Schlagwort-Archiv: think it over

Laufen

Sie laufen alle,
überall Stockwerke,
Treppen, die ich nicht gehen kann,
zu langsam,

Das Hochhaus fabriziert,
dunkle Wolken,
Menschen laufen hinein,
Ein brennendes Haus,
Am Dach jubeln sie im Anzug,
Pupillen, die zu Seifenblasen heranwachsen,

Ein großes Gefängnis wurde gebaut,
Alter Glaube,

Freiheit ist die einzige Währung,
Die Wert hat

Florian Pfeffer

www.verdichtet.at | Kategorie: think it over | Inventarnummer: 18044

Finden

In einen Garten hat er dich gesetzt
dein Herr
voll Grün und Farben
Sonnenstrahlen wärmen deine Glieder
und räkeln kannst du dich
im wohlig warmen Licht

Warum nur spürst du’s nicht

Kummer hat ein Nest in deinem Herzen sich gebaut
lähmt dir die Glieder und die Sinne
Wie soll das Raunen an dein Ohr gelangen
und die Stimme, die dich trägt, die Hand dir reichen
sanft flüstert sie
Ich halte dich
Ich liebe dich
Ich bleib bei dir
Hier bin ich
Schau, so schau doch, schau

Warum nur hörst du’s nicht

Es gibt das Glück, das ich dir zugedacht
so nimm es doch mit beiden Händen
oh weh, es rinnt dir durch die Finger
und nur ein Schimmer bleibt
der dich erinnert und auch quält

Du bist doch hier
zu kosten aus dem Garten
Du bist mein Kind
das ich so gerne herze
und dem ich meine Liebe schenke
die vom Verschenken lebt

Du siehst sie nicht und fühlst sie nicht
und das ist all dein Leid
Wie kann es sein
dass so viel Wohlergeh’n vergeht
entschwindet
Es ist doch da und doch ist’s nicht
zu greifen
zu spüren nicht
und auch nicht anzuschau’n

wie schmerzt es
deine inn’re Einsamkeit zu spüren
wo sind die Wölfe,
die sich darauf versteh’n
sie zu verjagen

Claudia Kellnhofer

www.verdichtet.at | Kategorie: think it over | Inventarnummer: 18034

Anders

Eigentlich bin ich gar nicht anders. Ich spreche die gleiche Sprache, ich schreibe dasselbe Idiom. (Ein deutscher Lektor etwa wollte mir Stiege in „Treppe“, Matura in „Abitur“, und „Da schau her“ in „Sieh einer an“ verbessern.) Ich esse sogar leidenschaftlich gern die drei landesspezifischen Knödelsorten. Ich blinzele nicht einmal oder ziehe eine Augenbraue hoch, wenn es als Beilage Sauerkraut gibt. (Schließlich gehört dieses, sogar in der Namensgebung, zum Elsässer Nationalgericht, wobei choucroute für Hiesige womöglich feinschmeckerischer tönt.) Selbst als durchaus gerne Weintrinker schmeckt mir der Most ausgezeichnet. Es ist allerdings nicht ganz einfach, eine dem Wein äquivalente Qualität aufzutreiben. Vor allem, wenn man kein Auto hat.

Aha, da ist es jetzt womöglich: Ich bin mangels eigenem Wagen anders. Ich wohne fünfzehn Kilometer vor der Stadt und bin allein auf den öffentlichen Verkehr angewiesen. Werkstags in Schulzeiten mag, dank leicht erhöhter Fahrplanfrequenzen, eine solche Reduktion der Mobilität akzeptabel sein. Lange Wartepausen infolge fataler Anschlusszeiten lassen sich immerhin am Bahnhof mit einem Buch aus der Tasche überbrücken. Die Teilnahme an abendlicher Bildung gleich welcher Art entwickelte sich indessen unweigerlich zu einer Vielstunden-Expedition. Ich nehme also nirgends teil, ob an Aufführung in Oper respektive Theater oder an Seminar mit Wissensangebot oder Lesung mit Diskussionsrunde. Ich lerne niemanden in der Szene kennen, und mich kennt man auch nicht, sehe ich von meiner freilich klugen Frau und ein paar Freunden ab. Dadurch bin ich wohl unbeachtet, aber kaum absonderlich, oder? Ich könnte ein Taxi nehmen, das leider käme zu teuer. Ob ich mit einem beschränkten Portemonnaie-Inhalt anders bin als viele andere, wage ich zu bezweifeln.

