborde, zeitgemäße Aufnahmen von Kierling und seiner Umgebung, so wie sie Kafka damals gesehen haben könnte.
Etwa den Blick von seinem Sonnenbalkon in den Garten des Sanatoriums und auf den gegenüberliegenden Wienerwaldhang. Man kann ihn betreten und sich einlassen auf die inneren Bilder von den letzten Blicken, man kann seinen Augen nach links zur Kierlinger Kirche folgen, von der jetzt durch nachgewachsene Bäume und Neubauten nur noch das Turmkreuz wahrzunehmen ist; der Bergrücken im Blick geradeaus ist jetzt viel dichter bewachsen als vor 92 Jahren. Er reicht hinunter bis ins Maital, ein großer Name für einen schmalen Weg entlang einem nicht einmal einem Meter breiten Bacherl, das aus Maria Gugging kommt.
Biegt man am großen, neueröffneten Hofer-Markt links zum Maibach ein, kommt man an der Rückseite des Gartens an einer versteckten Pforte vorbei, auf der man, wenn man einen Tipp bekommen hat, noch ein verwittertes und verwachsenes Schild „Sanatorium Hoffmann“ erkennen kann. Da könnte Kafka, gerahmt und gestützt von Dora Diamant und Robert Klopstock, durchgetreten sein auf ihrem Spaziergang zum „Grünen Baum“.

Wenn ich auf diesem Balkon stehe und zum Maibach hinunterschaue, mag ich die Vorstellung, dass Kafka einmal, vielleicht mehrmals, sicher nicht später als Ende April, Anfang Mai 1924, weil er danach schon zu schwach war, durch den Garten, durch die Pforte, durch das Maital zum „Grünen Baum“ und zur Post spaziert ist, Briefe und Karten aufgegeben hat an die Eltern, die Geschwister, an Onkel Siegfried, an Max Brod, Manuskripte an den Verlag.

Sicher bin ich nicht die erste Besucherin, die ein paar Häuser vor dem Sanatorium konsterniert vor der Tischlerei KAFKA stehen bleibt, sich die Augen reibt und überlegt, ob und wer uns da einen Streich spielt. Kafka, tschechisch „Dohle“, war ein häufiger Name der Kategorie Maier/Müller, und der Kierlinger Tischler Kafka jun. hat heute mit dem Versicherungsbeamten und Schriftsteller Dr. Franz Kafka nur so viel zu tun, als er die Inneneinrichtung des Gedenkraumes beigesteuert hat.

Das dreistöckige Haus Nummer 187 auf der Kierlinger Hauptstraße ist ein unscheinbarer, spätklassizistischer Bau, der an der Westseite seltsam abgerissen wirkt, wie ein verstümmelter Stockzahn. Immer wenn ich mich von der Station des 239A an der Lenaugasse dem ehemaligen Sanatorium nähere, bedauere ich, dass ich nicht über die Inbrunst einer Gläubigen verfüge, die sich einem Heiligtum nähert.
Aber sobald ich das Haustor aufsperre, hinter dem eigenartigerweise links immer ein Besen steht, als würde der Odradek aus der Erzählung „Die Sorge des Hausvaters“ auf mich warten, spüre ich ein hauchfeines Momentum. In einem kindlichen Orakelspiel bemühe ich mich, nicht auf die im Fußboden des Vorhauses eingelassenen Mosaiksteine zu treten: Gleich hinter dem Eingang steht SALVE und drei Stufen höher die Jahreszahl 1901, damit ich die unsichtbaren Fußstapfen nicht zer-störe.
So wie wir als Kinder manche Ritzen zwischen den Steinen ausgelassen haben, damit etwas Bestimmtes eintritt oder ausbleibt. Da ist Kafka darübergegangen. Es gibt auf der ganzen Welt sonst keinen Ort, von dem man das mit Sicherheit sagen kann. Wenn man sich in diesem nüchternen Haus in frühere Zeiten hineinschwelgen möchte, muss man das innerlich tun, mit Hilfe der Vorstellungskraft.
Und dann wieder Kafka lesen.