Somit behaupte ich, ich bin keine Anomalie. Ich sehe ganz gewöhnlich aus, selbst für mein Alter, falle also nicht auf. Vielleicht merkt jemand auf, wenn ich spreche. Da meint der (!) eine oder andere, mich als Piefke beschimpfen zu müssen. Nun, erstens weiß er wohl nicht, woher der Ausdruck kommt (ich bin kein Militärmusiker), und zweitens stimmt diese Bezeichnung noch nicht einmal für meine Person. Es gibt in Europa ja weitere, andere Regionen, in denen man so etwas wie „Deutsch“ spricht. Und eben daher … Nun ja, ein paar romanische Elemente schwingen aufgrund meiner Herkunft in meinen Sätzen häufiger mit. Ein sprachliches Phänomen. Es trifft aber (seit dem berühmten renversement des alliances von Maria Theresia und Graf Kaunitz) nicht zuletzt für den Osten des Lands mit einigen Wendungen wie dem Trottoir oder dem Plafond ebenfalls zu. Sie, diese fremdsprachlichen Einsprengsel, sind folglich kaum anormal, sondern allenfalls ein wenig befremdend.
Item, als Fremden kann man mich wirklich nicht bezeichnen, höchstens als den Benutzer der dementsprechend benannten Zimmer in den Ferienorten.

Ansonsten habe ich immerhin eine nur mir eigene Biografie. Einerseits hat diese Biografie jede, jeder und ist demzufolge (und gottlob) keine quantité négligeable, ist jedoch damit noch lange nicht anders. Sie oder Er kann inklusive der oder, soll umgekehrt argumentiert werden, ungeachtet der Biografie als ein Mensch wie alle anderen bezeichnet werden. Zudem bin ich für die Ärzte keineswegs ein spezieller Fall, für den Psychologen oder Soziologen höchstens unverwechselbar, indem ich spezifische Eigenarten besitze. Was hingegen keineswegs von vornherein gleichbedeutend ist mit einzigartig. Somit darf ich behaupten, ich sei (indirekte Rede oder Konjunktiv?) eine Individualität, indessen bin ich damit allenfalls graduell anders als andere. Obwohl „man“ Kleider von der Stange trägt, obwohl „man“ die Musikwahl keineswegs als ausgefallen empfindet (von Bach bis Keith Jarrett), obwohl „man“ im Internet zugänglich ist, obwohl „man“ das Auto von Typ und Farbe modisch wählte. Doch halt, das Auto fehlt bei mir ja jetzt.

Zugegeben, es gibt in dem Mehrfamilienhaus, in dem ich wohne, keinen Lift, ich muss also zu Fuß in die dritte Etage. Dieses Hinaufsteigen empfinden zahlreiche Zeitgenossen, wie ich immer wieder von Neuem vernehme, nicht als normal. Gleichwohl weisen, sogar die hiesigen, Architekten darauf hin, Treppensteigen ist gesund für vieles, geradezu allzu vieles. Bin ich demnach, weil ich trotz meines fortgeschrittenen Alters einigermaßen gesund bin, bereits anders? Das mag insofern gelten, weil ich kein modisches Anti-Aging betreibe, sondern schlicht das bin, was ich vermag.

Meine Geltung im sozialen Raum beruht für manchen bedauerlicherweise auf meinem Namen, der nicht germanisch ist. Durch ihn bin ich, gerade in Österreich, jedoch nicht effektiv anders als eine Vielzahl der Landeskinder. Wer weiß: Vielleicht färbt der Name doch irgendwie ab? Weil er nicht farbig klingt, passt er unter Umständen in ein Schwarz-Weiß-Schema. Aber wenn ich mit jemandem rede, müsste doch eigentlich nicht unbedingt der Name am Beginn stehen. Ja das Sprechen …

Womit ich mit einem Déja-vu wieder beim Anfang meiner Überlegungen bin …

Martin Stankowski
www.stankowski.info

www.verdichtet.at | Kategorie: think it over | Inventarnummer: 17159

 

Fremde

Tausend Probleme,
sind keine,
wie du,
Wenn ich dich zerlege,
Fremde mit blondem Haar,
sonst sind sie immer schwarz,
Nur der Vollmond leuchtet,
hämisch wie es in diesem Buch steht,
Im Netz finde ich keine Antwort,
Auf Straßen,
ist es verschwommen,
Autofokus hängt

Florian Pfeffer

www.verdichtet.at | Kategorie: think it over | Inventarnummer: 17191

Theorien

Als Albert Einstein vor über hundert Jahren seine spezielle und die allgemeine Relativitätstheorie begründet hatte, blieb alles, wie es war, denn diese beiden Theorien zeichneten das Bild der Wirklichkeit.