Am 3. Juni 2016 stehen in prächtigster Rosafülle Pfingstrosenstöcke im Vor- und Hintergarten des ehemaligen Sanatoriums. Eine seiner letzten Sorgen hat er auf einem Sprechzettel festgehalten. Sie gilt der richtigen Behandlung des Pfingstrosenstraußes in seinem Zimmer. Wer hat sie ihm gebracht? Woher stammen sie? Aus dem Sanatoriumsgarten? Wie auch immer: Er hat sie wahrgenommen und genossen. In einer flachen Schale, damit die Stängel nicht am Boden anstehen, so halten sie lange, ewig.

Charlotte Spitzer schneidet die mitgebrachten Pfingstrosen, ihre sind voll und weiß mit gelben Blütenständen, genau nach dieser Anweisung zurecht, verteilt sie in Glasvasen an mehreren Stellen, zündet neben der Fischer-Gesamtausgabe eine dicke Kerze an und zieht sich zur Sterbestunde zum Meditieren auf den Balkon zurück. Im Blick die letzten Blicke.

Veronika Seyr
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www.verdichtet.at | Kategorie: spazierensehen | Inventarnummer: 16110

Stoßlos

Nachdem ich heute – nach einem Besuch bei meinem Zahnarzt wollte ich mich bewegen, um mein Blut zum ordnungsgemäßen Zirkulieren zu animieren, auf dass es das Narkosemittel rasch abbauen helfen konnte – über die Tuchlauben gegangen war, freute ich mich darauf, die Hofburg geschwind hinter mir lassen zu können.

Es waren nämlich keine von Fremdenführern geleiteten Gruppen von Touristen auszumachen, welche diesen Führern, wie eine Schafherde ihrem Leithammel, auf Schritt und Tritt folgen, und welche ich überaus grässlich finde. Oft genug setzen sich diese Gruppen aus Menschen zusammen, sowohl fremdländischer als auch offensichtlicher ländlicher Provenienz, welchen, ich kann es nicht anders ausdrücken, ein boviner Gesichtsausdruck zu attestieren ist. Es ist nicht so, dass ich mich an Menschen stören würde, welche ein kuhhaftes Äußeres zur Schau tragen, Gott bewahre. Es ist mir wirklich gleichgültig, wie ein Mensch von Mutter Natur erschaffen wurde, oder wie er sich zurechtmacht. Niemand kann etwas für sein Aussehen, und viele Menschen können es sich nun einmal nicht leisten, sich Kleidung zu kaufen, die mir persönlich als wenigstens einigermaßen stilvoll erscheint, oder wollen dies auch nicht, wenn in den Ländern, aus welchen sie nach Österreich kommen, ihr Kleidungsstil nicht bloß gesellschaftlich akzeptiert, sondern üblich ist.

Ich störe mich an diesen Gruppen aus einem gänzlich anderen Grund. Sie hindern mich nämlich am Gehen, und zwar, um präzise zu sein, am Halten meines Schritttempos. Es ist so, dass ich für gewöhnlich schnell gehe. Dieses schnelle Gehen ist zum einen der Sport, den ich am meisten schätze, und der einzige, den ich betreibe, zum anderen ist es die Art und Weise, die ich als die für mich geeignetste erachte, um Inspiration für mein literarisches Schaffen zu finden.
Ich musste mich also durch gleich zwei Touristengruppen kämpfen, welche ich davor nicht gesehen hatte, denn beide befanden sich im Innenhof der Hofburg. Ich drängte mich an den Menschen vorbei und fragte mich, auf wie vielen Fotos ich zu sehen sei, denn ich habe schon vor geraumer Zeit aufgehört, stehenzubleiben, wenn ich Touristen sehe, die sich gegenseitig ablichten, wenn die Linie zwischen Linse und porträtierter Person meinen Weg kreuzt. Doch gäbe es einen Anlass für mich, wirklich sofort stehenzubleiben, um das Gelingen eines Fotos nicht zu gefährden: Nämlich dann, wenn ein Tourist ein eben defäkierendes Fiakerpferd ablichten möchte. Dafür hätte ich Verständnis, ehrlich. Ich halte dieses Motiv eben für in hohem Ausmaß geeignet, als repräsentative Erinnerung an Wien herzuhalten, zumal das Foto in einer Stadt geschossen werden würde, deren innerster Bezirk ständig erfüllt ist vom Geruch der Hinterlassenschaften dieser Pferde.

Ich überquerte die Ringstraße und bog daraufhin links ab, um den Touristen beim Denkmal für die Kaiserin zu entgehen, also wanderte ich der Fassade des Kunsthistorischen Museums entlang.
Eine Rabenkrähe flog etwa fünf Meter vor mir über den Weg. Ich schaute dem Vogel nach, denn ich bin sehr interessiert an der Ornithologie, und stellte fest, dass er keinen Stoß mehr besaß. Der Terminus Stoß bezeichnet im Übrigen das, was gerne als der Schwanz eines Vogels bezeichnet wird. Die Krähe musste ihres Stoßes schon vor einiger Zeit verlustig gegangen sein, denn ihr Flugverhalten war als völlig normal zu bezeichnen.
Ich fragte mich, wie es wohl dazu gekommen sein könnte, dass die Krähe ihren Stoß verloren hatte, doch gelangte ich zu keiner befriedigenden Antwort. Ich wanderte weiter auf meinen angestammten Wegen der Inspiration, also durch den siebenten Bezirk, der mein Lieblingsbezirk in Wien ist, obgleich ich niemanden persönlich kenne, der in diesem Bezirk wohnt, der charakterlich oder intellektuell einigermaßen interessant für mich wäre.

Ich ging also mit zügigen Schritten durch diesen Bezirk und beobachtete aufmerksam die Menschen und Gebäude, denn durch dieses Dinge-auf-mich-einwirken-Lassen habe ich bereits viele Themen erkannt, über die es zu schreiben lohnt und über die ich dann geschrieben habe. Heute jedoch gelang mir das nicht. Ich betrachtete viele Menschen, alleine oder zu mehreren sitzend, gehend oder laufend, und Bauwerke, las im Vorbeigehen Plakate und sonstige Schriften auf ihren Fassaden, doch sah ich nichts und niemanden, der oder das eine Story wert gewesen wäre.
Kurze Zeit nachdem ich den Scheitelpunkt meiner üblichen Runde hinter mich gebracht hatte, erkannte ich, dass ich bereits etwas gesehen hatte, was es wert war, darüber zu schreiben, und zwar nicht auf meiner eigentlichen Runde durch Neubau, sondern beim Kunsthistorischen Museum, nämlich die Rabenkrähe, der der Stoß fehlte. Obgleich ich keine Erklärung für dessen Fehlen hatte finden können, ließ mich der Gedanke an diesen Vogel nicht los. Ich dachte ständig an dieses Bild, das immer noch vor meinem geistigen Auge stand, während ich alles beäugte, was mich umgab.
Es war das Fehlen eines für das Flugverhalten eines Vogels essenziellen Teils, das jedoch ohne Folgen geblieben war.
„Wie kann es sein”, fragte ich mich, „dass ein Wesen seinem Tagesablauf ohne erkennbare Einschränkungen folgen kann, obwohl diesem Wesen eine so wichtige körperliche Voraussetzung dafür abhandengekommen ist? Wie kann man sich so verhalten, obwohl einem, wenigstens in gewisser Weise, der Boden unter den Füßen weggezogen wurde?”