Anfang der 1979er Jahre entwickelte man die Stringtheorie, in der man annahm, dass das Universum nicht aus Teilchen, sondern aus Strings besteht. Die Strings sind Fäden ohne Ausdehnung, sie sind also eindimensional. Indem man die Stringtheorie aufstellte, wurde sie wirklich – in einer bemerkenswerten Weise: Alle Begebnisse ereignen sich auf einer Ebene. Was wir dreidimensional sehen, ist nicht ein tatsächlicher Körper, sondern nur dessen Hologramm. Sozusagen leben wir auf Fotografien. Ist das nicht außerordentlich verstörend?

Eine andere Theorie ist die des Multiversums. Ereignet sich etwas, wie das stets passiert, entsteht für jede Möglichkeit ein eigenes Universum, was eine gewaltige Anzahl an unterschiedlichen Universen ausmacht, die stets in exponentieller Geschwindigkeit wächst. Das Tröstende ist, dass es immer einen optimalen Ausgang einer Sache gibt, in dem sich irgendein Ich meiner selbst befindet. Dies ist jetzt Realität geworden.

Die Dunkle Energie, die existieren muss, damit die Theorien Sinn ergeben, und die für ein expandierendes Universum sorgt,  soll um null Komma 120 Nullen kleiner sein als errechnet. Würde man davon vier Nullen wegnehmen, was somit geschehen ist, ist die Expansionsgeschwindigkeit des Universums so hoch, dass sich keine Materie, wie wir sie kennen, gebildet hat. Die Dunkle Energie ist dann ja aber auch zehn hoch vier, 10 000 Mal, größer.

Johannes Tosin

www.verdichtet.at | Kategorie: think it over | Inventarnummer: 17122

Gesellschaften, die öffentlich zwischen Mauern sitzen

In der Ecke sitzen Analysten,
daneben sitzt das Recht,
und Ordnung gesellt sich gerne dazu

Dahinter hört man schamanische Trommeln,
Dieser Tisch besetzt mit unscheinbaren Egos,
lautes Gerede über den Nachbarn,
der jetzt sein Portmonnaie füllt

Durch die Tür kommen Frischlinge,
sie müssen noch in Formen gegossen werden,
Rebellisch

Ein Gangster betritt stolz den Boden,
stolze Scharen bilden sich um ihn,
Verneigung und Respekt

Hier werden Speisen ausgegeben

Die Schneider reden in Fremdsprachen,
ihre weiße Tarnung passt sich der Wand an,
Chamäleons, die keiner versteht

Florian Pfeffer

www.verdichtet.at | Kategorie: think it over | Inventarnummer: 17102

Ruhe

Leere Augen,
Bruchstücke im Kopf
schwimmen zwischen Realität und Erinnerung
alter Körper,
wenig Bewegungen und ein Stammeln,
der Kopf ein zusammengewürfeltes Labyrinth.

In der Ordnung nehme ich Abschied von dir,
Das Herz war immer warm,
deine Hände blau und fast kalt,
meine Erinnerungen wohlig und warm,
Hoffnung, dass dich kein Schmerz trifft,
bin mir sicher,
du siehst das Licht,
schneller als der Merkur
Schöne Erinnerungen bleiben bei mir,
war gerne in deiner Nähe
Du kannst den Schmerz loslassen,
Frieden in der Lichtung,
wo die Sonne scheint

(Ruhe in Frieden I.P.)

Florian Pfeffer

www.verdichtet.at | Kategorie: think it over | Inventarnummer: 17076

Zwei Trug- und Wutgedichte

armdrücken
das gefühl drückt mich nieder,
ich drück zurück,
immer und immer wieder.
armdrücken auf zeit,
bis einer von uns auf der strecke bleibt.

– – –

bruchstücke
das ging zu weit,
zu tief,
zu bruch.
was such ich eigentlich noch hier,
bis auf antworten auf die ewigkeit? …

Anna Maltschnig

www.verdichtet.at | Kategorie: think it over | Inventarnummer: 17052