Ich selbst war lange Zeit nicht in der Lage, einem auch nur einigermaßen geregelten Leben nachzugehen. Mein Tagesablauf war sehr wohl geregelt. Aufstehen, Texte in den Computer hämmern, zu Mittag essen, danach weiterhämmern oder fernsehen, schließlich ein Spaziergang und am Ende stand das Schreiben im Salzamt. An vielen Tagen zumindest. An den anderen unterließ ich das Schreiben und trank grässlich viel. Das unkontrollierte Saufen und Nichtschreiben hatte den, durchaus angenehmen, Nebeneffekt, dass ich am Tag darauf keine Texte abzutippen hatte. Mir war der Boden unter den Füßen weggezogen worden, und ich konnte keine Möglichkeit erkennen, somit auch nicht nützen, sie wieder auf diesen zu stellen.
Und doch habe ich den Boden wieder berührt. Es ist nicht so, dass ich mein gesamtes Körpergewicht auf diesen hätte wirken lassen können, um dadurch auf einem sicheren Fundament zu stehen zu kommen, aber Berührungen, wenn auch sanfte, waren immerhin ein Anfang.

Ich erkannte eine gewisse Ähnlichkeit zwischen der Rabenkrähe und mir.
Ich weiß natürlich nicht, kann es gar nicht wissen, was der Vogel gefühlt hat, als ihm sein Stoß abhandenkam. Hat er, in einer Art Schockstarre, alles fallenlassen, alles fahrenlassen? Hat er sich zurückgezogen, in die innere Klause, einem Eremiten gleich?
Ich habe so gehandelt.
Nein, das hat die Krähe natürlich nicht gemacht. Ansonsten hätte ich sie heute nicht sehen können. Denn dann wäre sie gestorben, was heißt verendet. Sie wäre schwach geworden, körperlich schwach, und einem Fuchs, Marder oder gefiederten Beutegreifer zum Opfer gefallen. Sie ist ihrem Instinkt gefolgt, der ihr sagte, dass sie weiterkämpfen muss. „Du, Rabenkrähe”, so lauteten anzunehmenderweise seine unhörbaren Worte, „musst trotz deiner nunmehrigen Beeinträchtigung weiterkämpfen und das Fliegen wenigstens so gut wiedererlernen, dass du dir Nahrung suchen kannst, denn sonst stirbst du!”
Die Krähe war, zwar von ihrem Instinkt gesteuert, aber dennoch, vernünftiger als ich, denn ich habe mich in gewissen Phasen zu gewissen Zeiten mit der zeitnahen Endlichkeit meines Lebens abgefunden.

Dass es letzten Endes doch nicht so weit kam, habe ich wohl meinem eigenen Überlebensinstinkt zu verdanken, der erwiesenermaßen bei Weitem schwächer ausgeprägt ist als der von Tieren, ansonsten hätte ich weit weniger Zeit benötigt, um zu erkennen, dass das Leben einfach weitergehen muss.
Denn dessen Ende ist ohnehin unausweichlich. Warum also sollte ein Mensch wie ich, der eine stark ausgeprägte Inklination hat, gegen Handlungen, Ansichten und Verhaltensweisen zu rebellieren, ausgerechnet gegen die Unausweichlichkeit des eigenen Todes und die Unklarheit, wann dieser eintreten wird, ankämpfen, indem ich diesen selbst herbeiführe? Das wäre erstens ein zu großes Risiko, denn vielleicht kommt doch noch was, und zweitens wäre es höchst inkohärent in Hinblick auf mein bisheriges stetes rebellisches Verhalten, was zum Beispiel Arbeit anlangt. Denn so grässlich der schwarze Wolf der Depressionen und die Oberflächlichkeit mancher Leute auch waren und sein mögen, an ihnen zugrunde zu gehen, das steht nicht dafür.

Michael Timoschek

www.verdichtet.at | Kategorie: spazierensehen | Inventarnummer: 16107